Yoga und Partnerschaft

Ist es wirklich egal, wen man heiratet, solange man sich selbst liebt? Die richtigen Ratgeber können einen zur falschen Zeit ganz schön unter Druck setzten. Yoga kann den Stress sogar noch erhöhen. Aber es kann auch unser Verständnis für uns selbst und andere beflügeln.

Ist er/sie noch der/die Richtige?
Wie viele Menschen in ihrem Bekanntenkreis haben begonnen an ihrem Partner Fehler zu finden, nachdem sie angefangen haben, Yoga zu üben? Wie viele haben sich schließlich getrennt, oder überlegen gerade, das zu tun? Ist Yoga ein Beziehungskiller? Gehen Yoga und Partnerschaft überhaupt zusammen? Theoretisch müsste das Leben zu zweit leichter sein, wenn wenigstens einer entspannt ist. Manchmal scheinen Beziehungen aber schwieriger zu werden, wenn man mit Yoga beginnt.

Ein geflügeltes Credo in der spirituellen Szene lautet: Wenn man sich selbst liebt, ist es egal, mit wem man zusammen ist. Das hört sich erst mal gut an. Manchmal beginnt man aber dann, sich selbst unter Druck zu setzen. Man versucht um jeden Preis alles anzunehmen, was man beim anderen als störend empfindet. „Er/sie ist ja nur ein Spiegel von mir selbst“, sagt man sich dann. Das ist auch eine schöne und noble Idee. Leider versagt diese Theorie im Alltag oft. Denn anstatt uns wirklich mit den in uns aufsteigenden Gefühlen auseinanderzusetzen, begnügen wir uns mit der geistigen Haltung, alles wäre gut wie es ist. Insgeheim fangen wir aber trotzdem an, ein heimliches Konto zu führen. Darin zählen wir auf, was wir beim anderen alles heldenhaft „akzeptieren“. Und irgendwann – wenn die emotionalen Abbuchungen zu groß geworden sind – kündigen wir fristlos, um endlich den wirklichen „Seelenpartner“ zu finden. Oder wir ziehen uns ganz aus dem Beziehungs-Business zurück.

Zurück in die Hölle?
Den traditionellen Schriften nach sieht es sowieso gar nicht gut aus. Die Hatha Yoga Pradipika warnt bereits im ersten Kapitel vor den sechs Ursachen, die die guten Wirkungen des Yoga zerstören. Und sie ist da sehr allgemein: „Gesellschaft von Leuten“ ist eine davon. Der Raum in dem der Yogi übt soll „an einem einsamen Platz sein“. Die Bhagavad Gita sagt zunächst auch nichts anderes:

„Der Yogi soll beständig sich mühen in der Einsamkeit – allein, bezähmend Sinn und Selbst…“ (Bhagavad Gita, 6.10)

Yoga ist also etwas, das man allein erfährt. Warum wird dieser Artikel dann überhaupt gelesen? Wer sehnt sich – trotz Yoga und Mantra-Singen – nach einem Partner? Reichen die Erfahrungen auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen doch nicht aus?

Auf der Suche nach der ewigen Party
Warum hat uns Yoga angezogen? Die Idee dahinter ist nicht gerade klein: die Verbindung vom individuellen mit dem kosmischen Selbst. Klar, dass das gerade in unserer Überflussgesellschaft des 21. Jahrhundert interessanter ist denn je. Yoga ist heute für viele das, was Rock’n’Roll in den fünfziger Jahren war: ein großes Versprechen von Freiheit. Und das Gefühl der sechziger Jahre wird gleich mit eingepackt, die Idee der ozeanischen Verschmelzung mit allem: „We are one!“ Denn Yoga betont ja auch die Einheit allen Seins. Hier fängt aber das Missverständnis an, das für viele Beziehungen zur Falle wird. Denn Unabhängigkeit und Verschmelzung gehen nicht gut miteinander.

Verbindung statt Fusion
Es lohnt sich also genau hinzuschauen, und bei der Silbe „yug“ – Verbindung – zu bleiben, die das Wort Yoga ausmacht. Genauso wie große Hoffnungen auf „Erleuchtung“ – die uns irgendwann in der Zukunft erlösen soll – uns unter Stress setzen und vom gegenwärtigen Moment wegleiten, sind übermäßige Erwartungen an den Partner das Ende jeder hoffnungsvollen Blüte. Es ist aber durchaus möglich, allein zu sein UND zusammen. Dann, wenn wir uns weder für andere aufgeben, noch vor ihnen davonlaufen, weil sie unsere Praxis oder unser yogisches Leben gefährden (das wir sowieso nur alleine gestalten können). Das ist dann wirkliche, erwachsene Verbindung.

Empfindsam oder empfindlich?
Wer seine Achtsamkeit schult, wird feinfühliger für seine Bedürfnisse. Patanjali erklärt sehr genau, wie man mit der Lenkung seiner Energien und Sinne die Wahrheit über seine Natur erfährt. Manchmal übertreibt man aber auch mit der Praxis der Hellfühligkeit. Je nach Meditationstechnik stärkt man eher das Luft- oder Erdelement. Im ersteren Fall ist die Chance auf außersinnliche Erfahrungen groß. Leider steigt damit auch die Wahrscheinlichkeit, empfindlicher für Störungen zu werden, und Handlungen oder Bemerkungen der Umwelt als Angriff zu sehen. Auch die ständige meditative Nabelschau mit Fragen wie: „Tut mir das noch gut, mit ihm/ihr zusammen zu sein?“ oder „Ist er/sie mein Seelenpartner?“ ist langfristig der Tod einer lebendigen Beziehung. Es hilft also, eine „Gebrauchsanleitung“ für die Sinne zu haben, wenn man im Gefühlssturm steht.

Den Energiezentren zuhören
Das System der Chakren, der Energiezentren im physischen und feinstofflichen Körper, ist ganz praktisch im Alltag der Liebe spürbar. Wenn man Yoga als Entwicklungsweg sieht, dann tut man gut daran, sich nicht gleich auf die Spitze der Pyramide zu stürzen, sondern zunächst gut für sich selbst zu sorgen. Auf welchem Fundament ruhen wir? Darauf bauen schließlich auch unsere Beziehungen auf. Versuchen Sie, bereits beim Lesen die angesprochenen Bereiche ihres Körpers mit der Achtsamkeit zu berühren.

Sicherheit
Muladhara Chakra – das Wurzel-Zentrum
(unteres Ende der Wirbelsäule, Steißbein)

Ein stabiles Wurzelchakra zu haben bedeutet, sich gut um seine Erdung zu kümmern. Wie viel Zeit nehmen wir uns, unseren Körper zu pflegen und zu nähren? Wenn es in unseren Beziehungen chaotisch ist, lohnt es sich zu schauen, wie wir mit uns selbst umgehen. Kümmern wir uns um regelmäßige Mahlzeiten und einen gesunden Schlaf? Unser Umgang mit unserem eigenen Körper ist Spiegel und Grundlage für alle weiteren Begegnungen mit unserer Umwelt.

Gefühle
Swadhisthana Chakra – das Sakral-Zentrum
(Schambein, Kreuzbein)

Von hier aus begeben wir uns in das Spiel und in den Fluss des Lebens. Mit dem Moment fließen zu können wie das Wasser, ist eine Fähigkeit, die wir lernen können. Dies kann jedoch erst beginnen, wenn wir eine stabile Basis haben. Wenn wir uns sicher und geborgen fühlen, haben wir auch die Möglichkeit, unsere Gefühle wahrzunehmen und anderen zu zeigen. Das manifestiert sich in spielerischer Lebensfreude – und kulminiert in gutem Sex. Ein gesunder Beckenraum ist Ausdruck eines genährten Sakral-Chakras.

Selbstwert
Manipura Chakra – das Nabel-Zentrum
(Bauch, Lendenwirbelsäule)

Vom Bauch aus können wir unsere Energie strahlen lassen, wie eine Sonne. Nachdem wir unseren Anteil an der Schöpfung berührt und angenommen haben, lernen wir mit der Konzentration auf unseren Bauch, uns selbst zu schätzen. Wir präsentieren uns und sind in der Lage, zu führen und zu transformieren, mit der Elementarenergie des Feuers. Ein gesunder Selbstwert erlaubt uns auch, gesunde Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren.

Liebe
Anahata Chakra – das Herz-Zentrum
(Herz, Brustwirbelsäule)

Die Kraft unseres Atems sitzt in der Brust. Sie wird gestärkt durch einen gesunden Selbstwert aus dem Bauch. Erst dann sind wir in der Lage, bedingungslos zu lieben, ohne bedürftig zu sein. In emotional schwierigen Momenten hilft uns das Element der Luft, wenn wir tief ein- und ausatmen. Das aktiviert unseren Herzraum. Unsere bereits in den Yoga-Sutras beschriebene Liebesfähigkeit hilft uns dann, Situationen so anzunehmen, wie sie gerade sind. Wichtig ist, dass wir es uns nicht nur vorstellen, sondern wirklich in der Brust fühlen.

Kommunikation
Vishuddha Chakra – das Kehl-Zentrum
(Kehle, Halswirbelsäule)

Das Element des Raumes trägt den Klang, mit dem wir mit unserem Partner in Kontakt sind. Wenn wir die Fähigkeit zur Hingabe erlernt haben, sind wir in der Lage, respektvoll und wertschätzend zu kommunizieren. Auf diese Weise laden wir auch unser Gegenüber ein, sich selbst als gesund und ganz wahrzunehmen. Indem wir darauf verzichten anzuklagen und stattdessen unseren Partnern zeigen, dass wir sie für voll nehmen, vergrößern wir auch den Raum, in dem spirituelle Entwicklung möglich wird.

Intuition
Ajna Chakra – das Stirn-Zentrum
(Stirn, Hinterkopf)

Das Ajna Chakra steht für die reine Wahrnehmung, frei von Einfärbung durch vergangene Eindrücke. Wenn unser Verstand klar ist, kann sich unser intuitives Wissen frei entfalten. Konzentrieren wir uns auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, dann stehen wir in Kontakt zu unseren inneren Welten. Das hilft auch unserem Umgang mit dem Partner oder der Partnerin. Wir halten keine alten Geschichten fest, sondern werden visionär – auch was unsere Beziehung und ihre Möglichkeiten angeht.

Spiritualität
Sahasrara Chakra – Das Kronen-Zentrum
(Scheitel, Schädeldecke)

Über dem Scheitel sitzt unsere Verbindung zum Zustand der Einheit. Wenn wir hier ankommen, haben die Ratgeber recht: Es ist egal, wer mit uns auf dem Weg ist. Aber es gibt keine Erleuchtung ohne Herz. Und kein Herz ohne Wurzeln. Es gibt möglicherweise keine Abkürzung zu Gott, als den Weg über das Mensch-Sein und das Miteinander. Wie soll man Gott erkennen, wenn man ihn nicht im Partner oder der Partnerin sehen kann?

Das Patentrezept für gute Beziehungen
Im besten Fall sorgt man also zunächst tatsächlich gut für seine eigenen Wurzeln. Dann ist Raum, Gefühle wahrzunehmen und auszuleben, sich in der Welt zu zeigen und durchzusetzen. Wenn man präsent geworden ist, kann man Liebe schenken anstatt sie zu fordern, und durch die eigene liebevolle Kommunikation auch andere Menschen bereichern. Wenn wir uns auf diese Weise um die Außenwelt gekümmert haben, wird schließlich der Weg nach innen offen.

Meditation in Kurzform
Gibt es zur Zeit Auseinandersetzungen in der Partnerschaft? Wenn wir uns angegriffen oder unsicher fühlen, atmen wir erst bewusst zum unteren Ende der Wirbelsäule. Das bringt erst einmal Stabilität. Überwältigende Gefühle werden durch Atmung in den Beckenraum harmonisiert. Möchten wir uns selbst behaupten, konzentrieren wir uns auf den Bauch. Dann erst wird der Weg zum Herz frei. Wenn wir hier präsent sind, gibt es auch eine neue Qualität in der Kommunikation – und wir verstehen, was unser Partner uns auf seine eigene, vielleicht „poetische“ Weise sagen wollte. Der Physiker Werner Heisenberg sagte dazu einmal sehr schön: „Verstehen bedeutet, sich daran zu gewöhnen.“

Üben mit dem Atem
Das Ganze kann in einem Atemzug geschehen. Die sieben Chakras sitzen entlang unserer Wirbelsäule; dem Steißbein, dem Kreuzbein, der Lendenwirbelsäule, der Brustwirbelsäule, der Halswirbelsäule, dem Hinterkopf und der Schädeldecke. Schon während sie diese Worte lesen, hat sie das Wahrnehmen der einzelnen Körperteile auf eine kurze Reise vom unteren Ende der Wirbelsäule zum Scheitel geführt. Dasselbe funktioniert auch auf der Vorderseite des Körpers. Vom Scheitel zur Stirn, zum Hals, zum Herzen, zum Bauch, zu den Geschlechtsorganen und wieder zum unteren Ende der Wirbelsäule. Kombinieren Sie das Wandern der Konzentration auf die Chakras mit dem Atem – und sie spüren ohne jede esoterische Grundausbildung oder übersinnliche Fähigkeiten, wie sie sich selber stabiler und liebevoller fühlen können.

Sitzen Sie stabil und bequem. Atmen Sie tief durch den Beckenboden ein, atmen Sie durch das Herz aus. Indem Sie durch den Beckenboden einatmen, aktivieren Sie das untere Ende ihrer Wirbelsäule und vergrößern automatisch ein inneres Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit für den Moment des Atmens. Der Atem wandert entlang Ihres Sakralzentrums nach oben, ihre Gefühle berührend und positive Emotionen nährend. Aufsteigend zum Solarplexus berühren und stärken Sie mit dem Atem ihren Selbstwert. Mit der Ausatmung durch das Herz stärken Sie Ihre Bewusstheit für Ihre eigene Kraft, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind.

Gemeinsam auf dem Weg
In Momenten, in denen wir alleine sind, lernen wir mit Yoga unseren Körper und unsere Gefühle kennen. Dann haben wir eine gute Landkarte für den Beziehungsdschungel. Denn: Dass unser Partner uns glücklich macht, können wir vergessen. Wir selbst können das aber immer wieder tun, und brauchen dazu tatsächlich nicht viel mehr als unseren Atem. Danach ist Zeit und Raum für Beziehung. Und das kann man nicht alleine lernen. Deshalb leben wir als Menschen zusammen. Partnerschaft ist in jeder Hinsicht ein Abenteuer, aber es macht so viel Spaß, immer wieder dorthinein zu investieren. Nirgendwo anders wachsen wir – wenn wir gelernt haben, zuerst bei uns selbst zu bleiben – wirklich so intensiv und langfristig. Viel Spaß bei der Zeit allein und zu zweit!

Von Ralf Sturm

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MUDRAS – GESTEN DER GÖTTER

Mudras, die kraftvollen Handgesten aus dem alten Indien, stehen als Symbol für bestimmte Eigenschaften oder Gottheiten und können auch in der heutigen Zeit ein bedeutender Aspekt unserer Yogapraxis sein. Anjali Sriram beherrscht die Kunst der Fingerhaltungen bis ins kleinste Detail – als Tänzerin lernte sie über Jahre hinweg, sich anmutig mit Händen und Körper auszudrücken. Anjali trat auf den Bühnen Indiens, Europas und den USA auf. Seit über 30 Jahren praktiziert sie Yoga und kennt die Zusammenhänge zwischen der indischen Philosophie, Yoga, indischem Tanz und Mudras wie kaum eine andere hierzulande.

YOGA JOURNAL: Anjali, weshalb verwendet man im indischen Tanz Mudras?
Anjali Sriram: Mudras sind Fingerhaltungen, die vor 2000 Jahren in der Natyasastra festgehalten wurden. Das ist eine Art Tanzlehrschrift, die etwa zur gleichen Zeit wie Patanjalis Yoga-Sutren entstand. Dort wird genau beschrieben, wie Mudras ausgeführt werden und wofür man sie benutzt: Es ist wie Vini Yoga für die Hände, eine Art Gebrauchsanweisung. Das Interessante ist, zu wissen, wie ich ein Mudra gebrauche, so dass daraus ein bestimmtes Symbol wird. Ich kann zum Beispiel mit dem Hand-Mudra „Alapadma“ den Mond darstellen. Oder ich kann das „Lotus“-Mudra verwenden, um „Liebe“ auszudrücken. Dabei handelt es sich um eine Symbolik, die für etwas ganz Bestimmtes steht – eine verschlüsselte Aussage. Mudras stehen immer als Symbol für bestimmte Werte. In Indien waren Mudras schon immer deshalb so wichtig, weil man durch die verschiedenen Mudras Götter erkennt. Wir wissen beispielsweise, wer Shiva, Brahma, Vishnu oder Durga ist, indem wir uns die Hände ansehen. Genauer gesagt, drücken die Mudras das aus, was die Götter darstellen: bestimmte Energien und Kräfte. Durga zum Beispiel steht für Stärke, Feuer, Zerstörung und Reinigung. Und diese einzelnen Eigenschaften werden in Mudras ausgedrückt.

Kann man, wenn man in der Meditation ein Mudra über einen längeren Zeitraum hält, bestimmte Eigenschaften kultivieren?
Genau. Wenn man das Mudra der Kreation hält, möchte man in den Zustand der Kreativität gelangen. Wenn man das Mudra des Empfangens hält, möchte man etwas empfangen, eine geistige Kraft. Beim „Anjali“-Mudra [Die Handflächen werden vor dem Herzen aneinander gelegt, Anm. d. Red.] möchte man beide Körperhälften zusammenbringen, konzentriert sein und sich darbringen. Führt man die Hände weiter nach oben vor die Stirn, symbolisiert man damit, dass man an den Guru denkt, und wenn man sie ganz weit nach oben bringt, an die Ewigkeit. Werden diese Mudras in der Meditation gehalten, möchte man sich mit den Kräften der Mudras verbinden.

In deinem Workshop hast du von der Verbindung der körperlichen mit der mentalen Ebene gesprochen. Wie kommt man über die physische auf die geistige Ebene?
Unser Körper besteht aus verschiedenen Elementen, die besonders stark in unterschiedlichen Bereichen vertreten sind. Unser Kopf mit dem Denken ist unser geistiges Zentrum – das verbinde ich meistens mit dem Element der Luft. Die Brust verbinde ich mit dem Herzen, mit der Energie und mit dem Feuer. Meinen Bauch verbinde ich mit Wasser, sowie mit dem Ausscheiden, Erhalten, Festhalten und der Beweglichkeit. Wenn ich Erdung besitze, bin ich gleichzeitig sehr flexibel – meine Füße verbinde ich mit der Erde, dem Wachstum und dem Aufsteigen. Die Hände bedeuten für mich Kommunikation. Sie sind die Intelligenz meines Wesens. Ich kann mich mit ihnen ausdrücken, greife mit ihnen nach dem Glück, berühre, nehme Kontakt auf und kommuniziere. In Anbetracht dieser Vielfalt können wir die Mudras nicht einfach nur mit den Händen üben, sondern mit Füßen, Bauch, Kopf und Herz unterstützen. Wir müssen alle Elemente und den Leib vereinen – also auch Körper und Geist – um ganzheitlich zu verstehen. Es gibt dazu einen sehr klugen Spruch: „Wohin meine Hand geht, dahin gehen meine Augen. Wohin meine Augen gehen, dahin gehen meine Gedanken. Wohin meine Gedanken gehen, da entsteht Ausdruck. Wo Ausdruck ist, entsteht Rasa.“ [In der indischen Philosophie geht es um Rasa, die Essenz. Gott schöpft, um zu kreieren, aus Rasa; Anm. d. Verf.]

Worauf muss ich achten, wenn ich Mudras ausführe?
Das Mudra ist ganzheitlich, wird also von unserem ganzen Körper getragen. Es ist wichtig, wie die Füße stehen oder wie die Sitzhaltung ist. Die Schultern sollten entspannt sein, wenn wir die Arme weit machen und den Brustkorb öffnen. Ein Mudra, das mit verkrampften Schultern gehalten wird, hat keine Wirkung. (Anjali Sriram arbeitet während des Interviews besonders viel mit Gestik. Jede Handbewegung scheint perfekt auf die jeweilige Aussage abgestimmt.) Jeder Mensch kommuniziert irgendwie mit Gestik, allerdings ist uns oft gar nicht bewusst, was wir eigentlich mit unseren Händen aussagen. Das ist das Interessante, wenn wir mit Mudras arbeiten: dass uns bewusst ist, was wir eigentlich ausdrücken wollen.

Du hast gesagt, dass man beim Ausführen der Mudras zuerst alle Gedanken sammelt und dann leer wird. Wie funktioniert das?
Wichtig ist „Saman“: von sich selbst abzusehen. Nehmen wir ein Beispiel: Ich sehe geradeaus. Ich sehe geradeaus und sehe dich – nicht mich. Ich bin fasziniert von dir, konzentriere mich voll auf dich. Aber viele Leute konzentrieren sich nur darauf, wie sie in diesem Moment auf andere wirken. Ich tue das nicht: In dem Moment, in dem ich dich sehe, interessierst nur du mich. Dies gilt es zu kultivieren: dass wir von uns selbst absehen können und das, was gegenüber ist, aufnehmen. Durch dieses Aufnehmen des anderen bekommen wir Ausdruck. Ich kann beispielsweise zu einem Schmetterling werden, indem ich ihn vor mir sehe. Dabei denke ich nicht: „Ich bin jetzt diese Frau, die Schnupfen hat.“ Ich sehe den Schmetterling und vergesse mich. Durch dieses „Von-sich-Absehen“ kommt man in den Zustand des Bhava [künstlerischer Ausdruck für einen inneren Zustand; Anm. d. Red.]. Parallelen findet man im Yoga beispielsweise in den Zuständen Maitri und Karuna. [Maitri oder Metta (Liebe, Freundlichkeit, Güte) und karuna (Mitgefühl) sind zwei der vier Brahmaviharas, Geisteshaltungen, aus der buddhistischen Ethik; Anm. d. Red.]. Ein Tänzer braucht ein Grund-Bhava. Das heißt: Ich bin immer freundlich. In den Shastras steht geschrieben: „Eine Tänzerin hat ein immer freundlich lächelndes Gesicht.“ Und sie sieht von sich selbst ab.

Wie lenke ich meine Gedanken, damit ein Mudra entsteht?
Zuerst möchte ich die Technik erklären: Wenn ich eine Blüte halte, aber woanders hinsehe, entsteht da bestimmt keine Blüte in meinen Händen. Auge und Hand müssen miteinander in Verbindung stehen. Ich sehe genau hin. Nun kommt die Kontrolle der Gedanken hinzu: Ich möchte das, was ich wirklich denke, ausdrücken. Ich muss fast schon die Blüte riechen und mir ihre Farbe vorstellen können. Und dann kommt der Ausdruck. Ich kann eine Göttin darstellen und mich in sie hineinversetzen, wie fein, edel und mitfühlend sie ist – dann kommt dieser Zustand über mich. Wie ich in dem Moment aussehe, ob ich vielleicht geschminkt bin, ist völlig uninteressant. Das Gefühl der Göttin senkt sich über mich. Das ist Bhava. Tatsache ist, dass ich die technische Voraussetzung benötige, um die Gedanken in etwas hineinzuversenken. Das fehlt beim Üben von Asanas manchmal: Man praktiziert eine Asana und weiß nicht, was man denken soll. Da fehlt eine gewisse Kommunikation. Ich muss konstant an „ausatmen“, „loslassen“, „Leere“ oder „von mir absehen“ denken. Manchmal fehlt die Anleitung, was der Übende jetzt genau denken soll. Denn wenn ich, während ich im Baum stehe und gut balanciere, denke: „Wow, ich kann ja gut stehen“, ist das Ego schon wieder da. Dann ist Yoga vorbei. Erst, wenn ich mit der Asana verschmelze und die Übung fließen lasse, kommt Bhava über mich. Ich muss mein Bein nicht bis zum Himmel strecken können. Ich gehe mit meinem Bein nur so weit in die Höhe, bis ich ein Ende fühle. Von dort aus schicke ich meine Gedanken zum Himmel.

„Mudras sind der Schlüssel zur indischen Philosophie“, heißt es in deiner Kursbeschreibung. Am Ende des Workshops hast du uns gezeigt, dass man tatsächlich ganze Mantras über Mudras ausdrücken kann. Ist das damit gemeint?
Wenn ich vom Schlüssel zur indischen Philosophie spreche, meine ich, dass die Mudras die Kräfte der Götter ausdrücken. Jeder Gott hat eine Philosophie, eine Bedeutung, einen Grund, weshalb er existiert. Saraswati steht zum Beispiel für Lernen, Weisheit, Reinheit und Frieden. Mit Mudras kann ich Saraswati formen und über die Mudras die hinduistische Lehre verstehen. Als die Shastras im Jahr null entstanden sind, waren die Mudras schon eine hochentwickelte Kunst, die man dann in ihnen niedergeschrieben hat. Wir blicken also in ganz alte, archaische, rituelle Zeiten zurück, in denen man mit Mudras gebetet hat. Die Mudras sind ein Symbol für einen Geisteszustand und für das Opfern. Die Priester in Indien opfern den Göttern mit Hilfe von Mudras und kennen die Mudras ebenso wie die Tänzer. Die Mudras sind auch deshalb ein Schlüssel zur indischen Philosophie, weil sie ein Kommunikationsweg zu geistigen Kräften sind.

Heute wird in einigen Büchern beschrieben, dass es bestimmte Mudras gibt, mit denen man zum Beispiel Kopfschmerzen lindern kann.
Es liegt mir fern, Menschen zu kritisieren, die ich gar nicht kenne, oder Schriften, die ich nicht gelesen habe. Aber man muss immer davon ausgehen, dass vieles, was da draußen existiert, stark vereinfacht wurde. Es wurde vereinfacht, um es populär zu machen. Viele lesen das Geschriebene einfach mechanisch und glauben, dass es wirkt. Klar, wenn ich glaube, dass es wirkt, und mich das glücklich macht, hat der Glaube seinen Zweck erfüllt. Der Glaube ist ja unglaublich. Ich glaube nicht, dass es unheilbringend ist, wenn man daran glaubt. Dennoch: Die Dinge werden vereinfacht und damit verlieren sie viel von ihrem Inhalt.

Von Verena Hertlein und Laura Hirch

Verwenden statt verschwenden

Omas Spruch „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ müsste in der heutigen Zeit eigentlich anders lauten. In erster Linie sollte das gegessen werden, was anderenfalls in der Tonne landet. Das ist nämlich meistens durchaus noch genießbar. Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner verkündete erst kürzlich, dass laut einer Studie für das Verbraucherschutzministerium in Deutschland jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Etwa zwei Drittel davon kommen aus privaten Haushalten. Hauptsächlich werfen die Menschen Essen weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist – dabei sind viele Lebensmittel auch nach diesem Zeitpunkt noch vollkommen in Ordnung. Bis die Nahrungsmittel ihren Weg in unseren Kühlschrank finden, müssen sie erst gewisse ästhetische Kontrollen bestehen. Kartoffeln sollen klein und ebenmäßig sein, Äpfel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Zentimetern verlassen den Ursprungsort erst gar nicht. Der Regisseur Valentin Thurn hat den weltweiten Umgang mit Lebensmitteln beobachtet und macht in seinem Film „Taste The Waste“ auf die haarsträubenden Ergebnisse aufmerksam. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen spricht er mit einem Supermarkt-Direktor, einem Bäcker, einem Großmarkt-Inspektor, einem Bauern und einem EU-Politiker. Was er findet, ist ein weltweites System, an dem sich alle beteiligen. Der Filmemacher geht noch einen Schritt weiter und weist nach, dass sich die Verschwendung verheerend auf das Weltklima auswirkt.

Fazit: Ganz ohne erhobenen Zeigefinger zeigt „Taste The Waste“, dass ein weltweites Umdenken stattfindet und dass es viele Menschen gibt, die die irrsinnige Verschwendung zu stoppen versuchen. Erschütternd und doch ermutigend!

Tipp: Auf den OM-Seiten der YOGA JOURNAL-Ausgabe 03/12 stellen wir das Projekt „Dinner Exchange“ vor.

 

Glücksformeln

„Gibt es einen Schlüssel zum Glück? Nein, denn ein Schlüssel würde nur eine Antwort zulassen“, weiß Glücksforscher Prof. Dr. Ed. In „Glücksfomeln“ beleuchtet Regisseurin Larissa Trüby das Glück von allen Seiten: Neben Glücks-Forschern kommen jene zu Wort, die ihren eigenen Weg gefunden haben: Musiker Phillip ist am glücklichsten, wenn er kreativ arbeitet. Bei Abiturientin Janina wirkt das Joggen; die NLP-Trainer Marc und Wiebke visualisieren ihr Glück. Macht, Geld und Äußerlichkeiten, so wird klar, können nur kurzfristig die Stimmung aufhellen. Der Film zeigt: Wir können selbst für unser Glück sorgen – ohne zu erwarten, dass es uns in den Schoß fällt. Glück wird greifbar, machbar, Eine Glücksformel ist, in sich ehrlich zu fragen: Was macht mich wirklich glücklich? Denn am Ende haben wir nur eines: ein Leben. Das sollte so glücklich wie möglich sein. Und wer im Film keine Glücksformel findet, freut sich an den schönen Bildern.

Fazit: „Glücksformeln“ liefert vielleicht nicht die individuell passenden Formeln zum Glück, bringt uns aber auf den richtigen Weg, diese Gleichung zu lösen.

Laura Hirch

„Glücksformeln“ von Larissa Trüby (Universum Film, ca 15 Euro)

Als Vishnu eine Lotusblüte gebar

Asanas und ihre mythische Bedeutung

Am Anfang seines Yogawegs – und manchmal auch viel später – freut man sich, wenn man sich die Sanskrit-Namen der Asanas merken kann, die der Lehrer einen Atemzüge lang einnehmen lässt. Heldenhaft versuchen wir, uns in Virabhadrasana stark und mutig zu fühlen, in Vrikshasana Wurzeln zu schlagen und in Balasana wie ein kleines Kind zu ruhen. Doch die Wirkung der Asana könnte intensiver erfahren werden, würde man deren Bedeutung besser kennen. Hinter jeder Asana und ihrer Bewegung steht der Name einer Gottheit, eines Weisen, eines Tiers. In dem wunderbaren, liebevoll gestalteten „Als Vishnu eine Lotusblüme gebar“ sind diese Geschichten erstmals gesammelt und verkürzt nacherzählt. Das Autorenpaar hat ihr Buch in die vier Kapitel „Haltungen der Yogis“, „Haltungen der Götter“, „Haltungen der Weisen“ und „Tiere & Erde“ unterteilt. Darin erzählen und erklären sie die Mythen, die tiefere, spirituelle Bedeutung von zwei Mudras und 32 Asanas, von Padmasana, dem Lotussitz, bis Shavasana, der Totenhaltung – wodurch diese ganz neue Kraft und Schönheit entfalten. So erinnert uns Virabhadrasana, dass ein heiter-gelassenes Leben durch Freude, Mitgefühl, Glück und Gleichheit erreicht wird. Die Meditation über die Toleranz der Bäume in Vrikshasana hift, selbst toleranter zu werden und Balasana ermutigt zum kindlichen Gottvertrauen. Shiva Rae hat das Vorwort geschrieben, Manorama das zum Schluss.

Fazit: Ein absolut inspirierendes Buch, dessen tiefe Liebe zu Yoga in der deutschen Übersetzung leider ein bisschen verloren ging. Für Yoga-Übende, Yoga-Lehrer und alle, die sich für Mythen und Legenden interessieren.

Stephanie Schönberger

„Als Vishnu eine Lotosblüte gebar – Legenden und Mythen aus dem Yoga“ von Alanna Kaivalya & Arjuna van der Kooij (Südwest Verlag, ca 15 Euro)

Juwel für Frauen

Ihre Erscheinung und ihre Methode sind das Gegenteil der bekannten, vorzugsweise kalifornischen Vinyasa-Elfen. Ihre Biografie ebenfalls: Gita S. Iyengar übte ihre ersten Asanas in einer Zeit, in der Yoga in Indien nicht einmal für Männer gängige Praxis war. Ihr Guru war B.K.S. Iyengar, ihr eigener und der (Über)Vater des modernen Yoga. 1961 begann sie selbst zu unterrichten. Streng, robust, präzise und respekteinflößend trägt sie die Lehre ihres Vaters bis heute weiter. Durch intensive Studien in Yoga, Philosophie und Ayurveda hat sie sich ihr unabhängiges Renommee geschaffen. In ihrem Unterricht wendet sie sich besonders an Frauen. 1995 erschien ihr Buch „Yoga: A Gem For Women“ (wörtlich: „Ein Juwel für Frauen“), das auch unter dem deutschen Titel „Yoga für die Frau“ bald zum Klassiker avancierte und jetzt in einer neuen Auflage vorliegt.

Ästhetisch ist es kein Wunderwerk. Seine absolute Sachlichkeit und die praktische Illustration haben beim Lesen allerdings bald entspannendere Wirkung als ein Großteil der von Sonnenuntergängen und Wasserfällen durchtränkten Übungsliteratur. Gitas Methodik und ihr Schreibstil gehen keine Kompromisse ein: „So und nicht anders“ lesen sich viele Anleitungen, was „Yoga für die Frau“ ähnlich wie B.K.S. Iyengars „Licht auf Yoga“ zum zuverlässigen Nachschlagewerk macht.

Die Gender-Ausrichtung ihres Buches bezieht Gita Iyengar hauptsächlich auf die weibliche Biologie. Sie beschreibt geeignete Asanas, Pranayama und Meditationstechniken während der Menstruation, als Geburtsvorbereitung und während der Wechseljahre als „Weg zu Gesundheit, Entspannung und innerer Kraft.“ Philosophisch sieht sie im Yoga jedoch keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, wie sie vor zwei Jahren in einem Interview mit YOGA JOURNAL betonte: „Was Patanjali gesagt hat, gilt für Frauen und Männer gleichermaßen.“

Fazit: Ihrer eigenen Aussage nach stand Gita Iyengar nie im Schatten ihres Vaters, „sondern in seinem Licht“. Ihr Klassiker für Yoga in allen Phasen des Frauenlebens, mit dem sie vollends ihre Eigenständigkeit bewies, beweist auch in der Neuauflage seine Relevanz.

„Yoga für die Frau“ von Gita S. Iyengar (O.W. Barth, ca. 23 Euro)

Interview |Bernd Rößler

Bernd Rößler

„Das Horoskop ist ein Spiegel des Lebens“

Der 47-jährige Wahl-Detmolder Bernd Rößler hat sich vor drei Jahren als vedischer Astrologe selbstständig gemacht – ein erfolgreicher, aber lebensverändernder Schritt. Aus astrologischer Sicht musste es so kommen, so das Fazit des gelernten Physiotherapeuten und Osteopathen. Zum Gespräch über die vedische Astrologie Jyotisha trafen wir Bernd Rößler in einem Garten zwischen Detmold und Paderborn.

YOGA JOURNAL: Vor elf Jahren hatten noch Sie zwei erfolgreiche Physiotherapie-Praxen in München und mit Astrologie wenig am Hut. Was ist passiert?

Bernd Rößler: Lange Zeit war ich mit Leib und Seele Physiotherapeut und Osteopath. Ich konnte meinen Patienten helfen. Mit der Zeit fühlte ich aber, dass es tiefer gehende Hilfe geben muss. Gleichzeitig stieß ich immer häufiger auf esoterische Themen und landete schließlich bei der vedischen Astrologie.

Eine ganz ordentliche Kehrtwende.

Für mich war es keine Kehrtwende, eher die logische Weiterentwicklung meines Wunsches, Menschen zu helfen. Und zwar auf eine wirklich ganzheitliche Weise. Ich traf Hart deFouw [bekannter vedischer Astrologe; Anm. d. Red.]. Das war für mich die entscheidende Begegnung, durch die ich mit der alten vedischen Tradition in Kontakt gekommen bin. Er repräsentiert und lehrt wie kein anderer in unserer westlichen Welt das astrologische Wissen der Seher alter Zeiten. Durch seinen Unterricht wurde mir klar: Das ist der Weg, den ich konsequent weiter gehen muss.

Konnten Sie Hart deFouw denn so einfach kontaktieren?

Ja, so erstaunlich das klingt: Damals konnte man einfach seine Seminare belegen. Das habe ich einige Jahre getan. Mehrere Monate im Jahr habe ich dafür in San Francisco gelebt, wo Hart deFouw seinen Unterricht gab. Dann hatte ich das unwahrscheinliche Glück, dass Hart mich zum Einzelunterricht eingeladen hat. Eine Zeit, die ich einfach nur als Geschenk beschreiben kann.

Wie haben Sie diese Ausbildung finanziert?

Meine Praxen in München liefen ja unverändert weiter. Erst später habe ich die Praxen dann verkauft.

Sie sagten, Sie helfen den Menschen jetzt in ganzheitlicher Weise…

Als Physiotherapeut und Osteopath habe ich Menschen mit körperlichen Beschwerden therapiert. Als vedischer Astrologe ist es mir möglich, mit Hilfe von Horoskopen die gesamte Lebenssituation eines Menschen zu erfassen. Ich kann sehen, mit welcher Vorgeschichte ein Klient in seine gegenwärtige Situation gekommen ist und welche Möglichkeiten ihm zukünftig offen stehen. Das ist natürlich ein ganz anderer Zugang, um das Leben eines Menschen bereichern zu können, bringt aber auch viel Verantwortung mit sich.

Inwiefern?

Es ist eine besondere Gunst, mit Hilfe von Horoskopen am Leben eines Menschen teilhaben zu können. Jeder Klient schenkt mir sein Vertrauen, dass ich verantwortungsvoll mit den Informationen umgehe, die ein Horoskop mir offenbart. Die Höhen und Tiefen im Lebensverlauf muss ich so vermitteln, dass der Klient gestärkt aus der Beratung herausgeht. Die Beratung soll helfen, persönliche Erfolge auszubauen und Enttäuschungen abzufedern. Der Klient soll wissen, wie er sein Leben gestalten kann.

Was genau wird beispielsweise im Horoskop repräsentiert?

Das Horoskop ist ein Spiegel des Lebens. Das ganze Leben wird im Horoskop repräsentiert: Elternhaus, Kindheit, Schule, Lehrzeit, Beruf, Partnerschaft, aber auch Gesundheit, Spiritualität und Lebensglück. Kein Thema bleibt ausgegrenzt.

Und das funktioniert?

Ja.

Wie konkret können Sie Menschen helfen, ihr Leben zu gestalten?

Sehr konkret. Es gibt Menschen, die vor einer Geschäftsentscheidung zu mir kommen und mich fragen, wie sie sich in einer konkreten Vertragsangelegenheit verhalten sollen. Andere haben Fragen zu ihrer Familie oder zur Vergangenheitsbewältigung. Wieder andere benötigen Entscheidungshilfen für Beziehungsprobleme. Je gezielter gefragt wird, desto konkreter die Antworten. Was aber nicht heißt, dass es nicht auch viele Klienten gibt, die zunächst einmal einen allgemeinen Überblick über ihr Leben haben wollen. Oft rufen mich dann genau diese Klienten später bei konkreten Anlässen wieder an.

Wofür kann man die vedische Astrologie noch nutzen?

Ein klassischer Anwendungsbereich für Jyotisha ist Muhurta. Das ist das Festlegen von Zeitpunkten für wichtige Handlungen. Zum Beispiel um zu heiraten, ein Haus zu kaufen, eine Reise zu starten oder ein Geschäft zu eröffnen. Ein weiterer Bereich ist Prashna, die Fragen-Astrologie. Mit speziellen Horoskopen finden sich damit Antworten auf jede erdenkliche Frage, völlig unabhängig vom Geburtshoroskop.

Was benötigen Sie für eine astrologische Beratung?

Meistens lasse ich mir vor der Beratung das Geburtsdatum, den Geburtsort und die Geburtszeit des Klienten geben. Mit diesen Daten wird das so genannte Geburtshoroskop erstellt. Das analysiere ich, bevor der Klient zu seinem Termin erscheint. Bevor wir beginnen, nehme ich noch Handabdrücke mit Tinte auf Papier. Das Handlesen ist traditionell Teil der vedischen Astrologie. Hände und Horoskop gemeinsam ergeben einen umfassenden Einblick.

Wie viel können Sie denn konkret in einer Sitzung erzählen?

In jedem Fall so viel, dass der Klient nach der Sitzung zunächst keine offenen Fragen mehr hat.

Was sind denn die beliebtesten Fragen?

Fragen zum Thema Partnerschaft werden am häufigsten gestellt. Jeder Mensch strebt Partnerschaft an. Das liegt in unserer Natur. Und wir erleben dort alles, von Anerkennung bis Ablehnung. In Partnerschaft liegt unser größtes Potenzial, um uns persönlich weiter zu entwickeln. Gleichzeitig aber auch unsere größte Chance, an unsere Grenzen zu stoßen. Kein Wunder also, dass sich so viele Fragen um Partnerschaft drehen. An zweiter Stelle rangieren Fragen zum Thema Beruf und Karriere. Jeder benötigt eine Aufgabe und möchte wissen, wie er diese erfolgreich bewältigen kann. Partnerschaft und Beruf sind die beiden wichtigen Anker für ein stabiles Leben. Aber gerade diese beiden Lebensbereiche stehen in unserer Gesellschaft enorm unter Stress. Noch nie hat es so viele Singles und Scheidungen gegeben. Und noch nie gab es so viele Berufe und Spezialisierungen.

Gibt es bei den Fragen Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Frauen tun sich offensichtlich sehr viel leichter, ihr Leben mit Hilfe der Astrologie zu hinterfragen. Die deutliche Mehrzahl meiner Klienten sind Frauen. Ihr Hauptanliegen ist meistens Partnerschaft und Familie. Erst in zweiter Linie Beruf und Finanzen. Männer sind eher an Beruf und Finanzen interessiert, bevor sie das Thema Beziehung und Familie ansprechen.

Wollen die Menschen eigentlich primär nur Gutes hören?

Die Menschen, die zu einer Beratung kommen, möchten etwas über ihr Leben erfahren. Niemand geht davon aus, dass alles immer nur gut und erfolgreich verläuft. Es gehört auch zu einer Beratung, schwierige Lebensbereiche anzusprechen. Die meisten Klienten kommen ja gerade zu mir, weil sie sich vor eine Herausforderung gestellt sehen. Sie möchten vor allem eine realistische Perspektive und eine Lösung für ihre Probleme.

Was passiert, wenn Sie etwas Negatives sehen?

Ich spreche es an, damit mein Klient sich darauf einstellen kann und entsprechend handelt.

Können Sie ein paar Beispiel geben?

Jemand ist seit Jahren beruflich erfolgreich und plant einen Hausbau. Dafür möchte er einen Kredit aufnehmen. Im Horoskop ist deutlich zu sehen, dass die kommenden zwei Jahre mit beruflichen und finanziellen Schwierigkeiten einhergehen. Danach stabilisiert sich die Situation wieder. Ich rate dazu, den Hausbau und die Kreditaufnahme zwei Jahre zu verschieben, damit die entstehenden finanziellen Probleme nicht unnötig vergrößert werden. In einem anderen Fall ist zu sehen, dass sich die Gesundheit binnen eines Jahres deutlich verschlechtern wird. Meine Empfehlung wird dann sein, ab sofort regelmäßig ärztliche Check-up Untersuchungen durchführen zu lassen. So besteht die Möglichkeit Veränderungen frühzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zu handeln. Jyotisha gibt jedem die Chance jederzeit das Beste in gegebenen Situationen zu erkennen und adäquat zu handeln.

Inwieweit steht Jyotisha, also vedische Astrologie, denn dem freien Willen entgegen? Ich meine, wenn ich das mit dem Finanzproblem weiß und mich entscheide, trotzdem zwei Jahre vorher den Kredit aufzunehmen…

Jyotisha steht dem freien Willen nicht entgegen. Jyotisha spiegelt wider, was passiert, und gibt den Menschen die Möglichkeit, ihren freien Willen sinnvoll einzusetzen.

Was halten sie von vedischen Horoskopen, die von Computerprogrammen ausgearbeitet wurden?

Computerprogramme arbeiten hundertprozentig exakt. Die reinen Daten stimmen also. Aber erst dann beginnt die eigentliche Astrologie, nämlich die Interpretation der Daten. Wichtiger als die Fakten ist in der Astrologie der inspirierte Umgang mit ihnen. Das kann ein Computer nicht. Die nötige Inspiration für die richtige Interpretation eines Horoskops stellt sich ein, wenn ein geeigneter Lehrer sein Wissen im Sinne der Tradition weitergibt. Dazu gehört neben der Vermittlung von Theorie auch die Einweisung in bestimmte spirituelle Praktiken, Sadhana. Selbst ein Astrologe, der nur über eine Handvoll von Regeln und Gesetzmäßigkeiten seiner Tradition verfügt, diese aber versteht, inspiriert einzusetzen, ist in der Lage, einem Horoskop erstaunliche Wahrheiten zu entlocken. Wahrheiten, die ein Computer niemals erkennen könnte, obwohl er bei seinen Berechnungen viel mehr astrologische Regeln und Gesetzmäßigkeiten zur Anwendung bringt. Was fehlt, ist die Inspiration. Ohne Inspiration keine Astrologie.

Haben Ihre Aussagen denn immer gestimmt?

Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, zu jeder Sekunde hundertprozentig inspiriert zu sein. Wer kann das schon. Dann kann es zu ungenauen Aussagen bezüglich ganz konkreter Fragestellungen kommen. Manchmal ist auch einfach die Geburtszeit nicht korrekt dokumentiert worden. Dann kommt es aufgrund der falschen Daten eventuell zu falschen Schlussfolgerungen. Sagt mir der Klient, dass er sich in meinen Aussagen nicht wiederfindet, kann ich sehr schnell Rückschlüsse auf die korrekte Geburtszeit ziehen. Und dann ist das Horoskop wieder stimmig und lässt richtige Schlussfolgerungen zu.

Zeitungshoroskope werden von PCs ausgespuckt und trotzdem werden sie von vielen gelesen…

Sogar von sehr vielen. Zeitungshoroskope haben einen Unterhaltungswert. Die Inhalte sind unverbindlich und verheißen weder einen Millionengewinn noch ein Jammertal. Niemand wird sein Leben danach ausrichten.

Richten Sie Ihr Leben eigentlich nach Ihrem eigenen Horoskop aus?

Das Horoskop repräsentiert mein Leben. Es macht mir klar, welche Aufgaben für mich anstehen und welche Themen auf mich zukommen. Für mich ist das enorm hilfreich. Wenn ich wichtige Entscheidungen treffen muss, setze ich regelmäßig Prashna ein. Und bevor ich etwas Neues starte, nutze ich auf jeden Fall Muhurta. Horoskope sind auch für mich persönlich immer wieder erstaunliche Hilfsmittel, um zu verdeutlichen, was möglich und was unvermeidbar ist. Jyotisha zeigt, wo es lang geht.

Geben Sie Ihr Wissen auch weiter?

Ich gebe in verschiedenen Städten in Deutschland Workshops zu unterschiedlichen Themen. Außerdem biete ich regelmäßig Seminare für vedische Astrologie und das vedische Handlesen an.

Sagen Sie uns zum Abschluss noch, was uns im neuen Jahr erwartet?

Jyotisha ist eine sehr individuelle Sache. Pauschale Aussagen sind viel zu oberflächlich und werden den Möglichkeiten der vedischen Astrologie nicht gerecht. Es gilt die persönlichen Erfolgsmöglichkeiten und auch die Probleme eines Menschen wirklich ernst zu nehmen. Der richtige Rahmen dafür ist die Einzelberatung. Aber unabhängig davon wünsche ich Ihnen und allen Ihren Lesern von Herzen alles Gute für das kommende Jahr.

Von Jennifer Bligh

Kinotipp: Der Atmende Gott

Reise zum Ursprung des Yoga

 

Aus Yoga kann viel erwachsen – auch ein Film, der dem Ursprung des Yoga auf dem Grund geht. Wie im Falle von Regisseur Jan Schmidt-Garre, der bisher vor allem Dokumentationen über Musiker und Komponisten drehte. Er ist dem Yoga verfallen – und begab sich auf die Spuren von Iyengar und Co. Er hat eine entzaubernde Wirkung, sein Film „Der Atmende Gott – Eine Reise zum Ursprung des modernen Yoga“. Glaubt man doch, die Asanas seien mit ihrer magischen Wirkung direkt Shivas Tempel entsprungen. Tatsächlich aber formte Krishnamacharya auf Wunsch des Maharadschas von Mysore aus einzelnen, alten Übungen ein königliches Fitnessprogramm für Geist und Körper. Wie daraus eine Kür wurde, die Menschen auf der ganzen Welt zu einem bewussten Leben führt, erzählt Garre. Beeindruckend sind vor allem die historischen Aufnahmen, in denen sich die maßgeblichen Erfinder des modernen Yoga derart schlangenhaft verbiegen, dass sich die menschlichen Grenzen nur erahnen lassen.

Laura Hirch

Fazit: Jan Schmidt-Garre vermittelt mit seiner wunderbaren Dokumentation Wissen und Liebe für den Ursprung des modernen Yoga. Yoga zu üben macht nach dem Film noch mehr Sinn.

 

In unserer  Ausgabe Januar/ Februar 2012 finden Sie zudem ein ausführliches Interview mit Jan Schmidt-Garre!