Einfach sein

Echtes inneres Gleichgewicht entsteht nicht im Ausgleich zwischen den Extremen, sondern in der Anbindung an einen Zustand der Ganzheit – oder anders gesagt: in dem ebenso banalen wie wunderbaren Gefühl, am Leben zu sein.

DAS LEBEN NIMMT uns mit all seinen Höhen und Tiefen oft so gefangen, dass wir etwas sehr Wesentliches nicht mehr wahrnehmen: die Freude, am Leben zu sein. Damit meine ich einen körperli­ chen und geistigen Zustand, in dem man sich ganz, heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt – frei von dem Bedürfnis, irgendetwas zu verbessern, zu heilen oder überhaupt zu verändern. Meditation ist darauf ausge­legt, genau diesen Zustand herzustellen: Wir machen uns auf, hinter die vielen Ablenkungen zu blicken und das zu er­ fahren, was an uns selbst harmonisch und friedlich ist – und schon immer war. Mit anderen Worten: Wir praktizieren Meditation nicht, um „ganz“ zu werden, sondern um uns mit einer bereits beste­ henden „Ganzheit“ zu verbinden. Ohne diese Verbindung wird man immer das Gefühl haben, es fehle etwas. Gelingt es dagegen, diesen Zugang zu finden, dann erfährt man Gelassenheit und tiefes Wohlempfinden.

Mensch sein

Sie sind von Geburt an mehr als nur eine begrenzte Einzelperson – auch wenn Sie bei sich selbst und gegenüber ihren Mit­ menschen gesunde Grenzen wahren. Ihr tiefster Wesenskern reicht nicht nur über Ihren Körper und Ihre Gedanken hinaus, sondern auch über die Grenzen von Zeit und Raum, er ist angebunden an ein gro­ßes Ganzes. Deshalb können Sie sich zum Beispiel schon als „ganz“ und vollständig empfinden, während Sie weiterhin da­ nach streben, weiser zu werden oder so­ ziale Bindungen aufzubauen. Einfacher gesagt: Ein Gefühl der Erfüllung ist auch dann möglich, wenn Sie sich danach seh­ nen, mehr zu erreichen.

Eine regelmäßige Meditations­praxis hilft Ihnen, dieses Gefühl auch inmitten des Alltags in sich wachzurufen – beim Essen, Reden, Spielen oder Arbei­ ten. Ihre angeborene Ganzheit zu kennen und auch inmitten der alltäglichen Auf­ gaben noch spüren zu können, ist ein Tor zu wirklicher Gesundheit und Lebens­kunst. Die Anbindung an diese Ganzheit hat auch die Kraft, andere angeborene Aspekte Ihrer selbst zum Vorschein zu bringen: Liebe, Güte, Mitgefühl, Freude und inneren Frieden.

Wie geht das?

Eigentlich ist es ganz einfach: Sie begin­nen damit, sich innerlich überhaupt auf diese Ganzheit auszurichten. Der zweite Schritt besteht darin, die universelle Le­benskraft wahrzunehmen, die jedes Atom, jedes Molekül, jede Zelle eines Körpers und des gesamten Kosmos durchdringt. Diese Kraft – wir nennen sie im YogaPrana oder auch Shakti – ist erstaun­ lich sichtbar und Sie sind ein Teil davon! (Vielleicht erinnern Sie sich: In Folge 1 dieser Reihe, das war im Yoga Journal Heft 2/2018, habe ich Shakti eingehend beschrieben.) Im dritten Schritt geht es dann darum, das Gefühl des „Einfach­Seins“ einzuüben und zu nähren.

„Die Freude, am Leben zu sein – ein Zustand, in dem man sich heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt.“

Einfach­-Sein ist ein Gefühl von Präsenz, also Gegenwärtigkeit: Jetzt, hier – und nichts sonst. Sie erleben es, wenn Sie einen Moment lang ganz still werden, wenn Sie zwischen zwei Gedanken, zwei Atemzügen oder zwei Tätigkeiten bewusst innehalten. Es ist das wunderbare Gefühl, das Sie haben, wenn Sie eine Aufgabe er­ ledigt haben, wenn Sie sich etwas Ruhe gönnen und einmal nichts tun müssen. Wenn Sie sich mit einem tiefen, befriedigenden Seufzer zurücklehnen können: „Ahhhh …“ Genau das üben Sie auch in der folgenden Meditation, die es ab 15.1. auf unserer Website gibt.

 

YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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