Playlist des Monats – März

Frühlingsmusik! Unsere Playlist des Monats kommt von Martyna Eder. Haben auch Sie Lieblingslieder beim Üben? Schicken Sie uns ihre Playlist auf unseren Spotify Account. Wir freuen uns.


Eigentlich war es die Schauspielerei, die Martyna Eder auf die Yogamatte brachte: Als Vorbereitung auf eine heikle Szene übte ein Set-Coach Oshos dynamische Meditation mit den Schauspielern. Nach und nach wurden Bühne und Film in Martynas Leben immer kleiner und Yoga immer größer. Inzwischen unterrichtet sie hauptberuflich bei Jivamukti Yoga Berlin, setzt sich intensiv für veganen Aktivismus ein und steht nur noch gelegentlich vor der Kamera. Getreu ihres Commitments zu Jivamukti Yoga empfindet sie Musik als elementaren Bestandteil ihrer Stunden: „Meine Playlists sollen einen erhebenden, energetisierenden Effekt haben und das Thema der Stunde unterstreichen.“ Da hilft, dass die Musik und Clubmetropole Berlin zu ihrer Wahlheimat geworden ist. Denn laut Martyna suchen die Menschen beim Ausgehen, Tanzen und auch im Yogastudio immer das Gleiche: „Das Gefühl von Einheit und Verbindung.“

Deva Premal & Miten im Interview

Deva Premal und Miten

Als sich die aus Nürnberg stammende Deva Premal und der britische Rockmusiker Miten Anfang der 1990er-Jahre in Oshos Ashram trafen, begann eine der größten Erfolgsgeschichten der spirituellen Musik. Der Sehnsucht ihrer Anhänger nach einer heilen Welt begegnen die Weltstars mit der Kraft der Mantras – und mit Visionen, die bis in die Weltpolitik reichen. 

„Wir wollen Botschafter sein, keine Künstler.“

Deva und Miten, ihr seid gerade aus Nürnberg zurückgekehrt, wo Deva geboren und aufgewachsen ist. Was bedeutet euch der Begriff „Heimat“?

Deva: Unter „Heimat“ verstehen wir nicht wirklich einen geografischen Ort. In den letzten 25 Jahren waren wir fast ununterbrochen auf Reisen, der längste Aufenthalt an einem Ort waren 1992 sechs Monate in der Toskana. Daher haben wir gelernt, den ganzen Planeten als unsere Heimat zu betrachten.

In eurem neuen Buch „Mantra“ gebt ihr einige biografische Anekdoten preis. Wenn ihr zurückblickt: Was waren die prägendsten Momente eures Lebens?

Miten: Für mich eindeutig unsere erste Umarmung, kurz nachdem wir uns im Ashram kennenlernten – in einem Umfeld, das Liebe und Respekt über alles stellt. Wir beide waren in Pune, um Meditation zu lernen und uns vom gesellschaftlichen Konkurrenzkampf zurückzuziehen, hin zu einer entspannteren, von Mitgefühl geprägten Haltung. Das galt auch für unsere wachsende Beziehung: In ihr sollten sich gegenseitiger Respekt und individuelles spirituelles Wachstum entfalten können, entgegen den Besitzansprüchen konventioneller Paarideen. Außerdem inspirierte uns Osho zu der Musik, wie wir sie bis heute spielen.

Deva: Der zweite wichtige Moment war für mich, als ich das Gayatri-Mantra wiederentdeckte. Als Kind habe ich es jeden Abend als Gute-Nacht-Lied gehört und mitgesungen, es als Teenager jedoch aufgegeben. Mit 27, sieben Jahre, nachdem ich Miten getroffen hatte, begann ich, es wieder zu chanten. Als wir es erstmals gemeinsam sangen, änderte sich unser Leben.

Miten: Devas Interpretation der Mantras zog dann immer mehr Menschen an. Besonders fasziniert waren sie von der ekstatischen Stille, die den Mantras folgte.

Was ist seither vor allem anders geworden?

Miten: Im Grunde nichts. Obwohl wir bereits 21 Alben veröffentlicht haben, empfinden wir unsere Kreativität als stark und gesund. Wir leben immer noch von Moment zu Moment und versuchen, nicht zu weit in die Zukunft zu blicken. Natürlich haben wir heute ein großes Team von Unterstützern, die sich um unseren Tourplan und die Plattenaufnahmen kümmern. Das gibt uns die Freiheit, uns auf unser Anliegen zu konzentrieren: Die Schönheit und Weisheit der Mantras mit der Welt zu teilen.

Welche Rolle spielt euer Commitment an Osho heute?

Miten: Ich würde nicht von „Commitment“ sprechen, weil er das selbst nie von seinen Schülern verlangte. Er stellte immer klar, dass wir uns nicht als „Jünger“ in seiner Gegenwart aufhielten, sondern als Individuen, die freiwillig an allem teilnahmen – oder auch nicht. Er stellte sich eine Gesellschaft vor, die sich für Freiheit, Kreativität und Lebensfreude interessiert und dies durch Meditation erreichen will. Dementsprechend sehen wir unsere Musik und unser Leben als durchgehende Meditation. Für unsere eigene spirituelle Reise tragen wir selbst die Verantwortung. Ich denke, dass die Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, ähnlich denken und fühlen. Wir unterstützen und inspirieren uns, in Freude zusammen zu kommen – gerade in aufgewühlten Zeiten wie diesen.

Deva Premal: Wir haben in Gefängnissen wie dem San Quentin Prison in Kalifornien Mantras gesungen, auch nach den Anschlägen in Kiew, Brüssel und Paris. Wir spüren, dass sie Frieden bringen können. Das ist der Grund, warum wir trotz der vielen Reisen nicht ausbrennen. Die Mantras und die zugehörige
Gemeinschaft nähren unsere Seele.

Bevor ihr euch im Ashram kennengelernt habt, hast du, Miten, als Musiker und Tourbegleiter von Künstlern wie Fleetwood Mac, Lou Reed und Ry Cooder, ein exzessives Leben geführt. Wie gelang es dir, mit den im Buch beschriebenen Ereignissen – zum Beispiel der Trennung von deiner Frau und deinem Sohn –
Frieden zu schließen?

Miten: Ich kann nicht bestreiten, dass ich sie damals im Stich gelassen habe. Obwohl ich überzeugt war, dass es das Beste für uns alle war, war es eine schlimme Zeit. Die Traurigkeit ließ uns jedoch spirituell wachsen. Gerettet hat mich die Meditation. Sie half mir, meine Dämonen zu konfrontieren und mit den Schuldgefühlen klar zu kommen. Auch die Gemeinschaft in Oshos Ashram und die intensive tägliche Selbstreflektion funktionierte als eine Art Heilbalsam. Heute sind mein Sohn und ich beste Freunde. Auch wenn wir nicht die Vater-Sohn-Beziehung hatten, die ich mir für uns gewünscht hätte, gibt es eine Verbindung zwischen uns, die auf Freundschaft, Respekt und Liebe basiert. Einen seiner Söhne, Mylo Miten, hat er nach mir benannt, und bei seiner Hochzeit durfte ich sein Trauzeuge sein. Eine große Ehre. Seine Mutter und ich konnten ebenfalls unsere Wunden heilen. Gemeinsam sind wir glückliche Großeltern.

Als Künstler steht ihr für Musik und Stimme. Im Buch vermittelt ihr Mantras diesmal mit geschriebenen Worten: Ein neues Medium für euch.

Deva Premal: Die Idee entstand, als wir ein 21-tägiges Online-Meditationsprogramm starteten, für das sich 200 000 Menschen registrierten. Aufgrund dieses Interesses und da wir unser Anliegen über so viele Kanäle wie möglich verbreiten möchten, haben wir nun auch ein Buch geschrieben. Wir glauben, dass die Welt eine Atempause von der allgegenwärtigen Gewalt und Negativität braucht. Zusammenkünfte wie Mantra-Konzerte und Kirtans beruhigen das Herz und senken den Stresslevel. Sie helfen uns, unser Leben neu zu gestalten und bieten sehr spezifische Werk-zeuge, um eine destruktive Haltung loszulassen.

Klang und geschriebene Sprache richten sich auf unterschiedliche Weise an Herz und Intellekt. Versucht ihr, die beiden auf spezielle Weise zu verbinden?

Miten: Eigentlich ist das gar nicht so kompliziert. Die Rishis des alten Indien, die die Mantras schufen, experimentierten bereits damals mit der Wirkung von Klang auf Geist und Organismus. Als hoch verfeinerte Sound-Einheiten tragen sie konzentrierte Energie. Wie jeder spirituelle Weg müssen sie jedoch vor allem erfahren und nicht intellektualisiert werden. Unsere Musik kommt aus der Tiefe unseres Wesens – dem Herz. Für uns ist der Gegensatz zwischen Herz und Intellekt also nur ein scheinbarer, den wir ganz natürlich zusammenbringen können. Zusammen bilden sie eine Einheit, wie die zwei Flügel eines Vogels.

Welche Kraft können Mantras in unserer Gesellschaft entwickeln? Und warum scheint im Westen das Interesse an Musik aus der eigenen spirituellen Tradition zu schwinden?

Miten: Zunächst können Mantras keiner Organisation zugeschrieben werden – keine Religion hat Ansprucht auf ihre Kraft. Als eigenständige, uralte Heilsysteme gab es sie lange vor der Religion des Hinduismus. Das Gayatri zum Beispiel ist ein Gebet ans Licht. Wie auf jedem spirituellen Weg muss man ihre Kraft vollständig erfahren haben und damit eine neue Welt entdecken, in der Hingabe, Ekstase und wissenschaftliche Forschung Hand in Hand gehen. Eine Gemeinschaft, die heilende Mantras singt, erfährt Transzendenz. Dazu sind kein bestimmter Glaube und keine bestimmte Kultur notwendig. Es geht einzig um die persönliche Erfahrung und die Chance, das Tempo des Lebens eine Weile zu verlangsamen.

Deva Premal: Stress kommt daher, dass wir mit der Geschwindigkeit, die die Welt uns vorgibt, nicht mithalten können. Ohne nachhaltige Entspannungspraxis wenden wir uns Drogen, exzessiver Internetnutzung oder anderen Zerstreuungen zu, die an das Unbewusste appellieren. Das erzeugt nur noch mehr Stress. Wir laufen quasi auf Dauerbetrieb, und die Mantras bieten einen Rückzugsort.

Allerdings sind auch viele Menschen skeptisch, ihre eigene Stimme zu erheben. Sie finden, dass sie nicht singen können, und wollen zum Teil nicht zum Yoga, weil sie Angst haben, es dort zu „müssen“.

Miten: Traurig, aber wahr. Wir haben uns damit von einem ganz einfachen Ausdruck von Lebensfreude entfernt. Wenn wir singen, sind wir „nackt“, können uns nicht verstecken und fühlen uns der Bewertung anderer ausgesetzt. Ziemlich Angst einflößend! Was wir aber auf unseren Retreats und Konzerten beobachten, ist, dass wir durch das Singen beginnen, unsere Verletzlichkeit zu genießen und uns eins mit den anderen zu fühlen. Das schafft ein liebendes, harmonisches Umfeld.

Meditiert ihr persönlich lieber im Stillen oder mit Musikbegleitung?

Miten: Bei uns kann sich die Meditation zu jeder Zeit und in jeder Situation einstellen, egal, was wir gerade tun. Nonstop Bhakti Yoga! Es geht nicht nur um die Dauer einer Yogastunde oder eine Praxis, die mit einem Gongschlag beginnt und endet: Meditation ist eine Vollzeitaktivität und, wenn man seinen Weg gefunden hat, eine sehr leichte und heilsame Art zu leben. Mantra und Singen öffnen die Tür zu einer inneren Welt, in der wir Frieden mit uns selbst schließen können. Der Geist kann sich eine Weile zurückziehen und wir fühlen den Raum zwischen den Zeilen. Genau dort liegt die Magie.

Wir berichteten im YOGA JOURNAL bereits über „Black Yoga“, einen Stil, der zu Heavy Metal Musik praktiziert wird. Die Schüler erzählten, dass sie durch die Ansprache ihrer dunklen Seiten Katharsis erlebten. Was glaubt ihr, was Menschen in eurer Musik suchen und finden?

Miten: Wir hören oft, dass Menschen in Devas Stimme Trost finden, was nicht mit jeder Musik leicht ist. Im Mainstream will Musik meistens Gefühle ausdrücken und damit das Herz bewegen. Deva singt jedoch ohne jeden emotionalen Input, ihre Absicht ist nicht, jemanden aufzuwühlen. Sie greift von einer tieferen Ebene aus auf ihre Stimme zu, jenseits von Herz und Gefühlen. Die Musik kommt aus der Stille und kehrt dorthin zurück. Menschen erzählen uns, dass sie entscheidende Momente ihres Lebens mit unserer Musik begleiten: Geburt, Tod, Sex. In diese Intimität eingeladen zu werden, lässt uns sehr demütig werden.

Haltet ihr Mantra-Singen für eine Kunst?

Deva Premal: Nein, in der Mantra-Praxis hat Kunst keinen Platz. Es geht uns nicht darum, mit außergewöhnlichen Fähigkeiten zu beeindrucken. Wir wollen Botschafter sein, keine Künstler. Gott ist der Künstler. 

Welches ist euer Lieblingsmantra?

Miten: Das Gayatri-Mantra ist unsere Basis und bildet die Tragflügel, auf denen wir durch die Welt reisen. Es fließt quasi durch Devas Adern, und obwohl ich sie es über die Jahre unzählige Male habe singen hören, gab es keine Gelegenheit, an dem es mich nicht tief berührt hätte.   

Letzte Frage: Braucht die Welt mehr Mantra?

Deva Premal und Miten (gleichzeitig): Absolut!

Miten: Mantras fördern Mitgefühl, Vergebung und Verständnis. Lasst die ganze Welt Mantras singen! Wir brauchen sie mehr denn je. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Wir persönlich sind sehr von der globalen Krise und dem Schaden betroffen, den wir Mutter Erde und unserer eigenen Umwelt angetan haben. Die Menschheit scheint verrückt geworden zu sein. Aber lasst Putin, Trump und Merkel gemeinsam das Gayatri-Mantra rezitieren – dann würde etwas völlig Neues passieren!


Deva Premal und MitenDie Welt braucht mehr Mantra: Davon sind Deva Premal und Miten überzeugt – und mit ihnen Millionen von Anhängern auf der ganzen Welt. Mehr Info auf: devapremalmiten.com

Interview mit Johannes Vogt

Heilung durch Lieder – kann das funktionieren? Yogalehrer und Musiker Johannes Vogt ist sich sicher: und ob! Warum, verrät er im Interview…

„Gute Musik ist wie ein Guter Freund“

Wann hast du festgestellt, dass Musik für dich mehr bedeutet als bloße Zerstreuung?

Früh – im Kindergottesdienst. Wir hatten einen sehr sympathischen Pfarrer und eine tolle Pfarrband. Auch im Kinderzeltlager am Lagerfeuer spürte ich, dass die Lieder eine tiefere Ebene in mir berührten. Außerdem hörte ich gern die Simon-&-Garfunkel-Platte meiner Eltern, da entstand eine ganz besondere Atmosphäre.

Damit wäre die nächste Frage fast schon beantwortet – du hörst also nicht nur Mantras, Kirtan und Kraftlieder?

Natürlich nicht! Musik begleitet uns durch Lebensphasen wie Freunde. Manche bleiben ein Leben lang da, manche sind Abschnittsgefährten. So höre ich phasenweise sehr gerne „normale“ Musik, werde aber meistens irgendwann „satt“ davon. Schön ist es aber, nach langer Zeit ein Lied wieder zu hören, mit dem eine gewisse Zeit, Gefühle und Erfahrungen verbunden sind. Da kann ich schnell wieder in diese Energien eintauchen und in Erinnerungen schwelgen.

Inwiefern ist das bei Mantras anders?

Da kenne ich dieses „Satthören“ weniger, weil sie mich zu dem führen, was ich wirklich bin. Diese Lieder adressieren einen tieferen Bereich unseres Daseins. Wenn ich mich darauf einlasse, fühle ich die entsprechende Kraft des Mantras, die Shakti, die durch das regelmäßige Rezitieren und Singen erweckt wird. In den indischen Ragas werden zu den Mantras auch Rhythmus, Harmonie und Melodien bewusst eingesetzt, um entsprechende Energien zu kanalisieren. Diese Wissenschaft findet sich auch in der Musik- und Mantratherapie, wo sogar der passende Zeitpunkt (Muhurta) bestimmt wird. Oft bekommen Hilfesuchende dafür die Unterstützung von Jyotishis, die anhand der vedischen Astrologie ein passendes Mantra auswählen und genau vorgeben, wann und wie oft ein Mantra rezitiert werden muss, damit die gewünschte Wirkung eintritt.

Kann denn Musik tatsächlich heilen?

Ich glaube ja. Neulich hörte ich ein schönes Zitat von Django Reinhardt: Ob er etwas von Musik verstehe? „Nein. Aber sie versteht mich“. Musik kann, wie gesagt, ein guter Freund sein. Aus dem Blickwinkel der Gunas können Freundschaften tamasisch (irreführend), rajasisch (aufreibend und leidenschaftlich) oder sattvisch (erhebend und nährend) sein. Genauso ist es mit Musik! Sie kann wie ein Freund eine sattvische Energie ausstrahlen, was den Heilungsprozess ganz sicher unterstützt. Selbst etwas Punk, Rock oder Pop kann heilend wirken – wenn etwa jemand so sehr im Tamas hängt, dass zu viel Trägheit da ist und er wieder „Leben in der Bude“ braucht. Dann würde zunächst Rajas ins Spiel kommen, bevor derjenige zugänglich für Sattva ist.

Ist auch die Sprache entscheidend?

Oft wird gesagt, ältere Sprachen, vor allem Sanskrit, hätten den direkteren Zugang zu Körper, Geist und Seele. Ich glaube aber, dass das gesprochene und gesungene Wort grundsätzlich sehr kraftvoll ist im Heilungsprozess.Allerdings kann auch ausschlaggebend sein, von wem und wie ein Mantra rezitiert wird. Ich erinnere mich an einen Vortrag von Vasant Lad, einem Ayurveda-Arzt, der sehr beeindruckend zu allen Körperstellen die entsprechenden Bija-Mantras gesungen hat. Ein Vaidya (Heilkundiger) wie er hat durch seine Hingabe und sein sattvisches Wesen einen großen Einfluss auf die Heilkraft des Mantras. Am Ende entscheiden aber die Gnade des Göttlichen und das individuelle Karma, ob ein Patient tatsächlich geheilt wird oder nicht.

Nun ist ja nicht jeder ein Vaidya. Was empfiehlst du, wenn jemand Hemmungen hat, weil er fürchtet, nicht „gut“ genug zu singen?

„Nicht gut genug zu sein“, ist nicht nur beim Singen eine weit verbreitete Angst. Wichtig ist, die Stimme und den Gesang einfach fließen zu lassen. Den Atem weder anzuhalten noch rauszupressen, in diesen
freien Atem Stimme oder Bewegung zu integrieren und dadurch den Augenblick zu erfahren. Manche fragen mich, ob sie beim Kirtan mitsingen müssen. Nein, sage ich dann. Aber am Ende tun es doch alle! (lacht)

Und du ja sowieso. Was war dir bei der Auswahl der Songs für deine CD „Sharanam“ besonders wichtig?

Mir gefällt es, wenn Musik ruhig und kraftvoll, laut und still zugleich ist. Ich wollte vedische Mantras sehr authentisch lassen und einen Mix mit Bhajans schaffen, der für den westlichen und den indischen Zuhörer passt.


JOHANNES VOGT lebt und unterrichtet Yoga in Oberkirch/Schwarzwald, liebt die unterschiedlichen Ansätze des Yoga, Ayurveda und der Thai-Yoga-Massage und verbindet sie mit seiner größten Liebe, der Musik.

2016 erschien seine erste CD „Sharanam“. Er leitet verschiedene Retreats und im kommenden Frühling auch eine Nord-Indien-Pilgereise (26.März – 7.April 2018).
Mehr Infos: www.johannes-vogt.com

Yoga People – Alice Coltrane

Pianistin, Organistin, Harfenistin, Bandleaderin, Komponistin, Inspiration  eines Jazzgiganten, spirituell Suchende und Ashram-Gründerin: 2017 wäre Alice Coltrane 80 Jahre alt geworden.

Gospel, Jazz und Mantra

Frei übersetzt bedeutet „Turiyasangitananda“ „Gottes höchstes Lied der Seligkeit“. Unter diesem Namen widmete die 2007 verstorbene Alice Coltrane die letzten Jahrzehnte ihres Lebens der Spiritualität – ein Prozess, der nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Entwicklung als Künstlerin beeinflusste. Die aktuell erschienene CD „The Ecstatic Music of Alice Coltrane Turiyasangitananda“ mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen aus dem Ashram, den Coltrane 1975 gründete, spiegelt ein weitgehend unbekanntes Kapitel ihrer Biografie.

Vom Kirchenchor in den Ashram

Alice Coltranes Laufbahn als Wegbereiterin des modernen Jazz begann klassisch. 1937 als fünftes von sechs Kindern in eine musikalische Familie geboren, spielte sie bereits als Neunjährige im Gottesdienst der baptistischen Gemeindekirche Orgel. In den frühen 1960er-Jahren wurde sie Mitglied eines professio-nellen Jazz-Trios, das unter anderem mit Carlos Santana auftrat. Auf einer dessen Konzertreisen lernte sie 1962 in einem New Yorker Club ihren späteren Ehemann John Coltrane kennen. Mit dem introvertierten Ausnahme-Musiker verband sie nicht nur die Leidenschaft für den von Charlie Parker und Dizzy Gillespie begründeten Bebop, das in der Szene ungewöhnliche Abstinenzlertum und unbändige musikalische Experimentierfreude, sondern auch der kirchliche Back-ground und das Interesse an transzendentalen Themen. Coltrane studierte zu diesem Zeitpunkt unter anderem die Baghavad Gita und machte Alice mit östlicher Religion, Philosophie und Meditation vertraut. Die dabei gemachten Erfahrungen flossen in ihre Musik ein, zu hören etwa im Meisterwerk „A Love Supreme“, das Alice 1971 als Friedensgebet mit Streichorchester und einem Mantra ihres Gurus Swami Satchidananda neu interpretierte.

Die Sterne, das All und der Äther

Nach John Coltranes plötzlichem Tod durch Leberkrebs sah sich die erst 30-jährige Alice mit vier kleinen Kinder allein gelassen – was sie nicht hinderte, zur prägenden Figur des „Free Jazz“ zu werden und den Stil nach und nach ins explizit Spirituelle zu übersetzen.

1969 hatte sie der Bassist Vishnu Wood Swami Satchidananda vorgestellt, neben Sathya Sai Baba ihr wichtigster Lehrer. 1970 begleitete sie Satchidananda auf eine fünfwöchige Pilgerreise nach Indien, wo sie in die Tradition der Mantras eintauchte. Eine völlig neue innere und äußere Welt erschloss sich ihr, gefolgt von einer neuen Bestimmung: 1972 wandte sich Alice dem Hinduismus zu, zog mit ihrer Familie nach Kalifor-nien und gründete 1975 nördlich von Los Angeles ein Vedanta-Zentrum. 1983 ging aus ihm der „Sai Anantam Ashram“ hervor, eine moderne Community, deren Mitglieder Auto fuhren, Jobs nachgingen und auch außerhalb des Geländes wohnen konnten. Afroamerikaner dominierten die Gemeinschaft, aber auch Weiße, Südamerikaner und Inder trugen zu der spirituell undogmatischen Mischung bei. Alice selbst zog sich immer mehr aus dem Scheinwerferlicht zurück, um ihrem spirituellen Weg zu folgen.

Im Ashram gehörten Bhajans und Kirtans zur festen Tagesordnung. Alice nahm die Chants auf privaten Kassetten auf und stellte sie zunächst nur der Gemeinschaft zur Verfügung. Jahrzehnte später gewährten ihre Kinder dem amerikanischen Label Luaka Bop Zugriff auf das archivierte Material, das nun auf CD zur Verfügung steht.

In einer bedeutungsvollen Epoche und einem hingebungsvollen Umfeld entstanden, zeigt sich in den Chants sowohl die freigeistige Jazzmusikerin als auch ein hoch engagierter Mensch. Den Verlust des Ehemannes und eines jung verunglückten Sohnes übersetzte Alice Coltrane in eine tief empfundene Sprache weit über die Musik hinaus. Oder mit den Worten eines Jazzkritikers der „Berliner Zeitung“: „So klingen die Sterne, das All, der alles umschließende, unsichtbare Äther.“


„Musik erzählt von den verschiedenen Wegen und Kanälen, durch die die Seele hindurchgehen muss, bevor sie den Zustand absoluten Bewusstseins erreicht“ (Alice Coltrane)

Interview mit Nella und Ralph Skuban

Zusammen können Sie aus einem großen Erfahrungsreichtum schöpfen: Nachdem er sein halbes Leben lang beruflich mit sterbenden Menschen zu tun hatte, ist Ralph Skuban heute einer der bekanntesten Lehrer und Autoren für Yogaphilosophie, Psychologie und Energiearbeit. Die ehemalige Zirkusartistin Nella Skuban steht für tiefen Zugang zu Asanas und Körperarbeit. Die Essenz ihrer Wege geben sie einzeln und gemeinsam an ihre Schüler weiter – und lassen sie auch im Interview mit YOGA JOURNAL anklingen.

„Bewusstheit ist Medizin“

Wo seht ihr das spezifische Heilungspotenzial bei Yoga?

Ralph: Wenn man in diesem Zusammenhang von Heilung sprechen will, muss man genau hinschauen, was das bedeuten kann. Kranke Menschen werden durch Yoga-Workshops oder Ausbildungen ja nicht unmittelbar gesund. Doch die Idee der Heilung im Sinne von Ganzheit gibt einen guten Sinn: Die Verbindung von klassisch orientierter Körperarbeit, Pranayama, Philosophie und meditativen Ansätzen in unserer Arbeit stellt einen ganzheitlichen Zugang zum Yoga dar, der uns heute ja oft nur noch bruchstückhaft vermittelt wird, meist in seinem reinen Körperaspekt. Die Integration aller zentralen Bereiche des Yoga kann auf längere Sicht eine heilsame Wirkung auf den Menschen, auf sein inneres Wachstum, sicher auch auf seine unmittelbare Gesundheit entfalten. Ich denke, das Schlagwort für uns beide ist Bewusstheit. Sie auf allen Ebenen zu wecken, das ist die eigentliche Medizin. Unser „Yoga Energy Works“-Format widmet sich diesem Thema ganz speziell.

Was verpasst man, wenn man sich auf den „Fitness“-Aspekt von Yoga beschränkt?

Nella: Die Chance verringert sich, in die tieferen Ebenen der Wahrnehmung und Persönlichkeitsstruktur zu gelangen und damit etwas Grundlegendes zu verändern. Wir beobachten, dass die meisten Menschen auf der Matte mit der gleichen Geisteshaltung üben, wie sie „draußen“ in der Welt ihrer Arbeit nachgehen und ihr Leben leben. Wenn man auf der Matte hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich zu überfordern und den Ansprüchen seines ehrgei-zigen Egos gerecht zu werden, füttert man diese Geisteshaltung sogar noch und bereitet keinen Boden für einen achtsamen Umgang mit sich selbst. Dieser Tatsache muss man sich aber überhaupt erst einmal bewusstwerden, was meistens einige Zeit dauert und ein sehr ehrliches und konzentriertes Hinschauen erfordert. Es ist ein Sensibilisierungsprozess, ein Weg zu größerer Bewusstheit.

Andererseits kann Yoga aber auch als Projektionsfläche für Heilsversprechen und überzogene Heilserwartungen dienen. 

Ralph: Die Menschen suchen im Yoga so unterschiedliche Dinge wie körperliche Gesundheit, Zufriedenheit und Glück, die Verwirklichung beruflicher oder auch spiritueller Ziele. Das sind Ziele, die alle Menschen anstreben, ob im Yoga oder woanders. Ob wir sie im Leben erreichen, hängt wohl weniger davon ab, was wir tun, als vielmehr davon, wie wir es tun. So kann Yoga hilfreich sein oder, im Gegenteil, sogar selbst zu einem Hindernis werden.

Nella: Dass Yoga zur Projektionsfläche für Heilungserwartungen wird, muss sich die Yogaszene zu einem Teil auch selbst zuschreiben, denn große Versprechungen werden ja allenthalben gemacht. Was meist nicht dazu gesagt wird: Yoga als eine Reise zu uns selbst muss nicht immer eine unterhaltsame Angelegenheit sein, denn persönliches Wachstum hat vor allem auch damit zu tun, seine Schatten und Schwächen zu sehen und anzunehmen. Etwas mehr Bescheidenheit täte uns allen gut, sowohl bei den Versprechungen als auch im Hinblick auf die Erwartungen.

Ralph, als promovierter Politikwissenschaftler hast du Erfahrung darin, die Prozesse und das Miteinander der Gesellschaft zu analysieren. Als Idee der Heilung über den einzelnen Menschen hinaus: Welches Potenzial birgt Yoga für die Weiterentwicklung der Gesellschaft?

Ralph: Yoga richtet sich an den einzelnen Menschen und gibt ihm Werkzeuge an die Hand, an sich zu arbeiten, sich etwas Gutes zu tun, zu reifen und sich zu entwickeln. Manchem mag Yoga auch mehr Lebensfülle und Glück schenken. Zwar ging es weder den
alten Schriften, noch dem modernen Yoga um gesellschaftliche Anliegen per se, schon gar nicht um Politik, doch ist ja auch eine Gesellschaft nichts anderes als eine Gemeinschaft von Einzelnen. Wenn der einzelne Mensch reift, kann auch die Gemeinschaft
davon profitieren. Ob und in wieweit dem Yoga dieses Potenzial innewohnt, ist sicher schwer zu ermessen. Wo er typische Muster unserer Gesellschaft – wie zum Beispiel den Vergleich und die Konkurrenz – übernimmt, da wird er lediglich zu einer anderen Spielwiese, auf der Menschen sich messen, miteinander konkurrieren und sich optimieren möchten. Darunter leiden jetzt schon viele Yogapraktizierende, wie uns häufig berichtet wird. Wo Yoga dagegen zu Selbstakzeptanz führt, zu Offenheit und innerem Frieden, da ist er sicher heilsam auch für die Gemeinschaft.

Einen sehr leisen Teil der Gesellschaft hast du in deiner Zeit als Leiter eines Pflegeheims erlebt. Welche Bedeutung erhalten Heilung und Therapie im letzten Stadium eines Lebens?

Ralph: In der letzten Phase des Lebens geht es nicht mehr um Heilung, jedenfalls nicht so, wie wir das meist verstehen. Körperlich gibt es bei einem Sterbenden nichts mehr zu heilen. Vielmehr geht es darum, die Dinge zu erleichtern: Schmerzen, das Atmen, die Nahrungsaufnahme und so weiter, ganz grundlegende Bedürfnisse also. Man kann für den Sterbenden da sein, ihn begleiten, auch seine trauernden Angehörigen. Heilung wird in diesem Kontext für mich zu einer spirituellen Idee in einem sehr schönen Sinn: Der Sterbende geht nach Hause, ein großer Moment! Ich glaube, der Tod ist die Summe des Lebens, wir alle gehen ja diesen Weg. Es ist ein natürliches Geschehen, das zum Wachstumsprozess der menschlichen Seele gehört. So werden das ganze Leben und auch der Tod zu einem Prozess des Heilwerdens, Ganzwerdens.

Immer lautere Töne schlägt das zeitgeistige Yoga als Inszenierung in Werbung, den sozialen Medien und anderen konsumorientierten Bereichen an. Nella, welchen Eindruck macht dieses Spektakel auf dich – auch als ehemalige Bühnenkünstlerin und Zirkusartistin?

Nella: Du nennst es selbst „Spektakel“, und ich denke, das Wort ist eigentlich ganz passend. Es leitet sich von dem lateinischen „spectare“ ab, also „schauen“. Was im Moment in der Yogaszene passiert, ist sehr stark visuell geprägt. Es gibt unendlich viele Abbildungen von Asanas, Menschen posten Selfies von mehr oder weniger beeindruckenden Haltungen auf Kanälen wie Facebook oder Instagram. Wenn wir ehrlich sind, ist die Botschaft meistens: „Schau, was ich kann!“ Daran ist per se nichts falsch. Ich kann das sogar gut verstehen, da ich ja selbst jahrelang als Artistin auf der Bühne tätig war, wo es genau um diese Darstellung geht. Nur denke ich, dass Yoga in seinen Wurzeln eigentlich das Gegenteil möchte: Es geht hier um einen Zustand, um das Schauen der inneren Bewegungen, um einen im wirklichen Sinn des Wortes esoterischen, also innerlichen Weg. Von den äußeren zu den inneren Aspekten: Auf diesem Weg sehe ich mich heute.

Puristen beklagen zeitweise den „Ausverkauf“ des Yoga. Wie seht ihr insgesamt das Zusammenspiel von klassischer Überlieferung und moderner Ausprägung?

Ralph: Das ist ein schwieriges Thema. Wenn man die Quelltexte des Yoga beim Wort nimmt, muss man sehen, dass der moderne Yoga oft nicht mehr viel damit zu tun hat. Der Yoga Patanjalis war nicht so stark körperbetont – die Yogis studierten, atmeten und meditierten, es war ein stiller und zurückgezogener Weg der Gottsuche. Der erst viel später entstandene Hatha Yoga brachte den Menschen dann in seiner Körperlichkeit stärker ins Spiel, ist aber immer noch recht weit weg von der primären Körperorientierung des heutigen Yoga.

Nella: Letztlich geht es wohl auch nicht so sehr um die Frage, was man methodisch macht – diesen oder jenen Yoga, mehr oder weniger Körper – als vielmehr darum, was man anstrebt, und ob einem die eigene Praxis dabei hilft: Was suche ich? Hilft mir mein Üben dabei? Würden wir Patanjali fragen, würde er uns sagen, Yoga sei ein Zustand des Bewusstseins, ein Sein in totaler innerer Freiheit – so frei, dass wir alles Leid damit überwinden. Ein hohes Ziel rein spiritueller Qualität.

„yoga muss nicht immer unterhaltsam sein.“

„Spirituell“ ist vom Wortstamm her eng mit dem Begriff des Atmens verbunden. Mit dessen Heilkraft beschäftigst du, Ralph, dich in deinem neuen Buch „Pranayama“. Laufen hier eventuell alle Fäden deiner bisherigen Publikationen und ohnehin der Yogapraxis zusammen?

Ralph: In gewisser Hinsicht ja. Das Pranayama-Projekt wurde, während ich daran arbeitete, größer und tiefer, als ich es zunächst geplant hatte. Im Prana-yama kulminiert für mich die ganze Idee des Yoga – praktisch wie philosophisch. Körperarbeit, das Mentale und die Spiritualität begegnen sich da in einer leisen und faszinierenden Praxis und offenbaren mir das Herz des Yoga. Das in voller Klarheit zu sehen und dann in einem Buch zum Ausdruck zu bringen, ist eine sehr schöne Erfahrung.

Allgemein betrachtet: Wohin, glaubt ihr, wird sich Yoga und die so genannte Yoga-„Szene“ in den nächsten Jahren entwickeln? Brauchen wir mehr Yogalehrer, -studios und -angebote oder sollte es eher eine „Zurück zu den Wurzeln“-Bewegung geben?

Nella: Wir machen uns nicht viele Gedanken darüber, wie sich die Yogaszene entwickeln wird. Es liegt auch nicht in unserem Ermessen zu beurteilen, ob es mehr von diesem oder mehr von jenem geben sollte. Die Dinge entwickeln sich von ganz alleine auf ihre Weise. In der Überzeugung, dass gute Qualität immer ihren Platz haben wird, versuchen wir einfach, das weiterzugeben, was wir selbst für wertvoll und für richtig halten.


Ihr erfolgreiches „Yoga Energy Works“-Format, ihre Ausbildungen sowie zahlreiche Retreats und Workshops bieten Ralph und Nella Skuban im gesamten deutschsprachigen Raum an. Alle Termine und Publikationen finden sich unter: www.kaivalya-yoga.de

Kolumne: Die neue Weltordnung

Haben Sie sich heute schon selbst gefunden? Sehen Sie klarer, leben Sie bewusster als früher? Fein. Klappt mit der Zeit immer besser, oder? Aber was ist mit dem Durcheinander um Sie herum?

Ich glaube an das Chaos. Ich glaube, dass Chaos entspannt und befreit, dass auch das Gegenteil stimmt und dass das das Paradoxon ist, das es anzunehmen gilt, wenn wir Revolutionen und nicht nur revolutionär sein wollen.

Vielleicht sind Sie schon mal über die kleine Geschichte vom Globus gestolpert, der auf die mitfühlende Frage „Wo tut’s denn weh?“ antwortet: „Überall. Einfach überall.“ Klimawandel, Hungerkatastrophen, Kriege, Unruhen, Rassismus, Sexismus und, und, und – tatsächlich kann einem ganz schwindlig werden angesichts all der Probleme, die unseren Planeten gerade plagen. Dazu kommen die Turbulenzen, die unsere privaten kleinen Welten erschüttern: Liebeskummer, kotzende Kleinkinder, zig unbeantwortete Mails … Puh. Kann da nicht mal einer Ordnung machen?

In meiner Wohnung stapeln sich staubflusige Zeitschriften- und Klamottenberge, mein Zeitplan gerät gern mal durcheinander, ich mag es wild, aber die Sehnsucht nach Struktur und Klarheit kann ich nachvollziehen. Ist ja schließlich nur begrenzt Platz im Kopf. Also? Sortieren wir! Männer und Frauen. Alte und Junge. Arme und Reiche. Homos und Heteros. Ossis und Wessis. Linke und Rechte. Punks und Spießer. Polizei und Demonstranten. Yogis und Menschen, die die Sache mit der Achtsamkeit noch nicht so richtig verstanden haben.

Die Engstirnigkeit der Freidenker

Tja. Schubladendenken ist kein Alleinstellungsmerkmal reaktionärer Unsympathen, sondern auch in alternativen Szenen anzutreffen. Drei Beispiele:

1. Einst wollte mir auf einer Party ein blauhaariger Nachwuchskünstler das Rot von den Lippen rubbeln: „Musst du dein Gesicht hinter Make-up verstecken?“ Farbe ist eben nicht gleich Farbe. Oder?
2. Bei einer Podiumsdiskussion bedauerte kürzlich ein Anwalt, der Anfang der 70er langhaarig und im Parka studiert hatte, dass heutzutage an der juristischen Fakultät wieder Anzug, Krawatte und Kostüm getragen werden, dazu Aktenköfferchen und brave Frisuren. Auf meine Frage, ob es nicht möglich sei, dass auch im Anzug ein cooler Typ stecke, blieb er mir die Antwort schuldig.
3. Auf einer Veggie-Messe wollte vor einigen Jahren ein Mann wissen, ob ich Yoga praktiziere, was ich damals noch verneinen musste. Sein Kommentar? Das sähe man mir an, ich wirke nicht wirklich bei mir. Tatsächlich ging es mir an dem Tag subjektiv ziemlich gut.

Puh. Zwar bin ich selbst keine Freundin von Krawatten, ich halte Schminke keinesfalls für ein Muss, und tatsächlich fühle ich mich nach einer Yogastunde herrlich entspannt. Aber: Könnten wir vielleicht akzeptieren, dass der Weg, den wir für uns gefunden haben, nicht für jeden und jede der beste sein muss? Ist es vielleicht sogar ganz sinnvoll, auch mal woanders zu sein als „bei sich“? Möglicherweise beim Gegenüber? Ja, im Idealfall schließt sich das nicht aus, aber wer von uns ist schon ideal? Natürlich brauchen wir Selbstliebe, aber sie dient als Fundament, auf dem dann auch die Liebe wachsen kann, die es zu teilen gilt. Achtsamkeit ist eine feine Sache. Aber sie wird zur Einbahnstraße, wenn wir vor lauter Bewusstwerden unserer inneren Zustände die Welt um uns herum vergessen.

Gut sortierte Offenheit

Zudem lösen wir keine Probleme, indem wir sie einfach auf den Kopf stellen, zumindest nicht dauerhaft. Dann bleiben wir nämlich weiter im binären Denken gefangen und werden der Komplexität der Welt nicht gerecht. Toleranz bedeutet nicht, in der U-Bahn die Dragqueen anzulächeln und beim telefonierenden Anzugtypen „Bäh, was bist du für einer?“ zu denken. Niemand bekämpft Magerwahn, wenn er dünnen Ladys abspricht, „echte Frauen“ zu sein, und niemand ist besonders weltoffen, wenn er auf Reisen sein Deutschsein verleugnet, weil er sich für das Verhalten einiger Landsleute schämt.

Andererseits überfordern wir uns natürlich, wenn wir uns immerfort in jeden Menschen einfühlen und jeden partout auf Teufel komm raus mögen wollen. Das kann nicht funktionieren, und darum haben grobe Sortierungen, die auf persönlichen Erfahrungswerten basieren, durchaus Sinn. Das Geheimnis ist meines Erachtens, niemals fertig zu werden mit dem Sortieren. Oder aber – und das ist mein kleiner Vorschlag zur Rettung der Welt: Ordnen Sie in Schubladen, aber lassen Sie diese einfach offen!


Jean-Marc TurmesCARMEN SCHNITZER hat beim Schreiben dieses Textes öfter mal den Faden verloren, fand das aber angesichts der Thematik nur halb so schlimm wie sonst. Denn nicht immer geht es schnurgerade zum Ziel. 

Interview mit Wolfgang Niedecken

Er selbst praktiziert es nicht, und doch ist Yoga Teil seines Alltags – denn seine Frau Tina kann einfach nicht ohne. Die kölsche Musiklegende Wolfgang Niedecken über Shavasana, Katholizismus und sein neues Album „Reinrassije Strooßekööter“, das seiner Familie gewidmet ist.

„Loslassen fällt mir schwer“


Oh, wir kennen uns, oder?

Ja – vor drei, vier Jahren habe ich mit dir ein Interview für das Veggie Journal geführt, das es leider nicht mehr gibt.

Ich erinnere mich, das war ein schönes Interview.

Am Ende sprachen wir damals über ein kleines Holzbänkchen, das dir ein junger afrikanischer Schreiner geschnitzt hatte, um sich für deine Hilfe zu bedanken. (Anm. d. Red. : Wolfgang Niedecken unterstützt Projekte, die ehemaligen Kindersoldaten und jugendlichen Zwangsprostituierten neue Chancen geben, z. B. „Rebound“ im Kongo;)

Zebra, genau (lächelt). So wurde er genannt. Das Bänkchen gibt’s natürlich immer noch, es steht bei uns daheim im Yogaraum meiner Frau. Sie ist ausgebildete Iyengar-Lehrer-
in und gibt auch manchmal bei uns daheim Stunden.

Aber dich hat sie mit ihrer Yogabegeisterung noch nicht anstecken können?

Ach, ich sage immer: Ich bin sehr gut in Shavasana (lacht). Wobei das zwar als Witz funktioniert, aber nicht so ganz stimmt, denn loslassen fällt mir schwer. Darum ist Meditieren auch nicht wirklich was für mich.

Oder …

Ich ahne, was du sagen willst: oder eben gerade. Das denken sich wahrscheinlich jetzt viele, die das lesen. Auch sonst bin ich nicht so gut im Innehalten, mein Terminkalender ist meistens ziemlich eng getaktet, ich sollte da wohl besser mal ein paar Puffer einbauen. Dieses Jahr ist es fast noch schlimmer als 2016, weil ich damals bei allem gesagt habe: „Nach der Tour kann ich das machen.“ Und da hat sich dann einiges angesammelt.

Klingt durchaus, als könnte ein bisschen Meditation nicht schaden.

Na, vielleicht versuche ich es eines Tages ja tatsächlich noch mal. Immerhin bin ich Yoga gegenüber grundsätzlich mittlerweile deutlich aufgeschlossener als früher. Da habe ich meine Frau schon mal ein bisschen veräppelt, von wegen Esoterik. Aber der geht es richtig schlecht, wenn sie mal nicht regelmäßig Yoga übt, das habe ich früher nicht verstanden. Dachte immer: Ach Gott, was soll’s, dann lässt du es halt mal ausfallen …

Wie kam dann dein Sinneswandel?

Durch verschiedene Eindrücke. Einmal, bei einer Marokko-Reise, saß ich so auf einem Flachdach, habe ihr zugesehen und gemerkt, wie sportlich das Ganze auch sein kann. Das hat mich schon mal beeindruckt. Und so ging es dann eben nach und nach weiter, man lernt ja nie aus.

Na, dann besteht ja noch Hoffnung, dass du es doch mal versuchst. Aber zurück zum Thema „Nicht loslassen können“: Beziehst du das auch auf Gegenstände? In deinem aktuellen Album „Reinrassije Strooßekööter“ kommen einige vor, etwa ein Chippendale-Tisch oder der Rama-Karton voller alter Fotos …

Den gibt es tatsächlich. Oh ja, ich bin ein großer Sammler, hebe vieles auf, weil ich denke, dass ich es noch mal brauchen könnte, oder auch, weil ich dran hänge. Allerdings ist das nicht weiter schlimm, denn ich mache ja oft auch Collagen aus den Sachen, die sich da so ansammeln. Freunde bringen mir auch gerne mal was mit, sogar tütenweise, zum Beispiel diese Stanniolkapseln von Weinflaschen, damit kann man ganz schöne Dinge anstellen.

Oh, das kann ich so gut verstehen, ich ticke da ähnlich, habe ein ganz schönes Chaos daheim. Aber kommt deine Familie damit zurecht?

Ach, die kennt mich ja nicht anders (lacht). Und so chao-tisch ist es bei mir auch wieder nicht. Nur viel Zeug eben. Kurz: Die kommt damit klar, ja. Familie funktioniert nur, wenn man sich aufeinander einlässt, füreinander da ist.

Leider gibt es genug Beispiele, in denen das nicht der Fall ist.

Das ist wohl so, ja. Ich habe, was das angeht, Glück, wir halten zusammen.

Auf deinem Album geht es aber nicht nur um die kleine Kernfamilie, sondern auch um Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen – auch Ahnen, die du selbst gar nicht kennengelernt hast …

… mit denen ich mich aber trotzdem verbunden fühle, ja. Etwa meinen Opa, der eine Woche vor meiner Geburt gestorben ist. Wer ihn noch gekannt hat, meine Tanten etwa, die meinen, ich sei ihm sehr ähnlich. Zum Beispiel hätte ich von ihm meine künstlerische Ader geerbt. Er war ja gelernter Kirchenmaler.

Das habe ich gelesen und musste lächeln. Mein Opa war nämlich Bildhauer und hat unter anderem Kirchenfiguren geschnitzt.

Tatsächlich? Der Vater von Heinrich Böll auch. Der ist ja auch aus der Kölner Südstadt und hat wahrscheinlich mit meinem Opa zusammengearbeitet. 

Dann sind wir ja in guter Gesellschaft. Wo wir gerade bei Kirchen sind: Bist du denn gläubig?

Na ja, ich sage mal: Ich bin restkatholisch (lacht). Ich glaube, das trifft auf die meisten Kölner zu. Die christliche Grundhaltung, die sich über Generationen durch meine Familie gezogen hat, die steckt auch in mir, so einfach lässt die sich nicht abschütteln. Warum auch?

So eine Art unsterbliche religiöse Ur-Seele quasi. Glaubst du denn an Wiedergeburt?

Hm … Meine Cousinen sind überzeugt davon, ich sei die Reinkarnation meines Großvaters, und wie gesagt, ich spüre tatsächlich eine Verbindung zu ihm. Wer weiß.

Darum kommt er auf deinem Album auch vor, im Song „Dä letzte Winter em letzte Kreesch”. Ist denn alles auf „Reinrassije Strooßekööter“ wahr, also abzüglich unbewusster Erinnerungsverfremdungen ungefähr so passiert?

Nur zum Teil, denn für so interessant halte ich mein Leben dann auch wieder nicht. Da lasse ich schon mal ein bisschen künstlerische Freiheit zu, vermische Erlebtes mit Erfundenem …

In dem Freundschaftslied „Frankie un er“ etwa …

… da gab es diese Fahrten im Ford Transit tatsächlich. Also, dass ich als Kunststudent spätabends spontan mit ’nem Kumpel nach Holland an die Küste gefahren bin, um dort morgens Kroketten zu frühstücken. Aber diese Zeile mit den zwei Freunden und dem Mädchen, einem Sieger und einem, der’s nicht geschafft hat, die ist Gott sei Dank frei erfunden. Und manches bleibt
natürlich einfach privat. Es ist ein Puzzle aus Erfundenem und Passiertem.

Verstehe. Nun hast du, um dein Album zusammenzustellen, ja viel zurückgeblickt auf dein Leben. Welche Gefühle überwiegen da?

Ganz ehrlich, ich sage immer, wenn es übermorgen vorbei sein sollte, dann hätte ich es trotzdem nicht schlecht getroffen. Vor ein paar Jahren war es ja beinahe schon so weit, mit meinem Schlaganfall. Zum Glück habe ich den überlebt. Aber ich hatte bisher wirklich ein gutes
Leben, dafür bin ich sehr dankbar. Alles was jetzt kommt, ist Bonus.

Aber der darf ruhig noch größer ausfallen, oder?

Klar, von mir aus sehr gerne!

Kolumne – Raus aus der Stressfalle

Termindruck, soziale Verpflichtungen, hohe Ziele – wer sich und seinen Körper permanent überfordert, sehnt sich wohl vergeblich nach innerer Ruhe und Gelassenheit. Denn das, was uns davon wohl am deutlichsten abhält, ist Stress. Aber was genau ist das überhaupt? Und wie kommt man raus aus der Stressfalle?

Ach, lieber Tag, hättest du nur 48 Stunden! Dann würde ich in aller Ruhe diesen Artikel fertig schreiben, mich bei dem Freund melden, der schon ewig nichts mehr von mir gehört hat, ein Geburtstagsgeschenk für meine Nichte besorgen, zum Yoga gehen, danach ins Kino und, und, und … Stattdessen werde ich froh sein, wenn mir zumindest Punkt eins gelingt, der Rest muss warten. Stress, lass nach! Sie kennen dieses Gefühl vermutlich. Obwohl uns heutzutage Maschinen allerhand Arbeit abnehmen, wir innerhalb weniger Stunden den Kontinent wechseln können und die wenigsten von uns existenziellen Bedrohungen ausgesetzt sind, scheint uns das Leben mehr und mehr über den Kopf zu wachsen, scheinen wir manchmal von den simpelsten Alltagsanforderungen überfordert zu sein und fühlen uns oft wie im Hamsterrad. Generation Burnout – was passiert da eigentlich mit uns?

Tatsache ist: Stress kann krank machen, psychisch und physisch – und zwar nicht nur dann, wenn wir massive Traumata erleben. Selbst alltägliche Belastungen wie ein Konflikt mit dem Partner oder Ärger im Büro können unser Immunsystem negativ beeinflussen. Lange herrschte die Ansicht, dass lediglich anhaltender Stress zu körperlichen Beeinträchtigungen führt – neuere Studien belegen dies jedoch auch für akute Belastungssituationen. 2005 stellten Forscher der Universität Ohio beispielsweise fest, dass Ehestreitigkeiten (die im Versuch provoziert wurden) zu einer Verzögerung der Wundheilung führten. Auch Kopf- oder Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme und Kreislauf-Störungen können bisweilen auf Stress zurückgeführt werden. Wird dieser chronisch, drohen schwerwiegende Erkrankungen wie Herzprobleme oder Depressionen – wobei letztere häufig eine Begleiterscheinung des heutzutage viel diskutierten Burnouts sind, des Ausgebranntseins, das bislang nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt ist und doch so viele zu belasten scheint.

Was ist das genau, Stress?

„Ausgelutscht“ sei der Begriff „Stress“, so der renommierte Psychologe und Stress-Coach Louis Lewitan, „breitgetreten wie ein Kaugummi“. Tatsächlich lässt sich das Phänomen nur schwer als Ganzes fassen, die Definitionen bleiben vage. Das Wort „Stress“ geht auf das lateinische Wort „stringere“ zurück, „anspannen“, und wurde in den 1930er-Jahren geprägt vom Biochemiker und Mediziner Hans Selye (1907–1982), der heute als „Vater der Stressforschung“ gilt. In seiner ersten Publikation „A Syndrome Produced by Diverse Nocuous Agents“ (deutsch etwa: „Ein Syndrom, das durch verschiedene schädliche Erreger entsteht“) beschrieb er Stress 1936 als „unspezifische Antwort des Körpers auf eine Anforderung“, also im Prinzip die körperliche Reaktion auf Belastungen von außen. Wie wir vom Yoga wissen, ist Anspannung zunächst einmal nichts Schlechtes! Es kommt auf die Art an: Selye unterschied zwischen dem positiven Eustress (griechisch eu = gut) und dem negativen Disstress (lateinisch dis = schlecht).

Stresskiller Anerkennung

Ersterer ist im Grunde das, was wir auch als „Nervenkitzel“ bezeichnen – der Kick, den wir etwa bei einem Fallschirmsprung, einer Achterbahnfahrt oder einem Auftritt empfinden (das sogenannte Lampenfieber). Belastungen dieser Art sind meist mit (Vor-)Freude verbunden und lassen sich darum in aller Regel gut verarbeiten, sie können die Leistung sogar noch fördern. Auch der Stress, den ich manchmal beim Schreiben dieses oder anderer Artikel empfinde, ist letztlich Eustress, weil ich nach getaner Arbeit eine Befriedigung empfinde, meine Arbeit für sinnvoll halte und bestenfalls Lob dafür bekomme – Faktoren, die bei der Stressbewältigung von entscheidender Wichtigkeit sind. Viel schwerer zu verkraften ist die Verrichtung eintöniger Tätigkeiten, die uns weder herausfordern noch erfüllen noch mit Anerkennung belohnt werden, etwa die Arbeit am Fließband. Wobei natürlich individuell verschieden ist, was als erfüllend angesehen wird und was nicht. Wer zum Beispiel lange arbeitslos war, nun aber von seinem Fabrikarbeiterlohn dem kleinen Sohn endlich mal wieder ein Spielzeug kaufen kann, den kann auch diese vermeintlich anspruchslose Beschäftigung erfüllen.

Dennoch gibt es auffällige Unterschiede im Erleben von positivem Stress bei verschiedenen Berufsbildern. Während nur 16 Prozent der angelernten Arbeiter bejahen, diesen aus dem Job zu kennen, tun dies 45 Prozent der Freiberufler und Selbstständigen, wie 2006 in einer Studie des Institutes für Demoskopie Allensbach ermittelt wurde. Erklären lässt sich das unter anderem damit, dass letztere in der Regel einer Tätigkeit nachgehen, die ihnen sinnvoll erscheint, und dass ein erhöhter Stresspegel bei ihnen normalerweise auf eine gute Auftragslage zurückzuführen ist – was wiederum als Bestätigung des eigenen Könnens gilt und dementsprechend beflügelt. Doch auch negativer Stress hat zunächst einmal positive Funktionen: Er signalisiert, dass etwas „nicht stimmt“, treibt uns an, etwas zu ändern und
Lösungen zu finden. Man ist sich heutzutage weitgehend einig, dass Stress für die Entwicklung der Menschheit eine entscheidende Rolle gespielt hat. Hätten unsere Urahnen nicht gefroren, hätten Sie dann jemals Feuer gemacht? Stress kann sogar Leben retten: Tritt vor Ihnen im Feierabendverkehr jemand unvermittelt auf die Bremse, tun Sie gut daran, es ihm schnellstmöglich gleichzutun, Herzrasen inklusive. Hätten wir keine Angst vor den Konsequenzen, würden wir uns womöglich zu weit über ein Brückengeländer lehnen und hinunterfallen. Oder kleine Kinder über einen längeren Zeitraum unbeaufsichtigt lassen. Der erhöhte Stresspegel sorgt dafür, dass wir Prioritäten setzen, Unwichtiges ausblenden und uns voll auf das konzentrieren können, was wir tun müssen, um unsere momentane Lage zu verbessern. Das gilt auch dann, wenn es nicht um Leben und Tod geht, sondern – ich komme auf das Schreiben dieses Artikels zurück – „nur“ um das Einhalten einer Deadline. So gern ich mich sonst von einem lustigen Schwätzchen mit den Kolleginnen ablenken lasse, so brav sitze ich nun hier und tippe eifrig und konzentriert vor mich hin. Meine Schweißperlen auf der Stirn sehen Sie ja zum Glück nicht.

Einmal Akku laden, bitte!

Apropos Schwitzen und Herzklopfen: Was hat es mit diesen körperlichen Reaktionen überhaupt auf sich, wie kommt es dazu? Vereinfacht ausgedrückt reagiert unser Körper auf eine Bedrohung mit erhöhter Alarm- und Handlungsbereitschaft. Das betrifft Muskulatur, Atmung, Kreislauf sowie unsere Denkleistung und geschieht durch die Ausschüttung von Hormonen wie Adrenalin, Noradrenalin oder Cortisol. „Handle – jetzt!“, sagt unser Körper da. Der auf Aktivität gerichtete Teil des aktiven Nervensystems wird gepusht (Sympathikus heißt der übrigens, hübsch, nicht?), während der auf Ruhe ausgerichtete Parasympathikus, der dafür sorgt, dass wir regelmäßig unseren „Akku“ aufladen, gehemmt wird. Das erhöht unsere Leistungsfähigkeit – allerdings ist diese Reaktion nicht beliebig lange ausdehnbar. Vielleicht haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie nach einer längeren Stressphase ausgerechnet im heiß ersehnten Urlaub krank werden. Vermutlich waren Sie schon vorher angeschlagen, der Körper aber hat auf die Anforderungen reagiert und sämtliche Restkräfte mobilisiert. Nun, da alles geschafft war, signalisierte er: „Ruhe bitte!“ Zeit, wieder zu Kräften zu kommen.

Und das sollten Sie ernst nehmen. Wie Sie überhaupt auf sich achten sollen, auf Ihren Körper ebenso wie Ihre Seele. Denn, da sind sich Experten weitgehend einig: Der beste Schutz vor negativem Stress ist immer noch eine gesunde Selbstwahrnehmung und die Anerkennung der eigenen Bedürfnisse – also genau das, was wir im Yoga üben, zumindest wenn wir in der Praxis mehr sehen als ein reines Fitnessprogramm. Doch die Botschaft ist natürlich längst auch im Mainstream angekommen. „Gesundes Selbstbewusstsein: Stresskiller Nr. 1“ heißt zum Beispiel ein Buch der Motivationstrainerin Carmen Maria Poller. Es vermittelt Techniken, die uns helfen sollen herauszufinden, was wir wirklich wollen. Wenn wir uns nämlich darüber klar werden und unser Leben dementsprechend ausrichten, können uns Stressoren (stressauslösende Reize) weitaus weniger anhaben, als wenn wir unsicher sind und uns die Zuversicht fehlt, eine komplizierte Situation selbstständig lösen zu können. „Ein starkes Selbstbewusstsein ist pure Gesundheit“, da ist sich die Autorin sicher. Eine Meinung, die auch ihr Kollege Louis Lewitan teilt. Er ergänzt: „Zur Selbstreflexion gehört auch Neugier sowie Offenheit für Veränderungen. Tauschen Sie sich mit Menschen aus, die Ihnen neue Denkanstöße vermitteln! So wichtig emotionale Stabilität ist, so sehr brauchen wir als Ergänzung dazu auch geistige Flexibilität. Allein schon, um uns auf die immer neuen Anforderungen unserer Zeit einstellen zu können.“

Wenn Sie also das nächste Mal mit einem Kleinkind auf dem Arm und dem Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter gepresst Suppe kochen und sich dabei bekleckern, sehen Sie selbstbewusst über das kleine Malheur hinweg, konzentrieren sie sich darauf, was Sie schon alles geleistet haben und seien Sie stolz auf sich. So wie ich, die ich nun am Ende dieses Textes angekommen bin, den Artikel also in (beinahe) letzter Minute fertig bekommen habe. Gut gemacht, Carmen. Zeit für eine kleine Pause.


Jean-Marc TurmesCARMEN SCHNITZER hat ein sicheres Indiz, das ihr zeigt, wenn ihre Psyche eine Pause braucht, der ungesunde Stress also überhand genommen hat: Sie fängt dann bei jeder Kleinigkeit an zu weinen. Das kann für andere ganz schön irritierend sein, doch zum Glück zeigt sich der Freundeskreis meist nachsichtig. Was ihr gegen den Seelenblues hilft? Bewegung, Bücher, Badewanne.