Pilgern ins Mandala des Yoga

Er thront in der tibetischen Hochebene und gilt für Hindus und Buddhisten als das Zentrum des Universums. Ihn zu umrunden ist der Traum vieler Yogis. Was macht den Mount Kailash so besonders?

Das Jahr 2012 geht in die zweite Hälfte, doch das Paradies, das sich die Esoteriker erträumt haben, bleibt aus. Wir müssen immer noch mit Geld für den Bus bezahlen, und oft sogar arbeiten, um es zu verdienen. Es scheint, dass wir nicht darum herumkommen, uns mit den Anforderungen der materiellen Welt auseinanderzusetzen.

Der Legende nach hat der gutmütige Gott Shiva dafür aber ein Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Zu Beginn des „dunklen Zeitalters“ – des Kali Yuga, in dem wir heute leben – hatte seine Gattin Parvati ihn gefragt, was die Menschen der Moderne tun können, um in Zeiten von physischen und emotionalen Herausforderungen zu bestehen. „In einer grobstofflichen Welt beginnt man seine Praxis mit dem Körper“, antwortete Shiva. Und er begann am Berg Kailash, ihrem gemeinsamen Wohnsitz, Asanas zu üben. Vom benachbarten See Manasarovar aus schaute ein Fisch zu, der sich die 8.400.000 verschiedenen Variationen der Haltungen genau einprägte. Daraufhin wurde er von Parvati in Matsyendranath, den ersten Lehrer für Hatha Yoga, verwandelt.

Hatha Yoga – Das Yoga der Anstregung
Im Sanskrit-Wörterbuch wird Hatha Yoga als „Yoga der Bemühung“ übersetzt. Es geht um „die Kraft, die notwendig ist, sein eigentliches Ziel zu erreichen“, so sagen die Schriften. Nun, was ist das „eigentliche“ Ziel? Wer sich auf die Reise zu Shivas Wohnsitz macht, muss bereit sein, einiges an körperlicher Anstrengung auf sich zu nehmen. Ob man zu Fuß durch West-Nepal nach Tibet wandert, oder mit dem Jeep von Kathmandu oder Lhasa aufbricht; es dauert immer einige Tage, bis man das „kostbare Juwel des Schnees“ (so der tibetische Name) erreicht. Man könnte seinen Urlaub leichter am Strand verbringen oder in heimischen Wäldern wandern. Was macht gerade den Kailash so anziehend für Yogis?

Das natürliche Mandala

„Es gibt Berge, die nur Berge sind, und solche, die eine ausgeprägte Persönlichkeit besitzen“, schreibt Lama Govinda in seinem Reisebericht „Der Weg der weißen Wolken“. Das Charisma des Kailash ergibt sich nicht nur aus seiner eindrucksvollen Pyramidenform, mit der er fast alleinstehend auf einer Ebene im Transhimalaya thront, sondern auch aus der Natur, die ihn umgibt. Aus seiner Mitte entspringen in alle vier Himmelsrichtungen die vier großen Flüsse des indischen Subkontinents (Indus, Brahmaputra, Satluj und der später in den Ganges mündende Karnali). Er bildet dadurch ein natürliches Mandala und ruht als Achse in dessen Mitte.

„Ha“ und „Tha“: Sonne und Mond

Wenn man nach Tagen des Wanderns oder der nicht immer bequemen Fahrt über die Pisten des tibetischen Hochlandes endlich den Gurla-Pass im äußersten Westen Tibets erreicht, lässt einen der majestätische Anblick des Berges, der hier auch wie ein großer Shivalingam aussieht, umgehend still werden. Für einen Moment gibt es keine Wellen im Geist, außer tiefer Freude und der Dankbarkeit, dieses Wunder der Natur mit eigenen Augen sehen zu können. Dann fällt der Blick auf die beiden großen Seen am südlichen Fuß des Berges, und die nächste Analogie zum Hatha Yoga wird klar: Die beiden Silben „Ha“ und „Tha“ bedeuten laut B. K. S. Iyengar auch Sonne und Mond. Sie repräsentieren die Gegensatzpaare weiblicher und männlicher Energie, kühlender Entspannung und erhitzender Aktivität (siehe Kasten).

Die phantastische Reise
Bei einer Reise zum Kailash bewegt man sich also – wie im Film „Die phantastische Reise“ – wie ein mikroskopisch kleines Wesen in der Natur seines eigenen Körpers. Denn die beiden Seen Manasarovar und Rakshastal entsprechen im Mandala des Kailash Ida und Pingala. Bei oberflächlicher Betrachtung hat der erste die Form einer Sonne, der zweite die Form einer Mondsichel. Der Manasarovar wird als „See der Götter“ bezeichnet. Um ihn herum blühen mittlerweile wieder viele der alten Klöster auf, und es wimmelt von Brahmanengänsen, Kranichen, Möwen und etwa zwanzig anderen Vogelarten. Der Rakshastal hingegen ist still und verlassen. Von den Tibetern wird er „See der Dämonen“ genannt. Dort ist kein Laut zu hören. In unserer Seele wirken auch immer beide Seiten; die Kräfte des Lichtes und die Kräfte der Nacht. Manch eine Reiseteilnehmerin hat sich schon bei mir beschwert, dass die Frauen schlecht dabei wegkommen, weil sie in dieser Philosophie mit dem Dunklen, Tiefgründigen, gar Dämonischen assoziiert werden. Aber möglicherweise gibt es auch keine Erleuchtung, ohne die Kräfte des Unterbewussten zu achten. Wenn wir uns auf die Reise gemacht haben, den Kailash kennen zu lernen, dann laufen wir tatsächlich um das „Zentrum des Universums“ – denn wir bewegen uns bildlich um unsere eigene Wirbelsäule, unser eigenes Inneres.

Von Ralf Sturm

Lesen Sie den Rest dieses Artikels in der September/ Oktober 2012-Ausgabe des YOGA JOURNALs.

Yogamänner auf dem Vormarsch

Jahrzehnte, nachdem Millionen von Frauen im Westen die Praxis für sich entdeckt haben, entwickelt sich Yoga nun in eine Richtung, die auch moderne, sportbegeisterte Männer anspricht.

James Arbona erwartete sich nicht viel von dieser Yogastunde. Der 48-jährige Kameramann aus New York hatte es schon einige Male versucht und nie Feuer gefangen. Blumige Metaphern, fremdartig klingende Gesänge und langsame Dehnübungen sagten dem begeisterten Basketballer und Läufer einfach nicht zu. Doch die Stunde, zu der ihn seine Freundin nun genötigt hatte, war anders: „Yoga for Dudes“ („Yoga für Kerle“). Arbona genoss es, er kam regelmäßig und weil er sich durch Yoga schon bald anders fühlte und die positiven Auswirkungen auch im Basketball spüren konnte, veränderte sich seine Einstellung dazu. Viele Männer haben in letzter Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht. Zwar wird Yoga im Westen noch immer hauptsächlich von Frauen praktiziert (in den USA machen sie laut einer aktuellen Erhebung 77 Prozent aus, ältere Zahlen aus Deutschland sprechen sogar von rund 80 Prozent), doch der Anteil der Männer steigt. Studios mit entsprechenden Angeboten berichten, sie hätten bis zu 20-mal mehr männliche Teilnehmer als noch vor einigen Jahren.

Auch die regelmäßigen Marktforschungen der amerikanischen Ausgabe des YOGA JOURNAL ergaben, dass der Anteil der Männer an der Gesamtheit der Übenden in kurzer Zeit um fast fünf Prozent gewachsen ist. Wie erklärt sich dieser Wandel – und vor allem die Tatsache, dass es gerade die sportlichen, maskulinen Typen sind, die in letzter Zeit die Yogastudios stürmen? Bestimmt nicht dadurch, dass Männer neuerdings besonders beweglich und spirituell werden, oder dass sie mehr im Kontakt mit ihrer weiblichen Seite sind – auch wenn diese Qualitäten häufig mit Yoga in Verbindung gebracht werden und noch immer eine Menge Männer abschrecken. Viel eher liegt es daran, dass Yoga Männer endlich da abholt, wo sie stehen – sei es nun in speziellen Männerkursen oder durch eine andere Ansprache. „Männer sollten nicht gegen ihre Stärken arbeiten müssen“, erklärt Nikki Costello, die Lehrerin von James Arbona, die die wegweisenden „Yoga for Dudes“-Kurse im Kula Yoga Project in Manhattan entwickelt hat. „Wenn man die Männer sieht, wirklich so sieht, wie sie sind, dann müssen sie sich auch nicht dazu überwinden, Yoga anzunehmen.“
Historikern zufolge hat sich Yoga im Laufe der Jahrhunderte immer wieder an ein wechselndes Publikum angepasst. Was wir heute üben, lässt sich in weiten Teilen auf die Erziehung junger Inder vor etwa 75 Jahren zurückführen. Das Ziel von Yoga war damals, die Körper der Jungen zu kräftigen und ihre Konzentration zu fördern. Auch die westliche Körperkultur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts spielte eine wichtige Rolle. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts geschah dann etwas eigentlich sehr Erstaunliches: Die Frauen eroberten das traditionell Männern vorbehaltene Yoga für sich – und sie taten es so gründlich, dass Yoga im Westen zu etwas wurde, das unserem Männerbild sogar ziemlich zuwiderläuft.
Seit einigen Jahren gibt es nun eine Gegenbewegung. Einzelne Studiobesitzer und Yogalehrer wie Nikki Costello haben die Gelegenheit wahrgenommen, auch Männer an die Praxis heranzuführen, die dem Image von Yoga eigentlich eher ablehnend gegenüberstehen. Sie tun das unter anderem, indem sie den Unterricht speziell auf ihre Bedürfnisse zuschneiden. Welche Bedürfnisse das sind, konnte Costello beobachten, als sie zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts in einem großen Fitnessstudio unterrichtete: Schweißtreibende Sequenzen ohne viel Hokuspokus zogen einen viel höheren Prozentsatz Männer in die Stunden als gewöhnlich. Die Schüler waren sportbegeisterte, körperbewusste Alphatiere, es waren Businesstypen, die es liebten, sich zu verausgaben, Männer, die kein Blatt vor den Mund nahmen und mit Gefühlsduselei nichts am Hut hatten.
Costello erkannte, dass Asanas, wie sie in einer typischen Yogastunde des 21. Jahrhunderts unterrichtet werden, nicht zu den körperlichen Merkmalen dieser Schüler passten. Viele hatten sich im Fitnessstudio dicke Muskeln antrainiert, einen großen Bizeps, robuste Oberschenkel und breite Schultern. „Diese Jungs hatten häufig nur an isolierten Stellen ihres Körpers gearbeitet. Im Yoga geht es aber darum, wie alles zusammenhängt“, erklärt sie. Deswegen zielt sie in ihren Männerstunden weniger auf Kraft und Stabilität als auf Integration und Beweglichkeit. So werden von Sport und Krafttraining verhärtete Muskeln dazu gebracht, sich zu lockern und mit anderen Muskelgruppen zusammenzuarbeiten.

Den nach unten schauenden Hund beispielsweise übt Nikki Costello mit neuen Schülern überhaupt nicht, denn da ist die Tendenz groß, das gesamte Gewicht auf den Armen zu tragen und sich mit reiner Muskelkraft durch die Haltung zu mogeln. Stattdessen führt sie sie durch Übungen wie den Krieger II. Dabei ermutigt sie ihre Schüler, sich nicht allein auf die Kraft der Oberschenkel zu verlassen, sondern stattdessen die Dehnung in Leisten und Hüften zuzulassen und zu beobachten, wie die verschiedenen Details der Haltung sich gegenseitig beeinflussen. Diese Bezüge – zwischen einem Körperteil und einem anderen, zwischen Gedanken und Handlungen, zwischen Atem und Bewegung – sind es, um die es nach Costellos Meinung im Yoga geht. Sie sind zwar sowieso der Kern jeder Asana, nur erschließt sich das Männern, die es gewohnt sind, jeden Muskel einzeln zu trainieren, nicht unbedingt auf Anhieb. „Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem die Jungs die Bedeutung der körperlichen Vernetzung begreifen“, erklärt Nikki Costello. „Und wenn sie lernen, die einzelnen Körperteile miteinander zu verbinden und sich in dieser Bewusstheit zu bewegen und zu handeln, dann öffnen sie sich auch für die volle Erfahrung von Yoga.“

 Von Andrew Tilin

 

Lesen Sie den Rest des Artikels in der September/ Oktober 2012-Ausgabe des YOGA JOURNAL.

Be Love Now

Ein Guru kann alles sein – sogar ein Buch. Zum Beispiel Ram Dass‘ neues Werk „Be Love Now“, in dem der beliebte Bhakti-Yogi offen und inspirierend seinen Weg des Herzens seit seiner Begegnung mit seinem Guru Neem Karoli Baba in Indien beschreibt. Und dieser Wegwar nicht gerade leicht für den ehemals hoch angesehenen Harvard-Psychologieprofessor Dr. Richard Alpert, wie Ram Dass mit bürgerlichem Namen heißt. Nachdem er 1963 wegen kontroverser Experimente mit psychedelischen Drogen aus Harvard entlassen wird, begibt er sich auf seine wichtigste Reise nach Indien. Dort trifft er „Maharaj-ji“, wie der Guru liebevoll genannt, der mal augenzwinkernd, mal streng, seinen Schülern den Weg des Bhakti Yoga, der absoluten Hingabe, zeigt. Immer wieder zweifelt Ram Dass – von seinem Verstand und seinen Mustern begrenzt – an sich selbst und der allumfassenden Liebe. So ist „Be Love Now“ voller Anekdoten über die Stolpersteine, die Ram Dass und seine Weggefährten (u.a. Krishna Dass) benötigten, um sich im Eins-Sein zu entwickeln. Schließlich beschreibt Ram Dass das große Glück, das er erfährt: Liebe ist allumfassend, nicht gebunden an Ort und Zeit. Die wunderbar ehrlichen Geschichten sind Inspiration und Quelle der Selbsterkenntnis. Aber das Buch lädt auch zum Schmunzeln ein, unter anderem durch viele Fotos, die Maharaj-ji´s Anhänger Anfang der 60er Jahre zeigen.

FAZIT: Dieses Buch muss man mit dem Herzen lesen. Dann wird das Buch zum Guru und das Lesen zum Gebet. Bhakti Yoga pur!

Annette Söhnlein

„Be Love Now: Der Weg des Herzens“ von Ram Dass (J.Kamphausen, ca. 20 EUR)

Yoga und Partnerschaft

Ist es wirklich egal, wen man heiratet, solange man sich selbst liebt? Die richtigen Ratgeber können einen zur falschen Zeit ganz schön unter Druck setzten. Yoga kann den Stress sogar noch erhöhen. Aber es kann auch unser Verständnis für uns selbst und andere beflügeln.

Ist er/sie noch der/die Richtige?
Wie viele Menschen in ihrem Bekanntenkreis haben begonnen an ihrem Partner Fehler zu finden, nachdem sie angefangen haben, Yoga zu üben? Wie viele haben sich schließlich getrennt, oder überlegen gerade, das zu tun? Ist Yoga ein Beziehungskiller? Gehen Yoga und Partnerschaft überhaupt zusammen? Theoretisch müsste das Leben zu zweit leichter sein, wenn wenigstens einer entspannt ist. Manchmal scheinen Beziehungen aber schwieriger zu werden, wenn man mit Yoga beginnt.

Ein geflügeltes Credo in der spirituellen Szene lautet: Wenn man sich selbst liebt, ist es egal, mit wem man zusammen ist. Das hört sich erst mal gut an. Manchmal beginnt man aber dann, sich selbst unter Druck zu setzen. Man versucht um jeden Preis alles anzunehmen, was man beim anderen als störend empfindet. „Er/sie ist ja nur ein Spiegel von mir selbst“, sagt man sich dann. Das ist auch eine schöne und noble Idee. Leider versagt diese Theorie im Alltag oft. Denn anstatt uns wirklich mit den in uns aufsteigenden Gefühlen auseinanderzusetzen, begnügen wir uns mit der geistigen Haltung, alles wäre gut wie es ist. Insgeheim fangen wir aber trotzdem an, ein heimliches Konto zu führen. Darin zählen wir auf, was wir beim anderen alles heldenhaft „akzeptieren“. Und irgendwann – wenn die emotionalen Abbuchungen zu groß geworden sind – kündigen wir fristlos, um endlich den wirklichen „Seelenpartner“ zu finden. Oder wir ziehen uns ganz aus dem Beziehungs-Business zurück.

Zurück in die Hölle?
Den traditionellen Schriften nach sieht es sowieso gar nicht gut aus. Die Hatha Yoga Pradipika warnt bereits im ersten Kapitel vor den sechs Ursachen, die die guten Wirkungen des Yoga zerstören. Und sie ist da sehr allgemein: „Gesellschaft von Leuten“ ist eine davon. Der Raum in dem der Yogi übt soll „an einem einsamen Platz sein“. Die Bhagavad Gita sagt zunächst auch nichts anderes:

„Der Yogi soll beständig sich mühen in der Einsamkeit – allein, bezähmend Sinn und Selbst…“ (Bhagavad Gita, 6.10)

Yoga ist also etwas, das man allein erfährt. Warum wird dieser Artikel dann überhaupt gelesen? Wer sehnt sich – trotz Yoga und Mantra-Singen – nach einem Partner? Reichen die Erfahrungen auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen doch nicht aus?

Auf der Suche nach der ewigen Party
Warum hat uns Yoga angezogen? Die Idee dahinter ist nicht gerade klein: die Verbindung vom individuellen mit dem kosmischen Selbst. Klar, dass das gerade in unserer Überflussgesellschaft des 21. Jahrhundert interessanter ist denn je. Yoga ist heute für viele das, was Rock’n’Roll in den fünfziger Jahren war: ein großes Versprechen von Freiheit. Und das Gefühl der sechziger Jahre wird gleich mit eingepackt, die Idee der ozeanischen Verschmelzung mit allem: „We are one!“ Denn Yoga betont ja auch die Einheit allen Seins. Hier fängt aber das Missverständnis an, das für viele Beziehungen zur Falle wird. Denn Unabhängigkeit und Verschmelzung gehen nicht gut miteinander.

Verbindung statt Fusion
Es lohnt sich also genau hinzuschauen, und bei der Silbe „yug“ – Verbindung – zu bleiben, die das Wort Yoga ausmacht. Genauso wie große Hoffnungen auf „Erleuchtung“ – die uns irgendwann in der Zukunft erlösen soll – uns unter Stress setzen und vom gegenwärtigen Moment wegleiten, sind übermäßige Erwartungen an den Partner das Ende jeder hoffnungsvollen Blüte. Es ist aber durchaus möglich, allein zu sein UND zusammen. Dann, wenn wir uns weder für andere aufgeben, noch vor ihnen davonlaufen, weil sie unsere Praxis oder unser yogisches Leben gefährden (das wir sowieso nur alleine gestalten können). Das ist dann wirkliche, erwachsene Verbindung.

Empfindsam oder empfindlich?
Wer seine Achtsamkeit schult, wird feinfühliger für seine Bedürfnisse. Patanjali erklärt sehr genau, wie man mit der Lenkung seiner Energien und Sinne die Wahrheit über seine Natur erfährt. Manchmal übertreibt man aber auch mit der Praxis der Hellfühligkeit. Je nach Meditationstechnik stärkt man eher das Luft- oder Erdelement. Im ersteren Fall ist die Chance auf außersinnliche Erfahrungen groß. Leider steigt damit auch die Wahrscheinlichkeit, empfindlicher für Störungen zu werden, und Handlungen oder Bemerkungen der Umwelt als Angriff zu sehen. Auch die ständige meditative Nabelschau mit Fragen wie: „Tut mir das noch gut, mit ihm/ihr zusammen zu sein?“ oder „Ist er/sie mein Seelenpartner?“ ist langfristig der Tod einer lebendigen Beziehung. Es hilft also, eine „Gebrauchsanleitung“ für die Sinne zu haben, wenn man im Gefühlssturm steht.

Den Energiezentren zuhören
Das System der Chakren, der Energiezentren im physischen und feinstofflichen Körper, ist ganz praktisch im Alltag der Liebe spürbar. Wenn man Yoga als Entwicklungsweg sieht, dann tut man gut daran, sich nicht gleich auf die Spitze der Pyramide zu stürzen, sondern zunächst gut für sich selbst zu sorgen. Auf welchem Fundament ruhen wir? Darauf bauen schließlich auch unsere Beziehungen auf. Versuchen Sie, bereits beim Lesen die angesprochenen Bereiche ihres Körpers mit der Achtsamkeit zu berühren.

Sicherheit
Muladhara Chakra – das Wurzel-Zentrum
(unteres Ende der Wirbelsäule, Steißbein)

Ein stabiles Wurzelchakra zu haben bedeutet, sich gut um seine Erdung zu kümmern. Wie viel Zeit nehmen wir uns, unseren Körper zu pflegen und zu nähren? Wenn es in unseren Beziehungen chaotisch ist, lohnt es sich zu schauen, wie wir mit uns selbst umgehen. Kümmern wir uns um regelmäßige Mahlzeiten und einen gesunden Schlaf? Unser Umgang mit unserem eigenen Körper ist Spiegel und Grundlage für alle weiteren Begegnungen mit unserer Umwelt.

Gefühle
Swadhisthana Chakra – das Sakral-Zentrum
(Schambein, Kreuzbein)

Von hier aus begeben wir uns in das Spiel und in den Fluss des Lebens. Mit dem Moment fließen zu können wie das Wasser, ist eine Fähigkeit, die wir lernen können. Dies kann jedoch erst beginnen, wenn wir eine stabile Basis haben. Wenn wir uns sicher und geborgen fühlen, haben wir auch die Möglichkeit, unsere Gefühle wahrzunehmen und anderen zu zeigen. Das manifestiert sich in spielerischer Lebensfreude – und kulminiert in gutem Sex. Ein gesunder Beckenraum ist Ausdruck eines genährten Sakral-Chakras.

Selbstwert
Manipura Chakra – das Nabel-Zentrum
(Bauch, Lendenwirbelsäule)

Vom Bauch aus können wir unsere Energie strahlen lassen, wie eine Sonne. Nachdem wir unseren Anteil an der Schöpfung berührt und angenommen haben, lernen wir mit der Konzentration auf unseren Bauch, uns selbst zu schätzen. Wir präsentieren uns und sind in der Lage, zu führen und zu transformieren, mit der Elementarenergie des Feuers. Ein gesunder Selbstwert erlaubt uns auch, gesunde Grenzen zu setzen und die Grenzen anderer zu respektieren.

Liebe
Anahata Chakra – das Herz-Zentrum
(Herz, Brustwirbelsäule)

Die Kraft unseres Atems sitzt in der Brust. Sie wird gestärkt durch einen gesunden Selbstwert aus dem Bauch. Erst dann sind wir in der Lage, bedingungslos zu lieben, ohne bedürftig zu sein. In emotional schwierigen Momenten hilft uns das Element der Luft, wenn wir tief ein- und ausatmen. Das aktiviert unseren Herzraum. Unsere bereits in den Yoga-Sutras beschriebene Liebesfähigkeit hilft uns dann, Situationen so anzunehmen, wie sie gerade sind. Wichtig ist, dass wir es uns nicht nur vorstellen, sondern wirklich in der Brust fühlen.

Kommunikation
Vishuddha Chakra – das Kehl-Zentrum
(Kehle, Halswirbelsäule)

Das Element des Raumes trägt den Klang, mit dem wir mit unserem Partner in Kontakt sind. Wenn wir die Fähigkeit zur Hingabe erlernt haben, sind wir in der Lage, respektvoll und wertschätzend zu kommunizieren. Auf diese Weise laden wir auch unser Gegenüber ein, sich selbst als gesund und ganz wahrzunehmen. Indem wir darauf verzichten anzuklagen und stattdessen unseren Partnern zeigen, dass wir sie für voll nehmen, vergrößern wir auch den Raum, in dem spirituelle Entwicklung möglich wird.

Intuition
Ajna Chakra – das Stirn-Zentrum
(Stirn, Hinterkopf)

Das Ajna Chakra steht für die reine Wahrnehmung, frei von Einfärbung durch vergangene Eindrücke. Wenn unser Verstand klar ist, kann sich unser intuitives Wissen frei entfalten. Konzentrieren wir uns auf den Punkt zwischen den Augenbrauen, dann stehen wir in Kontakt zu unseren inneren Welten. Das hilft auch unserem Umgang mit dem Partner oder der Partnerin. Wir halten keine alten Geschichten fest, sondern werden visionär – auch was unsere Beziehung und ihre Möglichkeiten angeht.

Spiritualität
Sahasrara Chakra – Das Kronen-Zentrum
(Scheitel, Schädeldecke)

Über dem Scheitel sitzt unsere Verbindung zum Zustand der Einheit. Wenn wir hier ankommen, haben die Ratgeber recht: Es ist egal, wer mit uns auf dem Weg ist. Aber es gibt keine Erleuchtung ohne Herz. Und kein Herz ohne Wurzeln. Es gibt möglicherweise keine Abkürzung zu Gott, als den Weg über das Mensch-Sein und das Miteinander. Wie soll man Gott erkennen, wenn man ihn nicht im Partner oder der Partnerin sehen kann?

Das Patentrezept für gute Beziehungen
Im besten Fall sorgt man also zunächst tatsächlich gut für seine eigenen Wurzeln. Dann ist Raum, Gefühle wahrzunehmen und auszuleben, sich in der Welt zu zeigen und durchzusetzen. Wenn man präsent geworden ist, kann man Liebe schenken anstatt sie zu fordern, und durch die eigene liebevolle Kommunikation auch andere Menschen bereichern. Wenn wir uns auf diese Weise um die Außenwelt gekümmert haben, wird schließlich der Weg nach innen offen.

Meditation in Kurzform
Gibt es zur Zeit Auseinandersetzungen in der Partnerschaft? Wenn wir uns angegriffen oder unsicher fühlen, atmen wir erst bewusst zum unteren Ende der Wirbelsäule. Das bringt erst einmal Stabilität. Überwältigende Gefühle werden durch Atmung in den Beckenraum harmonisiert. Möchten wir uns selbst behaupten, konzentrieren wir uns auf den Bauch. Dann erst wird der Weg zum Herz frei. Wenn wir hier präsent sind, gibt es auch eine neue Qualität in der Kommunikation – und wir verstehen, was unser Partner uns auf seine eigene, vielleicht „poetische“ Weise sagen wollte. Der Physiker Werner Heisenberg sagte dazu einmal sehr schön: „Verstehen bedeutet, sich daran zu gewöhnen.“

Üben mit dem Atem
Das Ganze kann in einem Atemzug geschehen. Die sieben Chakras sitzen entlang unserer Wirbelsäule; dem Steißbein, dem Kreuzbein, der Lendenwirbelsäule, der Brustwirbelsäule, der Halswirbelsäule, dem Hinterkopf und der Schädeldecke. Schon während sie diese Worte lesen, hat sie das Wahrnehmen der einzelnen Körperteile auf eine kurze Reise vom unteren Ende der Wirbelsäule zum Scheitel geführt. Dasselbe funktioniert auch auf der Vorderseite des Körpers. Vom Scheitel zur Stirn, zum Hals, zum Herzen, zum Bauch, zu den Geschlechtsorganen und wieder zum unteren Ende der Wirbelsäule. Kombinieren Sie das Wandern der Konzentration auf die Chakras mit dem Atem – und sie spüren ohne jede esoterische Grundausbildung oder übersinnliche Fähigkeiten, wie sie sich selber stabiler und liebevoller fühlen können.

Sitzen Sie stabil und bequem. Atmen Sie tief durch den Beckenboden ein, atmen Sie durch das Herz aus. Indem Sie durch den Beckenboden einatmen, aktivieren Sie das untere Ende ihrer Wirbelsäule und vergrößern automatisch ein inneres Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit für den Moment des Atmens. Der Atem wandert entlang Ihres Sakralzentrums nach oben, ihre Gefühle berührend und positive Emotionen nährend. Aufsteigend zum Solarplexus berühren und stärken Sie mit dem Atem ihren Selbstwert. Mit der Ausatmung durch das Herz stärken Sie Ihre Bewusstheit für Ihre eigene Kraft, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind.

Gemeinsam auf dem Weg
In Momenten, in denen wir alleine sind, lernen wir mit Yoga unseren Körper und unsere Gefühle kennen. Dann haben wir eine gute Landkarte für den Beziehungsdschungel. Denn: Dass unser Partner uns glücklich macht, können wir vergessen. Wir selbst können das aber immer wieder tun, und brauchen dazu tatsächlich nicht viel mehr als unseren Atem. Danach ist Zeit und Raum für Beziehung. Und das kann man nicht alleine lernen. Deshalb leben wir als Menschen zusammen. Partnerschaft ist in jeder Hinsicht ein Abenteuer, aber es macht so viel Spaß, immer wieder dorthinein zu investieren. Nirgendwo anders wachsen wir – wenn wir gelernt haben, zuerst bei uns selbst zu bleiben – wirklich so intensiv und langfristig. Viel Spaß bei der Zeit allein und zu zweit!

Von Ralf Sturm

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MUDRAS – GESTEN DER GÖTTER

Mudras, die kraftvollen Handgesten aus dem alten Indien, stehen als Symbol für bestimmte Eigenschaften oder Gottheiten und können auch in der heutigen Zeit ein bedeutender Aspekt unserer Yogapraxis sein. Anjali Sriram beherrscht die Kunst der Fingerhaltungen bis ins kleinste Detail – als Tänzerin lernte sie über Jahre hinweg, sich anmutig mit Händen und Körper auszudrücken. Anjali trat auf den Bühnen Indiens, Europas und den USA auf. Seit über 30 Jahren praktiziert sie Yoga und kennt die Zusammenhänge zwischen der indischen Philosophie, Yoga, indischem Tanz und Mudras wie kaum eine andere hierzulande.

YOGA JOURNAL: Anjali, weshalb verwendet man im indischen Tanz Mudras?
Anjali Sriram: Mudras sind Fingerhaltungen, die vor 2000 Jahren in der Natyasastra festgehalten wurden. Das ist eine Art Tanzlehrschrift, die etwa zur gleichen Zeit wie Patanjalis Yoga-Sutren entstand. Dort wird genau beschrieben, wie Mudras ausgeführt werden und wofür man sie benutzt: Es ist wie Vini Yoga für die Hände, eine Art Gebrauchsanweisung. Das Interessante ist, zu wissen, wie ich ein Mudra gebrauche, so dass daraus ein bestimmtes Symbol wird. Ich kann zum Beispiel mit dem Hand-Mudra „Alapadma“ den Mond darstellen. Oder ich kann das „Lotus“-Mudra verwenden, um „Liebe“ auszudrücken. Dabei handelt es sich um eine Symbolik, die für etwas ganz Bestimmtes steht – eine verschlüsselte Aussage. Mudras stehen immer als Symbol für bestimmte Werte. In Indien waren Mudras schon immer deshalb so wichtig, weil man durch die verschiedenen Mudras Götter erkennt. Wir wissen beispielsweise, wer Shiva, Brahma, Vishnu oder Durga ist, indem wir uns die Hände ansehen. Genauer gesagt, drücken die Mudras das aus, was die Götter darstellen: bestimmte Energien und Kräfte. Durga zum Beispiel steht für Stärke, Feuer, Zerstörung und Reinigung. Und diese einzelnen Eigenschaften werden in Mudras ausgedrückt.

Kann man, wenn man in der Meditation ein Mudra über einen längeren Zeitraum hält, bestimmte Eigenschaften kultivieren?
Genau. Wenn man das Mudra der Kreation hält, möchte man in den Zustand der Kreativität gelangen. Wenn man das Mudra des Empfangens hält, möchte man etwas empfangen, eine geistige Kraft. Beim „Anjali“-Mudra [Die Handflächen werden vor dem Herzen aneinander gelegt, Anm. d. Red.] möchte man beide Körperhälften zusammenbringen, konzentriert sein und sich darbringen. Führt man die Hände weiter nach oben vor die Stirn, symbolisiert man damit, dass man an den Guru denkt, und wenn man sie ganz weit nach oben bringt, an die Ewigkeit. Werden diese Mudras in der Meditation gehalten, möchte man sich mit den Kräften der Mudras verbinden.

In deinem Workshop hast du von der Verbindung der körperlichen mit der mentalen Ebene gesprochen. Wie kommt man über die physische auf die geistige Ebene?
Unser Körper besteht aus verschiedenen Elementen, die besonders stark in unterschiedlichen Bereichen vertreten sind. Unser Kopf mit dem Denken ist unser geistiges Zentrum – das verbinde ich meistens mit dem Element der Luft. Die Brust verbinde ich mit dem Herzen, mit der Energie und mit dem Feuer. Meinen Bauch verbinde ich mit Wasser, sowie mit dem Ausscheiden, Erhalten, Festhalten und der Beweglichkeit. Wenn ich Erdung besitze, bin ich gleichzeitig sehr flexibel – meine Füße verbinde ich mit der Erde, dem Wachstum und dem Aufsteigen. Die Hände bedeuten für mich Kommunikation. Sie sind die Intelligenz meines Wesens. Ich kann mich mit ihnen ausdrücken, greife mit ihnen nach dem Glück, berühre, nehme Kontakt auf und kommuniziere. In Anbetracht dieser Vielfalt können wir die Mudras nicht einfach nur mit den Händen üben, sondern mit Füßen, Bauch, Kopf und Herz unterstützen. Wir müssen alle Elemente und den Leib vereinen – also auch Körper und Geist – um ganzheitlich zu verstehen. Es gibt dazu einen sehr klugen Spruch: „Wohin meine Hand geht, dahin gehen meine Augen. Wohin meine Augen gehen, dahin gehen meine Gedanken. Wohin meine Gedanken gehen, da entsteht Ausdruck. Wo Ausdruck ist, entsteht Rasa.“ [In der indischen Philosophie geht es um Rasa, die Essenz. Gott schöpft, um zu kreieren, aus Rasa; Anm. d. Verf.]

Worauf muss ich achten, wenn ich Mudras ausführe?
Das Mudra ist ganzheitlich, wird also von unserem ganzen Körper getragen. Es ist wichtig, wie die Füße stehen oder wie die Sitzhaltung ist. Die Schultern sollten entspannt sein, wenn wir die Arme weit machen und den Brustkorb öffnen. Ein Mudra, das mit verkrampften Schultern gehalten wird, hat keine Wirkung. (Anjali Sriram arbeitet während des Interviews besonders viel mit Gestik. Jede Handbewegung scheint perfekt auf die jeweilige Aussage abgestimmt.) Jeder Mensch kommuniziert irgendwie mit Gestik, allerdings ist uns oft gar nicht bewusst, was wir eigentlich mit unseren Händen aussagen. Das ist das Interessante, wenn wir mit Mudras arbeiten: dass uns bewusst ist, was wir eigentlich ausdrücken wollen.

Du hast gesagt, dass man beim Ausführen der Mudras zuerst alle Gedanken sammelt und dann leer wird. Wie funktioniert das?
Wichtig ist „Saman“: von sich selbst abzusehen. Nehmen wir ein Beispiel: Ich sehe geradeaus. Ich sehe geradeaus und sehe dich – nicht mich. Ich bin fasziniert von dir, konzentriere mich voll auf dich. Aber viele Leute konzentrieren sich nur darauf, wie sie in diesem Moment auf andere wirken. Ich tue das nicht: In dem Moment, in dem ich dich sehe, interessierst nur du mich. Dies gilt es zu kultivieren: dass wir von uns selbst absehen können und das, was gegenüber ist, aufnehmen. Durch dieses Aufnehmen des anderen bekommen wir Ausdruck. Ich kann beispielsweise zu einem Schmetterling werden, indem ich ihn vor mir sehe. Dabei denke ich nicht: „Ich bin jetzt diese Frau, die Schnupfen hat.“ Ich sehe den Schmetterling und vergesse mich. Durch dieses „Von-sich-Absehen“ kommt man in den Zustand des Bhava [künstlerischer Ausdruck für einen inneren Zustand; Anm. d. Red.]. Parallelen findet man im Yoga beispielsweise in den Zuständen Maitri und Karuna. [Maitri oder Metta (Liebe, Freundlichkeit, Güte) und karuna (Mitgefühl) sind zwei der vier Brahmaviharas, Geisteshaltungen, aus der buddhistischen Ethik; Anm. d. Red.]. Ein Tänzer braucht ein Grund-Bhava. Das heißt: Ich bin immer freundlich. In den Shastras steht geschrieben: „Eine Tänzerin hat ein immer freundlich lächelndes Gesicht.“ Und sie sieht von sich selbst ab.

Wie lenke ich meine Gedanken, damit ein Mudra entsteht?
Zuerst möchte ich die Technik erklären: Wenn ich eine Blüte halte, aber woanders hinsehe, entsteht da bestimmt keine Blüte in meinen Händen. Auge und Hand müssen miteinander in Verbindung stehen. Ich sehe genau hin. Nun kommt die Kontrolle der Gedanken hinzu: Ich möchte das, was ich wirklich denke, ausdrücken. Ich muss fast schon die Blüte riechen und mir ihre Farbe vorstellen können. Und dann kommt der Ausdruck. Ich kann eine Göttin darstellen und mich in sie hineinversetzen, wie fein, edel und mitfühlend sie ist – dann kommt dieser Zustand über mich. Wie ich in dem Moment aussehe, ob ich vielleicht geschminkt bin, ist völlig uninteressant. Das Gefühl der Göttin senkt sich über mich. Das ist Bhava. Tatsache ist, dass ich die technische Voraussetzung benötige, um die Gedanken in etwas hineinzuversenken. Das fehlt beim Üben von Asanas manchmal: Man praktiziert eine Asana und weiß nicht, was man denken soll. Da fehlt eine gewisse Kommunikation. Ich muss konstant an „ausatmen“, „loslassen“, „Leere“ oder „von mir absehen“ denken. Manchmal fehlt die Anleitung, was der Übende jetzt genau denken soll. Denn wenn ich, während ich im Baum stehe und gut balanciere, denke: „Wow, ich kann ja gut stehen“, ist das Ego schon wieder da. Dann ist Yoga vorbei. Erst, wenn ich mit der Asana verschmelze und die Übung fließen lasse, kommt Bhava über mich. Ich muss mein Bein nicht bis zum Himmel strecken können. Ich gehe mit meinem Bein nur so weit in die Höhe, bis ich ein Ende fühle. Von dort aus schicke ich meine Gedanken zum Himmel.

„Mudras sind der Schlüssel zur indischen Philosophie“, heißt es in deiner Kursbeschreibung. Am Ende des Workshops hast du uns gezeigt, dass man tatsächlich ganze Mantras über Mudras ausdrücken kann. Ist das damit gemeint?
Wenn ich vom Schlüssel zur indischen Philosophie spreche, meine ich, dass die Mudras die Kräfte der Götter ausdrücken. Jeder Gott hat eine Philosophie, eine Bedeutung, einen Grund, weshalb er existiert. Saraswati steht zum Beispiel für Lernen, Weisheit, Reinheit und Frieden. Mit Mudras kann ich Saraswati formen und über die Mudras die hinduistische Lehre verstehen. Als die Shastras im Jahr null entstanden sind, waren die Mudras schon eine hochentwickelte Kunst, die man dann in ihnen niedergeschrieben hat. Wir blicken also in ganz alte, archaische, rituelle Zeiten zurück, in denen man mit Mudras gebetet hat. Die Mudras sind ein Symbol für einen Geisteszustand und für das Opfern. Die Priester in Indien opfern den Göttern mit Hilfe von Mudras und kennen die Mudras ebenso wie die Tänzer. Die Mudras sind auch deshalb ein Schlüssel zur indischen Philosophie, weil sie ein Kommunikationsweg zu geistigen Kräften sind.

Heute wird in einigen Büchern beschrieben, dass es bestimmte Mudras gibt, mit denen man zum Beispiel Kopfschmerzen lindern kann.
Es liegt mir fern, Menschen zu kritisieren, die ich gar nicht kenne, oder Schriften, die ich nicht gelesen habe. Aber man muss immer davon ausgehen, dass vieles, was da draußen existiert, stark vereinfacht wurde. Es wurde vereinfacht, um es populär zu machen. Viele lesen das Geschriebene einfach mechanisch und glauben, dass es wirkt. Klar, wenn ich glaube, dass es wirkt, und mich das glücklich macht, hat der Glaube seinen Zweck erfüllt. Der Glaube ist ja unglaublich. Ich glaube nicht, dass es unheilbringend ist, wenn man daran glaubt. Dennoch: Die Dinge werden vereinfacht und damit verlieren sie viel von ihrem Inhalt.

Von Verena Hertlein und Laura Hirch

Verwenden statt verschwenden

Omas Spruch „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ müsste in der heutigen Zeit eigentlich anders lauten. In erster Linie sollte das gegessen werden, was anderenfalls in der Tonne landet. Das ist nämlich meistens durchaus noch genießbar. Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner verkündete erst kürzlich, dass laut einer Studie für das Verbraucherschutzministerium in Deutschland jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Etwa zwei Drittel davon kommen aus privaten Haushalten. Hauptsächlich werfen die Menschen Essen weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist – dabei sind viele Lebensmittel auch nach diesem Zeitpunkt noch vollkommen in Ordnung. Bis die Nahrungsmittel ihren Weg in unseren Kühlschrank finden, müssen sie erst gewisse ästhetische Kontrollen bestehen. Kartoffeln sollen klein und ebenmäßig sein, Äpfel mit einem Durchmesser von weniger als fünf Zentimetern verlassen den Ursprungsort erst gar nicht. Der Regisseur Valentin Thurn hat den weltweiten Umgang mit Lebensmitteln beobachtet und macht in seinem Film „Taste The Waste“ auf die haarsträubenden Ergebnisse aufmerksam. Auf der Suche nach den Ursachen und Verantwortlichen spricht er mit einem Supermarkt-Direktor, einem Bäcker, einem Großmarkt-Inspektor, einem Bauern und einem EU-Politiker. Was er findet, ist ein weltweites System, an dem sich alle beteiligen. Der Filmemacher geht noch einen Schritt weiter und weist nach, dass sich die Verschwendung verheerend auf das Weltklima auswirkt.

Fazit: Ganz ohne erhobenen Zeigefinger zeigt „Taste The Waste“, dass ein weltweites Umdenken stattfindet und dass es viele Menschen gibt, die die irrsinnige Verschwendung zu stoppen versuchen. Erschütternd und doch ermutigend!

Tipp: Auf den OM-Seiten der YOGA JOURNAL-Ausgabe 03/12 stellen wir das Projekt „Dinner Exchange“ vor.

 

Glücksformeln

„Gibt es einen Schlüssel zum Glück? Nein, denn ein Schlüssel würde nur eine Antwort zulassen“, weiß Glücksforscher Prof. Dr. Ed. In „Glücksfomeln“ beleuchtet Regisseurin Larissa Trüby das Glück von allen Seiten: Neben Glücks-Forschern kommen jene zu Wort, die ihren eigenen Weg gefunden haben: Musiker Phillip ist am glücklichsten, wenn er kreativ arbeitet. Bei Abiturientin Janina wirkt das Joggen; die NLP-Trainer Marc und Wiebke visualisieren ihr Glück. Macht, Geld und Äußerlichkeiten, so wird klar, können nur kurzfristig die Stimmung aufhellen. Der Film zeigt: Wir können selbst für unser Glück sorgen – ohne zu erwarten, dass es uns in den Schoß fällt. Glück wird greifbar, machbar, Eine Glücksformel ist, in sich ehrlich zu fragen: Was macht mich wirklich glücklich? Denn am Ende haben wir nur eines: ein Leben. Das sollte so glücklich wie möglich sein. Und wer im Film keine Glücksformel findet, freut sich an den schönen Bildern.

Fazit: „Glücksformeln“ liefert vielleicht nicht die individuell passenden Formeln zum Glück, bringt uns aber auf den richtigen Weg, diese Gleichung zu lösen.

Laura Hirch

„Glücksformeln“ von Larissa Trüby (Universum Film, ca 15 Euro)

Als Vishnu eine Lotusblüte gebar

Asanas und ihre mythische Bedeutung

Am Anfang seines Yogawegs – und manchmal auch viel später – freut man sich, wenn man sich die Sanskrit-Namen der Asanas merken kann, die der Lehrer einen Atemzüge lang einnehmen lässt. Heldenhaft versuchen wir, uns in Virabhadrasana stark und mutig zu fühlen, in Vrikshasana Wurzeln zu schlagen und in Balasana wie ein kleines Kind zu ruhen. Doch die Wirkung der Asana könnte intensiver erfahren werden, würde man deren Bedeutung besser kennen. Hinter jeder Asana und ihrer Bewegung steht der Name einer Gottheit, eines Weisen, eines Tiers. In dem wunderbaren, liebevoll gestalteten „Als Vishnu eine Lotusblüme gebar“ sind diese Geschichten erstmals gesammelt und verkürzt nacherzählt. Das Autorenpaar hat ihr Buch in die vier Kapitel „Haltungen der Yogis“, „Haltungen der Götter“, „Haltungen der Weisen“ und „Tiere & Erde“ unterteilt. Darin erzählen und erklären sie die Mythen, die tiefere, spirituelle Bedeutung von zwei Mudras und 32 Asanas, von Padmasana, dem Lotussitz, bis Shavasana, der Totenhaltung – wodurch diese ganz neue Kraft und Schönheit entfalten. So erinnert uns Virabhadrasana, dass ein heiter-gelassenes Leben durch Freude, Mitgefühl, Glück und Gleichheit erreicht wird. Die Meditation über die Toleranz der Bäume in Vrikshasana hift, selbst toleranter zu werden und Balasana ermutigt zum kindlichen Gottvertrauen. Shiva Rae hat das Vorwort geschrieben, Manorama das zum Schluss.

Fazit: Ein absolut inspirierendes Buch, dessen tiefe Liebe zu Yoga in der deutschen Übersetzung leider ein bisschen verloren ging. Für Yoga-Übende, Yoga-Lehrer und alle, die sich für Mythen und Legenden interessieren.

Stephanie Schönberger

„Als Vishnu eine Lotosblüte gebar – Legenden und Mythen aus dem Yoga“ von Alanna Kaivalya & Arjuna van der Kooij (Südwest Verlag, ca 15 Euro)