Dies.Das.Asanas. Der gebogene Unterarmstand

Man muss Handstand & Co. nicht können oder lieben, um ein Yogi zu sein. Umgekehrt muss man spektakulär aussehende Asanas aber auch nicht reflexhaft mit Selbstdarstellung gleichsetzen. Jelena Lieberberg geht es mit ihren innovativen Varianten um andere Dinge: zum Beispiel um Forscherdrang, Bewegungsfreude und Inspiration.

Kopfstand, Handstand oder der Unterarmstand (Pincha Mayurasana) gehören zu den „fortgeschrittenen“ Yoga-haltungen, die vor allem im Ashtanga und Vinyasa Yoga beliebt sind. Wem dieses Universum nicht liegt, der kann sich entspannt zurücklehnen, genau hinschauen und erstaunt genießen, wozu der menschliche Körper fähig ist. Ein Blick über den Tellerrand schadet nie, im Gegenteil: Er sorgt für frischen Wind und Inspiration!

Bei dieser Variante von Pincha Mayurasana, der Pfauenfeder auf den Unterarmen, geht es um das Spiel mit der Balance und die Suche nach Beweglichkeit. Am einfachsten kann man sich vor einer Wand darin versuchen. Mit dem Po an der Wand fällt es außerdem leichter, gezielt die Brustwirbelsäule zu bewegen. Eine Herausforderung, für die man neben Kraft und Körperspannung im wahrsten Sinne des Wortes auch Fingerspitzengefühl braucht, denn die Hände sind in dieser Haltung eine wichtige Hilfe für die Balance.

Macht das Spass?

Ja! Alle, die sich im Unterarmstand zuhause fühlen, werden hier eine neue Spielwiese entdecken: Es gibt jede Menge Variationen für die Höhe der Knie, außerdem wird aus dieser Position ein langsames Herablassen in das Rad auf den Unterarmen möglich.

Muss ich das können?

Nein! Wie bei allen Varianten und Modifikationen gilt auch hier die Devise: Alles kann, nichts muss. Sich von einer Wand gestützt an die umgekehrte Welt zu gewöhnen, ist schon aufregend genug.

Was muss ich dafür tun?

Der Unterarmstand sollte Ihnen vertraut sein, mit Wand oder ohne. Zum Aufwärmen und Mobilisieren der Schultern dienen Sonnengrüße, Hund, Delfin und Delfin mit Knien am Boden. Außerdem Kobra und Heuschrecke für die Brustwirbelsäule.

Schritt für Schritt

  1. Beginnen Sie in der Delfinhaltung (das heißt wie im herabschauenden Hund nur auf die Unterarme statt auf die
    Hände gestützt). Sie können Unterarme und Hände flach und parallel aufsetzen oder die Finger verschränken. Bei der zweiten
    Variante nehmen Sie den unteren kleinen Finger in die Faust, damit beide Handkanten flach am Boden liegen.
  2. Mit dem Blick nach unten gerichtet, kicken Sie die Beine nach oben in den Unterarmstand. Falls Sie noch unsicher in der Balance sind, üben Sie vor einer Wand. Drücken Sie sich aktiv vom Boden ab, um die Schultern weg von den Ohren zu bewegen.
  3. Dann beginnen Sie, langsam die Knie zu beugen. Dabei dürfen Ihre Zehenspitzen an der Wand entlanggleiten. Lassen Sie den Blick vom Boden in den Raum wandern, so dass sich der Kopf entspannt in neutraler Position befindet. Die Schultern sind über den Ellenbogen ausgerichtet.
  4. Beugen Sie die Knie noch etwas mehr. Jetzt beginnt das Spiel mit der Balance, da sich der Po dadurch nach hinten (Richtung Wand) bewegen muss. Der untere Rücken sollte sich frei anfühlen, wobei die Brustwirbelsäule zwischen den Schulterblättern arbeiten darf. Nach 5 Atemzügen oder mehr machen Sie eine Pause in der Stellung des Kindes. Anschließend wiederholen Sie das Ganze noch einmal.

Yoga People: Mina Caputo

Nicht nur Rocklegenden besagen, dass echte Kunst aus dem Leiden einer zerrissenen Persönlichkeit entsteht. Im Fall von Mina Caputo, früher als Keith Caputo und Frontmann der Band „Life of Agony“ bekannt, sind Musik und Leben tatsächlich eng miteinander verbunden – als Suche nach Essenz und Identität.

„Ich bin die merkwürdigste Person, die ich kenne.“

„A place where there’s no more pain“: Der aktuelle Albumtitel ihrer Band „Life of Agony“ ist pure Verheißung – vor allem, wenn man die Biografie der New Yorker Künstlerin Mina Caputo betrachtet. Nach dem Herointod ihrer Eltern wuchs sie als Junge bei den Großeltern auf, unter dem harten, oftmals gewalttätigen Regiment ihres Großvaters. Die viel zu frühe Verantwortung für die drogenabhängigen Eltern und erste Ahnungen, dass seine Seele nicht im richtigen Körper wohnen könnte, ließen Keith zu einem introvertierten Jugendlichen werden, der seine Zuflucht in der Musik fand: 1989 gründete er in Brooklyn „Life of Agony“ und erlebte mit der Debütplatte „River Runs Red“ in der Grunge-Ära erste Höhenflüge.

Zwischen damals und heute erlebte Keith/Mina das ganze Spektrum eines Rockstar-Lebens: massive Popularität, Absturz, Auflösung der Band, Solokarriere, Wiedervereinigung  – und schließlich das Outing als Transsexuelle. Derzeit erleben Transgender-Themen einen kleinen Boom in der Popkultur. Im Rockbusiness, einem Geschäft der harten Kerle, war Minas öffentliches Bekenntnis 2011 kein Spaziergang, aber eine lang ersehnte, von den Fans erstaunlich gelassen tolerierte Katharsis. Wie fast immer durchlebte auch sie eine Vorgeschichte der Verdrängung und des Versteckens, Leben und Kunst lassen sich dabei bis heute nicht so einfach trennen. Dies wird auch im aktuellen „Life of Agony“-Album deutlich, wie das Fachmagazin „Classic Rock“ zusammenfasst: „Die rohe Emotion, die Caputo in den Anfangsjahren von ‚Life of Agony‘ eine so ergebene Fanbase bescherte, wurzelte damals in schierer, bisweilen auch für den Hörer kaum ertrag-barer Verzweiflung. Im neuen Album fußt sie auf einer ganz neuen Stärke, der entfesselten Energie einer gepeinigten Seele, die einen jahrzehntelang überfälligen Befreiungsschlag bewältigt hat und nun nicht mehr gegen den Schmerz ansingt, sondern Kraft daraus zieht.“

Neue Stärke und schließlich ein „Place where there’s no more pain“: Ist Mina endlich dort angekommen? Und kann es einen solchen Ort wirklich geben? „Ich glaube nicht, dass es eine realistische Option ist“, so die Sängerin, die seit 20 Jahren Yoga übt, vor allem nach B.K.S. Iyengar und Dharma Mittra. „Das Leben ist als Auseinandersetzung bestimmt, aus Kontrast und der Reibung zwischen Positivem und Negativem. Schwierigkeiten lassen uns wachsen und zu wahrer Freude finden. Im Leben sollten wir kein Ziel haben. Es geht um die Entwicklung.“ Ob sie Yoga wirklich als „Heilung“ erfahren habe? Da ist sich Caputo nicht sicher. Auf jeden Fall aber „tausendprozentig“ als „konstantes Aufwachen“ und eine Reise zu ihrem wahren Kern. Ihre Praxis finde überall statt: Auf Langstreckenflügen, in Tourbussen, Hotelzimmern. „Die Welt ist meine Matte. Yoga hat mich gelehrt, mit allem spielerisch umzugehen. Es hat mein Leben heller gemacht.“

„Ich bin die merkwürdigste Person, die ich kenne“, sinniert Caputo im Gespräch nicht ohne Selbstironie. „Die süßeste, treu sorgendste, mutigste, mitfühlendste. Das ist meine Selbstdefinition – egal, was andere sagen. Wenn man sich einmal akzeptiert hat, hört die Entwicklung nie auf. In einem solchen Energiefeld gibt es keine Grenzen. Als fließende Praxis hat mich Yoga erkennen lassen, dass unser Bewusstsein ständig vibriert. Dazu passt großartig, dass ich mich weder vollständig als Mann noch als Frau fühle. Ich bin beides und keines. Ich will einfach sein und mag keinen Titel, der auf die Essenz meines Wesens aufgedrückt wird.“ 

Der rohe, rauhe Sound ihrer Musik und der weiche Fluss der Selbstdefinition: Merkwürdig ist Mina auf jeden Fall, entgegen aller Rock-Klischees jedoch keinesfalls düster. Aber dunkle Seiten habe sie auf jeden Fall, die in den Songs zum Tragen kommen – und ebenfalls in ihrem Yoga: „In den Dehnungen und in meinem Atem. Rein mit dem Guten, raus mit dem Bösen.“

Playlist des Monats – März

Frühlingsmusik! Unsere Playlist des Monats kommt von Martyna Eder. Haben auch Sie Lieblingslieder beim Üben? Schicken Sie uns ihre Playlist auf unseren Spotify Account. Wir freuen uns.


Eigentlich war es die Schauspielerei, die Martyna Eder auf die Yogamatte brachte: Als Vorbereitung auf eine heikle Szene übte ein Set-Coach Oshos dynamische Meditation mit den Schauspielern. Nach und nach wurden Bühne und Film in Martynas Leben immer kleiner und Yoga immer größer. Inzwischen unterrichtet sie hauptberuflich bei Jivamukti Yoga Berlin, setzt sich intensiv für veganen Aktivismus ein und steht nur noch gelegentlich vor der Kamera. Getreu ihres Commitments zu Jivamukti Yoga empfindet sie Musik als elementaren Bestandteil ihrer Stunden: „Meine Playlists sollen einen erhebenden, energetisierenden Effekt haben und das Thema der Stunde unterstreichen.“ Da hilft, dass die Musik und Clubmetropole Berlin zu ihrer Wahlheimat geworden ist. Denn laut Martyna suchen die Menschen beim Ausgehen, Tanzen und auch im Yogastudio immer das Gleiche: „Das Gefühl von Einheit und Verbindung.“

Deva Premal & Miten im Interview

Deva Premal und Miten

Als sich die aus Nürnberg stammende Deva Premal und der britische Rockmusiker Miten Anfang der 1990er-Jahre in Oshos Ashram trafen, begann eine der größten Erfolgsgeschichten der spirituellen Musik. Der Sehnsucht ihrer Anhänger nach einer heilen Welt begegnen die Weltstars mit der Kraft der Mantras – und mit Visionen, die bis in die Weltpolitik reichen. 

„Wir wollen Botschafter sein, keine Künstler.“

Deva und Miten, ihr seid gerade aus Nürnberg zurückgekehrt, wo Deva geboren und aufgewachsen ist. Was bedeutet euch der Begriff „Heimat“?

Deva: Unter „Heimat“ verstehen wir nicht wirklich einen geografischen Ort. In den letzten 25 Jahren waren wir fast ununterbrochen auf Reisen, der längste Aufenthalt an einem Ort waren 1992 sechs Monate in der Toskana. Daher haben wir gelernt, den ganzen Planeten als unsere Heimat zu betrachten.

In eurem neuen Buch „Mantra“ gebt ihr einige biografische Anekdoten preis. Wenn ihr zurückblickt: Was waren die prägendsten Momente eures Lebens?

Miten: Für mich eindeutig unsere erste Umarmung, kurz nachdem wir uns im Ashram kennenlernten – in einem Umfeld, das Liebe und Respekt über alles stellt. Wir beide waren in Pune, um Meditation zu lernen und uns vom gesellschaftlichen Konkurrenzkampf zurückzuziehen, hin zu einer entspannteren, von Mitgefühl geprägten Haltung. Das galt auch für unsere wachsende Beziehung: In ihr sollten sich gegenseitiger Respekt und individuelles spirituelles Wachstum entfalten können, entgegen den Besitzansprüchen konventioneller Paarideen. Außerdem inspirierte uns Osho zu der Musik, wie wir sie bis heute spielen.

Deva: Der zweite wichtige Moment war für mich, als ich das Gayatri-Mantra wiederentdeckte. Als Kind habe ich es jeden Abend als Gute-Nacht-Lied gehört und mitgesungen, es als Teenager jedoch aufgegeben. Mit 27, sieben Jahre, nachdem ich Miten getroffen hatte, begann ich, es wieder zu chanten. Als wir es erstmals gemeinsam sangen, änderte sich unser Leben.

Miten: Devas Interpretation der Mantras zog dann immer mehr Menschen an. Besonders fasziniert waren sie von der ekstatischen Stille, die den Mantras folgte.

Was ist seither vor allem anders geworden?

Miten: Im Grunde nichts. Obwohl wir bereits 21 Alben veröffentlicht haben, empfinden wir unsere Kreativität als stark und gesund. Wir leben immer noch von Moment zu Moment und versuchen, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken. Natürlich haben wir heute ein großes Team von Unterstützern, die sich um unseren Tourplan und die Plattenaufnahmen kümmern. Das gibt uns die Freiheit, uns auf unser Anliegen zu konzentrieren: Die Schönheit und Weisheit der Mantras mit der Welt zu teilen.

Welche Rolle spielt euer Commitment an Osho heute?

Miten: Ich würde nicht von „Commitment“ sprechen, weil er das selbst nie von seinen Schülern verlangte. Er stellte immer klar, dass wir uns nicht als „Jünger“ in seiner Gegenwart aufhielten, sondern als Individuen, die freiwillig an allem teilnahmen – oder auch nicht. Er stellte sich eine Gesellschaft vor, die sich für Freiheit, Kreativität und Lebensfreude interessiert und dies durch Meditation erreichen will. Dementsprechend sehen wir unsere Musik und unser Leben als durchgehende Meditation. Für unsere eigene spirituelle Reise tragen wir selbst die Verantwortung. Ich denke, dass die Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, ähnlich denken und fühlen. Wir unterstützen und inspirieren uns, in Freude zusammen zu kommen – gerade in aufgewühlten Zeiten wie diesen.

Deva Premal: Wir haben in Gefängnissen wie dem San Quentin Prison in Kalifornien Mantras gesungen, auch nach den Anschlägen in Kiew, Brüssel und Paris. Wir spüren, dass sie Frieden bringen können. Das ist der Grund, warum wir trotz der vielen Reisen nicht ausbrennen. Die Mantras und die zugehörige
Gemeinschaft nähren unsere Seele.

Bevor ihr euch im Ashram kennengelernt habt, hast du, Miten, als Musiker und Tourbegleiter von Künstlern wie Fleetwood Mac, Lou Reed und Ry Cooder, ein exzessives Leben geführt. Wie gelang es dir, mit den im Buch beschriebenen Ereignissen – zum Beispiel der Trennung von deiner Frau und deinem Sohn –
Frieden zu schließen?

Miten: Ich kann nicht bestreiten, dass ich sie damals im Stich gelassen habe. Obwohl ich überzeugt war, dass es das Beste für uns alle war, war es eine schlimme Zeit. Die Traurigkeit ließ uns jedoch spirituell wachsen. Gerettet hat mich die Meditation. Sie half mir, meine Dämonen zu konfrontieren und mit den Schuldgefühlen klar zu kommen. Auch die Gemeinschaft in Oshos Ashram und die intensive tägliche Selbstreflektion funktionierte als eine Art Heilbalsam. Heute sind mein Sohn und ich beste Freunde. Auch wenn wir nicht die Vater-Sohn-Beziehung hatten, die ich mir für uns gewünscht hätte, gibt es eine Verbindung zwischen uns, die auf Freundschaft, Respekt und Liebe basiert. Einen seiner Söhne, Mylo Miten, hat er nach mir benannt, und bei seiner Hochzeit durfte ich sein Trauzeuge sein. Eine große Ehre. Seine Mutter und ich konnten ebenfalls unsere Wunden heilen. Gemeinsam sind wir glückliche Großeltern.

Als Künstler steht ihr für Musik und Stimme. Im Buch vermittelt ihr Mantras diesmal mit geschriebenen Worten: Ein neues Medium für euch.

Deva Premal: Die Idee entstand, als wir ein 21-tägiges Online-Meditationsprogramm starteten, für das sich 200 000 Menschen registrierten. Aufgrund dieses Interesses und da wir unser Anliegen über so viele Kanäle wie möglich verbreiten möchten, haben wir nun auch ein Buch geschrieben. Wir glauben, dass die Welt eine Atempause von der allgegenwärtigen Gewalt und Negativität braucht. Zusammenkünfte wie Mantra-Konzerte und Kirtans beruhigen das Herz und senken den Stresslevel. Sie helfen uns, unser Leben neu zu gestalten und bieten sehr spezifische Werk-zeuge, um eine destruktive Haltung loszulassen.

Klang und geschriebene Sprache richten sich auf unterschiedliche Weise an Herz und Intellekt. Versucht ihr, die beiden auf spezielle Weise zu verbinden?

Miten: Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert. Die Rishis des alten Indien, die die Mantras schufen, experimentierten bereits damals mit der Wirkung von Klang auf Geist und Organismus. Als hoch verfeinerte Sound-Einheiten tragen sie konzentrierte Energie. Wie jeder spirituelle Weg müssen sie jedoch vor allem erfahren und nicht intellektualisiert werden. Unsere Musik kommt aus der Tiefe unseres Wesens – dem Herz. Für uns ist der Gegensatz zwischen Herz und Intellekt also nur ein scheinbarer, den wir ganz natürlich zusammenbringen können. Zusammen bilden sie eine Einheit, wie die zwei Flügel eines Vogels.

Welche Kraft können Mantras in unserer Gesellschaft entwickeln? Und warum scheint im Westen das Interesse an Musik aus der eigenen spirituellen Tradition zu schwinden?

Miten: Zunächst können Mantras keiner Organisation zugeschrieben werden – keine Religion hat Ansprucht auf ihre Kraft. Als eigenständige, uralte Heilsysteme gab es sie lange vor der Religion des Hinduismus. Das Gayatri zum Beispiel ist ein Gebet ans Licht. Wie auf jedem spirituellen Weg muss man ihre Kraft vollständig erfahren haben und damit eine neue Welt entdecken, in der Hingabe, Ekstase und wissenschaftliche Forschung Hand in Hand gehen. Eine Gemeinschaft, die heilende Mantras singt, erfährt Transzendenz. Dazu sind kein bestimmter Glaube und keine bestimmte Kultur notwendig. Es geht einzig um die persönliche Erfahrung und die Chance, das Tempo des Lebens eine Weile zu verlangsamen.

Deva Premal: Stress kommt daher, dass wir mit der Geschwindigkeit, die die Welt uns vorgibt, nicht mithalten können. Ohne nachhaltige Entspannungspraxis wenden wir uns Drogen, exzessiver Internetnutzung oder anderen Zerstreuungen zu, die an das Unbewusste appellieren. Das erzeugt nur noch mehr Stress. Wir laufen quasi auf Dauerbetrieb, und die Mantras bieten einen Rückzugsort.

Allerdings sind auch viele Menschen skeptisch, ihre eigene Stimme zu erheben. Sie finden, dass sie nicht singen können, und wollen zum Teil nicht zum Yoga, weil sie Angst haben, es dort zu „müssen“.

Miten: Traurig, aber wahr. Wir haben uns damit von einem ganz einfachen Ausdruck von Lebensfreude entfernt. Wenn wir singen, sind wir „nackt“, können uns nicht verstecken und fühlen uns der Bewertung anderer ausgesetzt. Ziemlich Angst einflößend! Was wir aber auf unseren Retreats und Konzerten beobachten, ist, dass wir durch das Singen beginnen, unsere Verletzlichkeit zu genießen und uns eins mit den anderen zu fühlen. Das schafft ein liebendes, harmonisches Umfeld.

Meditiert ihr persönlich lieber im Stillen oder mit Musikbegleitung?

Miten: Bei uns kann sich die Meditation zu jeder Zeit und in jeder Situation einstellen, egal, was wir gerade tun. Nonstop Bhakti Yoga! Es geht nicht nur um die Dauer einer Yogastunde oder eine Praxis, die mit einem Gongschlag beginnt und endet: Meditation ist eine Vollzeitaktivität und, wenn man seinen Weg gefunden hat, eine sehr leichte und heilsame Art zu leben. Mantra und Singen öffnen die Tür zu einer inneren Welt, in der wir Frieden mit uns selbst schließen können. Der Geist kann sich eine Weile zurückziehen und wir fühlen den Raum zwischen den Zeilen. Genau dort liegt die Magie.

Wir berichteten im YOGA JOURNAL bereits über „Black Yoga“, einen Stil, der zu Heavy Metal Musik praktiziert wird. Die Schüler erzählten, dass sie durch die Ansprache ihrer dunklen Seiten Katharsis erlebten. Was glaubt ihr, was Menschen in eurer Musik suchen und finden?

Miten: Wir hören oft, dass Menschen in Devas Stimme Trost finden, was nicht mit jeder Musik leicht ist. Im Mainstream will Musik meistens Gefühle ausdrücken und damit das Herz bewegen. Deva singt jedoch ohne jeden emotionalen Input, ihre Absicht ist nicht, jemanden aufzuwühlen. Sie greift von einer tieferen Ebene aus auf ihre Stimme zu, jenseits von Herz und Gefühlen. Die Musik kommt aus der Stille und kehrt dorthin zurück. Menschen erzählen uns, dass sie entscheidende Momente ihres Lebens mit unserer Musik begleiten: Geburt, Tod, Sex. In diese Intimität eingeladen zu werden, lässt uns sehr demütig werden.

Haltet ihr Mantra-Singen für eine Kunst?

Deva Premal: Nein, in der Mantra-Praxis hat Kunst keinen Platz. Es geht uns nicht darum, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu beeindrucken. Wir wollen Botschafter sein, keine Künstler. Gott ist der Künstler. 

Welches ist euer Lieblingsmantra?

Miten: Das Gayatri-Mantra ist unsere Basis und bildet die Tragflügel, auf denen wir durch die Welt reisen. Es fließt quasi durch Devas Adern, und obwohl ich sie es über die Jahre unzählige Male habe singen hören, gab es keine Gelegenheit, an dem es mich nicht tief berührt hätte.   

Letzte Frage: Braucht die Welt mehr Mantra?

Deva Premal und Miten (gleichzeitig): Absolut!

Miten: Mantras fördern Mitgefühl, Vergebung und Verständnis. Lasst die ganze Welt Mantras singen! Wir brauchen sie mehr denn je. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Wir persönlich sind sehr von der globalen Krise und dem Schaden betroffen, den wir Mutter Erde und unserer eigenen Umwelt angetan haben. Die Menschheit scheint verrückt geworden zu sein. Aber lasst Putin, Trump und Merkel gemeinsam das Gayatri-Mantra rezitieren – dann würde etwas völlig Neues passieren!


Deva Premal und MitenDie Welt braucht mehr Mantra: Davon sind Deva Premal und Miten überzeugt – und mit ihnen Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt. Mehr Info auf: devapremalmiten.com

Interview mit Johannes Vogt

Heilung durch Lieder – kann das funktionieren? Yogalehrer und Musiker Johannes Vogt ist sich sicher: und ob! Warum, verrät er im Interview…

„Gute Musik ist wie ein Guter Freund“

Wann hast du festgestellt, dass Musik für dich mehr bedeutet als bloße Zerstreuung?

Früh – im Kindergottesdienst. Wir hatten einen sehr sympathischen Pfarrer und eine tolle Pfarrband. Auch im Kinderzeltlager am Lagerfeuer spürte ich, dass die Lieder eine tiefere Ebene in mir berührten. Außerdem hörte ich gern die Simon-&-Garfunkel-Platte meiner Eltern, da entstand eine ganz besondere Atmosphäre.

Damit wäre die nächste Frage fast schon beantwortet – du hörst also nicht nur Mantras, Kirtan und Kraftlieder?

Natürlich nicht! Musik begleitet uns durch Lebensphasen wie Freunde. Manche bleiben ein Leben lang da, manche sind Abschnittsgefährten. So höre ich phasenweise sehr gerne „normale“ Musik, werde aber meistens irgendwann „satt“ davon. Schön ist es aber, nach langer Zeit ein Lied wieder zu hören, mit dem eine gewisse Zeit, Gefühle und Erfahrungen verbunden sind. Da kann ich schnell wieder in diese Energien eintauchen und in Erinnerungen schwelgen.

Inwiefern ist das bei Mantras anders?

Da kenne ich dieses „Satthören“ weniger, weil sie mich zu dem führen, was ich wirklich bin. Diese Lieder adressieren einen tieferen Bereich unseres Daseins. Wenn ich mich darauf einlasse, fühle ich die entsprechende Kraft des Mantras, die Shakti, die durch das regelmäßige Rezitieren und Singen erweckt wird. In den indischen Ragas werden zu den Mantras auch Rhythmus, Harmonie und Melodien bewusst eingesetzt, um entsprechende Energien zu kanalisieren. Diese Wissenschaft findet sich auch in der Musik- und Mantratherapie, wo sogar der passende Zeitpunkt (Muhurta) bestimmt wird. Oft bekommen Hilfesuchende dafür die Unterstützung von Jyotishis, die anhand der vedischen Astrologie ein passendes Mantra auswählen und genau vorgeben, wann und wie oft ein Mantra rezitiert werden muss, damit die gewünschte Wirkung eintritt.

Kann denn Musik tatsächlich heilen?

Ich glaube ja. Neulich hörte ich ein schönes Zitat von Django Reinhardt: Ob er etwas von Musik verstehe? „Nein. Aber sie versteht mich“. Musik kann, wie gesagt, ein guter Freund sein. Aus dem Blickwinkel der Gunas können Freundschaften tamasisch (irreführend), rajasisch (aufreibend und leidenschaftlich) oder sattvisch (erhebend und nährend) sein. Genauso ist es mit Musik! Sie kann wie ein Freund eine sattvische Energie ausstrahlen, was den Heilungsprozess ganz sicher unterstützt. Selbst etwas Punk, Rock oder Pop kann heilend wirken – wenn etwa jemand so sehr im Tamas hängt, dass zu viel Trägheit da ist und er wieder „Leben in der Bude“ braucht. Dann würde zunächst Rajas ins Spiel kommen, bevor derjenige zugänglich für Sattva ist.

Ist auch die Sprache entscheidend?

Oft wird gesagt, ältere Sprachen, vor allem Sanskrit, hätten den direkteren Zugang zu Körper, Geist und Seele. Ich glaube aber, dass das gesprochene und gesungene Wort grundsätzlich sehr kraftvoll ist im Heilungsprozess.Allerdings kann auch ausschlaggebend sein, von wem und wie ein Mantra rezitiert wird. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Vasant Lad, einem Ayurveda-Arzt, der sehr beeindruckend zu allen Körperstellen die entsprechenden Bija-Mantras gesungen hat. Ein Vaidya (Heilkundiger) wie er hat durch seine Hingabe und sein sattvisches Wesen einen großen Einfluss auf die Heilkraft des Mantras. Am Ende entscheiden aber die Gnade des Göttlichen und das individuelle Karma, ob ein Patient tatsächlich geheilt wird oder nicht.

Nun ist ja nicht jeder ein Vaidya. Was empfiehlst du, wenn jemand Hemmungen hat, weil er fürchtet, nicht „gut“ genug zu singen?

„Nicht gut genug zu sein“, ist nicht nur beim Singen eine weit verbreitete Angst. Wichtig ist, die Stimme und den Gesang einfach fließen zu lassen. Den Atem weder anzuhalten noch rauszupressen, in diesen
freien Atem Stimme oder Bewegung zu integrieren und dadurch den Augenblick zu erfahren. Manche fragen mich, ob sie beim Kirtan mitsingen müssen. Nein, sage ich dann. Aber am Ende tun es doch alle! (lacht)

Und du ja sowieso. Was war dir bei der Auswahl der Songs für deine CD „Sharanam“ besonders wichtig?

Mir gefällt es, wenn Musik ruhig und kraftvoll, laut und still zugleich ist. Ich wollte vedische Mantras sehr authentisch lassen und einen Mix mit Bhajans schaffen, der für den westlichen und den indischen Zuhörer passt.


JOHANNES VOGT lebt und unterrichtet Yoga in Oberkirch/Schwarzwald, liebt die unterschiedlichen Ansätze des Yoga, Ayurveda und der Thai-Yoga-Massage und verbindet sie mit seiner größten Liebe, der Musik.

2016 erschien seine erste CD „Sharanam“. Er leitet verschiedene Retreats und im kommenden Frühling auch eine Nord-Indien-Pilgereise (26.März – 7.April 2018).
Mehr Infos: www.johannes-vogt.com

Yoga People – Alice Coltrane

Pianistin, Organistin, Harfenistin, Bandleaderin, Komponistin, Inspiration  eines Jazzgiganten, spirituell Suchende und Ashram-Gründerin: 2017 wäre Alice Coltrane 80 Jahre alt geworden.

Gospel, Jazz und Mantra

Frei übersetzt bedeutet „Turiyasangitananda“ „Gottes höchstes Lied der Seligkeit“. Unter diesem Namen widmete die 2007 verstorbene Alice Coltrane die letzten Jahrzehnte ihres Lebens der Spiritualität – ein Prozess, der nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Entwicklung als Künstlerin beeinflusste. Die aktuell erschienene CD „The Ecstatic Music of Alice Coltrane Turiyasangitananda“ mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen aus dem Ashram, den Coltrane 1975 gründete, spiegelt ein weitgehend unbekanntes Kapitel ihrer Biografie.

Vom Kirchenchor in den Ashram

Alice Coltranes Laufbahn als Wegbereiterin des modernen Jazz begann klassisch. 1937 als fünftes von sechs Kindern in eine musikalische Familie geboren, spielte sie bereits als Neunjährige im Gottesdienst der baptistischen Gemeindekirche Orgel. In den frühen 1960er-Jahren wurde sie Mitglied eines professio-nellen Jazz-Trios, das unter anderem mit Carlos Santana auftrat. Auf einer dessen Konzertreisen lernte sie 1962 in einem New Yorker Club ihren späteren Ehemann John Coltrane kennen. Mit dem introvertierten Ausnahme-Musiker verband sie nicht nur die Leidenschaft für den von Charlie Parker und Dizzy Gillespie begründeten Bebop, das in der Szene ungewöhnliche Abstinenzlertum und unbändige musikalische Experimentierfreude, sondern auch der kirchliche Back-ground und das Interesse an transzendentalen Themen. Coltrane studierte zu diesem Zeitpunkt unter anderem die Baghavad Gita und machte Alice mit östlicher Religion, Philosophie und Meditation vertraut. Die dabei gemachten Erfahrungen flossen in ihre Musik ein, zu hören etwa im Meisterwerk „A Love Supreme“, das Alice 1971 als Friedensgebet mit Streichorchester und einem Mantra ihres Gurus Swami Satchidananda neu interpretierte.

Die Sterne, das All und der Äther

Nach John Coltranes plötzlichem Tod durch Leberkrebs sah sich die erst 30-jährige Alice mit vier kleinen Kinder allein gelassen – was sie nicht hinderte, zur prägenden Figur des „Free Jazz“ zu werden und den Stil nach und nach ins explizit Spirituelle zu übersetzen.

1969 hatte sie der Bassist Vishnu Wood Swami Satchidananda vorgestellt, neben Sathya Sai Baba ihr wichtigster Lehrer. 1970 begleitete sie Satchidananda auf eine fünfwöchige Pilgerreise nach Indien, wo sie in die Tradition der Mantras eintauchte. Eine völlig neue innere und äußere Welt erschloss sich ihr, gefolgt von einer neuen Bestimmung: 1972 wandte sich Alice dem Hinduismus zu, zog mit ihrer Familie nach Kalifor-nien und gründete 1975 nördlich von Los Angeles ein Vedanta-Zentrum. 1983 ging aus ihm der „Sai Anantam Ashram“ hervor, eine moderne Community, deren Mitglieder Auto fuhren, Jobs nachgingen und auch außerhalb des Geländes wohnen konnten. Afroamerikaner dominierten die Gemeinschaft, aber auch Weiße, Südamerikaner und Inder trugen zu der spirituell undogmatischen Mischung bei. Alice selbst zog sich immer mehr aus dem Scheinwerferlicht zurück, um ihrem spirituellen Weg zu folgen.

Im Ashram gehörten Bhajans und Kirtans zur festen Tagesordnung. Alice nahm die Chants auf privaten Kassetten auf und stellte sie zunächst nur der Gemeinschaft zur Verfügung. Jahrzehnte später gewährten ihre Kinder dem amerikanischen Label Luaka Bop Zugriff auf das archivierte Material, das nun auf CD zur Verfügung steht.

In einer bedeutungsvollen Epoche und einem hingebungsvollen Umfeld entstanden, zeigt sich in den Chants sowohl die freigeistige Jazzmusikerin als auch ein hoch engagierter Mensch. Den Verlust des Ehemannes und eines jung verunglückten Sohnes übersetzte Alice Coltrane in eine tief empfundene Sprache weit über die Musik hinaus. Oder mit den Worten eines Jazzkritikers der „Berliner Zeitung“: „So klingen die Sterne, das All, der alles umschließende, unsichtbare Äther.“


„Musik erzählt von den verschiedenen Wegen und Kanälen, durch die die Seele hindurchgehen muss, bevor sie den Zustand absoluten Bewusstseins erreicht“ (Alice Coltrane)

Interview mit Nella und Ralph Skuban

Zusammen können Sie aus einem großen Erfahrungsreichtum schöpfen: Nachdem er sein halbes Leben lang beruflich mit sterbenden Menschen zu tun hatte, ist Ralph Skuban heute einer der bekanntesten Lehrer und Autoren für Yogaphilosophie, Psychologie und Energiearbeit. Die ehemalige Zirkusartistin Nella Skuban steht für tiefen Zugang zu Asanas und Körperarbeit. Die Essenz ihrer Wege geben sie einzeln und gemeinsam an ihre Schüler weiter – und lassen sie auch im Interview mit YOGA JOURNAL anklingen.

„Bewusstheit ist Medizin“

Wo seht ihr das spezifische Heilungspotenzial bei Yoga?

Ralph: Wenn man in diesem Zusammenhang von Heilung sprechen will, muss man genau hinschauen, was das bedeuten kann. Kranke Menschen werden durch Yoga-Workshops oder Ausbildungen ja nicht unmittelbar gesund. Doch die Idee der Heilung im Sinne von Ganzheit gibt einen guten Sinn: Die Verbindung von klassisch orientierter Körperarbeit, Pranayama, Philosophie und meditativen Ansätzen in unserer Arbeit stellt einen ganzheitlichen Zugang zum Yoga dar, der uns heute ja oft nur noch bruchstückhaft vermittelt wird, meist in seinem reinen Körperaspekt. Die Integration aller zentralen Bereiche des Yoga kann auf längere Sicht eine heilsame Wirkung auf den Menschen, auf sein inneres Wachstum, sicher auch auf seine unmittelbare Gesundheit entfalten. Ich denke, das Schlagwort für uns beide ist Bewusstheit. Sie auf allen Ebenen zu wecken, das ist die eigentliche Medizin. Unser „Yoga Energy Works“-Format widmet sich diesem Thema ganz speziell.

Was verpasst man, wenn man sich auf den „Fitness“-Aspekt von Yoga beschränkt?

Nella: Die Chance verringert sich, in die tieferen Ebenen der Wahrnehmung und Persönlichkeitsstruktur zu gelangen und damit etwas Grundlegendes zu verändern. Wir beobachten, dass die meisten Menschen auf der Matte mit der gleichen Geisteshaltung üben, wie sie „draußen“ in der Welt ihrer Arbeit nachgehen und ihr Leben leben. Wenn man auf der Matte hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich zu überfordern und den Ansprüchen seines ehrgei-zigen Egos gerecht zu werden, füttert man diese Geisteshaltung sogar noch und bereitet keinen Boden für einen achtsamen Umgang mit sich selbst. Dieser Tatsache muss man sich aber überhaupt erst einmal bewusstwerden, was meistens einige Zeit dauert und ein sehr ehrliches und konzentriertes Hinschauen erfordert. Es ist ein Sensibilisierungsprozess, ein Weg zu größerer Bewusstheit.

Andererseits kann Yoga aber auch als Projektionsfläche für Heilsversprechen und überzogene Heilserwartungen dienen. 

Ralph: Die Menschen suchen im Yoga so unterschiedliche Dinge wie körperliche Gesundheit, Zufriedenheit und Glück, die Verwirklichung beruflicher oder auch spiritueller Ziele. Das sind Ziele, die alle Menschen anstreben, ob im Yoga oder woanders. Ob wir sie im Leben erreichen, hängt wohl weniger davon ab, was wir tun, als vielmehr davon, wie wir es tun. So kann Yoga hilfreich sein oder, im Gegenteil, sogar selbst zu einem Hindernis werden.

Nella: Dass Yoga zur Projektionsfläche für Heilungserwartungen wird, muss sich die Yogaszene zu einem Teil auch selbst zuschreiben, denn große Versprechungen werden ja allenthalben gemacht. Was meist nicht dazu gesagt wird: Yoga als eine Reise zu uns selbst muss nicht immer eine unterhaltsame Angelegenheit sein, denn persönliches Wachstum hat vor allem auch damit zu tun, seine Schatten und Schwächen zu sehen und anzunehmen. Etwas mehr Bescheidenheit täte uns allen gut, sowohl bei den Versprechungen als auch im Hinblick auf die Erwartungen.

Ralph, als promovierter Politikwissenschaftler hast du Erfahrung darin, die Prozesse und das Miteinander der Gesellschaft zu analysieren. Als Idee der Heilung über den einzelnen Menschen hinaus: Welches Potenzial birgt Yoga für die Weiterentwicklung der Gesellschaft?

Ralph: Yoga richtet sich an den einzelnen Menschen und gibt ihm Werkzeuge an die Hand, an sich zu arbeiten, sich etwas Gutes zu tun, zu reifen und sich zu entwickeln. Manchem mag Yoga auch mehr Lebensfülle und Glück schenken. Zwar ging es weder den
alten Schriften, noch dem modernen Yoga um gesellschaftliche Anliegen per se, schon gar nicht um Politik, doch ist ja auch eine Gesellschaft nichts anderes als eine Gemeinschaft von Einzelnen. Wenn der einzelne Mensch reift, kann auch die Gemeinschaft
davon profitieren. Ob und in wieweit dem Yoga dieses Potenzial innewohnt, ist sicher schwer zu ermessen. Wo er typische Muster unserer Gesellschaft – wie zum Beispiel den Vergleich und die Konkurrenz – übernimmt, da wird er lediglich zu einer anderen Spielwiese, auf der Menschen sich messen, miteinander konkurrieren und sich optimieren möchten. Darunter leiden jetzt schon viele Yogapraktizierende, wie uns häufig berichtet wird. Wo Yoga dagegen zu Selbstakzeptanz führt, zu Offenheit und innerem Frieden, da ist er sicher heilsam auch für die Gemeinschaft.

Einen sehr leisen Teil der Gesellschaft hast du in deiner Zeit als Leiter eines Pflegeheims erlebt. Welche Bedeutung erhalten Heilung und Therapie im letzten Stadium eines Lebens?

Ralph: In der letzten Phase des Lebens geht es nicht mehr um Heilung, jedenfalls nicht so, wie wir das meist verstehen. Körperlich gibt es bei einem Sterbenden nichts mehr zu heilen. Vielmehr geht es darum, die Dinge zu erleichtern: Schmerzen, das Atmen, die Nahrungsaufnahme und so weiter, ganz grundlegende Bedürfnisse also. Man kann für den Sterbenden da sein, ihn begleiten, auch seine trauernden Angehörigen. Heilung wird in diesem Kontext für mich zu einer spirituellen Idee in einem sehr schönen Sinn: Der Sterbende geht nach Hause, ein großer Moment! Ich glaube, der Tod ist die Summe des Lebens, wir alle gehen ja diesen Weg. Es ist ein natürliches Geschehen, das zum Wachstumsprozess der menschlichen Seele gehört. So werden das ganze Leben und auch der Tod zu einem Prozess des Heilwerdens, Ganzwerdens.

Immer lautere Töne schlägt das zeitgeistige Yoga als Inszenierung in Werbung, den sozialen Medien und anderen konsumorientierten Bereichen an. Nella, welchen Eindruck macht dieses Spektakel auf dich – auch als ehemalige Bühnenkünstlerin und Zirkusartistin?

Nella: Du nennst es selbst „Spektakel“, und ich denke, das Wort ist eigentlich ganz passend. Es leitet sich von dem lateinischen „spectare“ ab, also „schauen“. Was im Moment in der Yogaszene passiert, ist sehr stark visuell geprägt. Es gibt unendlich viele Abbildungen von Asanas, Menschen posten Selfies von mehr oder weniger beeindruckenden Haltungen auf Kanälen wie Facebook oder Instagram. Wenn wir ehrlich sind, ist die Botschaft meistens: „Schau, was ich kann!“ Daran ist per se nichts falsch. Ich kann das sogar gut verstehen, da ich ja selbst jahrelang als Artistin auf der Bühne tätig war, wo es genau um diese Darstellung geht. Nur denke ich, dass Yoga in seinen Wurzeln eigentlich das Gegenteil möchte: Es geht hier um einen Zustand, um das Schauen der inneren Bewegungen, um einen im wirklichen Sinn des Wortes esoterischen, also innerlichen Weg. Von den äußeren zu den inneren Aspekten: Auf diesem Weg sehe ich mich heute.

Puristen beklagen zeitweise den „Ausverkauf“ des Yoga. Wie seht ihr insgesamt das Zusammenspiel von klassischer Überlieferung und moderner Ausprägung?

Ralph: Das ist ein schwieriges Thema. Wenn man die Quelltexte des Yoga beim Wort nimmt, muss man sehen, dass der moderne Yoga oft nicht mehr viel damit zu tun hat. Der Yoga Patanjalis war nicht so stark körperbetont – die Yogis studierten, atmeten und meditierten, es war ein stiller und zurückgezogener Weg der Gottsuche. Der erst viel später entstandene Hatha Yoga brachte den Menschen dann in seiner Körperlichkeit stärker ins Spiel, ist aber immer noch recht weit weg von der primären Körperorientierung des heutigen Yoga.

Nella: Letztlich geht es wohl auch nicht so sehr um die Frage, was man methodisch macht – diesen oder jenen Yoga, mehr oder weniger Körper – als vielmehr darum, was man anstrebt, und ob einem die eigene Praxis dabei hilft: Was suche ich? Hilft mir mein Üben dabei? Würden wir Patanjali fragen, würde er uns sagen, Yoga sei ein Zustand des Bewusstseins, ein Sein in totaler innerer Freiheit – so frei, dass wir alles Leid damit überwinden. Ein hohes Ziel rein spiritueller Qualität.

„yoga muss nicht immer unterhaltsam sein.“

„Spirituell“ ist vom Wortstamm her eng mit dem Begriff des Atmens verbunden. Mit dessen Heilkraft beschäftigst du, Ralph, dich in deinem neuen Buch „Pranayama“. Laufen hier eventuell alle Fäden deiner bisherigen Publikationen und ohnehin der Yogapraxis zusammen?

Ralph: In gewisser Hinsicht ja. Das Pranayama-Projekt wurde, während ich daran arbeitete, größer und tiefer, als ich es zunächst geplant hatte. Im Prana-yama kulminiert für mich die ganze Idee des Yoga – praktisch wie philosophisch. Körperarbeit, das Mentale und die Spiritualität begegnen sich da in einer leisen und faszinierenden Praxis und offenbaren mir das Herz des Yoga. Das in voller Klarheit zu sehen und dann in einem Buch zum Ausdruck zu bringen, ist eine sehr schöne Erfahrung.

Allgemein betrachtet: Wohin, glaubt ihr, wird sich Yoga und die so genannte Yoga-„Szene“ in den nächsten Jahren entwickeln? Brauchen wir mehr Yogalehrer, -studios und -angebote oder sollte es eher eine „Zurück zu den Wurzeln“-Bewegung geben?

Nella: Wir machen uns nicht viele Gedanken darüber, wie sich die Yogaszene entwickeln wird. Es liegt auch nicht in unserem Ermessen zu beurteilen, ob es mehr von diesem oder mehr von jenem geben sollte. Die Dinge entwickeln sich von ganz alleine auf ihre Weise. In der Überzeugung, dass gute Qualität immer ihren Platz haben wird, versuchen wir einfach, das weiterzugeben, was wir selbst für wertvoll und für richtig halten.


Ihr erfolgreiches „Yoga Energy Works“-Format, ihre Ausbildungen sowie zahlreiche Retreats und Workshops bieten Ralph und Nella Skuban im gesamten deutschsprachigen Raum an. Alle Termine und Publikationen finden sich unter: www.kaivalya-yoga.de

Kolumne: Die neue Weltordnung

Haben Sie sich heute schon selbst gefunden? Sehen Sie klarer, leben Sie bewusster als früher? Fein. Klappt mit der Zeit immer besser, oder? Aber was ist mit dem Durcheinander um Sie herum?

Ich glaube an das Chaos. Ich glaube, dass Chaos entspannt und befreit, dass auch das Gegenteil stimmt und dass das das Paradoxon ist, das es anzunehmen gilt, wenn wir Revolutionen und nicht nur revolutionär sein wollen.

Vielleicht sind Sie schon mal über die kleine Geschichte vom Globus gestolpert, der auf die mitfühlende Frage „Wo tut’s denn weh?“ antwortet: „Überall. Einfach überall.“ Klimawandel, Hungerkatastrophen, Kriege, Unruhen, Rassismus, Sexismus und, und, und – tatsächlich kann einem ganz schwindlig werden angesichts all der Probleme, die unseren Planeten gerade plagen. Dazu kommen die Turbulenzen, die unsere privaten kleinen Welten erschüttern: Liebeskummer, kotzende Kleinkinder, zig unbeantwortete Mails … Puh. Kann da nicht mal einer Ordnung machen?

In meiner Wohnung stapeln sich staubflusige Zeitschriften- und Klamottenberge, mein Zeitplan gerät gern mal durcheinander, ich mag es wild, aber die Sehnsucht nach Struktur und Klarheit kann ich nachvollziehen. Ist ja schließlich nur begrenzt Platz im Kopf. Also? Sortieren wir! Männer und Frauen. Alte und Junge. Arme und Reiche. Homos und Heteros. Ossis und Wessis. Linke und Rechte. Punks und Spießer. Polizei und Demonstranten. Yogis und Menschen, die die Sache mit der Achtsamkeit noch nicht so richtig verstanden haben.

Die Engstirnigkeit der Freidenker

Tja. Schubladendenken ist kein Alleinstellungsmerkmal reaktionärer Unsympathen, sondern auch in alternativen Szenen anzutreffen. Drei Beispiele:

1. Einst wollte mir auf einer Party ein blauhaariger Nachwuchskünstler das Rot von den Lippen rubbeln: „Musst du dein Gesicht hinter Make-up verstecken?“ Farbe ist eben nicht gleich Farbe. Oder?
2. Bei einer Podiumsdiskussion bedauerte kürzlich ein Anwalt, der Anfang der 70er langhaarig und im Parka studiert hatte, dass heutzutage an der juristischen Fakultät wieder Anzug, Krawatte und Kostüm getragen werden, dazu Aktenköfferchen und brave Frisuren. Auf meine Frage, ob es nicht möglich sei, dass auch im Anzug ein cooler Typ stecke, blieb er mir die Antwort schuldig.
3. Auf einer Veggie-Messe wollte vor einigen Jahren ein Mann wissen, ob ich Yoga praktiziere, was ich damals noch verneinen musste. Sein Kommentar? Das sähe man mir an, ich wirke nicht wirklich bei mir. Tatsächlich ging es mir an dem Tag subjektiv ziemlich gut.

Puh. Zwar bin ich selbst keine Freundin von Krawatten, ich halte Schminke keinesfalls für ein Muss, und tatsächlich fühle ich mich nach einer Yogastunde herrlich entspannt. Aber: Könnten wir vielleicht akzeptieren, dass der Weg, den wir für uns gefunden haben, nicht für jeden und jede der beste sein muss? Ist es vielleicht sogar ganz sinnvoll, auch mal woanders zu sein als „bei sich“? Möglicherweise beim Gegenüber? Ja, im Idealfall schließt sich das nicht aus, aber wer von uns ist schon ideal? Natürlich brauchen wir Selbstliebe, aber sie dient als Fundament, auf dem dann auch die Liebe wachsen kann, die es zu teilen gilt. Achtsamkeit ist eine feine Sache. Aber sie wird zur Einbahnstraße, wenn wir vor lauter Bewusstwerden unserer inneren Zustände die Welt um uns herum vergessen.

Gut sortierte Offenheit

Zudem lösen wir keine Probleme, indem wir sie einfach auf den Kopf stellen, zumindest nicht dauerhaft. Dann bleiben wir nämlich weiter im binären Denken gefangen und werden der Komplexität der Welt nicht gerecht. Toleranz bedeutet nicht, in der U-Bahn die Dragqueen anzulächeln und beim telefonierenden Anzugtypen „Bäh, was bist du für einer?“ zu denken. Niemand bekämpft Magerwahn, wenn er dünnen Ladys abspricht, „echte Frauen“ zu sein, und niemand ist besonders weltoffen, wenn er auf Reisen sein Deutschsein verleugnet, weil er sich für das Verhalten einiger Landsleute schämt.

Andererseits überfordern wir uns natürlich, wenn wir uns immerfort in jeden Menschen einfühlen und jeden partout auf Teufel komm raus mögen wollen. Das kann nicht funktionieren, und darum haben grobe Sortierungen, die auf persönlichen Erfahrungswerten basieren, durchaus Sinn. Das Geheimnis ist meines Erachtens, niemals fertig zu werden mit dem Sortieren. Oder aber – und das ist mein kleiner Vorschlag zur Rettung der Welt: Ordnen Sie in Schubladen, aber lassen Sie diese einfach offen!


Jean-Marc TurmesCARMEN SCHNITZER hat beim Schreiben dieses Textes öfter mal den Faden verloren, fand das aber angesichts der Thematik nur halb so schlimm wie sonst. Denn nicht immer geht es schnurgerade zum Ziel.