Yoga People: Dörthe Eickelberg

Wo Wellen Namen haben

Kein Sport, sondern eine Bewegung: Ein großes Anliegen der Surferin und Allround Künstlerin Dörthe Eickelberg sind Frauen auf der noch nicht ganz perfekten Welle.

Als sich der Surfwettbewerb im indischen Chennai zu Ungunsten der 16-jährigen Surferin Aneesha Nayak zu entwickeln droht – den männlichen Teilnehmern wurden die weitaus günstigeren Slots gegeben – ist es um Dörthe Eickelbergs Fassung geschehen. Die Kamera verweilt auf ihrem bestürzten Gesicht und zeigt die Empathie, mit der sie den Wettkampf ihrer Protagonistin verfolgt. Denn Eickelberg ist hier nicht nur Regisseurin, sondern auch selbst Teil des Films. Kurz zuvor eine Szene, in der Aneesha mit ihrem Surfboard unter dem Arm eine Gruppe feixender Männer passiert. Surfen ist in Indien, einem Staat mit 7000 Kilometern Küste, Pionierleistung und oftmals Provokation. Natürlich besonders, wenn es um surfende Frauen geht.

Dass Surferinnen auch in anderen Kulturen eine Männerdomäne erobern, hat die Moderatorin, Impro-Schauspielerin, Kabarettistin und Regisseurin Dörthe Eickelberg in ihrer Doku-Serie „Chicks on Boards“ festgehalten). Das Thema geht ihr sehr nahe, sie empfindet sich als Sprachrohr der von ihr portraitierten Surferinnen aus Südafrika, Gaza, Hawaii und Europa. „Eigentlich ist Surfen eine Ode an das Leben und die Freiheit, eine Anbindung an die Kraft der Natur“, so die aus dem Ruhrgebiet stammende Eickelberg. „Für mich ist es kein Sport, sondern eine Bewegung – an der aber offenbar nicht jeder teilhaben darf.“ Wie viele andere in der Community sucht Eickelberg auf den Wellen („Wir geben ihnen sogar Namen“) nach der idealen Balance. Der Vergleich mit Yoga liegt ihr auf der Zunge: „Ich finde, dass der Weg zur Erleuchtung auch über das Wasser führen kann. Man lernt, sich treiben zu lassen und gleichzeitig wach und achtsam zu sein: Eine Defragmentierung des Hirns.“ In Berlin, wo sie lebt, übt Eickelberg Jivamukti-Yoga, „am liebsten die akrobatischen Haltungen.“ Ihr gef ällt es, sich dabei nicht mit anderen messen zu müssen, sondern die eigenen Grenzen auszuloten und sie gleichzeitig annehmen zu können. Diese Idee trägt auch die Indien-Episode in „Chicks on Boards“. In ihr erzählt Aneesha: „Meine Mutter hat mir beigebracht, mich nicht mit anderen zu vergleichen. Stattdessen soll ich an mir selbst arbeiten.“ Am Schluss verliert sie gegen ihre Freundin und kommentiert: „Ich werde etwas aus dieser Erfahrung lernen.“

Eickelberg erlebte die Erfahrung, die Surfszene im Ursprungsland des Yoga zu beleuchten, als prägend. Als sie auf Einladung des Goethe-Instituts in Südindien Improtheater-Workshops gab, nutzte sie die Gelegenheit, auch den Krishna-Ashram des 67-jährigen Amerikaners Jack Hebnar zu besuchen, besser bekannt als „The Surfing Swami“. Abseits des Ashrams traf sie auf kein gutes Verhältnis zum Meer.

„Viele Inder können nicht schwimmen und nähern sich dem Wasser nur, um zu fischen oder ihren Hausmüll loszuwerden. Es sind die Yogis aus dem Ashram, die hier die Surflandschaft kartographieren.“ Aber auch hier gehen keine Frauen ins Wasser. Eickelbergs Frage, warum das so ist, weichen die Krishna-Jünger aus.

Ob die junge Inderin, das Mädchen aus Gaza, das bald heiraten wird und das Surfbrett dann an den Nagel hängen muss, oder die coolen weiblichen Surfsocken aus Südafrika, Hawaii und England: Sie alle scheinen sich regelrecht an die bunte, quirlige Eickelberg anzulehnen. In „Chicks on Boards“ verfilmt sie ihre Lebenseinstellung und ihre gesammelten Talente fließen zusammen: diplomatische Moderatorin, kritische Journalistin, Impro-Künstlerin mit Hang zur Clownerei und genau beobachtende Dokumentaristin. Abgesehen davon, dass sie offenbar mühelos auf der ganzen Welt Freundschaften schließen und perfekt in mehreren Sprachen parlieren kann, mutig brisante Fragen stellt (in Gaza fragt sie einen Imam: „Wo steht im Koran, dass Frauen nicht surfen dürfen?“) und sogar auf dem Surfbrett mithalten kann, illustriert die Filmreihe vor allem ihre Überzeugung: „Das Meer kennt keine Grenzen, die werden an Land gemacht. Aber irgendwann hört die Kultur auf, und die Natur übernimmt.“

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