Gelebte Utopien

In ihrer Fotoarbeit „Holon“ porträtiert die Kölner Fotografin Malwine Rafalski radikale Individualisten, die jedoch eines verbindet: die Sehnsucht nach größerer Verbundenheit mit dem Leben.

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“
(Henry David Thoreau, Walden)

Tief leben und alles, was nicht Leben ist, in die Flucht schlagen: Das wollen auch die Protagonisten der Foto-Serie „Holon“ von Malwine Rafalski. Sie widerstehen den Verlockungen der Gesellschaft und des Wohlstands – ein verbreiteter Traum, den aber nur wenige konsequent verwirklichen. Der Titel ihrer an der Fachhochschule Bielefeld entstandenen Diplomarbeit ist ein Begriff aus der Philosophie und beschreibt ein einzelnes Ganzes, das Teil eines anderen, umfassenderen Ganzen ist. Die wesentliche ­Eigenschaft ist jedoch, dass jedes Holon einerseits seine Individualität wahrt und andererseits als integraler ­Bestandteil einer größeren Einheit funktioniert.
In „Holon“ beschäftigt sich die Kölner Fotografin mit gelebten Utopien in Deutschland. Die Menschen auf den Fotos verstehen sich als Individuen, die als Teil der Umwelt für deren Erhalt verantwortlich sind und die physische wie geistige Nähe mit der Natur leben. Damit sind sie in Zeiten der Globalisierung und Technisierung Einzelgänger. Ihr Verständnis von Natur ist von einer diffusen, zutiefst romantischen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit geprägt. Ihre tiefe Überzeugung, dass Verbesserung möglich ist, realisieren sie in ökologischen und sozialen Experimenten. Viele dieser Utopien sind zwar denkbar und in vielen Fällen wünschenswert, angesichts der momentanen Realität aber (noch) nicht oder nicht mehr realisierbar. Im Zentrum von Malwine Rafalskis Arbeit stehen demnach besondere Mikrokosmen, deren Bewohner sich dem konventionellen Leben fast vollständig entziehen. Viele von ihnen leben komplett autark, versorgen sich selbst durch den Anbau von Lebensmitteln oder leben ohne Geld, Strom und fließendes Wasser. Sie sind eng mit der Natur verbunden und achten auf sich und ihre Umwelt: Ausgewogene Ernährung, Yoga und Nachhaltigkeit bestimmen ihren Alltag. Damit bieten die außergewöhnlichen Menschen, die sich nicht nur für ihre Umwelt, sondern auch für kreative Heilmethoden einsetzen, ein faszinierendes Lebensmodell. Sie sind im wahrsten Sinne alternativ.


Die Fotografin Malwine Rafalski wurde 1982 im polnischen Tczew geboren. Sie lebt und arbeitet in Köln. „Holon“ und weitere Projekte der Künstlerin finden sich unter www.malwinerafalski.com.

VERLOSUNG: 4 Tickets für das Yoga.Wasser.Klang Festival

Vom 29.- 31. August findet bereits zum dritten Mal das Yoga.Wasser.Klang Festival in Hamburg statt, das sich selbst als „modernes, urbanes Yoga-Festival mit viel Spirit jenseits von Esoterik-Klischees“ bezeichnet.

In den Vorjahren noch auf der Elbinsel Kaltehofe direkt am Wasser gelegen, zieht das Yoga.Wasser.Klang dieses Jahr gen Stadtmitte in den Park Planten und Blomen, der trotz seiner zentralen Lage und guten Verkehrsanbindung eine Oase der Ruhe ist.

Wasser gibt es aber auch im Park – und so wird der See gleich fürs SUP Yoga genutzt. Viele weitere Yogastile von AcroYoga bis hin zu Yin Yoga werden zwischen betörend duftenden Blumen von den Yogaschulen Hamburgs präsentiert. Auf einem kleinen Markt, der übrigens auch für Parkflaneure geöffnet hat, gibt es zahlreiche Stände mit urbaner und lokaler Handwerkskunst sowie Projektvorstellungen, Yoga-Ausstattung und gesunde Snacks.

Aber nicht nur Yogis werden hier ein fabelhaftes Wochenende verbringen können! So darf neben Yoga und Wasser der Klang nicht zu kurz kommen: Musikliebhaber können sich auf Chillout-Beats von DJ Marc Deal freuen, der eigens für das Festival ein eigens Set komponiert. Außerdem werden viele weitere Klangkünstler das Festival bereichern, wie etwa der Vorreiter der europäischen Chillout-Szene, Patrick Marionneau, oder Singer-Songwriterin Hanna Leess.

VERLOSUNG: Wir verlosen gemeinsam mit Yoga.Wasser.Klang vier Einlassbändchen (Tagestickets) für einen Tag Ihrer Wahl (Samstag oder Sonntag). Schicken Sie uns einfach bis zum 4. August eine E-Mail mit dem Betreff „YogaWasserKlang“ und dem gewünschten Tag an verlosung@yogajournal.de. Viel Glück!

(Bildquelle: Monkey Mind Yoga)


YogaWasserKlangYoga.Wasser.Klang
Planten un Blomen, Eingang Glacischaussee 13 (neben Minigolfanlage), 20359 Hamburg
Freitag, 29.8.: 17-22 Uhr, Samstag, 30.08.: 10-22 Uhr, Sonntag, 31.08.: 10-21 Uhr
www.yogawasserklang.de

Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall

„Was glauben Sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe?“ Anatomie-Expertin Julie Gudmestad kombiniert Yoga mit Physiotherapie – seit mittlerweile 32 Jahren. Über die häufigsten Yoga-Verletzungen und die Praxis nach einem Bandscheibenvorfall sprach YOGA JOURNAL mit der 59-jährigen Lehrerin.

YOGA JOURNAL: Julie, Hand aufs Herz: Bist du tatsächlich so fit und gesund wie du aussiehst?
JULIE GUDMESTAT: Oh, danke für das Kompliment. Aber das ist Yoga. Ich ­praktiziere Yoga seit meiner Teenagerzeit – mittlerweile seit über 40 Jahren. Und das ist es, was du siehst. Zu diesem Thema gibt es übrigens eine schöne Krankenhausgeschichte: In meinen 30ern wurde mir mein Blindarmwurmfortsatz entfernt. Nach der Operation kam der Arzt zu mir und meinte, er hätte noch nie eine so muskulöse Bauchdecke aufgeschnitten bei einer Frau meines Alters. Dann wollte er wissen, welchen ­Leistungssport ich betreiben würde. Als ich erzählte, dass ich Yoga übe, dachte er, ich mache einen Witz und ist lachend aus dem ­Zimmer gegangen.

Yoga wurde damals noch belächelt?
Ja, absolut. So eine Szene gäbe es heute sicher nicht mehr.

Einer deiner Workshops heißt „Stabilizing the core“. Was genau ist mit „the core“ gemeint?
Seit einiger Zeit ist der Begriff im Yoga sehr beliebt geworden. Meiner Meinung nach ist er zu einem regelrechten Modewort avanciert. Gemeint sind damit die Muskeln, die das Becken, den Bauch und den unteren Rücken stützen. Aber eigentlich hat sich die Aufmerksamkeit dieser Körperregion gegenüber nicht verstärkt. Im Yoga hat dieser Bereich schon immer eine wesentliche Rolle gespielt. Er ist die die Grundlage für eine gute Asana-Praxis.

Du empfiehlst eine Art „Pre-Yoga“ für absolute Anfänger, warum?
Ich finde, dass es Anfängern oftmals hilft, mit leichteren Übungen und Bewegungen Muskeln und Flexibilität aufzubauen, wenn sie nicht ausreichend vorhanden sind. Das ist eine gute Basis für herausfordernde Asanas und verhindert Verletzungen. Es nützt niemandem, einen Handstand zu üben, wenn die Flexibilität der Schultern noch nicht ausreicht. Es ist wichtig, dass Anfänger ihre Grenzen ernst nehmen. Yoga-Schüler sollten prinzipiell nicht bis an den Schmerzpunkt kommen, sondern im Idealfall vorher aufhören und zur Unterstützung Hilfsmittel benutzen.

Was hat es mit der 48-Stunden-Regel auf sich?
Damit sich Muskeln aufbauen können, benötigen sie eine Erholungspause von 48 Stunden. Nach diesem Zeitraum sollten die Muskeln wieder beansprucht werden. Das wirkt im Körper wie eine Art „Erinnerungsstütze“.

Einmal pro Woche Yoga üben bringt also wenig?
Dieser Turnus reicht zumindest nicht aus, um Muskeln aufzubauen. Der Körper ist ein paar Tage nach der Stunde darauf eingestellt, die Muskeln nicht wieder in besonderem Maße zu gebrauchen. Beim Thema Flexibilität ist es ähnlich: Stretching ist erst effizient, wenn die Dehnung mindestens 90 bis 120 ­Sekunden gehalten wird.

Oftmals versuchen Lehrer in Basic-Stunden ihre Schüler anzuspornen, auch anspruchsvollere Übungen auszuprobieren.
Ich finde, Anfänger sollten allmählich aufgebaut werden. Während meiner Arbeit als Yoga-Lehrerin und Physiotherapeutin habe ich schon so oft Menschen gesehen, die trotz Einschränkungen ihre Körper so herausgefordert haben, als wären sie topfit. Diese Grenze zu überschreiten birgt Gefahren. Außerdem sollte man bedenken, dass die Körper der Yoga-Anfänger im Westen ganz anders konstituiert sind, als die von Anfängern aus Asien, in denen die Menschen nicht so viel sitzen. Die Flexibilität ihrer Hüften und Knie ist eine komplett andere, da sie oftmals hocken anstatt zu sitzen. Generell laufen und stehen sie mehr als wir, wodurch sich ihre Körper von amerikanischen oder europäischen stark unterscheiden.

Welche Yoga-Verletzungen sind dir in den letzten Jahren am häufigsten begegnet?
An erster Stelle stehen Probleme mit dem unteren Rücken. Hauptverantwortlich dafür sind Bürojobs und damit verbunden das viele Sitzen. Verkürzungen der hinteren Beinmuskeln sind somit an der Tagesordnung. Im Yoga kommt es zu Verletzungen, wenn Menschen mit verkürzten, hinteren Oberschenkelmuskeln zu aggressiv in Vorwärtsbeugen gehen. Ein konkretes Beispiel ist Utthita-Hasta-Padangushthasana – frei stehend ein Bein haltend in die Vorwärtsbeuge gehen. Dabei wirken enorme Kräfte auf die Bandscheiben. Wenn die hinteren Oberschenkelmuskeln verkürzt sind und eine Vorwärtsbeuge geübt wird, egal ob im Sitzen oder im Stehen, sind Bandscheibenprobleme oder Beinverletzungen vorprogrammiert.

Mit welchen Problemen kommen deine Patienten noch zu dir?
Mit Halsverletzungen, die bei Sethu Bandhasana (Brücke) oder Sarvangasana (Schulterstand) entstehen können. Um diese zu vermeiden, gibt es beim Iyengar Yoga und einigen anderen Yoga-Richtungen Hilfsmittel. Decken oder Platten unter den Schultern helfen dabei, die Halswirbelsäule zu unterstützen. Aber selbst dann können Verletzungen auftreten, da diese Beugung des Halses über die normale Flexibilität hinausgeht. Der Halsbereich ist bei den Menschen heutzutage prinzipiell ein sensibler Bereich, da vermehrt ein nach vorne geneigter Kopf und ein flacher Hals auftritt (der Wirbelsäule fehlt im Halsbereich die natürliche Rundung) – womit wir wieder bei der PC-Arbeit sind.

Kopfstand ist dann ebenfalls mit Vorsicht zu genießen, oder?
Richtig. Wenn die Nacken- und Schultermuskulatur nicht stark genug ausgebildet ist, birgt diese Asana einige Gefahren. Wenn zu viel Gewicht auf der Halswirbelsäule lastet, ist der Druck auf die Bandscheiben unheimlich hoch. Diese Verletzungen könnten verhindert werden, wenn die Yoga-Schüler und -Lehrer sich genügend Zeit nehmen würden, Muskeln und Flexibilität allmählich aufzubauen und eine Sensibilität dafür zu schaffen.

Wie sieht es mit Knieverletzungen aus?
Die kommen an dritter Stelle. Ursache sind Sitzpositionen mit gekreuzten Beinen. Wenn die Hüften noch nicht offen genug sind und die Yoga-Übenden trotzdem versuchen, mit aller Kraft in dieser Position zu sitzen.

Du übst Yoga mit verletzten oder chronisch kranken Menschen. Meistens ist ja die Ansage vom Orthopäden nach einer Verletzung: mindestens sechs Wochen Sportverbot.
Nun, durch meine Kombination von Yoga und Physiotherapie bin ich auf die Behandlung mit Yoga nach ­Verletzungen ­spezialisiert.

Du sagst also: Nur mit dem Hintergrund einer therapeutischen ­Ausbildung ist Yoga eine gute Rehabilitations-Maßnahme?
Das hängt davon ab, wie schwer die Verletzung ist. Wenn ­jemand stark eingeschränkt ist, benötigt diese Person spezielle oder abgewandelte Übungen. So wie sie im Iyengar Yoga zu finden sind – mit all den Hilfsmitteln wie etwa Klötzen oder Stühlen.

Ist eine normale Yoga-Praxis je wieder möglich oder gilt es, beispielsweise nach einem Bandscheibenvorfall, eine Art „gentle Yoga“ zu etablieren?
Yoga soll meinen Patienten helfen, wieder in Form zu kommen. Sehr viele von ihnen mit orthopädischen Verletzungen sind in der Lage, nach sechs Monaten oder einem Jahr wieder ein normales Leben zu führen und eine normale Yoga-Praxis zu haben. Was glauben sie, wie viele Bandscheibenvorfälle ich schon behandelt habe? Natürlich mussten diese Menschen über einen längeren Zeitraum sehr sensibel mit ihrem Körper umgehen und abgewandelte Übungen praktizieren. Aber nach ­spätestens fünf Jahren konnten sie wieder ihre alten Yoga-Klassen ­besuchen und ohne Einschränkungen üben.

Das ist beruhigend.
Ja, definitiv.

Welche Aspekte spielen während des Heilungsprozesses eine Rolle?
Da gibt es einige. Yoga trägt dazu bei, den Menschen zu helfen, aufmerksamer zu werden. Sie gehen achtsamer mit ihren Körpern um und entscheiden sich, nicht mehr über ihre Grenzen zu gehen und sich damit nicht erneut zu verletzen. Yoga hilft den Menschen, einen Gang runter zu schalten, in sich hinein zu hören und präsent zu sein. Auch Entspannung spielt eine wesentliche Rolle während des Heilungsprozesses. Ich konnte das bei vielen Leistungssportlern beobachten. Sobald sie es geschafft hatten, mehr Zeit für ruhigere, entspannende Übungen zu investieren, verlief die Genesung schneller.

Was bedeutet das auf der körperlichen Ebene konkret?
Das heißt, an den Stellen, an denen der Schmerz sitzt, sollten weder Anspannung noch Verhärtungen vorhanden sein. Wenn die Muskeln an den betreffenden Stellen zu fest angespannt sind, ist die normale Blutzirkulation behindert. Das verlang­samt den Heilungsprozess, weil die Sauerstoffversorgung nicht optimal eingestellt ist. Wenn die Patienten lernen zu ­entspannen und es schaffen loszulassen, fördert das den Heilungs­prozess enorm.

Spielt Spiritualität eine Rolle bei deiner therapeutischen Arbeit?
Ja, aber nicht im Sinne von philosophischen Lektionen. Eher insofern, als dass ich versuche, meinen Schülern mitzugeben, wie sie üben sollen. Das ist meiner Meinung nach auch ein spiritueller Aspekt – präsent und achtsam gegenüber sich selbst zu sein. Über die Anatomie gelingt das auf eine besondere Art und Weise. Indem ich beispielsweise erkläre, wo genau die Oberschenkelmuskeln beginnen und enden, bekommen meine Schüler und Patienten die Chance, den Zugang zu ihrem eigenen Körper auf eine neue Art und Weise zu erleben. Dazu gehört auch mit alten Mustern zu brechen – seien es psychische, physische oder emotionale Muster. Diese Arbeit mit uns selbst kann sehr spirituell sein.

Wie passen die Jahrtausende alte Yoga-Tradition und die westlichen Therapieansätze zusammen?
Ich finde die Kombination äußerst spannend. Ich denke beide Teile bedingen sich im Wachstum gegenseitig. Die Aufmerksamkeit für westliche Medizin hilft dabei, Yoga besser in unsere Gesellschaft zu integrieren. Ich bin davon überzeugt, dass Yoga eine entscheidende Rolle im Heilungsprozess spielt. Sie ergänzen sich gegenseitig.

Inwiefern beeinflusst dein vermitteltes Anatomie-Wissen die Yoga­Praxis deiner Schüler?
Meinst du in meinen regulären Klassen zu Hause?

Generell.
Es beeinflusst die Art und Weise, wie ich Asanas unterrichte und wie ich Anfänger aufbaue. Mein Team und ich haben ein System entwickelt, bei dem zuerst einmal das Bewusstsein für den Beckenbereich, beziehungsweise „the core“, geschaffen wird. Ebenso wichtig ist es, zu zeigen, wie die ideale Ausrichtung für die Knie aussehen sollte. All das ist jedoch Teil meiner Asana-Klassen. Anatomie-Workshops, wie hier auf dem Trans­atlantic Yoga Festival in Köln, unterrichte ich normalerweise zu Hause nicht. Während meiner regulären Klassen richte ich zusätzlich den Fokus auf ein Körperteil und arbeite verstärkt mit Wiederholungen. Bestimmte Alignments werden in verschiedenen Positionen wiederholt, so dass am Ende der Stunde wirklich jeder verstanden hat, worauf es ankommt. Meiner ­Erfahrung nach hilft der anatomische Background, die Asanas und speziell die Ausrichtung der Asanas leichter zu erlernen. Und ich habe das Gefühl, die Schüler können ausgewählte Themen besser vertiefen.

Wie gelingt es dir, deine Anatomie-Workshops so anschaulich und ­spannend zu gestalten?
Ich kenne viele Yoga-Lehrer, die von straubtrockenen Anatomie-Stunden während des Teacher Trainings berichten. Es fällt ihnen schwer, sich an den vermittelten Stoff zu erinnern und es gelingt ihnen nicht, ihn in Verbindung mit den Asanas zu bringen. Genau da setze ich an. Ich verknüpfe die Anatomie direkt mit den Übungen, um den inneren Körper spürbar zu machen. Meine Schüler studieren nicht nur Fachliteratur und schauen die Muskelgruppen darin an, sondern sie lernen, sie während der Praxis explizit zu lokalisieren und zu spüren.

Julie, wie sieht es mit deiner persönlichen Yoga-Praxis aus? Übst du jeden Tag?
Nein, aber an den meisten Tagen. Wenn ich müde bin oder mich gerade etwas Wichtiges beschäftigt, gestatte ich mir durchaus Tage ohne Yoga. Außerdem ist es schwierig auf Reisen. Die Hotelzimmer sind meistens nicht geräumig genug, um die Yoga-Matte auszurollen.

Apropos Reisen, bitte erzähl doch noch kurz, weshalb bei dir immer eine Gepäckkontrolle am Flughafen stattfindet?
Ah, du spielst auf meine Leichenteile im Koffer an. (lacht) Für meine Anatomie-Workshops habe ich natürlich Anschauungsmaterial dabei. Die Flughafenmitarbeiter am Check-In sehen auf ihren Monitoren also Oberarmknochen, Lendenwirbel oder ein Schultergelenk. Es ist immer das Gleiche: Ich öffne meinen Koffer. Ich erkläre, dass ich Anatomie unterrichte und werde leicht komisch angeschaut.


Die 59-jährige Physiotherapeutin und Iyengar Yoga-Lehrerin Julie Gudmestad lebt und unterrichtet in Portland/Oregon, USA. Sieben Jahre lang hat sie regelmäßig die Anatomie-Kolumne für das amerikanische YOGA JOURNAL geschrieben.

Fotos: Peter Rose

In 7 Schritten zum Yoga-Revival

Yoga Revival – So halten Sie Ihre Praxis fresh!

Klingt Ihre erste Begeisterung für Yoga ab? Entfachen Sie das Feuer neu! YOGA JOURNAL präsentiert sieben Ideen, um die Leidenschaft für die Praxis weiter brennen zu lassen.

Erinnern Sie sich noch, wie leidenschaftlich Ihre Beziehung zu Yoga begann? Die ersten Wellen des Verliebtseins, ekstatische Hingabe und das Gefühl, immer mehr zu wollen? Es war saftig, köstlich, vielversprechend. Dieses intime Verhältnis kann sich dauerhaft vertiefen, wenn Sie mehr über die Philosophie und die Haltungen im Yoga lernen.

Alles ist gut… bis Sie plötzlich feststellen, dass Sie sich langweilen. Sie haben die „Wartungsphase“ erreicht, in der sich Ihre tägliche Yoga-Routine ähnlich aufregend anfühlt wie der Abwasch. Die regelmäßige Mittwochs-Stunde ist nur ein weiterer Termin in Ihrem hektischen Wochenplan, der absolviert werden muss. Die Frage lautet: Was kann man dagegen tun? „Eine Yoga-Praxis funktioniert wie eine Ehe oder jede andere lange Beziehung“, erklärt die 46-jährige Yogini Mebbie Jackson. „Wenn der Alltag hektisch ist und man dem Yoga nicht genug Aufmerksamkeit widmet, läuft man Gefahr, stecken zu bleiben. Es erfordert Arbeit, neue Energie und ein paar Tricks, damit die Sache interessant bleibt.“

Mebbie Jackson sucht regelmäßig neue Wege, ihre Leidenschaft für Yoga frisch zu halten. Einer davon führte sie eines Abends in einen Anusara Workshop bei dem Lehrer Martin Kirk. In seinem Unterricht spielt die Leidenschaft eine zentrale Rolle. „Lassen Sie das Üben nicht zur Routine werden und hüten Sie sich davor, in Dogmen zu verfallen“, lautet sein Ratschlag. „Benennnen Sie die Dinge, die Sie am Yoga wirklich lieben, und erforschen Sie sie tiefer. Lassen Sie diese Liebe Ihre Praxis inspirieren, so dass sie wiederum Ihr Leben bereichert.“

Genau das waren die Worte, die Jackson dringend brauchte. „Ich habe den Workshop gebucht, um mich neu zu meinem Yogaweg bekennen zu können. Dazu war neue Herausforderung notwendig“, erzählt sie. „Ich praktiziere seit 19 Jahren und versuche, die Übungen in meinen täglichen Ablauf zu integrieren. Aber wenn man anfängt, Yoga als Pflichtprogramm zu verstehen, neigt man dazu, die genussreichen, ideellen Aspekte der Praxis zu vergessen. Auf sie musste ich wieder hingewiesen werden.“ Wäre es auch für Sie hilfreich, wenn Sie sich wieder daran erinnerten? Falls ja, können die folgenden sieben Ideen Vorschläge für eine Neubelebung Ihrer Praxis sein. Lassen Sie sie auf sich wirken, probieren Sie sie aus oder finden Sie mit ihrer Unterstützung Ihren eigenen Weg. Vielleicht bieten Ihnen diese Tipps genau die richtigen Hinweise, um die Flammen Ihrer Yoga-Leidenschaft neu zu entzünden.

Liebevolle Widmung
„Manchmal entstehen im Yoga Langeweile oder der Eindruck, mit der Praxis in einer Sackgasse angekommen zu sein. Das kann passieren, wenn eine bestimmte Haltung nicht gemeistert werden kann, wie etwa der Handstand“, sagt Adi Carter, eine US-amerikanische Lehrerin, die Anusara, Ashtanga, Iyengar und Jivamukti Yoga mit Pilates kombiniert. „Es kann unglaublich viel bewirken, wenn man seine Praxis einem Gefühl der Dankbarkeit widmet – dafür, was der eigene Körper leisten kann, oder einfach für die Schönheit des Atems.“ Carter rät ihren Schülern, die Stunde mit Dankbarkeit für den momentanen Stand der Dinge zu beginnen. Von dort aus können sie ihren Fokus nach außen richten. „Jedes Mal, wenn wir auf die Matte kommen, erhalten wir die Gelegenheit, uns zu fragen: „Wovon wollen wir in unserem Leben mehr haben?“, so Carter. „Es ist nicht die leichteste Frage, aber es lohnt sich, sie zu stellen. Wenn wir unsere Antwort gefunden haben, können wir die Intention fassen, die Energie unserer Praxis auf die Verwirklichung dieser Antwort zu richten.“

Vielleicht möchten Sie mit Ihrer Praxis mehr Flexibilität in Körper und Geist erreichen und setzen sich dieses Ziel als Intention. Oder Sie widmen sich dem Vorhaben, Frieden in ihren Beziehungen zu schaffen. Sie können auch etwas Praktisches wählen, etwa die Menge an Müll zu reduzieren, die Sie verursachen. „Jede Intention wird durch die Yoga-Praxis aufgewertet – also wählen Sie eine gute“, rät Carter.

Jodie Vicenta Jacobson, 32, hilft es, in Carters Stunden liebevoll an die Kinder dieser Welt zu denken. „Wenn ich innehalte, still werde und ruhig einatme, erinnere ich mich daran, dass Yoga viel größer ist als ich“, berichtet sie. „Ich glaube, dass Yoga dazu beiträgt, meine Intention nach zu außen zu senden und sie gleichzeitig für mich zu versiegeln. Davon bin ich jedes Mal überwältigt.“

Präzision und Gefühl
Wenn Sie Ihren herabschauenden Hund üben, konzentrieren Sie sich womöglich auf die wichtigen Details: Sie belasten Ihre Handflächen gleichmäßig, aktivieren die innere Spirale der Beine und beachten die Ausrichtung der Ellenbogenfalten. Aber sind Sie wirklich und wahrhaftig in der Haltung? „Viele erfahrene Übende sind so damit beschäftigt, ihre Arme und Beine korrekt einzusetzen, dass sie vergessen, die Asana zu fühlen“, so Susi Hately, eine Kinesiologin, die in den USA und Kanada Anatomie- und Asana-Workshops unterrichtet. „Ich möchte, dass die Schüler verstehen, wie sich ihr Armknochen in seinem Gelenk bewegt oder wie der Beckengürtel funktioniert. Wenn wir einmal verstanden haben, wie unser Körper tatsächlich funktioniert, kommt automatisch eine viel umfassendere Ausrichtung.“

Hately ist ein großer Fan von Yoga-orientierten Anatomie-Workshops und Einführungskursen an Volkshochschulen und Massage-Instituten. „Ein guter Grundkurs in Anatomie gibt wesentliche Informationen: Dieser Muskel hängt an diesem Knochen und bewegt das Gelenk in die folgende Richtung, und so weiter. Das ist der Schlüssel zum grundlegenden Verständnis für den Körper und kann uns sehr aufschlussreichen Einblick in die Funktion unserer Yogapraxis geben.“

Mit einem soliden Grundwissen in Anatomie verstehen Sie, was Ihr Lehrer wirklich meint, wenn er vom „inneren Rotieren der Arme“ spricht, oder warum es eine verengte Brustmuskulatur erschwert, die Arme über den Kopf zu strecken. Mit etwas Übung werden Sie sich die Ursache-Wirkung-Kette vorstellen können, die jede Aktion der Muskeln in Bewegung setzt. Dieses Wissen kann frische Neugier in Ihre Praxis bringen. „Wenn wir den Körper und die Art seiner Bewegungen kennen, werden wir fähig, die Haltungen von innen heraus auszuführen – und sie nicht von außen an uns heranzuholen“, so Hatelys Überzeugung.

Teamwork
Eine traditionelle Ashtanga Praxis wird im Mysore Stil geübt: Schüler kommen zusammen, um gemeinsam zu praktizieren, aber führen nicht notwendigerweise die gleichen Haltungen aus. Falls es in Ihrer Stadt kein Mysore Studio gibt, schließen Sie sich mit anderen Ashtanga Yogis zusammen. Wie etwa die Yogalehrerin Ann Austin. Ihre Lösung: Mit ihrer Freundin Lucky Jamison suchte sie sich einen eigenen Raum. „Wir richten uns, egal wo wir sind, einen kleinen Mysore-Raum ein – zur Zeit in meiner Scheune“, erzählt Austin. „Wir treffen uns vier Mal die Woche um sechs Uhr früh und praktizieren. Dann gehen wir nach Hause, machen die Kinder für die Schule fertig und gehen voller Energie durch unseren Alltag.“

In der gemeinsamen Übungszeit inspirieren, motivieren und korrigieren sich die beiden Yoginis. „Dadurch behalten wir einen ehrlichen Blickwinkel“, berichtet Austin. „Wenn man allein übt, neigt man eher dazu, nur das zu machen, was man möchte oder mag. Trotzdem sind wir nicht streng, denn wir lieben diese Praxis. Vor allem das ist es, woran wir uns gegenseitig erinnern.“ Ann und Lucky haben auch schon gemeinsam Retreats besucht und auf die Kinder der Freundin aufpasst, damit diese zu Workshops gehen konnte. Seit einiger Zeit studieren sie gemeinsam die Yoga Sutren. „Alles, was man braucht, sind eine Freundin, die die eigene Begeisterung teilt, und ein Raum zum Üben, der vom restlichen Leben etwas abgegrenzt ist“, lautet Austins Erfahrung. „In der Lage zu sein, seine eigenen Übungszeiten und seine eigene Praxis zu haben – aber nicht gezwungen zu sein, den Weg alleine zu gehen – ist von unschätzbarem Wert.“

Audiovisuelle Hilfe
Wenn Kimberly Greeff, 29, Lust auf eine Yogastunde hat, kann sie dieser nicht so einfach nachgeben. Sie ist eine viel beschäftigte Künstlerin, Mutter und die Mitbesitzerin eines Yogastudios. Also macht Greeff das, was alle technikaffinen, unter Zeitmangel leidenden und etwas entlegen wohnenden Yogis tun: Sie laden sich einen inspirierenden Podcast herunter. „Sie sind ideal, um meine Studien zu vertiefen“, erklärt sie. „Ich liebe Begegnungen und Workshops mit Yogameistern, aber leider machen die meisten von ihnen selten in meiner Heimatstadt Station.“

Kimberly Greeff unterrichtet Forrest Yoga und bildet sich über Ana Forrests Podcasts weiter. Darüber hinaus ist sie ein großer Fan von Alanna Kaivalya, eine Jivamukti Meisterin aus New York, die auf Ihrer Website www.jivadiva.com ein Podcast-Abo anbietet. Deutsche qualitativ hochwertige Yoga Podcasts sind etwa auf www.yogamour.de, www.yogaya.de oder www.yogaeasy.de zu finden.

Auch DVDs können als kraftvolles Heilmittel gegen Yoga Burnout eingesetzt werden, empfiehlt Richard Rosen, Mitarbeiter beim amerikanischen YOGA JOURNAL. „Es gibt einige Titel, die ich aufgrund ihrer Ästhetik, ihres Ansatzes und neuen Ideen für die individuelle Praxis immer wieder zu Rate ziehe“, erzählt er. Die folgende Übersicht empfiehlt eine Auswahl an Titeln, die nach Meinung der YOGA JOURNAL Redaktion neue Begeisterung für die Praxis wecken können.

Stilwechsel
Es kann ohne Ironie gesagt werden, dass jede Phase des Zweifelns und der Erschöpfung eine Chance für Selbstreflexion ist. Auch Yoga gibt diesem Prozess Bedeutung: Eines der Niyamas (Beobachtungen) ist Svadhyaya oder „Selbststudium“, eines der Elemente auf dem achtgliedrigen Yogapfad. Svadhyaya kann auch durch das Ausprobieren verschiedener Stile geübt werden, sagt Shannon Paige Schneider, Gründerin mehrere Yogastudios. „Erstellen Sie eine Liste aller Stile, die Sie in Ihrer Nähe testen können, und nehmen Sie diese Stunden systematisch wahr“, rät sie. „Lassen Sie sich alle paar Wochen auf eine neue Richtung ein und erkunden Sie, was Sie daran mochten oder nicht. „Wenn Sie normalerweise in einer Tradition mit Fokus auf präzise Ausrichtung üben, wird Ihnen womöglich etwas mehr Fluss in den Übungen gefallen. Wenn Sie Vinyasa gewohnt sind, könnten Sie neue Kraft durch die Ruhe einer Iyengar Klasse finden. Und Menschen, die eine regenerierende Yogastunde besuchen, sind oft erstaunt, dass man auch auf dem Boden liegen und Yoga die Arbeit machen lassen kann“, so Paige Schneider. Ihr zufolge ist der Eindruck, eine eingefahrene Praxis zu haben, ein Zeichen, dass man sich nach Neuem sehnt: „Aus einer ungewohnten Übungsfolge entsteht eine frische Perspektive auf die eigene Routine – allein dadurch, dass Sie Ihren Körper neu einsetzen. Eine spannende Gelegenheit, mehr über sich selbst zu erfahren!“ Hierzu muss die Erfahrung nicht einmal positiv sein. „Was man nicht mag, ist ebenso relevant wie das, was einem gefällt“, fügt Paige Schneider hinzu. „Wenn Sie sich in der Hot Yoga Stunde nicht wohl fühlen, wissen Sie, dass Sie eher eine kühlende, beruhigende Praxis brauchen. Zündende Einsichten ergeben sich sowohl aus guten wie aus unangenehmen Erfahrungen.“

Ganz privat
Manchmal ist die beste Möglichkeit, eine Yoga-Talsohle zu überwinden, noch tiefer zu gehen – indem man eine Privatstunde nimmt. „Wenn Sie sich in einer Sackgasse befinden, sollten Sie Ihr Geld besser in eine Privatstunde als eine Fünferkarte investieren“, rät Paige Schneider. „Vielleicht frustriert Sie eine bestimmte Haltung, oder Sie wissen nicht, auf welche Weise Sie in Ihrer Praxis vorankommen können. Vielleicht brauchen Sie Anleitung für neue Sequenzen, die Sie neu für Yoga begeistern können.“ In einer Privatstunde können Fragen diskutiert werden, für die im normalen Unterricht kein Raum ist. „Sie können jahrelang unter Aufsicht eines Lehrers mit 40 anderen Schülern praktizieren und niemals bemerken, dass im Ausfallschritt Ihr innerer Oberschenkel einknickt“, erklärt Paige Schneider. „In konzentrierterer Atmosphäre stellt der Lehrer sicher, dass Sie die Bewegung korrekt ausführen. Am Ende erkennen Sie, dass das Anheben Ihres inneren Oberschenkels der Schlüssel zur Verbesserung all Ihrer stehenden Haltungen ist.“

Privatstunden sind kein billiges Vergnügen und variieren je nach Lehrer zwischen etwa 50 und 100 Euro. Doch das Investment in Ihre Yogazukunft lohnt sich. Bevor Sie Ihren Termin vereinbaren, können drei Fragen an den Lehrer nützlich sein: Geben Sie viele Privatstunden? Geben Sie gerne Privatstunden? Wieviel Zeit nehmen Sie sich für Privatstunden? „Dies alles ist wichtiger als die Frage: Wieviel kostet es?“ so Paige Schneider.

Dem Lehrer folgen
Ein fundamentaler Lehrsatz im Yoga lautet, dass sich alle Antworten auf unsere Fragen – darunter auch die nach der Auflösung von Niedergeschlagenheit – in unserem Inneren finden lassen können. Das Problem dabei ist, dass es Übung braucht, die entscheidenden Fragen zu erkennen – und ihre Antworten zu hören. Paradoxerweise profitieren wir beim Schärfen der Selbsterfahrung am meisten von den Ratschlägen eines weisen Lehrers, dem Guru.

„Ein echter Guru erkennt, was der Schüler braucht, und bietet zum richtigen Zeitpunkt entsprechende Übungen an“, sagt Yogiraj Alan Finger, der mit seinem Vater Kavi Yogi Swarananda Mani Finger das New Yorker Ishta Yoga Studio gegründet hat. „Ernsthaft interessierte Schüler sollten sich einen Lehrer suchen, der ihnen verstehen hilft, wie alles zusammenhängt – das Verhältnis von Asanas zu Gunas, Doshas, Chakras und dem subtilen Körper. Mit diesem tiefem Verständnis, wird man die Yoga-Haltungen nie mehr langweilig finden. Man wird sie nie mehr aufgeben wollen.“

Wir kennen den Hinweis „Der Lehrer kommt, wenn der Schüler bereit ist“. Dennoch schadet es nichts, das Schicksal etwas zu steuern. Also machen Sie sich auf die Suche nach Büchern, DVDs, im Internet. Besuchen Sie Workshops und Konferenzen. Wenn Sie einen Lehrer entdecken, dessen Methode etwas in Ihnen auslöst, setzen Sie alles daran, so viel wie möglich von ihm zu lernen. Nehmen Sie sich einen bestimmten Zeitraum vor, etwa ein Jahr, und widmen Sie es ihm und diesem Ziel. Ein einziger Grund reicht aus: Es verändert

Illustration: Annick Poirier

Yoga und Sprache

Der Turmbau zu Nabel: Über das babylonische Sprachgewirr in der Yogastunde und seine fast biblischen Ausmaße

Als die Babylonier ihrerzeit einen Turm bauen wollten, hatten sie die fixe Idee, Gott näher zu kommen als ihm damals lieb war. Wenn ich mich auf der Yogamatte mit dem Kopf nach unten und dem Hintern nach oben ausrichte, habe ich ebenfalls ein hochgestecktes Ziel: dem eigenen Nabel etwas näher zu kommen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten von Nebukadnezar und meiner Yogapraxis. Denn was Gott dem Zweistromland als Strafe für seine Überheblichkeit aufbürdete, hat Yoga längst erfolgreich in den Unterricht integriert: die Multilingualität. In jeder Stunde vermischen sich problemlos mindestens drei Sprachen zu einem harmonischen Sprachgewirr, das trotzdem Hand und Fuß hat. Und zwar nicht nur im „Adho Mukha Svanasana“.

Und damit sind wir schon bei der ersten, wichtigsten yogischen Sprache: Sanskrit. Schon in den Upanishaden werden 700 v. Chr. Atemübungen beschrieben. Und zwar in einer Schrift, die für uns wie ein komplexes Teppichmuster aussieht und teilweise genauso kompliziert klingt. Yoga-Neulinge ziehen bei der Ansage, jetzt doch bitte in „Astavakrasana“ zu gehen, entweder fragend die Augenbrauen hoch oder rollen sich schutzsuchend wie ein Igel in der Kindhaltung zusammen („Balasana“).

Aber je häufiger Schweiß und Ujjayi-Atem fließen, desto flüssiger wird auch die heilige Sprache für die tapferen Yogis und Yoginis. Und plötzlich fällt einem auf, dass „Parivritta“ nur „gedreht“ heißen kann. Schließlich wird beim einfachen „Parshvakonasana“ die Leber nicht halb so ausgewrungen. Stückchen für Stückchen tastet man sich so in einer uralten Sprache voran. Bis man reflexartig und ohne viel nachzudenken das Bein hoch in die Hand wirft, sobald der Lehrer lauthals ein „Utthita Hasta Padangusthasana“ einfordert.

Warrior, Tree & Co.
So wie sich seit jeher zahlreiche Mysterien um Indien und Sanskrit ranken, überrumpelten einst ambinitionierte Engländer nicht nur das Land sondern mittlerweile auch die Sprache. Das Ergebnis: In den 1990ern wurde sie ebenfalls kolonialisiert. Seitdem marschieren freshe, hippe Teacher in Workshops ein, bewaffnet mit jeder Menge Spirit, Flow und, oh Schreck, dem allmächtigen Power Yoga. Nun lässt uns der „Warrior“ vom Oberschenkel an aufwärts erzittern, während der ohnehin schon wacklige „Tree“ keine Chance gegen den rabiaten „Downward-Facing Dog“ hat. Egal wie oft man „Shanti“ ruft und um „Ahimsa“ bettelt: Der Siegeszug der Anglizismen ist nicht zu stoppen. Warum auch? Schließlich braucht der geneigte Schüler doch manchmal einen gänzlich unspirituellen Tritt in den eher westlichen Teil seines Körpers.

Merke also: Sanskrit wird für die traditionellen, ehrwürdigen Aspekte verwendet („Kirtan“ mit „Gruppengesang“ übersetzen? Bitte nicht!) und Englisch für Dynamik sowie Modernität („Streeeeetch forward! Reach out“). Aber wo bleibt die deutsche Sprache? Tja, machen wir uns nichts vor. Deutsch ist und bleibt einfach die beste Wahl für Befehle – so auch im Yoga:„Aaaalle aufstehen, an das Kopfende der Matte treten, Füße hüftbreit geöffnet, Wirbelsäule gerade, Fingerspitzen nach unten, Kopf nach oben, Blick nach vorne…“. Kommt Ihnen bekannt vor? Unsere gute alte Muttersprache schafft es mal wieder, auch in der größten Sprach- und Körperteilverwirrung mit völliger Abwesenheit von Schnörkeln und Hipness ganz einfach die Richtung zu weisen. Sie verschafft uns mit strengen, aber verständlichen Sätzen nicht nur Halt, sondern auch Haltung.

Tatsächlich ist Yoga nicht nur eine Verbindung von Körper und Geist oder vom Selbst mit dem Ganzen. Yoga verbindet darüber hinaus alte, neue, bekannte und unbekannte Sprachen. Dabei lässt es doch jeder einzelnen ihre ureigenen Eigenschaften und individuellen Wesenszüge – in jeder Asana, jeder Class und jedem Kurs. In der Bibel wird die Sprachverwirrung schließlich nach der versöhnlichen Rückkehr des Heiligen Geistes an Pfingsten aufgehoben. Auch ich rolle mich am Ende der multilingualen Yogastunde wieder vereint mit mir zusammen. In der Happy Babylonic Pose.

Reinhold Messner: Sinn fällt nicht vom Himmel

„Der Berg macht keine Fehler. Ich bin es, der Verantwortung tragen muss.“ 1970 will eine Gruppe internationaler Bergsteiger im Himalaya den 8.125 Meter hohen Nanga Parbat besteigen, unter ihnen die Brüder Reinhold und Günther Messner. An der höchsten Steilwand der Erde entwickelt sich die Expedition zur Tragödie, die bis heute Widersprüche birgt und nun für das Kino verfilmt wurde. Im YOGA JOURNAL-Interview spricht Reinhold Messner über seine Erfahrungen mit Selbstbestimmung, Anarchie und Meditation.

YOGA JOURNAL: Reinhold Messner, neben Ihren berühmten Expeditionen sind Sie als Buchautor, Vortragender und leidenschaftlicher Umwelt-Lobbyist bekannt. Ein Kinofilm widmet sich einem Wendepunkt Ihres Lebens. Sie selbst waren wichtigster Berater von Regisseur Joseph Vilsmaier. Was lag Ihnen bei der Entwicklung von „Nanga Parbat“ besonders am Herzen?
REINHOLD MESSNER: Weil es sich um meine eigene Geschichte handelt, hatte ich eine wesentliche Funktion bei Motivsuche und Casting. Ich wollte aber auch lernen, wie es funktioniert, im Film Geschichten zu erzählen. Grundsätzlich halte ich nichts von ­„Botschaften“, im Film oder anderswo. Ein Film soll eigentlich nur eine Geschichte erzählen. Die Geschichte in „Nanga Parbat“ ist genau so passiert. Trotzdem ist es weder eine Rekonstruktion oder Erklärung und erst recht keine Rechtfertigung – einfach eine starke Erzählform für das, was 1970 am Berg passiert ist.

Ein existentielles Drama, in dem Sie ihren Bruder verloren haben.
Ohne diese Erfahrung wäre ich heute nicht der, der ich bin. Das bin ich nicht durch Erfolge geworden, sondern durch häufiges Scheitern. Die Ereignisse am Nanga Parbat bleiben natürlich auch nach 40 Jahren Teil meiner Verantwortung und Erinnerung. Das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur ist immer eine Geschichte, die im Großen und Ganzen von der Natur diktiert wird. Der Mensch kann dabei nur reagieren – vielleicht richtig, vielleicht falsch. Wenn er sein Leben retten kann, hat er vielleicht Glück gehabt. Davon erzählt diese Geschichte. Der Film gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, die Situation und die Wucht dieser Erfahrung emotional ­nachzuempfinden. Ich möchte in Zukunft weitere Filme drehen.

Als Autor oder sogar als Regisseur?
Im Grunde wäre ich der klassische Autorenfilmer. Beim Film kauft man sich alles ein: Kameraleute, Visagisten, Schauspieler und so weiter. All das auszuwählen und festzulegen, wäre genau meine Sache.

Im Spielfilm und auf gewisse Weise auch im Dokumentarfilm geht es um Inszenierung. Man braucht eine Distanz zum Thema, um es neu ­präsentieren zu können. Im Yoga, aber auch auf Ihrem Weg – der ­unmittelbaren Auseinandersetzung mit der Natur – spielt authentisches Erleben eine wesentliche Rolle. Ein Widerspruch?
Bei allem, was ich tue, geht es mir in erster Linie um ­Selbstbestimmung. Wir Menschen sollten Mut zur ­Selbstbestimmung haben. Dieser Mut ist uns abhanden ­gekommen, weil wir in großen Sicherheitsnetzen eingebettet sind und glauben, wir könnten viel Verantwortung abgeben. Wenn ich selbstbestimmt leben will, muss ich Verantwortung für mich und mein Umfeld übernehmen. Ich bin schon immer einen ganz geraden, selbstbestimmten Weg gegangen. Er findet beim Bergsteigen statt, bei den Wüstendurchquerungen, aber auch beim Aufbau meines Mountain Museums in Südtirol.

Sehen Sie sich dabei als Lernender?
Unbedingt. Bei keinem Projekt, das ich jemals angefangen habe, war ich Spezialist. Ich brauche etwa 15 Jahre, um eine Sparte zu
beherrschen. Wenn ich glaube, mich nicht mehr steigern zu können, wird mir langweilig, und ich beginne etwas Neues. Das Lernen hört nicht auf: Zum Beispiel kann ich bis heute nicht schwimmen.

Vor allem Ihr Weg als Bergsteiger wird oft als „extrem“ bezeichnet. Was bedeutet das für Sie?
Dieses Wort ist heute sehr negativ besetzt, wir sprechen vor allem im politischen Zusammenhang von „Extremisten“. Als ich anfing zu klettern, war das anders: Als junger Mensch war ich stolz, zu den „extremen Bergsteigern“ zu gehören. Das war damals eine eigene Clique, die weit über die alpine Szene hinaus bekannt war – die, die an der Grenze des Möglichen geklettert sind – und weder positiv noch negativ besetzt. Heute verstehe ich mich nicht mehr als extremer Bergsteiger, sondern als Grenzgänger, der zwischen „möglich“ und „unmöglich“ versucht, zurecht zu kommen. Alles Extreme empfinde ich als untragbar.

Derzeit hat Risiko in der Gesellschaft nicht den besten Ruf.
In der Tat. Dabei ist echtes Risiko nur dann vorhanden, wenn ich mich bewusst in eine Gefahrenzone begebe. Solange an der Eiger-Nordwand niemand klettert, gibt es dort nur Gefahr. Wenn ich hineingehe, werden die Gefahren zu Risiken. Bergsteigen ist der Widerstand gegen den herausgeforderten Tod. Dabei hängt es an mir, die Gefahren zu erkennen und zu entscheiden, ob ich mich ihnen stelle oder gar nicht erst einsteige. Man muss nicht immer höher, man kann. So verhält es sich auch mit den Risiken in der Finanzwelt. Was wir da erlebt haben, zeigt: Die Fachwelt hat gewisse Risiken nicht erkannt und kein Risiko-Management betrieben. Dadurch sind die Leute wie Schafe ins Verderben gestolpert.

Kann es helfen, die eigenen Grenzen zu kennen und radikal zu testen?
Ob ein Grenzgänger besser mit Finanzen umgehen kann, weiß ich nicht. Meine Form des Grenzgangs ist die Auseinandersetzung mit der Gefahrenzone Natur, der ungezähmten Welt ohne menschliche Infrastruktur. Dabei hat mich nie der bergsteigerische Erfolg interessiert. Mich interessiert, wie der Mensch auf die Natur reagiert. Wir gehen in eine archaische Welt ohne Gesetze. Dabei sind wir Anarchisten. Es gibt keine Regeln, wie ich die Rupal-Wand am Nanga Parbat besteige. Die entstehen erst im Laufe des Aufstiegs. Wenn wir ein Team sind, können wir das jederzeit abstimmen. Aber wir müssen das nicht.

Und doch scheinen Projekte wie die Besteigung des Nanga Parbat von Ehrgeiz getrieben…
Die Fragen, die ich mir dabei stelle, lauten: Wie funktioniert Ehrgeiz wirklich? Wie funktioniert die Selbsterhaltung, der stärkste Trieb, den wir haben? Wie funktioniert das Zusammenspiel in einer Seilschaft, die auf Leben und Tod miteinander verbunden ist? Hierfür gibt es tief in uns genetische Regeln. Ich bin überzeugt, dass sie nicht nur unsere menschliche Form mit Augen, Ohren, Nase und Verstand definieren, sondern auch einen Verhaltenskodex. Diesem habe ich immer versucht, auf den Grund zu gehen – mehr als dem, was die Menschen über die Religionen und Gesetze dazuerfunden haben. Mich interessiert eine kleine Gruppe von Menschen, die in der Wildnis unter archaischen Bedingungen anarchische Muster ausprobiert. Niemand hat dort das Recht, Macht auszuüben. Vielmehr muss abgestimmt werden, wie das Zusammenleben funktioniert – und vor allem das Überleben. Das entzieht sich jeder einfachen Moral von richtig oder falsch: In einer entscheidenden Situation am Berg braucht man keinen Schiedsrichter von außen.

Auf verschiedene Weisen bedeuten Yoga und Meditation die Öffnung von Raum, das Experiment mit neuen Territorien. Haben Sie eine ­Meditationspraxis?
Nein, ich habe meine eigene Vorstellung von Spiritualität. Generell bin ich der Meinung, dass Menschen aus dem Westen Probleme haben, sich in eine asiatische Lebenshaltung hineinzufinden. Wir sind Aktionsmenschen, die Asiaten eher meditativ. Ich persönlich finde Fokussierung in der absoluten Aktion. Aktion und Meditation sehe ich wie zwei Vektoren, die 180 Grad auseinanderlaufen. In der Mathematik ergibt das in der Unendlichkeit einen Kreis: Die vermeintlichen Gegenpole kommen wieder zusammen. Sie werden ein- und dasselbe.

Die absolute Konzentration beim Bergsteigen als Meditation?
Wenn ich beim Klettern hundertprozentig gefordert bin und allein zum Überleben jede Bewegung sitzen muss, ist das nichts anderes als Meditation. Es entsteht ein Flow-Zustand, ein aus der Zeit genommener, auf wenige Quadratmeter fokussierter Zustand, in dem das Außen und die Zeit nicht mehr existeren. Aus der ersten Phase meines Lebens, die komplett vom Bergsteigen dominiert war, habe ich mir die Fähigkeit geholt, eine Sache ganz konzentriert zu machen. Das übertrage ich auf alles, was ich tue.

Viele Menschen führt eine tiefe Suche nach Sinn zum Yoga – vielleicht auch zum Bergsteigen?
Sinn fällt nicht vom Himmel. Er entsteht dann, wenn ich für eine Sache Begeisterung aufbringe. Wir sind es selbst, die Sinn ­stiften, wenn wir uns eine Sache, eine Person oder ein Tun ­wichtig machen. Sinn entsteht, indem ich mich selbstbestimmt mit einem Tun identifiziere. Deswegen ärgere ich mich, wenn ich als reiner Egoist dargestellt werde. Warum darf ich nicht meiner Sache ­nachgehen? Warum muss ich das tun, was andere von mir ­erwarten? Das tue ich einfach nicht.

Auch der Yoga-Weg kann zu größerer Freiheit und Selbstbestimmung führen. Ein radikaler Weg?
Immerhin ein Weg, der bestimmt nicht zu totalitären Systemen führt. Ein Yogi oder Grenzgänger interessiert sich nicht für Macht. Er will nicht beherrscht sein, aber auch keine Macht ausüben.

Er will vor allem die Verbindung. In diesem Zusammenhang liest sich auch Ihre Biografie schlüssig: Aus Allein- und Grenzgängen entsteht große Verbundenheit und Bewusstsein für Natur, Ökologie und die Gesellschaft, bis hin zum politischen Engagement.
Meine Erfahrungen haben mich nachhaltiges Denken und Erkennen gelehrt. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, viel Geld zu verdienen. Es ist nicht wichtig, was wir an Mitteln, sondern an Erfahrung haben.

Auf Ihren Grenzgängen haben Sie viele heilige Orte durchquert. ­Welche Inspirationen haben sie Ihnen gegeben?
Inzwischen habe ich verstanden, warum Berge wie der Kailash, der Fujiyama oder der Ayers Rock heilig sind. Es ist die Faszination des Überblicks, die die Höhe suggeriert. Von oben erkennt man mehr: Das ist geografisch ­natürlich richtig. Aber deswegen ist nicht die Erkenntnis nach innen größer. Insgesamt halte ich mich von Religionen oder menschengemachten Erkenntnisse fern, auch wenn sie von großartigen Sozialpolitikern wie Christus oder Mohammed ­formuliert wurden. Dennoch glaube ich, dass in den nächsten 1000 Jahren der Buddhismus zur bestimmenden Lebenshaltung werden wird. Er sieht sich nicht als gottgegeben, sondern von einem Philosophen gestiftet, in dessen Lehre Verzicht essenziell ist. In meinem Museum stelle ich die Berge als religionsstiftende Orte vor. Dabei spreche ich nicht vom Göttlichen, sondern vom Jenseitigen. Das ist für uns Menschen nicht zugänglich, da wir kein Instrumentarium jenseits des  Menschseins haben.

Können wir uns nicht zumindest eine Ahnung davon verschaffen, sei es in der Meditation oder auch in der Natur?
Die absolute Aktion oder Meditation kann eine Ahnung bereithalten: wenn ich mir keine Fragen mehr stellen muss, wenn ich als gesamtes Wesen die Antwort auf alles bin. Manche Religionen sagen: Gott ist die Antwort auf alles. Aber das erreiche ich auch, wenn ich ganz konzentriert klettere und mich nicht mehr frage, was ich da eigentlich tue. Dann gibt es nichts mehr, was mich aus dem Gleichgewicht bringen kann. Hierzu eine Geschichte: Als man in Australien den Ayers Rock zur erweiterten Touristenattraktion machen wollte, haben die Aborigines ihre Zustimmung zum Bau von Hotelkomplexen und weiteren Service-Einrichtungen ­verweigert. In einem juristischen Prozess verteidigten sie ihren heiligen Platz. Die Anwälte fragten sie: „Was ist daran so ­heilig?“ Die Aborigines antworteten: „Es ist der Sitz des Nichts.“ Die Anwälte: „Sehr gut, das Nichts muss doch gefüllt werden.“ Die Aborigines: „Nein. Die absolute Leere ist das Heiligste, was es gibt.“ Sie bekamen Recht. Durch Verzicht kann man den Wert des Lebens neu erkennen.


„Wir haben uns auf eine schwierige Expedition begeben und sind eine ­Seilschaft geworden“, sagt Reinhold Messner über seine Zusammenarbeit mit Regisseur Joseph Vilsmaier („Herbstmilch“, „Schlafes Bruder“) für „Nanga Parbat“ (2010). Der Film erzählt vom verzweifelten Überlebenskampf zweier Brüder, die sich  gemeinsam einen Traum erfüllen wollten.

Foto: Markus Werner

Yoga Nidra in 10 Schritten

Tiefe Entspannung mit Yoga Nidra Meditationsanleitung in 10 Schritten

Vorbereitung für die Yoga Nidra Entspannung: Für ein entspanntes Liegen platziere einen Block flach unter das obere Ende eines Bolsters. Dann lege dich längs auf diese Schräge, die Sitzknochen sind auf dem Boden, vom unteren Rücken bis zum Kopf stützt dich das Bolster, eine gefaltete Decke dient als Kopfkissen. Nimm bewusst wahr, welche Geräusche, Gerüche, Farben und Lichtverhältnisse dich umgeben, was du schmeckst – und heiße all diese Wahrnehmungen willkommen. Lass im ganzen Körper los und spüre, wie sich ein Gefühl der Entspannung in Körper und Geist ausbreitet.

1. Verbindung mit dem Herzenswunsch
Bringe dir deinen tiefsten Wunsch zu Bewusstsein, etwas, das du dir mehr wünschst als alles andere im Leben. Das kann Ge­sundheit sein, Wohlbefinden, spirituelles Erwachen oder etwas anderes. Spüre diesen Wunsch im ganzen Körper, stell dir vor, er sei Wirklich­keit geworden und erlebe ihn in diesem Moment als wirklich.

2. Eine Intention festlegen
Denke darüber nach, was du dir für deine heutige Praxis vornimmst. Das könnte Ruhe und Entspannung sein, oder die Erforschung einer bestimmten Empfindung, eines Gefühls oder einer Überzeugung. Heiße die Intention willkommen und bejahe sie mit deinem gesamten Körper und Geist.

3. Die „innere Zuflucht“ finden
Lenke die Aufmerksamkeit auf deine „innere Zuflucht“, den sicheren Hafen in dir selbst, einen Ort, an dem du Geborgenheit, Wohlbefinden und Ruhe erfährst. Dazu kannst du dir einen Platz vorstellen, eine Person oder eine Erfahrung – etwas, mit dem du dich rundum sicher und wohl fühlst. Immer wenn du dann während der Praxis oder im Alltag das Gefühl hast, von einer Emotion, einem Gedanken oder einer Situation überwältigt zu werden, kehre an diesen beruhigenden Ort zurück.

4. Den Körper abtasten
Lenke die Aufmerksamkeit nach Innen und auf alle Teile deines Körpers: Spüre den Kiefer, den Mund, die Ohren, die Nase und die Augen. Dann nimm die Stirn wahr, den Schädel, den Hals und den Rachen. Anschließend „scannst“ du den linken Arm, die linke Handfläche, dann den rechten Arm und die rechte Handfläche und schließlich beide Arme und Hände zugleich. Nun spürst du den Rumpf, das Becken und das Kreuzbein. Nimm die Empfindungen der linken Hüfte, des linken Beins und des linken Fußes wahr, anschließend die rechte Hüfte, das rechte Bein und den rechten Fuß. Spüre den gesamten Körper als ein Feld von strahlenförmigen Empfindungen.

5. Atembewusstsein herstellen
Spüre, wie der Körper ganz von selbst atmet. Beobachte den natürlichen Fluss der Atemluft in den Nasenflügeln, in der Kehle und im Brustkorb. Nimm wahr, wie sich der Bauch bei jedem Atemzug hebt und senkt. Erlebe jeden Atemzug als einen Energiefluss, der durch den gesamten Körper strömt.

6. Empfindungen annehmen
Alle körperlichen Empfindungen (zum Beispiel Schwere, Anspannung oder Wärme) und alle Gefühle (wie Traurigkeit, Wut oder Sorge) nimmst du einfach so an, wie sie in deinem Körper und Geist anwesend sind. Nimm aber auch die entgegengesetzten Empfin­dungen wahr: Wenn du dich sorgst, rufe Gelassenheit in dir wach, wenn du angespannt bist, erfahre wohliges Lösen. Spüre jede Empfindung und ihr Gegenteil innerhalb deines Körpers.

7. Gedanken wahrnehmen
Beobachte die Gedanken, Erinnerungen und Bilder, die durch deinen Geist strömen und nimm auch diese an. Beobachte ohne zu urteilen und ohne zu versuchen, etwas zu verändern. Wenn du dabei auf Meinungen stößt, die du von dir selbst hast, dann rufe dir auch hier die Gegenteile ins Bewusstsein und nimm die Erfahrung so an, wie sie ist.

8. Freude erleben
Heiße Gefühle wie Freude, Wohl­behagen und Glück willkommen, die sich von deinem Herzen oder Bauch aus im Körper und im Raum um dich herum ausbreiten. Spüre, wie mit jeder Ausatmung Wärme, Freude und Behaglichkeit durch deinen Körper strahlt.

9. Sich selbst beobachten
Sei dir deiner „Ich­heit“, deiner Per­sönlichkeit bewusst. Nimm diese Identität wahr, wenn du sagst „Ich bin hungrig“, „Ich bin wütend“ oder „Ich bin glücklich“. Dann ziehe dich auf den Beobachterstandpunkt zurück und erlebe dich als Zeug*in, als das Bewusstsein, das all diese Empfindungen und Gedanken erkennen kann. Lass das Den­ken außen vor und verschmelze mit dem Bewusstsein – wach und im „bewussten Sein“ deiner selbst.

10. Die Praxis rekapitulieren
Um die Praxis abzuschließen, re­kapituliere noch einmal die Reise, die du unternommen hast. Versichere dich, dass das Gefühl reinen Daseins oder reinen Bewusstseins tief im Inneren immer da ist – ein unabänderlicher Frieden, der den Untergrund bildet für die sich ständig wandelnden Zustände. Stell dir vor, wie du dieses Gefühl in dein Alltagsleben integrierst: Sowohl in angenehmen als auch in schwierigen Momenten kannst du dich mit diesem Gleichmut verbinden.

Ausklang
Richte dich beim Übergang zurück ins wache Leben nach deinem eigenen Tempo. Orientiere dich langsam wieder in deiner Umgebung – aber bevor du allmählich ganz zurück ins Hier und Jetzt kommst, halte noch einen Moment inne und bedanken dich dafür, dass du dir diese Zeit für dich selbst genommen hast.

(Bildquelle: Pixabay)


Möchtest du mehr über Yoga Nidra Nidra erfahren? Dann höre dir gerne diese Folge des YogaWorld Podcast an:

Tiefer eintauchen mit dem Yoga-Sutra

Uns einer höheren Macht hingeben – eine Methode, die wir oftmals in ausweglosen Situationen nutzen. Im Yoga-Sutra hingegen transformiert Patanjali Ishvara pranidhana – die Hingabe an das Göttliche – von diesem „letzten Ausweg“ zu einer essenziellen Praxis. Sie beruhigt den Geist und schafft tiefe Verbundenheit.

Als Ashtanga-Schülerin in Pattabhi Jois Yoga-Shala, in Mysore, ging ich die wenigen Blocks zur Schule am liebsten zu Fuß. Die erste Klasse begann bereits um halb fünf Uhr morgens, und in der dunklen Stille vor Sonnenaufgang säumten bereits mit Saris bekleidete Frauen die Seitenstraßen der Nachbarschaft. Auf dem Boden vor ihren Häusern kniend, erschufen sie so genannte Rangoli, indem sie Reismehl durch ihre Finger rieseln ließen. Die so entstandenen heiligen Zeichen sind auch als Yantras bekannt. Einfach aber auch sehr detailreich gestaltet, strahlten diese Opfergaben an Lakshmi, die Göttin des Glücks und des Wohlstands, stets vor Lebendigkeit – um mit dem Einsetzen des morgendlichen Straßenverkehrs jedoch unweigerlich wieder zerstört zu werden. Die Hingabe, die Kreativität dieser Frauen und nicht zuletzt ihre Bereitschaft, die wunderschönen Werke loszulassen, inspirierte mich stark. Ich freundete mich mit einigen von ihnen an. Als sie mir ein paar einfache Rangoli beibrachten, begriff ich, dass diese Opfergaben nicht bloß eine Pflichtübung oder reine Dekoration darstellen. Vielmehr verbirgt sich dahinter eine kreative Art und Weise zu meditieren, eine Praxis, um sich mit dem Göttlichen in uns allen zu verbinden. Oder wie mir eine der Mütter mit einem Lächeln erklärte: „Diese Opfergaben erinnern mich an das große Ganze, was mir dabei hilft, mich um die kleinen Dinge zu kümmern.“ Wie so viele alltägliche Rituale in Indien, sind diese morgendlichen Opfergaben als Teil der Yogapraxis des Ishvara Pranidhana zu sehen – die Hingabe (Pranidhana) an eine höhere Macht (Ishvara). Ishvara pranidhana ist das Yoga des „Großen Ganzen“: Es stößt einen heiligen Perspektivenwechsel an, der uns hilft, uns der Anmut des reinen Daseins zu erinnern.

Auf moderne Westler mag diese Idee der Hingabe merkwürdig wirken. Uns einer höheren Macht hinzugeben, kennen wir in der Regel als allerletzten Ausweg. Wenn wir unüberwindbar erscheinenden Problemen gegenüberstehen oder wir die Grenzen unseres Willens und unserer Fähigkeiten aufgezeigt bekommen. Im Yoga-Sutra hingegen transformiert Patanjali Hingabe von diesem „letzten Ausweg“ zu einer essenziellen, fortwährenden Praxis. Er stellt Ishvara pranidhana immer wieder als eines der fünf Niyamas (Verhalten sich selbst gegenüber) des achtgliedrigen Pfades heraus (YS 2.32). Zusammen mit Tapas (Disziplin, Ausdauer) und Svadhyaya (Selbstreflexion) ist Hingabe ein Teil des Kriya Yoga (YS 2.1.). Für Patanjali stellt Ishvara pranidhana eine wirksame Methode dar, die ständige Unruhe des Geistes aufzulösen, und damit einen Weg zu Samadhi, einem Zustand der tiefen Verbundenheit. Wie ist das zu erklären? Ishvara pranidhana löst unseren Blickwinkel vom „Ich“. Es löst uns von all den engstirnigen Belangen und Ansichten, die oftmals die Quelle ständiger Ablenkung sind und dazu beitragen, dass wir uns vom Göttlichen abgeschnitten fühlen. Indem wir durch Ishvara pranidhana vom Ego abrücken und uns stattdessen auf die Heiligkeit des Seins konzentrieren, verbinden wir uns mit unserem wahren Selbst. „Durch die Hingabe wird das Ego des Übenden ausgelöscht, und Gnade ergießt sich wie ein Sturzbach auf ihn“, stellt B.K.S. Iyengar in „Licht auf Yoga“ fest. Genau wie das Absteigen durch verschiedene Phasen der Spannung bis zur Entspannung in Shavasana, bietet Ishvara pranidhana einen Weg durch die Hindernisse unseres Egos hin zu unserer göttlichen Natur. Dieser Weg führt schließlich zu Anmut, Frieden, bedingungsloser Liebe, Klarheit und Freiheit.

Verbindung schaffen
Um Ishvara pranidhana zu üben, müssen wir zunächst mit unserer eigenen Verbindung zum Universum beginnen. Im Yoga sprechen wir in diesem Zusammenhang von Ishta-Devata. Die yogische Vorstellung von Ishta-Devata geht davon aus, dass wir alle unsere eigene, persönliche Verbindung zum Göttlichen haben und diese einen mächtigen Weg zum Yoga, zur Einheit darstellt. In der indischen Tradition verehren viele Sadhus (Mönche) Shiva in seiner Funktion als Ur-Yogi. Andere verehren Vishnu, vor allem in seinen Inkarnationen Rama oder Krishna. Aber auch weibliche Göttinnen erfahren eine solche Verehrung, wie etwa Lakshmi, Kali oder Durga.
Der bedeutende Lehrer Sri T. Krishnamacharya war hingegen der Ansicht, dass Yogaübende aus dem Westen besser ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorstellungen vom Heiligen und Göttlichen verwenden sollten, um ihre Verbindung zu Ishvara zu vertiefen.
Ich fühlte mich schon immer zur indischer Kultur hingezogen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass selbst meine katholische Großmutter und ihre Hingabe an die heilige Maria Einfluss auf mich hatten. Als junges Mädchen beobachtete ich meine Oma oft beim Beten. Sie lag dabei auf ihrem Bett unter einem Maria-Bildnis und betete den Rosenkranz. Ishta-Devata kann jedoch auch andere Formen annehmen: Mein Vater ist Künstler und er sieht beispielsweise im Licht das Göttliche, in der Natur, in den Augen der Menschen, in der Kunst. Im Yoga begreift man Ishvara jenseits bestimmter Formen, vielmehr drückt sich Ishvara in allen Erscheinungen aus. Dafür steht die heilige Silbe Om, Ishvara versteht man hier als reine Schwingung. Ishta-Devata ist die Form, die diese Schwingung im Herzen annimmt.

Im Yoga-Sutra beschreibt Patanjali diese innere Anwesenheit von Ishvara als unseren wichtigsten Lehrer (YS 1.26.). Indem wir aufmerksam unserer inneren Stimme lauschen, begeben wir uns in eine Beziehung mit ihr, die sämtliche Aspekte unseres Lebens betrifft. Denke ich an meine Lehrer, zu denen auch meine Eltern gehören, dann erkenne ich: Sie lehrten mich nicht nur die großen Lektionen des Lebens, sondern auch tausende kleine. Immer wieder zeigten sie mir, ob ich mich auf dem richtigen oder auf dem Holzweg befand. Sie öffneten mir die Augen für neue Perspektiven und ermahnten mich, wenn ich mich vor dem Leben verschloss. Ähnlich geht es mir mit meinem inneren Lehrer: Je mehr ich mit diesem Wegweiser übereinstimme, desto mehr leitet er mich in meinen Gedanken, Worten und Taten.

Die Idee der Opfergabe
Wenn Ishvara den inneren Kompass darstellt, dann bedeutet Pranidhana das Bewusstsein dafür, stets mit dieser Essenz verbunden zu bleiben – nicht nur hin und wieder, sondern den ganzen Tag. Eine Übersetzung für Ishvara pranidhana lautet: „die Früchte seiner Taten dem Göttlichen opfern“. Wollen wir Ishvara pranidhana zu einem vitalen Bestandteil unserer Yogapraxis machen, lohnt es sich, einen Blick nach Indien zu werfen. In ein Land, in dem die Idee der Opfergabe die gesamte Kultur durchdringt. Trotz all der damit verbundenen Herausforderungen half mir mein Aufenthalt dort zu verstehen, wie ich Ishvara pranidhana in den Alltag integrieren kann. In ganz Indien sind Darstellungen des Göttlichen zu finden. Menschen jeden Alters bringen dort regelmäßig Opfergaben wie Früchte und Weihrauch dar. Sie widmen den Gottheiten aber auch ihre Yogapraxis – etwa in Form des Anjali Mudra (die Handflächen werden dabei vor dem Herzen zusammengebracht) oder von Asanas, die sie vor den göttlichen Darstellungen praktizieren. Der Verkäufer am Obststand opfert den ersten Umsatz des Tages auf dem Altar seines Karrens. Der Riksha-Fahrer berührt die Füße einer Krishna-Darstellung, bevor er losdüst. Die Mutter aus der Nachbarschaft opfert den ersten Löffel des Mittagessens auf ihrem Küchenaltar. Wenn der Ashtanga-Yogameister Sri K. Patthabi Jois den Yogaraum betrat, trug er auf seiner Stirn stets sein Tilak – ein Zeichen, das seine morgendliche Puja (Opfergabe) darstellte. All diese Praktiken fördern eine grundlegende Verbindung mit dem Göttlichen. Das Ich bewegt sich dabei in den Hintergrund, das Spirituelle tritt in den Mittelpunkt.

Bewusstsein etablieren
Wir Westler, die in der Regel nicht mit solchen Ritualen aufgewachsen sind, benötigen für den Aufbau von Ishvara pranidhana wohl ein wenig mehr Aufmerksamkeit für unsere innere Stimme. Vergleichbar ist dieser Prozess mit dem Erlernen des langsamen und konstanten Atmens während der Asanapraxis. Weder der tiefe Atem, noch Ishvara pranidhana sollten sich seltsam oder unangenehm anfühlen. Obwohl dieser Ansatz bekannt ist, kann sich die Praxis zunächst ein wenig ungewohnt anfühlen. Jeder kann Ishvara pranidhana üben, jede Tat kann dadurch aufgewertet werden – und das unabhängig von der jeweiligen spirituellen Ausrichtung. Es gibt keinen inneren Zustand, kein Gefühl, kein Hindernis, das den positiven Einfluss von Ishvara pranidhana überragt. Unabhängig davon ob Sie ein hingebungsvoller Bhakti-Yogi oder ein völliger Skeptiker sind, ob Sie sich einer einfachen Aufgabe wie dem Kochen widmen oder ein kompliziertes Gespräch führen, ob Sie voller Freude oder verwirrt sind – Ishvara pranidhana erstreckt sich über das gesamte Mandala des Lebens.

Da Ishvara pranidhana sehr umfassend ist, erscheint es oftmals schwer einen Punkt zu finden, an dem man mit der Praxis beginnen kann. Mir persönlich hilft Ishvara pranidhana in schwierigen Situationen, um den Blickwinkel zu verändern. Es hilft mir als Methode, um die einfachen Alltagshandlungen bewusst zu erleben. Die Yogamatte eignet sich dabei bestens als „Sicherheitszone“, auf der man Ishvara pranidhana einem „Testlauf“ unterziehen kann. Der Beginn der Yogapraxis hat dabei entscheidenden Einfluss auf den Verlauf, den „Flow“. Innere Einkehr, die Intention, Chanting und Visualisierung stellen formale Möglichkeiten dar, Ishvara pranidhana einzuleiten. Ich beginne meine Praxis oft ausgestreckt auf dem Bauch liegend, völlig entspannt, und visualisiere vor mir die Lotus-Füße der Göttin – meiner Ishta-Devata. Ich atme tief, lasse den Ballast des Tages hinter mir und spüre schon bald ein Gefühl von Ausrichtung, Inspiration und Klarheit in mir aufsteigen. Das ist mein innerer Kompass, ein Lehrer, dessen Anwesenheit während der Übungen spürbar an Intensität gewinnt. Auch Sonnengrüße können Ishvara pranidhana einleiten: Schließlich waren sie ursprünglich in Bewegung ausgeführte Gebete. Mit jedem Atemzug gibt der Yogi seine Energie an die Sonne zurück.

Während Sie Asanas praktizieren, versuchen Sie herausfordernde Haltungen als Miniaturausgabe der Schwierigkeiten des Lebens zu begreifen. Dies ist eine gute Möglichkeit die Kunst der Hingabe zu üben. In meiner eigenen Praxis beginne ich mehr und mehr, Anspannung als ein Signal zu begreifen. Zwanghaftes Festhalten ist ein Zeichen dafür, dass meine Verbindung zu Ishvara pranidhana schwächer wird. Indem ich meine Anspannung dem Göttlichen opfere, mich leere und hingebe, spüre ich, wie meine Kraft zurückkehrt, mein Atem tiefer und mein Körper flexibler wird. Aber was noch viel bedeutender ist: Mein kleines, aufgewühltes Inneres verschmilzt mit dem großen Ganzen. Und genau wie bei den Frauen aus Mysore und ihren Reismehl-Opfergaben, bleibt dieses Bewusstsein und die Anmut über die eigentliche Haltung hinaus bestehen. Da Ishvara pranidhana jede Tat mit ihrer göttlichen Quelle verbindet, ist es laut Krishnamacharya die wichtigste Yogaübung in dieser Ära des Kaliyuga – dem „eisernen Zeitalter“, in dem die Menschheit ihren Anmut verloren hat. Im Gegensatz zur buddhistischen Praxis der bewussten Aufmerksamtkeit, ist Ishvara pranidhana eher eine Praxis des Herzens: Es erweckt konstante Hingabe an die Quelle des Lebens und öffnet unsere Herzen in jedem Augenblick für das Göttliche – was auch immer kommen mag.

(Bildquelle: Fotolia.com)


Shiva Rea begann im Alter von 14 Jahren, sich für Yoga zu interessieren. Seit über drei Jahrzehnten beschäftigt sie sich intensiv mit den Lehren Krishnamacharyas, Tantra, Ayurveda, Bhakti Yoga, Tanz sowie der Kampfkunst Kalarippayat. Sie entwickelte Prana Vinyasa Flow Yoga und Yoga Trance Dance – beides unterrichtet sie weltweit im Rahmen von Teacher Trainings, Workshops und Retreats.