Yoga People: Sven Bünger

„Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“, heißt frei nach Erich Kästner das aktuelle Album des Sängers und Musikproduzenten Sven Bünger. Auch Yoga packte den ehemaligen Dorfpunk eher spät im Leben – als Mitglied einer illustren Künstlergruppe, die sich regelmäßig zum Männeryoga trifft. 

„Ein Mann, ein Wort“: Beim Treffen mit Sven Bünger kommt trotz der Phrase genau dieser Eindruck auf. Kompakt, ehrlich, vertrauenswürdig und, ja, gelassen, wirkt er. Kein Problem, diesem Mann ein Haus oder einen Versicherungsvertrag abzukaufen – oder besser noch, einen guten Song.

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Dass sich das lohnt, erfuhren bislang Künstler wie die Band Madsen, Ulrich Tukur, Yvonne Catterfeld und Johannes Oerding, die er als Produzent bis zu Platin-Schallplatten begleitete. Da und in seiner eigenen Musik ist er ein Mann der vielen zutreffenden Worte, aus der Unbedenklichkeit wird Bedacht: Mit scharfer Beobachtungsgabe analysiert Bünger Menschen und Strömungen, Trends und Tendenzen. Im bluesigen „Finde den Fehler“ geht es um Ann-Kathrin und die Zwiespältigkeit von Wohlstands-Weltrettung: „Du fährst jetzt nur noch Fahrrad, das mit dem Klima ist so schlimm. Warst du nicht auf Ibiza, wie kamst du denn da hin?“ „Das Wichtigste ist Liebe, die Welt spielt doch verrückt. Hast du grad deine Mutter am Handy weggedrückt?“ Wer fühlt sich hier nicht ertappt?

„Geh ruhig fremd, ich bin mir treu geblieben. Der Rest ist Kür, wenn wir uns selber lieben“: Klingt provokant, ist aber die Büngersche Variante einer durchaus yogischen Selbstliebe: Man braucht nicht viel, wenn man ganz bei sich ist. Alles, so geht der Song „Ich brauch nichts“ weiter, ist ein Geschenk. Ohne Ego kein Künstler. Dennoch ist Sven Büngers Lebens-ansatz einer der Genügsamkeit. Auch die Yoga-philosophie weise einen auch immer darauf hin, was wirklich wichtig ist: Wie man atmet. Wie man den Geist beruhigt.

Yoga macht er nämlich – fast bietet sich hier ein „natürlich“ an. Soeben ist von einem Retreat mit seiner Hamburger Lehrerin Claudia Uhrig zurückgekommen. Immer schon habe er viel darüber gelesen. Den „Schubser“, den es dann in Richtung Matte brauchte, gab laut Bünger eine „Gruppe älterer Männer“. Der „Selig“-Sänger Jan Plewka erzählte ihm von ein paar Hamburger Künstlern, die sich regelmäßig auf St. Pauli zum Kundalini Yoga träfen. Und weil der Rock’n’Roll–Lifestyle bei ihm, Heinz Strunk, Rocco Schamoni und den anderen Spuren hinterlassen habe, versuchten sie das jetzt durch Tönen, Dehnen und Energie-arbeit auszugleichen.

„Der erste Spruch, den ich hörte, als ich dort auftauchte, war: „Du bist auch nicht so ehrgeizig oder gelenkig, oder?“, erinnert sich Bünger. Keinesfalls, beteuerte er. Aufnahmeprüfung bestanden. Seither hat er auch andere Stile ausprobiert, Einzel- und Medita-tionsunterricht genommen und Geschmack an regelmäßigen Fastenwochen mit Yoga gefunden. Das lade ihn regelrecht mit Energie auf, dann intoniere er sogar besser. Den spirituellen Rahmen findet er mindestens ebenso wichtig wie das Körperliche. Das endet aber – Achtung, Ann-Kathrin! – , „wenn man mir sagt, wie ich zu leben habe.“ Der Kästner-Titel seines phänomenalen Albums passt gut zu einer Erkenntnis, die Bünger auch im Yoga gefunden hat: „Bei allen Ver-irrungen kann man doch immer noch einen neuen Ansatz finden. Der Geist ist nicht auf ewig festgelegt.“

In letzter Zeit beschäftigt sich Bünger auch mit Mantras: „Früher dachte ich immer, das ist Schlager-singen für Gymnasiasten“. An den Klängen gefalle ihm ihre liebevolle Qualität. Ganz in Büngerscher Manier scheut er aber das allzu Harmonische: „Da wird es manchmal unehrlich. Jeder findet sicher etwas doof an anderen Menschen, und das kann man einander doch auch sagen.“ „Jeder, wie er kann“, heiße es oft in den Yogastunden, aber die wenigsten, scheint es Bünger, nehmen dieses Angebot an: Die ehrgeizige, verbissene Lebenshaltung finde sich auch auf der Matte – nach dem Motto: „Wer entspannt am besten?“ Ihm habe die Praxis vor allem geholfen, seine Intuition zu stärken: „Der einzige wahre Kompass für die Musik.“ Das versuche er auch als Produzent an die oft jungen Künstler weiterzugeben: „Nur können die nicht immer gleich was mit Meditation anfangen. Die wollen Aufregung und Abenteuer.“

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