Interview mit dem „Sexiest Guru Alive“

„Einfach, aber nicht leicht“

Provokateur, toller Lehrer, Sexiest Guru in the World, Fleischesser: Kein Attribut, das in der Yogawelt im Zusammenhang mit Bryan Kest nicht schon aufgetaucht wäre. An dem Lehrer aus Los Angeles scheinen sich die yogischen Geister besonders zu scheiden. „Warum eigentlich?“, fragt sich YJ-Autor Michael Wiese und traf den Power Yoga-Begründer zusammen mit Patrick Broome auf ein Interview (Jahr: 2010). Seine ganz persönliche Einschätzung: „Ich kenne kaum einen Lehrer, der so authentisch und auf seine Weise spirituell ist wie Bryan Kest.“

YOGA JOURNAL: Bryan, du hast eine ganz besondere Beziehung zur deutschen Yoga-Community. Dein erster Kontakt nach Deutschland kam vor vielen Jahren über Jivamukti Yoga München zustande.
BRYAN KEST: Ja, München war mein erster Stopp in Deutschland. Ich weiß es noch genau: Wegen Bier und bayerischen Brezn habe ich in ein paar Tagen vier Kilo zugenommen.
PATRICK BROOME: Seit ich Yoga übe, kenne ich deine „Power Yoga“-Videos. Die kraftvolle Praxis hat mir von Anfang an gefallen. Irgendwie auch die Ästhetik: Ein langhaariger Bryan in kurzen Jeans und einer Art Bon Jovi-Outfit…
BK: Okay, die Ausstattung ist etwas kitschig, aber die Sequenzen finde ich immer noch gut. Die Produzentin war Teammitglied bei „Miami Vice“. Ich stehe zu dieser Phase meines Lebens.

Wer war dein wichtigster Lehrer, deine Motivation zum Yoga?
BK: Mein Vater, ein leidenschaftlicher Yogi. Weil es ihn selbst von einem Rückenleiden geheilt hatte, hat er auch uns Kinder quasi zum Üben gezwungen. Ich habe mit 15 Jahren ernsthaft begonnen, meinen eigenen Weg zu suchen.
PB: Wenig später kam die Inspiration von Patthabi Jois.
BK: Ich habe unendlich viel von ihm gelernt – auch, wie ich als Lehrer auf keinen Fall sein will. Das ist genauso wichtig wie alles andere. Ich habe nichts gegen große Persönlichkeiten, im Gegenteil. Bikram Choudhurys Persönlichkeit ist noch größer als seine Residenz, aber dass ihn so viele Menschen beurteilen und kritisieren, hat eine Bedeutung. Vielleicht will er uns zeigen, wie kaputt unsere ständigen Wertungen sind? Genau diese Menschen können unsere besten Lehrer sein.

Wofür wirst du Patthabi Jois immer in Erinnerung behalten?
BK: Dafür, dass er Vinyasa Yoga „erfunden“ hat und damit eine Brücke zum Westen gebaut hat. Das ist sein Verdienst. Pattabhi war in der Lage, die Asanas zu einer dynamischen Serie zu verbinden, die mich als 15-jährigen Jungen aus den USA extrem anzog.
Wenn wir Westler Ashtanga praktizieren, verlieren wir die Angst vor dem, was Yoga ist. Ich erinnere mich, wie in meiner Kindheit Hare Krishnas mit Steinen beworfen wurden. Auch ich dachte, es sei Gehirnwäsche, ein Kult. Zugängliche Bewegungsformen wie Ashtanga haben Yoga für alles geöffnet, was es sein kann.
PB: Dein Unterricht und dein Stil sind als rigoros bekannt. ­Rigoros, aber einfach. Die Beine werden eher nicht hinter dem Kopf verknotet.
BK: Dadurch schreckt man die Schüler ab, was nicht nötig ist. Ich unterrichte immer das, was ich selbst praktiziere, und ich war nie hyperflexibel. In Pattabhi Jois‘ Unterricht in Mysore brauchte es drei Leute, um mich zu korrigieren. Danach konnte ich mich tagelang nicht bewegen. Jeder Mensch und jeder Körper sind unterschiedlich. Standard macht keinen Sinn: Bei dem Wettbewerb, wer sich näher zur Wand hinstellen kann, verliert der, der die längste Nase hat. Es ist verrückt, wie viel Wettbewerb es im Yoga gibt.
PB: Unterrichtest du heute auch Meditation? Ich erinnere mich, dass du dich sehr für Vipassana interessierst.
BK: Auch das kommt vor. Mein Fokus ändert sich ständig, aber die Basis bleibt gleich. In der Meditation arbeiten wir mit Bildern und abstrakten Begriffen wie „Dankbarkeit“. Wie die Muskeln können wir den Geist trainieren. Letztlich ist alles so einfach.

Einfach?
BK: Ja, einfach. Wenn wir an die Lehren aller bedeutenden Menschen denken, ist daran nichts Kompliziertes. In unserer Kultur verehren wir das Komplexe, wir intellektualisieren alles. Nichts gilt, wenn es nicht durch eine Studie bewiesen ist. Die großen Gelehrten der Weltgeschichte haben nichts aufgeschrieben. Ihr Umfeld machte es unzugänglich, zog Grenzen. Für mich ist alles einfach.
PB: Hat dir Vipassana zu dieser Einsicht verholfen?
BK: Pattabhi hat sie mir eröffnet. Von ihm habe ich Asana und Pranayama gelernt. Als ich für den nächsten Schritt bereit war, empfahl mir jemand Vipassana als Meditationstechnik, die nicht für Westler aufgeweicht wurde. Zwölf Stunden still zu sitzen ist für mich „the real stuff“, das echte Yoga. Vipassana hat mir erklärt, was in Asanas eigentlich passiert.

Bryan, was ist eigentlich „Power Yoga L.A. Style“?
BK: Das ist einfach nur ein Begriff, der sich für das Marketing meines Unterrichts als nützlich erwiesen hat. Mein Studio in Santa Monica hat allerdings nicht einmal ein Schild. Eigentlich ist es zeitweise nur durch die Menschenschlange erkennbar, die sich mit zusammengerollten Matten davor anstellt. Es ist auch schon mit einem Obdachlosenheim verwechselt worden.

5 praktische Tipps für mehr Ordnung

Es führt kein Weg daran vorbei: Wenn Sie wirkliche Klarheit in Geist und Herz erreichen wollen, müssen Sie auch Ihren Alltag in Ordnung bringen. Ein paar praktische Tipps können dabei Wunder wirken.

Als ich im Dezember 2004 mit der Chemotherapie begann, war einer meiner ersten Impulse: Yoga. Ich fühlte mich zwar zu schwach, um viel zu üben, aber dennoch rief ich die renommierte Yogalehrerin Elena Brower an. Sie kam zu einer Privatstunde in meine winzige Wohnung. Mein Zuhause war vollgestopft mit Büchern, in der Spüle stapelte sich schmutziges Geschirr, überall lagen Klamotten, Papierstapel und CDs verstreut. Elena schaute mich an, sie sah sich in der Wohnung um und dann verkündete sie: „Wir machen heute kein Yoga, aber wir räumen ein bisschen auf. Du brauchst einen klaren, guten Platz zum Heilen.“

Wenig später hatte sie sich in einen Aufräumblitz verwandelt: Sie fegte Fastfood-Verpackungen in Müllbeutel, stapelte Bücher zu ordentlichen Häufchen und wusch das Geschirr. Ziemlich kraftlos ging ich ihr zur Hand und gemeinsam misteten wir meinen Wandschrank aus. Nach ein paar Stunden war meine Wohnung so sauber und aufgeräumt wie nie zuvor. Sogar meine Topfpflanzen sahen glücklicher aus. Ich fühlte mich ruhiger, weicher und seltsam erleichtert. Alleine auf meinem Sofa sitzend spürte ich, wie sich ein schwerer Mantel aus Trägheit und Unruhe von mir löste, von dessen Existenz ich nicht einmal gewusst hatte. Dankbar schwelgte ich in dieser neuen Leichtigkeit. Jetzt war alles bereit, um gesund zu werden.

Heute, wo es mir wieder gut geht, kämpfe ich noch immer mit der Unordnung. Aber ich habe die Lektion gelernt. Mir ist bewusst, dass eine klare, geordnete Umgebung mir gedankliche Klarheit, Gesundheit und Lebensfreude ermöglicht. Aber auch umgekehrt gilt: Die Ordnung in meinem äußeren Leben – in meiner Wohnung, meinem Terminplan und im Umgang mit Geld – kann ich nur aufrecht erhalten, wenn ich meine inneren Landschaften kläre und mir meine Prioritäten bewusst mache. Viele Menschen sehnen sich nach einem klaren, einfacheren Leben: nach einem aufgeräumten Zuhause, einem luftigen Terminkalender und mehr finanziellem Spielraum. Der Weg dorthin führt nicht immer über einen organisatorischen Frontalangriff. Wie oft haben Sie schon ein großes Ausmisten anberaumt, um schlussendlich vor einem noch größeren Chaos an offenen Kisten und Schränken zu kapitulieren? Wie oft haben Sie sich einen strikten Finanzplan auferlegt und schon nach ein paar Wochen den Überblick (und die Hoffnung) verloren?

Yoga lehrt, angesichts einer Herausforderung innezuhalten und einen Blick auf die tieferen Ursachen des Problems zu werfen. Der richtige Ausgangspunkt, um Ordnung in Ihr Leben zu bringen, könnte also sehr gut Ihre Yogamatte sein. Dieser Ansicht ist Christina Sell, Yogalehrerin und Buchautorin: „In der Yogapraxis berühren Sie den Ort in sich selbst, der Ihrem wirklichen Selbst am nächsten ist“, sagt sie. „Sie beginnen zu ahnen: ‚Oh, darum geht es! Nicht um dieses andere Gefühl, das mich eingenommen, abgelenkt und zugemüllt hat.’“ Durch solch eine Selbstreflexion gewinnen Sie allmählich Klarheit und können sich auf die Dinge ausrichten, um die es wirklich für Sie geht. Diese Ausrichtung wiederum erlaubt es Ihnen, bewusst all das loszulassen, was nicht wichtig ist. So schaffen Sie Spielräume für das, was eine Bedeutung für Sie hat, sei es nun in Ihrem Zuhause, im Terminplan oder finanziell.

1. Das bisschen Haushalt
Manchmal fühlt sich der Alltag an, als schaufle man Schnee in der Antarktis: Man spült den selben Teller zum 800. Mal und der Poststapel, den man noch vor einem Monat tapfer abgearbeitet hat, ist auf wundersame Weise schon wieder zu seiner alten Größe angewachsen. Ein guter Weg, um all das effektiver – und angenehmer – zu gestalten, ist der Blick auf das größere Ganze. Ordnung zu halten ist dabei nicht unbedingt das oberste Ziel. Es stellt nur den Prozess dar, mit dessen Hilfe wir uns besser auf unsere eigentlichen Ziele konzentrieren können. Wenn man weiß, warum man etwas tut, kann man sich sehr viel leichter dazu motivieren. Wenn Sie zum Beispiel Ihr Wohnzimmer ordentlich halten wollen, damit Sie nicht mehr so viel Zeit mit dem Suchen Ihrer Brille verplempern müssen, oder damit Sie einen schönen, ruhigen Platz zum Yogaüben haben, dann schreiben Sie sich diesen Entschluss auf einen Zettel und hängen ihn deutlich sichtbar auf. Auch bei der Frage, welche konkreten Projekte Sie im Haushalt anpacken wollen, hilft Ihnen yogische Selbsterforschung: Anstatt die Unordnung en gros anzugehen, sollten Sie sich überlegen, welcher Aspekt Ihres Zuhauses Sie vor allem stresst. Ist es die Angst vor der ungeöffneten Post? Ist es die ständige Suche nach dem Schlüssel? Oder die Tatsache, dass es keinen guten Platz gibt, um Ihre Matte auszurollen? All diese kleinen Störungen können den Energiefluss stören und zusammengenommen viel Frust erzeugen – aber sie alle laden auch zu kreativen Lösungen ein. Für meine beste Freundin etwa war der Knackpunkt die Sockenschublade. Aus unerfindlichen Gründen machte es sie jedes Mal wütend, beim Wäschezusammenlegen mühsam die passenden Socken zusammenzusuchen. Jetzt besitzt sie nur noch identische schwarze Strümpfe und der Fall ist erledigt.

Wenn Sie eher so sind wie ich, dann besteht Ihre schwierigste Aufgabe darin, die Materie mengenmäßig unter Kontrolle zu halten – denn je mehr Zeug man besitzt, desto schwieriger wird das Ordnen. Damals, als Elena Brower mit mir den vollgestopften Wandschrank ausmistete, begann ich, notwendige Dinge von Platz raubenden, überflüssigen zu unterscheiden. Heute versuche ich, Unordnung schon an der Ladenkasse zu vermeiden. Je mehr ich durch Yoga mit meinem Körper in Verbindung komme, desto deutlicher rührt sich dort beim Griff zur Geldbörse manchmal ein „Nicht-kaufen-Gefühl“: Bauch und Hals krampfen sich leicht zusammen. Wenn mein Kopf der Ansicht ist, der Kauf sei dennoch vernünftig – ich brauche das, es ist runtergesetzt, es ist für morgen – dann wird er in diesen Momenten eine Auseinandersetzung beginnen. Aber jedes Mal, wenn ich das „Nicht-kaufen-Gefühl“ ignoriere, bereue ich den Kauf schon nach kürzester Zeit. Kurzum: Dem Rat meines Körpers anstatt dem meines Kopfes zu folgen, ist für mich eine exzellente Art, Unordnung zu vermeiden. Hat etwas diese Hürde erst einmal genommen, versuche ich die „One in one out“-Regel zu beherzigen: Für jeden Gegenstand, den ich nach Hause tragen, muss ein anderer weg. Trotzdem schafft es die Materie immer wieder irgendwie, sich zu vermehren. Dann begegne ich ihr in regelmäßigen Abständen mit den klassischen Fragen: „Ist das schön? Ist es nützlich? Hat es eine Bedeutung für mich? Habe ich mich im vergangenen Jahr daran erfreut?“ Außerdem erinnere ich mich an den weisen Ausspruch einer Freundin: „Es ist möglich, die Essenz eines Geschenkes anzunehmen, den Gegenstand aber loszulassen.“

2. Geldwäsche
Manche Menschen leben mit einer Unordnung in ihren Finanzen, die sie in ihrem Schrank niemals ertragen würden. Einen geordneten, stressfreien Umgang mit Geld wünschen wir uns wohl alle, aber es ist gar nicht so einfach, in unseren komplexen Lebenszusammenhängen den Überblick zu behalten. „Wenn es unbezahlte Rechnungen gibt und Sie keine Ahnung haben, wie viel Geld Ihnen diesen Monat noch zum Leben bleibt, dann würde ich schon von einer Desorganisation sprechen, die Leid erzeugt“, sagt der Finanzplaner Brent Kessel. In seinem Buch „It’s Not About the Money“ wendet er yogische Prinzipien an, um unbewusste Muster im Umgang mit Geld aufzudecken und unsere diesbezüglichen Werte festzustellen. Für viele besteht der erste Schritt zu finanziell klaren Verhältnissen darin, einfach einmal alle Rechnungen aus den Kuverts zu nehmen, alle Einkünfte, alle festen Ausgaben und alle Schulden aufzulisten und einen Plan aufzustellen. Dazu gehört es auch, darüber nachzudenken, was einem wirklich wichtig ist. In diesem Prozess der Bewusstmachung ist man manchmal Gefühlen der Scham, Wut oder Verzweiflung ausgesetzt. „Wenn Sie die Kreditkartenrechnung aufmachen und dabei unangenehme Empfindungen in Ihnen aufsteigen, dann hilft unter Umständen Ihre Asana-Praxis“, sagt Kessler. „Was machen Sie, wenn Ihre Oberschenkel in einer Übung brennen? Sie atmen tief und achten darauf, weder allzu aggressiv noch allzu passiv mit sich selbst umzugehen. Genau das Gleiche können Sie auch jetzt tun: Nehmen Sie eine angemessene Haltung gegenüber Ihren Gefühlen ein, sprechen Sie freundlich mit sich selbst und atmen Sie bewusst.“

Auch wenn es in Ihren Finanzen ordentlicher aussieht als in Ihrer Rumpelkammer, kann es hilfreich sein, Ihre finanziellen Prioritäten einmal zu überdenken. Passt die Art, wie Sie Geld ausgeben oder sparen, wirklich zu Ihren Werten und Zielen? „Es geht darum, herauszufinden, was Ihnen selbst wichtig ist, nicht, was die Gesellschaft für wichtig hält“, erklärt Brent Kessel. „Vielleicht möchten Sie früh in den Ruhestand gehen. Vielleicht möchten Sie sich einen Job suchen, der Ihnen etwas bedeutet und den Sie auch noch mit 80 ausführen können. Vielleicht möchten Sie kein Geld für eine Privatschule ausgeben, obwohl all Ihre Freunde das tun.“ Wenn Sie erkannt haben, was Ihnen am wichtigsten ist, dann halten Sie sich diese Prioritäten bei der Einteilung Ihres Budgets bewusst. Vielleicht bemerken Sie dabei, dass manch eine nette Angewohnheit – zum Beispiel Ihr nachmittäglicher Cappuccino zu 4 Euro – eigentlich verzichtbar ist.

3. Bei sich bleiben
Wenn Ihre Tage angefüllt sind mit Job, Kindern, Erledigungen, Hausarbeit und Freizeitprogramm, dann kann dieses hektische Tempo leicht dazu führen, dass Sie sich ausgebrannt fühlen. Allein der Stress, all diese Aktivitäten zeitlich unterzubringen, raubt einem oft schon die Freude daran. Die Yogalehrerin Kate Holcombe, eine Schülerin von T. K. V. Desikachar, sagt, es gebe sehr wohl Wege, inmitten dieser täglichen Hektik heiter, gelassen und präsent zu bleiben. Sie führt ein Non-Profit-Unternehmen (die Healing Yoga Foundation), gibt Workshops und zieht drei Kinder groß. Für sie liegt der Schlüssel zur inneren Ruhe darin, täglich während ihrer Asana-Praxis mit sich selbst Zwiesprache zu halten. Aber egal ob diese bewusste, beruhigende Tätigkeit nun in Asana, Pranayama, Stricken, Schreiben oder Spazierengehen besteht – schon 5 Minuten täglich ermöglichen es, uns mit unserer Mitte zu verbinden und diese Verbindung den Tag über aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise verwurzelt und angebunden, geht unsere Aufmerksamkeit von einem ruhigen inneren Zentrum aus. Von dort aus richtet sie sich auf einen Punkt oder eine Aktivität und kehrt wieder zur Mitte zurück. „Je präsenter wir bei uns selbst bleiben können“, sagt Holcombe, „desto präsenter können wir auch im Umgang mit anderen sein.“

Eine tägliche Praxis kann auch der Schlüssel dazu sein, bewusster wahrzunehmen, wie wir unsere kostbare – und begrenzte – Zeit im Einzelnen verbringen. Das hilft uns, zu entscheiden, was wir beibehalten möchten und was wir aus unserem Tagesablauf streichen können. Kate Holcombe meint: „Nachdem ich unterscheiden gelernt habe zwischen dem, was nur äußerlicher Kram ist, und dem, was wirklich zu mir gehört, ist es viel leichter, bewusste, bedeutsame Entscheidungen darüber zu treffen, wie ich meine Zeit und meine Energie verwenden möchte.“ Eine tägliche, zentrierende Praxis gibt uns ein besseres Gefühl dafür, was uns eigentlich wichtig ist, und das kann ein völlig neues Licht auf unser Handeln werfen. Wir alle empfinden manche Tätigkeiten als belebend und andere als ermüdend. Der vergeudete Nachmittag des einen Menschen kann der Traumtag eines anderen sein. „Fragen Sie sich bei jeder Entscheidung vor allem: ‚Macht das mein Leben einfacher oder schwieriger?’ Lassen Sie sich nicht abbringen von den Dingen, die am wichtigsten für Sie sind“, rät Kate Holcombe. „Halten Sie diese Verbindung nach innen, denn das führt dazu, dass alles, was Sie tun, Sie auf eine gute Weise nährt und bereichert.“ Für Holcombe persönlich heißt das: keinen Fernseher besitzen und eher Zeit mit den Kindern oder ihrer Arbeit verbringen als zu einer Party zu gehen. Manche Aktivitäten (wie TV oder Facebook, um nur zwei Beispiele zu nennen) haben die Fähigkeit, uns völlig die Zeit vergessen zu lassen. Holcombe rät, für diese Dinge einen begrenzten Zeitrahmen festzulegen und sich auch daran zu halten. So verhindert man, dass sie uns von dem abhalten, was uns eigentlich wichtig ist – egal ob das nun die Yogapraxis, Kochen, Basteln oder die gemeinsame Zeit mit Freunden ist. Dabei ist es nicht so wichtig, ob man eine halbe oder drei Stunden für solche Zeitfresser einplant, entscheidend ist, nicht zuzulassen, dass sie sich immer weiter in unser Leben hinein ausbreiten. So können wir sicher gehen, dass es genügend Raum gibt für jene Dinge, die tief in unserem Inneren nachklingen.

4. Auf dem Weg sein
Wie viele andere Menschen werde auch ich wohl immer damit kämpfen, die Flut der Unordnung einzudämmen und mein überengagiertes Leben auszubalancieren. Dies wissend versuche ich, mich daran zu erinnern, dass das Leben – genau wie die Yogapraxis – ein Übungsweg ist und niemals perfekt. Ich mache kleine Schritte, die mich langsam weiterbringen und irgendwann zu Gewohnheiten werden. Kate Holcombe meint, dass Yoga selbst eine Art Großreinemachen sei. Sie zitiert dabei Tirumalai Krishnamacharya, einen der Gründerväter des modernen Yoga. „Er sagte: ‚Yoga ist ein Reinigungsprozess’. Es geht darum, den Staub und die Spinnweben wegzuputzen, damit wir unterscheiden können zwischen unserem Geist und unserem Selbst.“ Diese Vorstellung findet sich auch im Yoga Sutra des Patanjali, dem wichtigsten Quellentext des Yoga. Holcombe fasst den für sie wichtigsten Punkt des Sutra so zusammen: „Die Wirkung des Yoga besteht darin, dass sich die Dinge, die unsere wahre Essenz blockieren, allmählich auflösen.“ Dieses Wissen hilft mir, auch dann weiterzumachen, wenn mein Lebensweg mal wieder zu sehr mit Wäschebergen verstopft ist, um noch klar zu sehen. Ich erinnere mich an meinen Atem, wenn ich vor einem Stapel schmutzigem Geschirr stehe, und ich verbinde mich mit meiner inneren Mitte, wenn ich die Kontoauszüge durchgehe. Nachdem ich fünf Minuten meinen Schreibtisch aufgeräumt habe, ist auch mein Geist so aufgeräumt und klar, dass ich besser schreibe. Nur wenige Menschen können immer in dieser Klarheit sein, dafür passiert unser Leben einfach zu schnell. Trotzdem habe ich gelernt, jene Momente zu nutzen, in denen mir bewusst ist, dass Klarheit – von Geist und Körper ebenso wie von Alltag und Umgebung – mir dabei hilft, ein klares, zentriertes Leben zu führen.

Illustration: Alexander Springborn

Nachgefragt: Welche Asana ist die Richtige für mich?

Welche Asana ist die Richtige für mich?

Antwort gibt: Angela Farmer

Beim Versuch, diese Frage zu beantworten, sollte es nicht um die Asana gehen, sondern darum, was in der Haltung mit Ihnen passiert und was sie in Ihnen auslöst. Empfinden Sie Enge oder sogar Schmerzen? Wenn ja, an welcher spezifischen Stelle? Konzentrieren Sie sich ganz auf diesen Ort und nehmen Sie behutsam Kontakt auf: „Ich nehme wahr, dass du dich beengt oder blockiert fühlst, Schmerzen hast und diese Übung schwierig findest.”

Sich auf diese Weise mit dem Ort zu verbinden, kann die Situation bereits ein wenig erleichtern. Lassen Sie ihn wissen, dass Sie ihn zu nichts zwingen und ihm keine Gewalt antun werden. Sagen Sie ihm, dass Sie vollständig für ihn da sind und es weder Erwartungen noch Eile gibt. Hinter jeder Schwierigkeit im Körper steht eine ausführliche Geschichte, die Angst, Schmerzen oder Unbehaglichkeit bewirkt. All dem sollten wir langsam und liebevoll begegnen, um es nach und nach auflösen zu können. Danach kann es weiter-gehen: Atmen Sie tief in diese Gegend und probieren Sie kleine Bewegungen in die Blockade und wieder heraus. Das hilft ihr, sich zu öffnen. Versuchen Sie, die Essenz dieses fest gewordenen Ortes zu finden und lenken Sie mit voller Konzentration Mitgefühl, Atem und Bewegung dorthin. Er wird weicher werden und sich verändern. Folgen Sie der Veränderung und beobachten Sie, was passiert: Vielleicht möchten Sie die Haltung variieren oder tiefer in sie hineingehen. Oder vielleicht braucht jetzt etwas ganz Anderes ihre Aufmerksamkeit.

Diese Arbeit ist Yoga – nicht die Asana! Erkunden Sie die wahren Bedürfnisse Ihres Körpers. Das wird Ihnen helfen, eine Praxis zu entwickeln, die einzigartig nur für Sie bestimmt ist und dadurch sehr hilfreich. Auf diese Weise wird Sie jede beliebige Asana an einen Ort bringen, wo Sie mehr über Ihr wunderbares Selbst erfahren können. Dabei werden Sie die Haltungen finden, die Ihnen am meisten helfen. Es sind die, in denen Sie sich am meisten öffnen können. Für diese Entwicklung wünsche ich Ihnen alles Gute.

(Foto: Elias Wasem-Hassos)


Angela Farmer, 75, unterrichtet seit 28 Jahren alleine und mit ihrem Mann Victor van Kooten in ihrem Studio Eftalou Yoga Hall auf der griechischen Insel Lesbos. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines „persönlichen Yoga” sowie Retreats für Frauen.

Mantra für Neubeginn N°1

Om Gam Ganapataye Namaha

„Ich verbeuge mich vor dem großen Gott Ganesha, der alle Hindernisse beseitigt. Sein Segen ist essenziell für einen guten Anfang.“


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhajan-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 03 – 2009


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Endlich unzertrennlich

Alles ist verbunden Verbindung Neon
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Ist der Satz „Ohne dich will ich nicht sein“ Ausdruck von Abhängigkeit? Oder ist es wirklich so, dass Männer und Frauen zusammengehören?

Wie nah will ich dir sein?
„Ich hab das Gefühl, meine andere Hälfte gefunden zu haben“, sagte meine damalige Freundin, kurz nachdem wir uns kennen gelernt hatten. In dem Moment ahnte ich, dass unsere Beziehung nicht lange halten würde, weil sie mit einer zu großen Hypothek begonnen hatte. Ich wusste damals noch nicht viel über Partnerschaft, aber ich fühlte mich auf einmal ängstlich. Ich fragte mich: Wie soll ich auf Dauer dem Anspruch genügen können, den anderen zu komplettieren? Dabei hatte ich selbst ein großes Bedürfnis nach Nähe und Intimität.

Die meisten von uns sind damit in bester Gesellschaft. Den Göttern ergeht es ähnlich. Shiva und Parvati, das Vorzeigepaar im Yoga – ungefähr so wie Brad Pitt und Angelina Jolie in Hollywood – bekam ebenfalls nichts auseinander. Das führte in vielen Fällen leider auch zu Streit. Wenn der eine unbedingt alles mit dem anderen zusammen machen möchte, wird das, was eigentlich gesucht wurde, in den meisten Fällen irgendwann zu viel. Aus Nähe wird Druck. Dann distanziert sich der weniger nähebedürftige Partner. „Du liebst mich gar nicht“, ruft jetzt der andere. Die Rollen können dabei durchaus wechseln. Oft kann über Jahre hinweg einer der Partner vor Intimität flüchten. Wenn er dann aber irgendwann ganz unverhofft auf den anderen zukommt, dreht sich das Spiel plötzlich um. Der Grund? In dieser Phase der Beziehung haben beide noch eine heimliche Angst, ihre eigene Verletzlichkeit im Spiegel des Partners zu sehen.

Welchen Partner ziehe ich an?
Was suchen wir überhaupt in unserem Partner? Wenn ich in Seminaren über Männer und Frauen spreche, greife ich gerne zum Stilmittel der Vereinfachung. Sätze wie „Ein Mann ist verlässlich“ können natürlich nicht allgemeingültig sein. Es geht dabei auch nie um den Mann oder die Frau an sich, sondern um die männliche und weibliche Polarität. Die ist stets in beiden Geschlechtern vorhanden. Da die Anteile in jedem von uns unterschiedlich ausgeprägt sind, suchen wir jemanden, der unsere Energie ergänzt, je nachdem ob wir selbst „männlicher“ oder „weiblicher“ sind. Wichtig ist dabei, dass wir immer schon beide Seiten in uns haben.

Erfahrung und Erkenntnis
Vor vielen Jahrhunderten wollte der indische Weise Bhringi das unter keinen Umständen einsehen. Er akzeptierte nur Shiva in seiner männlichen Gestalt als die allumfassende Wirklichkeit. Und er weigerte sich, den Göttinnen auch nur ein Blütenblatt zu opfern. Das gefiel -Parvati gar nicht. Zu dieser Zeit und auch heute noch ist es Brauch, im Kreis um die Figuren der Götter herumzugehen, um seine Verehrung auszudrücken. Also setzte Parvati sich auf Shivas Schoß, so dass Bhringi nicht darum herumkommen könnte, auch ihr zu huldigen. -Darauf verwandelte dieser sich in eine Biene und versuchte, zwischen den beiden -hindurchzufliegen. Parvati blieb bei ihrer Demonstration und verschmolz mit Shiva zu Ardhanarishvara (Sanskrit: „ardha“ = halb, „nari“ = Frau und „ishvara“ = Herr).

Das göttliche als Verbindung
Jetzt war das Göttliche nur noch als Verbindung des Mannes und der Frau – der männlichen und weiblichen Anteile – zu sehen. Als Bhringi trotzdem noch gegen die Weiblichkeit wütete, entzog Parvati ihm die Lebenskraft. Der Mann, der sich selbst für so weise hielt, sah sich auf einmal auf sein Skelett reduziert und fiel zu Boden. Da verstand er durch die -Beziehung zwischen der weiblichen, dynamischen Fülle seines Fleisches und Blutes und der statischen, tragenden Kraft seiner Knochen, wie beide Pole zusammen-gehören und keiner allein sein kann.

Nur mit dir …
Uns bleibt die Aufgabe, diese Hochzeit zwischen Shiva und Parvati in unserer eigenen Persönlichkeit nachzuvollziehen. Am Anfang der Beziehung lieben wir unseren Partner meist für das, was wir in ihm sehen, das wir scheinbar gerade selber nicht haben. Wir finden uns beispielsweise selbst entweder zu intellektuell oder zu emotional und schätzen den anderen für die ganz gegensätzliche Qualität. Unser Partner scheint uns zu ergänzen. Dieses Gefühl von Ganzheit steht aber auf wackeligen Füßen. Denn was, wenn der andere sich plötzlich entfernt?

… oder ganz allein?
Die philosophische Frage ist: Kann uns jemand anders ganz machen oder können das nur wir selbst? Dem Bild von Ardhanarishvara nach sind wir das ja schon. Wenn das aber nur intellektuelle Erkenntnis bleibt, geht es uns immer noch nicht besser. Ich glaube, dass wir auf der Welt sind, um zu lernen, uns selbst zu lieben. Dazu dürfen wir weder den analytischen Geist, noch die Kraft der Gefühle einseitig idealisieren. Wir müssen beide in uns akzeptieren können. Dann brauchen wir keine „bessere Hälfte“ mehr, um uns vollständig zu fühlen. Statt in der Partnerschaft nach Fusion zu suchen, können wir uns jetzt auf eine Beziehung einlassen, in der wir gleichzeitig frei und verbunden sind.

Gut zu zwein!
Normalerweise funktioniert das nicht von heute auf morgen. Es reicht aber schon zu wissen, dass unser Weg in diese Richtung geht. Genauso wenig wie wir je einen Partner finden, der ganz mit sich im Reinen ist, genauso wenig werden wir selbst irgendwann „perfekt“ in der Selbstliebe sein. Warten Sie also nicht darauf, dass Sie endlich „reif“ für eine Beziehung werden. Wir warten ja auch nicht darauf, dass unser Geist ruhiger wird, bevor wir uns aufs Kissen setzen. Wir setzen uns zur Meditation und lassen ihn dann zur Ruhe kommen. Auf die gleiche Weise können wir in der Zuneigung von und zu unserem Partner uns selbst und ihn (oder sie) noch viel mehr schätzen lernen.

Körperliche Nähe in Beziehungen durch Yoga?

Körperliche Nähe

Kann Yoga bei größerer körperliche Nähe helfen? Im Laufe unserer langjährigen Beziehung ist die Romantik eher einer pragmatisch-freundschaftlichen Haltung gewichen. Das wirkt sich auch auf den Sex au. Wie können wir das frisch halten? Antwort von Roswitha Aengenheyster.

Wie im Yoga gilt natürlich auch in (Liebes-)Beziehungen, dass das einzig Beständige der Wandel, die Transformation (Sanskrit: „Parinama“) ist. Der Verlust von Körperlichkeit und Sex kann unterschiedliche Ursachen haben. Diese muss jedes Paar selbst herausfinden. Darauf kann man keine pauschale Antwort geben. Aber es gibt eine Chance, wenn sich beide Partner nach wie vor lieben. Das heißt Bereitschaft haben daran zu arbeiten.

Dabei hilft Yoga natürlich. Im Yoga geht es um Körper, Atem und Geist. Die gezielte Verbindung von Atem und Bewegung schafft Achtsamkeit. Regelmäßiges Üben führt außerdem zu Selbst-Bewusstheit. Das optimiert unsere alltägliche Wahrnehmung, unser Verstehen und Handeln. Wir selbst werden offener und zugewandter. Diese Sensibilität hilft im Bett. Sie verbessert den Kontakt zum eigenen Körper und auch zum Körper des Partners. Eine schöne Idee ist, sich als Paar zu einem gemeinsamen Abend zu verabreden. An dem man sich gegenseitig massiert. So übt man Geben und Nehmen. Das kommt im Sex oft durcheinander. Im Tantra wird es bewusst getrennt.

Wie im Yoga auch. Beide Partner machen innerhalb der Beziehung einen Teil aus. Dieser Teil ist entweder aktiv oder passiv. Wir haben alle sowohl aktive als auch passive Seiten. Wir brauchen die Möglichkeit, diese im Wechsel zu leben. Das bringt uns in Richtung Ebenbürtigkeit und Harmonie.

Yoga ist Verbindung

Der Yoga ist ein Bemühen um das Selbstverständnis. Aber auch meiner Umwelt (Partner, Familie, Freunde, Kollegen). Und vor allem auch die Verbindung beider. Allerdings geht es hier nicht um intellektuelles Verstehen. Sondern um emotionales Verstehen. Das geht vom Herzen aus. Es braucht körperliches Verstehen. Aber Yoga wirkt nicht unmittelbar. Yoga ist ein Impuls auf das System. Die Wirkung ist ein individueller Prozess.

Dafür muss man eine gewisse Disziplin aufbringen. Genauso ist es mit einer Beziehung. Und dem Sexualleben eines Paares. Das Wort Arbeit klingt immer schrecklich. Aber ja, eine eine erfüllte Sexualität bedeuten Arbeit. Außerdem Üben in Gleichmut, Beharrlichkeit und Offenheit. Grundsätzlich sollte man nachsichtig sein. Mit sich und dem anderen. Sich bewusst machen, dass der andere ein großartiges Geschenk und ein Spiegel für einen selbst ist. Schaffen es beide, das Gefühl innerer Freiheit zu kultivieren? Dann stehen die Chancen für neue Lust gut. Und mehr in die körperliche Nähe kommen.


Roswitha Aengenheyster arbeitete schon im Kulturmanagement, Sponsoring und Marketing. Heute arbeitet sie als Yogalehrerin (BDY/EYU) und Coach in Berlin. Das entwickelt sie kontinuierlich durch Fortbildungen weiter. | Foto von Cole Keister von Pexels

Standhaft bleiben im Krieger I

Um stark, leicht und aufrecht im Krieger I zu stehen, hilft ein Aufbautraining für die Füße.

Unsere Vorfahren bewegten sich nicht auf glattem Asphalt – sie mussten unebenes Gelände durchqueren, über Felsen klettern und Steilhänge besteigen. Dafür brauchten sie Füße, die sich in alle möglichen Richtungen beugen, biegen und drehen ließen und gleichzeitig trotzdem Stabilität boten. Aufgrund dieser Anforderungen formte die Evolution die Füße entsprechend. Das „Design“ verbesserte sich von Generation zu Generation, bis es schließlich an uns weitergegeben wurde. Ihre Füße sind zu viel mehr fähig, als Sie bisher vielleicht realisiert haben.

Stehende Haltungen im Yoga fordern die Füße auf allen Ebenen, da sie – ausgerichtet in verschiedenen Winkeln – in jeder Position gleichzeitig das Körpergewicht tragen müssen. In jeder Haltung müssen die Füße auf eine bestimmte Weise platziert und gehalten werden – dazu braucht es auch ein spezifisches Zusammenspiel von Muskelkontraktion und -dehnung. Das macht die Stehhaltungen zu einem ‚Allround-Fußaufbau-System‘: Sie optimieren die Flexibilität, Stärke und Kontrolle beim Bewegen der Füße. Auf den Punkt gebracht: Stehende Haltungen trainieren die Füße, damit sie ihre Bestimmung erfüllen können.

Wenn die Fußknochen korrekt positioniert sind, formen sie Bögen, die das Körpergewicht effizient tragen. In Stehhaltungen ist es wichtig, die Wölbung im Fuß beizubehalten. Dadurch wird die gesunde Fußform unterstützt und ein stabiles Fundament für die Haltung geschaffen. Die Füße so auszurichten, dass sie das Körpergewicht auf drei Punkten verteilt tragen, ist der Schlüssel zur Aufrechterhaltung der Fußgewölbe. Die drei ausschlaggebenden Punkte, die es zu belasten gilt, sind: die Fersenmitte (Calcaneus), der Großzehenballen (distales Ende des ersten Metatarsal) und der Kleinzehenballen (distales Ende des fünften ­Metatarsal). In den meisten Haltungen sollte die Hälfte des Gewichtes auf die Ferse und die andere Hälfte gleichmäßig zwischen dem Groß- und Kleinzehenballen verteilt sein.

Virabhadrasana I (Krieger I) ist eine der herausfordernsten Haltungen für die Füße, vor allem für den hinteren Fuß. Wenn Sie ihn so weit eindrehen, wie es die Haltung erfordert (typischerweise 45 – 60 Grad nach vorne), ist es extrem schwierig, das Gewicht gleichmäßig auf diese drei Punkte zu verteilen. Man neigt dazu, am stärksten den Großzehenballen zu belasten, während der Kleinzehenballen nicht mehr gut geerdet ist, das Fußgewölbe sich senkt und die Ferse sich oftmals vom Boden hebt. Die Stellung in dieser Art zu üben fördert jedoch kaum den gesunden Aufbau der Füße und macht die ganze Haltung instabil, schwach und leblos.

Um die Ferse auf der Erde zu halten, drehen viele Übende den Fuß zu weniger als ein Drittel ein. Dadurch kann die restliche Ausrichtung der Krieger I-Haltung komplett durcheinander geraten: Wenn der hintere Fuß nicht weit genug nach vorne gedreht ist, dreht sich auch die Hüfte nicht ausreichend weit (da man sonst das Knie völlig verdrehen würde), um den Oberkörper und das Becken parallel zum vorderen Mattenrand auszurichten. Nur wenn sie es schaffen, den hinteren Fuß 45– 60 Grad einzudrehen und gleichzeitig die Ferse und die Außenkante des Fußes fest in die Erde zu pressen, wird die komplette Haltung mit Leben gefüllt. Ihr hinteres Bein wird lang und stabil und Ihr Becken wird sich viel freier drehen können. Ihr Brustkorb wird auf beiden Seiten gleichmäßig nach vorne zeigen. Sie werden Leichtigkeit, Offenheit und einen Auftrieb fühlen, die aus Ihrem starken Fundament resultieren. Die kraftvolle und gezielte Muskelaktivität Ihres Fußes stärkt das Schienbein, dehnt die Wade, hebt das Fußgewölbe und verfeinert Ihre Achtsamkeit.

Der richtige Winkel
Um zu verstehen, wie Sie mit Ihrer hinteren Ferse im Krieger I arbeiten können, sind gewisse Anatomiekenntnisse von Vorteil. Damit Sie Ihr Gewicht gleichmäßig auf die drei wichtigen Punkte des Fußes verteilen können, muss Ihr hinterer Fuß eine Dorsalflexion (Bewegung des Sprunggelenkes in Richtung Fußrücken) und gleichzeitig eine Supination (Heben des inneren Fußrandes bei gleichzeitigem Senken des äußeren) leisten. Die Dorsalflexion drückt Ihre Ferse nach unten, während die Supination den Fußinnenrand hebt und den Außenrand nach unten bringt. Je weiter Sie Ihren Fuß nach innen drehen, desto tiefer geht die Dorsalflexion. So kann die Ferse am Boden bleiben, während das vordere Knie gebeugt ist. Die häufigste Ursache, welche die Dorsalflexion einschränkt, ist eine Verkürzung der hinteren Wadenmuskulatur, dem Musculus gastrocnemius (zweiköpfiger Wadenmuskel) und dem Musculus soleus (Schollenmuskel). Werden diese Muskeln auch nur etwas gedehnt, kann das die Ausführung dieser Haltung extrem verbessern. Der M. soleus wird bei jeder starken Dorsalflexion des Knöchels gedehnt, aber um den M. gastrocnemius zu dehnen, bedarf es nicht nur einer Dorsalflexion des Fußgelenkes, sondern einer gleichzeitigen Streckung des Knies. Der Krieger I erzeugt beide Aktivitäten im hinteren Bein. Somit ist er eine besonders gute Stellung, um den M. gastrocnemius zu verlängern.

Um diesen Muskel mit der Haltung zu erreichen, dreht man den hinteren Fuß 60 Grad bei gestrecktem Bein ein. Während Sie die Ferse am Boden halten, beugen Sie Ihr vorderes Knie, aber nur so weit, dass die Position des hinteren Fußes nicht beeinträchtigt wird. Bei manchen werden dabei die vorderen Knochen des Fußgelenkes zusammengedrückt, wodurch die Dorsalflexion gestoppt wird. Falls das bei Ihnen der Fall ist, können Sie dieses Problem eventuell vermeiden, indem Sie den Fuß etwas mehr nach außen drehen. Beachten Sie dabei, dass eine zu starke Außendrehung die restliche Ausrichtung der Haltung beeinträchtigen kann. Egal, ob die eingeschränkte Dorsalflexion durch zusammengepresste Fußgelenkknochen oder verkürzte Wadenmuskeln verursacht wird, gibt es eine weitere Option: Den hinteren Fuß weit eingedreht zu halten, die Ferse aber durch eine schräge Fläche wie beispielsweise einen Holz-oder Schaumstoffkeil zu unterstützen, damit das Fußgelenk sich nicht so weit nach vorne beugen muss.

Haben Sie den optimalen Winkel für Ihren hinteren Fuß gefunden, können Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Musculus tibialis anterior, den vorderen Schienbeinmuskel, lenken. Obwohl mehrere Muskeln zusammenarbeiten, um die Ferse zu senken, den Fußbogen anzuheben und die Außenkante des Fußes im Krieger I nach unten zu drücken, ist der M. tibialis anterior viel wichtiger als die anderen Muskeln, da er alle Bewegungen gleichzeitig und am stärksten ausführt. Der Krieger I ist für die Stärkung dieses Muskels perfekt geeignet. Doch viele wissen nicht, wie sie ihn effektiv aktivieren sollen. Das obere Ende des M. tibialis anterior setzt an der äußeren Vorderseite des Schienbeins und umliegenden Bindegewebes an. Das untere Ende bildet eine Sehne, welche die Vorderseite des Knöchels kreuzt und zum inneren Rand des Fußes läuft, bis zum höchsten Punkt des Fußgewölbes. Um den Muskel zu finden, platzieren Sie Ihre Fingerspitzen auf der Vorderseite Ihres Schienbeinknochens (Tibia) zwischen Knie und Knöchel, ungefähr ein Drittel vom Knie entfernt: Bewegen Sie von dort aus die Finger ein paar Zentimeter nach außen, drücken Sie zu und flexen Sie den Fuß. Nun können Sie spüren, wie sich der Muskel unter Ihren Fingerspitzen zusammenzieht.

Verdoppeln Sie den Spaß am Üben
Um diesen Muskel in Aktion zu spüren, üben Sie den Krieger I pro Seite zweimal. Das erste Mal behalten Sie eine „perfekte“ Fußausrichtung bei und beugen Ihr vorderes Bein nur so tief, dass Sie die Ausrichtung des hinteren Fußes nicht verändern müssen. Das stärkt den M. tibialis anterior und dehnt den M. gastrocnemius. Beim zweiten Mal beginnen Sie auf die gleiche Weise, gehen dann aber tiefer in die Haltung und erlauben dabei kleine Kompromisse bei der Ausrichtung des hinteren Fußes. Versuchen Sie dabei trotzdem kontinuierlich, weiter an der perfekten Ausrichtung zu arbeiten. Das trainiert Ihre Wade, das Schienbein und den Fuß auf etwas andere, aber dennoch gesunde Weise. Zusätzlich kann die Haltung alle anderen positiven Wirkungen entfalten: zum Beispiel die Stärkung des Oberschenkels im vorderen Bein.

Stellen Sie sich seitlich auf Ihre Yoga-Matte und platzieren Sie Ihre Füße ungefähr eineinhalb Meter auseinander. Bringen Sie die Hände an die Hüften. Heben Sie nun Ihre linke Ferse und drehen Sie sie nach außen, so dass der Fuß um ein Drittel nach innen zeigt. Drehen Sie den rechten Fuß 90 Grad nach außen, indem Sie zuerst die Ferse und dann den Fußballen heben. Jetzt heben Sie wieder die linke Ferse und drehen den Fuß um ein weiteres Drittel nach innen. Halten Sie beide Beine gestreckt. Falls Ihre hintere Ferse nicht am Boden bleibt, können Sie entweder den Abstand zwischen Ihren Füßen verkleinern oder die hintere Ferse durch eine Unterlage unterstützen. Schauen Sie zu Ihren Füßen und ziehen Sie eine imaginäre Linie von der Mittellinie Ihres rechten Fußes bis zum linken Fuß. Positionieren Sie Ihre Füße so, dass die Linie durch den höchsten Punkt des Fußgewölbes Ihres linken Fußes läuft. Sollten Sie dabei die Balance verlieren, versetzen Sie Ihren hinteren Fuß einfach um ein paar Zentimeter nach links.
Drücken Sie Ihre linke Ferse kräftig nach unten, bis Sie das ­Gefühl haben, dass das Gewicht gleichmäßig auf Ferse und Fußballen verteilt ist. Nun gleichen Sie das Gewicht zwischen innerer und äußerer Fußkante aus, indem Sie darauf achten, dass der Großzehenballen und der Kleinzehenballen in gleichem Maße belastet werden. Zum Schluss balancieren Sie das Gewicht auf der Ferse aus, so dass Innen- und Außenseite gleich stark in den Boden pressen.

Drehen Sie nun, ohne dabei das Gleichgewicht des hinteren Fußes zu verändern, die linke Seite Ihres Beckens in Richtung rechter Fuß. Während dieser Bewegung müssen Sie die linke Ferse und die Außenkante des linken Fußes stärker in die Matte drücken und das Fußgewölbe anheben. Aktivieren Sie dazu bewusst den M. tibialis anterior, indem Sie die Mitte des inneren Fußrandes zum oberen äußeren Schienbein ziehen. Wenn sich Ihre Hüfte nun nicht mehr weiter drehen lässt, strecken Sie Ihr linkes Knie und beugen Sie langsam das rechte. Achten Sie strikt darauf, das Gewicht im linken Fuß gleichmäßig zu verteilen. Vermutlich wird sich der Schwerpunkt tendenziell zur inneren Ferse hin verlagern – lassen Sie dies nicht zu. Pressen Sie die äußere Ferse in den Boden und bringen Sie genauso viel Gewicht auf den Fußballen.

Sie werden eine weitere Tendenz feststellen: Das Gewicht verlagert sich auf den Großzehenballen. Um dem entgegen zu wirken, drücken Sie den Kleinzehenballen fest gegen die Matte. Fahren Sie damit fort, die linke Hüfte nach vorne zu drehen, während Sie das rechte Bein tiefer beugen. Sie werden dabei nicht sehr weit kommen, es sei denn, Sie haben sehr gut gedehnte Waden. Das ist in Ordnung, denn es geht darum, den hinteren Fuß so perfekt ausgerichtet zu halten wie nur möglich. Drehen Sie nun Ihren Oberkörper nach vorne und heben Sie den Brustkorb nach oben. Beobachten Sie, wie die Vorderseite Ihres linken Schienbeins (M. tibialis anterior) mehr und mehr kontrahiert und Ihre Wade (M. gastrocnemius) sich dehnt. Sind Sie an dem Punkt angelangt, an dem Sie Ihr Bein nicht weiter beugen können, ohne die Ausrichtung des hinteren Fußes zu verlieren, dann bleiben Sie für ein paar Atemzüge in der Stellung. Wiederholen Sie die Übung auf der anderen Seite.

Standhaftigkeit
Kommen Sie auf der ersten Seite noch einmal in die gleiche Haltung und versuchen Sie dabei eine kleine Variation: An dem Punkt, an dem Sie das vordere Bein nicht mehr tiefer beugen können, ohne den hinteren Fuß zu verändern, arbeiten Sie daran, das Gewicht auszubalancieren. Gehen Sie aber dennoch tiefer in die Haltung, auch wenn sich das Gewicht verlagert. Beugen Sie das vordere Bein so weit Sie können, während Sie die hintere Ferse und den Kleinzehenballen auf dem Boden halten. Wenn sich der hintere Fuß dadurch nach außen dreht, lassen Sie dies nach und nach zu, nur nicht weiter als 45 Grad. Wenn Sie Ihre Grenze erreicht haben, bringen Sie die hintere Hüfte wieder nach vorne und strecken Sie das hintere Knie noch stärker. Drücken Sie nun Ihre hintere Ferse in den Boden, um Ihren Brustkorb noch mehr nach vorne zu drehen und nach oben anzuheben. Strecken Sie die Arme hoch über Ihren Kopf, um Ihren gut geerdeten Krieger I zu vervollständigen.

Foto: Pixabay


Der zertifizierte Iyengar Yoga-Lehrer Roger Cole ­lebt in Del Mar, Kalifornien.

Höllbachhof: Alternatives Wohnen

Weniger ist mehr: Diese Devise zieht sich in der Lebensgemeinschaft Höllbachhof bei Regensburg durch jeden Aspekt des täglichen Lebens – eine Alternative zur Konsumgesellschaft.

Die Erkenntnis kam über Nacht: „Ich muss hier raus.“ Raus aus einem konsumorientierten, materialistischen Stadtleben, das keine Verbindung zur Natur, geschweige denn ein umweltverträgliches Dasein ermöglicht. Die erfolgreiche Seminarleiterin und Lebensberaterin Vivian Dittmar beschloss, ihre 120 Quadratmeter große Eigentumswohnung in der Münchner Innenstadt zu verkaufen und ihre florierende Praxis – kurz: ihr etabliertes Leben – aufzugeben, um den Wunsch nach Einfachheit, Ursprünglichkeit, einem Leben in mehr Verbundenheit mit der Natur und anderen ­Menschen konsequent zu verfolgen.

Der Großteil der Einrichtung und andere Besitztümer fanden über eBay ein neues Zuhause. Sie selbst bezog mit ihrem kleinen Sohn eine Hütte im Wald, ohne fließendes Warmwasser, die weniger als ein Viertel des vorherigen Wohnraumes bot und mit Holz beheizt wurde. Von außen betrachtet eine drastische Umstellung, aber die 31-Jährige empfand die vermeintliche Einschränkung und die Aufgabe des gewohnten Komforts als sehr bereichernd. Bereits in ihrer Kindheit in einem balinesischen Dorf hatte sie Naturverbundenheit, Gemeinschaft und Spititualität sehr positiv erlebt. Gemeinsam mit gleichgesinnten Freunden machte sie sich auf die Suche nach einem Ort, wo sie die Vision des nachhaltigen Miteinanderlebens umsetzen und damit erfahrbar machen konnte.

Etwa ein Jahr, nachdem sie der Stadt den Rücken gekehrt hatte, war der gewünschte Ort gefunden: Der Höllbachhof, ein abgelegenes Gehöft 30 Kilometer östlich von Regensburg. „Als ich das Angebot im Internet entdeckte, wusste ich gleich: Das ist es“, erinnert sich Vivian Dittmar. Innerhalb eines halben Jahres wurde die Finanzierung der Übernahme gestemmt. Zusammen mit ihren Weggefährtinnen Chiara Greber und Puria Kästele gründete sie die Stiftung Höllbachhof. Mitte vergangenen Jahres bezogen sie mit ihren Familien den über 400 Jahre alten Hof, der von der Vorbesitzerin bereits als ­Seminarzentrum genutzt und ökologisch bewirtschaftet worden war.

Hier, in relativer Abgeschiedenheit, und direkt angrenzend an das Naturschutzgebiet „Hölle“, lassen sie seither ihre Vision Schritt für Schritt Wirklichkeit werden: Es geht darum, einerseits eine Forschungs- und Bildungstätte für nachhaltiges Leben, und zugleich einen Ort, an dem dies unmittelbar erfahrbar und lebbar ist, zu schaffen. „Unser wichtigstes Anliegen ist es, eine Kultur der Nachhaltigkeit entstehen zu lassen“, sagt Puria Kästele. Hierbei spielt die praktische Umsetzung der Prinzipien der Permakultur eine herausragende Rolle. Der Begriff steht für „Permanent Agriculture“ und für eine Wirtschaftsweise, die nicht mehr Energie verbraucht, als erzeugt oder erneuert werden kann. Zentral ist das Bewusstsein über Produktionskreisläufe sowie die Einsicht, dass langfristig nur ein Leben von den Zinsen und nicht auf Kredit möglich ist.

Diese nachhaltige Lebensweise, die etwa vom Österreicher Sepp Holzer seit mehreren Jahrzehnten überaus erfolgreich angewendet wird, basiert auf fünf Direktiven: „Beginne bei dir selbst“, „Gehe sorgsam mit deinem Lebensraum um“, „Teile deinen Besitz und dein Wissen“, „Verteile die Ressourcen so, dass jeder genug hat“, „Reduziere Wachstum“. Die ethischen Prinzipien lauten kurz und knapp: „Trage Sorge für die Erde und die Menschen und teile gerecht.“ Praktische Umsetzung findet dies beispielsweise durch Ablehnung gewisser Konsumentscheidungen, die Verringerung des Verbrauchs von Ressourcen, Wiederverwendung, Reparatur statt Ersetzen von Dingen und Recycling. Essenziell ist auch die Berücksichtigung natürlicher Kreisläufe. Kein System kann langfristig ertragreich sein, ohne dass ihm etwas zurückgegeben wird.

Einer der ersten Schritte zur konkreten Umsetzung war die deutliche Reduzierung der Bäder, um den Wasserverbrauch zu reduzieren. Auch von Wasserspül- auf Komposttoiletten umzustellen, ist angestrebt. Eine biologische Pflanzenkläranlage existiert bereits. Diese ermöglicht die Reinigung von Abwasser auf ökologisch vorbildliche Art. Selbstredend kommen auf dem Hof ausschließlich biologisch abbaubare Körperpflegeprodukte, Wasch-, Spül-, und Reinigungsmittel zum Einsatz. Die Ölzentralheizung soll mittelfristig von Solarsystemen oder Holz- beziehungsweise Pellet-Zentralheizung zur Wärmegewinnung abgelöst werden. Energiesparende Technologien sollen den Stromverbrauch drosseln. Statt Neuanschaffungen versuchen die Bewohner, Second Hand den Vorzug zu geben. Beim Lebensmitteleinkauf wird die Wahl verpackungsarmer Ware großgeschrieben, dennoch anfallender Müll wird konsequent getrennt und dem Recyclingkreislauf zugeführt. Alle verrottbaren Abfälle werden verkompostiert, um so die Grundlage für neues Wachstum zu schaffen. Im Herbst 2009 fand auf dem Hof der deutschlandweit erste Permakultur-Design-Ausbildungskurs nach den international anerkannten Richtlinien des australischen „Permaculture Institute“ statt. Hier holten sich die Bewohner zahlreiche Anregungen bezüglich der nachhaltigen Bewirtschaftung des etwa drei Hektar umfassenden Grundes.

„Das, was Kinder heute in der Schule lernen, ist nicht unbedingt das, was sie später benötigen. Wenn sie erwachsen sind, werden die Lebensumstände sich deutlich von den heutigen unterscheiden“, glaubt Vivian Dittmar, selbst Mutter zweier Söhne. Permakultur auch und gerade für Kinder zugänglich zu machen, ist eines ihrer größten Anliegen. In geplanten Tagesprojekten für Schulklassen sollen Kinder im Rahmen von Permakulturprojekten die Möglichkeit bekommen, spielerisch natürliche Zusammenhänge zu erfassen. Im Rahmen der Pflege partizipatorischer Künste wie Theater und Musik kann Erfüllung im gemeinsamen Schaffen gefunden werden, statt im erlernten Konsum materieller Dinge.

„Konsum ist eine Sucht“, sagt Vivian. Der Höllbachhof soll ein Ort sein, an dem jeder eingeladen ist, zu erfahren, was ihn wirklich nährt. „Ich lebe heute äußerlich auf kleinem Raum, mein innerer Raum hat sich jedoch deutlich vergrößert, seit ich mich materiell reduziert habe“, sagt Vivian. „Erst das persönliche Erleben offenbart die Lebensfreude und den Reichtum, die Permakultur und nachhaltige Lebensweise umfassen. Hier am Höllbachhof können wir und jeder, der Lust dazu hat, unmittelbar erfahren, dass die besten Dinge im Leben nicht käuflich sind.“

Als Seminarteilnehmer, Gast oder Volontär kann man dieses Leben ausprobieren. „Wir wünschen uns, dass der Höllbachhof für viele Menschen ein zweites Zuhause wird. Ein Ort, an dem alternative Werte, Handlungsweisen und Formen des Miteinanders spielerisch erprobt werden können – ohne dass man das gewohnte Lebensmodell aufgeben muss“, so die Initiatorinnen des Projekts. Mittelfristig soll der Hof zwischen 20 und 30 Personen aller Altersstufen ein permanentes Zuhause bieten.


Weitere Informationen und Veranstaltungstermine finden sich unter www.hoellbachhof.de