Dr. Ronald Steiner: Dreh- und Angelpunkt

Das Hüftgelenk sorgt nicht nur für einen aufrechten Gang, es spielt auch in vielen Yogahaltungen eine zentrale Rolle. Diese Yogatherapie-Strecke soll Ihnen dabei helfen, die Gesundheit dieses wichtigen Gelenks zu erhalten.

Das Hüftgelenk kann man durchaus als Dreh- und Angelpunkt des Körpers bezeichnen: Es bewegt das Bein bei stabilem Rumpf (zum Beispiel beim Gehen) und den Rumpf bei stabilen Beinen (beim Bücken oder Drehen). Auch bei vielen Asanas spielt der Bewegungsraum des Hüftgelenks eine entscheidende Rolle.

Das Hüftgelenk – Voraussetzung für eine aufrechte Fortbewegung

Das Hüftgelenk verbindet Becken und Oberschenkelknochen, dadurch ermöglicht es uns einen aufrechten Gang. Um stabil zu sein, ist der Gelenkkopf zu mehr als der Hälfte von der Gelenkpfanne umhüllt – das -Gelenk ist somit knöchern geführt. Zusätzlich ziehen 23 -Muskeln- (3 Extensoren, 4 Flexoren, 5 Adduktoren, 5 Abduktoren, 6 kleine Außenrotatoren) von allen Seiten in diversen Richtungen über das Hüftgelenk. Kaum ein anderes Gelenk besitzt eine derart stark ausgebildete muskuläre Ummantelung. Diese muskuläre -Hülle hilft, das gesamte Bewegungsspektrum des Kugelgelenks zu nutzen – also den Oberschenkel in alle Richtungen zu bewegen. Arbeiten diese Muskeln harmonisch zusammen, halten sie den Oberschenkelkopf in jeder denkbaren Stellung schwebend in der Mitte seiner Gelenkpfanne. Ist dies nicht der Fall, entstehen schnell spürbare Probleme, die erhebliche Einschränkungen in der Bewegung mit sich bringen können.

Risiken für das Hüftgelenk

Ist das Muskel-Gleichgewicht gestört, kann es beispielsweise zu folgenden Phänomenen und Symptomen kommen:

Sprung-Phänomen

Sobald ein einseitiges Bewegungsspektrum die einen Muskeln verkürzt und die anderen abschwächt, ist die Balance gestört. Als Zeichen dieser Dysbalance springen dann Muskel-Faszienzüge bei Bewegung übereinander. Typisch ist dabei ein Springen seitlich im Bereich des M. Tensor Fasciae Latae (Seit-faszienspanner), die sogenannte „Läufer-Hüfte“. Nicht ganz so häufig, aber ebenfalls charakteristisch, ist ein Umschlagen in der Leistengegend: Dort springen die Stränge des M. Iliacus (Darmbeinmuskel) und des M. Psoas Major (großer Lendenmuskel) übereinander und führen zur sogenannten „Tänzer-Hüfte“.

Impingement-Syndrom

Als Ursache der knöchernen Führung und durch die Nähe der beiden Gelenkpartner kommen oft Klemm-Phänomene (Impingement-Syndrom) vor. Ursache ist nicht immer ein zu breiter Hals (CAM) oder eine zu enge Pfannenöffnung (Pincer), sondern häufig der Oberschenkelkopf, der unharmonisch in seiner Pfanne rollt. Erst wenn er wiederholt anstößt, wächst der Knochen und zeigt das typische Bild eines zu breiten Oberschenkelhalses (CAM) oder verdickten Pfannenrands (Pincer). Diese ungünstige Kollision lässt sich jedoch mit gezielten Übungsfolgen vermindern: Sind die Muskeln rings um das Gelenk in einem harmonischen Gleichgewicht, halten sie den Gelenkkopf in der Bewegung stets optimal zentriert.

Arthrose

Da auf das Hüftgelenk starke Kräfte wirken, ist die Belastung auf den Gelenkknorpel vergleichsweise hoch. Schon geringe anatomische Unterschiede, wie beispielsweise eine kleinere knöcherne Ummantelung des Oberschenkelkopfes, können den Druck weiter -verstärken. Wenn die Muskulatur aus der Balance gerät, wird die Belastung schnell einseitig. Über Jahre kann der Knorpel so Schaden nehmen – eine Arthrose entsteht. Kein Wunder also, dass das Hüftgelenk, noch vor dem Kniegelenk, am häufigsten von Arthrose betroffen ist: Etwa 5% der über 60-jährigen leiden darunter.


Dr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Die von ihm begründete AYInnovation®-Methode baut eine Brücke zwischen der Tradition und progressiver Wissenschaft, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung.

www.AshtangaYoga.info

In 4 Schritten zum Yoga-Crunch

In den letzten Jahren ist der in der Fitness-Szene so beliebte Crunch (zu deutsch: Bauchpresse) etwas in Verruf geraten. Und es stimmt, dass hier einseitig die Bauchmuskeln beansprucht werden, wo doch ein umfassendes Rumpfmuskel-Training auch die an der Rückseite liegenden Muskeln einbeziehen sollte. Genau darum ist im Yoga die Bretthaltung so beliebt: Dort wird der gesamte Rumpf aktiviert. In diesem Artikel geht es natürlich nicht darum, einseitig Sixpacks zu züchten, sondern viel eher darum zu lernen, wie man die vordere Rumpfmuskulatur gezielt einsetzen kann – denn das ist vor allem in Rückbeugen unglaublich wichtig. Die Idee: Wenn man im Yoga-Crunch geübt hat, vor allem die queren Bauchmuskeln und den Psoas bewusst in der Vorwärtsbeuge zu aktivieren, kann man das auch in der entgegengesetzten Richtung nutzen, also in Rückbeugen. So wird man in der Lage sein, die Brust aktiv zu heben, anstatt im unteren Rücken einzuknicken.

Die vier Schritte, die wir hier vorstellen, beruhen auf dem so genannten „Carpenter-Crunch“, den meine Lehrerin Annie Carpenter, die Erfinderin von Smart Flow Yoga, entwickelt hat. Sie bewirken eine fein dosierte Verkürzung der Körpervorderseite (anatomisch: spinale Flexion). Das hilft Ihnen, die Übungen der auf den kommenden Seiten gezeigten Sequenz sicherer und müheloser auszuführen – insbesondere- die Rückbeugen (spinale Extension). Bevor Sie mit der Sequenz beginnen, sollten Sie die vier Schritte des Crunchs etwa 10 Mal wiederholen.

  1. Neutrale Wirbelsäulenposition

Stellen Sie in Rückenlage die Füße etwa hüftbreit flach auf den Boden. Mit einer Einatmung führen Sie die Arme in die Senkrechte. Ausatmend schieben Sie die hinteren Rippenbögen fester gegen die -Unterlage. Nehmen Sie die neutrale Position der Wirbelsäule wahr und halten Sie die Rippen tief am Boden verankert, wenn Sie nun die Fingerspitzen hinter die Ohren legen.

2. Brust heben

In dieser Position rollen Sie sich mit einer Ausatmung etwas nach oben, dabei rundet sich der Rumpf von den Schultern bis zum Steißbein und die Schulterblätter lösen sich vom Boden. Gleichzeitig schieben Sie den Nabel Richtung Boden und ziehen die untersten Rippen an der Körpervorderseite zum Schambein hin. Dieses Runden erzeugt die spinale Flexion.

3. Beine heben

Behalten Sie diese Ausrichtung genau bei, wenn Sie nun mit einer Einatmung die Beine etwa in einen 45-Grad-Winkel über dem -Boden ausstrecken. (Wenn Sie die Beine dichter über dem Boden halten, wird die Übung schwieriger.) Aktivieren Sie die Beine, heben Sie die Kniescheiben und strecken Sie sich durch die Fußballen nach oben. Wenn sich das im unteren Rücken unangenehm anfühlt, dann beugen Sie die Beine oder strecken sie nur abwechselnd.

4. Intensivieren

Mit einer Ausatmung setzen Sie die Füße wieder am Boden auf. Ganz zum Ende der Ausatmung runden Sie den Rücken noch etwas stärker, heben die Brust noch ein bisschen höher und schieben den unteren Rücken gegen die Unterlage. Dann beginnen Sie wieder mit Schritt 1.


Anatomie: Mittenmanagement

Um diese Rumpfmuskeln geht es:

Rectus Abdominis

Die geraden Bauchmuskeln verlaufen an der Körpervorderseite von der Mitte des Brustkorbs bis zum Schambein und bilden die berühmten Sixpacks.

Obliquus

Die schrägen Bauchmuskeln ziehen sich diagonal über die Flanken und vereinen sich an der „Mittelnaht“ (Linea Alba) mit den Rectus Abdominis.

Transversus Abdominis

Die quer verlaufenden Bauchmuskeln liegen unter den schrägen Bauchmuskeln. Sie verlaufen zwischen Rippen und Becken waagerecht über den Bauch und halten ihn wie ein Korsett zusammen.

Iliopsoas

Der große Lendenmuskel (Psoas Major) verläuft von den Lendenwirbeln durch das Becken zur Innen-seite der Oberschenkel. Gemeinsam mit dem Darmbeinmuskel (Iliacus), der vom Becken ausgehend ebenfalls bis zu den Oberschenkeln reicht,
bildet er den Iliopsoas.

Quadratus Lumborum

Der quadratische Lendenmuskel gehört zu den tiefsten Rumpfmuskeln. Er liegt zwischen den untersten Rippen und dem Becken und spielt eine entscheidende Rolle für eine gute Haltung.

 

Interview: Orit Sen-Gupta

Da kaum etwas Praktisches über die Vayus überliefert ist, verfolgen die wenigen Yogalehrer, die damit arbeiten, etwas verschiedene Ansätze. Als Autorin des derzeit einzigen Buches über die Vayus hat die israelische Yogalehrerin Orit Sen-Gupta Pionierarbeit geleistet. Was sie dabei entdeckte und warum die Vayus auch Ihre Praxis bereichern können, lesen Sie hier.

„Für das Subtile empfindsam zu werden, bildet das Herz der gesamten Yogapraxis. Die Vayus spielen für dieses Bemühen eine entscheidende Rolle.“

Wie bist du auf die Vayus aufmerksam geworden?

Zunächst sind sie mir immer wieder in den klassischen Texten begegnet: etwa in den Upanishaden, der Bhagavadgita und den wichtigen Hatha-Yogatexten. Es wird zwar nie wirklich erklärt, worum es dabei geht, oder was zu tun ist, sie werden nur benannt und manchmal lokalisiert, aber sie tauchen immer an sehr wichtigen Textstellen auf. Das hat mich neugierig gemacht.

Sind die Bezeichnungen und Zuordnungen der Vayus in den alten Texten überhaupt einheitlich?

In den frühen Upanishaden noch nicht. Dort werden zunächst nur zwei Vayus genannt: Prana und Apana, später sind es drei und irgendwann fünf: Prana, Apana, Samana, Udana, Vyana, wobei die Zuordnung zu Körperstellen in den älteren Texten nicht immer einheitlich ist. Das ändert sich in den Hatha-Yogaschriften. Dort sind zehn Vayus aufgelistet, die genannten fünf inneren und zusätzlich fünf äußere. Die inneren werden über ihren Ort im Körper beschrieben, die äußeren hauptsächlich über ihre Funktionen, etwa das Sehen, Gähnen oder Niesen.

Wenn die traditionellen Yogatexte die Vayus immer wieder aufgreifen, warum findet sich dann kaum eine Spur davon in unserer modernen Yogapraxis?

Es wurde lange Zeit einfach nicht unterrichtet. Vielleicht war es so etwas wie ein verlorenes Geheimnis: Die klassischen Autoren erklärten die Praxis entweder nicht, weil sie sie für allgemein bekannt hielten, oder sie hatten die Absicht, sie geheim zu halten. Irgendwann waren die Vayus dann fast vergessen. Aber es gab Spuren des Geheimnisses in den Texten – und diese Spuren führten zu ihrer Wiederentdeckung und zu einem erneuerten Interesse an den Vayus.

Da die Texte nichts über die Praxis verrieten, musste die Wiederentdeckung über das Nachforschen im eigenen Körper geschehen …

… und weil Vayu Wind bedeutet und sie ganz offensichtlich eng mit dem Atem verknüpft sind, begann ich damit, den Atem in die in den Texten beschriebene Region von Prana Vayu zu lenken. Ich stellte fest, dass sich dabei die Ausatmung in einem bestimmten Punkt vorne am Zwerchfell zu verdichten begann. Danach dehnte sich in der Einatmung der oberhalb von diesem „Zugangspunkt“ gelegene Brustraum – der eigentliche Sitz von Prana Vayu – aus und fühlte sich völlig anders an. Ich spürte, das war für mich der Beginn von etwas Neuem, nach einer langen Zeit des Verstehen-Wollens und Nicht-Verstehens. Mit der Zeit begann sich in jeder der Vayu-Regionen etwas zu zeigen: wie eine zurückgehaltene Vita­lität, die aufblüht, sobald man einen Zugang dazu schafft.

Wie hat diese Entdeckung deine Asana-Praxis verändert?

Die Praxis der inneren Vayus – vor allem Prana, Samana und Udana, wo man nach meinem Verständnis von der Vorderseite zur Rückseite hin ausatmen – hat eine ganz feine Veränderung in der Körperausrichtung bewirkt. Interessanterweise war diese Veränderung viel verständlicher und nachhaltiger als der Versuch, die Haltung vom Skelett her zu korrigieren. Das habe ich nicht nur bei mir selbst festgestellt, sondern vor allem auch bei den Menschen in meinem Unterricht: Eine verbale Korrektur wie „Richte deinen Nacken auf“ ist nach 10 Minuten meistens vergessen, während das Ausatmen von vorne nach hinten zu bestimmten Punkten ein viel besseres Gefühl dafür schafft, was gutes Alignment überhaupt heißt. Ich nenne das: pranisches Alignment. Mit etwas Übung beginnt es sich anzufühlen wie eine Luftsäule im Inneren, wir fühlen uns sehr gerade, lang und gehalten.

„Warum die Vayus in Vergessenheit geraten sind, ist ein Rätsel. Nach meiner Erfahrung schmieden sie eine lebendige Verbindung zwischen dem physischen und dem energetischen Körper.“

In welchem Verhältnis stehen die Vayus zu den Chakras? Die Körperstellen sind ja großteils die selben …

Ich sehe es so: So wie man im Bezug auf die Erde von „Kraftorten“ spricht, scheint es auch im Körper Stellen zu geben, die besonders kraftvoll, oder sagen wir interessant sind. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie richten, beginnen wir bestimmte Dinge wahrzunehmen: Sie führen zu verschiedenen Erfahrungen und bekommen dann einen Namen. Wenn man also ein Vayu anspricht, indem man an diese Stelle ausatmet und dann bewusst den physischen Körper und die veränderte Einatmung spürt, dann ist die Praxis genau das: atmen und spüren. Konzentriert man sich auf denselben Punkt, visualisiert dabei aber das entsprechende Chakra und sagt vielleicht auch noch ein Mantra, dann wird man vielleicht eine Chakra-Erfahrung machen. Es sind verschiedene Aspekte oder Schattierungen von Aufmerksamkeit und innerer Ausrichtung, aber die Stellen, mit denen man arbeitet, sind immer dieselben. Auch in anderen Kulturkreisen kennt man sie: In einem Text der jüdischen Kabbalah ist zum Beispiel von dem „Herzensgrübchen“ die Rede – und dieses Grübchen am Zwerchfell ist absolut identisch mit dem Zugang zu Prana Vayu.

Schließlich haben wir alle dieselbe Art von Körper …

Genau das meine ich! Die Vayus sind schon da, bevor Theorien über die Erfahrungen mit ihnen entstehen. Es reicht das Spüren der Stelle mit dem Atem – schon das scheint einen sehr tiefgreifenden
Effekt zu haben.

Die traditionellen Texte haben dabei sicher eine eher spirituelle als eine rein körperliche Erfahrung im Sinn?

Das stimmt. Dennoch war ich sehr verblüfft, als ich in der Taittiriya Upani­shad auf den folgenden Satz stieß: „Ehre sei dir, oh Vayu. Dich alleine will ich preisen als das sichtbare Brahman.“ Für mich macht das deutlich: Es geht um viel mehr als um die Verbindung zwischen Materie und Geist, die der Atem herstellen kann – sogar das Absolute, Brahman, das so subtil ist, dass es Sinnen und Verstand eigentlich völlig unzugänglich ist, wird für den Menschen konkret wahrnehmbar, wenn er sich öffnet für die Energie von Vayu, dem vedischen Wind- und Luftgott. Denn diese Energie ist körperlich spürbar, sie manifestiert sich in den Vayus. Es scheint also, als seien diese „Lebenswinde“ auf eine sehr besondere Weise verbunden mit den göttlichen Aspekten unserer selbst.


Orit Sen-Gupta unterrichtet Yoga seit über 30 Jahren. Sie war Schülerin von BKS Iyengar und Pattabhi Jois und arbeitete eng mit Dona Holleman zusammen. Daneben hat sie sich eingehend mit den Quellentexten des Yoga befasst und einen Universitätsabschluss in Sanskrit und Indischer Philosophie erworben. Dies und das Üben aus der Verbindung nach innen bilden die Grundlage des von ihr begründeten Vijnana-Yoga.

vijnanayoga.com
vijnanayoga.de


Buchtipp Orit Sen-Gupta: Das Geheimnis der Vayus – Die Yoga-Praxis der Vayus in Asana & Pranayama, J. Kamphausen/tao.de, ca. 16 €

Medien-Tipp: Traumasensibles Yoga – TSY

Zwischen diesen zwei Buchdeckeln findet sich die Kompetenz von fast 100 Jahren Praxis und Theorie im hochsensiblen Bereich Trauma. Die diplomierten Therapeut*innen auf verschiedenen Gebieten haben das Ausbildungssystem „TSY Ingradual“ entwickelt, das auf posttraumatisches Wachstum setzt. Weil sich Trauma immer im Körper niederschlägt und damit die psychische Verfassung prägt, bietet sensitives Yoga mit seinen differenzierten Möglichkeiten einen echten Lichtblick für Betroffene. TSY Ingradual stellt den Körper ins Zentrum des Heilungsprozesses. Durch subtiles Erleben und umfassendes Reflektieren wird die Entwicklung von Selbstmitgefühl initiiert und die Möglichkeit gegeben, im Lernprozess „Trigger“-Situationen nachhaltig zu bewältigen.

Fazit // Das Buch enthält das Wissen rund um Trauma auf dem aktuellen Forschungsstand, viele praktische Übungen und ergänzt die Ausbildung im Modulsystem: sehr empfehlenswert.


Traumasensibles
Yoga – TSY
Von Angela Dunemann, Regina Weiser und Joachim Pfahl
Klett-Cotta
PREIS // ca. 10 EURO


Foto von Pixabay von Pexels

Interview: Sriram

Yoga am Ursprung

Kein nostalgisches „Zurück zur Natur“ oder nur ein weiterer Ashram im südindischen Hinterland: Bei seinem neuen Begegnungszentrum geht es dem renommierten Yogalehrer R. Sriram um die Vernetzung von Yoga, Kunst, Philosophie und Politik – dabei integriert er sogar die einheimische Elefantenherde. YOGA JOURNAL-Autor Volker Linder besuchte ihn in Tamil Nadu.

Im abgelegenen Tamil Nadu, hoch oben in den Bergen, wird man sanft geweckt von exotischem Vogelgezwitscher und der ganz eigenen Morgenröte -Südindiens. Für R. Sriram, der seit Jahrzehnten als führender Vertreter der Yogatradition von Krishnamacharya und Desikachar in Deutschland gilt, sind die Momente der Ruhe und Zurückgezogenheit selbst in der totalen Abgeschiedenheit der Pallani Hills rar. Sein Handy klingelt, deutsche Schüler haben Fragen zu Projekten. Mehr oder weniger gleichzeitig gibt er in Tamil, seiner -indischen Muttersprache, den einheimischen Maurern Anweisungen, damit die kleinen Gästehäuser auch den ökologischen Prämissen des Projekts entsprechen und sich organisch in die traum-hafte Landschaft einfügen. Auf keinen Fall darf der Blick auf den Wasserfall an der gegenüberliegenden -Bergkette verstellt werden. Auch die Achse von der Terrasse zu der Steinansammlung, die schon in grauer Vorzeit von den Ureinwohnern als Verehrungsstätte genutzt wurde, muss frei bleiben. Das ist besonders Srirams deutscher Frau, der Tänzerin und Künstlerin- Anjali, wichtig.

Sriram, der Ausblick von der Veranda ins Tal ist einmalig. Was hat dich an diesen Ort verschlagen, worum geht es bei eurem Gemeinschaftsprojekt?

Wir bewegen uns hier an den Schnittstellen von Körper und Geist, Philosophie und Kunst, Europa und Indien, Yoga und Therapie. 2016 lebten und arbeiteten zum ersten Mal Stipendiaten der -Universität Wien für ein paar Monate hier. Zwei unserer Partner, Arno Böhler und Susanne Valerie Granzer, sind für diesen Teil unseres Gemeinschaftsprojekts zuständig. Danach haben Anjali und ich ein acht-tägiges Programm mit Musik, Wort, Tanz und Yoga durchgeführt. Im Laufe dieses Jahres kommen langjährige Yogalehrer zu Fortbildungen in Yogatherapie. Wir wünschen uns Offenheit und einen regen Austausch zwischen der akademischen Welt, der Kunstwelt, ökologischer Bewegung und Yoga.

Als Vertreter der Yogatradition Krishnamacha-ryas: Wie unterscheidet sich deine Yogalehre von anderen Systemen und ist dazu ein Seminarzentrum im indischen Dschungel nötig?

Was heute in der Yogaszene vor allem im Westen passiert, wird von den schicken, urbanen Yogastudios und klingenden Yogastilen amerikanischer Machart dominiert. Häufig ist es auch solide Arbeit, die dort gemacht wird. Auf der anderen Seite gehen der Yoga-Hype und die Vermarktung des Yoga als Lifestyle und Marke immer häufiger völlig konträr zu den überlieferten Inhalten und zentralen Themen der indischen Yogatradition.

Was ist schlecht daran, wenn sich Yoga im Westen der Kultur anpasst? War es nicht der Export durch Gurus wie B. K. S. Iyengar oder Sivananda nach Europa und Amerika, die maßgeblich zur postmodernen Renaissance des Yoga beigetragen haben?

Das ist richtig – und wir haben dem Austausch jede Menge zu verdanken. Aber die Entwicklung ist nach Jahrzehnten an einem Punkt angekommen, der nach einem Innehalten ruft. Worum geht es? Will ich als Yogalehrer möglichst viele Schüler um mich scharen, will ich Geld verdienen, Yoga mit anderen Techniken kombinieren, die vielleicht gerade in Mode sind und auf dem Markt ankommen? Oder will ich wirklich etwas über mich erfahren, die Kernaussagen des Yoga in mein Leben integrieren? Letzteres ist unser Ansatz.

Was heißt das, „die Kernaussage des Yoga in mein Leben integrieren“?

Das kann vieles bedeuten. Auf alle Fälle geht es nicht primär nur um Asanas und darum, dass ich mich selbst gut fühle. Das ist natürlich auch ein ganz wichtiger Bestandteil, aber wenn es dabei stehen bleibt, hat man von Yoga in einem umfassenderen Sinn nicht viel verstanden.

Wie könnte eine entsprechende Praxis aussehen?

Es ist auf jeden Fall nur ein Einstieg, wenn ich einmal die Woche in ein Yogastudio gehe, ein paar Mal den Sonnengruß mache und dann eine Auswahl an Asanas vielleicht auch noch schweißtreibend übe, die mehr oder weniger zu mir passen. Häufig passen sie eben weniger. Und das ist der große Unterschied: Gehe ich meine Yogapraxis mit einem starken Fokus auf das Individuum an oder versuche ich, eine vorgefertigte Choreografie so zu praktizieren, dass sie vielleicht dem Idealbild in meinem Kopf nahe kommt. In meiner Tradition steht das -Individuum im Mittelpunkt – mit all seinen Bedürfnissen, Eigenheiten, dem Alter, der spezifischen Konstitution und den Lebensthemen, die gerade anstehen. Als Yogalehrer versuche ich immer, den Blick für die einzelne Schülerin oder den Schüler zu schärfen.

Aber sind wir da nicht schon im Feld der Yogatherapie angekommen?

Yoga ist in einem gewissen Sinn immer Therapie – wer kann schon von sich sagen, er hätte keine gesundheitlichen Themen, die ihn beschäftigen – sei es auf der körperlichen oder psychischen Ebene. Im Yoga trennen wir nicht zwischen körperlicher Medizin und psychischen Belangen. Wir versuchen immer, den ganzen Menschen im Blick zu haben. Das schließt sogar sein Umfeld ein, denn die erste Stufe des Yoga ist nach Patanjali im sozialen Miteinander angesiedelt. Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, ist die erste Empfehlung im Yoga-
Sutra.

Wie hängt dieses Verständnis von Yoga mit eurem neuen Projekt in der Nähe der südindischen Stadt Kodaikanal zusammen?

Es geht genau um dieses ganzheitliche Verständnis des Yoga, das im Kern immer Mikro- und Makrokosmos zugleich meint. Wenn ich das aus dem Blick lasse, hat das, was ich tue, nur marginal oder überhaupt nicht mit Yoga zu tun. Deshalb haben wir zusammen mit unseren Partnern unser Projekt „Base“ genannt: ein Yogazentrum als Basis für ästhetisches, geistreiches und umweltbewusstes Leben, sprich ein Zusammenschluss von Kunst, Philosophie und Ökologie. Wenn hier Elefanten in der Nähe sind – wie letzte Nacht –, dann ist das natürlich eine gefährliche Angelegenheit, aber wir kämen nie auf die Idee, sie deswegen hier weghaben zu wollen.

Aber kommt man nicht zwangsläufig in Konflikt mit der Natur, wenn man in der Nähe eines Nationalparks ein Seminarzentrum baut? Immerhin wurden gerade vier neue Häuser in die Landschaft gestellt.

Es geht ja nicht darum, uns aus der Natur herauszuziehen, sondern einen Weg zu finden, beides miteinander neu zu leben. Dieses Land war völlig überwuchert von einer Art Efeu, die die natürliche Regenwaldvegetation zerstört und den Tieren Lebensraum nimmt. Wir haben Wochen gebraucht, das Terrain erstmal in einen Zustand zu bringen, der ein harmonisches Zusammenleben von Mensch und Natur ermöglicht. Dazu gehört auch, dass wir die einheimische Bevölkerung aktiv in den Gestaltungsprozess mit einbinden – als Bauarbeiter, Gärtner, Maler, Handwerker, Maurer und Servicekräfte. Jetzt sind hier fast alle Arbeiten abgeschlossen, und wir werden regelmäßig kostenlose Sommercamps für Kinder aus dieser Gegend, aber auch aus den großen indischen Städten wie Madurai oder Chennai, veranstalten. Zwei weitere Partner des Projekts sind ein deutscher Zahnarzt und eine indische Ayurveda-Ärztin. Beide werden kostenlos medizinische Hilfe hier in den Bergen anbieten. Nicht Isolation in einer schönen Landschaft ist unser Ziel, auch nicht, völlig autark zu leben.

Aber es geht doch darum, deinen Schülern ein Umfeld zu ermöglichen, in dem sie Yoga für sich noch einmal neu entdecken können?

Ich werde mit kleinen Gruppen europäischer und indischer Yogaschüler hier zusammen Zeit verbringen. Es wird aber kein straffes Programm geben, das die Tage füllt, sondern viel Freizeit und Freiraum, um eigene Erfahrungen in dieser einzigartigen Natur zu machen. Die Auseinandersetzung mit der für viele Europäer fremden Kultur hier, die Nähe zur Natur und das in vieler Hinsicht ursprüngliche Leben birgt sicher das Potenzial, den im Yoga zentralen Selbsterkenntnisprozess zu fördern. Die individuelle Betreuung bildet den Schwerpunkt meiner Programme.

Ist es im Alltag eines Yogalehrers normalerweise nicht unmöglich, derart genau hinzuschauen und jeden Schüler in seinem Prozess aus nächster Nähe zu begleiten?

Das ist ein Luxus, aber den müssen wir uns nehmen. Auch das Vertrauensverhältnis zwischen Yogaschüler und Yogalehrer ist ein zentraler Faktor für einen wirklich transformativen Prozess. Alles andere ist eine Verkürzung, die dem Yoga auf die Dauer nicht gut tut. Davon bin ich überzeugt, das hat mir mein Lehrer T. K. V. Desikachar mit auf den Weg gegeben. Es geht heute darum, diesen ernsten, tiefen Ansatz des Yoga wieder verstärkt in den Blick zu nehmen.

Nach all den Jahren deines unermüdlichen Einsatzes für Yoga vor allem in Deutschland nun dieses Projekt und dieses neue Fleckchen indische Erde als Wirkstätte – wieso eigentlich?

Wenn man sich sein Leben lang mit Yoga beschäftigt, wächst da natürlich etwas, und es nimmt neue Formen an. Wir wollen raus aus der Engstirnigkeit mancher Yogazentren, die durch ihre Art, Yoga zu vermitteln, teilweise Eskapismus befördern. So etwas läuft konträr zu der ursprünglichen Ausrichtung des Yoga auf das große Ganze. Als Yogalehrer interessiert man sich früher oder später verstärkt für die Welt und die Zeit, in der man lebt. Dazu muss man auch sein Reflexionsvermögen stärken und sich vor allem mit Blick auf die eigene Arbeit fragen, wie es sich auf die Gesellschaft auswirkt, in der ich Yoga vermittle.

Der Aufbau hier fordert eure ganz Kraft: die Bauarbeiten, internationale Bürokratie und die ständige Abstimmung und Auseinandersetzung mit allen Beteiligten. Was treibt dich an?

Als ich das erste Mal mit Anjali hier stand und ins Tal blickte, war es eigentlich schon klar, dass dies der richtige Ort ist, um unseren Traum zwischen Natur und Kultur, Yoga und Kunst sowie Philosophie zu verwirklichen. Es ist eine große Herausforderung, aber wir bekommen schon jetzt viel zurück von den Menschen, die an der Aufbauphase mitwirken. Parinama, der Wandel (ein Konzept aus dem Yoga-Sutra), lässt sich hier mitten im Leben beobachten und gestalten.


Auch Volker Linders Yogawurzeln liegen in Indien: Seine Ausbildung absolvierte er in der Tradition Krishnamacharyas bei A.G., Ganesh und Indra Mohan. In Deutschland ist er Mitglied im BDY, betreibt seine eigene Yoga-Akademie in Karlsruhe und ist Schüler von R. Sriram.

www.volkerlinder.de

Interview: Alexander Hacke und Danielle de Picciotto

Nichts für die Kreissäge: Mit „Unity“ haben „Einstürzende Neubauten“-Bassist Alexander Hacke und die Love Parade-Mitgründerin Danielle de Picciotto ein Album für Yoga und Meditation komponiert. Dass das Berliner Künstlerpaar auch hierbei neue Wege beschreitet, ist keine Überraschung, sondern eine außer-gewöhnlich tief gehende Erfahrung.

„Das allgemein Übliche liegt uns nicht so“

Im Booklet eurer CD steht eine Warnung: „Obgleich es auch nur zur Entspannung (…) gehört werden kann, raten wir stark davon ab, ‚Unity‘ abzuspielen, während Automobile oder andere schwere Maschinen betätigt werden“. Interessant, sich vorzustellen, was anderenfalls passieren könnte …

Danielle: Das ist natürlich humorvoll gemeint, andererseits soll es auch verdeutlichen, wie wirkungsvoll Meditation sein kann.

Alexander: Das Album soll Introspektion und einen meditativen -Zustand unterstützen. Im Straßenverkehr und an der Kreissäge ist aus nachvollziehbaren Gründen eine andere Form der Aufmerksamkeit gefragt.

Ihr seid seit einigen Jahren fast permanent unterwegs und habt große Teile eures Besitzes aufgegeben – eine Übung in Loslassen?

Danielle: Die Entscheidung, alles aufzugeben, hat unser Leben auf allen Ebenen verändert. Vorher waren wir Sammler, nun haben wir den Minimalismus als extrem befreiend entdeckt. Ursprünglich ging es uns vor allem darum, als Künstler neue Wege zu finden, um überleben zu können. Inzwischen geht es uns um viel mehr.

Welchen spirituellen Traditionen seid ihr auf dieser Reise begegnet und wie haben sie euch zu „Unity“ inspiriert?

Alexander: Uns in materieller Hinsicht zu minimieren, hat auch auf seelischer Ebene einen transformativen Prozess ausgelöst. Um heimatlos leben zu können, muss man die eigene Mitte als Heimat kultivieren. Obwohl ich mich eher den westlichen Schulen der Mysterien verbunden fühle, habe ich im Laufe der Reise meine Studien der taoistischen Literatur und des Zen-Buddhismus vertieft. Letzterer wirkt gerade auf Grund seines unsentimentalen Pragmatismus und seiner alles niederreißenden Klarheit ausgesprochen erfrischend auf mich.

Welchen Bezug habt ihr generell zu so genannter spiritueller Musik?

Danielle: Ich höre oft Musik aus Persien oder Gregorianische Chöre. Allerdings empfinde ich auch Musik von Beethoven (Violinkonzert in D), Ennio Morricone oder die Bach-Etüden als extrem spirituell.

Alexander: Für mich ist Musik an sich schon eine spirituelle Angelegenheit, aber natürlich habe ich in jedem Genre Vorlieben, deren Qualität ich an dem ausmache, was diese Musik bei mir auslöst. Sufi-Musik, insbesondere die der türkischen Mevlevi-Schule, liebe ich sehr, aber auch sakrale Musik der russisch-orthodoxen Kirche und der tibetischen Mönche. So genannte „Sacred Harp“ oder „Shape Note“-Gesänge der christlichen  Tradition entwickeln eine ungeheure- Energie, weil da amüsanter-weise nicht so schön, sondern so laut wie möglich gesungen werden soll. Auch afroamerikanische Gospels rühren mich zu Tränen.

Wie stehst du zu Kirtan?

Alexander: Da bin ich oft ambivalent, weil mir die Intention durchaus bewusst ist, die eigentliche Musik mich aber völlig kalt lässt, mit einigen Ausnahmen natürlich. Ich glaube, dass gerade dieses Feld zur Zeit etwas überbevölkert ist.

Wie kommt es bei „Unity“ zur christlichen Symbolik auf dem Cover – statt des im Genre allgemein üblichen indischen Themas?

Alexander: Das allgemein Übliche liegt uns nicht so.

Danielle: Die Religionen hängen für mich alle zusammen. Meine Freundin Olga Volchkova, eine in Moskau ausgebildete Ikonen-malerin, hat Alexander und mir zu unserem zehnten Hochzeitstag ein Portrait von uns als Ikonenpaar geschenkt. Da Yoga ja „Unity“ bedeutet, empfanden wir das Bild als schöne und persönliche Verdeutlichung unserer Einigkeit.

Wie sieht eure Yogapraxis aus?

Alexander: Ich habe Yoga in Zeiten extremer mentaler Instabilität für mich entdeckt und mich dann -intensiv, ja exzessiv damit beschäftigt. Sobald es mir aber wieder besser ging, habe ich die Praxis -vernachlässigt und mich wieder in der „normalen“ Welt häuslich eingerichtet. Seit diese Zuflucht in die materielle Oberflächlichkeit für uns nicht mehr so einladend bequem bereit steht, ist das yogische Bewusstsein viel gegenwärtiger in meinem Leben. Wenn wir irgendwo genug Platz haben, üben wir gemeinsam den physischen Part, in erster Linie Kundalini Kriyas. Seit 7 Jahren hat sich auch die Meditationspraxis immer mehr als fester Bestandteil meines Alltags etabliert. Nach Experimenten, die darauf abzielten, andere Bewusstseinszustände zu erreichen, weiß ich inzwischen, dass ich viel -weiter- komme, wenn ich erstmal überhaupt nichts will, sondern stattdessen lerne, einfach nur zu sein. Aufgrund einer Knieprothese ist die sogenannte „Easy Pose“, also der Schneidersitz, für mich nicht mehr so easy und der Lotos leider -völlig außer Frage. Also sitze ich aufrecht auf einem Stuhl, am liebsten mit Lehne.

Wie geht es dann weiter?

Alexander: Zwanzig Minuten, wenn’s geht einmal, lieber zweimal am Tag, aber in jedem Fall vor einem Auftritt. Dabei arbeite ich mit unterschiedlichen Ansätzen, am erfolgreichsten jedoch mit auf ein Mantra abgestimmer rhythmischer Atmung. Bisher suche ich für meine Meditation die Stille, was in erster Linie an meinem Beruf liegt: Als Musiker fällt es mir schwer, bei Klängen das analytische Hören abzuschalten. Außerdem gibt es einfach wenig, was mir gerade für diesen Zweck gefällt. Um das zu ändern, haben wir aber nun diese Platte gemacht und selbstverständlich alle drei Stücke in der Praxis ausprobiert, gemeinsam und allein.

Mit deiner Band „EinstürzendeNeubauten“ hast du zu einer neuen Wahrnehmung von Musik und Klang beigetragen. Ihr früher Sound galt als „unhörbar“. „Unity“hat ebenfalls – wenn auch völlig anders – eine intensive Wirkung auf den Körper. Wie beeinflusst Meditation die Wahrnehmung?

Alexander: Meditation ändert die Wahrnehmung nicht, aber sie verändert das Bewusstsein, mit dem wir jegliche Wahrnehmungen verarbeiten. Und auf die Veränderung des Bewusstseins kommt es an. Die Erkenntnis, auf dieser Ebene Veränderungen herbeiführen zu können, ist weitaus erfüllender und auch ergiebiger als beispielsweise ein Drogenrausch.

Zitat von der Band-Website: „Einstürzende Neubauten forschen weiter auf ihrer ewigen Suche nach dem noch unentdeckten Geräusch.“ Könnte das die Stille
sein?

Alexander: Stille ist heutzutage auch die ultimative Bedrohung. Der moderne Mensch ist zutiefst beunruhigt, wenn der stetige Fluss von Information und Unterhaltung plötzlich abreißt. Kein Netz, kein Wifi? Ein Radio-DJ kann seinen Job verlieren, wenn er versehentlich kurz mal kein Signal in den Äther schickt. Für mich als Musiker ist es essenziell, wann ich bewusst welchen Ton spiele – und wann ich ihn nicht spiele. Ich habe mir das Wort „Silence“ als Lebensmotto auf den Bauch tätowieren lassen.

Meditations-Soundtracks werden häufig mit Naturgeräuschen bestückt, gerne sollen sie „positiv“ klingen. Jenseits von Vogel-zwitschern und Wasserplätschern – woher kommt die Inspiration für euren intensiven Sound, der spürbar auch die dunklen Seiten nicht außer acht lässt?

Danielle: Leider wird „positiv“ sehr oft mit oberflächlich und leicht verwechselt. Tatsächlich sind im -Leben aber die meisten wirklich positiven Dinge mit einer Anstrengung verbunden. So fühlt man sich zum Beispiel leicht und positiv, nachdem man Sport gemacht, etwas gelernt oder einen Schmerz überwunden hat. „Einfach“ oder ausschließlich positiv gibt es selten, das versucht man uns nur zu verkaufen. Glück und Leid, das Helle und Dunkle liegen nebeneinander. Nur wenn man das akzeptiert und sich dem ergibt, kann wirklich Größe entstehen, auch in der Musik. Wir spielen außerdem echte Instrumente. Ihre Wärme trägt dazu bei, dass die Musik lebendig und intensiv ist, nicht oberflächlich oder seicht.

Alexander: Herkömmliche New Age-Musik macht mich in erster Linie aggressiv. Für mich ist jede -Kunstform Transportmittel für eine einzige Sache: Wahrheit. Genauso- wenig, wie mich die Zimmerdekoration einer Hotelkette stimuliert oder ich mich für Texte der Trivialliteratur interessiere, kann ich etwas mit Musik anfangen, die besten-falls als Ersatz für keine -Musik konzipiert ist. Eine Filmproduzentin hat mal gesagt, meine Komposition für ihren Film sei ihr nicht „einlullend“ genug. Damit hatte sie genau auf den Punkt gebracht, was ich nicht machen will. Einem Kunstwerk muss doch eine Erkenntnis, eine Haltung oder von mir aus auch nur ein wirklich origineller Gedanke zu Grunde liegen. -Irgendwelche -Synthie-Sounds aus der Konserve, unterlegt mit Vogelzwitschern oder Meeresrauschen, erfüllen dieses Kriterium für mich nicht.

Ich persönlich bin den Chakras selten so nahe gekommen wie bei „Wheels of Light“ mit Alexanders Kehlkopfgesang. Wo hast du ihn gelernt?

Alexander: Freut mich, wenn es ankommt. Als Kind habe ich meine- Klassenkameraden unterhalten, indem ich wie ein Roboter -gesprochen, also statt meinen Stimm-bändern meinen Kehlkopf in Schwingung gebracht habe. Mit der früh einsetzenden Obsession für Musik entdeckte ich auch die Gesänge der -Inuit-Leute – als man sie noch, politisch inkorrekt, Eskimos nannte. Denen komme ich mit dem, was ich da mache, noch am nächsten.

Woher kam die Idee zu einer Reise durch das Chakra-System?

Danielle: Ich habe die Chakras intensiv studiert und auch die Blockierungen, die entstehen können, wenn sie vernachlässigt werden. Ich wollte herausfinden, ob diese Behauptungen stimmen. Ich war be-geistert und erstaunt, wie schnell durch Chakra-Übungen tatsächlich seelische Veränderungen und Heilung stattfinden können. Deswegen war es mir wichtig, auf unserem Album eine Chakra-Übung dabei zu haben.

Überhaupt hat das Album für mich einen fast hypnotischen Sog. Falls es überhaupt einen gibt: Worin liegt für euch der Unterschied zwischen Trance und meditativem Zustand?

Danielle: Für mich gibt es den Unterschied „sich zu verlieren“ oder „sich zu finden“. Ich glaube, dass bei Trance beides möglich ist. Bei Meditation, denke ich, geht es hauptsächlich darum, aufmerksam den Moment wahrzunehmen.

Alexander: Meditation spielt sich für mich im Idealfall eher in einem Zustand absoluter Klarheit ab. Mich reizt die bedingungslose Autonomität, die ich während der Meditation über meine Lebenszeit besitze, -wogegen man sich in Trance – im ebenso idealen Fall – vom Hier und Jetzt komplett verabschiedet und in ganz anderen Gefilden wandelt.

Meditation kann zur Essenz, zum puren Kern zurückführen – steht das in Spannung zur Idee von „Performance“?

Danielle: Generell sollte man diesen Anspruch in allem, was man macht, aufrecht erhalten. Meiner Meinung nach entsteht nur so wertvolle Kunst. Ich denke aber, dass es auch im Alltag wichtig ist, sich immer wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Alexander: Die Performance ist das- Tun, der Befreiungsschlag, das Ritual, die Lobpreisung oder auch nur das gezielte Aufräumen. Meditation sollte davor praktiziert -werden, um im Nicht-Tun die Bahn frei zu machen für das, was in der Performance zu erledigen ist. 


Die CD „Unity“ ist unter anderem über www.neubauten.org erhältlich. Über ihr nomadisches Leben mit Alexander Hacke hat Danielle di Picciotto auch ein Buch veröffentlicht.

Zeit des Erwachens: Tina Turner im Interview

Geballte weibliche Energie und Kreativität, dazu ein friedensstiftendes Anliegen: Seit 2008 feiert die Schweizer Musikerin Regula Curti mit internationalen Partnerinnen wie der Rocksängerin Tina Turner in ihrem Projekt „Beyond“ kulturelle Vielfalt und die verbindende Kraft der Musik. Nun ist das vierte Album „Awakening Beyond“ erschienen.

Gegangen, hinübergegangen.
Oh, was für ein Erwachen!
Hinüber, ans andere Ufer gegangen,
das andere Ufer erreicht,
als wenn du es nie verlassen hättest.
Vollends gegangen,
gänzlich hinübergegangen,
erleuchtet. So sei es!

(Tina Turner, Heart Sutra, aus: „Awakening Beyond“)

Begonnen hat alles am Zürichsee: 2009 kontaktierte Tina Turner den Ehemann der Musiktherapeutin und Yogalehrerin Regula Curti, da dieser vor ihr in ihrem Haus in Küsnacht gewohnt hatte. Die bekennende Buddhistin wollte die Vorbesitzer kennen lernen. Daraus entstand mit einer dritten Nachbarin, Dechen Shak-Dagsay, das Musikprojekt „Beyond“.

Bereits das erste Album mit christlichen und buddhistischen Gebeten wurde mit Platin ausgezeichnet und vom Dalai Lama gesegnet. Es folgten „Children Beyond“, „Love Within Beyound“ und nun mit der Beteiligung von insgesamt sechs Musikerinnen aus sechs Kulturen „Awakening Beyond“.  Als „interkulturelle und interreligiöse Musik“ bezeichnet Gründerin Curti die „Weltmusik“ im besten Sinne, die weltweit zu einem neuen Bewusstsein für gegenseitige Wertschätzung und einen Weg zu innerem und äußerem Frieden beitragen soll. „Awakening Beyound“ umfasst Texte, Gebete und Schlaflieder, die von speziell qualifizierten Musikern aus den jeweiligen Ländern und vom Philharmonia Orchestra London in den historischen Abbey Road Studios eingespielt wurden.

Neben Regula Curti und Tina Turner, die die spirituellen Botschaften eingesprochen hat, singen vier weitere Ausnahmemusikerinnen: Ani Choying (Kathmandu, Nepal) ist Nonne und UNICEF-Botschafterin, führt eine Mädchenschule und eine Dialyse-Station für Nierenkranke. Dima Orsho (Damaskus, Syrien) lebt heute in Chicago, ist Opernsängerin, Klarinettistin und Mutter eines autistischen Kindes. Sawani Shende Sathaye (Pune, Indien) ist in der klassischen indischen Musiktradition verhaftet, während Mor Karbasi (Jerusalem, Israel) als sephardische Sängerin mit Vorfahren aus Andalusien, Marokko und Persien wie alle beteiligten Musikerinnen musikalische Spurensuche betreibt – nach einer Herkunft und Identität, die nichts mit äußeren Grenzen zu tun hat.

Plötzliche Klarheit

Für sie scheint der etwas merkwürdige Begriff „Rockröhre“ erfunden worden zu sein: Löwenmähne, Ledermini und explosive Bühnenenergie waren jahrzehntelang ihr Markenzeichen. Jetzt ist Tina Turner (78) erneut Teil des interkulturellen Musikprojekts „Beyond“.

Mrs. Turner, an welchem Zeitpunkt Ihres Lebens erreichte sie das „Beyond“-Projekt?

Als ich 2009 meine Nachbarin Regula Curti kennenlernte und sie mich fragte, ob ich an ihrem Musikprojekt mitwirken möchte, hatte ich gerade meine letzte Tour als Rocksängerin beendet. Weil ich ohnehin das starke Verlangen hatte, meine spirituelle Seite, meine Chanting-Praxis und die gesamte Geschichte meiner Entwicklung/Wachstum als Mensch  nach außen zu tragen, sah ich es als wunderbare Gelegenheit, mich so zu zeigen.

Sie sind vor allem als großartige Solosängerin bekannt. Was hat sich für Sie persönlich, künstlerisch und spirituell mit der Teilnahme an „Beyond“ verändert?

Ich habe meine spirituelle Praxis nie von meinem Leben als Rocksängerin getrennt. In den härtesten Zeiten meines Lebens (Anm.d.Red: die Trennung von Ehemann Ike Turner 1976 und der folgende vorläufige Karrierestillstand) begann ich mit buddhistischer Meditation und chantete regelmäßig das buddhistische Mantra „Nam Myoho Renge Kyo“. Ich spürte, dass Worte eine ungeheure Kraft entwickeln und konnte mit ihrer Hilfe mehr Zuversicht gewinnen. Diese Erfahrung, inneren Frieden zu finden, möchte ich mit so vielen Menschen wie möglich teilen: Die spirituellen Botschaften, die ich auf allen vier „Beyond“-Alben spreche, sollen die Hörer unterstützen, sich nach innen zu wenden.

Das aktuelle Album heißt „Beyond Awakening“. Was bedeutet „Erwachen“ für Sie?

„Erwachen“ bedeutet eine plötzliche Veränderung des Bewusstseins. Ich verstehe darunter eine Klarheit, in der man etwas sehr Wichtiges verstehen kann. In einem solchen Moment sind wir vollkommen präsent, lebendig und erhalten die notwendige Energie, um unsere eigene Existenz und die aller Wesen zu verbessern. Ich selbst habe solche Momente durch Chanten erfahren.

Aus welchem Stillstand sollten wir uns demnach alle aufmachen?

Ich habe das starke Gefühl, dass eine umfassende Zeit des Erwachens gekommen ist, in der wir uns jenseits von Grenzen und Barrieren bewegen sollten. So entsteht größere Verbindung. Wir haben den Albumtitel gewählt, um ein neues Denken und Handeln abseits aller Benennungen und Trennungen anzuregen. 

Wie kann uns Musik dorthin führen?

Die gemeinsame Erfahrung beim Singen von Gebeten ermöglicht es uns, uns auf einer tiefen emotionalen Ebene zu verbinden. Das Resultat sind Liebe und Respekt, wodurch weltliche Unterschiede verblassen. Das „Beyond“-Projekt, auf das ich sehr stolz bin, soll von einer solchen Verbindung erzählen. Wie Pico Iyer im Vorwort der CD schrieb: „Niemand wird sich dem besonderen Gehalt dieser Musik entziehen können, die uns von Aufruhr, Streit und Verwirrung wegführen und uns eine längst vergessene Heimat geben kann.“ „Awakening Beyond“ funktioniert zu Hause, im Yogastudio, im Krankenhau … wo immer Menschen Liebe, Trost, Mut und Hoffnung suchen. Diese Musik kann Ruhe schenken, denn sie richtet sich direkt an das Herz.

Tofu-Häppchen mit Wasabi, Limette und Gurke

Victoria Pearson

Zutaten für 8 Portionen

Für die Gurken:

Für das Dressing:

  • ¼ Tasse frischer Limettensaft
  • 2 TL Kokosnuss-Nektar oder Ahornsirup
  • 1 TL Reisessig
  • ½ TL Salz
  • ½ Salatgurke, geschält, längs halbiert und in dünne Scheiben geschnitten
Für das Dressing:
  • ¼ Tasse glutenfreie Sojasoße oder Tamari
  • 2 EL Limettensaft
  • 4 TL Kokosnuss-Nektar oder Zucker
  • 4 TL Reisessig
  • 1 EL Wasabi-Paste
  • 1 TL geriebener Ingwer
  • Für den Tofu:
  • 800 g Tofu, in kleine Würfel geschnitten
  • 3 EL Frühlingszwiebeln (nur der grüne Teil)
  • 2 TL Sesam

Zubereitung

Für die Zubereitung der Gurken: Verquirlen Sie den frischen Limettensaft mit dem Kokosnuss-Nektar, Essig und Salz in einer Schüssel. Danach geben Sie die Gurkenscheiben dazu, vermengen noch einmal alles und stellen die Schüssel zur Seite. Nun füllen Sie die Zutaten für das Dressing in einen Schüttelbecher und mixen alles gut durch. Richten Sie die kleinen Tofuwürfel auf einer schönen Platte an, beträufeln Sie jeden einzelnen mit einem Esslöffel Dressing und streuen Sie danach die Frühlingszwiebeln darüber. Sieben Sie die eingelegten Gurken aus der Marinade heraus, lassen Sie sie gut abtropfen und geben Sie etwa einen Esslöffel auf jedes Tofuhäppchen. Zum Schluss streuen Sie noch Sesam über das Gericht.


Die gebürtige Australierin Tess Masters lebt heute im sonnigen Kalifornien. Sie ist Foodbloggerin (www.theblendergirl.com), Köchin, Autorin und Schauspielerin. Am liebsten verbringt sie Zeit in der Natur und kauft beim lokalen Bauernmarkt saisonale Zutaten ein, um frische Mahlzeiten zuzubereiten.

Photos: Victoria Pearson