Style Guide: Iyengar Yoga

Iyengar Yoga

Iyengar Yoga steht für das umfangreiche Lebenswerk des 1918 in Bellur im südindischen Bundesstaat Karnataka geborenen Yogameisters Shri Bellur Krishnamachar Sundararaja Iyengar, kurz B. K. S. Iyengar. Von seinen Schüler*innen wurde er auch liebevoll Guruji genannt. Ursprünglich ein Schüler Shri T. Krishnamacharyas, revolutionierte er Yoga durch seine unübertroffene Beobachtungsgabe und tiefgreifende Selbstanalyse, die er im Laufe seiner leidenschaftlichen Übungspraxis kontinuierlich weiterentwickelte. 

Ein überragender Beitrag B. K. S. Iyengars zum Sinngehalt des Hatha Yoga ist das Aufzeigen der direkten Verbindung zwischen der physischen Ebene der Asana-Praxis mit den Stufen geistiger und spiritueller Erkenntnis des achtgliedrigen Yogapfads Patanjalis. Demnach sind Geist und spirituelles Moment in der Asana-Praxis immer gegenwärtig und kommunizieren durch den Körper mit dem Kosmos. Körper und Geist stellen keine getrennten Yoga-Wege dar, sondern bilden in der Übungspraxis eine lebendige Einheit.

Auf der Basis einer universellen Kultur ethischer Grundprinzipien bettet B. K. S. Iyengar die yogischen Haltungen in den geistigen und spirituellen Bezug ein. Da sind Pratyahara – Rückzug der Sinne, Dharana – Konzentration, und Dhyana – meditatives Bewusstsein. Das macht den Körper, so seine eigenen Worte, zu einem Tempel für das Gebet der Asanas. Die Iyengar-Methode zeichnet sich durch eine präzise Ausführung der Asanas aus. Die exakte Ausrichtung des Körpers, das der jeweiligen Asana angemessene Timing und eine ausgewogene Übungssequenz sind wesentliche Bestandteile dieses Yogastils.

Mittels einer detaillierten Praxis bildet sich eine nach innen gerichtete Intelligenz heran, die die komplexen psycho-physiologischen und psycho-spirituellen Systeme des Körpers in immer tieferen Schichten durchdringt. Dieses lebendige Vernetzen der verschiedenen Körpersysteme, vom grobstofflichen über den feinstofflichen bis hin zum subtilen Körper, dient im Iyengar Yoga keinesfalls allein der Fitness des Übenden. Einerseits haben die Asanas praktischen Funktion, den Körper gesund, stark und rein zu erhalten. Andererseits entfacht die Ausführung der Asanas und Pranayamas letztendlich die dem Herzen innewohnende Weisheit, damit ihm Ananda, die Seligkeit, entspringt.

Wie unterscheidet sich das im Iyengar Yoga angestrebte Bewusstsein von unserer gewöhnlichen Wahrnehmung des Körpers? Obwohl unser Dasein untrennbar von unserer physischen Existenz, wissen wir nur wenig über den Körper. Wir nehmen sein Abbild zunächst von außen wahr. Wir schauen von oben herab auf die Körpervorderseite oder sehen unser Spiegelbild. Betrachten wir den Körper im Spiegel, richtet sich unsere Aufmerksamkeit weniger auf körperliche Details als auf das äußere Erscheinungs- oder Selbstbild. Unsere Füße sind uns fremder als unser Gesicht, weil weit entfernt. Schließen wir einmal die Augen und visualisieren unsere Füße in all ihren Feinheiten. Wie unterscheidet sich der rechte vom linken Fuß, wie (aus)geformt sind die einzelnen Zehen, wo berühren die Fußsohlen beim Stehen die Erde? Dies sind für die meisten von uns zunächst keine gewohnten Reflexionen über unseren Körper.

Ich erlebe das vor allem in meinen Basic-Kursen. Einmal im Schulterstand, fragen die Schüler nach der korrekten Ausrichtung der Füße, weil sie zum ersten Mal in dieser Haltung direkt auf ihre Füße schauen. Sie beginnen im Schulterstand, mit ihren Füßen Kontakt aufzunehmen. In den Stehhaltungen jedoch, wo die Ausrichtung der Füße und Beine das Fundament für den gesamten Aufbau der Haltung bildet, haben sie (noch) nicht an ihre Füße gedacht. Die Füße waren beim Stehen wie ausgeblendet. Körper und Geist waren nicht wirklich gegenwärtig.

In der Gegenwart verankert

Unser Geist eilt dem Körper voraus. Statt bewusst in einem Augenblick anzukommen, greifen wir atemlos nach dem nächsten Moment. Statt Körper und Geist aufrecht und wahrhaftig in der Gegenwart zu verankern, verlieren wir uns in der Vergangenheit oder Zukunft. Wir mögen eine Yogahaltung einnehmen. Aber bleiben wir während des Hereingehens, Verweilens und Auflösens der Haltung von Kopf bis Fuß gegenwärtig? Können wir die Asana mit unserem Gewahrsein ausfüllen? Oder spiegeln wir nur eine äußere Form? Haben wir den Mut und die Geduld, unsere Schwachstellen, die blinden Flecke auf der inneren Landkarte, aufzuspüren? Besitzen wir die Technik und körperbezogene Intelligenz, um unsere Schwachstellen so weit wie möglich in die Asana einzubinden? Denn es soll eine ganzheitliche Asana werden.

Um die Asanas richtig auszuführen, bedarf es der Präzision und Achtsamkeit. Präzision erfordert eine unvoreingenommene, direkte Wahrnehmung sowie höchste physische und mentale Konzentration. So werden Körper, Atem und Bewusstsein im Hier und Jetzt verankert. Mittels Präzision bricht der Kreislauf aus Unwissenheit, Konditionierung, Steifheit und energetischen Blockaden auf. Präzision steigert die Achtsamkeit. Und diese führt wiederum zu mehr Präzision, nicht nur beim Üben der Asanas, sondern auch in unserem Alltagsbewusstsein. Guruji sagt dazu schlicht: „Wenn ich in einer Asana bin, bin ich ganz und gar in dieser Asana.“ Sollte das nicht für all unser Tun gelten? Präzision ist das Licht, das den achtfach geschliffenen Diamanten des Yoga zum Strahlen bringt.

Die Methode: Präzision und Achtsamkeit

Die feine körperliche Ausrichtung beim Ausführen der Asanas ist für einen Anfänger nicht die gleiche wie für einen geübten Schüler. Der Lehrer demonstriert die anatomischen Details in einer Haltung entsprechend der Übungserfahrung des Schülers und korrigiert dann individuell. Dank dieser gezielten Anweisungen schult der Iyengar-Yogi sein Wahrnehmungsvermögen und kommt mit immer tieferen Schichten des Körpers in Kontakt. Diese Reise in den Mikrokosmos des Körpers beginnt bei der Körpervorderseite und dehnt sich bis zum Rücken aus. Sie umfasst das komplexe Zusammenspiel der Muskeln und Sehnen, die Regulierung der inneren Organe und Drüsen, die Beruhigung und Kräftigung des Nervensystems, die elastische Dehnung der Haut – bis hin zur Erweiterung des Intellekts und des Bewusstseins.

Nehmen wir wieder das Beispiel der Füße. Zunächst lernen wir, die Füße bewusst auf der Erde aufzusetzen, Länge und Weite auf der Fußsohle zu schaffen und die Verteilung des Körpergewichts wahrzunehmen. Wir erleben, wie eine ausgeglichene oder einseitige Belastung der Fußgewölbe die Streckung der Beine und die Position der Knie beeinflusst. Wir lernen das Zusammenspiel von Füßen, Knien und Hüften zu verstehen, damit sich die Wirbelsäule im Stand gut aufrichten kann und unser physischer Schwerpunkt im Becken ausgelotet bleibt. Dadurch entsteht eine solide Grundlage für die Aufrichtung des ganzen Körpers, von den Füßen bis zum Scheitel. Mit der Zeit steigt die Intelligenz des Kopfes tatsächlich zu den Füßen hinab. So lehren die Füße den Kopf Standhaftigkeit.

Diese Dynamik fließt in viele Asanas mit ein. In Salamba Shirsasana etwa, dem Kopfstand, unterstützt das bewusste Empordehnen der Füße und Beine die Aufrichtung der unteren Wirbelsäule. Und im Alltag bewahrt uns dieses neue Zentriert-Sein womöglich vor voreiligen Entscheidungen. Wir stehen aufrecht, sind in Kontakt mit der Erde und auch in stressigen Situationen mit uns selbst. Der aufrechte Stand in der Berghaltung, Tadasana, wird zum Lehrmeister unserer geistigen Präsenz.

Unsere Erfahrung in einer Asana sollte sich durch wiederholtes Üben einprägen und immer wieder neu gefiltert werden. Dadurch kann sich die Essenz der Asana herauskristallisieren und unser Körper zunehmend in der Lage ist, ihre Wirkung auf- und wahrzunehmen. Es geht also nicht nur darum, sich beim Üben irgendwie besser zu fühlen, sondern um den tiefen Kontakt mit dem Wesen oder der Dynamik einer yogischen Körperhaltung. Entwickeln wir mehr Ausdauer, Kraft, Zuversicht und technische Expertise, können wir umso mehr von der Tiefenwirkung einer Asana profitieren.

Die Asana wird vom Körper bei regelmäßigem Üben mit der Zeit mühelos absorbiert, ihre energetische Information sickert in jede einzelne Zelle ein. Deshalb werden Asanas in der Iyengar-Methode mit fortschreitender Praxis länger gehalten. Nach einer stimmigen Sequenz stellt sich während der Schlussentspannung in Savasana ein Zustand körperlicher Ausgeglichenheit und geistigen Friedens ein. Wie lange der Weg zur Vollkommenheit noch sein mag, in diesem einen Moment kommen wir an.

Sinnvolle Hilfsmittel

Unser Körper ist einzigartig. Er ist das weitaus beste und unvergleichlich kostbarste Hilfsmittel auf dem Weg zur Befreiung. Dafür gibt es B. K. S. Iyengar entworfenen Yoga-Props, wie Gurte, Kissenrollen für Asana und Pranayama, Yoga-Blocks und -Keile, Klappstühle, große und kleine Rückenbänke und Wandseile. Aber diese sind kein Ersatz für die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des Körpers. Denn sie sind neutrale Bausteine, mittels derer sich der Körper von Beginn an in eine optimale und heilende Haltung begeben kann. Oft berichten neue Kursteilnehmer, sie hätten bisher kein Iyengar Yoga geübt, weil sie die Verwendung von Hilfsmitteln als abschreckend empfanden.

Beim Einnehmen der Dreieckshaltung bringen diese Schüler einfach ihre Hand zum Boden, beugen auf dem Weg dorthin die Knie, kippen das Becken aus seiner Achse nach vorn, verkürzen die untere Flanke und sinken in den Schultern ein. Aus meiner Sicht haben sie damit eine gegen den eigenen Körper gewaltsame Haltung eingenommen. Durch einen einzelner Block zum Aufstützen der unteren Hand wirst du mit der Grundausrichtung der Haltung vertraut, schafft Raum für die Streckung der Beine, unterstützt das Anheben des Beckens und die Verlängerung der Wirbelsäule und ermöglicht dadurch die Drehung des Rumpfes und Schultergürtels. Der äußere Grundriss des Dreiecks wird so sichtbar, eine Grundvoraussetzung, die das anfängliche Dreieck mit fortschreitendem Üben zu einem den ganzen Körper ausfüllenden und reflektierenden Prisma heranreifen lässt.

Asana in neuem Licht

Neben der Haltungsoptimierung haben Yoga-Props noch andere Funktionen: Eine Asana kann durch den gezielten Einsatz von Hilfsmitteln vorbereitet und, auch für weit fortgeschrittene Schüler, vertieft werden. Die Berührung etwa durch einen gezielt gelagerten Yoga-Block längs der Brustwirbelsäule oder unter dem Kreuzbein initiiert ein bewussteres Erleben der Haltung, die Erfahrung prägt sich dem Körper deutlicher ein, so dass er sie beim Üben ohne Props leichter reproduzieren kann. Mit Hilfe von Wand- oder Deckenseilen kann die Wirbelsäule z.B. im Kopfstand passiv aushängen. In der dem Schulterstand verwandten Umkehrhaltung Viparita Karani können Körper und Geist durch das lange entspannte Verweilen unvergleichlich viel Nutzen ziehen. Denn das Becken wird auf einer Kissenrolle hoch gelagert und die Beine werden längs der Wand hochgestreckt. Menschen, die auf Grund physischer Beschwerden nicht am allgemeinen Unterricht teilnehmen können, ermöglichen die Hilfsmittel ein therapeutisch orientiertes Üben. Dieses betont zusätzlich die heilende Wirkung der Asanas und Pranayamas.

Ich erinnere mich, als mein Atem zum ersten Mal frei durch den Körper strömte. Es war ein erhebendes Gefühl. Statt die Asana über Dehnung und Kontraktion der Muskeln einzunehmen, leitete mich mein Atem sanft durch Körper zur Asana hin. Ich bewegte mich in Einklang mit einem inneren Rhythmus, dessen Quelle der befreite Atem war. Plötzlich öffneten sich alle Ventile meines Körpers, der Atemwind strömte durch mich hindurch. Meine bisher so festen Muskeln schienen entspannter und durchlässiger. Ich war innerlich in einem Flow- Zustand. Das natürliche Einsetzen der rhythmischen Atembewegung ist eine der Indikationen dafür, dass mit dem Üben von Pranayama begonnen werden kann.

Um den Atem zu lenken und die Lebenskraft im Körper zu verteilen oder zu halten, sollte der Körper gleich einem Tongefäß im Feuer der Asanas gekräftigt sein. Denn was nützt ein tiefer, bewusster Atemzug, wenn der Brustkorb und die Lungen eingesunken sind? Was bewirkt eine normale Ein- und Ausatmung, wenn die vitale Kraft des Atems dabei nicht auch unsere Schwachstellen berührt? Was kann eine tiefe Ein- oder Ausatmung bewirken, wenn unser Nervenkostüm schwach ist und wir nicht mit unseren aufwirbelnden Emotionen umgehen können?

Vollste Konzentration

Es bedarf schon einiger Übung in den Asanas, um den Atem zu regulieren oder gar bewusst anzuhalten. Die Achtsamkeit und scharfe Beobachtungsgabe, die wir beim Üben der Asanas entwickelt haben, muss sich im Pranayama noch einmal verfeinern. Damit das geschieht, richten wir die Sinne zunehmend nach innen, weg von den äußeren Sinnesobjekten (Pratyahara), halten die Aufmerksamkeit auf die Atembewegung möglichst ununterbrochen aufrecht (Dharana) und begeben uns in einen Zustand ruhiger Selbst-Absorption (Dhyana). Der Geist sollte den feinen Atem passiv und differenziert begleiten, so dass der Energiehaushalt des Körpers gezielt gesteuert und pranisch angereichert werden kann. Auf diesem Wege befreit sich der Geist von hinderlichen Emotionen und Unwissenheit und erlangt mit fortschreitendem Üben einen ersten Geschmack für das Eingehen in seine Grundnatur.

Yoga impliziert einen vielschichtigen Prozess der Integration des Individuums in das kosmische Geschehen. Es ist eine fundamentale Rückbesinnung auf unseren Ursprung. Durch das Eingehen in die Quelle der durch uns hindurch fließenden Lebenskraft offenbart sich unsere innerste Natur. Der subtile Körper unbeschreiblicher Freude, das aus sich selbst heraus erstrahlende Licht der Seele. Die im Westen so gängige und hierarchische Trennung von Körper und Geist hat in diesem Yoga-System keinen Platz. Wer kann schon definieren, wo der Körper endet und wo der Geist beginnt? Die Trennung von Ich und anderen, von Individuum und Schöpfung, sind die Ursache endlosen Leidens und eine wackelige Basis für Vollkommenheit und Befreiung. Auf dem 8-gliedrigen Pfad Patanjalis verschiebt sich lediglich der Schwerpunkt beim Üben. Und jede dieser einzelnen Stufen ist in all den anderen Stufen potenziell vorhanden.

Diese direkte Verbindung der Lehre Patanjalis mit der Asana-Praxis beschreibt B. K. S. Iyengar im „Baum des Yoga“. Haben wir diese allumfassende Sichtweise entwickelt, dann ist eine Asana keineswegs nur physisch und Konzentration und Meditation sind nicht rein geistig. Wir üben nicht mehr den einen oder anderen namentlichen Yogastil, sondern tauchen tief in die umfassende Weisheit des Yoga ein.


Der Meister: B. K. S. Iyengar

Yogacharya B. K. S. Iyengar, geb. 1918 in Bellur, lernt von 1934 bis 1936 bei seinem Schwager T. Krishna­macharya Ashtanga Yoga. Dann wird er von seinem Meister beauftragt, nach Puna zu gehen und zu unterrichten. 1943 heiratet er Ramamani, sie bekommen fünf Töchter und einen Sohn. 1975, zwei Jahre nach dem Tod seiner Frau, eröffnet das Ramamani Iyengar Memorial Yoga institute (RIMYI). In den folgenden Jahrzehnten gewinnt er weltweite Anerkennung als größter Yogameister unserer Zeit. Seine Kinder Dr. Geeta Iyengar und Prashant Iyengar sind ebenfalls Größen des Yoga. Seit 14 Jahren trainiert er seine Nichte Abhijata Sridhar Iyengar, damit sie sein Vermächtnis weiterführt. Er schrieb viele Bücher, seine Hauptwerke sind „Licht auf Yoga“ und „Licht auf Pranayama“.


  • Um Iyengar-Stunden in deiner Nähe zu finden, geh einfach auf die Iyengar-Website – dort findest du eine Liste von Lehrern:  www.iyengar-yoga-deutschland.de 
  • Weitere Infos zu Iyengar Yoga finden Sie in der YOGA JOURNAL Ausgabe 05/2012, die du versandkostenfrei, schnell und einfach in unserem Wellmedia-Shop nachbestellen kannst.
  • Amrit Stein absolvierte eine klassische Tanzausbildung in Indien, wo sie ihrem Meister Shri B. K. S. Iyengar begegnete. Sie ist Co-Direktorin des I-Yoga-Instituts München. Neben ihrer Arbeit als zertifizierte Iyengar-Lehrerin entwickelte sie eine innovative Kombination von Atem-und Yogatechniken zur Entfaltung des natürlichen Stimmpotenzials. 2011 erschien ihre dritte CD „Weisheitsgesänge von Liebe und Mitgefühl“ bei Windpferd. www.yoga-amritstein.de

Stadt, Land, Yoga

Ist Yoga in der Stadt eigentlich genau so wie Yoga auf dem Land? Oder ist eines gar yogischer als das andere? Unsere Mitarbeiterin Stephanie Schönberger kennt beides – lange lebte sie in München, wo sie auch erstmals mit Yoga in Kontakt kam. Als sie mitten ins Allgäu zog, lernte sie Yoga ganz neu kennen

Kurz vor der Geburt meiner Tochter bin ich von der Stadt aufs Land in ein Dorf gezogen. Ein Dorf-Dorf, aus dem der Bus dreimal am Tag in die eine Richtung und dreimal in die andere fährt. Freitags geht man hier in den Schützenverein, sonntags in den Gottesdienst, die einzige Gastwirtschaft hat im Winter geschlossen, zum Einkaufen muss man in die zehn Kilometer entfernte Kleinstadt fahren. Ideale Vorraussetzungen für pratyahara, den Rückzug der Sinne, svadhyaya, das Selbststudium, und isvarapranidhana, das Gottvertrauen. Eigentlich.

Damals war ich allerdings vor allem am dritten von Patanjalis achtgliedrigem Yoga-Weg interessiert: den Asana. In München, der Stadt, die ich gegen das Dorf tauschte, hatte ich meine ersten Erfahrungen mit den Asana gemacht. Eine Kollegin, die ebenfalls schwanger war, überredete mich, mit ihr zu einem Yoga-Kurs für werdende Mütter zu gehen. Eigentlich wollte ich nicht mit. Das Bild, das ich zu dieser Zeit von Yoga hatte, war nämlich nicht das beste. Madonna machte das und schlimmer noch Sting, dessen Musik bei mir immer Erinnerungen an schlechte Jugendküsse weckt. In meiner Redaktion schrieb man über „coole Yoga-Moves für einen sexy Body“ und machte sich Gedanken über das passende Übungs-Outfit. Yoga war für mich „Sex & The City“ und „Der Teufel trägt Prada“ in einem, Lifestyle aber nicht Lebensweg, oberflächlich und alles andere als tief, Glamour und kein bisschen Einfachheit.

Ich ging trotzdem mit. Natürlich. Und landete in dem schönen Raum einer Hebammenpraxis inmitten von angehenden Müttern, die eine harte Zero-Tolerance-Linie gegenüber dem bösen K wie Kaiserschnitt-Wort fuhren. Egal. Ich verließ die Praxis mit einem Gefühl, das, wie ich einige Jahre später in Patanjalis Yoga Sutra nachlesen sollte, dem Zustand von citta prasadanam entsprach, was manchmal mit „heiterer Gelassenheit“ übersetzt wird. Davon wollte ich mehr. Auch auf dem Land, in dem Dorf. Es wurde schwierig. Als Schwangere besuchte man hier, auch mangels anderer Angebote, den Geburtsvorbereitungskurs. Ein bisschen Arme und Beine bewegen, Atmen üben, blutige Wassergeburtsvideos anschauen. Entspannen ging danach nicht mehr. Natürlich hätte ich mich jetzt in santosa, der Zufriedenheit und Genügsamkeit mit dem, was da ist, üben können. Tat ich aber nicht. Denn ich wollte Yoga-Unterricht, wenigstens nach der Geburt.

Yoga im Pfarrhof
Doch auf dem Land einen oder eine gute(n), geschweige denn überhaupt eine(n) Yoga-LehrerIn zu finden, ist gar nicht so einfach. Eine Bekannte von mir, die in einem verschlafenem Kaff an der bayerisch-österreichischen Grenze lebt und kein Auto hat, übt Asana ausschließlich mit DVDs und Büchern und wundert sich regelmäßig, warum ihr oft so „kotzübel ist“, wenn sie unaufgewärmt in Matsyasana geht. Meine Freundin Katja, die von Berlin in die Nähe von Augsburg gezogen ist, sagt: „In Berlin wurde ich schon sehr verwöhnt, weil ich aus einem großen Angebot auswählen konnte. Hier habe ich nach einem Lehrer gegoogelt und war froh, dass es überhaupt Yogaunterricht in meiner Nähe gab.“ Santosa.
Die Flyer-Kultur, die einen in großen Städten mit attraktiven Angeboten fast erschlägt, ist auf dem Land nicht so verbreitet. Yoga-Lehrende findet man, zumindest in der Region, in der ich gerade lebe, hauptsächlich durch Empfehlung und Hörensagen. Die Lehrer „verstecken“ sich in den Dörfern und Kleinstädten der Umgebung, bieten ihren Unterricht in Pfarrhöfen, Turnhallen, Kellerräumen oder unter dem ausgebauten Dach des eigenen Hauses an. Fast ausschließlich in Zehner-Blöcken, was einerseits natürlich zu einer Regelmäßigkeit diszipliniert, denn nicht wahrgenommene Stunden bedeuten verlorenes Geld. Andererseits nimmt es Menschen, denen auf Grund ihres Berufs oder ihrer Familien eine weniger starre Form entgegen käme, die Möglichkeit zum regelmäßigen Üben. Natürlich gibt es auch das übliche VHS-Programm, aber das verband ich, vorurteilsfrei wie ich selbstverständlich bin, mit älteren Hausfrauen, unpersönlichen Räumen, sanften Gymnastik-Übungen und Zehner-Kursen. Ob das tatsächlich so zutrifft, weiß ich aber nicht – ich habe nie einen Kurs besucht.

Meine Yoga-erfahrene Kollegin Anke aus München hatte nämlich Erbarmen mit mir und suchte im BDY-Verzeichnis (dem Bund Deutscher Yogalehrer) einen Lehrer in meiner Umgebung. Der, den sie fand, war auch der, der mir fast gleichzeitig von anderen Bekannten empfohlen worden war. Als unglaublich charismatisch, begeisternd und faszinierend wurde er mir beschrieben. Mein Frauenzeitschriften konditioniertes Hirn assoziierte damit umgehend: Durchtrainiert, stylisch, jung. Citta Vritti in reinster Form eben. Mit meiner Gymnastikmatte unterm Arm und im sorgfältig zusammengestellten Yoga-Outfit machte ich mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde – und erlebte, wie mich die Bewegungen meines Geistes mal wieder in die falsche Erwartung geführt hatten. In dem wunderbaren und ganz und gar unstylishem Raum saßen die ebenfalls ungestylten Schülerinnen auf Schaffellmatten im Halbkreis um den mitteljungen Lehrer – der charismatisch und gänzlich uneitel in einer verbeulten Jogging-Hose vor ihnen Platz genommen hatte. Was folgte, war Satsang pur mit einer anschließenden kurzen Yoga-Praxis, deren Ziel das Wahrnehmen der Ruhe im eigenen Körper war.

So kannte ich Yoga nicht, so hatte ich es mir nicht vorgestellt, aber es hätte schöner nicht sein können. Ich fuhr dreimal die Woche in den Unterricht, bald auch in verbeulten Jogginghosen, denn das Äußere zählt hier, was für ein befreiendes Gefühl, überhaupt nicht. „Um das Outfit mache ich mir wirklich keine Gedanken“, sagte mir später, als ich bereits selbst unterrichtete, meine Stundenteilnehmerin Uschi. „Hauptsache, es zwickt nicht.“ Dieser pragmatische Ansatz ist typisch für Yoga auf dem Land. „Die Kleidung muss gemütlich sein“, erklärt etwa meine Nachbarin Marion, die lange in Frankfurt gelebt hat. Ihr sei das Outfit egal, sagt auch meine Münchner Kollegin Anke. „Aber wenn ich hier um mich sehe, dann ist die Bekleidung schon sehr wichtig. Lifestyle eben.“ Und Katja, die Frau, die Berlin den Rücken gekehrt hat, erzählt: „Da sieht man den Unterschied zwischen Stadt und Land. Auf dem Land wird nach Zweckmäßigkeit geschaut, in Berlin gab es regelrechte Yogafashion.“

Viele Styles in hippen Studios
Diese scheinbare Fokussierung auf Lifestyle hat, wie sie zugibt, meine alte Jobbegleiterin Astrid, ein kreatives Wunderwesen mit punkesker Vergangenheit, lange davon abgehalten, im stylishen München mit Yoga zu beginnen. „Wenn ich diese aufgepimpten Tussen sehe, die in die ach so hippen Studios hier latschen, hab ich doch schon keine Lust mehr“, sagte sie. Erst als sie im Rahmen einer Pressereise in ein Yoga-Retreat geschickt wurde, änderte sie ihre Yoga-Meinung. Denn: „Dort ging es um die Philosophie und Spiritualität.“

So gemütlich und bequem das Land bei der Kleidung ist – wenn es um Philosophie und Spiritualität geht, ist hier schnell mal Schluss mit lustig. Es gibt nur einen Gott und der ist der Vater von Jesus Christus, unserem Herrn, Amen. Die Volkshochschulen sind von vornherein dazu angehalten, alles „Esoterische“ aus ihrem Angebot fernzuhalten. Dadurch wird die „Bedeutung der sportlichen Aktivität und gesundheitsbewussten Einstellung“ betont, weiß Christine, eine Betriebswirtin, die Yoga als ihren „beständig unsteten Lebensbegleiter“ bezeichnet. Und meine eigene Mutter, die schon viel länger Yoga übt als ich, dachte tatsächlich noch bis vor kurzem, dass Yoga eine Gymnastik-Art ist. Ihre ehemalige Lehrerin erzählte mir, dass sie sich nicht getraut habe, ihre Schüler mit der Yoga-Philosophie zu „überfordern“.

Damit hat sie recht und unrecht. Iris, die Teilnehmerin eines Yoga-Kurses, der in einem Dorf in der Umgebung angeboten wird, erzählt: „Wenn unsere Lehrerin am Anfang der Stunde „OM“ singt, dann haben die meisten Probleme damit. Und mit Meditation können sie gar nichts anfangen. Viele Frauen sind von der Stallarbeit so müde, dass sie nach zwei Minuten laut schnarchend einschlafen.“

Spiritualität – Lifestyle oder Verbundenheit?
Zu „meinem“ Yoga-Lehrer kommen die Schüler dagegen vor allem, weil sie an der Philosophie interessiert sind. Caro, eine Bekannte, die gerade erst mit Yoga begonnen hat, geht es im Yoga neben „Ruhe und Bewegung im Atemfluss“ auch darum, „alte Weisheiten“ kennenzulernen. Und meine Freundin Tina, die in München in einem großen Yoga-Center unterrichtet, aber auch schon auf dem Land Stunden gegeben hat, sagt: „Auf dem Land erlebe ich eine tiefere Spiritualität in dem Sinn, dass Spiritualität Gewahrsein und Verbundensein bedeutet. In der Stadt wird Spiritualität oft eher im Sinn von Lifestyle gelebt.“

Dafür wiederum gibt es in der Stadt ein größeres Angebot verschiedener Stile und Traditionen. Hier auf dem Land macht man Yoga und dieses Yoga hat, von Iyengar mal abgesehen, keinen Vornamen. Moderne Formen wie beispielsweise Jivamukti-Yoga sind, kennt man es nicht aus den Medien oder aus Berlin und München, ziemliches Neuland. Als ich meine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin in der bayerischen Landeshauptstadt begann, war ich nicht nur überrascht, dass hier nicht auf Schaffellmatten geübt wurde, sondern dass die Asana tatsächlich Sanskrit-Namen haben, die ich zuvor noch nie gehört hatte und die Praxis, zu meiner großen Freude, durchaus auch sehr fordernd sein kann. So haben wir im Unterricht meines Lehrers nie geübt. Für meinen Freund Armin war das ein guter Grund, sich dem Yoga lange und hartnäckig zu verweigern. Seine Begründung: „Das ist mir zu soft und zu esoterisch.“ Mit dieser Einstellung stand er nicht alleine. Hier, auf dem Land, ist Yoga noch stärker von Frauen dominiert als es in den Großstädten schon der Fall ist. Und so brachte erst eine Jivamukti-Stunde meinen Freund auf den Geschmack. Einen Geschmack, den er nicht mehr missen will: Jetzt ist Yoga für ihn „eine Lebenseinstellung“, die ihm „Anstrengung, Entspannung und geistige Ruhe“ bringt.

Dennoch: Armin übt trotzdem lieber in einem Yoga-Studio in unserer näheren Umgebung als in der Stadt. Denn hier hat er einen Kurs mit „vertrauten Teilnehmern“. Das ist ein Kriterium, das die „Landyogi(ni)s“ aber auch viele Städter immer wieder an den Stunden auf dem Land schätzen: „Die Schüler sind mehr an sich und am Lehrer interessiert. Es ist authentischer“, fasst es Tina, die Yoga-Lehrerin, in Worte. „Man trifft die anderen Frauen aus dem Dorf und erzählt sich, was es Neues gibt. In Frankfurt hat man sich nicht näher kennengelernt, auch über Jahre nicht“, sagt meine Nachbarin Marion.

Hier auf dem Land geht man – ganz im Gegensatz zur großen Stadt – nach dem Unterricht gerne noch gemeinsam etwas Trinken, lernt sich besser kennen, tauscht sich aus, teilt seine Sorgen, seine Nöte und natürlich auch das Glück; man lacht miteinander, hilft sich, schließt Freundschaften. Und (er)lebt dadurch ganz natürlich das, was Patanjali im YogaSutra 1.33 mit maitri, karuna, mudita und upeksa meint und was von T.K.V. Desikachar so übersetzt wird: „Wenn es uns gelingt, ein liebevolles Gefühl den Menschen gegenüber zu hegen, die glücklicher sind als wir, Mitgefühl mit denjenigen zu haben, die unglücklich sind, uns zusammen mit denen zu freuen, die etwas Wertvolles tun, und uns nicht durch Irrtümer anderer Menschen aus dem Gleichgewicht bringen lassen, wird in unserem Geist Ruhe einkehren.“

Im Pfarrhaus meines Dorfes wird jetzt auch Yoga angeboten. Marion, meine Nachbarin, war schon dort. Sie hat erzählt, dass ihr Blick jedes Mal wenn sie in den Drehsitz geht, auf die Getränkekarte des letzten Faschingballs fällt und sie „daran erinnert, dass man von der Caipi-Bohle mindestens drei Glässer zuviel hatte.“ Ich habe fest vor, demnächst einmal mitzugehen.

Endlich im Kopfstand – er kann vieles richtig stellen…

Endlich im Kopfstand

Ich war ein sehr ängstliches Kind. Man konnte mich nicht alleine zum Brot kaufen schicken oder erwarten, dass mehr als ein kleiner Arm von mir unter dem Bett hervorlugte, wenn Fremde zu Besuch waren. Aber am allermeisten hatte ich Angst davor, „über Kopf zu sein“. Andere Kinder machten Purzelbäume, ich machte mir fast in die Hose. Andere Kinder produzierten einen Felgaufschwung nach dem anderen, ich produzierte Panikschweiß. Meine Mutter nahm mich mit zum Mama-Kind-Yoga und musste feststellen, dass ihre Tochter schon beim Opening Chant heimlich zur Tür robbte, sobald alle die Augen schlossen. Heute bin ich auch endlich im Kopfstand.

Schweiß und Panik

So war es keine große Überraschung, dass ich relativ nervös wurde, als 25 Jahre später in einer Yogastunde zum ersten Mal Kopfstand geübt wurde. Ja genau, Shirshasana, die 180 Grad Umkehrhaltung. Durchblutet das Gehirn und regt die Nasen- und Augenfunktion an. macht sogar wach, entlastet das Herz, beugt Krampfadern vor und wirkt angeblich sogar Falten reduzierend. Und nicht zuletzt ist auch der psychologische Effekt hervorzuheben. Endlich im Kopfstand sehen wir die Welt verkehrt herum. Alles, woran wir glaubten, ist plötzlich ganz anders. Dies soll für größere Gelassenheit und spontane Erheiterung sorgen. Bei mir sorgte es natürlich – wir ahnen es schon – nur für das absolute Gegenteil: blanke Panik. Ich fürchtete mich immer noch davor, umzukippen. Aber noch mehr, ins Nichts zu stürzen wie in einem bösen Traum, in dem man fällt und fällt und fällt… Horror!

Und so versteckte ich mich beharrlich im Delfin, der mir noch harmlos erscheinenden Vorübung. Meine Mutter klappt sich daheim währenddessen akkurat wie ein Zollstock aufklappt. Während sie die Beine zur Abwechslung anzieht und genüsslich wieder ausstreckt, drückte ich meinen schweißnassen Hintern an die Berliner Studiowand und hopse hilflos und mit hochroter Birne auf der Stelle. Meine Mutter kauft sich ein rundes kleines Plüschkissen, das sie in einem Tierladen gefunden hat und welches ihr perfekt für längere Aufenthalte down under erscheint. Und ich, ich kaufte mir entschlossen ein Bahnticket nach Hause, um endlich Shirshasana von meiner persönlichen Meisterin zu lernen.

Ein Hund in Festivalstimmung

Und dann hocken wir da, im elterlichen Wohnzimmer auf einer Schafwollmatte, während der Hund aufgeregt um uns herumturnt und auf jeden Fall mitmachen will bei dem, was auch immer wir da machen. Meine Mutter zeigt auf einen unbestimmten Fleck auf dem Fußboden. Da, da kommt der Kopf hin, auf die Erde. Die andere Hand hält sie mir entgegen. Und damit, mein Kind, stütze ich deinen Rücken, damit du nicht umfällst. Ich kann vor den Augen des immer enthusiastischer werdenden Hundes nicht kneifen und platziere mit dem ersten Taubheitsgefühl der aufsteigenden Dosis Adrenalin in den Nervenenden meinen Kopf auf dem Boden. Dann merke ich ihre Hand in meinem Rücken. Fühle, wie sie mich hält. Warm und stark. Und ich trau mich und kippe leicht zu ihr.. und etwas mehr… und plötzlich stehe ich tatsächlich kopfüber. Endlich im Kopfstand!

Herz über Kopf, noch mit angezogenen Beinen, aber da bin ich und es ist überhaupt nicht so, wie ich dachte. Es ist… irre, wahnwitzig, lustig! Übermütig will ich die Beine nach oben strecken, zapple dabei aus der sicheren Hand heraus – und falle. Instinktiv mache ich mich rund und rolle über meinen Rücken, meine Mutter und einen mittlerweile in reinster Festivalstimmung befindenden Hund. Wir liegen auf der Matte, kugeln durcheinander, einige von uns bellen sogar, und ich bin atemlos, stolz und baff in einem. Weil die Erde mich nicht in die Unendlichkeit hat fallen lassen. Sie hat mich getragen, wie sie es immer schon tat und immer tun wird, egal ob Fuß oder Kopf auf ihr steht. Selbst wenn man das Gleichgewicht verliert, fängt sie einen auf und lässt einen nicht in der ewigen Kälte des Weltalls davontrudeln.

Sich der eigenen Furcht aussetzen

Ich kann nicht behaupten, dass ich nach dieser Begebenheit schlagartig zum Shirshasana-Meister wurde. Tatsächlich brauche ich immer noch oft eine Hand im Rücken. Aber die Angst, die ist tatsächlich weg. Wie schreibt noch B.K.S Iyengar? „Die beste Weise, Furcht zu überwinden, ist, sich mit Gleichmut dem auszusetzen, was wir fürchten.“ So bin ich auch endlich im Kopfstand.


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Frauen müssen selbstbewusster werden!

Eine der zentralen Thesen von Kundalini-Yogalehrerin Guru Rattana lautet: „Frauen sind lebende Gottheiten.“ In ihren „Empowerment“-Workshops lehrt sie, wie Frauen (und Männer) ihr Bewusstsein auf eine höhere Eben bringen können – und wie wichtig die spirituelle Arbeit jedes Einzelnen dafür ist.

Die erfolgreiche Buchautorin gilt als Spezialistin für Energiearbeit und Chakren und ist nach 30 Jahren Yoga-Erfahrung mittlerweile eine der bekanntesten Lehrerinnen für Kundalini Yoga weltweit. Ihre Vision: eine Welt zu schaffen, die geprägt ist von Liebe und Klarheit. Im Rahmen einer Europatournee besuchte sie dieses Jahr zum ersten Mal Deutschland. Klar, dass sich YOGA JOURNAL die Chance nicht entgehen ließ, Guru Rattana ein paar Fragen zu stellen.

YOGA JOURNAL: In Ihren Zwanzigern und Dreißigern waren Sie als Akademikerin erfolgreich und lehrten an verschiedenen Universitäten. Damals beschäftigten Sie sich mit Fragen des Umweltschutzes und der Entwicklung. Glauben Sie also, dass die globalen Probleme auf politischer Ebene gelöst werden können?
GURU RATTANA: Probleme müssen auf politischer Ebene gelöst werden, aber die Menschen müssen sich ihrer bewusst sein. Wir versuchen uns oft an Teillösungen für unsere globalen Herausforderungen. Um an den Kern der Sache vorzudringen, müssen wir unsere Wahrnehmung der Realität erweitern. Wir glauben oft, dass unsere Probleme “äußere” Gründe haben und “äußere” Lösungen bedingen. Wir sind uns nicht der “inneren” Gründe für globale Probleme bewusst. Jedes Problem hat eine innere, spirituelle Komponente. Das müssen wir begreifen und angehen. Im Idealfall sind die Leute, die politische Entscheidungen treffen, verbunden mit ihrer höheren Wahrnehmungsebene und haben Zugriff darauf. Sie müssen mit ihrem neutralen, meditativen Bewusstsein verbunden sein, das sie wiederum mit dem universellen Bewusstsein verbindet. Dann wüssten sie, was richtig und ehrlich ist, was Integrität ist, und sie würden für das Allgemeinwohl von uns allen arbeiten. Aber im Moment ist das nicht der Fall. Diesen Menschen geht es nur um Ego und Gier, und sie denken nur an Profit und Macht. Mit dieser Einstellung kann die richtige Lösung nicht gefunden werden. Was passieren muss, ist eine Erweiterung des Bewusstseins. Die Menschen sind sehr oft überwältigt von den globalen Herausforderungen und fragen sich, was sie tun können. Man kann sich da schon mal machtlos fühlen und glauben, dass man als Individuum keinen Einfluss hat. Es ist daher äußerst wichtig, zu begreifen, dass jede Person, die ihr Bewusstsein erweitert, auch das Bewusstsein der Masse verändert. Wenn Sie zu Hause sitzen und meditieren und mit diesem erweiterten Bewusstsein in die Arbeit gehen, Ihr Herz öffnen und den Menschen freundlich begegnen, machen Sie die Welt schon ein bisschen besser. Wenn Sie Ihr Leben so leben, verstärken Sie die positive Vibration des Planeten. Je mehr Menschen das also tun und sich anderen in diesem Raum der Güte anschließen, desto mehr kann jeder Einzelne dazu beitragen, ein Bewusstsein der Liebe statt der Angst zu erschaffen. Sie müssen niemandem sagen, dass Sie meditieren, niemand muss Ihren Namen wissen, niemand muss wissen, dass Sie spirituell praktizieren, aber man wird spüren, dass Sie gütig sind, wodurch Sie schon etwas bewirken.

Glauben Sie, dass mittlerweile mehr Menschen durch ihre Praxis sich diesem höheren Bewusstsein anschließen und es unterstützen?
Das Energielevel des Planeten ist im Moment wirklich hoch. Da passiert gerade eine Energieverschiebung. Wir sind gerade viel empfänglicher für diese Frequenzen. Wenn Sie diese Energien in Ihrem Körper verankern, wirken Sie auch wie ein Anker dafür. Vor zehn Jahren war das noch anders: Wir mussten etwa sechs Stunden pro Tag meditieren, denn nach zwei Stunden war man ausgelaugt. Es war zu dunkel, man musste meditieren, um zu überleben.

Wie bleiben Sie sich ihre Offenheit? Wenn man sich öffnet, riskiert man, verletzt zu werden.
Offenheit ist falsch, das muss auch eingeschränkt werden. Offenheit ist gefährlich, vor allem für Frauen. Man wird benutzt, ausgesaugt. Man muss dem Grenzen setzen. Fühlen Sie Ihre Haut, fühlen Sie die Energie in Ihrem Körper, lassen Sie Ihren strahlenden Körper wachsen und halten Sie ihn wieder zurück. Je mehr Sie in Ihrem Körper sind, in Ihren unteren Chakras, in Ihren Beinen und Füßen, desto mehr tragen Sie das Licht in sich. Sie können durch die Welt gehen und fühlen, dass niemand Ihnen etwas anhaben kann. Es ist von größter Bedeutung, dass Sie Ihren Raum behaupten, denn dann können Sie die Sicherheit in sich selbst finden und brauchen nichts von außen. Sie können einfach Sie selbst sein, Ihre Frau, Ihr göttliches Selbst, und Ihr Leben genießen.

Worüber müssen sich Frauen Ihrer Meinung nach bewusst werden?
Das größte Problem ist, dass Frauen glauben, Sie seien Personen. Sie sind keine Personen, sie sind Frauen. Wenn sie von sich selbst als Person denkt, weiß sie nicht, was sie ist. Frauen haben zu viele Rollen. Sie fragen sich: Bin ich eine Frau, bin ich eine Mutter, habe ich ein Berufsleben, bin ich für diese oder jenes verantwortlich…? Sie sind wie ein Roboter. Das ist der Keim der Katastrophe für Frauen. Wenn eine Frau sich als Frau begreift, kann sie Kraft in sich selbst finden und authentisch sein. Frauen müssen verstehen, wer sie sind. Seien Sie in Ihrer Welt, machen Sie Ihre Arbeit, was immer es sein mag, aber Ihre Realität muss in Ihnen selbst sein, nicht außerhalb. Frauen sind ein lebendes Gebet. Wenn Sie sich dem öffnen, befreien Sie Ihre Kreativität. Sie können Ihre Träume ausleben und das Frausein feiern.

Also ist es für Frauen am wichtigsten, nach innen zu blicken?
Frauen müssen ihre innere Sicherheit, Vollständigkeit und Ganzheit finden. Sonst glauben sie, sie seien unvollständig und unterlegen. Es gibt zwei Polaritäten im Universum, eine stabile und eine bewegliche. Männer haben mehr von der stabilen, Frauen mehr von der fließenden Energie. Aber Frauen brauchen beides, sie brauchen ein Gleichgewicht aus beiden Polaritäten in sich selbst. Es ist ein archetypische Wunde von Frauen, zu glauben, sie bräuchten etwas von außerhalb. Frauen brauchen ihre eigene männliche Polarität in ihrer eigenen Psyche. Sie brauchen ihre eigene innere Stabilität ebenso wie den Fluss. Dann fühlen Sie sich vollständig, ganz und glücklich. Dann BRAUCHEN sie keinen Mann oder keine Beziehung, aber können aus einer Stellung der Ganzheit beschließen, eine Beziehung zu führen und diese genießen, ohne diese zu benötigen. Frauen müssen selbstbewusster werden.

Welche Rolle spielt der feminine Aspekt auf universeller Ebene?
Unsere innere spirituelle Reise besteht darin, mit dem Femininen in uns in Kontakt zu treten. Wir müssen innerlich erwachen, um uns des entwerteten Status und der gering geschätzten Rolle der Frau und des femininen Prinzips bewusst zu werden. Das Feminine ist die Quelle der Schöpfung. Und diese Schöpfung muss von einem Ort der Kraft, Sicherheit und Liebe als Geschenk an die Menschheit kommen. Wenn wir die Essenz und den femininen Aspekt des Göttlichen – das jeder Frau und jedem Mann innewohnt – ehren, werden wir die Heiligkeit alles Lebens sehen. Wenn wir und für Liebe, Akzeptanz, Frieden und Einssein öffnen, werden wir aufhören, Mutter Erde auszubeuten und unsere Realität für persönliche Integrität und Kraft öffnen.

Was können wir alle in unserem täglichen Leben als regelmäßige Praxis tun?
Ein meditatives Bewusstsein erschaffen. Meditieren Sie täglich zusätzlich zum Atmen und Singen. Sehen und hören Sie ins Innere und verbinden Sie sich mit den guten Eigenschaften, die Sie finden: Stabilität, Friede, Raum und Ruhe. Meditieren Sie über Raum und Dunkelheit, denn das sind die Eigenschaften des Universums. Machen Sie es präsent für sich, fühlen Sie es selbst, verbinden Sie sich damit und machen es wirklich und echt. Sie müssen es in sich fühlen, in Ihrer eigenen Haut. Fühlen Sie die Vibration, dann sind Sie auch in der Lage, Sie zu beherrschen. Wenn es nur in Ihrem Kopf passiert, ist es verschwendet. Sie müssen es spüren. Man kann das nicht einfach überspringen, das ist genau das Feminine.

Was ist Ihre Vision für die nächsten 50 bis 100 Jahre? Welche Zukunft sehen Sie für den Planeten?
Das hängt davon ab, ob die Menschen bereit sind, für eine höheres Bewusstsein zu arbeiten. Im Idealfall werden mehr Menschen auf ihr Herz hören. Es ist gerade so viel Energie da, dass mehr Menschen bereit sind, ihr Herz zu öffnen. Ich sehe also eine große Chance, dass wir mehr von unseren Herzen bestimmt werden, aber nicht, ohne uns mit den Problemen der dunklen Seite auseinanderzusetzen. Wenn die herzbestimmten Menschen ihre Arbeit machen können, wird der Übergang weniger schmerzvoll sein. Das Problem ist, dass die Vibrationen auf dem Planeten so stark sind, dass die Leute es schwierig finden, damit umzugehen. Wenn Ihr Nervensystem nicht stark genug ist, Sie den Raum nicht behaupten können und ihn nicht in Ihrem Körper spüren, dann können Sie nicht damit umgehen. Dann verlieren sich die Leute und tun seltsame und destruktive Dinge. Sie sind keine schlechten Menschen, sie können nur nicht auf andere Art und Weise mit dieser Energie umgehen. Die Herausforderung liegt jetzt darin, zu lernen, wie man mit diesen jetzt verfügbaren höheren Frequenzen umgeht. Deshalb ist es extrem wichtig, dass jeder Einzelne von uns nun seine spirituelle Arbeit erledigt. Behaupten Sie den Raum, spüren Sie ihn in sich und arbeiten Sie mit den Chakras. Wenn die oberen Chakras frei und die unteren Chakras im Fluss sind, öffnet sich die Mitte des Herzens. Es ist eine Kombination der oberen und unteren Chakras. Die meisten Leute denken, das sei eine Abfolge, aber das ist nicht so. Es ist ein Wachsen, das da passiert. Die unteren und oberen Chakras, das Stabile und das Fließende, das Männliche und Weibliche arbeiten alle zusammen und unterstützen ein höheres Bewusstsein. Dann kann das Herz sich öffnen und wir können erwachen.

Gibt es so etwas wie eine “einfache Formel” dafür, die Sie empfehlen können?
Die Praxis muss neutral und gütig sein. Am wichtigsten ist, dass man es lebt. Gute Ideen nur im Kopf zu haben, ist wertlos. Leben Sie es. Üben Sie, neutral zu sein, nicht zu urteilen. Das ist harte Arbeit. So lange man sich in seinem rationalen Verstand befindet, ist man nicht in der Lage, das Nicht-Urteilen praktizieren, denn das gehört zum rationalen Verstand. Seine Aufgabe ist es, zu bewerten, analysieren und beurteilen. Verschaffen Sie sich Zugang zu Ihrem neutralen Geist, seien Sie damit verbunden, dann wird es möglich sein, nicht zu urteilen. Sehen Sie nach innen, gehen Sie nach innen. Die Menschen glauben, es sei schwer, zu meditieren – nun, das ist es nicht. Schließen Sie Ihre Augen und sehen Sie den Raum und das, was sich darin befindet. Sie müssen einfach nur üben.

Ist Yoga der Schlüssel zum Glück?

Anna Trökes kann auf mehrere Jahrzehnte Yogaerfahrung zurückblicken. Seit 1974 ist sie Yogalehrerin, außerdem Autorin zahlreicher Bücher, CD’s und DVD’s. Kein Wunder, dass sie zu einer der bekanntesten Referentinnen zu den Themen Hatha Yoga, Pranayama und Meditation in Deutschland gehört. Wir haben sie gefragt, inwiefern Yoga tatsächlich in Lebenskrisen helfen kann.

„Die uralte Weisheit des Yoga hat mir schon oft aus den unterschiedlichsten Krisen geholfen. Als junge Frau habe ich mir beim Sportabitur die Wirbelsäule gebrochen. Ich konnte mich kaum bewegen, machte diverse Rehabilitationsmaßnahmen mit. Da erinnerte ich mich an Yoga. Ich kannte Yoga schon seit meiner Kindheit von meiner Mutter. Tatsächlich haben mir Hatha Yoga- und Atemübungen geholfen, mich wieder bewegen zu können. Das ist nun bereits 40 Jahre her. Seitdem haben mich Yoga-Philosophie, Asanas und Pranayama begleitet und mir in so mancher schwierigen Lebensphase weitergeholfen. Krisen gehören zum Leben. Das Wichtigste dabei ist meiner Meinung nach, dass man sich fragt: Wodurch bin ich in diese Lage gekommen? Gab es einen Auslöser? Oder war es nur eine Frage der Zeit, bis ich an diesen kritischen Punkt gelange?

Mir hat es in solchen Situationen viel gebracht, mich an Patanjalis Yoga Sutras zu erinnern und an das Konzept der Kleshas. Das sind tief sitzende, störende Neigungen, die jeder Mensch von Geburt an in sich trägt: Avidya (falsche Wahrnehmung), Asmita (Selbstüberschätzung), Dvesha (Ablehnung), Raga (Begierde) und Abhinivesha (tiefsitzende Angst). In Krisen hilft es, sich diese Eigenschaften selbst einzugestehen und zu überlegen, welche genau für das Problem verantwortlich sein könnten. Ich versuche dann, mir selbst eine Atmosphäre voller Liebe, Güte und Mitgefühl zu schaffen. Die Hirnforschung zeigt, dass sich unser Gehirn unter Druck ausschaltet. So findet man keine Lösung für ein Problem. Darum versuche ich, mich zu entspannen, damit ich in der Lage bin, die Situation zu erkennen, richtig einzuschätzen und angemessen darauf zu reagieren. Erst wenn ich das Gefühl habe, sicher und geborgen zu sein, kann ich mein ganzes Potenzial entfalten und meine eigene Kraft spüren. Erst dann bin ich offen für alternative Lösungsansätze.
Ich bringe in diesem Zusammenhang oft den Vergleich mit einem Kleinkind, welches gerade gehen lernt. Wieviel Vertrauen muss es haben, wenn es hunderte Male auf den Hintern plumpst, um dann wieder voller Entschlossenheit aufzustehen. Wieviel Geduld und Fehlerfreundlichkeit in diesen Momenten liegt, wieviel Freude am Wachsen! Eigenschaften, die wir Erwachsenen mit der Zeit verlernt haben. Denk an das Urvertrauen des Kindes, an seine Unbeirrbarkeit und die Neugier, welche es beim Üben und Umfallen hat, wenn wiedermal eine Krise in deinem Kopf stattfindet. Durch diese Offenheit und Geduld mit der eigenen Fehlbarkeit kann Unmögliches Wirklichkeit werden.

Früher war ich oft ungeduldig. Ich ertappe mich immer wieder dabei. Erst letzte Woche passierte es wieder: Ich wartete am Flughafen an einem vereinbarten Treffpunkt auf eine Freundin. Nach einer Weile rief ich sie ungeduldig an. Sie sagte, sie sei an dem Treffpunkt und wartete dort auf mich. Wie konnte das sein? Weit und breit keine Spur von ihr. Ich war total außerhalb meiner yogischen Gelassenheit und rotierte im Kreis. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum sie nicht am Treffpunkt war. Schließlich kamen wir darauf, dass es zwei identische Punkte am Flughafen gab, und jede von uns wartete an dem anderen. Nachdem wir uns endlich gefunden hatten, war meine Ungeduld verflogen. Früher hätte ich mich selbst geärgert, dass mich so eine banale Situtation aus der Ruhe bringt. Heute gelingt es mir eher, darüber zu lächeln, dass mich meine Gelassenheit trotz all der Yoga der Yoga-Praxis auch mal nicht zur Verfügung steht.

Ich bin überzeugt davon, dass Yoga glücklich machen kann. Durch Yoga habe ich viel mehr Geduld mit mir. Ich habe gelernt, dass ich lebenswert, wertvoll und liebenswürdig bin und dass ich Fehler machen darf. Der große Begriff des Glücks wurde von unzähligen Philosophen und Gelehrten beschrieben, für mich persönlich bedeutet Glück, bei mir selbst zu sein und gut mit mir zu leben.“

Aufgezeichnet von Eva-Maria Flucher

Einfache Übungen, um den Geist zu klären

Klarheit oder Ärger, innere Stabilität oder absoluter Aufruhr – all diese Geisteszustände hängen direkt mit unserer „inneren Windenergie“ zusammen. Und so können wir, indem wir mit dieser Windenergie – auf Tibetisch „Lung“, in anderen Kulturen auch chi oder prana genannt – arbeiten, auch unseren Geist, unser Leben, uns selbst komplett verändern. Das zumindest ist die Basis der einfachen tibetischen Übungen, die Tenzin Wangyal Rinpoche in seinem Buch „Den feinstofflichen Körper aktivieren“ vorstellt. Die Übungen, die Rinpoche auf der DVD zeigt und im Buch sehr klar beschreibt, entstammen der ältesten Tradition Tibets, dem Bön. Alle arbeiten direkt mit dem Wind, dem Atem. Viele Bewegungen werden ausgeführt, während wir den Atem anhalten – eine in Tibet unter dem Namen Tsa Lung (Tsa bedeutet Kanal oder Meridian, Lung ist die Windenergie) bekannte Technik. Auch wer nicht üben will, sollte das Buch lesen – es macht einem ganz nebenbei vieles klar und schafft Raum…

FAZIT // Buch und CD sind ein guter Einstieg in die Übungen Tibets. Die Übungen sind einfach durchzuführen, gut erklärt und sehr wirksam, wenn man über seinen feinstofflichen Körper den Geist verändern möchte.

„Den feinstofflichen Körper aktivieren – tibetische Yoga-Übungen für innere Weisheit und Klarheit.“ von Tenzin Wangyal Rinpoche (Verlag Arkana, ca. 18 Euro inkl. DVD)

Was uns im Nacken sitzt

Taubheitsgefühle und Schmerzen in den Armen oder Händen können von Verspannungen im oberen Körperbereich herrühren. Versuchen Sie, diese zu lösen.

Sie haben Schmerzen, spüren ein Kribbeln oder gar Taubheit in den Händen? Falls das zutrifft, denken Sie vielleicht, dass Sie das Karpaltunnelsyndrom haben. Dieses Syndrom wird durch Druck auf einen Nerv, der durch das Handgelenk läuft, verursacht. Wenn aber der Schmerz und das Kribbeln sich weit über die Händ und die Handgelenke, bis in die Arme, Schultern oder den Nacken hinausstreckt, ist die Ursache höchstwahrscheinlich ein anderes, weniger bekanntes Problem: das Thorathic Outlet Syndrom (TOS). Es wird auch als Engpasssyndrom oder Schultergürtel-Kompressionssyndrom bezeichnet. TOS wird durch Kompression oder Überdehnen von Nerven oder Blutgefäßen nahe am oberen Rand des Brustkorbes verursacht – nicht in der Nähe der Hand. Entwickeln kann es sich aufgrund von wiederholtem Stress und ungesunden Bewegungsmustern, wie das stundenlange Spielen eines Musikinstrumentes, Tippen mit weit nach vorne gestrecktem Kopf, der sich dadurch nicht mit dem Rest der Wirbelsäule in einer gesunden Ausrichtung befindet, oder durch Verletzungen, beispielsweise ein Schleudertrauma.

Manchmal trägt auch eine Anomalie des Skeletts wie zum Beispiel einer Extra-Rippe, zum TOS bei, aber das ist eher die Ausnahme. Die passende Behandlungsmethode hängt zwar von der genauen Ursache des Problems ab, vielen Betroffenen helfen jedoch Übungen, die den Nacken, den oberen Brustkorb und die Schultern mobilisieren und wieder in eine korrekte Ausrichtung bringen. Obwohl es keine wissenschaftlichen Studien gibt, die besagen, dass Yoga eine mögliche Behandlungsmethode für TOS darstellt, scheint eine vielseitig ausgeglichene Yogapraxis, mit Fokus auf eine gute Haltung und ein gesundes Bewegungsspektrum, genau die Art von physischem Programm zu bieten, das hilft. Ein paar einfache Übungen, die Sie zu Ihrer täglichen Routine machen, können Verspannungen im Nacken lösen. Unbehandelt können diese Verspannungen dagegen zu Schmerzen, Kribbeln und Taubheit in Ihren Schultern, Armen und Händen führen.

Raum schaffen
Das Thoracic Outlet ist die ovale Öffnung am oberen Ende des Brustkorbs. Die obersten Rippen, der obere Rand des Brustbeins (das Manubrium) und der erste Brustwirbel bilden den Rand des Thoracic Outlet. Die Schlüsselbeine oder Claviculas liegen genau über und vor dieser Öffnung. Die Arteria subclavia (Schlüsselbeinader), Vena subclavia (Schlüsselbeinvene) und die Nerven, die die Hand versorgen, kreuzen zwischen der ersten Rippe und dem Schlüsselbein auf ihrem Weg zum Arm, über oder durch das Thoracic Outlet. TOS tritt auf, wenn entweder verspannte Muskeln, Knochen, die sich verschoben haben, oder Narbengewebe in der Nähe des Thoracic Outlet an diesen Blutgefäßen oder Nerven stark genug ziehen oder diese zusammendrücken – die Folge sind Schmerzen, Taubheit oder andere unangenehme Symptome in der Hand, Schulter, im Arm oder Nacken. Für manche findet sich die Ursache des TOS in einer Kompression von Nerven oder Blutgefäßen, die unter einem verkürzten oder angespannten Brustmuskel, dem M. pectoralis minor, verlaufen. Wenn dies der Fall ist, können Haltungen wie der Schulterstand, der den M. pectoralis minor dehnt, indem die Schulterspitzen nach hinten gerollt werden, helfen.

Die meisten Haltungen, die die Schulterspitzen nach hinten rollen, schaffen Raum zwischen dem Schlüsselbein und der ersten Rippe: beim TOS werden genau an der Stelle Nerven und Blutgefäße häufig zusammengedrückt. (Seien Sie sich dessen bewusst, dass zahlreiche andere Krankheiten ähnliche Symptome wie TOS verursachen können. Für einige Beschwerden sind bestimmte Yogahaltungen absolut nicht geeignet. Fragen Sie deshalb einen Arzt, bevor Sie mit dem Üben beginnen.)

Den wahrscheinlich größten Nutzen zieht man aus Yoga bei TOS, wenn man die Übungen dazu nutzt, ein bestimmtes Paar von Nackenmuskeln, die Skalenus-Muskeln (Treppenmuskeln) zu lockern. Der M. scalenus anterior und der M. scalenus medius können TOS auf verschiedene Arten verschlimmern oder sogar auslösen.

Der M. scalenus anterior und der M. scalenus medius verbinden die Seiten des Nackens mit dem oberen Rand des Brustkorbes. Der M. scalenus anterior ist mit der ersten Rippe, etwa fünf Zentimeter vom Brustbein entfernt, verbunden und der M. scalenus medius ist mit der gleichen Rippe nur ein paar Zentimeter weiter hinten verbunden. Die beiden Muskeln überlappen in der Nähe des Nackens und laufen auf ihrem Weg nach unten Richtung erste Rippe leicht auseinander, was eine enge, dreiecksförmige Öffnung zwischen ihnen entstehen lässt, die Skalenus-Lücke.

Die Nerven, die die Hände versorgen, laufen vom seitlichen Nacken aus durch diese Lücke. Hier treffen sie auf die Hauptaterie (die Arteria subclavia) des Armes, die die enge Passage zwischen erster Rippe und Schlüsselbein durchkreuzt. Die Hauptvene, die das Blut vom Arm zum Herzen führt (die Vena subclavia), läuft ebenfalls über die erste Rippe und unter dem Schlüsselbein hindurch. Tatsächlich nimmt sie sogar einen noch engeren Weg – zwischen der Sehne des M. scalenus anterior und dem Brustbein hindurch.

Engpässe
Diese enge Struktur bietet einige Gelegenheiten für die Skalenus-Muskeln, Probleme zu bereiten. Jedesmal, wenn die Skalenus-Muskeln kontrahieren, werden sie breiter und üben möglicherweise Druck auf die Nerven zwischen ihnen aus. Die Kompression wird noch verstärkt, wenn die umliegenden Muskeln und das Gewebe durch chronische Verspannung vergrößert sind oder wenn es zu einem Krampf kommt. Wurden die Skalenus-Muskeln durch ein Schleudertrauma, durch wiederholten Stress oder andere Traumata verletzt, kann sich Narbengewebe bilden, welches die Muskeln weiter verdickt und steif werden lässt. Dies kann eine weitere Ursache für den Druck auf die Nerven sein.

TOS-Symptome können auch dadurch entstehen, dass Nerven im Narbengewebe feststecken statt, wie normalerweise, bei Bewegungen der Arme und des Nackens durch die Muskeln zu gleiten. In diesem Fall werden diese Nerven durch Bewegung überdehnt. Verkürzte Skalenus-Muskeln können die erste Rippe so weit nach oben ziehen, dass diese die Nerven, die Arteria und die Vena subclavia gegen das Schlüsselbein drückt, wodurch noch mehr Kribbeln, Taubheit und Schmerzen entstehen. Mit der Zeit kann es sogar zu Verfärbungen der Hände und Arme kommen.

Entspannen und verlängern
Zur Linderung von TOS-Symptomen, die durch Kompression oder Überdehnen der Nerven und Blutgefäße, die die Hand versorgen, verursacht wurden, sollten Sie versuchen, das Narbengewebe in den Skalenus-Muskeln abzubauen und mehr Raum zwischen diese Muskeln zu bringen. Durch Dehnen dieser Muskeln kann sich die erste Rippe wieder vom Schlüsselbein weg nach unten senken. Eine logisch konsequente Herangehensweise ist, Yoga dazu zu nutzen, diese beiden Muskeln sanft zu entspannen und zu verlängern. Atemübungen, die den Fokus auf eine lange Ausatmung legen, unterstützen die Dehnung und Entspannung der Skalenus-Muskeln. Diese können auch durch Korrektur einer falschen Ausrichtung des Kopfes in Stehhaltungen, durch Zurücknehmen des Kopfes und des Nackens in Rückwärtsbeugen oder durch Seitbeugen des Nackens gedehnt werden. Eine weitere Möglichkeit ist, klassische Yogahaltungen zu modifizieren. Die Anleitung im Abschnitt ‘Erster Schritt’ beschreiben, wie das in einer unterstützten und modifizierten Version von Matsyasana (Fisch) aussehen kann.

Da beide, der mittlere und vordere Skalenus-Muskel, die Seiten des Nackens mit der vorderen Hälfte der ersten Rippe verbinden, kann man sie auf direktestem Weg dehnen, indem man den Nacken gleichzeitig nach hinten und zur Seite beugt, während man die erste Rippe in die entegegengesetze Richtung nach unten bewegt. Um die erste Rippe in der modifizierten Version von Matsyasana korrekt wegzubewegen, benutzen Sie Ihre Hände und ziehen Sie den oberen Brustkorb diagonal nach unten – entgegengesetzt zur Richtung der Nackenbeugung. Um den Zug der erste Rippe nach unten zu verstärken, atmen sie kräftig aus. Die Bauchmuskulatur, die interkostalen Muskeln und andere Muskleln, die den Brustkorb nach unten ziehen, werden dadurch aktiviert.

Die Kombination von Rück-und Seitbeuge des Nackens in dieser modifizierten Version von Matsyasana kann herausfordernd sein. Achten Sie daher darauf, sie langsam und mit Bedacht auszuführen und innezuhalten, sobald es sich unangenehm anfühlt. Während der Kopf nach hinten gebeugt ist, sollten Sie Ihre Arme nicht seitlich ausstrecken, da dies die Nerven, die von den Armen zum Nacken verlaufen, überdehnen könnte. Achten Sie auch darauf, zuerst den Kopf wieder zu zentrieren, bevor Sie die Seite wechseln oder aus der Haltung kommen.

Erster Schritt
Falten Sie eine oder zwei Decken als Unterstützung für den Kopf und legen Sie diese an ein Mattenende. Platzieren Sie einen Yogablock mit der breiten Seite nach unten im Abstand von ungefähr 15 Zentimeter von den Decken. Legen Sie ihn mit der langen Seite parallel zum kurzen Mattenrand auf die Matte. Legen Sie nun einen zweiten Block parallel zum ersten 20-30 Zentimeter weiter in Richtung Fußende. Dieser Block sollte sich später, wenn sie sich hinlegen, unter Ihrem Sakrum (Kreuzbein) befinden.

Bevor Sie sich in die Haltung begeben, fassen Sie mit einer Hand über die gegenüberliegende Schulter und bewegen Sie Ihre Finger soweit nach hinten und unten, bis Sie den oberen Rand des Schulterblattes berühren. Diese Kante wird Spina scapulae oder Schultergräte genannt. Nehmen Sie nun Ihre Hand wieder zur Seite und setzen Sie sich auf den untersten Block, ziehen Sie Ihr Kinn zum Brustbein und legen Sie sich nun über den zweiten Block nach hinten ab. Korrigieren Sie die Position des Blocks so, dass er die oberen Kanten der Schulterblätter unterstützt. Legen Sie Ihren Kopf noch nicht ab. Platzieren Sie nun beide Handflächen auf der linken Seite Ihres Brustkorbs, so dass die Fingerspitzen direkt unterm Schlüsselbein und nah am Brustbein sind. Ziehen Sie Ihre Rippen diagonal in Richtung linke Hüfte nach unten.

Halten Sie Ihr Kinn noch am Brustbein und senken Sie dann langsam den Nacken und den Kopf in einem 30-Grad-Winkel nach hinten und rechts ab. (Und zwar im Verhältnis 2:1 zwischen Rückwärtsbeuge und Seitbeuge). Legen Sie nun Ihren Kopf auf die gefalteten Decken ab. Sie sollten eine leichte Dehnung auf der Vorderseite der linken Nackenhälfte (im linken M. scalenus anterior) spüren.

Zweiter Schritt
Falls Sie eine zu starke Dehnung verspüren oder sich Ihr Nacken zu stark nach hinten beugt, so dass das Kinn hoch in die Luft zeigt, zentrieren Sie den Kopf wieder, indem Sie ihn mit den Händen anheben. Versuchen Sie es mit einem höheren Polster. Falls Sie nicht genug Dehnung spüren, falten Sie die Decken niedriger zusammen oder nehmen Sie eine Decke ganz weg. Reicht dies immer noch nicht aus und Sie würden gerne noch tiefer in die Dehnung gehen, positionieren Sie den Block unter Ihren Schulterblättern hochkant. Alternativ können Sie auch den Block unter Ihrem Sakrum entfernen – oder beides.

Halten Sie die Position für eine Minute, atmen Sie tief aus und kontrahieren Sie dabei Ihre Bauch- und Oberkörpermuskulatur, um den kompletten Brustkorb stärker nach unten zu ziehen. Atmen Sie normal ein und entspannen Sie dabei die Bauch-und Oberkörpermuskeln wieder. Drehen Sie nun Ihren Kopf noch weiter zur Seite (im Verhältnis 1:2 zwischen Rückbeuge und Seitbeuge), um nun den M. scalenus medius anzusprechen. Halten Sie auch diese Position für eine Minute.

Bringen Sie anschließend Ihren Kopf zur Mitte zurück, indem Sie ihn mit den Händen anheben und wiederholen Sie die Übung auf der anderen Seite. Denken Sie daran, zuerst die Rippen vom Schlüsselbein weg und diagonal nach unten zur Hüfte zu ziehen, bevor Sie in die Haltung kommen. Führen Sie beide Varianten auf jeder Seite zweimal aus. Um die Haltung aufzulösen, bringen Sie Ihren Kopf wieder mit Unterstützung der Hände zur Mitte zurück und rollen Sie sich dann behutsam zur Seite. Fahren Sie mit Ihrem normalen Übungsprogramm fort, wenn Sie mögen.

Wenn Sie verkürzte und verspannte Skalenus-Muskeln haben, kann das regelmäßige Üben dieser Sequenz eine bedeutende Erleichterung des TOS bringen und die Möglichkeit verringern, dass es wieder auftritt. Noch größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Symptome verschwinden, wenn Sie diese Haltung eingebettet in eine regelmäßige und ausgiebige Yogapraxis ausführen, da das TOS auch durch andere Bedingungen verursacht werden kann, beispielsweise ein verkürzter M. pectoralis (Brustmuskel) oder angespannte Muskeln des oberen Rückens (die die Skalenus-Muskeln veranlassen, stärker zu arbeiten, um den Kopf auf der Wirbelsäule zu balancieren). Yoga ist nicht das Allheilmittel, aber es gibt uns Werkzeuge, um unsere Hände wieder in einen schmerzfreien und gesunden Zustand zu bringen.

Dr. Roger Cole ist zertifizierter Iyengar Yoga-Lehrer in Del Mar, Kalifornien. 

Willkommen in der Illusion, Narada

weiße Kerze Hand Maya Illusion
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Müssen Yogis leiden, um zu wachsen? Vielleicht sind wir gar nicht so besonders, wie wir manchmal denken. Es geht uns nicht anders als allen Menschen. Wir sitzen alle einer entscheidenden Illusion auf.

Ich zucke immer zusammen, wenn ich westliche Yogalehrer erzählen höre, dass der sogenannte spirituelle Weg oft sehr schwierig und voller Leid ist. Manchmal scheint es, als ob es eine Art Olympiade gäbe: Je schwerer das Schicksal, desto größer der spirituelle Fortschritt. Ich teile diese Sicht nicht unbedingt. Im Herkunftsland des Yoga hat man eine eher entspannte Haltung dazu. Sowohl bei den Buddhisten als auch bei Hindus erzählt man sich Geschichten von Narada.

Naradas Geschichte

Für die einen war er ein Schüler des Buddha, für die anderen ist er der Götterbote, der oft mit Krishna unterwegs war und von ihm lernte. Auf einem dieser Spaziergänge bat er seinen Lehrer einmal, ihm das Wesen und Geheimnis der Maya zu erklären, der Schöpfung in der wir leben, und in der unser Bewusstsein so befangen ist: „Wie kann denn alles Illusion sein?“, fragte er Krishna. „Das kann man nicht so einfach erklären“, antwortete der. „Man muss es erfahren, um es zu verstehen. Aber könntest Du mir erstmal ein Glas Wasser holen? Ich bin nämlich etwas durstig.“ „Gerne, Meister!“, sagte Narada und machte sich auf den Weg zum nahegelegenen Fluss.

So kennen wir das ja. Erstmal macht es uns Spaß neue Entdeckungen zu machen, und wir nehmen dafür auch in Kauf, dass wir unsere Yogamatte ausrollen müssen. Oder wie in Naradas Fall, dem Lehrer einen Gefallen tun. Wie lange hält unsere Praxis dann? Narada kam schnell am Fluss an, an dem gerade eine reizende junge Frau einen schweren Krug mit Wasser füllte. „Kann ich ihnen helfen das zu tragen, meine Liebe?“ fragte er. Die Schöne nahm sein Angebot an und lud ihn gleich zu sich ins Dorf ein, worüber er sich natürlich sehr freute. Und wie es dann in solchen Geschichten ist, heirateten sie, zogen zusammen in ein wunderschönes Haus und bekamen Kinder. In manchen Versionen der Geschichte brachte er es sogar zum Häuptling des Dorfes.

Alles lief wundervoll, und Narada genoss das Familienleben, bis nach zwölf Jahren ein großer Regen den Fluss über das Ufer treten ließ und das Dorf bedrohte. Wir brauchen keine große Phantasie, um uns zu denken, wie die Geschichte ausging. Narada versuchte seinen Besitz, seine Frau und die Kinder durch die Flut zu tragen. Und er verlor eines nach dem anderen. Hilflos musste er zusehen, wie erst sein Gold, dann seine Kinder und zuletzt seine Frau weggespült wurden. Alle Versuche, sie und sich selbst festzuhalten, waren erfolglos, denn er kämpfte gegen eine Kraft, die größer war als er. Erst als er den letzten Ast, an den er sich noch geklammert hatte, losließ, beruhigte sich der Fluss, und er erlangte am Ufer wieder sein Bewusstsein.

Ablenkungen auf dem spirituellen Weg

„Wo ist mein Wasser, mein Freund?“ hörte er Krishna fragen, „Warum hast du mich so lange warten lassen?“ Narada war, verständlicherweise, ziemlich verdutzt. So geht es uns manchmal auch, wenn wir uns mitten im Sturm des Lebens wieder aufs Meditationskissen setzen und plötzlich merken, dass die Dinge in uns zur Ruhe kommen. Wir lassen Yoga so oft warten. Und es ist auch nichts Verkehrtes daran, sein Leben schön auszuschmücken. Aber manchmal verbringen wir mehr Zeit damit, im Online-Shop nach einer besonders zu uns passenden Yogamatte zu suchen, als uns einfach auf die Matte zu begeben.

Wenn wir uns aber die Zeit nehmen, uns wieder in unsere Mitte zu bringen, dann verliert das, was uns wehtut oder schockiert, für diesen einen Moment seinen Stachel. Die erste edle Wahrheit des Buddha lautet zwar tatsächlich: „Alles Leben ist Leiden“. Aber damit ist nur gemeint, dass alle unsere Versuche, unser Leben so komfortabel wie möglich einzurichten, zum Scheitern verurteilt sind. Das ist die Illusion.

Weiterentwicklung als die Natur des Lebens

Wenn wir diesen Anspruch aufgeben, leben wir auf einer anderen Ebene. Dann hören wir auch auf, jemand Besonderes zu sein. Ein Yogi hat keinen schwereren Weg gewählt, als alle anderen Menschen auf der Welt. Wir entwickeln uns nicht durch Leid. Wir entwickeln uns, weil wir uns entwickeln. Das ist die Natur unseres Lebens. Und irgendwann werden wir durch die Betrachtung des Chaos, das wir für uns alleine wahrscheinlich nicht in den Griff bekommen, vielleicht offener für die Wünsche und Bedürfnisse anderer. Denn wir sind alle zusammen in dieser wunderbaren Maya, der Illusion.

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