Gelebte Utopien

In ihrer Fotoarbeit „Holon“ porträtiert die Kölner Fotografin Malwine Rafalski radikale Individualisten, die jedoch eines verbindet: die Sehnsucht nach größerer Verbundenheit mit dem Leben.

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
(Henry David Thoreau, Walden)

Tief leben und alles, was nicht Leben ist, in die Flucht schlagen: Das wollen auch die Protagonisten der Foto-Serie „Holon“ von Malwine Rafalski. Sie widerstehen den Verlockungen der Gesellschaft und des Wohlstands – ein verbreiteter Traum, den aber nur wenige konsequent verwirklichen. Der Titel ihrer an der Fachhochschule Bielefeld entstandenen Diplomarbeit ist ein Begriff aus der Philosophie und beschreibt ein einzelnes Ganzes, das Teil eines anderen, umfassenderen Ganzen ist. Die wesentliche ­Eigenschaft ist jedoch, dass jedes Holon einerseits seine Individualität wahrt und andererseits als integraler ­Bestandteil einer größeren Einheit funktioniert.
In „Holon“ beschäftigt sich die Kölner Fotografin mit gelebten Utopien in Deutschland. Die Menschen auf den Fotos verstehen sich als Individuen, die als Teil der Umwelt für deren Erhalt verantwortlich sind und die physische wie geistige Nähe mit der Natur leben. Damit sind sie in Zeiten der Globalisierung und Technisierung Einzelgänger. Ihr Verständnis von Natur ist von einer diffusen, zutiefst romantischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit geprägt. Ihre tiefe Überzeugung, dass Verbesserung möglich ist, realisieren sie in ökologischen und sozialen Experimenten. Viele dieser Utopien sind zwar denkbar und in vielen Fällen wünschenswert, angesichts der momentanen Realität aber (noch) nicht oder nicht mehr realisierbar. Im Zentrum von Malwine Rafalskis Arbeit stehen demnach besondere Mikrokosmen, deren Bewohner sich dem konventionellen Leben fast vollständig entziehen. Viele von ihnen leben komplett autark, versorgen sich selbst durch den Anbau von Lebensmitteln oder leben ohne Geld, Strom und fließendes Wasser. Sie sind eng mit der Natur verbunden und achten auf sich und ihre Umwelt: Ausgewogene Ernährung, Yoga und Nachhaltigkeit bestimmen ihren Alltag. Damit bieten die außergewöhnlichen Menschen, die sich nicht nur für ihre Umwelt, sondern auch für kreative Heilmethoden einsetzen, ein faszinierendes Lebensmodell. Sie sind im wahrsten Sinne alternativ.


Die Fotografin Malwine Rafalski wurde 1982 im polnischen Tczew geboren. Sie lebt und arbeitet in Köln. „Holon“ und weitere Projekte der Künstlerin finden sich unter www.malwinerafalski.com.

YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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