Yoga hilft bei Asthma

„Die meisten Pranayama-Übungen sind für Asthmatiker nicht das Richtige“

Der Atem rasselt, der Kranke japst nach Luft: Asthma bronchiale ist eine chronische Entzündung der Atemwege. Kurzatmigkeit, Husten und Erstickungsanfälle können die Folge sein, die körperliche Leistungsfähigkeit ist meist eingeschränkt. Ungefähr fünf bis zehn Prozent der Deutschen leiden an Asthma. Yoga kann gegen diese Krankheit helfen: der indische Yoga-Lehrer und Arzt Ganesh Mohan erklärt, welche Yoga-Übungen besonders für Asthmatiker geeignet sind.

Ganesh Mohan spricht ruhig, freundlich und zugewandt: „Asthmatiker müssen vor allem das Atmen üben. Der Atem ist absolut grundlegend für unsere Gesundheit! Ruhige, freie Atem-Praxis: Das ist vielleicht nicht so aufregend wie manche anstrengende Yoga-Positionen, aber langfristig nutzt es dem Körper mehr.“ Also vor allem Pranayama, die Yoga-Atem­übungen? „Nein, die meisten Pranayama-Übungen sind für Asthmatiker nicht das Richtige.“ Natürlich nütze Ujjayi, das Atmen mit leicht verengter Stimmritze, das ein sanfte Rauschen in der Kehle erklingen lässt und dem Übenden ein Feedback gibt. „Aber sich hinzusetzen und einfach nur das Atmen zu üben, ist für viele Menschen erst einmal eine zu große Herausforderung“. Sein Rat: bewusstes Atmen bei sanften Bewegungen.

„Asthmatiker müssen vor allem lernen, auszuatmen“ erklärt Mohan. Das klingt zunächst verwirrend, denn bei einem Anfall schnappen Asthmatiker schließlich deutlich nach Luft – sie haben also das Gefühl, nicht einatmen zu können.  Nur wenn man ausatmen kann, kann man auch einatmen. Während eines Anfalls hat ein Asthmatiker nicht zu wenig, sondern zu viel Luft in der Lunge. Diese Sichtweise vertreten auch Schulmediziner. Aber viele Ärzte wissen nicht, welche körperlichen Übungen das ­Ausatmen besonders unterstützen können.

„Ich empfehle Asthmatikern vor allem Vorbeugen und Umkehrpositionen“, sagt Ganesh Mohan. „In Adho Mukha Svanasana drücken die Organe auf das Zwerchfell und erleichtern die Ausatmung“, erklärt Mohan. Er empfiehlt diese Haltung auch, um Bandhas zu lernen. Umkehrpositionen wie Kopfstand oder Handstand sind natürlich für viele Menschen zu schwierig. Stattdessen schlägt Mohan einen „halben Schulterstand“ vor, mit diagonal gehaltenen statt mit ausgestreckten Beinen, die noch dazu leicht gebeugt sein könne (Viparita Karani). „Diese Übung ist den meisten Menschen problemlos möglich. Man kann nicht wirklich gut einatmen und verlängert so automatisch das Ausatmen.“

In der Yoga-Therapie geht es um den Menschen als Ganzes: Atemübungen und körperliche Bewegung machen nur einen Teil der Behandlung aus. Hinzu kommen psychologische Betreuung sowie Tipps zur Ernährung und zur Veränderung des Lebensstils im Allgemeinen. Asthmatikern empfiehlt Ganesh Mohan, trockene und kalte Luft zu meiden und vor allem Stress abzubauen. Auf schweres und fettes Essen sollten sie ebenso verzichten wie auf eisgekühlte Getränke.

„Bloß keine körperliche Anstrengung!“ Das hat man früher Asthmatikern gesagt – aus Angst vor Anfällen. Längst hat die Medizin dazugelernt und weiß: Bewegung stärkt die Lunge. Sport beugt Asthma-Attacken vor! Es gibt sogar Hochleistungssportler, die Asthma haben. Normalerweise empfehlen Ärzte ein leichtes Ausdauertraining. Wie auch Yoga helfen kann, Asthma zu lindern, ist vor kurzem wissenschaftlich untersucht worden. Beim American College of Sports Medicine in Seattle haben Ärzte die Wirkung von Yoga auf Asthmatiker getestet: 20 Teilnehmer im Alter von 20 bis 65 Jahren haben dafür regelmäßig zweimal wöchentlich Yoga-Stunden genommen und noch dazu ein einmal pro Woche eine halbe Stunde zuhause geübt. Schon nach zweieinhalb Monaten fühlten sich die meisten deutlich gesünder.


Die Journalistin und Yoga-Lehrerin Claudia Wiese führt mit ihrem Mann Michael Wiese in Leverkusen das Studio Yogaya.

Befreiung durch Handschrift

Die Handschrift der Freiheit

In Deutschland ist der amerikanische Zen-Mönch Edward Espe Brown durch sein Buch „Das Lächeln der Radieschen“ und als Protagonist in Doris Dörries Dokumentarfilm „How To Cook Your Life“ bekannt geworden. Neben dem Kochen widmet er sich aktuell einer weiteren Alltagspraxis und deren bewusster Ausführung: Was kann sich einstellen, wenn man die eigene Handschrift ändert? Nichts weniger als persönliche Freiheit, sagt Edward Espe Brown im YOGA JOURNAL-Interview.

YOGA JOURNAL: Edward Espe Brown, in „How To Cook Your Life“ ­haben Sie die Zubereitung einer Mahlzeit als spirituellen Akt des Respekts vor sich selbst, den Lebensmitteln und den Gästen vorgestellt. Im kommenden Sommer bieten Sie in Deutschland und Österreich wieder Koch-Retreats an, in München aber auch einen Workshop mit dem Titel „Befreiung durch Handschrift.“ Was hat es damit auf sich?
EDWARD ESPE BROWN: Ich habe 1995 als Form der Meditation begonnen, meine Handschrift zu ändern. Unsere Hände sind ein Ausdruck für die Kreativität des Körpers, sei es beim Kochen, Malen, Schnitzen oder Schreiben mit Stift auf Papier. Der bewusste Einsatz dieses Werkzeugs hat einiges dazu beigetragen, mich aus eingefahrenen Mustern zu befreien.

Seit 1965 praktizieren Sie Zen- und Vipassana-Meditation, üben Yoga und Qi Gong, haben Erfahrung in Akupunktur und Homöopathie und geben Seminare zu vegetarischer Ernährung. Welche eingefahrenen Muster meinen Sie?
Das alles tue ich seit über 40 Jahren und bin dabei durchaus frustanfällig. Ich interessiere mich für viele Dinge und überlege immer, wie ich meine Erfahrungswelt weiter anreichern kann. Ich habe zwar eine Ausbildung zum Zen-Lehrer gemacht, aber vor kurzem, mit 65 Jahren, habe ich mir gedacht: Es wäre schön, Zen-Lehrer zu sein. Allmählich fühle ich mich bereit und merke, dass die Menschen anders als früher auf mich reagieren – und ich auf sie.

Ist das Üben von Handschrift ein Teil des Zen-Systems?
Meine aktuelle Art des Übens, die von meiner Lehrerin ­Vimala Rodgers inspiriert ist, ist kein Bestandteil des Zen, obwohl in Japan und China die Kalligraphie schon immer eine Rolle im Leben und der spirituellen Praxis gespielt hat. In der Art, wie wir Worte zu Papier bringen, äußern sich ­generell unsere Strategien, das Selbst zutage zu fördern oder zu schützen. Den Ausdruck hierfür zu ändern, kann das ganze Leben beeinflussen. Ohne die Schreibpraxis hätte ich nicht in „How To Cook Your Life“ auftreten können. Aber damals hatte ich bereits in größeren Buchstaben geschrieben – ich war bereit, gesehen zu werden.

Kann man sich beim Üben konkrete Ziele setzen?
Erleuchtung ist nicht garantiert und Erwartungen eher kontraproduktiv. Ich ermutige die Schüler, herauszufinden, was sie an der Praxis anzieht. Das ist interessanter als die ­Vorstellung von dem, was wir erreichen können. Das eignet sich höchstens als anfängliche Motivation. Ich habe eine ­Weile Improvisationstheater gespielt. Dort gab es ­ironischerweise recht verbindliche Regeln, die auf jede Übung ­anwendbar sind: Sei präsent, plane nicht, starte von dort, wo du bist, mache Fehler, akzeptiere jedes Angebot und passe es an die Situation an.

Das Schreiben lernen wir als Schulkinder, in einem Alter, in dem man meistens noch nicht bewusst über seinen Unterricht reflektiert. Parallel existiert ein großer Wissensdurst.
Je nach Persönlichkeit versuchen wir zu diesem Zeitpunkt auf bestmögliche Weise das umzusetzen, was uns die Autoritäten vorschreiben. Was wir später daraus machen, formt unseren Charakter weiter. Alle regelmäßigen Übungen, seien es Meditation, Yoga, Qi Gong oder eben Handschrift ändern unser Sein und damit unser Leben. Wer wir sind, reflektiert sich in unseren vielen Aktivitäten. Wenn wir diese ändern, wirkt es auf unser Selbst. Die Prinzipien des Zen-Kochens, vor allem die absolute Vermeidung von Verschwendung, haben mein ganzes Denken beeinflusst.

Was bedeutet es, dass Handschrift eine physische Praxis ist?
In unserer Kultur ist es mittlerweile fast verpönt, mit den Händen zu arbeiten. Intellektuelle Tätigkeiten sind viel anerkannter. Vielleicht haben Chirurgen oder Künstler noch ein gutes Image, aber Brot zu backen befindet sich Lichtjahre von dieser Wertschätzung. Ich glaube, dass die Handschrift in ihrer physischen Form eine große Nähe zu Yoga hat. Ich stelle mir gerne vor, dass wir in uns kleinere Körper tragen, die noch nicht erwachsen sind, jüngere Versionen von uns. Im Yoga sprechen wir manchmal davon, uns neu in den Körper einzufinden, neues Bewusstsein in den Körper zu bringen. Ich übe gelegentlich mit Erich Schiffman, mir gefällt sein von Iyengar inspiriertes „Freedom Yoga“. Darin entdecken wir alle Körperteile neu, bringen Aufmerksamkeit bis in die Kniescheiben und Fingerknöchel, schieben unsere „kleineren“ in die „großen“ Hände, den inneren in den äußeren Körper. Kaum jemand studiert die Details so genau wie die Iyengar-Yogis. Erich Schiffman sagt immer: Wenn du diese Methoden einmal kennst – wie kannst du dann beim Alten bleiben? Warum nicht alles von Herzen nach innen strömen lassen? Dann formen die Hände die unglaublichsten Mudras. Meine Schreibpraxis wäre ohne Iyengar Yoga nicht die gleiche. So kann mein Bewusstsein in jede Fingerspitze gelangen – und darüber hinaus.

Welche Bedeutung hat der kreative Aspekt der Handschrift?
Die Hände machen einen sehr großen Teil unserer Eigenschaft als Menschen aus. Mit ihnen als Werkzeug haben wir unsere komplette Kultur geschaffen. 35 Prozent unserer motorischen Neuronen laufen in die Hände. Wenn wir mit ihnen also Neues lernen, beeinflusst dies unser gesamtes System. In San Francisco habe ich viel mit der Yoga-Lehrerin Judith Lasater geübt. Sie betont immer: „Mache“ die Übung nicht, sondern empfange sie, lass die Erfahrung zu. Das ist sehr kreativ, denn es wirkt befreiend. Kontrollieren wir uns zu sehr, grenzen wir uns über die Maßen ein. Insgesamt geht es ja beim Schreiben, Yoga und im Leben darum, den Raum zu nutzen, den wir zur Verfügung haben. Wie füllen wir die unbeschriebene Seite, wie ändern wir den Verlauf der Zeilen?

Gibt es zwischen Zen und Yoga eine natürliche Verbindung?Edward Brown
Im Zen heißt es oft: „Gerade sitzen.“ Davon machen wir uns eine Vorstellung und befehlen dem Körper die Ausführung. Stattdessen sollten wir Bewusstsein üben. Wer weiß besser, wie die Hüften sich ausrichten sollten? Der Geist – oder vielleicht die Hüften? Unser Denken sollte die Hüften darin unterstützen, ihre wahre „Hüftigkeit“ („Hipness“!) zu finden. In einer Mischung aus Stabilität und Leichtigkeit kann schließlich Energie fließen. Benutze deine Intelligenz, um deinen eigenen Weg zu finden. Wenn du du bist, ist Zen Zen. Trotzdem wollen wir oft mehr Zen als wir selbst sein. Letztendlich ist es bei jeder Praxis das Gleiche: Je mehr wir durch die Übung erfahren, desto mehr können wir alles im ­Leben als Übung annehmen.

Je nach Kultur nimmt Handschrift verschiedene Formen an. Gilt beim Üben das Gleiche für lateinische Buchstaben, ­Sanskrit oder chinesische Schriftzeichen?
Die unterschiedlichen Formen bergen unterschiedliche Energien. Wenn man eine bestimmte Form praktiziert und sich dabei von alten Verhaltensweisen entfernt, kann man sich auch von seinem alten Selbst lösen. Das Zen-Prinzip lautet: Praktiziere die Form, um dich von deinem Ego zu lösen. Wenn das geschehen ist, kannst du die Form entweder beibehalten oder dich etwas anderem widmen. Ein anderer Sinn von Form ist die Chance, unsere Ausdrucksmöglichkeiten zu vervielfältigen.

Inwieweit kann Handschrift Aufschluss über die Persönlichkeit der Schreibenden geben?
Die populären Graphologie-Handbücher typisieren und bewerten eher oberflächlich. Mein Lehrer Shunryu Suzuki Roshi sagte: In der Meditation, wenn alle die gleiche Haltung einnehmen, kann ich sehen, wer der Einzelne ist. Das gilt für alle Aktivitäten. Schriftübungen sind eine hervorragende Praxis, um sich von alten Mustern weg zu bewegen. Ich habe die letzten zwei Jahre sehr ernsthaft geübt. An einem bestimmten Punkt hat sich mein Stift regelrecht verselbständigt.

Tatsächlich sind Sie nach über 40 Jahren immer noch ­überrascht von einer spirituellen Praxis…
Auf welche Weise können wir wir selbst sein? Das ist und bleibt die interessante Frage. Dabei kann ich immer noch von Erfahrungen oder Wechseln der Empfindungen überwältigt werden. Aus Lampen­fieber kann kreative Energie werden, genauso kann aus Verkrampftheit plötzliche Leichtigkeit oder Ruhe ­entstehen. Und natürlich eine ganze Reihe von ­Gefühlen, die man niemals vorher gekannt hat…

 Fotos: Eric Brown

Bernd Rößler

Bernd Rößler

Beratungen, Workshops, Seminare & Ausbildungen in Vedischer Astrologie (Jyotisha) und indischem Handlesen (Hasta Samudrika).
Jahrtausendealtes Wissen für moderne Lebensplanung.
Die Chance tatsächlich vorausschauend zu planen liegt im Wissen dessen was sich ergibt und daher auch gestalten lässt.

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Yoga und Schreiben – Barbara Immick und Milena Moser

Collage Schreiben und Yoga

Seinen individuellen Ausdruck finden, auf der Matte wie auf dem Papier – für Schriftstellerin Milena Moser („Schlampenyoga“) und Yoga-Lehrerin Barbara Immick eine selbstverständliche Kombination. In ihrem Schreibyoga-Workshop übertragen sie den Ansatz des Vini Yoga auf den Prozess des kreativen Schreibens. Dabei gilt: Beim Yoga und Schreiben sind Bedürfnisse des Einzelnen wichtiger als die Lehre.

Die Verbindung von Yoga und Schreiben

„Erst schreiben, dann denken!“ lautet Milena Mosers Methode, die sie zur Maxime des Schreibyoga-Workshops in der Yoga-Schule Hannover ausruft. „Die Putzfraueninsel“ machte sie zur Bestseller-Autorin und mit „Schlampenyoga oder Wo geht’s hier zur Erleuchtung?“ präsentierte sie ihre persönliche, höchst amüsante Auseinandersetzung mit der Yoga-Szene und Patanjalis Yoga-Sutra. Zu ihrem Workshop mit Barbara Immick sind Yoga-Anfänger, angehende Lehrer, professionelle Schreiber und Hobby-Autoren gekommen. Es schwirren Ideen für einen Roman, die Lust, Tagebuch zu führen oder ganz einfach der Wunsch, kreativ zu sein, durch den Raum. In den kommenden zwei Tagen werden die Schreib- und Yoga-Willigen jede Menge Texte verfassen, Yoga üben, Papier zusammenknüllen und zuweilen ratlos auf ihre Matten starren. Sie werden auf verblüffende Ideen stoßen, über wunderbare Textfragmente staunen und eine Ladung Inspiration und Motivation mitnehmen. Doch zunächst beginnt der Workshop mit einer Vini Yoga-Session.

YOGA JOURNAL: Was ist dein Ansatz beim Vini Yoga?

BARBARA IMMICK: Es geht darum, die passende Form zu finden und seine Grenzen zu erkennen. Es gibt kein „One size fits all“ und auch kein Gut oder Schlecht, weder im Yoga noch beim Schreiben. Zudem ist es schon viel wert, auf ein ­bestimmtes Ziel in sinnvollen Schritten hinzuarbeiten. Sei es eine bestimmte Asana…

MILENA MOSER: …oder eine Textidee.

Individuell an die Tagesform angepasst

Was genau ist mit „passender Form“ gemeint?

B. I.: Im Vini Yoga versuchen wir, das Herz der Asana zu finden, zu berühren und zu erspüren. Im nach unten ­schauenden Hund ist das beispielsweise der gerade ­Rücken, ­unabhängig davon, ob die Beine gestreckt sind oder nicht. Es gilt, die Fülle der Asana zu erkennen und daraus zu schöpfen, sie dabei aber konstant zu hinterfragen: „Was passt heute für mich? Wie weit kann ich gehen?“

M. M.: Dieser Ansatz lässt sich eins zu eins aufs Schreiben übertragen. Man kann an Grenzen stoßen, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Daran scheitern die meisten Schreibwilligen. Die primäre Hemmung ist die Angst, etwas Schlechtes zu schreiben. Dabei geht es vielmehr darum, seinen individuellen Ausdruck zu finden. Außerdem verrate ich dir etwas: Der erste Satz ist nie der erste Satz. In puncto Form gibt es beim Schreiben zahlreiche Möglichkeiten: Dem einen liegen eher Kurzgeschichten, dem anderen längere Texte. Auch hier gilt es herauszufinden, welche Form die passende ist.

Selbstreflexion durch Schreiben und Yoga

Milena Moser erklärt ihre Herangehensweise mit dem „Hä-Effekt“ – beim Schreiben geschieht etwas, das man sich vorher nicht ausdenken kann. Die praktische Umsetzung erleben die Teilnehmer augenblicklich, indem sie von ihr vier Fragen erhalten und spontan aufschreiben sollen, was ihnen dazu in den Sinn kommt. Dieses intuitive, freie Schreiben soll den Prozess des Sich-Beobachtens, ohne sich zu bewerten, in Gang bringen. Angelehnt an die Yoga-Praxis sollen die Übungen so ausgeführt werden, wie es jedem Einzelnen in diesem Moment möglich ist.

M. M.: Wenn man wirklich schreiben will, muss man in Kauf nehmen, auch mal aufs Gesicht zu fallen. Man muss mit dem arbeiten, was man hat. Chaturanga Dandasana gelingt auch nicht gleich beim ersten Mal. Als ich angefangen habe, Ashtanga Yoga zu praktizieren, war meine Ausgangssituation Couch Potato. Zu Beginn fiel es mir unheimlich schwer, mitzuhalten, aber mit genügend Praxis boten sich neue Möglichkeiten.

Kann man Schreiben „üben“?

M. M.: Durchaus! Nehmen wir Patanjalis Sutra „shtira sukham asanam“. Es geht darum, Ausgewogenheit zwischen Fokus und Leichtigkeit zu erreichen. Aufs Schreiben bezogen bedeutet das: In einer starren Struktur Freiheiten zu genießen. Daher empfehle ich meinen Teilnehmern, jeden Tag 20 Minuten zu schreiben. In dieser Zeit darf nichts anderes gemacht werden außer – und hier halte ich es wie der US-Schriftsteller Raymond Chandler – „sich in Verzweiflung am Boden zu schlängeln“. Dabei ist es egal, was in welcher Form geschrieben wird; das können Tagebucheinträge oder Alltagsbeobachtungen sein. Hauptsache, es etabliert sich eine gewisse Routine.

B. I.: Dieses Prinzip der Gegensätze begegnet uns beim Yoga als ständige Balance zwischen Kraft und Beweglichkeit oder Konzentration und Leichtigkeit. Das ist die Herausforderung beim Üben, wobei das Ziel nicht ein „endgültiges Ankommen“ ist. Vielmehr ist es ein ständiger Neuanfang den eigenen Zustand zu ergründen und der damit definierten Grenzen – abhängig von der Konstitution, die jeden Tag anders sein kann.

Schreiben ohne Leistungsdruck

Die zweite Schreibübung ist inspiriert durch die Surrealisten und ihre „Écriture automatique“. Moser stoppt die Zeit. Die Teilnehmer haben sieben Minuten und dürfen währenddessen dem Bleistift keine Pause gönnen. Es gilt, ohne Unterlass zu schreiben und offen zu sein für das, was ihnen in den Sinn kommt. Auf dem Papier geht es zuweilen fantastisch zu. Die Ideen sind nicht immer realitätskonform, müssen sie auch nicht.

In sieben Minuten entwickeln sich Love-Storys, wird der Fokus auf Erinnerungen gerichtet, werden detailgetreue Beobachtungen festgehalten und so manche Blockade gelöst. Wem nichts einfällt, der muss seinen Bleistift trotzdem beschäftigen. Aber genau darin liegt der Sinn: Orthografie, Grammatik, Interpunktion sind egal. Wortketten, Satzstücke und einzelne Wörter transportieren Bilder, Gefühle oder Zustände intuitiv und ohne kritische Selbstreflexion. Und schon sind die Teilnehmer im Free Flow der experimentellen Literatur. Moser hat sie geschickt hineinmanövriert.

Warum schreiben Sie?

M. M.: Meine Mutter hat einmal gesagt, wenn ich schreibe, bin ich am meisten ich selbst. Damit hatte sie Recht. Schreiben ist der Ausdruck von dem, was man ist. Im Grunde genommen ist es die Analogie zum Herz des Yoga – das Eigene zu finden und es mit Worten ausdrücken zu können. In seinem eigenen Stil und in der Form, die zu einem passt.

Sind damit auch Themen definiert?

M. M.: In gewisser Weise ja. Daher schreibe ich beispielsweise keine hochintellektuellen Abhandlungen, weil das nicht mein Material ist. Ich kann nicht über etwas schreiben, was ich nicht bin. Genauso wie ich im Yoga nur die Rückbeugen praktiziere, die mein Rücken aushält, kann ich nur über Themen schreiben, die ich als meine akzeptiere.

Unterschiede zwischen Yoga und Schreiben

Sie finden zahlreiche Parallelen und Analogien beim Yoga wie beim Schreiben – worin liegen jedoch die Unterschiede?

M. M.: Beim Yoga sucht man die Balance zwischen Shtira und Sukha und findet sie ab und an. Beim Schreiben bleiben stets Zweifel. Aber genau das ist es, was das Wesen eines kreativen Geistes ausmacht – diese Unausgeglichenheit. Das Potenzial für kreative Tätigkeiten liegt darin, nicht eins zu sein mit sich und der Welt.

Ist Yoga dann nicht eher kontraproduktiv?

M. M.: Keinesfalls. Den größten Gewinn erziele ich auf mentaler Ebene und das, obwohl ich nicht meditiere. Ich erinnere mich an einen Meditationstag, der für mich schlicht und einfach die Hölle war. Ich schaffe es nicht, meinen „Monkey Mind“, die Affenstimmen, abzuschalten oder auch nur zu beruhigen. Stattdessen praktiziere ich viel Pranayama. ­Außerdem spielt die yogische Philosophie eine große Rolle in meinem Leben. Das Sutra über Avidya, die falsche Wahrnehmung, hat mich beispielsweise inspiriert, Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Der Einfluss vom Yoga auf das Schreiben

Inwiefern hat Yoga ihr Schreiben beeinflusst?

M. M.: Wie schon gesagt, war mein körperlicher Zustand zu Beginn meiner Yoga-Praxis nicht der beste. Die positiven Veränderungen haben mir gezeigt, dass es sich auszahlt, ­Herausforderungen anzunehmen. Logischerweise gab es auch schlechte Tage. Nach Übungserfolgen wurde ich hin und wieder zurück katapultiert, mit der Konsequenz, dranzubleiben und es weiter zu versuchen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

M. M.: „Schlampenyoga“ hätte ich ohne meine Yoga-Praxis so nicht geschrieben. Und ich meine hier nicht die inhaltliche Ebene, es ist vielmehr die Form, auf die ich anspiele. Das Buch kommt ohne besondere Kunstgriffe aus. Den Mut, es aber genau so zu machen, hätte ich vermutlich ohne Yoga nicht gehabt. Ich habe es geschafft, mich nicht ständig zu vergleichen und habe einfach mein Ding durchgezogen.

B. I.: Sich vom Vergleichen zu lösen, ist eine Kunst. Auf der Yoga-Matte schielen viele Schüler zum Nachbarn und checken, ob sie alles richtig machen, vielleicht sogar besser sind. Höher, schneller, weiter – diese Einstellung entfernt uns von uns selbst. So ist es schwierig, seinen eigenen Weg zu gehen und seine individuellen Grenzen zu erspüren.

Fantasie für groß und klein

Während der Vini Yoga-Session bietet Immick stets drei Varianten der jeweiligen Asana an. Jeder übt nach seinen Möglichkeiten und Gegebenheiten. Bei den Schreibübungen stehen Vergleiche auf dem Plan. So unerwünscht sie im Yoga sind, so elementar sind sie in der Literatur. Moser erzählt von Jugendlichen, die während des Projekts „Schulhausroman“ mit ihr zusammen eine Geschichte entwickelt haben. Mit ungeheurer viel Mut und Fantasie hätten die Schüler sich ins Schreiben gestürzt. Ihre Welt vermochten sie in Vergleiche wie „Ich fühle mich wie ein T-Shirt, das nicht gekauft worden war“ zu packen. Die Workshop-Teilnehmer versuchen es ebenfalls und bemerken, wie schwierig es sein kann. Danach dürfen sie den Blickwinkel wechseln und eine andere Perspektive einnehmen. Sie schlüpfen aus sich heraus und wahlweise in eine andere Person oder einen Gegenstand hinein.

M. M.: Schreiben bietet die Möglichkeit, andere Leben zu streifen. Dabei gilt es, seinen Figuren Freiheiten zu lassen. Ich weiß nie alles über meine Figuren und es bleiben immer gewisse Lücken. Genau wie im wahren Leben. Schließlich kenne ich meinen Mann, meine Söhne oder meine Mutter auch nicht in- und auswendig.

B. I.: Ich vermute, Vertrauen ins eigene Schreiben spielt eine große Rolle?

M. M.: Genau. In meinem letzten Roman gab es beispielsweise diese Figur, die eigentlich für eine Liebesgeschichte vorgesehen war. Aber plötzlich war sie tot. Obwohl wir sie schreiben, machen Menschen auf dem Papier, was sie wollen.

Schreibtipps von der Expertin

Frau Moser, Sie führen zusammen mit ihrer Kollegin Sybille Berg und der Literaturagentin Anne Wieser eine Schreibschule. Haben Sie zum Abschluss noch ein paar elementare Tipps?

M. M.: Schreiben muss Selbstzweck sein. Ich verfolge den Ansatz, mich nicht den Normen anzupassen. Schauen Sie nicht auf andere, finden Sie ihren eigenen Ausdruck. Ich halte es wie Desikachar: So wie Yoga dem Einzelnen dienen soll und nicht umgekehrt, so ist es mit dem Schreiben. Außerdem ist die Unterstützung Gleichgesinnter enorm wichtig. Finden sie einen Mittelweg zwischen Home Practice und Gruppenkurs. Man braucht immer mal wieder Leute, die einen antreiben. Und wie gesagt – kultivieren Sie ihre 20 Minuten tägliches Schreiben.


Milena Moser lebte acht Jahre in San Francisco und entdeckte dort Ashtanga Yoga für sich. Die Schriftstellerin ist mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt. Barbara Immick ist Yoga-Lehrerin und ­Mitbesitzerin der Yoga-Schule Hannover.


Illustration: Carla Schostek

Die 5 besten Yogaübungen vor dem Surfen

Die bekannte amerikanische Surf-Yogini Peggy Hall hat eine kurze Übungssequenz speziell für Surfer entwickelt, die sich ganz einfach am Strand üben lässt, bevor es ins Wasser geht. Die fünf Übungen erzeugen Hitze im Körper und wärmen die Muskelgruppen und Gelenke auf, die beim Surfen besonders beansprucht werden. Um zu verhindern, dass man später im Wasser schnell ermüdet, empfiehlt Hall, sich während der Übungen auf den Atem zu konzentrieren und die Stellungen nicht zu lange zu halten. „Bevor man rauspaddelt, sollte man sich geistig auf das Surfen vorbereiten und den Körper aufwärmen“, sagt sie. „Schließlich will man sich im Wasser nicht überanstrengen.“ Wir zeigen Ihnen hier die 5 besten Yogaübungen vor dem Surfen.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.15 1. Tai Chi-Kreise
Öffnen Sie Ihre Füße im Stand auf Hüftbreite. Die Zehen zeigen gerade nach vorne. Verschränken Sie die Finger und strecken Sie die Arme über den Kopf. Atmen Sie aus und dehnen Sie sich nach rechts, beugen Sie dann die Knie und bewegen Sie den Oberkörper weit nach vorne. Achten Sie darauf, dass dieser dabei parallel zum Boden ist. Kreisen Sie weiter nach links, bis Ihr Körper zur linken Seite gestreckt ist. Richten Sie den Oberkörper mit der Einatmung wieder auf und kommen Sie zurück in die Ausgangsposition. Kreisen Sie vier- bis fünfmal in eine Richtung. Verschränken Sie anschließend Ihre Finger andersherum, auch wenn es sich ungewohnt anfühlt, und wiederholen Sie die Übung auf der anderen Seite.

2. Rückendehnung in der Hocke

Sehen Sie in einer weiten Grätsche und drehen Sie die Zehen nach außen. Nehmen Sie wahr, wie dadurch die inneren Oberschenkelmuskeln gedehnt Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.50werden. Legen Sie die Hände auf die Oberschenkel und beugen Sie Ihre rechte Schulter nach unten zwischen die Knie. Blicken Sie dabei zu Ihrem linken Ellenbogen. Diese Übung dehnt Ihren Rücken, der beim vielen Sitzen auf dem Brett stark beansprucht werden kann. Halten Sie die Übungen für ein bis zwei Atemzüge. Richten Sie beim Einatmen den Oberkörper wieder auf und beugen Sie sich anschließend zur anderen Seite. Wiederholen Sie die Übung drei- bis viermal.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.20.303. Utthita Parshvakonasana (Gestreckte seitliche Winkelhaltung) mit Armkreisen
Beugen Sie sich nach rechts in die seitliche Winkelhaltung und platzieren Sie Ihren rechten Unterarm auf dem rechten Oberschenkel. Kreisen Sie Ihren linken Arm gegen den Uhrzeigersinn, als wollten Sie nach hinten rudern. Diese Bewegung ist dem Paddeln auf dem Surfbrett genau entgegengesetzt und dehnt dadurch die Muskeln zwischen den Rippen, wodurch die Lungenkapazität -vergrößert werden kann.

4. Hoher Ausfallschritt, Variation
Verschränken Sie die Finger hinter dem Rücken und ziehen Sie die Schulterblätter zueinander. Machen Sie mit dem linken Fuß einen Schritt nach hinten und heben Sie die linke Ferse an. Beugen Sie beide Knie. Strecken Sie die Hände vom Körper weg und nach unten. Ihr linker Oberschenkel sollte dabei senkrecht zum Boden sein. Ziehen Sie das Steißbein in Richtung Boden, bis Sie eine Dehnung in Ihrem linken Oberschenkel spüren.

Bildschirmfoto 2014-07-23 um 14.21.125. Parivrtta Utkatasana (Gedrehte Stuhlhaltung), Variation
Stehen Sie mit hüftbreit geöffneten Füßen. Die Zehen zeigen gerade nach vorne. Bringen Sie Ihren rechten Arm über die Schienbeine und halten Sie das linke Schienbein. Strecken Sie den linken Arm nach oben. Verlängern Sie die Wirbelsäule und drehen Sie Brustkorb und Schultern auf. Blicken Sie nach unten zu Ihren Füßen. Halten Sie die Stellung für einige Atemzüge und drehen Sie sich dann zur anderen Seite.

(Fotos: Titelbild: Norden Surfboards. Übungsstrecke: David Martinez)

Gelebte Utopien

In ihrer Fotoarbeit „Holon“ porträtiert die Kölner Fotografin Malwine Rafalski radikale Individualisten, die jedoch eines verbindet: die Sehnsucht nach größerer Verbundenheit mit dem Leben.

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
(Henry David Thoreau, Walden)

Tief leben und alles, was nicht Leben ist, in die Flucht schlagen: Das wollen auch die Protagonisten der Foto-Serie „Holon“ von Malwine Rafalski. Sie widerstehen den Verlockungen der Gesellschaft und des Wohlstands – ein verbreiteter Traum, den aber nur wenige konsequent verwirklichen. Der Titel ihrer an der Fachhochschule Bielefeld entstandenen Diplomarbeit ist ein Begriff aus der Philosophie und beschreibt ein einzelnes Ganzes, das Teil eines anderen, umfassenderen Ganzen ist. Die wesentliche ­Eigenschaft ist jedoch, dass jedes Holon einerseits seine Individualität wahrt und andererseits als integraler ­Bestandteil einer größeren Einheit funktioniert.
In „Holon“ beschäftigt sich die Kölner Fotografin mit gelebten Utopien in Deutschland. Die Menschen auf den Fotos verstehen sich als Individuen, die als Teil der Umwelt für deren Erhalt verantwortlich sind und die physische wie geistige Nähe mit der Natur leben. Damit sind sie in Zeiten der Globalisierung und Technisierung Einzelgänger. Ihr Verständnis von Natur ist von einer diffusen, zutiefst romantischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit geprägt. Ihre tiefe Überzeugung, dass Verbesserung möglich ist, realisieren sie in ökologischen und sozialen Experimenten. Viele dieser Utopien sind zwar denkbar und in vielen Fällen wünschenswert, angesichts der momentanen Realität aber (noch) nicht oder nicht mehr realisierbar. Im Zentrum von Malwine Rafalskis Arbeit stehen demnach besondere Mikrokosmen, deren Bewohner sich dem konventionellen Leben fast vollständig entziehen. Viele von ihnen leben komplett autark, versorgen sich selbst durch den Anbau von Lebensmitteln oder leben ohne Geld, Strom und fließendes Wasser. Sie sind eng mit der Natur verbunden und achten auf sich und ihre Umwelt: Ausgewogene Ernährung, Yoga und Nachhaltigkeit bestimmen ihren Alltag. Damit bieten die außergewöhnlichen Menschen, die sich nicht nur für ihre Umwelt, sondern auch für kreative Heilmethoden einsetzen, ein faszinierendes Lebensmodell. Sie sind im wahrsten Sinne alternativ.


Die Fotografin Malwine Rafalski wurde 1982 im polnischen Tczew geboren. Sie lebt und arbeitet in Köln. „Holon“ und weitere Projekte der Künstlerin finden sich unter www.malwinerafalski.com.

VERLOSUNG: 4 Tickets für das Yoga.Wasser.Klang Festival

Vom 29.- 31. August findet bereits zum dritten Mal das Yoga.Wasser.Klang Festival in Hamburg statt, das sich selbst als „modernes, urbanes Yoga-Festival mit viel Spirit jenseits von Esoterik-Klischees“ bezeichnet.

In den Vorjahren noch auf der Elbinsel Kaltehofe direkt am Wasser gelegen, zieht das Yoga.Wasser.Klang dieses Jahr gen Stadtmitte in den Park Planten und Blomen, der trotz seiner zentralen Lage und guten Verkehrsanbindung eine Oase der Ruhe ist.

Wasser gibt es aber auch im Park – und so wird der See gleich fürs SUP Yoga genutzt. Viele weitere Yogastile von AcroYoga bis hin zu Yin Yoga werden zwischen betörend duftenden Blumen von den Yogaschulen Hamburgs präsentiert. Auf einem kleinen Markt, der übrigens auch für Parkflaneure geöffnet hat, gibt es zahlreiche Stände mit urbaner und lokaler Handwerkskunst sowie Projektvorstellungen, Yoga-Ausstattung und gesunde Snacks.

Aber nicht nur Yogis werden hier ein fabelhaftes Wochenende verbringen können! So darf neben Yoga und Wasser der Klang nicht zu kurz kommen: Musikliebhaber können sich auf Chillout-Beats von DJ Marc Deal freuen, der eigens für das Festival ein eigens Set komponiert. Außerdem werden viele weitere Klangkünstler das Festival bereichern, wie etwa der Vorreiter der europäischen Chillout-Szene, Patrick Marionneau, oder Singer-Songwriterin Hanna Leess.

VERLOSUNG: Wir verlosen gemeinsam mit Yoga.Wasser.Klang vier Einlassbändchen (Tagestickets) für einen Tag Ihrer Wahl (Samstag oder Sonntag). Schicken Sie uns einfach bis zum 4. August eine E-Mail mit dem Betreff „YogaWasserKlang“ und dem gewünschten Tag an verlosung@yogajournal.de. Viel Glück!

(Bildquelle: Monkey Mind Yoga)


YogaWasserKlangYoga.Wasser.Klang
Planten un Blomen, Eingang Glacischaussee 13 (neben Minigolfanlage), 20359 Hamburg
Freitag, 29.8.: 17-22 Uhr, Samstag, 30.08.: 10-22 Uhr, Sonntag, 31.08.: 10-21 Uhr
www.yogawasserklang.de

Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall

„Was glauben Sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe?“ Anatomie-Expertin Julie Gudmestad kombiniert Yoga mit Physiotherapie – seit mittlerweile 32 Jahren. Über die häufigsten Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall sprach YOGA JOURNAL mit der 59-jährigen Lehrerin.

YOGA JOURNAL: Julie, Hand aufs Herz: Bist du tatsächlich so fit und gesund wie du aussiehst?
JULIE GUDMESTAT: Oh, danke für das Kompliment. Aber das ist Yoga. Ich ­praktiziere Yoga seit meiner Teenagerzeit – mittlerweile seit über 40 Jahren. Und das ist es, was du siehst. Zu diesem Thema gibt es übrigens eine schöne Krankenhausgeschichte: In meinen 30ern wurde mir mein Blindarmwurmfortsatz entfernt. Nach der Operation kam der Arzt zu mir und meinte, er hätte noch nie eine so muskulöse Bauchdecke aufgeschnitten bei einer Frau meines Alters. Dann wollte er wissen, welchen ­Leistungssport ich betreiben würde. Als ich erzählte, dass ich Yoga übe, dachte er, ich mache einen Witz und ist lachend aus dem ­Zimmer gegangen.

Yoga wurde damals noch belächelt?
Ja, absolut. So eine Szene gäbe es heute sicher nicht mehr.

Einer deiner Workshops heißt „Stabilizing the core“. Was genau ist mit „the core“ gemeint?
Seit einiger Zeit ist der Begriff im Yoga sehr beliebt geworden. Meiner Meinung nach ist er zu einem regelrechten Modewort avanciert. Gemeint sind damit die Muskeln, die das Becken, den Bauch und den unteren Rücken stützen. Aber eigentlich hat sich die Aufmerksamkeit dieser Körperregion gegenüber nicht verstärkt. Im Yoga hat dieser Bereich schon immer eine wesentliche Rolle gespielt. Er ist die die Grundlage für eine gute Asana-Praxis.

Du empfiehlst eine Art „Pre-Yoga“ für absolute Anfänger, warum?
Ich finde, dass es Anfängern oftmals hilft, mit leichteren Übungen und Bewegungen Muskeln und Flexibilität aufzubauen, wenn sie nicht ausreichend vorhanden sind. Das ist eine gute Basis für herausfordernde Asanas und verhindert Verletzungen. Es nützt niemandem, einen Handstand zu üben, wenn die Flexibilität der Schultern noch nicht ausreicht. Es ist wichtig, dass Anfänger ihre Grenzen ernst nehmen. Yoga-Schüler sollten prinzipiell nicht bis an den Schmerzpunkt kommen, sondern im Idealfall vorher aufhören und zur Unterstützung Hilfsmittel benutzen.

Was hat es mit der 48-Stunden-Regel auf sich?
Damit sich Muskeln aufbauen können, benötigen sie eine Erholungspause von 48 Stunden. Nach diesem Zeitraum sollten die Muskeln wieder beansprucht werden. Das wirkt im Körper wie eine Art „Erinnerungsstütze“.

Einmal pro Woche Yoga üben bringt also wenig?
Dieser Turnus reicht zumindest nicht aus, um Muskeln aufzubauen. Der Körper ist ein paar Tage nach der Stunde darauf eingestellt, die Muskeln nicht wieder in besonderem Maße zu gebrauchen. Beim Thema Flexibilität ist es ähnlich: Stretching ist erst effizient, wenn die Dehnung mindestens 90 bis 120 ­Sekunden gehalten wird.

Oftmals versuchen Lehrer in Basic-Stunden ihre Schüler anzuspornen, auch anspruchsvollere Übungen auszuprobieren.
Ich finde, Anfänger sollten allmählich aufgebaut werden. Während meiner Arbeit als Yoga-Lehrerin und Physiotherapeutin habe ich schon so oft Menschen gesehen, die trotz Einschränkungen ihre Körper so herausgefordert haben, als wären sie topfit. Diese Grenze zu überschreiten birgt Gefahren. Außerdem sollte man bedenken, dass die Körper der Yoga-Anfänger im Westen ganz anders konstituiert sind, als die von Anfängern aus Asien, in denen die Menschen nicht so viel sitzen. Die Flexibilität ihrer Hüften und Knie ist eine komplett andere, da sie oftmals hocken anstatt zu sitzen. Generell laufen und stehen sie mehr als wir, wodurch sich ihre Körper von amerikanischen oder europäischen stark unterscheiden.

Welche Yoga-Verletzungen sind dir in den letzten Jahren am häufigsten begegnet?
An erster Stelle stehen Probleme mit dem unteren Rücken. Hauptverantwortlich dafür sind Bürojobs und damit verbunden das viele Sitzen. Verkürzungen der hinteren Beinmuskeln sind somit an der Tagesordnung. Im Yoga kommt es zu Verletzungen, wenn Menschen mit verkürzten, hinteren Oberschenkelmuskeln zu aggressiv in Vorwärtsbeugen gehen. Ein konkretes Beispiel ist Utthita-Hasta-Padangushthasana – frei stehend ein Bein haltend in die Vorwärtsbeuge gehen. Dabei wirken enorme Kräfte auf die Bandscheiben. Wenn die hinteren Oberschenkelmuskeln verkürzt sind und eine Vorwärtsbeuge geübt wird, egal ob im Sitzen oder im Stehen, sind Bandscheibenprobleme oder Beinverletzungen vorprogrammiert.

Mit welchen Problemen kommen deine Patienten noch zu dir?
Mit Halsverletzungen, die bei Sethu Bandhasana (Brücke) oder Sarvangasana (Schulterstand) entstehen können. Um diese zu vermeiden, gibt es beim Iyengar Yoga und einigen anderen Yoga-Richtungen Hilfsmittel. Decken oder Platten unter den Schultern helfen dabei, die Halswirbelsäule zu unterstützen. Aber selbst dann können Verletzungen auftreten, da diese Beugung des Halses über die normale Flexibilität hinausgeht. Der Halsbereich ist bei den Menschen heutzutage prinzipiell ein sensibler Bereich, da vermehrt ein nach vorne geneigter Kopf und ein flacher Hals auftritt (der Wirbelsäule fehlt im Halsbereich die natürliche Rundung) – womit wir wieder bei der PC-Arbeit sind.

Kopfstand ist dann ebenfalls mit Vorsicht zu genießen, oder?
Richtig. Wenn die Nacken- und Schultermuskulatur nicht stark genug ausgebildet ist, birgt diese Asana einige Gefahren. Wenn zu viel Gewicht auf der Halswirbelsäule lastet, ist der Druck auf die Bandscheiben unheimlich hoch. Diese Verletzungen könnten verhindert werden, wenn die Yoga-Schüler und -Lehrer sich genügend Zeit nehmen würden, Muskeln und Flexibilität allmählich aufzubauen und eine Sensibilität dafür zu schaffen.

Wie sieht es mit Knieverletzungen aus?
Die kommen an dritter Stelle. Ursache sind Sitzpositionen mit gekreuzten Beinen. Wenn die Hüften noch nicht offen genug sind und die Yoga-Übenden trotzdem versuchen, mit aller Kraft in dieser Position zu sitzen.

Du übst Yoga mit verletzten oder chronisch kranken Menschen. Meistens ist ja die Ansage vom Orthopäden nach einer Verletzung: mindestens sechs Wochen Sportverbot.
Nun, durch meine Kombination von Yoga und Physiotherapie bin ich auf die Behandlung mit Yoga nach ­Verletzungen ­spezialisiert.

Du sagst also: Nur mit dem Hintergrund einer therapeutischen ­Ausbildung ist Yoga eine gute Rehabilitations-Maßnahme?
Das hängt davon ab, wie schwer die Verletzung ist. Wenn ­jemand stark eingeschränkt ist, benötigt diese Person spezielle oder abgewandelte Übungen. So wie sie im Iyengar Yoga zu finden sind – mit all den Hilfsmitteln wie etwa Klötzen oder Stühlen.

Ist eine normale Yoga-Praxis je wieder möglich oder gilt es, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall, eine Art „gentle Yoga“ zu etablieren?
Yoga soll meinen Patienten helfen, wieder in Form zu kommen. Sehr viele von ihnen mit orthopädischen Verletzungen sind in der Lage, nach sechs Monaten oder einem Jahr wieder ein normales Leben zu führen und eine normale Yoga-Praxis zu haben. Was glauben sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe? Natürlich mussten diese Menschen über einen längeren Zeitraum sehr sensibel mit ihrem Körper umgehen und abgewandelte Übungen praktizieren. Aber nach ­spätestens fünf Jahren konnten sie wieder ihre alten Yoga-Klassen ­besuchen und ohne Einschränkungen üben.

Das ist beruhigend.
Ja, definitiv.

Welche Aspekte spielen während des Heilungsprozesses eine Rolle?
Da gibt es einige. Yoga trägt dazu bei, den Menschen zu helfen, aufmerksamer zu werden. Sie gehen achtsamer mit ihren Körpern um und entscheiden sich, nicht mehr über ihre Grenzen zu gehen und sich damit nicht erneut zu verletzen. Yoga hilft den Menschen, einen Gang runter zu schalten, in sich hinein zu hören und präsent zu sein. Auch Entspannung spielt eine wesentliche Rolle während des Heilungsprozesses. Ich konnte das bei vielen Leistungssportlern beobachten. Sobald sie es geschafft hatten, mehr Zeit für ruhigere, entspannende Übungen zu investieren, verlief die Genesung schneller.

Was bedeutet das auf der körperlichen Ebene konkret?
Das heißt, an den Stellen, an denen der Schmerz sitzt, sollten weder Anspannung noch Verhärtungen vorhanden sein. Wenn die Muskeln an den betreffenden Stellen zu fest angespannt sind, ist die normale Blutzirkulation behindert. Das verlang­samt den Heilungsprozess, weil die Sauerstoffversorgung nicht optimal eingestellt ist. Wenn die Patienten lernen zu ­entspannen und es schaffen loszulassen, fördert das den Heilungs­prozess enorm.

Spielt Spiritualität eine Rolle bei deiner therapeutischen Arbeit?
Ja, aber nicht im Sinne von philosophischen Lektionen. Eher insofern, als dass ich versuche, meinen Schülern mitzugeben, wie sie üben sollen. Das ist meiner Meinung nach auch ein spiritueller Aspekt – präsent und achtsam gegenüber sich selbst zu sein. Über die Anatomie gelingt das auf eine besondere Art und Weise. Indem ich beispielsweise erkläre, wo genau die Oberschenkelmuskeln beginnen und enden, bekommen meine Schüler und Patienten die Chance, den Zugang zu ihrem eigenen Körper auf eine neue Art und Weise zu erleben. Dazu gehört auch mit alten Mustern zu brechen – seien es psychische, physische oder emotionale Muster. Diese Arbeit mit uns selbst kann sehr spirituell sein.

Wie passen die Jahrtausende alte Yoga-Tradition und die westlichen Therapieansätze zusammen?
Ich finde die Kombination äußerst spannend. Ich denke beide Teile bedingen sich im Wachstum gegenseitig. Die Aufmerksamkeit für westliche Medizin hilft dabei, Yoga besser in unsere Gesellschaft zu integrieren. Ich bin davon überzeugt, dass Yoga eine entscheidende Rolle im Heilungsprozess spielt. Sie ergänzen sich gegenseitig.

Inwiefern beeinflusst dein vermitteltes Anatomie-Wissen die Yoga­Praxis deiner Schüler?
Meinst du in meinen regulären Klassen zu Hause?

Generell.
Es beeinflusst die Art und Weise, wie ich Asanas unterrichte und wie ich Anfänger aufbaue. Mein Team und ich haben ein System entwickelt, bei dem zuerst einmal das Bewusstsein für den Beckenbereich, beziehungsweise „the core“, geschaffen wird. Ebenso wichtig ist es, zu zeigen, wie die ideale Ausrichtung für die Knie aussehen sollte. All das ist jedoch Teil meiner Asana-Klassen. Anatomie-Workshops, wie hier auf dem Trans­atlantic Yoga Festival in Köln, unterrichte ich normalerweise zu Hause nicht. Während meiner regulären Klassen richte ich zusätzlich den Fokus auf ein Körperteil und arbeite verstärkt mit Wiederholungen. Bestimmte Alignments werden in verschiedenen Positionen wiederholt, so dass am Ende der Stunde wirklich jeder verstanden hat, worauf es ankommt. Meiner ­Erfahrung nach hilft der anatomische Background, die Asanas und speziell die Ausrichtung der Asanas leichter zu erlernen. Und ich habe das Gefühl, die Schüler können ausgewählte Themen besser vertiefen.

Wie gelingt es dir, deine Anatomie-Workshops so anschaulich und ­spannend zu gestalten?
Ich kenne viele Yoga-Lehrer, die von straubtrockenen Anatomie-Stunden während des Teacher Trainings berichten. Es fällt ihnen schwer, sich an den vermittelten Stoff zu erinnern und es gelingt ihnen nicht, ihn in Verbindung mit den Asanas zu bringen. Genau da setze ich an. Ich verknüpfe die Anatomie direkt mit den Übungen, um den inneren Körper spürbar zu machen. Meine Schüler studieren nicht nur Fachliteratur und schauen die Muskelgruppen darin an, sondern sie lernen, sie während der Praxis explizit zu lokalisieren und zu spüren.

Julie, wie sieht es mit deiner persönlichen Yoga-Praxis aus? Übst du jeden Tag?
Nein, aber an den meisten Tagen. Wenn ich müde bin oder mich gerade etwas Wichtiges beschäftigt, gestatte ich mir durchaus Tage ohne Yoga. Außerdem ist es schwierig auf Reisen. Die Hotelzimmer sind meistens nicht geräumig genug, um die Yoga-Matte auszurollen.

Apropos Reisen, bitte erzähl doch noch kurz, weshalb bei dir immer eine Gepäckkontrolle am Flughafen stattfindet?
Ah, du spielst auf meine Leichenteile im Koffer an. (lacht) Für meine Anatomie-Workshops habe ich natürlich Anschauungsmaterial dabei. Die Flughafenmitarbeiter am Check-In sehen auf ihren Monitoren also Oberarmknochen, Lendenwirbel oder ein Schultergelenk. Es ist immer das Gleiche: Ich öffne meinen Koffer. Ich erkläre, dass ich Anatomie unterrichte und werde leicht komisch angeschaut.


Die 59-jährige Physiotherapeutin und Iyengar Yoga-Lehrerin Julie Gudmestad lebt und unterrichtet in Portland/Oregon, USA. Sieben Jahre lang hat sie regelmäßig die Anatomie-Kolumne für das amerikanische YOGA JOURNAL geschrieben.

Fotos: Peter Rose