Kindheitserinnerung

Kindheitserinnerungen Tagebuch Journaling
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Sie würden gerne ein Instrument spielen, aber Sie glauben, dass Sie unmusikalisch sind? Erinnern Sie sich an Ihre Kindheit! In jedem von uns steckt Musik und Gesang. Yoga hilft, das wieder zu entdecken.

Meine Lieblingsgeschichte von Swami Sivananda wird immer die mit dem jungen Musiker sein. In den späten fünfziger Jahren, so wurde mir erzählt, kam einmal ein reicher, spendabler Geschäftsmann zu Besuch in den Ashram in Rishikesh. Er reiste mit seinem Sohn, der gerade angefangen hatte, Flöte spielen zu lernen. In Indien ist man höflich, und daher lud Sivananda den jungen Mann am Abend im Satsang ein, vor allen Leuten etwas vorzuspielen. Ein Swami, der damals dabei war, sagte: Alle waren sich einig, noch nie eine so schreckliche Kakophonie gehört zu haben. Es muss wirklich schlimm gewesen sein. Als sein Auftritt vorbei – und die anderen Swamis froh waren – begann Sivananda aber zu klatschen, und rief: „Wundervoll! Dieser junge Musiker hat unser Herz sehr erfreut. Mir war, als ob Krishna selbst auf seiner Flöte gespielt hätte“. Damit nicht genug. Er bat ihn sogar, die Gemeinschaft im nächsten Jahr wieder zu beehren.

Nicht alle wachsen mit solchen Mentoren auf. Hanuman, hatte es beispielsweise deutlich schwerer. Obwohl die Voraussetzungen günstig gewesen wären, war er doch selbst eine Inkarnation Shivas und der Sohn des Gottes des Windes. Dass er äußerlich eine Affengestalt hatte, nahm ihm in seiner Kindheit nichts von seiner unbändigen Lebensfreude. Immer zu Streichen aufgelegt, geriet er jedoch oft in Konflikte. So hielt er einmal die Sonne, die durch die Äste eines Baumes schimmerte, für eine reife Mango, und flog los, sie zu essen. Dabei schepperte er allerdings in den Streitwagen Indras, des Königs der Götter. Und als er die Rishis, die still im Wald meditierten, einmal zu oft gestört hatte, belegte ihn einer von ihnen mit einem Fluch. Er musste für den Rest seiner Jugend all seine Kräfte und Fähigkeiten vergessen. Bis ihn wieder jemand daran erinnern würde. Die Weisen hatten ihre Ruhe.

Ich glaube, dass viele von uns das selbst erfahren haben. Man möchte als Kind nicht „anecken“ und passt sich den Anforderungen der Umgebung an. Das ist eine hilfreiche Strategie, aber manchmal klammert man damit große Aspekte seiner Persönlichkeit aus. Wenn man dann dem falschen Lehrer begegnet, kann sogar Yoga gefährlich werden. Wir lernen, dass unsere wahre „Natur“ Sat-Chid-Ananda ist: Sein, Wissen und Glückseligkeit – aber statt uns deswegen wirklich an unserer Lebendigkeit zu erfreuen, folgen wir dem bereits früher eingeschlagenen Pfad. Und machen uns selbst weiter klein. Weil wir das Göttliche doch eh nicht erreichen können, in diesem Leben. Wer sind wir denn schon?

Eine von Hanumans Gaben war, Gestalt jeder Größe annehmen zu können (das ist eine Frucht der Yogapraxis, die auch Patanjali in seinen Yoga Sutras beschreibt). Nach langen Jahren, in denen er in der Armee der Affen als General funktioniert hatte, brachte ihn das Leben schließlich in eine Situation, in der er „aufwachte“. Um seinem Freund Rama zu helfen, die schöne Prinzessin Sita wieder zu finden, war er an der Ostküste Indiens angelangt und musste nun einen großen Sprung wagen, um über das Meer ins Reich Lanka zu gelangen. Ein weiser Bär erinnerte ihn da an die ihm innewohnenden Kräfte und die Fähigkeiten, die er in seiner Jugend gehabt hatte. Und Hanuman sprang.

Das ist der Grund warum man in Yogaschulen auf der ganzen Welt heute die „Hanuman Chalisa“ singt, eines der schönsten Lieder zur Verehrung Hanumans. „Du bist so stark wie der Wind“ singen wir da. Und in der nächsten Zeile: „Es gibt nichts in der Welt, das zu schwierig ist, für Dich.“ Wir sagen, wir singen für Hanuman. Aber eigentlich singen wir für uns. Wir erinnern uns – indem wir seinen Ruhm preisen – an unsere eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Es gibt nichts auf der Welt, das zu schwierig für uns ist. Wir verpacken es in einen Gesang, weil wir sonst vor unserer eigenen Kraft zurückschrecken würden.

Hat Ihnen je jemand geraten, still zu sein, oder leise? Die „Hanuman Chalisa“ – wie alle Formen von Kirtan – sollte möglichst laut gesungen werden. Man kann nichts „falsch“ machen, wenn man mit ganzem Herzen bei der Sache ist. Dann sind wir selbst wie Krishnas Flöte, und Gott kann sein Lied auf uns spielen. Der Sohn des Geschäftsmannes kam übrigens im Jahr darauf erneut in Sivanandas Ashram. Und dieses Mal spielte er tatsächlich wie ein junger Gott. Die anderen Swamis waren erstaunt, aber wenn man darüber nachdenkt, war kein großes Wunder geschehen. Es hatte einfach einen Menschen in seinem Leben gegeben, der an ihn geglaubt und sein Vertrauen in sich selbst gestärkt hatte. Auch wir können uns immer daran erinnern, welche Geschenke in uns selbst stecken. Und in den Menschen um uns herum. Viel Spaß beim Entdecken!

Das süße Leben genießen

Fakt ist: Nichts versorgt den Körper so schnell mit Energie wie Zucker. Fakt ist aber auch: Wir essen viel zu viel davon. Geht’s auch ohne? Ein Versuch.

Kaum, dass ich mich hingesetzt habe, um diesen Artikel zu schreiben, überkommt mich schon Lust auf etwas Süßes. Also mache ich mir einen heißen Kakao, den ich normalerweise mit (mindestens) einem Teelöffel Schokostückchen süße. Jetzt hoffe ich darauf, dass die natürliche Süße von Milch, Vanille, Zimt sowie ein Klacks Sahne ausreichen, um die Bitterkeit des Kakaos auszugleichen. Tatsächlich – sehr lecker!

Als mich das Yoga Journal fragte, ob ich mir vorstellen könnte, zehn Tage lang komplett auf zugesetzten Zucker zu verzichten, schrie etwas in mir entsetzt: „Nein!“ Ich liebe es zu backen und esse fast jeden Tag einen Cookie oder einen Muffin. Okay, manchmal auch zwei. Beim Essen kenne ich keine Tabus, und so finden sowohl Donuts als auch Grünkohl und Quinoa den Weg in meinen Magen. Aber ich war auch neugierig: Wie viel Zucker gelangt eigentlich durch diese Laissez-faire-Haltung in meinen Körper und wie schwierig ist es, es mal ohne zu versuchen?

Schnell wird klar: Zucker zu streichen, bedeutet nicht einfach, Kuchen, Kekse und Süßigkeiten wegzulassen. „Viele Leute erzählen mir, sie würden keinen Zucker essen, realisieren aber gar nicht, wie viele Lebensmittel Zuckerzusätze enthalten – darunter auch einige, die ganz gesund erscheinen“, erzählt Dr. Nicole Avena, Pharmakologin und Co-Autorin des Buches „Why Diets Fail“ („Warum Diäten fehlschlagen“). „Wenn Sie in einem Restaurant Spaghetti bestellen, denken Sie vielleicht, dass da null Zucker drin ist, aber dem ist nicht so! Im Gegenteil, Restaurantessen enthält oft sogar jede Menge!“

Zunächst einmal gilt es, den Unterschied zwischen natürlichen und zugesetzten Zuckerarten zu verstehen: Erstere sind, der Name sagt es schon, von Natur aus in Vollwertkost zu finden (zum Beispiel als Laktose in Milch und Naturjoghurt oder als Fruktose in Äpfeln und anderen Früchten). Die natürliche Verbindung mit anderen Nährstoffen, etwa Vitaminen, Eiweiß (in Milchprodukten) oder Ballaststoffen (in Obst), sorgt dafür, dass der Körper den Zucker nicht zu schnell aufnimmt und besser verwertet. Dagegen sind Haushaltszucker und die verschiedenen in der Nahrungsmittelindustrie verwendeten Zuckerzusätze hoch konzentriert und erwiesenermaßen gesundheitsschädlich. Neben den bekannten, Glukose und Fruktose, gibt es Saccharose, Maltose, Dextrose und rund 60 weitere Pseudonyme von Zucker. Oft verstecken sie sich dort, wo man sie am wenigsten erwartet, sogar in Produkten, die überhaupt nicht süß schmecken. An meinem ersten Versuchstag muss ich zum Beispiel überrascht feststellen, dass auch in meinem leckeren Kräuterfrischkäse Zucker steckt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen liegt es ganz einfach am Geschmack: „Wir haben von Natur aus die Neigung, Süßes zu mögen“, erklärt Dr. Avena, „denn dieser Geschmack verriet uns schon zu Jäger-und-Sammler-Zeiten, dass ein Lebensmittel sicher, also ungiftig war.“ Daneben wird Zucker als Konservierungsmittel eingesetzt (etwa in Fruchtzubereitungen), er übertüncht den Geschmack von Füll- und Farbstoffen – und ist ganz nebenbei selbst ein billiger Füllstoff.

Diese hinterlistige, unauffällige Allgegenwärtigkeit von Zucker ist sicher einer der Gründe dafür, warum wir zu viel von dem Zeug essen. Die American Heart Association empfiehlt Männern, täglich höchstens neun und Frauen maximal sechs Teelöffel Zuckerzusatz zu sich zu nehmen, die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind ähnlich – und beide liegen weit unter dem, was wir tatsächlich konsumieren! In Deutschland spricht die Stiftung Warentest von ca. 29 Stück Würfelzucker pro Tag und Person. Hochgerechnet aufs Jahr sind das rund 25 Kilo Zucker für Frauen bzw. 35 Kilo für Männer.

Besorgniserregende Zahlen, denn Zucker steht in engem Zusammenhang mit einer Reihe von gesundheitlichen Problemen, darunter Adipositas, Entzündungen, Zahnfleischerkrankungen und Diabetes Typ 2. In Deutschland sollen schon 9 Millionen Menschen an dieser erworbenen Diabetes leiden. Tendenz steigend. Außerdem erhöht Zucker das Risiko, an einer Erkrankung der Herzkranzgefäße zu sterben. Studien zufolge kann nämlich industriell hergestellte Fruktose (wie etwa in Haushaltszucker enthalten) zu Bluthochdruck führen, einer der Haupt­ursachen für Herzinfarkt. Die Tatsache, dass ein Zuviel an Zucker uns schadet, ist nicht neu. Dass es uns trotzdem so schwer fällt ihn zu reduzieren, könnte daran liegen, dass er süchtig macht. Forscher haben zum Beispiel festgestellt, dass die Belohnungszentren im Gehirn stimuliert wurden, wenn ihre Testpersonen zuckrige Schoko-Milchshakes tranken. Diese Areale spielen auch bei Esssüchtigen eine wichtige Rolle.

Je mehr ich lese und mich informiere, desto motivierter bin ich für meine 10-Tage-ohne-Zucker-Challenge. Trotzdem gibt es auch harte Momente: Besonders schwer fällt mir der Verzicht auf gemeinsame kulinarische Erlebnisse. Warum habe ich bei der Planung überhaupt nicht daran gedacht, dass meine Schwester in dieser Woche Geburtstag hat? Ich habe ihr eine Schokotorte gebacken. Die Kerzen werden ausgeblasen, die Tortenstücke herumgereicht – und ich sitze da. Ohne Teller. Und irgendwie nicht dazugehörend.

Trotzdem geht es von Tag zu Tag besser. Ich lerne schnell, wie ich meine Gelüste auch ohne zugesetzten Zucker stillen kann: bei Himbeeren mit Sahne etwa oder bei einem knackigen Caesar’s Salad. Beim Backen sehe ich mich natürlich vor neue Herausforderungen gestellt, aber ich bin erfinderisch: Für meinen leckeren Käsekuchen verwende ich statt Zucker einfach Dattelpüree.

Am Ende meines 10-Tage-Experimentes steht für mich fest: Ich will nicht ganz auf Zucker verzichten, aber ich möchte ihn in Zukunft viel bewusster essen. Und obwohl ich mein gewohntes und geliebtes Gebäck nicht so sehr vermisst habe wie befürchtet, muss ich zugeben: An Tag 11 wachte ich auf und war entzückt von dem Gedanken, mir gleich ein Croissant in meiner Stammbäckerei zu holen.


Kerri-Ann Jennings wohnt in Burlington, Vermont, USA. Sie ist examinierte Ernährungswissenschaftlerin, Yogalehrerin und freiberufliche Autorin im Gesundheitsbereich.

Artischocken-Bohnen-Hummus

Ergibt 3 Portionen

Dieser milde Dip verdankt die kleinen roten Farbtupfer und den zitrusartigen Geschmack einem Gewürz aus dem Mittleren Osten: Sumach. Die hellroten Beeren wachsen wild in den gemäßigten Gebieten Nordamerikas und reifen zeitgleich mit der Apfelernte.

  • 100 g Baby-Spinat
  • 400 g weiße Bohnen aus der Dose,
  • 340 g marinierte Artischockenherzen aus
    dem Glas, abgetropft (Sud aufbewahren)
  • 3 TL Zitronensaft
  • 2 ½ EL Olivenöl
  • 400 g Artischockenherzen aus der Dose,
    abgespült und abgegossen
  • 1 TL Sumach-Gewürz
  • Salz und Pfeffer

Geben Sie den Spinat in eine große Bratpfanne und lassen Sie ihn bei mittlerer Hitze in sich zusammenfallen, bis fast alle Flüssigkeit verdunstet ist. Nach dem Abkühlen drücken Sie die restliche Flüssigkeit mit den Händen heraus und stellen ihn beiseite.

Die weißen Bohnen werden abgegossen, abgespült und schließlich mit 2 Teelöffeln vom Sud der Artischockenherzen, dem Zitronensaft und 2 Esslöffeln Olivenöl in einem Mixer zu einem weichen Brei verarbeitet. Geben Sie die Artischockenherzen und den Spinat dazu und schalten Sie den Mixer nur kurz ein, bis alles zerkleinert, aber noch stückig ist.

Garnieren Sie den Dip mit Sumach und träufeln Sie noch ein wenig Olivenöl darüber. Er kann mit Rohkost serviert werden, schmeckt aber auch gut auf Crackern oder zu den Kartoffel-Wedges auf der vorigen Seite.

Quick Tips: Auch das Gegenteil von Freude Willkommen heißen

Jede Empfindung und jeder Gedanke, egal ob positiv oder negativ, ist nur die eine Seite der Medaille. Auch wenn Sie Freude in Ihr Leben einladen, kann es passieren, dass Ihnen die Kehrseite begegnet und unverarbeitete Gefühle wie Traurigkeit, Trauer und Scham auftauchen. Das ist kein Grund zu verzweifeln: Auch diese Gefühle können Sie als Botschafter auf dem Weg zur Heilung nutzen. Probieren Sie diese Übung, wenn Sie das nächste Mal mit negativen Empfindungen, Gefühlen, Gedanken oder Erlebnissen konfrontiert sind. 

1Heißen Sie mit geöffneten oder geschlossenen Augen Ihre Umgebung willkommen: Nehmen Sie die Geräusche wahr, spüren Sie die Luft auf Ihrer Haut, wie Ihr Körper vom Boden getragen wird und wie er atmet.

2Nun spüren Sie in Ihrem Körper nach einem freudvollen Gefühl: Verbundenheit, Wohlbefinden, Frieden, Glück oder jede andere, noch so zarte Empfindung, die sich für Sie wie Freude anfühlt. Vielleicht denken Sie dabei an einen Menschen, ein Tier, einen Ort oder ein Ding, das Ihnen Freude bereitet. Nehmen Sie wahr, wo und wie Sie diese Freude im Körper empfinden: vielleicht als Wärme ums Herz oder als ein wohliges Gefühl im Bauch. Heißen Sie dieses Gefühl willkommen und laden Sie es ein, sich im gesamten Körper auszubreiten.

3Nun geben Sie dieser Freude bewusst eine Kehrseite – ein gegenläufiges, stressreiches Gefühl oder einen bestimmten für Ihr Leben typischen Stressfaktor. Nehmen Sie wahr, wie auch dieser Gedanke, dieses Gefühl, diese Situation Körper und Geist beeinflussen.

4 Als nächstes versuchen Sie, willentlich zwischen Freude und Stress hin und her zu wechseln: Spüren Sie zunächst die Freude, dann den Stress in Ihrem Körper. Dann versuchen Sie, beides gleichzeitig wahrzunehmen und erlauben es der Freude, sich in Ihrem Körper auszubreiten, obwohl gleichzeitig Stress präsent ist. Wenn der richtige Moment gekommen ist, lassen Sie den Stress ziehen und überlassen sich ganz der Freude. Lassen Sie sie durch Ihren Körper strömen, solange Sie mögen.

5 Öffnen und schließen Sie die Augen einige Male hintereinander und nehmen Sie sich vor, dieses Gefühl der Freude mit in den Alltag zu nehmen.

„Menschen, die sich regelmäßig Zeit für bewusste Dankbarkeit nehmen, empfinden mehr Freude und sind weniger anfällig für Depressionen.“

Achtung, glücklich, jetzt!

„Hauptsache glücklich“ soll die Tochter werden, möglichst „happy“ das „end“ des Liebesfilms und „endlich wieder froh“ die leidgeprüfte Freundin. Seit jeher streben Menschen es an: das Glück. Doch seine Erforschung steckt noch in den Kinderschuhen. Über den aktuellen Stand der Wissenschaft – ein kleiner Überblick.

Nennen wir sie Sonja. Sonja ist Mitte 40, hat kurz nach dem Ende ihrer Chemotherapie vor zwei Jahren ihren Partner bei einem Autounfall verloren, zieht ihre drei Kinder seitdem alleine groß, hat wenig Zeit und Geld, aber stets ein Lächeln im Gesicht. Insgesamt habe es das Leben doch ganz gut mit ihr gemeint, findet sie: „Guck doch, wie süß der Kleine lacht!“ Ganz anders Meike: Die erfolgreiche Geschäftsfrau hat einen netten Mann, zwei gesunde Kids und viele Freunde, doch so richtig zufrieden wirkt sie selten: „Meine Große ist echt anstrengend. Pubertät, du weißt schon. Martin hat schon wieder vergessen, Toilettenpapier zu kaufen. Und überhaupt, diese unerträgliche Kollegin …“ Irgendwas ist immer.

Bestimmt kennen auch Sie solche Menschen, deren innere Grundhaltung nicht zu den äußeren Gegebenheiten zu passen scheint, die offenbar glücklicher sind als man vermuten würde oder eben genau das Gegenteil. Woran liegt das nur?

„Jeder ist seines Glückes Schmied“, dieses Lehn-Zitat, das dem römischen Politiker Appius Claudius Caecus (ca. 340 - 273 v. Chr.) zugeschrieben wird und wie wohl nur wenige andere zum Thema bis heute unser kollektives Bewusstsein prägt, ist weit über zweitausend Jahre alt. Bis heute wird es bemüht, wenn es darum geht, sich in eine Sache hineinzuknien und/oder die richtigen Entscheidungen zu treffen. Allein – was bedeutet hier „richtig“, wie funktioniert besagtes Schmieden, und kann man das irgendwie lernen? Oder ist letztlich doch alles irgendwie … äh … Glückssache?

So wesentlich diese Fragen scheinen, so sehr man sich auf religiöser oder philosophischer Ebene damit beschäftigt hat, von den meisten Wissenschaften wurden sie erstaunlich lange vernachlässigt. Erstaunlich lange selbst dann, wenn man berücksichtigt, dass einige der relevanten Forschungsgebiete eher junge Wissenschaften sind, etwa Psychologie oder Soziologie. Glück wurde, frei nach Epikur, lange schlicht als Abwesenheit von Schmerz begriffen, und so konzentrierte man sich, wie auch in der Medizin, darauf, das Negative auszumerzen, um Raum für das Gute zu schaffen: Wer nicht krank ist, gilt als gesund, wer sich von Leid befreit, wird glücklich.

Mehr als Schmerzfreiheit

Doch wie so oft lässt sich das Leben nicht so einfach in Schablonen pressen und als Schwarz-Weiß-Muster darstellen, wie so oft stellt sich dann doch alles sehr viel komplexer dar. Und so etablierte sich schließlich spät, aber doch die Glücksforschung, in die Erkenntnisse aus Neurologie, Genetik, Soziologie, Ökonomie und (Positiver) Psychologie einfließen. Welche Rahmenbedingungen brauchen Menschen, um sich als glücklich zu bezeichnen? Seit etwa den 1980er-, 90er-Jahren intensiviert sich die Suche nach Antworten darauf. Aus yogischer Sicht freilich ist diese Fragestellung schon im Ansatz problematisch, wird im Yoga doch ein glückseliger Bewusstseinszustand angestrebt, der „losgelöst von den Objekten der äußeren Welt“, also eben gerade nicht an Bedingungen geknüpft ist. Doch auf dem Weg zu diesem Ziel kann es nicht schaden, sich anzugucken, von was wir uns da eigentlich genau befreien wollen – zumal viele Ergebnisse der Glücksforschung durchaus mit der Yogaphilosophie in Einklang zu bringen sind. Etwa die Erkenntnis, dass Glück mehr ist als die Abwesenheit von Schmerz, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist und nur der wirklich glücklich werden kann, der negative und positive Gefühle gleichermaßen an und wahrnehmen sowie damit arbeiten kann.

Aber fangen wir noch mal bei Null an: Wenn es nicht bloße Leidfreiheit ist, was verstehen wir dann ganz irdisch überhaupt unter Glück? Ganz vorsichtig gesagt handelt es sich dabei um ein angenehmes Gefühl, so weit dürfte Einigkeit herrschen. Auch dass dieser Gemütszustand durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Hirnregionen erreicht wird, dass dabei körpereigene Botenstoffe (Serotonin, Noradrenalin, Dopamin) eine Rolle spielen, gilt derzeit als belegt. Ebenso, dass das Talent zum Glücklichsein teilweise in den Genen liegt – inwieweit, darüber wird noch diskutiert, doch von Zahlen bis zu 50 Prozent ist mitunter die Rede. Verhaltensgenetiker wie der 2006 verstorbene Zwillingsforscher David T. Lykken sprachen gar von mindestens 50 Prozent. Ein so hoher Prozentsatz klingt ziemlich frustrierend und ist auch umstritten. Prägungen in der Kindheit spielen offenbar ebenfalls eine große Rolle. Wer früh lernt, sich Herausforderungen zu stellen, diese zu meistern, aber auch mit Rückschlägen umzugehen, der wird später davon profitieren. Unser Gehirn ist nämlich im Grunde wie ein Muskel, den man trainieren kann – und das zum Glück (!) auch noch im Erwachsenenalter.

Ein gutes Gefühl also, das ist dieses Glück. Gehen wir weiter ins Detail, fragen wir konkreter nach dem Wie und dem Warum, wird es immer komplizierter, und das nicht zuletzt deshalb, weil die Glücksforschung auf die Aussagen von Studienteilnehmern angewiesen ist, was naturgemäß einen gewissen Mangel an Objektivität nach sich zieht. Wer sich gerade mit seinem Partner gestritten hat, wird sich im Fragebogen vielleicht etwas weniger glücklich einschätzen als ein Frischverliebter, obwohl dieser Wert ein paar Tage später schon wieder anders aussehen könnte. Und wer gelernt hat, unglücklich zu sein bedeute Schwäche, der redet sich seine Traurigkeit womöglich schön. Dazu kommt, dass das Zusammenspiel physischer, psychischer, kultureller und persönlicher Faktoren so komplex und individuell ist, dass Aussagen wie „XY macht glücklich“ stets mit einer gewissen Skepsis zu betrachten sind. Wer sich beispielsweise durch das Online-Archiv „World Database of Happiness“ des Rotterdamer Sozialpsychologen Prof. Ruut Veenhoven wühlt, das zigtausend Forschungsergebnisse zur subjektiven Lebensfreude von Menschen in aller Welt enthält, der wird mit der Zeit immer schlauer und gleichzeitig verwirrter, so unterschiedlich fallen bisweilen die Betrachtungsweisen aus, so wenig messbar scheint es dann letztlich zu sein, dieses Mysterium namens Glück.

Macht Geld doch glücklich?

Unsere sonst so reiche deutsche Sprache kommt hier übrigens ein wenig dürr daher, benutzen wir doch für die englischen Begriffe „luck“ und „happiness“ dasselbe Wort und tragen damit noch weiter zur Verwirrung bei. Ein Beispiel: Werden bei der Ziehung der Lottozahlen die meinen gezogen, dann habe ich „Glück gehabt“ (Zufallsglück, „luck“), doch glücklicher (im Sinne von Lebensglück, „happiness“) werde ich dadurch vermutlich nicht. Das sagt der Volksmund („Geld macht nicht glücklich“), aber auch die Forschung: In einer der frühesten und bis heute vielzitierten Studie der Glücksforschung stellte das US-Psychologenteam Philip Brickman, Dan Coates und Ronnie Janoff-Bulman 1978 fest, dass weder ein Sechser im Lotto noch ein schwerer Unfall mit Beinverlust das Glückslevel der Betroffenen langfristig verändern: Nach einem halben Jahr fühlten sich beide Personengruppen bereits wieder ähnlich glücklich oder unglücklich wie vor dem einschneidenden Erlebnis. Es gibt jedoch auch Gegenstimmen und andere Forschungsergebnisse, die besagen, dass Geld unter bestimmten Umständen eben doch das subjektive Glücksempfinden erhöhe. Bis zu einem Jahreseinkommen von ca. 75 000 Dollar, also rund 60 000 Euro, steige es durchaus, so die Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und Angus Deaton, danach habe ein höheres Einkommen keinerlei Einfluss mehr. (Wobei für Länder mit deutlich anderen Durchschnittsgehältern andere Zahlen gelten dürften.) Man kann das nachvollziehen: Ein solches Gehalt garantiert hierzulande ein zumindest in materieller Hinsicht relativ sorgenfreies Leben. Auch die Erfüllung einiger Wünsche dürfte drin sein. Und hier gelangen wir an einen entscheidenden Punkt: Nur die Erfüllung bestimmter (durchaus mit Geld bezahlbarer) Wünsche macht glücklich, fand man heraus. Der Sportwagen, das Brillantcollier oder die Designerhose sind es nicht. Erkaufte Zeit jedoch, etwa durch das Engagement eines Babysitters oder einer Putzhilfe, erhöht die Lebensfreude. Gleiches gilt für Erlebnisse wie Reisen, Konzerte oder ein Dinner mit Freunden. Das legen verschiedene Studien aus Europa, Kanada und den Vereinigten Staaten nahe.

Zu den Erlebnissen, die glücklich machen, zählen jedoch nicht nur Freizeitaktivitäten. Auch unser Beruf (und/oder unsere Berufung) tragen zur Lebensfreude bei. Entscheidend ist hier, dass wir das, was wir tun, selbst als sinnvoll erachten, dass wir von anderen Wertschätzung für unsere Arbeit erfahren und dass uns unsere Tätigkeit weder über- noch unterfordert. Ist diese Balance gegeben, haben wir dazu ein klares Ziel vor Augen und das Gefühl, die Kontrolle über unsere Arbeit zu haben, erleben wir im besten Fall regelmäßig das Phänomen, für das der ungarischstämmige, in den USA tätige Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi in den 1970er-Jahren einst den Begriff „Flow“ prägte: ein Aufgehen im Tun, ein Einssein mit der Situation, in der wir alles um uns herum zu vergessen scheinen – ganz wie spielende Kinder. Besonders ausgeprägt ist dieses Phänomen häufig bei Sportlern und Künstlern, aber auch die Computerspezialistin, die bis in die Nacht hinein tüftelt, kann sich im Flow befinden, oder der Lehrer, der Schüler für sein Thema zu begeistern versucht. Diese völlige Konzentration, in der Raum und Zeit zur Nebensache werden, weist im Grunde deutliche Parallelen zu dem auf, was Yogis bei der Meditation empfinden oder auch in der Asana-Praxis, wenn sie völlig eintauchen ins körperliche Erleben.

Annehmen und Verarbeiten positiver wie negativer Emotionen, neue Erfahrungen und Erlebnisse sowie das Gefühl, einer sinnhaften Tätigkeit nachzugehen, gehören also zu den wesentlichen Faktoren, die ein glückliches Leben ausmachen. Glücksfaktor Nummer Eins jedoch scheint noch etwas anderes zu sein, wie eine aufwendige Langzeitstudie der Harvard University in Cambridge nahelegt. Ahnen Sie es? Genau: die Bindung zu anderen Menschen. Und zwar nicht allein die zu einem Partner oder Kindern, vielmehr geht es allgemein darum, wie wir unseren Mitmenschen gegenüber eingestellt sind, ob wir sie wohlwollend betrachten, ob wir bereit sind, anderen zu helfen und uns helfen zu lassen, ob wir einander zuhören, anlächeln, einfach mitfühlend sind. Was also erst einmal altruistisch wirkt – etwa das Ausüben eines Ehrenamtes oder das Trösten einer liebeskummerkranken Freundin – gibt durchaus auch dem Gebenden etwas: Er fühlt Sinn und Verbundenheit und damit – Glück. In diesem Sinne: Gibt es da nicht jemanden, den Sie schon längst mal wieder anrufen wollten …? Vielleicht Ihre Freundin Sonja?


Jean-Marc TurmesEs gibt Orte, die CARMEN SCHNITZER besonders glücklich machen: Bord-Restaurants in Zügen. Die Kombination aus Essen, Trinken, Menschen und Reisen wärmt ihr immer wieder das Herz.

Medien-Tipp: Yoga Flow Balance

Bewegend Immer dieser „Monkey Mind“: Ständig nimmt er zu viel Raum ein und raubt uns Kraft für die wesentlichen Dinge des Lebens. Um ihn zu beruhigen, hat Yogalehrerin Sinah Diepold aus München gleich 80 Vorschläge: So viele unterschiedliche Asanas kombiniert sie zu sechs Vinyasa Flow-Sequenzen, in denen Meditation und Bewegung fast tänzerisch verschmelzen. Diese Quelle neuer Energie illustriert die studierte Sportwissenschaftlerin und ausgebildete Tänzerin mit hilfreichen und ansprechenden Übungsfotos, die nebenbei auch verdeutlichen, warum es Diepold im Herbst 2017 auf das Cover des YOGA JOURNAL schaffte.

Fazit Ganz entspannt durch das eigene Wohnzimmer fließen und dabei Intentionen für weniger Stress, mehr Kraft, neue Perspektiven und positive Energie
setzen – hier ist das Buch dazu!


Yoga Flow Balance
Von: Sinah Diepold
Edition Michael Fischer
Preis: ca. 18 Euro

Kartoffel-Wedges mit Essig und Salz

Ergibt als Snack 8 Portionen

Ein typischer Snack in fast allen Pubs Großbritanniens: Kartoffelspalten mit Salz und Essig. Dieses Rezept vereint salzige Säure mit der Deftigkeit unserer traditionellen Bratkartoffeln. Dazu gibt es Senf oder einem anderen Dip.

  • 1 kg kleine Kartoffeln
  • 240 ml Apfelessig
  • 4 TL Salz
  • 60 ml pflanzliches Bratöl

Halbieren oder vierteln Sie die Kartoffeln je nach Größe und geben Sie sie mit Essig und Salz in einen großen Kochtopf. Gießen Sie so viel Wasser an, dass die Kartoffeln bedeckt sind und bringen Sie alles zum Kochen. Danach reduzieren Sie die Temperatur auf eine mittlere Stufe und kochen die Kartoffeln in 15 bis 20 Minuten gar. Um zu testen, ob die Kartoffeln fertig sind, können Sie vorsichtig mit einer Gabel hinein-stechen. Dann gießen Sie das Wasser ab und lassen sie abkühlen.

Heizen Sie den Ofen auf 230 Grad vor. Geben Sie die Kartoffeln in eine große Schüssel und vermengen Sie sie mit dem Öl. Danach verteilen Sie sie auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech. Lassen Sie die Kartoffeln 15 bis 20 Minuten lang im Ofen braten, bis sie goldbraun und knusprig sind. Nach dem Herausnehmen würzen Sie die Wedges mit Salz und Pfeffer und servieren sie heiß.

Yoga-Retreat Diary: Dem Sommer entgegen

Blühende Mandelbäume, frühsommerliche Temperaturen, frischer Lavendelduft: Unsere Redakteurin Anika Kedzierski zog es in Mallorcas Tramuntana-Gebirge – wo sie sich bei einem Yoga-Retreat ein ums andere Mal selbst überraschte.

Wir erkennen uns an den Yogamatten, die wir zusammengerollt über den Rucksack geschnürt haben. Da meine Matte beim Einsteigen ins Flugzeug den ein oder anderen Passagier am Gang mit einem leichten Kopfstoß begrüßt hat, bin ich froh, als wir in Palma landen und ich vor den verärgerten Blicken aus den Reihen 1 bis 17 fliehen kann. „Ein Rückzug aus dem Alltag, Zeit für dich und eine Umgebung, die neue Inspirationen weckt.” Das verspricht die Beschreibung des „Pure Yoga-Retreats“ mit Berenice Seiss. So eine Woche würde mehreren Reisenden an Bord gut tun. Ich zwänge mich an einer Gruppe grölender Jugendlicher vorbei, als ich zwei Yogamatten in der Eingangshalle entdecke. Nach und nach finden sich meine acht Mit-Yoginis ein.

Girls just wanna have fun

So kann der Tag beginnen: mit Morgenpraxis und Brunch-Buffet.
So kann der Tag beginnen: mit Morgenpraxis und Brunch-Buffet.

Schon auf dem Weg vom Flughafen Richtung Pollença, zur Finca La Serrania sind Alltags- und Reisestress wie weggeblasen. Cyndi Laupers „Girls just wanna have fun” tönt aus den Lautsprechern des Taxis. Obwohl wir ja eigentlich nicht zum Partymachen hier sind, sondern zum Yoga, singen wir mit. Eine Oktave tiefer – aber nicht weniger euphorisch – unser Taxifahrer Joe, der mit uns die Songs der 90er feiert, aber auch erleichtert wirkt, als er uns in die Hände der Yogalehrerin Berenice geben kann. Sie steht winkend vor der mediterranen Finca und umarmt jede Teilnehmerin herzlich. Die Deutsche hat die Insel zu ihrer Heimat gemacht und lebt mit Mann und Tochter in Palma. Da sie mir all meine Fragen im Vorfeld der Reise geduldig und ausführlich beantwortet hat, habe ich fast das Gefühl, eine alte Freundin wiederzutreffen. Breite Steinstufen führen zu kleinen Häusern mit Doppel- oder Einzelzimmern, die mit Balkon oder Terrasse ausgestattet sind. Daneben liegt das Haupthaus – eine mallorquinisch eingerichtete Villa, in der es einen großen Gemeinschaftsbereich und weitere Schlafzimmer gibt. Hinter der rustikalen Küche liegen ein offener Essensraum und ein gemütliches Wohnzimmer mit Sofas, Kamin, Bücherregalen und einer Leseecke. Glasfronten und hohe Decken lassen viel Licht herein und geben den Blick auf die Terrasse frei. Als ich von meinem Zimmer auf den Balkon trete, blicke ich über den Garten, in dem Steinplatten den Weg zum Pool und zum Yogahaus pflastern. Dazwischen stehen Mandelbäume, verschiedene Kräuter, Lavendel und Rosen. Ob ich Stadtkind in dieser Stille überhaupt schlafen kann?

Yin und Wein

Ich verabschiede die Sonne, die gerade hinter den Tramuntana-Bergen verschwindet und mache mich auf den Weg zur ersten Yin-Yogastunde. Im Raum läuft leise Musik, es riecht nach Räucherstäbchen und es brennen Kerzen. Die Asanas öffnen Hüfte und Herz, die Köchin öffnet währenddessen zwei Weinflaschen. Als wir vom Yoga kommen, empfängt sie uns mit einem gedeckten Tisch auf der Terrasse. Alle Mahlzeiten sind vegetarisch und werden frisch zubereitet. Zwischen Meditation und Morgen-Yoga gibt es Tee oder Kaffee, Früchte und Müsli, danach einen Brunch und am Abend ein Drei-Gänge-Menü. Schon beim ersten Kennenlernen fühle ich mich sehr wohl, und obwohl nur Frauen vertreten sind, ist die Gruppe von Alter, Herkunft und Yogaerfahrung her bunt gemischt.

„Zum Entgiften der Seele gibt es für jede Teilnehmerin ein leeres Buch, das wir nach der Meditation mit unseren Gedanken füllen.“

Erste Erfahrungen mit Neti, der Nasenspülung

Die Sonne spitzelt durch eine Gasse in Palmas Altstadt.
Die Sonne spitzelt durch eine Gasse in Palmas Altstadt.

Der Wecker klingelt um sieben. Mein erster Tag beginnt mit einem kurzen Fluch: Als ich die Holztüren meines Balkons öffne, plätschern mir aus der Dunkelheit Regentropfen entgegen. Ich  verabschiede mich von der Vorstellung, braun gebrannt ins kühle Deutschland zurückzukehren. Aus Protest ziehe ich trotzdem meine Flip-Flops an und mache mich mit meinem Nasenspülkännchen auf den Weg zur Shala, dem Yogaraum, von dem aus man die Sonne hinter den Bergen aufgehen sieht – oder vielmehr sehen sollte. Als ich mich mit schrägem Kopf über die Yogaterrasse beuge und daran verzweifle, eine Kanne warmes Salzwasser erst durch das linke, dann durch das rechte Nasenloch zu jagen, bin ich über Regen und Dunkelheit dankbar. Das will niemand sehen oder hören. „Wer möchte, darf die Nasenspülung jeden Morgen machen. Sie beugt Erkältungen vor und öffnet die Atemwege für unsere Pranayama-Übungen”, sagt Berenice und übergibt jeder von uns ein Detox-Paket, das die Entgiftung des Körpers unterstützt: Öl zum Ölziehen, Heilsteine fürs Trinkwasser und verschiedenen Detox-Drinks.

Digital Detox

Zum Entgiften der Seele gibt es für jede ein leeres Buch, das wir nach der Meditation mit frischen Gedanken füllen können. Bei den Yoga­stunden leitet sie uns mit ruhiger Stimme durch die Asanas und findet für jedes Level und jedes körperliche Wehwehchen eine passende Abwandlung. So machen wir alle Fortschritte – ob Anfänger oder Geübte – und auch ich mit meinen Knieproblemen bekomme zu jeder Haltung eine schonende Variante gezeigt. Der Brunch lässt keine Yogi-Wünsche offen, ich schmeiße mich danach erst mal auf ein Sofa und befürchte im Stillen, neben dem frischen Teint auch den fitteren Körper von meiner Wunschliste streichen zu müssen. Dabei verbreitet der Regen eigentlich eine sehr gemütliche Atmosphäre in der Finca. Viele haben sich einen „Digital Detox” verordnet, kuscheln sich mit einem Buch ein oder sitzen bei einer Tasse Tee vor dem Kamin und erzählen aus ihrem Leben. Kurz vorm Einschlafen beschließe ich, dass der Regen heute gar nicht so schlecht war. Wir alle brauchten Zeit, um in Ruhe anzukommen.

Insider-Tipp: Cafe Ziva To Go in Palma de Mallorca

Beim Meditieren am nächsten Tag blinzle ich kurz und sehe, wie die aufgehende Sonne die Berge rot färbt. Na, geht doch. Dank der Erholung am Vortag stecke ich voller Energie und erkunde während der Pause mit einem Teil der Gruppe die frühlingshafte Natur rings um die Finca. Ein paar tapfere Yogis ziehen ihre Bahnen im Pool. Mein Kleiner-Zeh-Test fällt jedoch negativ aus. Nach dem Spaziergang breite ich mich lieber auf einer der bequemen Sonnenliegen aus. Wieder fällt mir auf, wie angenehm die Stimmung unter den Teilnehmerinnen ist. Keine fühlt sich schlecht, wenn sie sich zurückzieht, um Zeit alleine zu genießen, denn man wird danach wieder freudig von allen empfangen. Auch beim Essen gibt es statt vieler kleiner Unterhaltungen überwiegend ein gemeinsames Gespräch. Wir lachen viel und sitzen am Abend noch lange im Wohnzimmer zusammen, bis nach und nach jede ins Bett huscht.

„Zweifel, ob ich bei so viel Genuss nach dem Retreat wirklich fitter sein werde? Unbegründet!“

Der dritte Tag

Man sagt, der dritte Tag eines Yoga Retreats sei der schwierigste. Stimmt. Ich rolle mich über die Seite, um überhaupt aus dem Bett zu kommen und quäle mich Stufe für Stufe die Treppe runter. Die Ashtanga-Praxis am Vorabend hat meine Bedenken, ich könnte hier zu wenig für einen fitteren Körper tun, schnell aus dem Weg geräumt. „Wird der Muskelkater ab jetzt jeden Tag schlimmer?”, stöhnt Ella, die wie ich heute viel Zeit in der Kindhaltung verbringt. Unser Lichtblick ist Angi, die mittags zur Gruppe dazu stößt und den Rest der Woche für Massagen zur Verfügung steht. „Heute geht es allen ähnlich”, sagt Berenice und lächelt in die Runde verzerrter Gesichter. „Die Erfahrung zeigt aber, dass es sich lohnt, sich ein bisschen durchzubeißen“, verspricht sie. Ich weiß nicht so recht, ob ich ihr glauben kann. Doch sie ist nachsichtig und gestaltet die Stunde ruhiger. Schließlich steht heute Nachmittag ein Ausflug nach Palma an, für den uns Berenice mit heimischen Insider-Tipps versorgt. Zusammen mit Amelie bummele ich durch die Altstadt und wir setzen uns eine Weile vor die Kathedrale. In Berenices Lieblingscafé, Ziva, futtern wir uns durch die vegane Speisekarte und treffen den Rest der Gruppe schließlich am Hafen. Hier werden ein paar Urlaubsfotos gemacht und ich glaube, ich habe mich ein bisschen in die Stadt verliebt.

Beim Frühstücken auf der Terrasse
Beim Frühstücken auf der Terrasse

Erfolge am vierten Tag

Einmal die Halbzeit erreicht, fliegt die Zeit. Oder fliege ich? Beim Yoga am vierten Tag kommt es mir jedenfalls so vor. Ich fließe durch die Ashtanga-Abschluss-Sequenz, die wir jeden Tag üben und muss gestehen, dass Berenice recht hatte. Die Haltungen fallen mir leichter und den Muskelkater merke ich kaum noch. Dank ihrer Hilfe finde ich spielerisch den Hebel, der mich mit geraden Beinen in den Kopfstand bringt. Und auch bei der Nasenspülung am nächsten Morgen tut sich was. Ich war schon überzeugt, dass meine Nasenlöcher nicht verbunden sind, bis Amelie mich erinnert, den Mund weit zu öffnen. Und tatsächlich, es kribbelt und brennt kurz, aber das Salzwasser findet den Weg zur anderen Seite. Bei der Meditation schrecke ich auf, als Berenice verkündet: „Heute haben wir 40 Minuten meditiert”. Habe ich wirklich so lange still gesessen? Ich habe nicht mal bemerkt, dass wir jeden Tag um zehn Minuten verlängert haben. Noch ein kleiner Fortschritt, den ich mit in meinen Alltag nehmen möchte.

„Wir sitzen eingemummt unter den Sternen und chanten, bis die
Köchin zum Abendessen ruft.“

Gute Nachrichten

In der Altstadt Palmas
In der Altstadt Palmas

Wir sitzen eingemummt in Decken unter den Sternen und chanten, bis die Köchin zum Abendessen ruft und uns vorm Abschied noch die Zutaten für das leckere Rote-Bete-Risotto diktiert. Im Wohnzimmer hat Berenice währenddessen neun „Gute-Nachricht”-Kästchen mit unseren Namen aufgestellt und wir schreiben uns gegenseitig kleine Botschaften. Die dürfen an schlechten Tagen oder bei Fernweh geöffnet werden. Mal gespannt, wie schnell ich darauf zurückkommen werde. Bei der Fahrt zum Flughafen bin ich entspannt wie lange nicht mehr und lese ich das Buch mit meinen Notizen der Woche durch. Neben Erinnerungen und neuen Freundschaften nehme ich viele frische Inspirationen und Ideen mit. Berenice lebt Yoga und hat uns alle damit angesteckt. Damit ich bis zum nächsten Retreat weiterhin mit ihr üben kann, habe ich ihren Youtube-Kanal (BereniceYoga) mit Übungssequenzen abonniert. Ganz nebenbei kann ich mir so ein bisschen Mallorca-Feeling nach Hause holen. Die Lichter des Flughafens kommen auf uns zu, als Cyndi Laupers Stimme im Radio ertönt. Zufall? Schicksal? Egal. Wir geben ein letztes Ständchen, bis sich jede die Yogamatte auf den Rücken schnallt und mit einer festen Umarmung und dem Versprechen „Bis bald” zu verschiedenen Terminals aufbricht. Girls definitely had fun!


Berenice Sophia Seiss ist Yogalehrerin und inspiriert ihre Schüler bei Yoga-Retreats, Workshops und Events. In ihrer Wahlheimat, Palma de Mallorca, bietet sie nun auch Einzelcoachings an. Für alle, die im Urlaub nicht auf Yoga verzichten möchten oder es einfach mal ausprobieren wollen, gibt sie private Stunden. Termine können Sie unter hello@bereniceyoga.com oder +34 631 934 030 vereinbaren.

bereniceyoga.com