Love is in the air…

Wenn uns plötzlich die Luft wegbleibt, kann das schon mal Angst machen. Doch manchmal handelt es sich schlicht um Liebe auf den ersten Blick – und zwar nicht unbedingt für einen Menschen …

ES GAB DA MAL DIESE SCHWEDIN, Eija-Riitta Eklöf (1954-2015), die die Berliner Mauer „geheiratet“ hat – und die den 9. November 1989 dem- entsprechend als „größte Tragödie“ ihres Lebens bezeichnete. Sie erfand den Begriff Objektsexualität, auch bekannt als Objektophilie. Betroffene fühlen sich sexuell und romantisch zu unbelebten Dingen hingezogen. Warum ich Ihnen das erzähle? Nun, weil ich zumindest eine etwas weniger schräge Variante des Ganzen nachvollziehen kann, und ich vermute vielen von Ihnen geht es ähnlich: Genauso wie man sich zu manchen Menschen instinktiv hingezogen fühlt, gibt es auch Orte, die, kaum hat man sie erreicht, zu sagen scheinen: „Schön, dass du da bist – hier gehörst du hin.“ Das kann das (mauerlose) Berlin sein, ein einsamer kroatischer Strand, die Kneipe um die Ecke oder ein Yogastudio, in dem Sie sich rundum gut aufgehoben fühlen. Beziehungsweise, um mal ein etwas überstrapaziertes Wort zu benutzen, das hier aber den Kern der Sache trifft: angekommen.

Als ich über das Schwerpunktthema der letzten YJ-Ausgabe – den Atem im Yoga – nachdachte und überlegte, wie ich ihm in meiner Kolumne begegnen könnte, kam mir der Münchner Keller der kleinen Künste in den Sinn, ein Ort, in den ich mich zu Beginn dieses Jahrzehnts verliebt hatte. Dort wurde Kunst verschiedenster Genres und Disziplinen gezeigt und bis zu seiner Schließung im Juli 2016 war er das zweite Zuhause für mich und eine Reihe weiterer, ebenfalls schwer verknallter Menschen. Okay, werden Sie sich vielleicht denken, und was hat das jetzt mit frischer Luft zu tun? Ich komme noch drauf, versprochen! Lachen Sie ruhig, aber zunächst hieß der erste Satz dieses Textes: „Ich hab’s nicht so mit dem Atmen.“ Das klingt natürlich nach ziemlichem Blödsinn, darum kurz zur Erklärung: Im Kopf hatte ich, dass mein „Om“ unter allen Teilnehmern meines Yogakurses das kürzeste ist und mir das lange Zeit irgendwie peinlich war. Sehr unyogisch, dieses olle Vergleichen, ich weiß. Und eben darüber wollte ich schreiben, langweilte mich dabei aber ein bisschen, ließ meine Gedanken schweifen und landete schließlich nostalgisch in besagtem Keller, denn auch hier spielte der Atem eine Rolle. Unser Keller war nämlich kein, wie man es in dieser Stadt womöglich erwarten würde, schick gestylter Kunstclub, sondern ein recht runtergekommenes, verwinkeltes Etwas, das ich in meinem neuen Roman – darin ist der Raum eine ehemalige Fabrik – unter anderem so beschrieb: „Der Schimmel der Wände breitete sich in unseren Atemwegen aus, manchmal hustete ich bis zum Erbrechen.“ Im kommenden Absatz erzählte ich davon, dass wir am Abend der Abschiedsfeier ebendort noch einmal „Liebe atmen“ wollten. Völlig zu Recht wies mich meine Lektorin darauf hin, dass ich weiter oben vom eingeatmeten Schimmel geschrieben hatte, was doch wohl kaum mit Liebe korrespondiere …? Mir war das gar nicht aufgefallen! Denn der Keller hatte mir einerseits das Atmen schwergemacht, doch das wurde überlagert von dem, was er mir gegeben hat: Mut zum Experimentieren. Neue Ideen. Und die zuvor etwas verdrängte Erkenntnis, dass Kunst in mein Leben gehört, wenn ich mich wirklich glücklich und frei fühlen möchte.

Und damit komme ich zum Fazit dieser womöglich etwas verschwurbelten Kolumne: Manch- mal ist das, was uns den Atem raubt, gleichzeitig das, was frischen Wind in unser Leben bringt und uns Flügel verleiht. Sei es nun ein Keller, Lampenfieber, die Angst vor dem Elfmeter oder dem Sprung vom 5-Meter-Brett, die Schönheit eines Moments oder die eines Menschen. Guten „Flug“!

YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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