Innere Freiheit ohne Abhängigkeit von Konsum

Persönliche Sicherheit erwächst nicht aus Reichtum an Dingen, sondern durch innere Freiheit. Es ist also an der Zeit, nicht nur unser Konsumverhalten zu überdenken, sondern generell unser Verhältnis zu Dingen.

Vor einigen Jahren trat die britische Modedesignerin Vivienne Westwood plötzlich mit großen Buttons mit dem Kürzel „AR“ auf. Dies sollte „Active Resistance to Propaganda“ bedeuten. Es war ihr Aufruf zu Konsumverzicht. Dafür wurde sie ausgelacht. Denn die Anstecker waren selbst eine Ware und wurden schnell zum modischen Accessoire.

Selbst Konsumkritik wird Ware.

In Wirklichkeit hatte sie natürlich Recht. Es geht nicht mehr nur darum, mal kurz auf Konsum zu verzichten. Sondern man muss sich aktiv gegen die massive, allgegenwärtige Propaganda zu stemmen. Diese sagt uns: „Kauf weiter, mehr, mehr davon, etwas Neues, etwas Größeres …“ Interessant ist, wie Westwood sich das vorstellt. Sie empfiehlt nämlich keine laute Gegenpropaganda, sondern sie schickt ihre Studenten ins Museum. Dort sollen sie in aller Ruhe ein Bild aussuchen und beobachten.

Warum also nicht von der Punk-Diva lernen? Der aktive Widerstand, die Resistenz gegen besonders gegenüber der Konsumkultur besteht in einer inneren Unabhängigkeit. In einer stillen Autonomie im Denken und im Fühlen. Das Problem ist hier nicht nur, dass der Konsumismus eine ökologische Katastrophe nach der anderen produziert. Er sorgt auch für Entfremdung, Unselbstständigkeit, Verpflichtungen und ungewollte Bindungen, die wir uns mit Besitz einhandeln.

Konsumismus: bis ins Unendliche gesteigerte Konsumverhalten.

Die allermeisten Dinge, die mit denen wir uns umgeben, korrumpieren uns. Dinge sind nicht passiv. Denn sie machen, dass wir etwas machen. Sie fordern uns auf, uns zu ihnen zu verhalten. Und wir antworten den Dingen. Ein Smartphone dient nicht in erster Linie zum Telefonieren. Es beschäftigt uns, lenkt von wirklicher Kommunikation ab und macht abhängig vom ständigen Umgang mit ihm. Im Grunde macht es stumm.

Wir verbinden uns mit den Dingen. Und wir räumen ihnen Macht über uns ein. Diese Macht besteht darin, dass wir Zeit und Energie aufwenden, sie zu unterhalten. Dass wir wünschen, bestimmte Dinge zu besitzen. Oder fürchten, sie zu verlieren. Und bevor wir sie kaufen können, müssen wir oft viel Zeit in die Arbeit investieren, um das nötige Geld zu verdienen. All bringt uns alles andere als innere Freiheit.

Aus heutiger Sicht unvorstellbar ist die Erzählung T. K. V. Desikachars über seinen Vater Krishnamacharya. Dieser hatte in den 1930er-Jahren am indischen Hof in Mysore als Yogalehrer gearbeitet. „Einmal wollte ihm der Maharadscha ein Stück Land schenken. Doch mein Vater wies es zurück. Auch ein prächtiges Pferd traf eines Tages als Geschenk ein. Und wurde zurückgeschickt. Bei einer anderen Gelegenheit überreichte die Königin meinem Vater ein paar herrliche Juwelen. Er gab sie zurück. Er akzeptierte nur Geschenke in Form von Früchten, Gemüse und Blumen. Alle Dinge von größerem Wert hätten Abhängigkeit bedeutet. Er wollte keinen Verlust seiner Autonomie.“

Krishnamacharya wäre nicht nur vom Maharadscha abhängig geworden? So hätte er die Juwelen eventuell bewachen. Er hätte Angst vor Diebstahl haben müssen und vielleicht den Neid der Nachbarn geweckt. Zudem hätte das Pferd versorgt und geritten werden müssen. All das hätte ihn seiner Unabhängigkeit beraubt und von seinem Yogaweg abgelenkt.

Abhängigkeit von Dingen

Der englische Ethnologe Daniel Miller beleuchtet einen weiteren Aspekt. In fünfzehn Kurzporträts beschreibt er die Bewohner einer Londoner Straße, als ob er auf eine fremde Kultur blicken würde. Schnell wird deutlich, dass Dinge zu wichtigen persönlichen Bezugspunkten werden können. Sie trösten über Verluste hinweg, über innere Leere, Langeweile, Überdruss und Stress und Depression. Innere Freiheit ist dabei das Gegenteil.

Einen Ausweg aus der Misere hat Uruguays bewundernswerter Präsident José „Pepe“ Mujica für sich gefunden. Denn er betrachtet Smartphones als Elektromüll, fährt einen VW Käfer, spendet einen Großteil seines Gehalts. Zudem verbringt er sehr viel Zeit mit Büchern, Hühnern und einem dreibeinigen Hund auf einer kleinen Farm, die er seit 30 Jahren bewohnt (SZ, 25.3.14). Er gilt als der bescheidenste Staatschef der Welt. Sein Motto lautet: „Deshalb lebe so, wie du denkst. Sonst wirst du irgendwann so denken, wie du lebst.“


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

Titelbild via unsplash.com // Robson Hatsukami Morgan.

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