Von der Kommune in den Ashram

Für den Dokumentarfilm „Good Luck Finding Yourself“, reisten die 1968er-Ikonen Jutta Winkelmann (†23.02.17) und Rainer Langhans nach Indien. Aus einer Extremsituation ihres Lebens entwickelte sich eine spirituelle Suche. 2014 haben wir die beiden zu einem exklusiven Interview getroffen. 

Eine Gruppe älterer Herrschaften reist nach Indien, besucht Sehenswürdigkeiten und Pilgerstätten, ist gesundheitlich fragil und hat mit dem gruppendynamischen Prozess zu kämpfen. Eine ganz normale touristische Erscheinung, würde es sich bei den Protagonisten des Dokumentarfilms „Good Luck Finding Yourself“ nicht um ehemalige Revolutionäre handeln: Jutta Winkelmann, Brigitte Streubel, Christa Ritter und allen voran Rainer Langhans sind legendäre Vertreter einer Idee, die im kollektiven Verständnis mit einer einzigen Jahreszahl beschrieben wird: 1968.

Im Zentrum steht Jutta Winkelmann, die mit ihrer Schwester Gisela Getty für den freiheitlichen Aufbruch und exzessiven Lebensstil dieser Zeit steht. Als „Sirenen der 68er-Revolte“ bezeichnete der „Spiegel“ die aufrührerische Version der Kessler-Zwillinge. Zu den Berühmtheiten, mit denen die Schwestern Kontakt hatten, gehörten Bob Dylan, Leonard Cohen, Patti Smith, Mick Jagger, Dennis Hopper und der Milliardärssohn John Paul Getty III, den Gisela heiratete und dessen Leben von Drogensucht und einer spektakulären, bis heute ungeklärten Entführung überschattet wurde. Sex, Drugs & Rock’n’Roll bestimmten Jutta Winkelmanns Leben, bis sie in den 1970er-Jahren Rainer Langhans begegnete und in München Gründungsmitglied der heute als „Harem“ geläufigen experimentellen Lebensgemeinschaft wurde.
Anlass für ihren im Film dokumentierten Aufbruch nach Indien ist ihre schwere Krebserkrankung, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten lautet die Diagnose „unheilbar“. Mit dieser Krankheit geht Winkelmann gnadenlos um: „Krebs ist Ich-Schwäche, Selbstverleugnung, Autoritätshörigkeit, nicht sein eigenes Leben zu leben und dadurch ständige Überlastung“, schreibt sie auf ihrem Blog. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – diesem Revoluzzer-Slogan gibt Jutta Winkelmann im Film ihres Sohnes Severin Winzenburg eine spirituelle Note.
Beim Treffen in einem Münchner Café dann die Begegnung mit einer vor Lebenskraft sprühenden Persönlichkeit und die Erleichterung: Es geht ihr gut! Unmittelbar nach der Reise hat sie einen Lehrer aus Indien gefunden, mit dem sie fortführen kann, was die Reise auslöste.

YOGA JOURNAL: Jutta, in „Good Luck Finding Yourself“ sprechen Sie mit Rainer Langhans einmal über Autorität. Im Rahmen der 1968er-Bewegung haben Sie diese radikal abgelehnt, der Film begleitet Sie jedoch auf der Suche nach einem spirituellen Meister.
Jutta Winkelmann: Ich suchte nach natürlicher Autorität, deren reine Form man sofort spürt. Für mich kommt sie nicht von jemandem, der dir sagt, was du tun musst, sondern beispielsweise von einem Freund, der Hinweise gibt, es dem anderen aber überlässt, was er nehmen will. Die Variante „du sollst und du musst“, die uns so sehr in unseren deutschen Knochen steckt, konnte unsere Generation nie akzeptieren. „Question authority!“ hat mein alter Freund Timothy Leary gesagt. Und eine gute Autorität lässt sich diese Fragen auch stellen.

Was hat die Reise nach Indien rückblickend bei Ihnen ausgelöst?
Es war eine intensive Reise nach Innen. Natürlich habe ich auch im Außen alles abgegrast – in Ashrams meditiert, in Varanasi Verbrennungszeremonien erlebt, im Ganges gebadet. Ich bin einen Weg des Wissens gegangen, auf dem ich mich fragte: Wer bin ich wirklich? Bin ich diese Jutta, die in Indien herumrennt, oder gibt es da etwas Göttliches in mir, die absolute, reine Seele? Das Wissen darüber, das auf einem solchen Weg allmählich entstehen kann, muss nicht auf einen Lehrer projiziert sein, sondern ist in dir.

Warum Indien?
Auf Sinnsuche durch Indien – was für ein Klischee eigentlich! Als Rainer und mein Sohn Severin mit ihrer Filmidee kamen, spürte ich gleich, dass dieses gleichzeitig schönste und schrecklichste Land für mich der richtige Ort ist, ausgehend vom nahenden Ende meines Lebens ein neues zu beginnen. Also habe ich mich entschlossen, ganz laut aufzuschreien, alles niederzuschreiben, mich filmen zu lassen und den Menschen zu sagen: Das mit dem Sterben ist nicht so einfach. Schaut es euch ganz intensiv an!

Das Gegenteil eines stillen, in sich gekehrten Rückzugs.
Und das Gegenteil von heilig. Ich musste erst ganz ans Ende kommen und viel Wut spüren, was man ja auch im Film sieht. Das Ego macht sich immer zu schnell etwas vor. Aber während ein Teil in die Luft geht, kann der andere es beobachten. Den sehenden Teil zu verstärken, sehe ich als wichtigen Teil des Prozesses. Ich merke nun bereits ein bisschen, dass meine Identifikation mit dem Körper abnimmt, oder vielmehr die Gedanken, die diese Identifikation schaffen. Es gibt da eine wichtigere Instanz.

Es ist Ihnen ein Anliegen, Ihre Erkrankung und die Suche nach Heilung öffentlich zu machen.
Mein Leben war immer sehr öffentlich, das lag im Geist unserer außergewöhnlichen Zeit. Mit meiner Zwillingsschwester Gisela Getty habe ich ein sehr abenteuerliches Leben geführt und viele Welten gesehen. Es geht ja auch weiter, aber auf inneren Pfaden. Als ich vor 40 Jahren Rainer begegnet bin, bekam ich die Möglichkeit, meine Grenzen jenseits der LSD-Erfahrungen zu erweitern. Meine Krankheit ist nun der Durchlauferhitzer zur Erleuchtung. Es ist endgültig Schluss mit Party, aber ich habe ja auch von allem genug gehabt. Was will ich, was kann ich noch wollen? Mit einem Wort: Befreiung.

In ihrer Gemeinschaft mit Rainer sind die intellektuellen, spirituellen und sinnlichen Elemente anders verteilt als in konventionellen Beziehungen. Zudem „teilen“ Sie ihn mit anderen Frauen. Auf welche Weise funktioniert dieses Modell für Sie?
Ein Viertel Rainer reicht mir völlig. Wir sind ja entgegen der Fantasien, die die Bezeichnung „Harem“ immer auslöst, vor allem geistig-seelisch verbunden. Wir sind alle eng befreundet, aber auch eingefleischte Individualisten. Für mich ist derzeit die Verabredung mit dem großen Selbst in mir das Wichtigste. Von allem anderen muss ich mich ohnehin schnellstens lösen.


Die inneren Institutionen

Rainer Langhans InterviewDie Revolution war für ihn immer Privatsache: Vorzeige-Kommunarde Rainer Langhans über den Weg von 1968 nach 2014 – und darüber hinaus.

Mythos 1968: Sie haben die Ereignisse dieser Zeit einmal als „Erleuchtungsschub“ bezeichnet.
Bislang konnte noch niemand wirklich definieren, was rund um das Jahr 1968 wirklich passiert ist. Ich nenne es eine Art globale Ekstase, die jedoch nur sehr unterschiedlich von den Menschen angenommen werden konnte. Teilbereiche wie die Studenten-, Hippie- oder Frauenbewegung, die daraus entstanden sind, empfinde ich lediglich als Ableitungen eines viel größeren Geschehens, das wir mit unserem damaligen Hintergrund einer total unspirituellen Kultur nicht fassen konnten. In unserer Geschichte gab es nichts, was uns beim Umgang mit dieser überwältigenden Erfahrung helfen konnte. Wir haben uns unsere Inspiration aus anderen Sinnsystemen geholt, „ex oriente lux“. Dort haben sich die Dinge weiterentwickelt, bei uns nur der materielle Luxus.

Welche spirituellen Prinzipien haben Sie in der Kommune und später angesprochen?
Spätestens 1968 wussten wir aus der Erfahrung des Nationalsozia­lismus: Unsere bisherige Kultur ist nicht mehr bindend, sondern muss sich von innen heraus ändern. Wir brauchen einen neuen Menschen. „Make love, not war!“ Aber wie macht man das? Die Materialisten dachten natürlich sofort an Sex und haben uns darauf reduziert. Wir, die wir uns zur Kommune 1 verdichteten, dachten an wirkliche Liebe, hatten davon aber keine Ahnung. Unsere Prinzi­pien waren leidenschaftliches Interesse an uns selbst, kein Besitz, alles Teilen und alles Mitteilen. Wir haben unheimlich viel geredet: Über die Revolutionierung des Alltags, des Unbewussten. Wir sind nach innen gegangen, ohne Anleitung oder spirituellen Meister, weil uns zunächst niemand eingefallen ist, der uns hätte helfen können. Wir waren unsere eigenen Meister. Wir sahen aus wie Hippies und wurden von den Leuten auch so genannt, waren aber keinesfalls Aussteiger, die sich in die Natur zurückzogen. Wir waren politisch tätig und wollten den Menschen zeigen, wie sie wirklich sind. Die Kommune war eine Form von Ashram, allerdings nicht im Sinne von Rückzug, sondern aktiv nach außen gewandt. Aus dieser Art von Gemeinschaft entstanden Gedanken, die bis heute weitergehen und auf denen unter anderem die Idee des Internet beruht – ein globales, geistiges Netz, das uns alle vereint.

… das aber durchaus als Macht-, Kontroll- und kapitalistisches Instrument benutzt werden kann.
Das Missverständnis ist immer, dass wir sofort das Paradies haben wollen. Auch wir waren 1968 entsetzt, dass nicht alle gleich vom Kommunengedanken und der Idee des neuen Menschen begeistert waren. Aber natürlich muss alles erst einmal wachsen. Nach dem Supertrip tritt zunächst alles Böse an die Oberfläche, das kennen wir aus der persönlichen Erfahrung von jemandem, der nach innen geht. Zuerst kommst du in die Hölle, die immer da war. Das erkennst du, weil du das andere auch siehst und als Folie nehmen kannst. Diese Dunkelheit kannst du mit innerer Arbeit in Licht verwandeln. Das spielt eine Rolle in der persönlichen Entwicklung, innerhalb von Gruppen bis hin zu ganzen Völkern. Rudi Dutschke wollte den Marsch durch die Institutionen, ich meine die inneren Institutionen. Es braucht Zeit, um mit radikal Neuem umgehen zu lernen.

In „Good Luck Finding Yourself“ begleiten Sie Jutta Winkelmann, die aufgrund ihrer Krankheit durch die Hölle geht und dadurch einen neuen Weg für ihr Leben sucht. Beschleunigt sich der Weg nach innen, wenn der Körper Amok läuft?
Was man zunächst als Hölle empfindet, ist ein geschärfter Blick auf die Realität. Ich verstehe Juttas Krebs als Liebeswelle, die sie extrem stark überschwemmt und ihr aufträgt, die Aufmerksamkeit auf den Körper zu reduzieren und den Geist zu erfahren. Natürlich ist das mehr als schwer. Mir war von Anfang an klar, dass wir nicht nett ins spirituelle Paradies rollen, sondern uns anspruchsvollen gruppendynamischen Prozessen stellen würden. Indien ist innen.

„Ich möchte im Alter nicht jung bleiben, sondern jung werden“, lautet ein Zitat von Ihnen. Verjüngt der spirituelle Weg?
Ich finde, dass ich immer jünger werde. Vorher war ich alt und böse. Jetzt geht es mir besser. Ich werde immer glücklicher.


Rainer Langhans InterviewAufrührer, Gesellschaftskritiker, Kommunarde, Veganer, „Harems“-Hüter, „Dschungelcamp“-Bewohner: Als öffentliche Person hat Rainer Langhans viele Gesichter. Seit Jahrzehnten ist ihm allerdings der innere Weg am wichtigsten. 1972 erlebte er durch den indischen Meister Kirpal Singh die Initiation in Surat Shabd Yoga. Seither widmet sich Langhans intensiv der Meditation und der Theorie der Spiritualität. Der Dokumentarfilm „Good Luck Finding Yourself“ von Severin Winzenburg lief 2014 in den Kinos.

Das neue Standardwerk für Yogalehrer?

Jedem Yogi seine Sequenz: Wenn man sich inzwischen an jeder Ecke so ausgefallene Wünsche wie „Soja-Cappuccino mit Haselnusssirup, wenig Schaum und Caramel-Topping“ erfüllen kann, dann sollte es auch ein Yogabuch geben, das den speziellen Bedürfnissen oder Interessen des Einzelnen gerecht wird. Gibt es jetzt auch: Mark Stephens beschreibt und bebildert in 65 Übungsfolgen, wie kreativ und individuell Yogaunterricht sein kann. Für Schwangere etwa gibt es mehrere spezielle Sequenzen und eine Übungsfolge wendet sich gezielt an Yoganeulinge im ersten Trimester. Aber es werden nicht nur Sequenzen für die verschiedenen Lebensabschnitte oder Chakras beleuchtet. Der renommierte Yogalehrer Mark Stephens geht auch ausführlich auf die Frage ein, wie man als Yogalehrer eine themenbezogene Stunde gestaltet. Richtiges Sequenzieren will sowohl gelernt als auch durchdacht sein. Und das macht es zu einer Wissenschaft. Punktabzug gibt es allerdings für die doch sehr einfache grafische Gestaltung der Buchseiten. (Laura Hirch)

FAZIT // Könnte schon bald das neue Standardwerk für Yogalehrer sein. 

„Yoga-Workouts gestalten“ von Mark Stephens, Riva Verlag, ca. 25 Euro

Danny Paradise über Weisheit, Wurzeln und seine Workshops

Wir haben den international bekannten Ashtanga Yoga-Lehrer Danny Paradise zum Kurzinterview getroffen und mit ihm über Yoga und Schamanismus gesprochen.

Danny Paradise Yoga Munich SessionsName: Danny Paradise
Ort: Überall auf der Welt zuhause
Stil/Tradition: Ashtanga Yoga und die Verbindung von Yoga mit Schamanismus
Meine Lehrer: Die Natur! Gaia ist die beste Lehrerin. Meine ersten Ashtanga-Yogalehrer waren David Williams, Nancy Gilgoff und später Sri K. Pattabhi Jois. Meine Philosophielehrer waren Krishnamurti, Cliff Barber und die Schamanen des Amazonas
Mein Mantra: „Du bist dein eigener Lehrer!“
Website: www.dannyparadise.com

Danny, weshalb unterrichtest du Yoga?
Weil ich Einladungen zum Unterrichten erhalte (lacht). Ich liebe es, meine Sichtweise und Erfahrungen weitergeben zu dürfen. Es ist ein großes Privileg, um die Welt zu reisen und überall Menschen kennenzulernen, die an Freiheit, Selbstverantwortung, Stärkung und Selbstheilung interessiert sind. Diese uralten Praktiken führen Menschen zu einem höheren Bewusstsein und inspirieren sie zugleich, ihren ureigenen Traum zu entdecken und in die Tat umzusetzen. Yoga ist ein Werkzeug, um mit Klarheit, Vitalität und Anmut zu altern und um sich dem Übergang in eine andere Welt mit Frieden und Akzeptanz zu nähern. Ich beobachte das auf der ganzen Welt – und es ist eine schöne und lohnende Erfahrung für mich.

Du kombinierst Yoga mit Schamanismus. Ist das nicht recht ungewöhnlich?
Yogis waren Schamanen – und sind es noch. Das Wort „Schamane“ könnte seinen Ursprung im Sanskrit-Wort „Shram“ haben, was so viel bedeutet wie „Wärme entwickeln, Entsagung praktizieren“. In Indien wurden die ersten Yogis vor rund 2500 Jahren „Shramanas“ genannt. Sie waren wilde, freie Denker, sozusagen Anarchisten, die außerhalb der regulären Gesellschaftsordnung standen. Manche von ihnen waren auch als Berater der Könige tätig. Seit jeher lebten sie in der Natur und standen mit ihr in intuitiver Verbindung. Sie kannten alle Heilpflanzen und die Verwendung von Soma (Anm. d. Red.: Trinität aus Gottheit, Pflanze und Getränk; wichtiger Bestandteil der vedischen Rituale) hatte bestimmt auch einen Einfluss auf die Lehren und Praktiken des Yoga. Diese visionäre Medizin erleichterte die Kontaktaufnahme zur eigenen und zur Großen Seele. In diesem ursprünglichen Sinne war Yoga eine Übertragung aus der Natur auf den menschlichen Geist. Das Verständnis für die Notwendigkeit, Stille, Meditation und Kommunikation mit der eigenen Seele und dem Höheren zu schaffen, wurde über die Jahrtausende von vielen indigenen Völkern und Kulturen erforscht. Die alten Mayas etwa haben im reinsten Sinne Yoga praktiziert, auch wenn sie es nicht so nannten. Sie hatten eine Definition der Kundalini, die angeblich um die 100  000 Jahre alt ist. Sie nannten es ‚Kuthalini‘, aber es ist die gleiche Definition wie in der Welt des Yoga. Die Metapher ist „die schlafende Schlange an der Basis der Wirbelsäule, die erwacht, sobald wir unser volles Bewusstsein erlangen“. Das alles ist Yoga – und Schamanismus …

Und wie können wir uns dieses Wissen heute zunutze machen?
Je disziplinierter wir sind, je reiner wir essen, je einfacher wir leben, denken und handeln, desto mehr tragen wir zu der Fähigkeit bei, mit unserer eigenen Seele in Kontakt zu treten. Wir sind die Natur und wir alle haben eine „Seele der Natur“. Yoga ist eine Reise zurück zur Natur. Unsere natürliche Seele steht im Konflikt mit unserem rationalen Verstand, mit der modernen Welt, dem Lärm, den negativen Nachrichten, dem Medienüberfluss und all den chemischen Giften, denen wir uns tagtäglich aussetzen. Das ist die Quelle vieler Krankheiten und des unfassbaren Ungleichgewichts in unserer heutigen Welt.
Aufgrund der Umweltverschmutzung und durch unsere eigene Fahrlässigkeit haben heute alle bewussten Wesen die Verantwortung, an der Erhaltung und dem Naturschutz mitzuwirken. Am besten beginnt man bei sich selbst. Irgendwann weitet sich der Kreis auf Freunde und Familie aus und erstreckt sich von dort in unsere Gemeinden und am Ende hoffentlich auf die ganze Welt. Mich hat die Erfahrung, die ich in schamanischen Kreisen im brasilianischen Amazonas gemacht habe, sehr geprägt. Dort habe ich irgendwann angefangen, durch schamanische Trance-Zeremonien und das Studium der indigenen spirituellen Lehren die Ursprünge des Yoga zu verstehen. In einem der Bücher, die ich später las, waren Fotos des tibetischen „Schamanischen Yogis“ abgebildet – es ist also durchaus keine Idee, die von mir stammt. Yogis waren immer auch „Schamanen“, die im Kontakt mit der Natur lebten und ihr Wissen aus der Natur empfingen.
Viele Praktiken des Yoga, die jetzt so beliebt und in der ganzen Welt bekannt sind, haben ihren Ursprung in den Forschungen und Lehren des großen Weisen Krishna-macharya. Er studierte sieben Jahre lang zusammen mit seinem Lehrer in einer Höhle in Tibet. Er wurde in eine Familie von Yogis hineingeboren und widmete sein Leben der Weitergabe dieser Lehren. Er transportierte die schamanischen Praktiken direkt von seinem Lehrer hinaus in die Welt.

Wie unterrichtest du und was können die Schüler von dir lernen?
Ich unterrichte eine erweiterte Form der Praxis und des Pranayama aus dem Ashtanga Yoga. Außerdem erforsche ich die Verbindungen zwischen unterschiedlichsten Kulturen und den Lehren des Yoga. Meine Erkenntnisse möchte ich weitergeben, damit die Schüler lernen, wie sie sich durch ihre eigene Kraft heilen und weiter an sich arbeiten können. Für mich persönlich ist die Essenz des Yoga die Verantwortung für sich selbst. Sobald diese Methoden einmal von Grund auf gelernt und verinnerlicht sind, helfen sie dabei, die Unabhängigkeit, Freiheit und persönliche Entwicklung nachhaltig zu stärken. Sie unterstützen einen bei der Erkundung von allem, ohne dass dafür ein Guru, ein Priester oder ein Medium nötig ist. Und die Schüler lernen bei mir, mit Anmut zu altern. Eine regelmäßige Yogapraxis kann die Lebensenergie um Jahre verlängern. Ich halte Yoga für die Wissenschaft der Stärke, Flexibilität und Balance. Es ist die Wissenschaft des Heilens, Atmens, Meditierens, Glücks – und die Wissenschaft des Friedens. All diese Gedanken möchte ich in meinen Unterricht integrieren.

Was ist Weisheit für dich?
Vielleicht ist Weisheit die ständige Erweiterung des Bewusstseins durch Lebenserfahrung – Fähigkeiten wie Intuition, Wahrnehmung und Erkenntnis verfeinern sich. Vielleicht führt uns Weisheit zu einer nie endenden Suche nach Wissen und der Beherrschung des eigenen Lebens … Weisheit ist auch eine individuelle Auseinandersetzung mit alten und bewährten Ideen, die ihre Wurzeln in der mehrere Tausend Jahre alten Geschichte unserer Vorfahren und den von ihnen entdeckten Naturgesetzen haben.

Worum wird es in deinen Workshops auf den Munich Sessions gehen? (Anm. d. Red. Veranstaltung bereits vorbei)
Es wird eine offene Plattform für die Themen sein, die ich schon angesprochen habe. Wir werden über die Wurzeln des klassischen Yoga sprechen, das den Menschen geschenkt wurde, um uns dabei zu helfen, unser Potenzial so gut wie möglich auszuschöpfen. Ich möchte sanft und auf eine nicht dogmatische Art und Weise eine Einführung in das klassische Ashtanga Yoga geben. Meine Motivation ist es, Menschen zu helfen, einen persönlichen Weg in die meditative Praxis zu finden. Für mich sind alle Asanas und ihre Variationen als Vorschläge zu verstehen – und nicht als Dogma. So bleibt Raum für einen spielerischen Umgang in der regelmäßigen Praxis. Ich unterrichte die erste und zweite Serie des Ashtanga Yoga mit Abänderungen und Erweiterungen. Ich möchte die Menschen auch dazu ermutigen, Bio-Landwirtschaft und nachhaltige Energiesysteme in ihren Gemeinden zu unterstützen und ihre Stimme zu erheben, um positive Veränderungen herbeizuführen.

Mantra für Hingabe: N°9

Govinda Jaya Jaya
Gopala Jaya Jaya
Radha-Ramana Hari
Govinda Jaya Jaya

Ehre sei Govinda, Ehre sei Gopala, Ehre sei Hari, der Radha verzaubert. Sieg und Ehre seien Krishna, dem Hirtenjungen, dem göttlichen Kind, dem Liebhaber Radhas – Ehre, Ehre!

Dieses Mantra ist ein zentrales Mantra der Krishna-Bewegung. Es geht um die Liebe zwischen Cowboy und Cowgirl, zwischen Lord Krishna – in der Form des Kuhhirten (Go = Kuh, Inda = Gott, Pala = Beschützer) – und Radha, der bekanntesten aller Gopis (Kuhhirtin). Ramana bedeutet „verzaubern, erfreuen, entzücken“. Hari ist ein Name Krishnas: „der, der alles Leiden nimmt“. Ramanhari ist die göttliche Energie Krishnas, die Radha so verzaubert (unter anderem mit dem Spiel seiner Flöte), dass ihr Geist sich in vollkommener Gotteshingabe auflöst.

Dieses liebliche, freudig im Kirtan gesungene Mantra preist das Göttliche in der schönen Gestalt Krishnas, und zwar in seinem Aspekt als Flöte spielender tanzender Hirtenjunge, der die Menschen des nordindischen Dorfes Gokul einst bezaubert hat. Die klassische Krishna-Legende „Bhagavta Purana“ berichtet, dass die Dorfbewohner nicht wussten, dass Krishna ein Gott ist. Sie wussten nur, dass sie ihn liebten. Eines Nachts, bei Vollmond, vervielfachte Krishna seine Erscheinung und tanzte auf einer Waldlichtung mit allen Milchmägden des Dorfes zugleich. Jedes der Mädchen wurde von selbstsüchtigen Gedanken ergriffen: „Krishna ist mein, er gehört nur mir!“ In diesem Augenblick verschwand der Gott – für alle Mägde außer für Radha. Nur sie hatte ihre begrenzte Erfahrung des Selbst und ihre weltlichen Anliegen völlig vergessen und in der Liebe zu Krishna das Gefühl des Getrenntseins überwunden. Die Geschichte ist eine Allegorie über die Macht der Hingabe, über die Schönheit, die in der Erfahrung liegt, ganz in der Betrachtung des Göttlichen aufzugehen. 

Für mich persönlich war es wichtig zu wissen, was der „gute Hirte“ – den es ja auch im Christentum gibt, man beachte auch die Parallele der Namen Krishna und Christus – als Archetyp bedeutet. Die Kuh mit ihren großen Augen, den Ohren und ihrer großen Zunge steht für die Sinne, Gopala ist demnach „der, welcher die Sinne beschützt“. Für mich ist diese Instanz unser höheres Selbst, unsere Intuition und innere Stimme, die uns zurück auf den Weg führt, wenn wir uns in unseren Sinneswahrnehmungen zu sehr verlieren. Go steht weiter für „Stern, Lichtstrahl, Erde“. Govinda, Gopala ist demnach auch der Gott und Hüter des Lichtstrahls, die himmlischen Energie, die auf die Erde einstrahlt. Hier zeigt sich auch die Beziehung zu dem Wort Krishna selbst. „Na“ als Silbe repräsentiert die Erde, „Kris“, enthalten in Kristall, Krishna und Christus, ist die Qualität des Lichtes an und für sich. Krishna ist Lichtenergie, die auf die Erde kommt, und Gopala der Hüter des Strahls.

Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf dieses höchste Licht, so werden wir verzaubert und die innere Hochzeit beginnt: Die Liebe von Radha zu Krishna ist das Erlöschen aller leidvollen Abhängigkeit von äußeren Sinneswahrnehmungen.


Christopher D. Wallis, von dem dieser Kommentar stammt, ist Sanskrit-Gelehrter an der University of California in Berkeley/USA. 05 – 2010


Foto von Yogendra Singh von Pexels

Klimaschutz: Wie reise ich nachhaltig(er)?

Gerade jetzt, wenn es draußen trüb ist, wollen viele von uns nur noch eines: Ab in die Sonne! Doch die Zeiten ungetrübter Fernreisen sind vorbei, meistens fliegt das schlechte Gewissen mit. Schließlich ist uns allen inzwischen klar: Für unsere Umwelt wäre nicht zu fliegen die bessere Alternative. Reiseanbieter erkennen den Zeitgeist und locken immer mehr Kunden mit einer Klimaspende beim Ticketkauf, um die Emissionen „zu kompensieren“. Mit ein paar Euro Aufschlag soll ein Projekt für Mensch und Umwelt unterstützt und das Gewissen dem Planeten gegenüber beruhigt werden. In den seltensten Fällen erfährt man allerdings, wohin das gespendete Geld eigentlich fließt und ob es überhaupt ankommt.

Anders bei Klimaschutzagenturen: Die stehen mit verschiedenen Reiseveranstaltern in direktem Kontakt. Bucht man dort ein Ticket, geht die Spende an ein konkretes Projekt, wie den Bau eines Brunnens in Afrika oder Indien. Diese Aufschläge sind allerdings deutlich teurer. Denn hier werden nicht nur der reine Co2-Ausstoß des Flugzeugs, sondern auch noch alle anderen durch den Flug entstandenen Schadstoffe, wie Stickoxide, berücksichtigt. Vor schwarzen Schafen ist die Branche allerdings nicht sicher: Nicht bei jeder dieser Agenturen fließt die geleistete Spende zu 100 Prozent in ein entsprechendes Projekt. Stiftung Warentest rät, sich an Projekte zu halten, die mit dem sogenannten Gold-Standard-Label der UN (UNFCCC) ausgezeichnet sind.

Empfehlenswerte Klimaschutzagenturen für nachhaltiges Reisen beispielsweise:


Fotoquelle: Pexels.com

Event-Tipp: VeggieWorld 2014

Es ist wieder soweit: Am 25. und 26. Oktober treffen sich Vegetarier, Veganer und Rohkost-Freunde im Congress Center Düsseldorf, um gemeinsam auf der „VeggieWorld“ die neuesten Veggie-Trends kennenzulernen. Von Matcha-Tee über vegane Käsealternativen bis hin zu tierleidfreien Handtaschen: Über 70 Aussteller präsentieren ihre Produkte – wer jetzt noch zweifelt, dem sei verraten: Es wird auch (Gratis-)Verköstigungen geben. Zudem warten interessante Vorträge und spektakuläre Kochshows auf Sie. Unsere Kollegen vom VEGGIE JOURNAL sind natürlich auch dabei und freuen sich auf Ihren Besuch.

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Alle Infos in Kürze:

Was: VeggieWorld – Die Messe für nachhaltiges Genießen
Wann: 25. – 26. Oktober 2014
Wo: CCD. Congress Center Düsseldorf

Hier finden Sie weitere Informationen zum Programm, den Tickets und zur Anfahrt.

Prof. Dr. Martin Mittwede

Prof. Dr. Martin Mittwede, Indologe und Religionswissenschaftler, lehrt an der Universität Frankfurt/Main und habilitierte mit einem Forschungsprojekt zum Thema Ayurveda. Er verfügt über profundes Wissen in den vedischen Wissenschaften, hat ein ernährungsmedizinisches Curriculum entwickelt und besitzt langjährige Erfahrung in der ärztlichen Fortbildung, u.a. als Studienleiter für Ayurveda-Medizin an der Europäischen Akademie für Ayurveda.

Meine Seite im Web erreichst Du hier.

Christa-Maria Gerigk

Christa-Maria Gerigk übt eine rege Unterrichts- und Ausbildungstätigkeit in den Bereichen Yoga, Reiki, NLP, Bachblüten und spirituell-psychologische Beratung aus. Sie ist Yogalehrerin, Ayurveda-Ernährungs- und -Gesundheitsberaterin und absolvierte ein Studium der Ayurveda-Medizin. Damit verfügt sie über außerordentliche Kenntnisse, um die rationalen und spirituellen Behandlungsformen des Ayurveda praxisbezogen zu vermitteln und durch tiefe Prozesse der eigenen Selbsterfahrung zur reifen Therapeutenpersönlichkeit zu führen.