Yoga People: Dörthe Eickelberg

Wo Wellen Namen haben

Kein Sport, sondern eine Bewegung: Ein großes Anliegen der Surferin und Allround Künstlerin Dörthe Eickelberg sind Frauen auf der noch nicht ganz perfekten Welle.

Als sich der Surfwettbewerb im indischen Chennai zu Ungunsten der 16-jährigen Surferin Aneesha Nayak zu entwickeln droht – den männlichen Teilnehmern wurden die weitaus günstigeren Slots gegeben – ist es um Dörthe Eickelbergs Fassung geschehen. Die Kamera verweilt auf ihrem bestürzten Gesicht und zeigt die Empathie, mit der sie den Wettkampf ihrer Protagonistin verfolgt. Denn Eickelberg ist hier nicht nur Regisseurin, sondern auch selbst Teil des Films. Kurz zuvor eine Szene, in der Aneesha mit ihrem Surfboard unter dem Arm eine Gruppe feixender Männer passiert. Surfen ist in Indien, einem Staat mit 7000 Kilometern Küste, Pionierleistung und oftmals Provokation. Natürlich besonders, wenn es um surfende Frauen geht.

Dass Surferinnen auch in anderen Kulturen eine Männerdomäne erobern, hat die Moderatorin, Impro-Schauspielerin, Kabarettistin und Regisseurin Dörthe Eickelberg in ihrer Doku-Serie „Chicks on Boards“ festgehalten). Das Thema geht ihr sehr nahe, sie empfindet sich als Sprachrohr der von ihr portraitierten Surferinnen aus Südafrika, Gaza, Hawaii und Europa. „Eigentlich ist Surfen eine Ode an das Leben und die Freiheit, eine Anbindung an die Kraft der Natur“, so die aus dem Ruhrgebiet stammende Eickelberg. „Für mich ist es kein Sport, sondern eine Bewegung – an der aber offenbar nicht jeder teilhaben darf.“ Wie viele andere in der Community sucht Eickelberg auf den Wellen („Wir geben ihnen sogar Namen“) nach der idealen Balance. Der Vergleich mit Yoga liegt ihr auf der Zunge: „Ich finde, dass der Weg zur Erleuchtung auch über das Wasser führen kann. Man lernt, sich treiben zu lassen und gleichzeitig wach und achtsam zu sein: Eine Defragmentierung des Hirns.“ In Berlin, wo sie lebt, übt Eickelberg Jivamukti-Yoga, „am liebsten die akrobatischen Haltungen.“ Ihr gef ällt es, sich dabei nicht mit anderen messen zu müssen, sondern die eigenen Grenzen auszuloten und sie gleichzeitig annehmen zu können. Diese Idee trägt auch die Indien-Episode in „Chicks on Boards“. In ihr erzählt Aneesha: „Meine Mutter hat mir beigebracht, mich nicht mit anderen zu vergleichen. Stattdessen soll ich an mir selbst arbeiten.“ Am Schluss verliert sie gegen ihre Freundin und kommentiert: „Ich werde etwas aus dieser Erfahrung lernen.“

Eickelberg erlebte die Erfahrung, die Surfszene im Ursprungsland des Yoga zu beleuchten, als prägend. Als sie auf Einladung des Goethe-Instituts in Südindien Improtheater-Workshops gab, nutzte sie die Gelegenheit, auch den Krishna-Ashram des 67-jährigen Amerikaners Jack Hebnar zu besuchen, besser bekannt als „The Surfing Swami“. Abseits des Ashrams traf sie auf kein gutes Verhältnis zum Meer.

„Viele Inder können nicht schwimmen und nähern sich dem Wasser nur, um zu fischen oder ihren Hausmüll loszuwerden. Es sind die Yogis aus dem Ashram, die hier die Surflandschaft kartographieren.“ Aber auch hier gehen keine Frauen ins Wasser. Eickelbergs Frage, warum das so ist, weichen die Krishna-Jünger aus.

Ob die junge Inderin, das Mädchen aus Gaza, das bald heiraten wird und das Surfbrett dann an den Nagel hängen muss, oder die coolen weiblichen Surfsocken aus Südafrika, Hawaii und England: Sie alle scheinen sich regelrecht an die bunte, quirlige Eickelberg anzulehnen. In „Chicks on Boards“ verfilmt sie ihre Lebenseinstellung und ihre gesammelten Talente fließen zusammen: diplomatische Moderatorin, kritische Journalistin, Impro-Künstlerin mit Hang zur Clownerei und genau beobachtende Dokumentaristin. Abgesehen davon, dass sie offenbar mühelos auf der ganzen Welt Freundschaften schließen und perfekt in mehreren Sprachen parlieren kann, mutig brisante Fragen stellt (in Gaza fragt sie einen Imam: „Wo steht im Koran, dass Frauen nicht surfen dürfen?“) und sogar auf dem Surfbrett mithalten kann, illustriert die Filmreihe vor allem ihre Überzeugung: „Das Meer kennt keine Grenzen, die werden an Land gemacht. Aber irgendwann hört die Kultur auf, und die Natur übernimmt.“

Yoga im „Paradies“

Foto von Amelie Fried

Vier Frauen, die auf einem Yoga-Retreat statt der erhofften Entspannung eine höllische Achterbahn der Gefühle erleben: (Fast) alles in ihrem neuen Roman „Paradies“ kennt Amelie Fried aus eigener Erfahrung, wie sie im Interview mit YOGA JOURNAL erzählt.

TEXT: CHRISTINA RAFTERY FOTOS: ANNETTE HORNISCHER

Foto von Amelie Fried
Frau Fried, danke für Ihre Zeit, denn Sie sitzen ja quasi auf gepackten Koffern in Richtung „Paradies“: in diesem Fall ein Schreibworkshop mit Yoga auf Formentera. Wird es hier wie im Roman am Ende eine Leiche geben?

Höchstens eine literarische. Meine Yoga­lehrerin und Freundin Inge Schöps, die mich vor etwa sechs Jahren auf einem ihrer Retreats für Yoga begeistern konn­te, wollte einmal etwas mit Creative Writing anbieten. Und da mein Mann Peter Probst und ich schon länger vorhatten, mal einen Schreibworkshop anzubieten, haben wir die Gelegenheit beim Schopf gepackt. Der Flow beim Schreiben und Flow beim Yoga haben ja durchaus einen Zusammenhang.

Die Brücke zum Roman „Paradies“, der in einem Yoga-Retreat spielt, liegt nahe: Auch auf Formentera wird die Gruppendynamik sicher besonders sein.

Die Erwartungshaltung an Retreats ist oft immens hoch, ein Erlösungs­gedanke kommt ins Spiel, daher auch der Romantitel. In den Vorstellungsrunden, an denen ich selbst teilgenommen habe, hörte ich oft: „Ich will den Kopf frei be­kommen“ – also offenbar vor dem fliehen, was das Leben und den Alltag ausmacht oder belastet. Dass eine Woche aber reicht, sich zu orientieren und hinterher zu wissen, wie es weitergeht, empfinde ich als illuso­ risch. Es ändert sich ja nicht gleich alles, nur weil ich mal weg bin und Yoga mache.

Wenn Yoga eher nicht beim Sortieren des Alltags hilft: Welche eigenen Erfahrungen haben Sie selbst mit der Praxis gemacht?

Beim Schreiben handelt es sich ja bekanntermaßen um eine sitzende Tätig­keit, da ist ein körperlicher Ausgleich gut. Ich gehe laufen, und auch Yoga hat sich bewährt, um gesund zu bleiben, mich nicht zu verrenken oder zu blockieren. Aber auch der Zustand des Yoga hilft mir, er ist den Momenten beim Schreiben sehr ähnlich, in denen mein Kopf frei ist und die Gedanken kommen und gehen kön­nen. Wenn sich die Geschichte quasi von selbst und von innen heraus erzählt.

Wie verlief dies im Fall von „Paradies“?

Die Idee ist mir tatsächlich auf der Yogamatte gekommen. Auf einem Retreat habe ich versucht, in Shavasana zu kommen. An diesem Tag ist es mir nicht gelungen, weil mir beunruhigen­ de Bilder des Weltgeschehens durch den Kopf gingen. Den Kontrast habe ich als heftig empfunden: In dieser wunderbaren Umgebung auf der Mat­te zu liegen und den Luxus zu haben, mich nur um mich selbst kümmern zu dürfen, während die Menschen an anderer Stelle mit Krieg, Zerstörung, Flucht und Hunger leben müssen.

„Heilsversprechen machen mich misstrauisch.“

Aus diesem Zwiespalt ist die Figur der „Weltverbesserin“ und Eso-Skeptikerin Suse entstanden. Ja, in der Gegenüberstellung mit ande­ren Protagonistinnen, für die vor allem Wellness das Gebot der Stunde ist. Ich finde jedes Extrem ist problema­ tisch: Menschen, die sich nur um das eigene Wohlbefinden kümmern, und auch diejenigen, die nicht mit ihren Kräften haushalten und sich in blindem Aktionismus nach außen verschleudern. Beides ist keine Lösung. Wir brauchen das Bewusstsein, dass wir alle Verant­ wortung dafür tragen, was in der Welt passiert. Es braucht Balance, um gleich­zeitig in seiner Kraft zu sein und davon abgeben zu können.

Vor einigen Jahren sprachen Sie in einer Kolumne von der „Wohlfühldiktatur“, die Sie unter anderem auch im Umfeld des Yoga beobachten. Natürlich üben wir das vielzitierte „Bei sich selbst Ankommen“. Manchmal scheint es sich aber in der Selbstwahrnehmung zu erschöpfen.

Die richtige Balance dafür zu finden, be­schäftigt mich tatsächlich seit langem. Natürlich sind wir selbst der Ausgangs­punkt für alles, aber es gibt sicherlich Menschen, die ununterbrochen um sich selbst kreisen und das eigene Befinden über alles stellen: „Ist mir zu warm, ist mir zu kalt, bin ich wirklich in meiner Mitte …“ Manchmal kann ich es nicht mehr hören und denke: Blick doch mal wieder hinaus in die Welt. Gerade wenn man älter wird und die Zipperlein zu­ nehmen, muss man aufpassen, dass man es damit nicht übertreibt, sondern sich weiter für andere Menschen und die Welt interessiert. Sonst wird man auch als Ge­sprächspartner langweilig.

Die „esoterischste“ der Figuren, Larissa, die stark an Engel glaubt, ist am Ende ein Fall für die Psychiatrie. Das ist auch ein schmaler Grat …

Die Entwicklung dieses Charakters war in der Tat herausfordernd. In ihrem Engelwahn hat sie mich durchaus zur Satire eingeladen und ich merkte, wie ich sie immer mehr überzeichnete und ihrer Figur nicht mehr gerecht wurde, die durchaus Gutes will: Sich selbst, Erfül­ lung und Sinn finden. Das fand ich in sich in Ordnung, meine Übertreibung nicht. Also beschloss ich: Wenn ich sie zu ei­ nem kranken Menschen mache, kann ich ihre Spinnereien zeigen, aber muss sie als Figur nicht so denunzieren.

Insgesamt sind „Paradies“ und seine Figuren sicher für viele, die sich mit Esoterischem beschäftigen, ein einziges Déjà-Vu. Sehr vertraut ist mir auch der Impuls, manches ironisch zu überspitzen. Was ist es an der „Yogaszene“, das dazu so einlädt?

Das habe ich mich auch schon oft gefragt und kann hier nur für mich sprechen. Ich bin immer misstrauisch, wenn es um Heilsversprechen geht. Oder wenn es darum geht, Verantwortung zu delegieren. Ich finde – mit gewissen Einschränkungen – dass allein der Mensch für das, was er tut, Verantwortung trägt, auch für den Zu­stand der Welt . Ereignisse auf Götter, Schicksal, Erdstrahlung und Chakren zu schieben, widerspricht meiner in­neren Haltung der Verantwortlichkeit.

Einen anderen zutreffenden Text haben Sie amüsant mit „Gärtnern ist das neue Yoga“ betitelt. Wird das Selbstverständliche gerne mal überhöht?

Mir scheint, dass man irgendwie aus al­lem eine Religion machen kann. Meine Art ist das nicht.

Welche Romanfigur aus „Paradies“ ist Ihnen am nächsten?

In allen steckt ein Stück von mir. Als Autorin muss ich meine Figuren so lie­ ben, dass auch die Lesenden Bezug zu ihnen finden. Am ehesten würde ich mich jedoch mit der Hauptfigur Petra verglei­chen, der unauffälligsten, normalsten, ei­ner Ehefrau und Mutter, die ein wenig in ihrer Entwicklung blockiert ist. Ein Bier trinken würde ich vielleicht gern mit der Ex­Prostituierten Jenny, aber eigentlich würde ich am liebsten mit der ganzen Gruppe einen Mädelsabend verbringen.

Die Frauen stehen bei Ihnen ohnehin immer im Vordergrund.

Daher haftet meinen Büchern auch das Etikett des „Frauenromans“ an. Mich interessieren Frauen einfach, mit ihnen kann ich mich identifizieren. Natürlich sind es oft die Männer, die bei den Frauen Handlung auslösen, außerdem wichtige Counterparts für meine Heldinnen. Ich könnte jedoch nicht aus der Männer­ perspektive schreiben.

Übt Ihr Mann Yoga?

Nein, wie die meisten Männer ist er sehr unbeweglich, hat zwar 25 Marathonläufe absolviert, macht Bewegungstraining und Physiotherapie, kommt mit seinen Händen jedoch nicht unter die Knie. Die Krähe kann er – im Gegensatz zu mir – allerdings aus dem Stand.

Unbeweglich? Genau dann wäre Yoga ja eine gute Idee…

Ich weiß, habe ich ihm auch empfohlen. Aber eigentlich ist es auch schön, etwas nur für mich zu haben. Man muss ja nicht alles in der Ehe gemeinsam machen. Soll er doch zur Physiotherapie (lacht).

An dieser Stelle herzlichen Glückwunsch zum unfassbaren 60. Geburtstag. Welches Lebensjahrzehnt hat sie rückblickend bisher am meisten geprägt?

Mit 32 und 35 Kinder habe ich unsere Kinder bekommen, die nun aus dem Haus sind. Das war eindeutig die schöns­ te, intensivste und anstrengendste Zeit meines Lebens. Wir waren beide in Voll­ zeit berufstätig, zwar auf selbständiger Basis und oft in gemeinsamen Projekten, dennoch war ich manchmal am Rand meiner Kräfte. Trotzdem habe ich das Gefühl, alle meine Möglichkeiten inten­siv ausgelebt zu haben und empfinde das als großes Glück. Ich habe meine Kinder aufwachsen sehen, dazu eine Karriere erlebt und öffentliche Anerkennung. Mehr kann man nicht verlangen. Auf alles, was mir das Leben geschenkt hat, kann ich mit großer Dankbarkeit zu­ rück blicken.

Kürzlich haben Sie sogar weitere Ausbildungen als Coach und Mediatorin abgeschlossen. Brauchen Sie als Bestseller-Autorin und gefragte Moderatorin ein weiteres Standbein?

Ach, ich lerne einfach so gerne. Die Kinder waren aus dem Haus, die Fern­ sehtätigkeiten wurden weniger, was si­ cher mit meinem Alter zusammenhängt und völlig okay ist. Plötzlich gab es neue Energie, freie Kapazitäten und Lust auf Neues. Erst dachte ich, zu meiner alten Liebe Psychologie zurückzu­ kommen und noch mal zu studieren, aber so viel Theorie brauche ich nicht mehr. An Mediation und Coaching gefällt mir das Praktische. Ich habe mich auf die Beratung von Menschen in exponierten Positionen und ihren Umgang mit der Öffentlichkeit spezialisiert. Da kann ich aus großer Erfahrung schöpfen.

Beruflicher Neustart mit 60: sehr inspirierend!

Entgegen warnender Stimmen bin ich überzeugt, dass es sich lohnt. In bera­ tenden Berufen ist Lebenserfahrung ein großes Plus. Da wird doch nur die Person ernst genommen, die ausstrahlt, dass sie ein Leben hinter sich hat.

Spielt das auch im Yoga eine Rolle?

Da brauche ich nur an meine 88-­jähri­ge Mutter zu denken, die seit ungefähr 70 Jahren Yoga übt. Sie ist fit wie ein Turnschuh, unglaublich gelenkig und macht Übungen, die ich nicht mehr ma­chen kann. Eine lebende Werbung für Yoga! Und weil sie immer geübt hat, fand ich es natürlich immer blöd. Das Vorur­teil hat gehalten, bis zum erwähnten Retreat mit Inge Schöps. Wir scherzen immer, Inge sei Konrad Lorenz und ich das graue Gänsekind, das ihr folgt – sie ist meine Yoga­ Prägung … Ihr Yoga ist extrem im Leben verankert. Das finde ich gut.


YJ-Redakteurin CHRISTINA RAFTERY fand Amelie Fried schon als Moderatorin von „Live aus
dem Alabama“ super. Daher griff sie sofort zu „Paradies“ (Heyne, ca. Euro) und traf staunend auf „Arschengel“, Tantra versus Porno und viel Tiefgründiges. Falls sie sich jemals an einem Roman versuchen möchte, gibt es, das steht für sie fest, vorher ein Coaching bei Amelie Fried.

Nach einem geisteswissenschaftlichen Studium und einem Dokumentarfilm-Diplom an der Hochschule für Fernsehen und Film München wurde AMELIE FRIED in den 1980er Jahren als Moderatorin von „Live aus dem Alabama“ bekannt. Es folgten die TV-Talks „Live“, „Stern TV“, „3 nach 9“ mit Giovanni di Lorenzo, die Literatursendung „Die Vorleser“, dazu Auszeichnungen mit dem Bambi und dem Grimme-Preis. Mit über vier Millionen verkauften Büchern ist Amelie Fried eine der beliebtesten deutschen Autorinnen sowie eine gefragte Zeitschriften-Kolumnistin. Sie engagiert sich zu Fragen der Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung und ist seit 2010 offizielle Patin des Kinderhospiz Bethel. Sie ist mit dem Drehbuchautor Peter Probst verheiratet.

Ich schaff das schon!

Im Yoga wird manchmal ganz schön viel versprochen und auch andernorts blüht der Markt für Selbstentwicklung. Führt das nicht auch oft dazu, dass wir uns selbst überschätzen? Manchmal ist weniger mehr.

„In dir steckt ein riesiges Potenzial!“ Wenn man manchen Yogalehrern zuhört, dann ist man schon beeindruckt, was noch alles möglich sein soll. Auch außerhalb von Yoga gibt es eine Menge Angebote, die dazu anregen, sich nicht mit kleinen Fortschritten zufrieden zu geben, sondern die ganz großen Ziele anzustreben. Das ist wunderbar, denn wenn das Selbstvertrauen nicht allzu groß ist, neigen wir manchmal dazu, unser inneres Licht nicht strahlen zu lassen. Yoga ruft dazu auf, sein gesamtes Potenzial zu entfalten. Leider ist unser Scheitern dann manchmal genau so grandios wie unsere Idee – und statt zu wachsen, verletzen wir uns.

Das Grundproblem ist nicht neu, das sieht man auch daran, dass schon die Geschichten von den indischen Göttern und Dämonen davon handeln – und die sind Tausende von Jahren alt. Wann haben wir Menschen eigentlich damit angefangen, unser Ego aufzubauen, um besser auszusehen als jemand anderer? In den indischen Mythen sind es in der Regel die Dämonen, die unbedingt ein bestimmtes Ziel erreichen wollen, um sich dadurch zu bestätigen. Leider geht das fast immer schief.

Mahishasura war der Sohn des Königs der Dämonen. Und er wünschte sich – wie alle Dämonen das tun – Unsterblichkeit. Dazu meditierte er lange, um im Gegenzug von den Göttern diesen Wunsch gewährt zu bekommen. Diese Fixierung auf einen bestimmten Wunsch funktioniert in unserem Kopf genau auf die gleiche Weise: Wenn wir ständig über etwas grübeln, dann werden unsere Gedanken immer enger und wir werden sie kaum mehr los. Sie sind dann auch fast „unsterblich“. Doch Gott sei Dank ist nichts unendlich. Mahishasura musste sich also trotz allem eine mögliche Todesursache aussuchen. Er wähnte sich sicher, wenn er nur durch die Hand einer Frau getötet werden könnte. Als dieser Wunsch gewährt war, stellte er seine Armee zusammen und rüstete zum Angriff gegen die Götter. Diese sahen seine Soldaten anmarschieren und baten den mächtigen Shiva um Hilfe. Der ließ nach Brahma und Vishnu senden und gemeinsam zogen sie auf das Schlachtfeld. Die Götter versuchten jeder auf seine Weise, den Dämon zu besiegen. Doch alle Versuche waren umsonst – schließlich konnte Mahishasura ja nur von einer Frau getötet werden. Erst als die Götter alle ihre Kräfte vereinten, erschien aus dem gebündelten Licht Durga, die Muttergöttin, als Verkörperung der gesamten Schöpfung. In rote Seide gehüllt und mit Diamanten umhängt, ihre obere Hälfte die einer Braut, welche die Sinne entzückt und Leben schenkt, ihre untere Hälfte die einer Kriegerin, schwer bewaffnet, um sich zur Wehr zu setzen. Mit dieser Kraft bestieg sie einen Löwen als Reittier und ritt gegen Mahishasuras Palast. Als seine Wachen ihre Schönheit und Kraft beschrieben, setzte sich der tolle Dämon in den Kopf, sie zu verführen und zu seiner Frau zu machen.
Durga zeigte sich trotzdem großzügig und gab Mahishasura noch eine Chance: „Ergib dich den Göttern und ich verschone dich.“ Der Dämon hätte sich jetzt daran erinnern können, dass er durch diese weibliche Hand sterben könnte, aber stattdessen griff er sie an. Er mobilisierte alle seine Kräfte und verwandelte sich in einen wilden Büffel. Doch der Kampf war aussichtslos, er wurde schließlich von Durga enthauptet.

Mahishasura wird manchmal als das Monster des Vergessens bezeichnet. Wann taucht auch in uns so ein kleiner Dämon auf, der uns unsere Grenzen vergessen lässt? Wie oft wird aus dem eigentlich positiven Mantra: „Ich schaff das schon“ ein unrealistisches „Ich schaff das noch, ich will noch mehr“, obwohl wir eigentlich wissen müssten, dass wir am Limit sind? Yoga ruft dazu auf, über alte Grenzen hinauszuwachsen. Aber dazu muss man diese Grenzen erst einmal kennenlernen und bereit sein, sie zunächst anzunehmen. Es hilft nichts, sich in die Vorwärtsbeuge hineinzuziehen, um eine gute Figur zu machen. Wenn man bemerkt, dass es zieht, dann sollte man sich daran erinnern, dass wir alle nur Menschen sind, und akzeptieren, wo dieser Körper gerade steht. Das freut dann auch Durga, die auf uns aufpasst. Denn auch die ist in uns drin. Tatsächlich.

Montags-Mantra: Die Kraft des Gebens

We rise by lifting others. Wir wachsen, wenn wir geben. Tatsächlich sind wir dazu gepolt, mitfühlend und liebenswürdig zu sein. Für unser menschliches Überleben ist es wie eine genetische Notwendigkeit. Geben schafft Vertrauen und Verbindung, kreiert Gemeinschaft und bringt Freude.

Geben wir bedingungslos sind viele erstmal überrascht. Doch genau davon braucht die Welt mehr. Tun wir genau das, pflastern wir den Pfad zu Glück und Friede. Denn von Herzen Geben ist der Schlüssel zum Glück!

Indem wir anderen helfen, erfüllen wir einen Zweck und bringen Bedeutung in unser Leben. Wir lenken den Fokus von materiellen Gütern auf die Menschen und die Beziehungen untereinander. Und genau hier liegt der Ursprung der Freude. In der Großzügigkeit liegen unbegrenzte Möglichkeiten. Geben ist daher ein Gefühl, das nicht nur andere belebt, sondern vor allem uns selbst stärkt und gutes Karma beschert.

Wenn wir anderen helfen, helfen wir uns genauso.

Schönen Wochenstart!

Der Sonnengruß: Kraftvoll & fordernd (Teil 2)

Wenn Sie Vinyasa Flow Yoga üben, dann ist Ihnen diese ambitionierte Variante vielleicht schon vertraut. „Surya Namaskar C“ fügt eine Reihe von typischen Stehhaltungen aus dem Iyengar Yoga in die bekannte Ashtanga-Abfolge „Surya Namaskar B“ ein. Ein vollständiger Sonnengruß besteht jeweils aus der hier gezeigten Reihe mit dem rechten Bein vorn und einem zweiten Durchgang mit dem linken Bein.

Fügen Sie die untenstehenden Haltungen nach dem ersten herabschauenden Hund im Sonnengruß B ein. Nach der „Gedrehten Winkelhaltung“ fahren Sie mit der „Heldenhaltung 1“ und dem Rest des Sonnengrußes B fort. Anschließend die Seiten wechseln.

Surya Namaskar C

VIRABHADRASANA I, Heldenhaltung 1
Aus dem Hund ziehen Sie den rechten Fuß nach vorn und beugen das Knie. Die linke Ferse dreht sich leicht einwärts, sodass Sie das Becken nach vorn ausrichten können. Heben Sie die Arme, strecken Sie den Rumpf lang und ziehen Sie zugleich das Steißbein Richtung Füße.

VIRABHADRASANA II, Heldenhaltung 2
Breiten Sie die Arme in die Waagrechte aus und drehen Sie zugleich den Oberkörper nach links. Heben Sie Beckenboden und unteren Bauch, um mehr Weite in Leisten und Hüften zu ermöglichen und das Becken aufzurichten. Das vordere Knie zeigt zum kleinen Zeh.

UTTHITA PARSHVAKONASANA, Gestreckte seitliche Winkelhaltung
Senken Sie den Rumpf lang gestreckt über das rechte Bein und drehen Sie die Brust himmelwärts. Rechter Arm und rechtes Bein sind gegeneinander geschoben, die linke Flanke ist von der gut verwurzelten Fußaußenkante bis in die Hand lang gestreckt.

UTTHITA TRIKONASANA, Gestrecktes Dreieck
Strecken Sie das rechte Bein und bringen Sie beide Arme in eine senkrechte Position. Vermeiden Sie es, die Knie zu überstrecken, stattdessen aktivieren Sie die Oberschenkel und heben die Kniescheiben. Der Oberkörper ist lang gestreckt, die Brust nach oben gedreht.

ARDHA CHANDRASANA, Halbmond
Beugen Sie das rechte Knie, verlagern Sie das Gewicht aufs rechte Bein und setzen Sie die rechten Fingerspitzen in Verlängerung der Zehen am Boden ab. Dann strecken Sie zugleich das rechte Bein, heben das linke in die Waagrechte und strecken den linken Arm senkrecht nach oben.

PARIVRITTA ARDHA CHANDRASANA, Gedrehter Halmond
Setzen Sie die linken Finger vor den rechten Fuß, richten Sie das Becken parallel zum Boden aus und heben Sie nun den rechten Arm möglichst senkrecht nach oben. Das gehobene Bein ist kraftvoll bis in die Ferse gestreckt, der Fuß weiter gebeugt.

PARIVRITTA TRIKONASANA, Gedrehtes Dreieck
Beugen Sie das Standbein etwas und setzen Sie den linken Fuß ab. In dieser Schrittstellung strecken Sie wieder beide Beine. Wenn möglich setzen Sie die linke Hand an die Außenseite des rechten Fußes. Um das Becken gut auszurichten, ziehen Sie die rechte Hüfte nach hinten und unten.

PARIVRITTA PARSHVAKONASANA, Gedrehte Winkelhaltung
Beugen Sie das rechte Knie bis über das Fußgelenk und schieben Sie den linken Fuß entsprechend weit nach hinten. Bein und Rumpf sind lang gestreckt, Sie bewegen die rechte Hüfte nach hinten und innen und ziehen die Sitzknochen zueinander hin.


Eine allgemeine Einleitung zum Sonnengruß finden Sie hier und eine entlastende, nährende Variante des Sonnengrußes gibt es hier.

Playlist der Woche: Inneres Feuer

Wir sind fast im Februar angekommen, was bedeutet: der Frühling ist gar nicht mal so weit entfernt. Trotzdem kann es die nächsten Wochen nochmal kalt und ungemütlich werden. Umso wichtiger, dass wir uns von innen wärmen. Eine Yogasequenz, die das innere Feuer entfacht, finden Sie dieses Wochenende auf unserer Website. Heute gibt es schon mal die passende Playlist dazu. Viel Spaß damit und stay warm!!

 

Der Sonnengruß: Entlastend & nährend (Teil 1)

In dieser Variante aus dem Vini Yoga liegt der Fokus auf der Atmung und dem Wahrnehmen der im Körper zirkulierenden Energie. Dazu lassen Sie jede Bewegung dem natürlichen Rhythmus Ihrer Atmung folgen. Eine gefaltete Decke unter den Knien und Blöcke helfen Ihnen, auf die individuellen Bedürfnisse des Körpers einzugehen.

Sequenz Teil 1

1
Vajrasana, Donnerkeil Variation
Richten Sie (ggf. mit einer gefalteten Decke) einen bequemen Kniestand ein. Die Arme hängen zunächst seitlich vom Körper, dann schwingen Sie sie mit einer Einatmung über die Seiten lang gestreckt nach oben und legen die Handflächen aneinander.

2
Vajrasana mit Namaskarasana, Donnerkeil-Variation mit Grußhaltung
Ausatmend senken Sie die aneinandergelegten Hände bis auf Höhe Ihres Herzens, senken leicht das Kinn und blicken nach unten.

3
Urdhva Hastasana, Gehobene Arme
Mit der nächsten Einatmung heben Sie die Arme parallel über vorne nach oben. Dabei zeigen die Handflächen zueinander. Die Wirbelsäule wird leicht gestreckt und erhält mehr Länge. Der Blick ist wieder sanft gehoben, die Schultern bleiben möglichst gesenkt.

4
Balasana, Stellung des Kindes
Mit der Ausatmung senken Sie das Becken, so gut bequem es möglich ist, nach hinten auf die Fersen. Gleichzeitig legen Sie Unterarme und Stirn entspannt am Boden ab. Die Arme sind locker gebeugt.

5
Bhujangasana, Kobra
Einatmend gleiten Sie sanft nach vorn in die Bauchlage, setzen die Hände unter den Schultern auf und heben Kopf und Brust in eine sanfte Kobra. Rollen Sie die Schultern nach hinten und unten. Das Steißbein ziehen Sie bewusst Richtung Füße, um den unteren Rücken zu entlasten.

6
Balasana, Stellung des Kindes
Ausatmend nutzen Sie die Kraft des Bauches, um sich aus der Kobra wieder zurück in die Stellung des Kindes zu schieben. Dabei darf sich der untere Rücken sanft runden. Arme und Stirn ruhen entspannt am Boden.

7
Vajrasana, Donnerkeil Variation
Mit der nächsten Einatmung richten Sie sich erneut auf in den Kniestand und beginnen den Zyklus von vorn, indem Sie die Arme über die Seiten nach oben schwingen.


Sequenz Teil 2

A
Anjaneyasana, Tiefer Ausfallschritt
Nachdem Sie sich mit mehreren Zyklen der Haltungen 1 bis 7 gut aufgewärmt haben, ziehen Sie aus dem Kniestand den rechten Fuß nach vorn. Das Knie steht senkrecht über dem Fuß, die Hände links und rechts davon auf dem Boden oder erhöht auf Blöcken, sodass der Rumpf gestreckt ist.

B
Parshvottanasana, Intensive Flankendehnung Variation
Nach vier bis fünf Atemzügen im Ausfallschritt ziehen Sie das Becken nach hinten, strecken das vordere Bein so gut es geht, ziehen die Zehen zur Decke und beugen den Oberkörper sanft nach vorn. Auch hier bleiben Sie vier bis fünf Atemzüge lang.

C
Anjaneyasana, Tiefer Ausfallschritt
Kehren Sie zurück in den tiefen Ausfallschritt. Lassen Sie das Becken nach vorn und unten sinken und spüren Sie die Dehnung in Leiste und Oberschenkel. Wiederholen Sie die Haltungen B und C noch zwei bis drei Mal. Dann wechseln Sie die Seite.

D
Anahatasana, Kniender Hund
Nachdem Sie die vorigen drei Übungen gleichmäßig auf beiden Seiten geübt haben, strecken Sie Rumpf und Arme aus dem Kniestand lang nach vorn in den knienden Hund. Genießen Sie die Streckung der Wirbelsäule, bevor Sie erneut im Atemrhythmus mit dem Zyklus 1 bis 7 beginnen.


Eine allgemeine Einleitung zum Sonnengruß finden Sie hier und eine kraftvolle, fordernde Variante des Sonnengrußes gibt es hier.

Der Sonnengruß – Eine Einleitung

In der kalten Jahreszeit gibt es nur wenige Gelegenheiten Sonnenstrahlen zu tanken. Daher müssen wir uns immer öfter unserer inneren Sonne bewusst werden. Und was bietet sich da besser an als den Sonnengruß zu üben. Doch was hat es damit überhaupt auf sich? 

Ich stehe am vorderen Ende meiner Matte, spüre meinen Körper und die Atmung und weiß: Gleich wird mich der Fluss der vertrauten Bewegungen wieder mit sich davontragen. Ausatmen, Hände aneinanderlegen, einatmen, die Arme heben und meine Körpervorderseite weiten, dann Vorwärtsbeuge, Ausfallschritt, Bretthaltung, Acht-Punkt-Haltung, Kobra, Hund – und so weiter, immerzu so weiter. Ich liebe Surya Namaskar, den Sonnengruß!

Auch wenn er in vielen Yogastunden auf die Funktion eines praktischen Aufwärmprogramms reduziert wird, wissen wir doch alle: Der Sonnengruß ist sehr viel mehr als das. Nicht umsonst heißt er auch „Sonnengebet“: Seine tiefere Bedeutung ist die dankbare Hinwendung sowohl an den großen, leuchtenden Himmelskörper als auch an das spirituelle Licht in uns selbst. „Du grüßt die äußerliche Sonne für ihre lebensspendende Kraft und deine innere Sonne, weil sie Bewusstsein schafft“, erklärt der Yogalehrer und Buchautor Richard Rosen. Dabei kann eine bewusstere Verbindung entstehen zwischen mir selbst als Individuum und dem großen Ganzen des Kosmos, zwischen Materie und Energie. Aber es geht noch viel konkreter: Marianne Vidya Scherer schreibt in ihrem Buch „Sonnenyoga“, dass die traditionelle Vorstellung darin bestand, beim morgendlichen Üben „das strahlende Licht der aufgehenden Sonne sowohl körperlich als auch geistig in sich aufzunehmen“. Im wahrsten Sinne des Wortes also: Sonne tanken!

Zwar weiß niemand so genau, wann Yogis damit begannen, die Sonne mit rituellen Bewegungen zu verehren und wie diese ersten Sonnengrüße überhaupt aussahen, aber für viele steht fest: Die Tradition des Sonnengrußes reicht viele Tausend Jahre zurück und wurzelt in einer rituellen Sonnenanbetung, wie sie in vielen alten Kulturen verbreitet war. Für die Grundform des heute praktizierten Surya Namaskar führt die Spur nach Ansicht der meisten Forscher allerdings „nur“ zurück bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. In einem damals entstandenen Kommentar zur Hatha Yoga Pradipika findet sich der erste schriftliche Nachweis. Konkrete Beschreibungen und Anleitungen wurden sogar erst im 20. Jahrhundert aufgezeichnet – in der Zeit des großen Yogapioniers Krishnamacharya und des Raja von Aundh, die beide überliefertes indisches Wissen auch mit einer westlichen Vorstellung zur „körperlichen Ertüchtigung“ in Verbindung setzten.

Vielleicht ist genau diese Kombination aus traditionell spirituellen und rein physischen Aspekten einer der Gründe dafür, warum der Sonnengruß aus dem modernen Yoga nicht mehr wegzudenken ist: Fast alle seine frühen Protagonisten haben eine oder mehrere Varianten unterrichtet, von Sivananda über B.K.S. Iyengar und Patthabi Jois bis hin zu Dhirendra Brahmachari oder Yogi Bhajan. Entsprechend gibt es Dutzende verschiedene Varianten – und jedes Jahr kommen neue dazu: regenerative Sonnengrüße und akrobatische, stille, behutsame und schweißtreibende. Am bekanntesten und verbreitetsten sind mit Sicherheit die eingangs beschriebene Abfolge von Sivananda und die für Ashtanga Yoga typischen Surya Namaskar A und B nach Patthabi Jois.

Aber egal, ob Sie eine sehr bekannte oder Ihre ganz individuelle Variante üben: Irgendwo entsteht im Lauf der Monate und Jahre eine feine Grenze zwischen wohltuend fließender Routine und völlig unbewusstem Autopiloten-Modus. Dass der einsetzt, merken Sie vielleicht daran, dass Sie spätestens während der dritten Runde in Gedanken Ihre To-do-Liste durchgehen. Um dem vorzubeugen und die Aufmerksamkeit zu halten, kann man das Tempo variieren, man kann verschiedene Intentionen oder Schwerpunkte für die Aufmerksamkeit setzen, zum Beispiel mithilfe von Mantras. Oder man versucht sich ab und zu mal an etwas ganz Neuem.

Der renommierte Ashtanga Yogi Tim Miller fühlte sich nach einem Iyengar-Workshop bei Roger Cole dazu inspiriert, eine typische Abfolge von Stehhaltung aus dem Iyengar Yoga in den ihm vertrauten Ashtanga-Sonnengruß B hineinzuweben. „Ich nenne es Sun Salutation C“, sagt Miller. „Es ist so etwas wie ein Riff in einer Jazz-Improvisation: Die bekannte Struktur von Surya Namaskar B wird immer wieder aufgenommen, aber erweitert durch neue, interessante Elemente.“ Mit seinen anspruchsvollen Gleichgewichts- und Drehhaltungen ist diese Variation sicher eher etwas für erfahrene Yogis – so schnell kommt man hier jedenfalls nicht in den Autopiloten. Unser Model Constanze Witzel hat es ausprobiert und sagt: „Ich mag die Intensität dieses Sonnengrußes sehr – man fühlt sich danach kraftvoll und gestärkt. Außerdem sagt man ja, dass intensive Twists wie diese einen Detox-Effekt haben, und das motiviert mich natürlich noch mehr.“

Dem genau entgegengesetzten Prinzip folgt die Sonnengruß-Variation der Viniyoga-Lehrerin Robin Rothenberg). Als Yogatherapeutin hat sie viel mit Menschen zu tun, die sich erschöpft und kraftlos fühlen. Ihnen bietet sie einen Sonnengruß an, der bewusst nicht zum Auspowern einlädt und stattdessen auf die Verbindung zu einem tiefen, nährenden Atem setzt. Auch bei Schulter- und Armverletzungen oder generell bei instabilen Gelenken (zum Beispiel im Zusammenhang mit hormonellen Umstellungen) kann diese Variante genau das Richtige sein: Sie geht vom Kniestand aus, enthält keine armgestützten Haltungen und entlastet konsequent die Gelenke.

Aber auch wenn Sie am liebsten bei Ihrem vertrauten Sonnengruß bleiben: Erinnern Sie sich ab und zu daran, was er bedeutet, und genießen Sie die Kraft und Vitalität, die er Ihnen jeden Tag aufs Neue schenken kann.


Foto: Jeremy Bishop