Yoga und Sprache

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Der Turmbau zu Nabel: Über das babylonische Sprachgewirr in der Yogastunde und seine fast biblischen Ausmaße

Als die Babylonier ihrerzeit einen Turm bauen wollten, hatten sie die fixe Idee, Gott näher zu kommen als ihm damals lieb war. Wenn ich mich auf der Yogamatte mit dem Kopf nach unten und dem Hintern nach oben ausrichte, habe ich ebenfalls ein hochgestecktes Ziel: dem eigenen Nabel etwas näher zu kommen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten von Nebukadnezar und meiner Yogapraxis. Denn was Gott dem Zweistromland als Strafe für seine Überheblichkeit aufbürdete, hat Yoga längst erfolgreich in den Unterricht integriert: die Multilingualität. In jeder Stunde vermischen sich problemlos mindestens drei Sprachen zu einem harmonischen Sprachgewirr, das trotzdem Hand und Fuß hat. Und zwar nicht nur im „Adho Mukha Svanasana“.

Und damit sind wir schon bei der ersten, wichtigsten yogischen Sprache: Sanskrit. Schon in den Upanishaden werden 700 v. Chr. Atemübungen beschrieben. Und zwar in einer Schrift, die für uns wie ein komplexes Teppichmuster aussieht und teilweise genauso kompliziert klingt. Yoga-Neulinge ziehen bei der Ansage, jetzt doch bitte in „Astavakrasana“ zu gehen, entweder fragend die Augenbrauen hoch oder rollen sich schutzsuchend wie ein Igel in der Kindhaltung zusammen („Balasana“).

Aber je häufiger Schweiß und Ujjayi-Atem fließen, desto flüssiger wird auch die heilige Sprache für die tapferen Yogis und Yoginis. Und plötzlich fällt einem auf, dass „Parivritta“ nur „gedreht“ heißen kann. Schließlich wird beim einfachen „Parshvakonasana“ die Leber nicht halb so ausgewrungen. Stückchen für Stückchen tastet man sich so in einer uralten Sprache voran. Bis man reflexartig und ohne viel nachzudenken das Bein hoch in die Hand wirft, sobald der Lehrer lauthals ein „Utthita Hasta Padangusthasana“ einfordert.

Warrior, Tree & Co.
So wie sich seit jeher zahlreiche Mysterien um Indien und Sanskrit ranken, überrumpelten einst ambinitionierte Engländer nicht nur das Land sondern mittlerweile auch die Sprache. Das Ergebnis: In den 1990ern wurde sie ebenfalls kolonialisiert. Seitdem marschieren freshe, hippe Teacher in Workshops ein, bewaffnet mit jeder Menge Spirit, Flow und, oh Schreck, dem allmächtigen Power Yoga. Nun lässt uns der „Warrior“ vom Oberschenkel an aufwärts erzittern, während der ohnehin schon wacklige „Tree“ keine Chance gegen den rabiaten „Downward-Facing Dog“ hat. Egal wie oft man „Shanti“ ruft und um „Ahimsa“ bettelt: Der Siegeszug der Anglizismen ist nicht zu stoppen. Warum auch? Schließlich braucht der geneigte Schüler doch manchmal einen gänzlich unspirituellen Tritt in den eher westlichen Teil seines Körpers.

Merke also: Sanskrit wird für die traditionellen, ehrwürdigen Aspekte verwendet („Kirtan“ mit „Gruppengesang“ übersetzen? Bitte nicht!) und Englisch für Dynamik sowie Modernität („Streeeeetch forward! Reach out“). Aber wo bleibt die deutsche Sprache? Tja, machen wir uns nichts vor. Deutsch ist und bleibt einfach die beste Wahl für Befehle – so auch im Yoga:„Aaaalle aufstehen, an das Kopfende der Matte treten, Füße hüftbreit geöffnet, Wirbelsäule gerade, Fingerspitzen nach unten, Kopf nach oben, Blick nach vorne…“. Kommt Ihnen bekannt vor? Unsere gute alte Muttersprache schafft es mal wieder, auch in der größten Sprach- und Körperteilverwirrung mit völliger Abwesenheit von Schnörkeln und Hipness ganz einfach die Richtung zu weisen. Sie verschafft uns mit strengen, aber verständlichen Sätzen nicht nur Halt, sondern auch Haltung.

Tatsächlich ist Yoga nicht nur eine Verbindung von Körper und Geist oder vom Selbst mit dem Ganzen. Yoga verbindet darüber hinaus alte, neue, bekannte und unbekannte Sprachen. Dabei lässt es doch jeder einzelnen ihre ureigenen Eigenschaften und individuellen Wesenszüge – in jeder Asana, jeder Class und jedem Kurs. In der Bibel wird die Sprachverwirrung schließlich nach der versöhnlichen Rückkehr des Heiligen Geistes an Pfingsten aufgehoben. Auch ich rolle mich am Ende der multilingualen Yogastunde wieder vereint mit mir zusammen. In der Happy Babylonic Pose.