10 Minuten für mehr Energie-Flow am Morgen

Hund_Knie_Yogajournal

Eine energetisierende morgendliche Praxis kann wie ein natürliches Stimulans wirken. Sie macht dich fit für einen produktiven Tag. Vor allem Rückbeugen wecken den Körper auf, dehnen und strecken Wirbelsäule und Hüftgelenke und führen dich von der nächtlichen Erholung in eine energiegeladene Offenheit. So startest du hellwach und voller Energie-Flow in den Tag.

Tipp: Die Sequenz ist passend zum Energie-Flow dynamisch und fordernd. Lass dich deshalb von den Zeitangaben nicht unter Druck setzen und pausiere ruhig mal zwischen den Übungen. Insbesondere kann es wichtig sein, die Handgelenke zwischendurch zu entspannen.

Zur Einstimmung

Strecke zuerst in Balasana (Stellung des Kindes) mit weit geöffneten Knien die Arme nach vorn, atme tief und sammel Energie, um mit den kommenden Bewegungen zu beginnen.

Katze – Kuh

Richte nun den Vierfüßlerstand ein: Die Handgelenke sind unter den Schultern und die Knie unter den Hüften ausgerichtet. Dann beginnst du, die Wirbelsäule rhythmisch zu bewegen. Hierbei sinkt bei jeder Einatmung der Bauch nach unten und du hebst Sitzknochen und Brust. Ausatmend lässt du dann den Kopf und das Steißbein sinken und rundest den Rücken nach oben für die Katze.

Katze_Yogajournal Kuh-Yogajournal

Tisch_Variation_YogajournalTisch, Variation

Ziehe für den Energie-Flow anschließend im Vierfüßlerstand den Bauch Richtung Wirbelsäule. Hebe hier dein rechtes Bein und linken Arm und greife mit der Hand (oder mit Hilfe eines Gurtes) nach dem Fuß. Der Fuß schiebt währenddessen gegen die Hand, du weitest die Brust in eine Rückbeuge mit leichter Drehung und hebst sanft den Kopf. Das erzeugt Hitze und fördert das Gleichgewicht. Danach wechselst du den Vierfüßler die Seiten.

Hund_Knie_YogajournalHund mit Knie zur Nase

Aus dem Vierfüßlerstand kommst du jetzt in den nach unten schauenden Hund. Hebe danach das rechte Bein und strecke es nach hinten, dann rundest du den Rücken und ziehst das Knie zur Nase. Das Becken steht währenddessen tief, der obere Teil der Wirbelsäule ist gehoben, du schmiegst den Oberschenkel zur Brust und schiebst die Hände fest gegen die Unterlage. Über den herabschauenden Hund wechselst du anschließend die Seiten.

Flip Dog, Variation

Aus dem Hund hebst du als nächstes den rechten Arm und den rechten Fuß und drehst dich auf dem linken Fuß, um Rumpf und Becken zur Decke zu wenden. In dieser Haltung setzt du danach den rechten Fuß wieder neben den linken und streckst den rechten Arm hinter den Kopf. Währenddessen bleiben die Füße parallel und drücken fest gegen die Unterlage. Über den Hund wechselst du des Weiteren die Seite.flipdog_Yogajournal

Vasishthasana, seitliches Brett

Aus dem Hund schiebst du dann die Fersen nach rechts und verlagerst das Gewicht auf rechte Hand und rechte Fußaußenkante. Den linken Fuß setzt du dafür auf den rechten oder davor. Aktiviere nun die Oberschenkel, schiebe Hand und Fuß fest gegen die Matte und hebe das Becken. (Wenn das zu wackelig ist, lege das untere Knie ab.) Den linken Arm streckst du anschließend nach oben. Über den Hund wechselst du jetzt die Seiten.

Vasishthasana_Yogajournal

An dieser Stelle kannst du zum Schluss die Praxis mit 3 Minuten in Savasana (Totenstellung) beenden.

Zeiteinteilung

Bleibe in jeder Haltung 10 bis 12 Atemzüge lang (das entspricht etwa 1 Minute). Bei asymmetrischen Haltungen hingegen bleibst du 5 bis 6 Atemzüge lang auf jeder Seite. Dann wiederholst du die gesamte Reihe zwei weitere Male in einer dynamischen Folge, bei der du die einzelnen Asanas jeweils nur einen Atemzug lang hältst.

Du wünscht dir noch mehr Arbeit im Energie-Flow? Dann praktiziere unsere Mini Practice für fließende Energie!

Hilfe, ich fühle zu viel!

Ihre Welt ist lauter und schillernder als die von anderen, ihr Leben übervoll von Eindrücken und ihre Gedankenwelt sprudelnd – kein Wunder, dass sich Hochsensible oftmals überfordert fühlen. Was es mit diesem Phänomen auf sich hat und inwiefern Yoga Betroffenen helfen kann …

„Jetzt hab doch nicht so Hunger!“ „Musst du immer so frieren?“ „Hör doch mal auf, rot zu werden!“ Absurde Vorwürfe? Sicher. Solche Empfindungen und Reaktionen lassen sich eben schwer steuern, darüber herrscht Einigkeit. Was aber ist mit Sätzen wie diesen: „Nimm dir das nicht so zu Herzen!“ „Jetzt übertreibst du aber!“ „Stell dich nicht so an!“ Die sind uns weitaus geläufiger, nicht wahr? Für die 37-jährige Sarah Ollrog gehören sie seit Kindesbeinen dazu, immer wieder hat sie sie gehört und bekam dadurch das Gefühl, irgendwie „falsch“ zu sein, „nicht gut genug“, zumindest aber „anders“ als die anderen, empfindlicher eben, schneller erschöpft, gereizt und überfordert durch Sinneseindrücke und den Umgang mit anderen Menschen. Zwar hatte sie durchaus Freunde, doch das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören blieb – und hatte unter anderem zur Folge, dass ihre Schulnoten maximal durchschnittlich waren: „Aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, habe ich mich im Unterricht viel zu wenig beteiligt.“ Sarah ist hochsensibel und gibt als spiritueller Coach und Mentorin ihre Erfahrungen unter anderem an andere Hochsensible weiter, insbesondere an hochsensible Frauen. Sie alle sind womöglich gar nicht mal so „anders“ wie vermutet – Schätzungen zufolge haben etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine entsprechende Veranlagung, unter anderem auch die norwegische Prinzessin Märtha Louise, die darüber ein Buch geschrieben hat.

Der Begriff Hochsensibilität ist erst gut zwei Jahrzehnte alt und mittlerweile dennoch in aller Munde. Manche Menschen scheinen sich heutzutage gar damit zu schmücken, ob er sie nun tatsächlich betrifft oder nicht. Auch Sarah erwischte sich nach der Entdeckung ihrer eigenen Hochsensibilität dabei, dass sie neben der Erleichterung darüber, endlich zu wissen, was mit ihr los war, auch ein wenig Stolz empfand: „Da war dieses Gefühl, etwas Besonderes im Sinne von ,wertvoll‘ zu sein. Viele Selbstzweifel aufgrund meines ,Andersseins‘ waren plötzlich still. Mittlerweile denke ich über meine Veranlagung gar nicht mehr groß nach, sie gehört einfach zu mir und ich lebe damit.“

Tatsächlich kann sie Fluch und Segen zugleich sein, klingt aber zunächst mal durchaus nach einer Begabung, auch und besonders für Yogis und Yoginis. Denn gerade im Yoga streben wir doch danach, ein feineres Gespür für seelische, körperliche und sinnliche Empfindungen zu bekommen – unsere eigenen und die unseres Umfeldes. Kann es sein, dass Hochsensible da etwas in die Wiege gelegt wurde, was sich andere erst mühsam erarbeiten müssen? Und wenn ja, ist Yoga für diese Menschen überhaupt sinnvoll oder droht irgendwann der Gefühlskollaps vor lauter Spüren, Spüren, Spüren? Dazu später mehr, zunächst soll einmal beleuchtet werden, was es mit diesem geheimnisvollen „Zu-viel-Fühlen“ überhaupt auf sich hat.

„Sie bekam das Gefühl, ‚falsch‘ zu sein, zumindest aber ‚anders‘ als die anderen.“

Umstrittenes Phänomen

Es war die selbst betroffene US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Arthur in den 1990er-Jahren den Begriff „High Sensitivity“ prägte und eine Skala entwickelte, mit der sich die „Sensory Processing Sensitivity“ (SPS) ermitteln ließ, zu Deutsch etwa die „Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse“. Je nachdem, wie Probanden verschiedene Aussagen auf den Grad ihres (Nicht-)Zutreffens bewerteten (zum Beispiel „Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich stark“ oder „Intensive Außenreize wie grelles Licht überwältigen mich“), lagen deren SPS-Werte niedriger oder höher. Menschen mit hohen Werten wiesen dabei bestimmte Gemeinsamkeiten auf, die Aron als Indikatoren für Hochsensibilität betrachtet, die sogenannten DOES (siehe Infokasten auf Seite 75). Ihr Buch „The High Sensitive Person“ (1996) wurde in über 70 Sprachen übersetzt (deutsch „Sind Sie hochsensibel?“) und gilt heute als Standardwerk zum Thema. Zunächst wurden Arons Erkenntnisse in wissenschaftlichen Kreisen zwar eher belächelt – man warf ihr mangelnde Objektivität vor, da ihre Schlussfolgerungen lediglich auf Beobachtungen und Interviews basierten – doch in den kommenden Jahr- zehnten verfeinerte sie ihre Forschung, auch Neurowissenschaftler setzten sich mit der Thematik auseinander und stellten mithilfe der funktionellen Magnetresonanztherapie (fMRT) fest, dass Menschen Reize im Gehirn tatsächlich unterschiedlich verarbeiteten. Nichtsdestotrotz steckt die Erforschung des Phänomens noch immer in den Kinderschuhen, es wird sogar von manchen bestritten, dass es überhaupt existiert. So gilt es zwar als gesichert, dass Menschen unterschiedlich stark empfinden können, doch dass ein besonders geräuschempfindlicher Mensch zugleich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit anfälliger für Licht oder die Emotionen anderer Menschen sei, halten manche Wissenschaftler noch nicht für ausreichend gut belegt. „Die Forschungslage ist äußerst dünn“, urteilt zum Beispiel Jens Asendorpf, Professor für Persönlichkeitpsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Auch Arons Schätzungen (die eingangs genannten 15 bis 20 Prozent) teilen unter ihren Kollegen nicht alle. Nichtsdestotrotz sind Betroffene wie Sarah dankbar dafür, dass es einen Namen gibt für das, was sie da fühlen.

Eine Freundin hatte sie auf die Thematik aufmerksam gemacht und damit Sarahs Leben eine entscheidende Wendung gegeben: „Endlich fühlte ich mich verstanden, ich merkte, dass ich nicht alleine war mit meiner Art zu fühlen. Dass sie sogar ein Geschenk sein kann, weil ich Dinge wahrnehme, die andere übersehen – natürlich auch wunderschöne.“

Hochsensibilität, das gilt es zu betonen, ist keine Krankheit oder Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Mit der Erkenntnis, hochsensibel zu sein, wuchs Sarahs Selbstbewusstsein und damit auch das Bedürfnis, sich um sich selbst zu kümmern. Ein wichtiges Thema dabei: Grenzen zu setzen, es nicht mehr ständig anderen recht machen zu wollen, sondern auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. „Das kann bedeuten, dass ich manche Party-Einladungen absage, weil ich spüre, dass ich Zeit allein zu Hause brauche. Nicht immer fällt mir das leicht, da kommen durchaus Gedanken wie: ,Ach komm, es wäre doch schön, dort hinzugehen, warum machst du es nicht einfach?‘ Aber ich weiß, wie wichtig es ist, dass ich mir Ruhepausen gönne. Und seit ich, was das angeht, mit mir selbst mehr im Reinen bin und mich nicht von einem schlechten Gewissen leiten lasse, wird das viel besser akzeptiert, zumindest von engen Freunden.“ Auch beruflflich wollte die ehemalige Redakteurin weniger fremdbestimmt sein und ihr Leben mehr selbst gestalten. Sie machte sich selbstständig, verdient ihr Geld zwar unter anderem weiter mit Schreiben, widmet sich aber mehr und mehr auch ihrer zweiten Leidenschaft, der Spiritualität. In ihren Beratungen und Coachings unterstützt sie Menschen auf ihrem Weg und hilft ihnen, sich energetisch so abzugrenzen und für sich selbst einzustehen, dass sie gestärkt, freudig und dankbar durchs Leben gehen können, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten inklusive.

Wenn man so will, ist Sarah eine „typische“ Hochsensible – offen und herzlich, aber tendenziell introvertiert mit einem hohen Bedürfnis nach Rückzug. Es gibt aber auch andere Fälle. Am Rande sei hier erwähnt, dass die meisten Menschen „ambivertiert“ sind, also sowohl intro- als auch extrovertierte Anteile haben. (Der Deutlichkeit halber benutzen wir an dieser Stelle aber die klare Zweiteilung.) Allein schon die geschätzte, relativ hohe Anzahl von Betroffenen deutet darauf hin, dass es eine große Bandbreite an Persön- lichkeiten gibt, die als Hochsensible gelten, darunter auch solche, denen man es zunächst kaum anmerkt, weil sie eben extrem kommunikativ sind, oft gute Entertainer und ebensolche Zuhörer. Doch so sehr sie die Interaktion mit anderen lieben und brauchen, so sehr erschöpft sie diese auch. Extrovertierte Hochsensible (Elaine Aron zufolge etwa ein Drittel der Betroffenen) laufen besonders schnell Gefahr, „auszubrennen“, unter anderem weil sie sich ihrer Veranlagung oft selbst nicht bewusst sind und in ihrer Sehnsucht nach Begegnung ihr Bedürfnis nach Ruhe und Erholung übersehen – oder überspielen, nach dem Motto „Da stimmt etwas nicht mit mir, andere Kontaktfreudige kriegen das doch auch alles hin.“ Wichtig ist, dass sie die Balance finden zwischen Austausch und Rückzug, was ihnen häufig noch schwerer fällt als introvertierten Hochsensiblen.

„Droht im Yoga der Gefühlskollaps vor lauter Spüren, Spüren, Spüren?“

Balance und Erdung

Und hier kommt wieder Yoga ins Spiel – das für Betroffene, den eingangs genannten Zweifeln zum Trotz, eine große Hilfe sein kann. Nicht so sehr, um feineres Fühlen zu lernen, wohl aber, um mit eben jener in allen Farben schillernden, intensiven Gefühlswelt zurechtzukommen, sie dankbar anzunehmen und in ruhigere Bahnen zu lenken. Wie Yoga generell helfen kann, die eigene Balance zu finden, dazu finden Sie in dieser Ausgabe ganz verschiedene Tipps und Ansätze. Das Thema betrifft bei weitem nicht nur Hochsensible, nicht umsonst haben wir ihm den Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe gewidmet. Sarah erwähnt im Gespräch noch einen weiteren Begriff: Erdung. „Als Hochsensible grüble ich sehr viel, beschäftige mich viel mit meinem Innenleben und dem von anderen, da ist es wichtig, sich regelmäßig auch wieder mit dem eigenen Körper zu verbinden, ein Bewusstsein für ihn zu entwickeln, eben wieder ,in ihm anzukommen‘.“

Und hier schließt sich auch der Kreis zu dem eingangs erwähnten „Ich bin falsch“-Gefühl, das viele Hochsensible kennen, gerade wenn sie sich ihrer eigenen erhöhten Empfindsamkeit noch nicht bewusst sind: Im Yoga gibt es keine „falschen“ Körper oder „falschen“ Seelen. Grenzen wollen erfahren und ausgetestet werden, auch mal ausgereizt und erweitert, aber niemals überschrit- ten. Denn jeder Mensch in seiner Individualität ist ein einzigartiges Wunder, das es zu erfahren gilt – im Miteinander mit anderen, aber immer wieder auch ganz still für sich selbst. Ob Sie nun hochsensibel sind oder nicht, eins ist gewiss: Sie sind richtig und sie sind genug – so, wie Sie sind.

„Yoga hilft, die intensive Gefühlswelt in ruhigere Bahnen zu lenken.“


Als spiritueller Coach und Mentorin unterstützt SARAH OLLROG Menschen, insbesondere Hochsensible, bei der Selbstfindung und steht ihnen in komplizierten Lebenssituationen beratend zur Seite.

sarah-ollrog.de

Carmen Schnitzer hat einen Hang zur Extrovertiertheit und hätte sich selbst daher nie
als hochsensibel bezeichnet. Dann machten sie unabhängig voneinander zwei Freunde auf
den HSP-Test auf zartbesaitet.net aufmerksam: „Könnte dich betreffen.“ Tatsächlich: 212 von 300 Punkten – Hochsensibilität beginnt bei 163.

Dies. Das. Asana – Beschwingter Krieger

Leichtigkeit auch in schwierigen Haltungen zu empfinden, ist ein Leitfaden, der sich durch viele moderne Yogastunden zieht – und der sich (obwohl das oft viel schwieriger ist) auch im Leben widerspiegeln kann. Der beschwingte Krieger macht uns vor, wie diese Balance gelingt.

GORDON SCHIRMER
GORDON SCHIRMER

Der berühmte Vers „Sthira sukham asanam“ aus Patanjalis Yogasutra wird je nach Schule und Tradition etwas verschieden übersetzt. Manchmal heißt es, „Die Körperhaltung sollte stabil und angenehm sein“, dann wieder „Der Sitz ist fest und leicht“. So oder so: Wir werden aufgefordert, nach der Balance zu streben – zwischen knall- hartem Durchziehen (was auch bedeuten kann, für sich einzustehen und nicht klein beizugeben) und einer Weichheit, vor der wir uns manchmal fürchten, da wir meinen, dadurch die Zügel aus der Hand zu geben oder in der Unterspannung zu versacken. Der beschwingte Krieger ist für mich die perfekte Übung, um den Ausgleich dieser Gegensätze einzuüben: Zwar ist die Grundspannung deutlich spürbar, vor allem im vorderen Bein und den Adlerarmen, aber man nimmt auch wahr, dass Verkrampfen ins Ungleichgewicht führt. Stattdessen liegen die Arme wie Wurzeln ineinander und der ruhige, weiche Atem führt Sie in die Leichtigkeit – Lächeln inklusive.

Macht das Spaß?

JA! Da es bei dieser Hybrid-Haltung kaum möglich ist, wie ein gefällter Baum umzufallen, kann man spielerisch mit dem Heben der Ferse und mit den Adlerarmen experimentieren.

Muss ich das können?

NEIN. Der Mix aus Beinkraft und Mo- bilisierung von Schultern und oberem Rücken ist sicher inspirierend, aber natürlich kann man Krieger und Adler auch ganz klassisch einzeln üben.

Was muss ich dafür tun?

Zur Vorbereitung dienen Sonnengrüße, Krieger 2 und einfache Adlerarme im Stehen. Um das Heben der Ferse zu erleichtern, heben und senken Sie beide Fersen ein paarmal aus dem Stand. Das weckt die Kraft der Waden und Oberschenkel und fördert das Bewusstsein für die Bewegung.

Step by Step

  1. Sie beginnen im herabschauenden Hund. Heben Sie mit der Einatmung das rechte Bein und ziehen Sie den Fuß mit der Ausatmung an die Innenseite Ihrer rechten Hand. Mit der nächsten Einatmung richten Sie sich auf und segeln elegant in den Krieger 2, dabei dreht sich der hintere Fuß in die Diagonale.
  2. Vielleicht müssen Sie die Stellung der Füße und die Ausrichtung der Beine noch etwas korrigieren: Der Schritt sollte groß genug sein, dass das tief gebeugte vordere Knie maximal über dem Fußgelenk steht und nicht davor.
  3. Atmen Sie ein und kreuzen Sie den linken über den rechten Oberarm. Wenn möglich, kreuzen Sie auch die Unterarme, sodass sich die Handflächen berühren. Wenn nicht, können Sie einen Yogagurt oder einfach eine Socke zum Greifen benutzen. Atmen Sie tief in den oberen Rücken ein, dabei bewegen sich die Schulterblätter voneinander weg. Ausatmend schieben Sie die Ellenbogen weiter vor und etwas nach oben.
  4. Richten Sie den Blick nach vorne, das erleichtert die Balance. Spüren Sie beide Füße mit gleichem Gewicht auf der Matte.Dann heben Sie langsam die rechte Ferse. Im Bewusstsein Ihrer eigenen Kraft lassen Sie dem Atem freien Lauf und spüren die Leichtigkeit, die er mit sich bringen kann. Sobald diese Leichtigkeit verschwindet (und das Lächeln in ihrem Gesicht erstarrt), lösen Sie die Haltung achtsam auf, fließen durch ein Vinyasa und wiederholen das Ganze auf der anderen Seite.


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    Foto: Gordon Schirmer

Einfach sein

Echtes inneres Gleichgewicht entsteht nicht im Ausgleich zwischen den Extremen, sondern in der Anbindung an einen Zustand der Ganzheit – oder anders gesagt: in dem ebenso banalen wie wunderbaren Gefühl, am Leben zu sein.

DAS LEBEN NIMMT uns mit all seinen Höhen und Tiefen oft so gefangen, dass wir etwas sehr Wesentliches nicht mehr wahrnehmen: die Freude, am Leben zu sein. Damit meine ich einen körperli­ chen und geistigen Zustand, in dem man sich ganz, heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt – frei von dem Bedürfnis, irgendetwas zu verbessern, zu heilen oder überhaupt zu verändern. Meditation ist darauf ausge­legt, genau diesen Zustand herzustellen: Wir machen uns auf, hinter die vielen Ablenkungen zu blicken und das zu er­ fahren, was an uns selbst harmonisch und friedlich ist – und schon immer war. Mit anderen Worten: Wir praktizieren Meditation nicht, um „ganz“ zu werden, sondern um uns mit einer bereits beste­ henden „Ganzheit“ zu verbinden. Ohne diese Verbindung wird man immer das Gefühl haben, es fehle etwas. Gelingt es dagegen, diesen Zugang zu finden, dann erfährt man Gelassenheit und tiefes Wohlempfinden.

Mensch sein

Sie sind von Geburt an mehr als nur eine begrenzte Einzelperson – auch wenn Sie bei sich selbst und gegenüber ihren Mit­ menschen gesunde Grenzen wahren. Ihr tiefster Wesenskern reicht nicht nur über Ihren Körper und Ihre Gedanken hinaus, sondern auch über die Grenzen von Zeit und Raum, er ist angebunden an ein gro­ßes Ganzes. Deshalb können Sie sich zum Beispiel schon als „ganz“ und vollständig empfinden, während Sie weiterhin da­ nach streben, weiser zu werden oder so­ ziale Bindungen aufzubauen. Einfacher gesagt: Ein Gefühl der Erfüllung ist auch dann möglich, wenn Sie sich danach seh­ nen, mehr zu erreichen.

Eine regelmäßige Meditations­praxis hilft Ihnen, dieses Gefühl auch inmitten des Alltags in sich wachzurufen – beim Essen, Reden, Spielen oder Arbei­ ten. Ihre angeborene Ganzheit zu kennen und auch inmitten der alltäglichen Auf­ gaben noch spüren zu können, ist ein Tor zu wirklicher Gesundheit und Lebens­kunst. Die Anbindung an diese Ganzheit hat auch die Kraft, andere angeborene Aspekte Ihrer selbst zum Vorschein zu bringen: Liebe, Güte, Mitgefühl, Freude und inneren Frieden.

Wie geht das?

Eigentlich ist es ganz einfach: Sie begin­nen damit, sich innerlich überhaupt auf diese Ganzheit auszurichten. Der zweite Schritt besteht darin, die universelle Le­benskraft wahrzunehmen, die jedes Atom, jedes Molekül, jede Zelle eines Körpers und des gesamten Kosmos durchdringt. Diese Kraft – wir nennen sie im YogaPrana oder auch Shakti – ist erstaun­ lich sichtbar und Sie sind ein Teil davon! (Vielleicht erinnern Sie sich: In Folge 1 dieser Reihe, das war im Yoga Journal Heft 2/2018, habe ich Shakti eingehend beschrieben.) Im dritten Schritt geht es dann darum, das Gefühl des „Einfach­Seins“ einzuüben und zu nähren.

„Die Freude, am Leben zu sein – ein Zustand, in dem man sich heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt.“

Einfach­-Sein ist ein Gefühl von Präsenz, also Gegenwärtigkeit: Jetzt, hier – und nichts sonst. Sie erleben es, wenn Sie einen Moment lang ganz still werden, wenn Sie zwischen zwei Gedanken, zwei Atemzügen oder zwei Tätigkeiten bewusst innehalten. Es ist das wunderbare Gefühl, das Sie haben, wenn Sie eine Aufgabe er­ ledigt haben, wenn Sie sich etwas Ruhe gönnen und einmal nichts tun müssen. Wenn Sie sich mit einem tiefen, befriedigenden Seufzer zurücklehnen können: „Ahhhh …“ Genau das üben Sie auch in der folgenden Meditation, die es ab 15.1. auf unserer Website gibt.

 

Worte werden zu Bildern

DJAYA ist ein alt-indonesisches Wort und bedeutet Sieg, Erfolg oder Aufblühen. Als gemeinsames Projekt von Yin-Yogalehrerin Tanja Seehofer und dem Musiker Yann Kuhlmann ist DJAYA ein Weg zu tiefem innerem Frieden.

Eure Hintergründe als Yogalehrerin und Komponist sind durchaus verschieden. Was hat euch für DJAYA zusammengeführt?

YK: Wir praktizieren beide seit Jahrzehnten Yoga. Und wir lieben natürlich Musik. Als ich das erste Mal in Tanjas Yin-Yogaklasse kam und ihre besonnene und ergreifende Stimme hörte, bekam ich den Eindruck, dass die Inhalte durch einen speziellen Klangraum noch tiefergehender transportiert werden könnten. So produzierte ich eine erste CD, die Tanja im Unterricht ausprobieren konnte.

Tanja, Yoga gilt als Praxis der Stille und vor DJAYA hast du ohne „Soundtrack“ unterrichtet. Hat sich dein Ansatz durch DJAYA verändert?

TS: Sehr schnell konnte ich feststellen, dass Yanns Musik die Menschen motiviert, noch tiefer in die Haltungen und Meditation zu gehen. Durch die besondere Art der Töne bekommt der Raum zwischen meinen Worten mehr Fülle. Ich kann mittlerweile mit weniger Sprache weit mehr Inhalt transportieren. Worte werden zu Bildern, Aussagen werden zu Erlebnissen. Ich komme mir vor wie in einer 3D-DolbyDigital-Yogastunde (lacht).

Welche Wirkung schreibst du den Klängen zu?

TS: Die ganze Welt ist Klang, Rhythmus, Schwingung, und so wirken auch die Schwingungsfrequenzen im menschlichen Körper auf Knochen, Muskeln, Faszien und die Körperflüssigkeiten. Die- se wohltuende Wirkung bringt uns in ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. So können die Yin-Attribute feiner erlebt und deutlicher zugelassen werden: Vertrauen, Loslassen, Empfangen, Hingabe, Geduld, Spüren – einfach Sein.

Es gibt viele von Musik begleitete Yogaklassen, je nach Stil kann sie verschiedene Funktionen haben. Was ist das Besondere an eurem Konzept?

YK: Es wird schnell deutlich, dass bei DJAYA die Musik keine unterhaltende oder lyrische Funktion hat, geschweige denn als freundliches Hintergrundrauschen eingesetzt wird. Je nach Asana spiele ich ein anderes Instrument, andere Skalen, andere Tempi, abgestimmt auf die Bedeutung und Funktion der Haltung in Bezug auf Chakra, Element und Anatomie. Das hilft dem Geist, aber auch dem Körper, inniger loszulassen und sich der „Aufgabe“ zu stellen. Wenn man da fünf Minuten verknotet am Boden liegt und sich denkt „Was mache ich da nur?“ wirkt die Musik, glaube ich, letztendlich auch sehr tröstlich (beide lachen).

TS: Die Instrumente und Kompositionen haben eine tiefenpsychologische Wirkung. Unser großer Erdton-Gong erinnert zum Beispiel daran, sich selbst zu erden. Die Sitar kann dich in die Höhen des fliegenden Adlers führen. Yann spielt im Prinzip Ostinati, also sich wiederholende, nur allmählich verändernde Musikphrasen, fast wie ein Mantra, so dass es auch mich manchmal ganz schön hineinzieht und ich überlegen muss, wo ich gerade war…(lacht)

Yann, was sind die besonderen Charakteristika der Instrumente, die du bei DJAYA einsetzt? Und welche Wirkungen haben deren spezifische Klänge auf Körper und Geist?

YK: Unsere Instrumente sind gemäß Kammerton A = 432,1 Hz gestimmt, das ist die traditionelle Frequenz des Om. Diese Stimmung entspricht der Frequenz des Erdentones, ihr werden entspannende und heilende Wirkungen nachgesagt. Der Gong hat spannungslösende und kreislaufstärkende Eigenschaften. Das Hackbrett (Santur) perlt wie sanft tropfendes Wasser. Ich habe meines auf eine Yin- und eine Yang-Seite umgebaut, entsprechend verwende ich es beispielsweise gerne für Drehungen. Weiterhin spiele ich in den Sessions unter anderem Sitar, Hand-Pan, Gitarre, Harmonium, Klangschalen, Kontrabass und Klavier, übrigens auch den Synthesizer, der mit seinen Oszillatoren und Filtern außergewöhnlich reiche Ober- und Untertonspektren erzeugen kann.

Inwiefern ist bereits das Spielen der Instrumente eine Praxis?

YK: Das Spielen eines Instrumentes bedeutet Konzentration, Beherrschung des Körpers und Einstimmung des Geistes auf einen Ausdruck, auf eine innere Haltung. Eine sehr spirituelle Angelegenheit, würde ich sagen.

Am 20. Oktober 2018 erschien das neue DJAYA-Album mit detaillierten Yin-Yogainstruktionen, erhältlich unter anderem auf djayayoga.de. Wer eine Live-Session erleben möchte, kann zwischen vielen Festivals und Workshops im deutschsprachigen Raum wählen. Weitere Infos, Termine und Musik finden sich ebenfalls auf djayayoga.de sowie auf YouTube unter „djaya yoga & music“.


FOTO: GORDON SCHIRMER

 

Playlist der Woche: Mindfulness

Mindfulness, oder auf Deutsch: Achtsamkeit. Ein Begriff den wir momentan öfter lesen oder zu hören bekommen – der uns vielleicht sogar schon zu den Ohren rauskommt? Achtsam zu leben ist kein Prozess der schnell umzusetzen ist. Doch wer sich langjährig damit beschäftigt, weiß, dass ihre Wirkung über Entspannung und Konzentration hinausgeht. Nach und nach werden wir mitfühlender – mit andern aber auch mit uns selbst. Das schließt Freundlichkeit, Grosszügigkeit, Toleranz, Offenheit und Mut ein. Wir finden einen Weg aus „Grübelspiralen“ heraus und handeln bewusster.

Unsere Playlist der Woche unterstützt genau diesen Prozess und soll auf dem Weg zu mehr Gelassenheit begleiten. Viel Spaß beim Reinhören.

Wintersport durch Yoga leicht gemacht – Mini Praxis

Wintersport

Viele Skigebiete haben bereits die ersten Opening-Wochenenden veranstaltet. Wie kannst du dich ideal auf die bevorstehende Skisaison vorbereiten? Hier haben wir ein kleines Mini Programm für den Wintersport zusammengestellt. Rüste dich für deine Winter-Abenteuer, indem du Stärke, Selbstvertrauen und Beweglichkeit ankurbelst.

Gutes Team: Yoga und Wintersport

„Ob du nun Ski oder Snowboard fährst. Yoga kann trotz seiner Wurzeln im warmen Indien eine tolle Unterstützung sein, Körper und Geist auf die winterliche Piste vorzubereiten“. Davon ist die Ski- und Yogalehrerin Anne Anderson überzeugt. Nach ihrer Ausbildung zur Kripalu-Yogalehrerin begann sie vor sieben Jahren, yogische Atemtechniken in ihre Skikurse zu integrieren. Der Effekt war verblüffend. Sie bemerkte, dass ihre Schüler*innen auf der Piste souveräner wurden. „Nachdem ich Yoga eingebaut hatte, machten die Schüler*innen viel schneller Fortschritte.“

Heute beinhaltet Andersons Unterricht die „Snowga-Praxis„. Dabei üben die Schüler*innen 15 Minuten lang Meditation, Pranayama und Asanas, bevor sie auf die Bretter steigen. „Wenn man vor dem Skifahren Yoga übt, hat man auf der Piste mehr Spaß. Der Geist wird ruhig und der Körper sanft aufgewärmt. Zudem sinkt dadurch die Anfälligkeit für Zerrungen und Verletzungen rapide.“

Deine kleine Pisten-Praxis

1 & 2: Katze-Kuh und Nadelöhr

Anderson schlägt daher sechs Aufwärmübungen vor, bevor es auf die Piste geht. Die Katze-Kuh-Haltung, um den Rücken aufzuwärmen und anschließend eine Drehung zu jeder Seite für mehr Flexibilität in der Wirbelsäule. (Ohne Bilder).

3: Tadasana – Bergposition

Die Bergposition stärkt das Bewusstsein für die korrekte Körperhaltung und lenkt den Fokus nach innen. Komm in einen hüftbreiten Stand, die großen Zehen parallel. Beuge dann ganz leicht die Knie. So kannst du dein Steißbein zum Boden ziehen. Jetzt öffnest du die Hände nach vorne und dein Blick geht bestimmt aber ohne Anhaftung in den Raum.

Utkatasana gezeichnet Wintersport

4: Utkatasana – Stuhlposition

„Danach“, sagt sie, „solltest du Haltungen üben, die besonders in den Knien und Hüften Kraft aufbauen und deine Balance und Flexibilität verbessern. Utkatasana (Stuhlhaltung) ist unerlässlich. Denn sie bereitet auf die Haltung mit gebeugten Knien und Knöcheln vor. Das ist für Skifahrer die Standardposition. Zudem stärkt sie die Beinmuskulatur, welche wiederum die Knie unterstützt.“

Dafür beugst du aus Tadasana die Knie. Allerdings achtest du darauf, dass deine Knie hinter deine großen Zehen bleiben. Mit der nächsten Einatmung ziehst du deine Arme nach oben. Komm nach einer halben bis ganzen Minute zurück zu Tadasana.

Virabhadrasana I gezeichnet Wintersport

5: Virabhadrasana I

Der Krieger I öffnet die Brust und baut Kraft in den Beinen auf. Dafür machst du mit rechts einen Schritt nach hinten. Dein vorderes Knie ist im 45-Grad-Winkel gebeugt. Das hintere ist mit leicht geöffneter Hüfte gestreckt. Wenn du die Stabilität in deinen Beinen spürst, dann nimm einatmend die Arme wieder gestreckt nach oben. Währenddessen lässt du die ganze Zeit deine starke Mitte aktiv, damit dein unterer Rücken in der Rückbeuge nicht zu sehr strapazier wird.

Virabhadrasana III gezeichnet Wintersport

6: Virabhadrasana III

Der Krieger III verbessert die Balance und kräftigt die Bauchmuskulatur. Aus dem Krieger I lehnst du dich nach vorne. Jetzt hebst das hintere Bein ab. Dabei sind sowohl deine Wirbelsäule als auch deine Arme und dein Bein parallel zum Boden. Achte darauf, dass die Hüfte geschlossen ist. Wechsel nun die Seite und wiederhole Krieger I und III mit dem linken Bein hinten. Jetzt bist du bereit für den Wintersport.

7 Tipps für eine erholsamere Meditation

Seit etwa 5000 vor Christus die Künstler des Indus-Tals ihre berühmte Statue eines gehörnten Gottes in sitzender Meditationshaltung geschnitzt haben, kämpfen Meditierende immer wieder mit der gleichen Herausforderung: Wir setzen uns für die Meditation hin, konzentrieren uns auf den Atem, praktizieren Achtsamkeit oder wiederholen ein Mantra. Wir versuchen, am Gefühl der Einheit festzuhalten. Und dann kommen die Gedanken.

Unaufhaltsam, nicht enden wollend. Wir denken daran, welche Telefonate wir noch zu führen haben, was der Lehrer des Sohnes neulich gesagt hat, was wir gestern mit unserer Schwester besprochen haben. Und dann machen wir uns noch Gedanken darüber, welche Gedanken wir uns gerade machen. „Das soll Meditation sein? Un­möglich. Mein Geist kommt nicht zur Ruhe. Und warum passiert eigentlich nichts?” Das ist eine universelle Erfahrung, wie die Geburt oder das Verlassen des Körpers zum Zeitpunkt des Todes. Auch erfahren­e Meditationsmeister erleben dies. Viele glauben jedoch, dass ein „guter“ Meditie­render niemals von seinen Gedanken da­vongetragen wird. In unserer Vorstellung setzt sich jemand, der wirklich meditiert, einfach hin und zack – befindet er sich in einem Zustand tiefster Stille, dabei ganz und gar mit dem Dasein verhaftet und wie eine goldene Lotusblume aus Licht sanft durch die inneren Sphären schwebend. Doch auch große Meister kämpften mit der Gedankenflut. Ohne Zweifel verbrachte Buddha Stunden damit, mit geschlossenen Augen zu sitzen und sich angesichts des Gedanken­Tsunamis zu fragen, wann sich endlich Fortschritte einstellen würden. Doch während dieses Prozesses lernte er, sich durch diese Gedanken hindurch in die Meditation hineinzubegeben.

Beim Meditieren gelangt man an einen Wendepunkt, wenn man erkennt, dass die Meditation trotz Gedanken weitergehen kann. Das ist nicht leicht zu verdauen, da­her lassen Sie mich diese Erkenntnis wie­derholen: Ihr Geist muss nicht vollkommen zur Ruhe kommen, um in eine Meditation eintauchen zu können. Oft flackern die Ge­danken nämlich auch dann noch weiter über den Bildschirm Ihrer Wahrnehmung, wenn Sie innerlich längst ruhig und ge­erdet sind. Auch wenn sich der Strom der Gedanken verlangsamt, so bleibt häufig ein Hintergrundgeräusch bestehen. Das wird aber nur zum Problem, wenn Sie nicht er­kennen, was Gedanken eigentlich sind und nicht wissen, wie man mit ihnen umgeht. Die Kunst der Meditation liegt größtenteils darin, zu wissen, wie man mit den Gedan­ken arbeitet und diese dann am Ende in der Feinstofflichkeit des Geistes auflöst. Sicherlich ist es nicht die Lösung, die Ge­danken hervortreten zu lassen und zu er­schließen. Die zarte, intelligente Energie, die wir Geist nennen, reagiert nicht wohlge­sonnen auf Schroffheit. Und das aus gutem Grund: Der Geist ist im Wesentlichen nichts anderes als eine mit Gedanken verstopfte Form der reinen Erkenntnis. Letzteres wiederum ist das Ziel der Meditationspra­xis. In den Texten der Yoga Vasishtha der hohen Vedanta heißt es: „Bewusstsein plus Gedanken ergeben den Geist. Bewusstsein ohne Gedanken ergeben Gott.“

Mit Gedanken gefülltes Bewusstsein ist dennoch Bewusstsein. Und das Bewusst­ sein in seiner wahren Natur ist frei, stark und schwer fassbar. Daher reagiert der Geist mit Rebellion, sobald wir versuchen, Gedanken zu unterdrücken oder gar mit Gewalt unsere Aufmerksamkeit an einen bestimmten Punkt lenken zu wollen.


 

Wir haben für Sie 7 Tipps zusammengestellt, mit denen Sie Ihre Meditation verbessern können:

1. Einen angemessenen Sitz finden

Die indische Tradition vergleicht den Geist mit einem König, der noch nicht auf sei­nem rechtmäßigen Thron sitzt. Solange der König seinen rechtmäßigen Platz auf dem Thron nicht eingenommen hat, wird er ru­helos, unzufrieden und sogar streitsüchtig bleiben. Sobald er sich auf einen ihm ange­messenen Platz setzt, wird er ruhig und be­ginnt damit, seine königlichen Qualitäten auszuleben. Der rechtmäßige Sitz des Geistes – und im Grunde der einzige Platz, der ihn befriedigt – ist im Selbst, in der tiefen Wohnstätte des reinen Bewusstseins. Der Geist ist ruhelos, solange er nach dem Thronsaal suchen muss. Er sucht nach dem Ort, wo er seine wahre Größe als Bewusstsein erfahren und leben kann. Unsere Aufgabe beim Meditie­ren ist es einfach, ihm die richtige Richtung zu deuten. Um dem Geist seinen angemessenen Platz zuzuweisen, benötigt man zu gleichen Teilen Strenge, Scharfsinn, Übung und Verständnis. Wenn wir unsere Meditati­onspraxis aufnehmen, werden wir die fol­genden Jahre vermutlich damit verbringen, unseren Geist zum Gegenstand der Medita­tion zu lenken. Sie werden gedanklich etwa tausendmal die Strecke von Ihrem Wohnort nach Paris zurücklegen. Und Sie werden tausendmal Ihre Aufmerksamkeit wieder fokussieren – sachte, leicht und ohne sich abzumühen. Das ist manchmal langweilig und frustrierend, aber es gibt eine Beloh­nung. Nach einer Weile nämlich fängt Ihr Geist an, auf Sie zu hören. Anfangs begibt er sich vielleicht noch auf eine Sightseeing­ Tour durch Paris oder spielt die Beziehung zu Ihrer Mutter noch einmal durch, bevor Sie eingreifen können. Wenn er aber im­mer wieder aufgehalten und zurückge­führt wird, legt er irgendwann nur noch die halbe Strecke nach Paris zurück. Beim nächsten Mal nimmt er sich nur ein Taxi bis zum Flughafen. Und schlussendlich wird er sich nicht weiter als ein paar Ki­lometer entfernen. Wenn Sie dranbleiben, dann wird die Zeit kommen, dass der Geist sich beheimatet fühlt in der Meditation.

Der Fokus ist wie eine Art mentaler Muskel. Wenn er gestärkt wird, indem wir lernen, unsere Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu lenken, so stärken wir automatisch die Fähigkeit, subtile Zustände in der Medi­tation auszuhalten und die inneren Pfade zu erkennen, die uns tiefer hineinführen. Schließlich hat diese Grundübung, sich sel­ber in der Unaufmerksamkeit zu ertappen und den Geist zurückzuführen, Auswir­kungen auf unser gesamtes Leben. Der Geist wird nicht nur stabiler in der Me­ditation, damit Sie sich länger im Raum des Herzens aufhalten oder länger als zwei Mi­nuten in Stille sitzen können – er entwickelt auch eine Fähigkeit, sich richtig auf Dinge zu konzentrieren, wie beispielsweise Auto zu fahren, einen Bericht zu schreiben oder das Golfspielen zu perfektionieren. Wer der Ablenkung widersteht, der wider­ steht der Langeweile, der Sorge oder der Depression, ist mehr geerdet und weni­ger anfällig, von unzähmbaren Fantasien heimgesucht zu werden. Daher können wir ebenso wenig auf diese grundlegende Praxis verzichten, wie ein Sportler auf sein Aufwärmtraining.

2. Sich mit dem inneren Dialog konfrontieren

Ironischerweise verhält es sich so: Wenn wir damit beginnen, ernsthaft zu meditie­ren, dann verhält sich der Geist wie ein läs­tiger Störenfried. Das kann beängstigend sein. Ich kenne Menschen, die nicht mehr meditieren, weil sie es so unangenehm fanden, sich mit dem inneren Dialog zu konfrontieren. „Es ist mir egal, was andere sagen“, erzählte mir ein Mann. „Mein Geist hat sich noch nie so daneben benommen. Die Meditation macht mich nur noch ru­heloser.“ Natürlich war sein Geist nicht ru­heloser geworden. Er hatte nur durch das stille Sitzen erst bemerkt, wie ruhelos sein Geist eigentlich war.

Normalerweise sind wir uns der Intensität unseres inneren Dialogs nicht bewusst. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf die Geschehnisse, die um uns herum pas­ sieren. Wenn wir also nicht ungewöhnlich introvertiert sind, so entziehen sich die wil­ den und verrückten Szenarien in unserem Geist unserer Aufmerksamkeit. Wenn wir uns aber zum Meditieren hinsetzen, dann können wir sie sehen. Neben dem Bewusst­ werden unseres normalen Zustands der Abgelenktheit, erfahren wir etwas, was man samskarisches Abbrennen nennen könnte. Samskaras sind mentale oder emo­tionale Tendenzen, Rückstände unserer ge­wohnheitsmäßigen Gedanken und Gefühle, die wir bereits so oft wiederholt haben, dass sie Spuren in unserem Bewusstsein hinterlassen haben. Das Meditieren löst innere Energien, damit vergrabene Sams­karas ins Bewusstsein dringen können und von der Energie der Bewusstheit, der Kundalini, verbrannt werden. Ich medi­tierte noch nicht sonderlich lange, als mit bewusst wurde, dass meine Morgenmedi­tationen von Verwirrungen vernebelt wa­ren. Zu dem Zeitpunkt lebte ich in einem Ashram mit mehreren hundert Menschen. In dieser Umgebung gab es keine Möglich­keit, mich vor meiner Stimmung zu verste­cken. Endlich fragte ich meinen Guru: „Was muss ich tun, wenn mich die Meditation innerlich aufwühlt und ich gereizt werde?“ „Nicht die Meditation wühlt dich auf“, war seine Antwort. „Die Gereiztheit liegt in dir. Und das Meditieren hilft dir dabei, sie zu erkennen und loszulassen.“

3. Der ganze innere Eintopf

Wir meditieren u.a. deswegen, um wirklich loslassen zu können. Unser Unterbewusst­sein gleicht einem Eintopf, dem falsche Zutaten untergemischt wurden. Diese müs­sen wieder hinaus, anderenfalls drohen die falschen Zutaten unsere kristallklaren Erfahrungen zu blockieren. Durch das Meditieren können vergrabene Gefühle, hinderliche Gedanken und schmerzende Emotionen an die Oberfläche unseres Be­wusstseins gelangen, wo sie erkannt und entfernt werden können. Wenn diese Dinge während des Meditierens auftauchen, ist dies ein Zeichen, dass verwobene Netze der Erinnerung, des Glaubens und der Gefühle bereit sind, sich aus dem System zu lösen. Man braucht sich nicht auf diese Gefühle einzulassen und sie zu analysieren – zu­mindest nicht während des Meditierens. Stattdessen erkennen Sie diese und atmen sie aus. Lassen Sie sie mit einer tiefen Aus­amtung ziehen. Wird Ihre Meditationspra­xis vertieft und stabiler, werden Sie die Kraft haben, sich neben diese Gefühle zu stellen und den Prozess Ihrer inneren Rei­nigung zu erleben? Tatsächlich kann Ihr innerer Beobachter eine Ausgangsposition sein, von der aus diese vergrabenen Ge­fühle geheilt werden können.

4. Loslassen mit Vairagya

In seinem Yoga-­Sutra weist uns Patanjali darauf hin, dass es zwei Aspekte gibt, um den Geist zu beruhigen. Den ersten haben wir bereits diskutiert: Abhyasa oder be­ständiges Üben ist das Bemühen, sich auf ein Objekt zu konzentrieren. Der zweite Teil dieses Prozesses ist Vairagya oder Leiden­schaftslosigkeit. Vairagya hilft, um sich von den Gedanken, Gefühlen und Wünschen zu lösen, die normalerweise unsere Aufmerk­samkeit gefangen halten.

Vor ein paar Jahren hörte ich die Geschichte einer jungen Frau, die an einem Meditations-­Retreat in New York teilnahm. Sie hatte eine Reise nach Japan geplant, und in Gedanken ging sie die Checkliste für ihre Abreise durch: Hatte Sie auch ge­nügend Pullover eingepackt? Sollten sie eventuell doch noch einen Wintermantel mitnehmen? Plötzlich rief sie eine innere Stimme zur Ordnung: „Hör auf damit!“ Er­schrocken ließ sie von ihren Plänen ab und konzentrierte sich auf ihren Atem. Kaum hatte sie sich wieder in den momentanen Augenblick geholt, wurde sie von einer großen Traurigkeit übermannt. Sie dach­te daran, wie viel ihr das Retreat gegeben hatte und wie traurig es sei, dass sie es bald verlassen musste. Dann hörte sie die innere Stimme wieder: „Hör auf damit! Also konzentrierte sie sich wieder auf ihren Atem. Doch die Stimme ließ nicht ab: „Hör auf damit!“ Sie fragte sich: „Womit soll ich aufhören? Was ist gerade meine größte Blockade? Mein Gefühl von Wertlosigkeit? Okay, damit höre ich gerne auf.“ Sie wusste nicht, womit sonst sie hätte aufhören kön­nen. Sie tat einen großen Seufzer – und fiel in eine tiefe Meditation. Es war, als hätte sich ein Meer der Glückseligkeit in ihrem Geist aufgetan. Sie fühlte sich, als würde sie in diesem Meer schwimmen und von den Wellen sanft geschaukelt wurde. „Bitte, bit­te“, dachte sie, „dieser Zustand soll nie zu Ende gehen.“ Sofort war wieder die Stimme zur Stelle: „Hör auf damit!“ „Die Glückse­ligkeit ziehen lassen?“, fragte sie zurück. „Nein. Hör damit auf, sie halten zu wollen“, antwortete die Stimme. Sie ließ ihre Anhaf­tung an die Glückseligkeit los – und fiel in einen derart tiefen und ruhigen Zustand der Meditation, wie sie ihn zuvor noch nie erlebt hatte. Sie fühlte sich ganz und gar mit dem Augenblick verbunden, über alle Maßen geliebt und klar.

Die Erfahrung dieser Frau zeigt einen Pfad auf, dem wir folgen können. Wenn wir durch die Schichten gehen, durch die sie gegangen ist, so entdecken wir den inneren Frieden, der mit dem Loslassen kommt – dem Loslassen unserer Pläne, unserer Gedanken, unserer Zweifel oder sogar unseres Wunsches, an dem ultima­tiven und wunderschönen Erlebnis fest­ zuhalten. Am Ende wollen wir unsere tief verankerten Identifikationen, Anhaftungen und Abneigungen loslassen, die unser Ge­fühl von Getrenntheit immer wieder neu entfachen, und die unsere falsche Persön­lichkeit als einen dauerhaften Zustand erscheinen lassen. Wir wollen zumindest eine Zeit lang das Gefühl von dem „beson­deren Ich“, das sich von den anderen unter­ scheidet, fallenlassen. Das ist der Schlüssel zu unserem ureigenen Wesen, sagen die Weisen. Die Erfahrung der immanenten Ganzheit und Freiheit taucht von ganz alleine auf, wenn sich das Ego des Getrennt­seins aufgelöst hat. Natürlich ist es den wenigsten gege­ben, das Ego als trennendes Ele­ment einfach so aufzulösen, erst recht, wenn wir nicht ganz sicher sind, was wir eigentlich wollen. Aber stetes Üben hilft – und in der Me­ditation können wir die drei Stufen von Vairagya praktizieren.

5. Die Anspannung loslassen

Die erste Stufe von Vairagya beinhaltet das Loslassen von Anspannung im Körper. Wir können das zu Beginn jeder Meditationssit­zung tun, indem wir in den Körper hinein­spüren. Wo fühlen wir uns angespannt oder unwohl? Als nächstes atmen wir die Anspannung aus dem Körper. Das Ausatmen der Anspannung ist mehr als bloße körperliche Entspannung. Es ent­spannt auch den Geist, denn jede physische Anspannung hat ein inneres Gegenüber. Erfahrene Meditierende erzählen mir häu­fig, dass nicht die eigentliche Meditations­anleitung der hilfreichste Teil sei – sondern die Zeit, die wir uns anfangs nehmen, die Anspannung auszuatmen. Für manche reicht diese Maßnahme vollkommen aus, um in einen tieferen Zustand der Meditati­on eintauchen zu können.

6. Die Wünschen loslassen

Die zweite Stufe von Vairagya umfasst das Loslassen der Wünsche und ihrer zahl­reichen Ableger – Hoffnung, Erwartung, Angst und Sorgen. Ich beginne eine Medi­tation gerne mit der bewussten Entschei­dung, alles eine Zeit lang beiseite zu schie­ben. Ich schiebe mental meine Arbeit und meine persönliche Agenda beiseite, und entscheide mich dafür, mich nicht ablen­ken zu lassen. Das ist der erste Schritt. Im zweiten Schritt erneuern wir die Intention immer dann, wenn der Geist verlockende Wunsch-­Appetithäppchen anbietet. Die Umsetzung dieser Stufe von Vairagya zeigt die Spur, die sich durch unseren Geist zieht. Erst wenn wir versuchen, die Wün­sche loszulassen, erkennen wir, wie verein­ nahmend und verwirrend sie sind. Über­haupt ist dies die größte Lektion, die wir durch Meditation lernen können. Immer, wenn wir uns zum Meditieren hinsetzen, geben wir uns selbst die Gelegenheit, uns mit all den Tarnungen, die unsere Wün­sche annehmen, auseinanderzusetzen. Wir erkennen, wie sogar die einfachsten Wün­sche die Macht besitzen, uns aus der Bahn zu werfen. Wie oft werden Sie vom Duft frischen Kaffees aus der Küche aus ihrer Meditation gerissen? Oder nur von dem Ge­danken an Kaffee? Gerade fängt Ihr Geist an, sich zu beruhigen – und dann fällt Ih­nen ein, dass da nicht nur der Kaffee auf Sie wartet, sondern auch ein Croissant. Und wenn Sie sich jetzt aus Ihrer Meditation he­rausbewegen und es in den Ofen schieben, so können sie es warm essen, bevor Sie zur Arbeit gehen. Bevor Sie überhaupt wissen, was geschieht, lassen Sie bereits Ihr Medi­tationskissen hinter sich und befinden sich auf dem Weg in die Küche.

Wünsche können dem Geist die tollsten Gründe auflisten, warum wir dem Gesang der Sirenen folgen sollten. Natürlich brau­chen Sie Ihr Frühstück jetzt, ansonsten müssen Sie vielleicht zur Arbeit hetzen. Natürlich müssen Sie sofort diese eine groß­artige Idee aufschreiben – tatsächlich müs­sen Sie dafür den Computer anschalten und Recherchen starten, denn Sie fühlen sich ja so inspiriert. Viel verlockender sind aber solche Geistesblitze wie: Ich könnte doch mal die Telefonnummer meines damaligen Freundes auf dem Gymnasium googlen. Sein Name war Tim und sein Gesicht ist gerade vor Ihrem inneren Auge aufgetaucht. Hat er sich nicht gerade scheiden lassen? Auch wenn Sie der Versuchung widerste­hen, auf ihrem Meditationskissen sitzen bleiben und sich auf Ursachenforschung nach diesen Impulsen begeben – sich auf sie einzulassen, kann Sie aus der Medi­tationspraxis werfen. Das gilt für kleine und große Wünsche, zum Beispiel philoso­phische Spekulationen über das Leben, in die sich manche gerne verfangen. Oder das Durchspielen von Szenarien, die sich wie ein Drehbuch in unserem Kopf abspielen, wenn wir sie nicht aufhalten. Wenn wir meditieren, können wir das wieder und wieder beobachten. Und wir müssen uns mit den Konsequenzen auseinandersetzen: mit dem Preis, den wir zahlen, wenn wir uns von unseren Wünschen als Geisel neh­men lassen. Auf der anderen Seite lockern Sie jedes Mal den Griff des Wunsches, der Sie umklammert hält. So wie das Fokus­sieren in der Meditation dabei hilft, im All­tag zu fokussieren, so hilft das Loslassen von Wünschen bei der Übung der Leiden­schaftslosigkeit. Das wiederum hilft dabei, nicht von ablenkenden Impulsen in alle möglichen Richtungen gezogen zu werden. Diese Art von Loslassen ist ein essenzieller Teil der Meditation.

7. Vom Denkenden zum Beobachter

Mit der dritten Stufe von Vairayga verhält es sich subtiler. Es geht um das Loslassen der Vorstellung, der Denkende zu sein, der sich mit seinen Gedanken und Wün­schen identifiziert. Stattdessen identifi­zieren Sie sich mit der Rolle des Beobach­ters der Gedanken. Das bedeutet nicht, Ihre Gedanken zu verwerfen. Sie lassen Sie dort, wo sie sind, ziehen sich aber von ihnen zurück. Eine bewährte Methode da­ für ist das Wolkenmodell: Wolken berühren nicht den Himmel. Der Himmel wird nicht von hinwegfegenden Wolken beeinflusst. Er verändert sich nicht durch große, kleine oder gar Regenwolken. Genauso wird auch Ihr Bewusstsein – Ihr wahres Ich – nicht beeinflusst. Ihr Bewusstsein bleibt voll­ kommen unbeeinflusst von allem, was da am Himmel auftaucht. Zum Beobachter Ihrer Gedanken zu werden, statt sich als der Denkende Ihrer Gedanken zu definieren, beruht auf einer einfachen Veränderung Ihrer Sichtweise. Es gibt eine sehr einfache Methode, wie Sie diese neue Sichtweise üben können: „Ich heiße ___.“ Beobachten Sie, wie ein anderer Teil Ihres Geistes diesen Gedanken bemerkt. Das ist der Beobachter, und dieser identifiziert sich einfach nur mit dem, was er bemerkt, statt mit demjenigen, der denkt.

Wenn Sie lieber mit dem Wolkenmodell ar­beiten, dann verhält es sich so: Wenn Sie einmal damit begonnen haben, sich mit dem Himmel des Bewusstseins statt mit den Gedankenwolken zu identifizieren, öff­net sich ein weiter Raum. Sie können Ihre Gedanken einfach sein lassen, ohne sich von ihnen gefangen nehmen zu lassen. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt, um die großartige Wahrheit des Geistes zu ver­stehen: Sogar unsere Gedanken sind Teil des zugrundeliegenden Feldes aus reinem Bewusstsein.

Sally Kempton ist eine international anerkannte Meditations- und Yogalehrerin und Autorin des Buches „Meditation – Das Tor zum Herzen öffnen“.