Zeit des Erwachens: Tina Turner im Interview

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Geballte weibliche Energie und Kreativität, dazu ein friedensstiftendes Anliegen: Seit 2008 feiert die Schweizer Musikerin Regula Curti mit internationalen Partnerinnen wie der Rocksängerin Tina Turner in ihrem Projekt „Beyond“ kulturelle Vielfalt und die verbindende Kraft der Musik. Nun ist das vierte Album „Awakening Beyond“ erschienen.

Gegangen, hinübergegangen.
Oh, was für ein Erwachen!
Hinüber, ans andere Ufer gegangen,
das andere Ufer erreicht,
als wenn du es nie verlassen hättest.
Vollends gegangen,
gänzlich hinübergegangen,
erleuchtet. So sei es!

(Tina Turner, Heart Sutra, aus: „Awakening Beyond“)

Begonnen hat alles am Zürichsee: 2009 kontaktierte Tina Turner den Ehemann der Musiktherapeutin und Yogalehrerin Regula Curti, da dieser vor ihr in ihrem Haus in Küsnacht gewohnt hatte. Die bekennende Buddhistin wollte die Vorbesitzer kennen lernen. Daraus entstand mit einer dritten Nachbarin, Dechen Shak-Dagsay, das Musikprojekt „Beyond“.

Bereits das erste Album mit christlichen und buddhistischen Gebeten wurde mit Platin ausgezeichnet und vom Dalai Lama gesegnet. Es folgten „Children Beyond“, „Love Within Beyound“ und nun mit der Beteiligung von insgesamt sechs Musikerinnen aus sechs Kulturen „Awakening Beyond“.  Als „interkulturelle und interreligiöse Musik“ bezeichnet Gründerin Curti die „Weltmusik“ im besten Sinne, die weltweit zu einem neuen Bewusstsein für gegenseitige Wertschätzung und einen Weg zu innerem und äußerem Frieden beitragen soll. „Awakening Beyound“ umfasst Texte, Gebete und Schlaflieder, die von speziell qualifizierten Musikern aus den jeweiligen Ländern und vom Philharmonia Orchestra London in den historischen Abbey Road Studios eingespielt wurden.

Neben Regula Curti und Tina Turner, die die spirituellen Botschaften eingesprochen hat, singen vier weitere Ausnahmemusikerinnen: Ani Choying (Kathmandu, Nepal) ist Nonne und UNICEF-Botschafterin, führt eine Mädchenschule und eine Dialyse-Station für Nierenkranke. Dima Orsho (Damaskus, Syrien) lebt heute in Chicago, ist Opernsängerin, Klarinettistin und Mutter eines autistischen Kindes. Sawani Shende Sathaye (Pune, Indien) ist in der klassischen indischen Musiktradition verhaftet, während Mor Karbasi (Jerusalem, Israel) als sephardische Sängerin mit Vorfahren aus Andalusien, Marokko und Persien wie alle beteiligten Musikerinnen musikalische Spurensuche betreibt – nach einer Herkunft und Identität, die nichts mit äußeren Grenzen zu tun hat.

Plötzliche Klarheit

Für sie scheint der etwas merkwürdige Begriff „Rockröhre“ erfunden worden zu sein: Löwenmähne, Ledermini und explosive Bühnenenergie waren jahrzehntelang ihr Markenzeichen. Jetzt ist Tina Turner (78) erneut Teil des interkulturellen Musikprojekts „Beyond“.

Mrs. Turner, an welchem Zeitpunkt Ihres Lebens erreichte sie das „Beyond“-Projekt?

Als ich 2009 meine Nachbarin Regula Curti kennenlernte und sie mich fragte, ob ich an ihrem Musikprojekt mitwirken möchte, hatte ich gerade meine letzte Tour als Rocksängerin beendet. Weil ich ohnehin das starke Verlangen hatte, meine spirituelle Seite, meine Chanting-Praxis und die gesamte Geschichte meiner Entwicklung/Wachstum als Mensch  nach außen zu tragen, sah ich es als wunderbare Gelegenheit, mich so zu zeigen.

Sie sind vor allem als großartige Solosängerin bekannt. Was hat sich für Sie persönlich, künstlerisch und spirituell mit der Teilnahme an „Beyond“ verändert?

Ich habe meine spirituelle Praxis nie von meinem Leben als Rocksängerin getrennt. In den härtesten Zeiten meines Lebens (Anm.d.Red: die Trennung von Ehemann Ike Turner 1976 und der folgende vorläufige Karrierestillstand) begann ich mit buddhistischer Meditation und chantete regelmäßig das buddhistische Mantra „Nam Myoho Renge Kyo“. Ich spürte, dass Worte eine ungeheure Kraft entwickeln und konnte mit ihrer Hilfe mehr Zuversicht gewinnen. Diese Erfahrung, inneren Frieden zu finden, möchte ich mit so vielen Menschen wie möglich teilen: Die spirituellen Botschaften, die ich auf allen vier „Beyond“-Alben spreche, sollen die Hörer unterstützen, sich nach innen zu wenden.

Das aktuelle Album heißt „Beyond Awakening“. Was bedeutet „Erwachen“ für Sie?

„Erwachen“ bedeutet eine plötzliche Veränderung des Bewusstseins. Ich verstehe darunter eine Klarheit, in der man etwas sehr Wichtiges verstehen kann. In einem solchen Moment sind wir vollkommen präsent, lebendig und erhalten die notwendige Energie, um unsere eigene Existenz und die aller Wesen zu verbessern. Ich selbst habe solche Momente durch Chanten erfahren.

Aus welchem Stillstand sollten wir uns demnach alle aufmachen?

Ich habe das starke Gefühl, dass eine umfassende Zeit des Erwachens gekommen ist, in der wir uns jenseits von Grenzen und Barrieren bewegen sollten. So entsteht größere Verbindung. Wir haben den Albumtitel gewählt, um ein neues Denken und Handeln abseits aller Benennungen und Trennungen anzuregen. 

Wie kann uns Musik dorthin führen?

Die gemeinsame Erfahrung beim Singen von Gebeten ermöglicht es uns, uns auf einer tiefen emotionalen Ebene zu verbinden. Das Resultat sind Liebe und Respekt, wodurch weltliche Unterschiede verblassen. Das „Beyond“-Projekt, auf das ich sehr stolz bin, soll von einer solchen Verbindung erzählen. Wie Pico Iyer im Vorwort der CD schrieb: „Niemand wird sich dem besonderen Gehalt dieser Musik entziehen können, die uns von Aufruhr, Streit und Verwirrung wegführen und uns eine längst vergessene Heimat geben kann.“ „Awakening Beyond“ funktioniert zu Hause, im Yogastudio, im Krankenhau … wo immer Menschen Liebe, Trost, Mut und Hoffnung suchen. Diese Musik kann Ruhe schenken, denn sie richtet sich direkt an das Herz.

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