7 Tage grün

Grün, grün, grün sind alle meine Smoothies!

Sollten Sie nach der Lektüre dieser Ausgabe Lust auf eine Detox-Woche bekommen haben, kann ich Ihnen das Buch von Online-Publizistin und Food-Bloggerin Franziska Schmid und Detox-Expertin Stephanie Katharina Mehring empfehlen. 7 Tage grün ist weit mehr als eine schnöde Anleitung für eine klassische Fastenkur; es geht vielmehr darum, den Körper in der Woche mit „flüssigem Sonnenlicht“, wie der grüne Pflanzenstoff Chlorophyll gerne poetisch umschrieben wird, zu fluten. Das Grünzeug steckt voller Vitamine und Nährstoffe, die beim leichten Start in den Frühling helfen. Das Immunsystem wird gestärkt und schon nach kürzester Zeit verschwinden Energiemangel, Konzentrationsschwäche oder Stimmungsschwankungen. Auch das Hautbild verbessert sich eklatant. Die Smoothie-, Salat- und Suppenrezepte im Buch kann man in nur 10 bis 20 Minuten zubereiten und sie schmecken richtig lecker. Zusätzlich liefern die Autorinnen nützliches Wissen zu einzelnen Zutaten sowie Antworten auf die häufigsten Fragen zum Thema Detox.

FAZIT // Beinahe erschreckend, mit wie wenig Aufwand man sich Gutes tun kann.

Grüne Smoothies und Rohkost, von Franziska Schmidt und Stephanie K. Mehring, Trias Verlag, Preis ca. 13 Euro

Ernährung: Liebe für den Magen

Die wichtigste Regel einer gesunden Ernährung lautet für Krishnataki: „Smile to your stomach.“ Seinem Magen zulächeln, das bedeutet: innehalten, Freude empfinden und hineinspüren, was gut tut. Es kommt zuerst auf die Einstellung an, dann auf die Inhaltsstoffe.

Seele, Körper und Geist – ein gutes Essen nährt alles. Deswegen sind für den griechischen Yoga- und Thai-Massagelehrer Krishnataki bei Kursen die Mahlzeiten die wichtigsten Übungseinheiten. Nach den konzentrierten Unterrichtststunden freuen sich alle auf ein Frühstück mit Müsli, Honig, Tahini, Joghurt aus Schafmilch, frischen Früchten und verschiedenen Tees. Auch die Mittag- und Abendessen sind sehr abwechslungsreich – mit würzigen Linsengerichten, überbackenem Gemüse, Salaten aller Art, Kräutern, Bratlingen, selbstgebackenem Sprossenbrot und diversen Aufstrichen. Fast zu viel und viel zu lecker, um sich, wie gefordert, zu mäßigen. Krishnataki oder Thakis, wie ihn seine Freunde nennen, arbeitet bei seinen Seminaren immer mit befreundeten, ausgesuchten Köchen, etwa mit Daphne Tsatsou. Aber er lässt es sich trotz vollem Stundenplan nicht nehmen, bisweilen selbst für die Kursteilnehmer zu kochen: mit viel Wissen und Intuition. Seine Karriere begann überhaupt in der Küche. Weil seine griechische Familie sich regelmäßig obskuren Diäten unterzog, wollte er mehr über Ernährung erfahren. Er lernte zunächst alles über die gesunde griechische Küche, wurde Koch und leitete mit 23 Jahren das Restaurant eines Casinos. Als er Thailand bereiste, um mehr über die asiatische Küche zu erfahren, riet ihm ein Mönch: „Du solltest Thai-Masseur werden, du hast gute Hände.“ So kam es. Später studierte Krishnataki auch in Indien und Japan chinesische und ayurvedische Medizin und Ernährung. Zu Hause in und um sein Sunshinehouse auf der Insel Evia bei Athen wachsen allerlei Früchte, Kräuter und Gemüse, ganz ökologisch versteht sich.

In seinen Seminaren fügt sich nun alles: Essen, Kochen, körperliches Training, Meditation, Singen, Tanzen, Massieren, die Anwendung von heilsamen Kompressen mit Kräutern aus dem Garten. Und auch das Lustzentrum wird immer belohnt, denn wer sich anstrengt, darf kleine Sünden begehen: Mit Löffeln ausgerüstet scharen sich in Mitternachtssessions Trauben von Schülern um Schüsseln und Tabletts voller Energiebällchen oder Melonenschnitze, für die Geburtstagskinder gibt es vegane Torte mit Avocado-Bananen-Schoko-Creme auf Trockenfrucht-Walnuss-Boden… Wer würde da nicht lächeln? Aber auch das Fasten will gelernt sein – und wird von Krishnataki gelehrt, denn: Ein voller Bauch praktiziert nicht gern!

YOGA JOURNAL: Krishnataki, zu deinen Massagekursen in der Schweiz bringst du oft Lebensmittel aus Griechenland mit. Du lädst deinen Van mit Kanistern voller Olivenöl, Brot, Körnern, Kräutern, Tees, Gewürzen und Schafskäsebis unters Dach voll und fährst von Evia nach Tenna. Gibt es in der Schweiz nichts zu essen?
KRISHNATAKI: Doch, natürlich. aber einige Lebensmittel hatte ich dort im Jahr zuvor nicht gefunden, nicht in der frischen Qualität, wie ich sie mir wünsche. Den Schafskäse zum Beispiel, oder das Olivenöl, das ich von einem Freund bekomme. Da weiß ich genau, wo es herkommt. Außerdem sind frische Lebensmittel in der Schweiz sehr teuer. Und wir versuchen ja, die Kurse für die Teilnehmer so günstig wie möglich anzubieten. Einige Körner habe ich übrigens in Deutschland organisiert.

Wie wichtig ist die Ernährung bei Retreats? Vieles baut sich ja geradezu um die drei Mahlzeiten am Tag herum auf…
Die Ernährung ist das Wichtigste. Ich glaube, dass sie noch mehr Gutes bewirken kann als alles andere, für den Körper, den Geist und die Seele.

Brauchen Yogis eine spezielle Ernährung bei Längeren Immersions, vielleicht Kohlenhydrate,um mehr Energie zum Verbrennen zuhaben oder Proteine für den Muskelaufbau?
Generell würde ich das nicht sagen. Jeder braucht das, was er braucht. Jeder sollte herausfinden, was für ein Typ er ist. Vor allem, ob er eher ein kalter oder warmer Typ ist, und ob er Lebensmittel braucht, die Hitze erzeugen, oder die kühlen.

Wie findet man das heraus?
Ich selbst habe früher, als ich noch mehr Retreats mitgemacht habe, meistens gefastet. Das hat mehr in meinem Körper bewegt als die Asanas. Durch das Fasten habe ich viel über mich erfahren. Deswegen ermuntere ich die Yogis bei mir auch immer, einen Tag in der Woche zu fasten. Das gibt dem Körper frei, eine Auszeit. Es stärkt den Körper von seinem Kern heraus. Beim Fasten kann man auch Säfte zu sich nehmen, Früchte oder eine Mono-Diät aus gekochten Körnern oder Gemüse.

Fehlt dann nicht die Kraft,um zu üben?
Nein, wenn man achtsam mit sich ist, weiß der Körper genau, was und wie viel er braucht und wie viel er leisten kann.

Etwas ist mit Liebe gekocht, sagt man oft. Wie wichtig ist die richtige Einstellung bei den Menschen, die das Essen zubereiten?
Sehr wichtig. Am Besten ist es, das Essen von Menschen zu bekommen, die es mit Liebe gekocht haben. Ich selbst singe immer Mantras in der Küche, die ich im Ashram von Amma gelernt habe.

Gerade Yogis wollen sich oft ayurvedisch ernähren und kochen Rezepte aus Indien nach. Sollte man nicht eher Zutaten verwenden, die in der eigenen Gegend wachsen?
Ja. Wir müssen benutzen, was uns die Natur gibt, wo wir sind. Wenn man in Island eine Banane vom Äquator isst, dann hat die einen kühlenden Einfluss, der dort gar nicht nötig ist. Wenn wir lernen, wie wir unser Essen für den Winter lagern und richtig im Sommer essen, oder wie man zum Beispiel Gemüse einmacht, dann brauchen wir nichts anderes als das, das uns an Ort und Stelle zur Verfügung steht. Die Natur weiß, dass wir im Winter wärmendes Essen brauchen, und der Sommer bietet uns kühlendes Essen. Dazwischen, im Frühling und im Herbst, haben wir die Möglichkeit, wenig zu essen und diese Phase für unsere jährliche Reinigung und Entgiftung zu nutzen, entweder mit einer Mono-Diät oder mit Fasten. aber weil wir uns so sehr an alle Geschmäcker und die Produkte aus aller Welt gewöhnt haben, die wir überall zu jeder Zeit kaufen können, haben wir völlig den Bezug zu unseren eigenen regionalen Küchen verloren. Wir sind abhängig von Essen, das von der anderen Seite der Erde kommt.

Spielen für dich dabei auch ethische Aspekte eine Rolle?
Natürlich – die Produkte, die wir verwenden, bestimmen unseren ethischen Fußabdruck. Wenn wir in Dänemark eine Ananas aus Südafrika kaufen oder Kiwis aus Neuseeland, ist das den Kohlendioxidausstoß wert? Regionale Produkte zu verwenden, ist moralisch noch wichtiger, als keine Tiere zu essen.

Du denkst buddhistisch und verteufelst nicht das Essen von Fleisch?
Das ist ein sehr weites Feld. aber schauen wir uns doch einmal an: Warum werden Tiere getötet? Unsere Vorfahren lebten eher im Einklang mit den Gesetzen der Natur als heute, sie töteten Tiere, um sich deren energetische Qualitäten wie Stärke oder Lebendigkeit anzueignen. Sie sahen das mehr als eine Art Medizin. Einmal im Monat wurde geschlachtet, das war ein Ritual mit Gebeten, das der Ganzen Gemeinschaft Essen für eine lange Zeit brachte, und zwar von einem einzigen Tier. Es war Teil der spirituellen Praxis. Heutzutage dagegen töten wir Tiere, weil wir Lust haben, Fleisch zu essen. Wir beuten die Tiere aus – indem wir sie nur aufziehen, um sie zu essen – und wir verbrauchen so viel Land, um sie zu füttern und unseren übermäßigen Verbrauch zu stillen.

Bei deinen Seminaren gibt es keine Kuhmilchprodukte. Was hast du dagegen?
Wenn du mich fragst, was heutzutage das Schlimmste Lebensmittel ist, eines voller Gifte, würde ich sagen: Kuhmilch. Wir sind die einzigen Lebewesen, die noch Milch trinken, nachdem wir als Babys abgestillt wurden. Das ist die schlimmste Ausbeutung von Tieren, dass wir sie gefangen halten in Käfigen für die Milchproduktion. Die Tiere werden oft mit Chemikalien vollgepumpt, an ihren Eutern haben sie Mastitis. Und überdies können wir Menschen die Milch gar nicht aufnehmen und verarbeiten. Wir haben die Enzyme dazu nicht. Im Darm und in der Lunge entstehen viele Krankheiten: Allergien, Asthma, Verdauungsprobleme – ich könnte weiter und weiter erzählen. Wir werden auch schwermütig vom Milchverzehr. Im alten Griechenland haben Kühe und Schafe nur einmal im Jahr Milch gegeben, im Frühling. Die Menschen konnten Milch und Käse für den Sommer aufheben in der warmen Zeit, denn Milch hat einen kühlenden Effekt auf den Körper. Das ist die einzige Ausnahme, die ich gelten lasse: Milch an warmen tagen für Menschen mit warmer Konstitution. So wie die Inder Joghurt, Raita, zu Mittag mit ihrem Essen zu sich nehmen, um sich in der größten Hitze des Tages zu kühlen.

Was hältst du von Spirulina, Gojibeeren oder anderen Wundermitteln?
In den vergangenen zehn Jahren wurde Superfood zu einem wichtigen Markt, einer Handelsmode. Ich nenne es den Superfood-Boom. All diese grünen Mikroalgen-Produkte wie Spirulina, Chlorella und Weizengras beliefern den Körper mit unglaublichen Antioxidantien. Die stellen die Leber wieder her und beugen Krebs vor. Und Gojibeeren, Maca und Acai katapultieren unser Immunsystem nach oben. jedoch müssen wir verstehen: Wo kommen diese Produkte her? In welchem Klima wachsen sie? Und wir müssen wissen, ob unser Körper sie verdauen und aufnehmen kann. Die Hauptursache für Gesundheitsprobleme in unserer heutigen Gesellschaft ist, dass wir das Verdauungsfeuer und die Enzyme gar nicht haben, dieses Superfood in seine Bestandteile zu zerlegen und aufzubereiten. Viele Menschen müssen ihr Zentrum, ihr Erd-Element, wieder in den Urzustand versetzen. Manche Superlebensmittel kühlen den Körper – und das kann bei übermäßigem Verzehr unserem System sogar schaden. Deswegen müssen wir solches Essen sehr klug einsetzen, bewusst und zur richtigen Zeit im Jahr. Ich glaube, dass die alten Griechen und die Chinesen sich vollwertig und klug ernährt haben, weil sie den Körper als Ganzes betrachteten, das Äußere und Innere, sie haben immer die Temperatur des Körpers beachtet und wussten, wie bestimmte Kräuter, Lebensmittel und auch Superfood helfen können, Yin und Yang auszubalancieren.

In Griechenland leben die Menschen mit am längsten auf der Erde. Liegt das an der Ernährung?
Ja, das stimmt, jedoch sind die Antike griechische Medizin und die alte Ernährungsweisheit fast vollständig ausgelöscht worden über all die Zeit. viele Menschen versuchen gerade, das Wiederzuentdecken und Zurückzubringen ins moderne Griechenland. Das Interessante an Griechenland ist erst einmal sein Klima, zwischen Italien und der Türkei gelegen hat es genau das richtige Verhältnis von Feuchtigkeit und Trockenheit für ein langes Leben. Und die Natur bietet alles, um diese klimatischen Schwankungen auszugleichen: verschiedenste Arten von Früchten, Gemüse, Samen, Nüssen, Kräuter und Wildpflanzen. Zusammen mit dem uralten Wissen gibt das Land uns alles, was wir brauchen. Neulich haben deutsche und niederländische Forscher herausgefunden, dass in Griechenland 5300 verschiedene Kräuter wachsen. Es ist das Land mit der größten Pflanzenvielfalt in Europa.

Wann hast du begonnen, dich mit Ernährung zu beschäftigen?
Ich habe meine persönliche Lebensmittelreise bei meiner Großmutter begonnen. Ich wollte immer bei ihr sein, wenn sie in der Küche ihre Alchemie betrieb, sie hat großartige hausgemachte Rezepte erfunden. Ich wuchs in einem traditionellen griechischen Haushalt mit Tanten, Schwestern und Großmüttern auf. Und doch wurde es bei uns irgendwann schick, dass jeder irgendeiner Diät oder den Dogmen irgendeines Abnehmexperten folgte. Dennoch haben sie nie gelernt, ihr Essen weise zu nutzen. Sie verloren Gewicht und hatten es nach ein paar Monaten wieder drauf. Das hat mich so fasziniert, dass ich begann, sie intensiv zu beobachten. Das Wichtigste, was ich verstand, war: Es ist nicht so entscheidend, was wir essen, sondern zu welcher Zeit des Jahres und wie wir es essen.

Du hast viel gelesen, studiert, ausprobiert. Kann man das als Laie selbst überhaupt alles richtig machen?
Ja, man muss nur wieder ein natürliches Gespür für sich und seinen Körper entwickeln. Wenn wir zum Beispiel regelmäßig zu den selben Zeiten essen, finden wir unseren eigenen Rhythmus, verbinden uns mit unserem einzigartigen inneren Klang und dem Stuhlgang. Wir lernen wieder, auf unser Hungergefühl zu achten. In unserer Überflussgesellschaft ist es nicht leicht, die richtige Men- ge zu essen. Wenn du nicht hungrig bist, warum solltest du dann essen? Iss, um zu leben und lebe nicht, um zu essen.

Am Morgen wie ein König, mittags wie ein Bauer, abends wie ein Bettelmann. Stimmt’s?
Ja, die größte Mahlzeit sollte das Frühstück sein, mittags weniger, und abends noch mal weniger. Und nach Sonnenuntergang, nach sieben Uhr abends, sollte man gar nichts mehr essen, dann kann sich unser Verdauungstrakt über Nacht ausruhen. Zum Frühstück kann ein Morgenelixier mit Zitrone und einer Prise Cayenne-Pfeffer helfen, den Darm zu öffnen und Blut und Leber zu reinigen.

Hat der gute alte Brauch des Tischgebetes einen Sinn?
Ja, man sollte vor seinem Essen immer ein Dankgebet sprechen. Man sollte sich vergegenwärtigen, dass so viele Elemente, Regen, Sonne, Erde, Luft und Liebe, zusammengeholfen haben, dieses wunderbare Essen zu formen. Durch dieses Mahl sehen wir, dass das ganze Universum unsere Existenz unterstützt. Und wir sollten Mitgefühl zeigen für alle, die nichts zu essen haben.

Und dann können wir endlich loslegen?
Erst einmal sollte man sich seines emotionalen Zustandes bewusst sein und einfach da sein. Das Essen vollständig zu genießen, ist Bedingung dafür, dass wir uns dafür öffnen und es aufnehmen können. Oft ist es viel wichtiger, unsere Einstellung zum Essen zu verändern, als zu ändern, was wir essen.

Was ist denn die richtige Einstellung?
Lächle deinen Magen an. Genieße jeden Bissen. Und sei nicht radikal oder dogmatisch. Verurteile andere nicht, wenn sie etwas in deinen Augen Ungutes essen. Sei dankbar für deine Achtsamkeit und dafür, dass du ernährt wirst.

Sind Tischgespräche verboten oder dienen die auch dem Spaß am Essen?
Besser ist es, schweigend und friedlich zu sitzen. Und mit aufrech-er Wirbelsäule. Wir können die Nahrung besser aufnehmen und verdauen, je entspannter wir sind. Deshalb sollte man Ablenkungen wie Fernsehen, Lesen, und ganz besonders Streit beim Essen vermeiden.

Hast du auch für die Nahrungsaufnahme selbst einen Tipp, so wie: „Gut gekaut ist halb verdaut“?
Das ist richtig: Verdauung beginnt im Mund. Kaue das Essen gründlich und achtsam, der Magen stellt sich dann automatisch auf das richtige Säureniveau ein. Trinke dein Essen und iss deine Getränke – der Magen hat keine Zähne. Man sollte auch zum Essen nichts trinken, weil sonst die Enzyme verdünnt und ausgespült werden. Ein Tee zum Essen ist aber in Ordnung.

Wovon soll man sich eher leiten lassen: Vom Geschmack oder von den Regeln?
Der Geschmack ist wichtig, er sagt dir, was gut für dich ist. Die Geschmackssinne sind aber durch den ganzen Stress im Alltag und das Essen, das wir dann schnell in uns hineinstopfen, fehlgeleitet. Daran ist auch die Lebensmittelindustrie schuld: gerade Massenprodukte, manipulierte, stark veränderte Nahrungsmittel wie Mais, Soja, Weizenmehl, Zucker, Milch, Fleisch, Kaffee und gentechnisch veränderte Produkte sind schädlich und machen uns abhängig. Ein paar Regeln helfen einem dann wieder, zu sich zu finden.

In einem Kurs hast du jeden aufgefordert, an ein Lebensmittel zu denken, von dem er glaubt, nicht loszukommen. Dann sollten alle den Beschlussfassen, einen Monat lang auf diese kleine Sünde zu verzichten: Kaffee, Milch, Schokolade.Was ist so schlecht daran?
Eigentlich gar nichts, in Maßen genossen. Auf etwas zu verzichten ist eher eine Übung. Da geht es um Disziplin, um die Kontrolle unserer Gelüste.

Hast du eigentlich ein Lieblingsessen oder wäre das gegen die Prinzipien?
Ach, ich weiß schon was du meinst. Klar, alle Yogis lieben Schokolade, damit kann man sie beim Seminar auch mal belohnen, ich mag das auch. Aber wenn ich wirklich in mich hineinhorche, dann finde ich, was meinem Körper gut tut und was mir wirklich am meisten schmeckt: frisches, grünes Gemüse.

// YAGNA MANTRA

Dieses Mantra kann man als Gebet vor dem Essen rezitieren, Gruppen bilden dazu oft einen Kreis und fassen sich an den Händen. Krishnataki singt das Mantra gerne beim Kochen in der Küche. Im Sanskrit-Orignal klingt es natürlich viel schöner als in der Übersetzung.

om brahmarpanam brahma havir brahmagnau brahmana hutam brahmaiva tena gantavyam brahma karma samadhina. om shanti shanti shanti. om shri gurubhyo namah hari om.

Übersetzung:
Om. Brahma ist der Gebende, Brahma ist der Essenspender, von Brahma wird alles dem brahmanischen Feuer geopfert. Brahma ist das Ziel, das erreicht werden soll, durch das vollständige Aufgehen in der heiligen Tat. Om, Friede, Friede, Friede. Om, ich verneige mich vor den Glücksspen- denden Lehrern, Hari Om.

Außer seinen Kursen als „Senior Massage teacher“ des Sunshine Network gibt Krishnataki auch gerne sein Wissen um Ernährung und Gesundheit weiter. 

Jyotisha: Aristoteles Onassis

Aristoteles Sokrates Homer Onassis – ein Name, wie er griechischer nicht sein könnte. Er steht für Reichtum, Jet-Set und Wirt- schaftsmacht. Onassis ist einer der bekanntesten Griechen der jüngeren Geschichte und bis heute eine Art Nationalheld in seiner Heimat. Sein Leben war der märchenhafte Aufstieg eines staatenlosen Flüchtlings des griechisch-türkischen Krieges, der 1922 mit 16 Jahren mittellos in Buenos Aires, Argentinien landete. Bereits zehn Jahre später kaufte er Mitten in der Weltwirtschaftskrise seine ersten Frachter mit Geld, welches er zuvor in der Tabakindustrie verdient hatte. Binnen weniger Jahre baute er ein Transportimperium auf und wurde zu einem der größten privaten Reeder überhaupt. Onassis nannte mit 48 Jahren über 900 Schiffe sein Eigen, mit denen er Mittels eines raffinierten Firmengeflechts Waren und vor allem Öl über die Weltmeere transportierte.

In der Nacht des 15. Januar 1906, als Onassis geboren wurde, stand am östlichen Horizont das Sternzeichen Skorpion; sein Aszendent. Direkt im Süden, hoch am Zenit des Firmaments, schien ein fast voller Wintermond, während tief im Westen ein hell flackernder Jupiter den Nachthimmel schmückte. Mond und Jupiter sind zu dieser Zeit am Geburtsort Onassis’ die einzigen Planeten oberhalb des Horizonts und haben damit großen Einfluss auf seinen Erfolg und seine gesellschaftliche Position. Der Mond im Süden entspricht einer Platzierung im 10. Haus der Öffentlichkeit und Karriere. Er verleiht Onassis Popularität sowie die Fähigkeit, sich darzustellen und Einfluss auf Andere zu nehmen. Da Jupiter sich im Westen befindet, fällt er im Horoskop ins 7. Haus der Partnerschaften und Beziehungen. Die Folge sind vorteilhafte soziale und geschäftliche Verbindungen.Und tatsächlich haben seine Ehen, seine Kontakte und Geschäftspartner Onassis’ Weg zum Tankerkönig beflügelt. Mond und Jupiter Formen hier zudem ein sogenanntes Kesariyoga; eine Verbindung, die Onassis zum hervorragenden Netzwerker werden lässt. Menschen mit Skorpion im Aszendenten zeigen oft unermüdlichen Ehrgeiz im Verfolgen ihrer Ziele. Ihre manchmal ungewöhn- liche Vorgehensweise führt nicht selten zu Problemen. Gerne pflegen diese Menschen Geheimnisse und lassen sich nur ungern in die Karten schauen. Gepaart mit einem großen Unabhängigkeitsdrang sind diese Neigungen keine gute Voraussetzung für ein harmonisches Beziehungsleben. Im Falle von Onassis war das nicht anders. Die Zielstrebigkeit sowie sein azyklisches und undurchschaubares Vorgehen haben Onassis in seiner Karriere bestens gedient. Als ganz Argentinien amerikanischen Tabak kaufte, importierte er erfolgreich türkischen. Sein Mut bescherte ihm ein kleines Vermögen, mit dem er während der Weltwirtschaftskrise seine ersten Schiffe von Bankrotten kanadischen Reedereien für einen Schnäppchenpreis erwerben konnte. Doch so sehr sein Naturell und seine Talente ihm wirtschaftlichen Erfolg verhießen, so sehr verwehrten sie ihm Glück in seinem Beziehungsleben. Sein Erfolg auf der einen Seite und seine zwei dramatisch gescheiterten Ehen und eine ewige Liebschaft mit Maria Callas auf der anderen Seite, fasste Onassis so zusammen: „Ein reicher Mann ist oft nur ein armer Mann mit sehr viel Geld.“

Die meiste Zeit lebte und arbeitete Onassis auf seiner Luxus-Yacht. Als Feriendomizil hatte er für sich und seine Familie schon früh eine griechische Insel gekauft, auf der er später auch in zweiter Ehe Jackie Kennedy heiratete. Heute liegt „Ari“ Onassis dort begraben. Der Name dieser Insel wird seinem Leben wie auch seinem Horoskop mehr als gerecht: Skorpios.

Ein Kurs für Zuhause

Wenn man gewohnt ist, außerhalb des Studios mittels DVD oder Online-Filmen Yoga zu üben, wirkt ein Kurs auf CD ohne Begleitbuch erst einmal ungewohnt und ein wenig antiquiert, da jegliche Visualisierung wegfällt. Lässt man sich jedoch darauf ein, hat diese Form der Praxis durchaus (wieder) etwas für sich. Man kann sich ganz auf das Gehörte und sich selbst konzentrieren. Man muss sich keinerlei Gedanken darüber machen, wie man den Bildschirm am besten positioniert, um auf der Matte überall so gut sehen zu können, dass man sich dabei nicht mehr ver- als entspannt. Allein dadurch fällt Stress ab – sehr hilfreich! Im Booklet der CD erklärt die Autorin, Heilpraktikerin, Rückenschulleiterin und Yogalehrer-Ausbilderin Anna Trökes schnörkellos und anhand von Skizzen die zwölf Übungen und macht Vorschläge für ihre Zusammenstellung zu Kurzprogrammen – für eine schnelle Energetisierung, innere Sammlung und Meditation oder für einen ruhigen und tiefen Schlaf. Sich gelassen gegen den Stress wappnen – mit diesem Kurs ist das ein Kinderspiel!

FAZIT // Puristen werden ihre wahre Freude an dem Hörbuch haben.

Anti-Stress-Yoga – Übungen für mehr Gelassenheit. Von Anna Trökes, Herder Audio, Preis ca. 15 Euro

Achtsame Yogaübungen

Achtsam durch den Tag

Diesmal klappt es bestimmt mit dem regelmäßigen Üben: Jan Eßweins neues Buch „Achtsame Yogaübungen“ macht Lust auf die Praxis und liefert vier für den Alltag passende Übungssequenzen gleich mit. Diese konzentrieren sich auf die Wirbelsäule, das richtige Sitzen, einen festen Stand und beruhigende Haltungen für den Abend. Allen, die ihre Zeit hauptsächlich am Schreibtisch verbringen, sei die zweite Reihe „@ work“ sehr ans Herz gelegt, für die man noch nicht einmal vom Bürostuhl aufstehen, sondern lediglich ein paar Minuten Zeit aufbringen muss. Im Anschluss ist die Nackenmuskulatur gelockert und der Kopf wieder frei für die nächste Aufgabe. Am besten übt es sich mit der beiliegenden CD, auf der der Autor jede Haltung leicht verständlich und mit angenehmer Stimme anleitet. Am schwersten von der Theorie in die Praxis umzusetzen sind nicht die Übungen selbst, sondern die Tipps für den Alltag, wie etwa Eßweins Plädoyer fürs „Unitasking“. Oder wann haben sie sich das letzte Mal voll und ganz auf nur eine Tätigkeit konzentriert?

FAZIT // Für alle, denen regelmäßiges Sitzen und Meditieren zu anstrengend ist, ein guter Einstieg in das Thema Achtsamkeit.

Achtsame Yogaübungen, von Jan Thorsten Eßwein, Gräfe und Unzer Verlag,  Preis inkl. CD // ca. 17 Euro

Wie kommerziell darf Yoga sein?

Was ist uns Yoga eigentlich Wert? Und darf man an Yoga verdienen? Solche Fragen tauchen immer wieder auf in Yogakreisen. Es gibt unterschiedliche Antworten – vorausgesetzt, man traut sich überhaupt, über den „schnöden Mammon“ zu sprechen. Yoga Journal-Autor Michael Zirnstein hat es getan …

„Wenn ich noch einmal ,Energieausgleich’ höre, platzt mir das Kehlkopf-Chakra“, so zürnte neulich eine Freundin über die bei Kursanbietern beliebte Verschleierungsfloskel. Aber über Geld spricht man eben nicht. Könnte ja den yogischen Frieden stören zwischen Lehrer und Schüler. Ich kenne beides: So seltsam ich es finde, meine Schüler, alles freilich meine Freunde, abzukassieren, so sehr meldet sich die Geizzentrale meines Rechenzentrums, wenn ich bezahlen soll. 70 Euro für den 180-minütigen Spezial-Yamas-Workshop? Bringt mich das wirklich sechs Mal der Erleuchtung näher als die halb so lange normale Stunde (10er-Karte für 120 Euro)? „Was wir anbieten, ist sowieso nicht mit Geld aufzuwiegen“, rechtfertigt sich der Lehrer. Und wenn ich mir den Luxus dieses eine teure Mal spare? Kümmert er sich in den Stunden künftig mehr um die anderen Jünger, die natürlich alle ihre Yamas aufpolieren – ohne zu knausern…? Vielleicht sollte man doch einmal über Geld sprechen. Oder zumindest, wie es im Yoga immer so schön heißt: nachspüren.

Manchmal spüre ich Ärger. Wenn ich zum Beispiel während eines Retreats in Portugal herausfinde, dass ich als Deutscher grundsätzlich 200 Euro mehr bezahle als die portugiesischen Schüler, obwohl einige keineswegs Krisenopfer sind. Andererseits: Als Freunde ein Festival für die sich überdurchschnittlich liebhabende deutsche Acro-Yoga-Familie veranstalteten, standen zwei Köche von 6 Uhr bis nachts um 22 Uhr in der Küche, drei Tage lang, für drei kostbare und köstliche ayurvedische Mahlzeiten täglich. Jeder konnte anonym geben, was es ihm wert war. Am Ende fanden sich in der Spendenschale nicht einmal die 50 pro Kopf benötigten Euro, um die Lebensmittel zu bezahlen. Da heult mein kosmischer Gerechtigkeitssinn auf. Geben ist selig, aber richtig Nehmen muss auch gelernt sein. Einige Yoga-Popstars haben ja schon längst kein Studio und die damit verbundenen Unkosten mehr, sondern vergolden sich die Nase mit exklusiven Immersions an den schönsten Urlaubsorten. So ist ein Asana- Jetset entstanden für alle, die es sich leisten können. Yoga-Conferences, gerade in Übersee, vor allem in New York, kosten schon mal 1000 Dollar für vier Tage – so viele Klassen kann man gar nicht besuchen, dass sich das rechnet. Bei uns im kapitalistischen Westen wird Yoga oft abgerechnet wie an der Supermarktkasse.

Carsten Ehrhardt kennt das System, deswegen weiß er auch: „Man darf da nichts verallgemeinern.“ Er veranstaltet die „Yoga-Expos“ in mehreren Städten: Yogis bezahlen bei diesen Messen einen erschwinglichen Eintritt (etwa 15 Euro am Tag) und können rund um die Uhr an Schnupperstunden der Studios (die dabei für sich Werbung machen und dafür bezahlen müssen) teilnehmen. So bleibt Geld übrig, das die Besucher bei den Ausstellern ausgeben können, die mit der Standmiete die Messe tragen – ein geschlossener Kreis. Die an sich günstige Yoga-Expo gilt als „kommerziell“. Aber: Die Leute wollen es gar nicht anders. Ehrhardts Versuch, die Messe mit einer echten Yoga-Conference zu begleiten, bei der alle, die ein bisschen mehr zahlen, intensiv und für sich üben können, scheiterte kolossal: Kaum einer meldete sich an. „In München wollten die Leute lieber kurz üben und denken mehr ans Shoppen danach.“ Losgelöst von der Expo versuchte er es auch mit einer „Bhakti-Yoga-Conference“ in einem alten Gaszählerwerk: Für das schöne Ambiente, die Ruhe und Guru-Größen wie Radhanath Swami und Yogeshwari waren die Gäste bereit, mehr hinzublättern – am Ende zahlte der Veranstalter dennoch beinahe drauf, der hohen Gagen und Hotelkosten wegen.

Wenn Ehrhardt selbst Yoga anbietet – Vorträge über die vedischen Schriften, Puja-Zeremonien und mit seiner Frau im Duo Madhavi & Caitanya Kirtans – nimmt er dafür wiederum gar nichts: „Bhakti muss kostenlos sein. Aber wenn der Körper ins Spiel kommt, dann ist Geld legitim.“ Im Ashram seines spirituellen Lehrers in Indien habe er noch nie eine Rupie bezahlen müssen. In der vedischen Kultur unterstützen alle – wie sie können und mögen – ihre Brahmanen und Sadhus, ihre heiligen Männer, die für das Seelenheil aller beten: ein Grundrecht auf Yoga, eine Grundsicherung für die Priester (so wie in den meisten Religionsgemeinschaften). „So, und jetzt kommt Yoga zu uns in den Westen, wo man versucht, das zu intergrieren.“

Verschiedene Modelle
Das läuft in jeder Stadt und jeder Schicht unterschiedlich: In teuren Städten wie München oder Zürich sind die Mieten für Studios und der Lebensunterhalt extrem teuer, deshalb müssen Lehrer, die vom Yoga leben, mehr verlangen. Außerdem herrscht bei vielen Yogis der (Un-)Geist, findet Carsten Ehrhardt: „Was wenig kostet, ist nicht viel wert.“ Anders auf den Land: Winni und Sophia Ruhs zum Beispiel leben im Höllbachhof, einer Art Kommune tief im Bayerischen Wald. Sie halten bei Seminaren stets günstige oder kostenlose Plätze für Karma-Yogis frei und probieren verschiedene Spendenmodelle aus. Mal kann man für den Unterricht geben, was man will, mal werden in „Play and serve“-Wochen Übernachten und Essen billiger, weil alle Holz sammeln oder Unkraut jäten. In der Kommune werden auch verschiedene Modelle eines solchen Seva-Dienstes diskutiert: Denn ist es fair, wenn die armen Karma-Yogis den halben Tag lang in der Küche schwitzen, während die Vollzahler sich auf der Matte räkeln? Sollten nicht alle gleichermaßen viel Yogapraxis bekommen – und alle die meditative Kraft des Gemüse-Schnippelns erfahren?

Die meisten alternativen Bezahlmodelle gibt es im armen Berlin. Zum Beispiel bei Yellow Yoga in Kreuzberg, das Yoga für alle erschwinglich machen und trotzdem seine Lehrer fair bezahlen möchte. Hier werden günstige Flatrates angeboten und – wie an den Waldorfschulen – sozial gestaffelte Preise für die Drop-in-Klassen: Wer unter 700 Euro verdient, zahlt 4 Euro, der Höchstpreis beträgt 8 Euro pro Stunde. Ein Einkommensnachweis wird nicht verlangt: „Wir glauben dir, also tu das Richtige.“ Jörg Jung von Acro Fest Berlin bietet immer wieder Jams für Akrobaten, Yogis und Tänzer gegen Spenden an – so könne „eine tolle Sache schnell viele Menschen erreichen“. Die Hauptaufgabe als Anbieter sei, die Kräfte zu bündeln, um zu bestehen: „Alle haben Gaben. Viele Geringverdiener haben beeindruckende Fähigkeiten im nichtmonetären Bereich.“ Es setze allerdings eine geistige Klarheit voraus, damit so ein Modell funktioniert.

Und das fehlt im Westen noch. Carsten Ehrhardt, der sich wünscht, dass sich die unterschiedlich starken Yogis wie in der vedischen Kultur stützen, wie miteinander verwurzelte Mammutbäume aller Größen, hat schon „Leute mit wirklich viel Asche erlebt“, die sich beschwerten, weil Ärmere weniger zahlen mussten. „Das Bewusstsein muss hier erst wachsen“, sagt er. Über Geld zu sprechen, könnte helfen.

Michael Zirnstein arbeitet als Kultur- und Reisejournalist in München, wo er wöchentliche „Acro-Yoga-Jams“ mit Yoga, Partnerakrobatik und Thaimassage leitet.

 

Beginnen Sie einfach von vorne

Als Meditationslehrer werde ich häufig um Rat gefragt, wenn Menschen ihr Leben verändern wollen und das Gefühl haben, dabei zu scheitern. Jede Geschichte ist natürlich anders, aber was fast Allen hilft, ist die Praxis, immer wieder genau Jetzt neu zu beginnen.

Den Satz „Beginne einfach von vorn” hörte ich zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren von der buddhistischen Meditationslehrerin Sharon Salzburg. Während eines Mindfulness-Meditation-Retreats erzählte Sharon von ihrem Kampf, meditieren zu lernen – wie sie sich verlor, abgelenkt und schließlich entmutigt wurde. Sie stellte sich selbst und ihre Lehrer in Frage. Nach und nach lernte sie jedoch, das mentale und emotionale Geplapper zu ignorieren und immer wieder neu zu beginnen, indem sie über ihren Atem meditierte. „Beginne einfach von vorn“ wurde zu ihrem Mantra. Es bedeutet eine radikale Änderung der Einstellung, wenn man sich dafür entscheidet, sofort wieder aktiv zu werden, sobald man vom Weg abgekommen ist. Wann immer man entdeckt, dass man seinen Fokus aus den Augen verloren hat, kann man einfach von vorn anfangen – ohne sich in emotionalen Verstrickungen zu verlieren. Man muss sich nicht fragen, weshalb man nicht fähig ist, sein Ziel zu erreichen, oder darüber urteilen, wie minderwertig man ist oder wie unerreichbar das Ziel erscheint. Sharon wurde zu meiner Inspiration und der Satz „Beginne noch einmal von vorn“ zu meiner täglichen Lebenspraxis.

Falls Sie jemals versucht haben zu meditieren, werden Sie vermutlich wissen, dass der Geist ständig von Körperempfindungen oder mentalen Aktivitäten in seiner Konzentration auf ein Objekt gestört wird. Dadurch verliert man das Gewahrsein für den gegenwärtigen Moment. Stattdessen überfluten alle möglichen alten Geschichten den Geist, gepaart mit den obligatorischen Selbstvorwürfen, mit Entmutigung und Frustration. Im täglichen Leben geschieht das ganz genauso. Wenn starke Emotionen auftauchen, wird man sehr leicht einfach mitgerissen, hinein in die mit den Gefühlen assoziierten Geschichten. Dadurch verliert man die Achtsamkeit, die so notwendig ist, um gelassen zu bleiben und verantwortungsvoll auf Ereignisse reagieren zu können.

Vielleicht meinen Sie, man müsse wissen, weshalb man ein bestimmtes Problem hat, bevor man auf positivere Weise agieren kann. In der westlichen Psychologie gilt diese Art der Selbstreflexion als Voraussetzung für Heilung und Veränderung. Aber stimmt das überhaupt? Buddha betonte die Notwendigkeit, sich auf den gegenwärtigen Augenblick zu fokussieren und gemäß seiner eigenen Werte zu reagieren – reine Spekulation lehnte er ab. Er soll einmal das Gleichnis eines Mannes erzählt haben, der von einem Pfeil angeschossen wurde: Wenn dieser nun darauf bestünde, zuerst Name, Familie, Dorf und Herkunft des Schützen zu kennen, bevor er den Pfeil entfernt und sich um seine Wunde kümmert – wie sinnvoll wäre das in Bezug auf die Verletzung? Die Situation, die durch den Pfeil entstanden ist, bedarf sofortiger Aufmerksamkeit. Genauso verhält es sich mit der Praxis des Neubeginnens: Sie betrachten so aufmerksam wie möglich die aktuelle Herausforderung und bleiben dabei völlig in der Gegenwart verwurzelt. Sie lenken Ihren Fokus weg von den Bedingungen und Umständen, die Sie einschränken, und hin zu Ihren Stärken, Ihrem Potenzial.

Verpflichten Sie sich zur Veränderung
Jeder Mensch besitzt natürlich die Fähigkeit, von vorne zu beginnen. Doch selbst wenn man das Konzept begreift und sicher schon mehrere tausend Mal neu begonnen hat, heißt das noch lange nicht, dass man daraus mit Hilfe von Achtsamkeit und Intention auch eine gewohnte Praxis gemacht hat. Bevor das aber nicht geschehen ist, werden einen die teilweise stürmischen Wellen des Lebens auf dem Weg der Transformation immer wieder aus der Bahn werfen. Sollten Sie glauben, dass Sie die Technik des Neubeginnens bereits beherrschen, dann versuchen Sie einmal, Ihren Geist 30 Minuten lang auf den Atem auszurichten. Beobachten Sie, ob Sie fähig sind, ganz ohne Kommentar oder weitere Ablenkung zu Ihrem Atem zurückzukehren und ihm Ihre volle Aufmerksamkeit zu widmen – nicht ein- oder zweimal, sondern immer wieder während der kompletten halben Stunde. So gut wie niemand schafft das auf Anhieb. Aber mit der Zeit und der richtigen inneren Ausrichtung kann sich daraus eine Praxis entwickeln, die ich bei mir selbst und meinen Schülern als ein machtvolles Instrument der Veränderung erlebt habe.

Für einen 45-jährigen, der ständig unter plötzlich auftretenden Gesundheitsproblemen litt, bedeutete diese Technik, an jedem einzelnen Tag neu auf veränderte Lebensbedingungen reagieren zu können. Nach Jahren des hilflosen Ausgeliefertseins entdeckte er, dass er durchaus ein reiches inneres und äußeres Leben haben konnte, indem er sich trotz aller gesundheitlichen Probleme auf das Jetzt konzentrierte.

Eine 42-jährige Schülerin fühlte sich von ihren Kollegen ausgegrenzt, als ihre Karriere aufgrund einer Reihe traumatischer Ereignisse bedroht war. Sie lernte, wie sie tagtäglich den Anschluss wiederfinden konnte, indem sie ihr Gefühl der Entfremdung und Unzulänglichkeit akzeptierte und im selben Moment einfach von Vorne begann. Sie spürte, dass ihre Gefühle nur noch schlimmer wurden, wenn sie sich mit den dazu gehörigen Geschichten beschäftigte. Ich riet ihr, sofort den Kontakt zu den Kollegen zu suchen, wenn sie sich ausgeschlossen fühlte – und zwar ohne darüber nachzudenken, wie sie sich dabei fühlte. Während des folgenden Jahres erlebte sie zwar immer noch Gefühle der Entfremdung und Unzulänglichkeit, doch sie kontrollierten nicht mehr ihr Leben. Auch einer 29-jährigen Frau, die in ihrer Jugend an Magersucht gelitten hatte, kam die Methode zur Hilfe: Sie fand sich nach wie vor zu dick, lernte jedoch, ihre zerstörerischen Essgewohnheiten zu durchbrechen, indem sie die spezifischen Angstgefühle erkannte, sobald sie auftauchten. Sie begriff, dass das Auftreten dieser Gefühle sie dazu aufforderte, nun Achtsamkeit und Mitgefühl sich selbst gegenüber aufzubringen und jegliche Selbstkritik zu unterlassen. Stattdessen verlagerte sie ihren Fokus auf eine Reihe von Aufgaben, die sie inspirierten. Auf diese Weise verlor sie sich nicht in der gewohnten Spirale.

Den Fokus verlagern
Aber wie genau übt man es, von vorne zu beginnen? Indem Sie nicht länger den Fokus darauf richten, die Ergebnisse und Auswirkungen Ihres Handelns kontrollieren zu wollen. Und indem Sie ihre gewohnten Reaktionen auf ungute Erlebnisse aufgeben, also nicht länger Kritik üben, urteilen, klagen und lamentieren, wenn es mal nicht gut läuft. Damit verleugnen Sie Ihre Gedanken und Gefühle nicht und Sie versuchen auch nicht, sie zu vertreiben. Statt dessen erkennen Sie sie wertfrei an und empfinden Mitgefühl angesichts der Schwierigkeiten dieses Moments. Diesem Anerkennen lassen Sie eine Methode folgen, die ich die „Und-Technik“ nenne. Dabei sagt man sich selbst: „Ja, ich bin grade aus der Spur geraten – und jetzt beginne ich wieder von neuem.“ Zum Beispiel so: „Ich fühle mich fremd und habe den Eindruck, dass meine Mitmenschen mich nicht mögen – und jetzt werde ich mit dem Typen da drüben sprechen, mit dem ich eigentlich ganz gut auskomme.“ Sie erkennen also Ihre Gedanken und Gefühle an, aber dann geben Sie der Sache eine neue Wendung und kehren in die Gegenwart zurück. Das bedeutet nicht, dass Sie Ihr Ziel, eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, aus den Augen verlieren. Sie konzentrieren sich einfach nur darauf, den jetzigen Moment zu verändern, und das immer wieder aufs Neue.

Selbstverständlich sollten Sie in regelmäßigen abständen überprüfen, ob diese Art, einen Wandel herbeizuführen, für Sie funktioniert oder ob Sie vielleicht lieber etwas anderes versuchen wollen. Genauso empfiehlt es sich, gelegentlich zu überlegen, ob das gewählte Ziel Ihnen überhaupt noch wichtig ist, oder ob sich in der Zwischenzeit vielleicht etwas verändert hat. Die meiste Zeit aber bleiben Sie nur beharrlich am Ball. Dabei entwickeln Sie allmählich immer mehr Kraft für jeden Neubeginn, denn Sie spüren, dass es darum geht, sich auf ein Ziel zu zu bewegen, und nicht darum, dort angekommen zu sein.

Ziele sind natürlich wichtig, denn Sie geben dem Leben eine Richtung, aber das eigentliche Leben geschieht nicht durch das erreichen eines Zieles, sondern jetzt und immer wieder jetzt, während des endlosen Stromes an einzelnen Momenten. Wenn Ihr Fokus auf dem Weg liegt anstatt auf dem Ziel, dann werden Sie auch die Willenskraft und die Inspiration finden, immer wieder neu zu beginnen. Indem Sie in Beziehung treten zum Leben, wie es ist, anstatt darauf zu bestehen, dass es genau so zu sein hat, wie Sie sich das vorstellen, geschieht etwas sehr Bedeutungsvolles: Ihre Chancen, die Dinge wirklich zu beeinflussen, steigen, weil Sie nicht länger in Angst und Verlangen gefangen sind.

Geduld üben
Paradoxerweise ist die Praxis des Neubeginnens ein viel effektiverer Weg, Ziele zu erreichen, als die konstante Fixierung auf diese Ziele. Wenn Sie zum Beispiel versuchen abzunehmen oder Ihr Temperament zu zügeln, dann wissen Sie theoretisch ganz genau, was zu tun wäre, Sie tun es aber nicht. Die Erinnerung an frühere Frustrationen und die Befürchtungen einer schlimmen Zukunft saugen sämtliche Energie auf und lassen Sie scheitern. Wenn Sie dagegen genau in diesem Moment aufmerksam sein können und wahrnehmen, dass Sie gerade zu viel essen in sich hineinschaufeln, dann ist es Ihnen möglich, einfach aufzuhören. Und wenn Sie bemerken, dass Sie jetzt gleich ausrasten werden, dann rasten Sie eben nicht aus. Stopp. Kein Drama. Sie kehren zurück auf ihren gewählten Pfad und beginnen von Neuem.

Klingt ziemlich einfach, oder? Ist es natürlich nicht. Die Praxis des Neubeginnens erfordert viel Geduld und Entschlossenheit. Im Buddhismus zählen diese Eigenschaften zu den Paramita, den essenziellen Tugenden für spirituelles Wachstum: Mit Geduld kann man zulassen, dass man neu zu beginnen. Entschlossenheit schenkt einem die Energie, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was gerade jetzt getan werden muss. Diese beiden Eigenschaften werden unterstützt von einer dritten: liebevoller Güte sich selbst gegenüber. Sie erlaubt es Ihnen, anzuerkennen, wie hart es manchmal ist, inmitten des Wandels auf Kurs zu bleiben.

Wenn Sie an einer bestimmten Stelle Ihres Lebens einen Wandel herbeiführen möchten und Schwierigkeiten damit haben, dann sollten Sie sich vor allem Folgendes zu Herzen nehmen: lassen Sie sich von niemandem einreden, Sie könnten sich nicht ändern. Kämpfen Sie entschlossen gegen den inneren Impuls an, sich bei auftauchenden Schwierigkeiten abzulenken. Lassen Sie nicht zu, dass die zweifelnde, kritische Stimme in Ihrem Kopf Ihr Leben bestimmt. Und wenn Sie bemerken, dass Sie von einem dieser Leitsätze abgekommen sind – dann beginnen Sie einfach von vorn!

Einen praktischen Übungsteil finden Sie in unserer Ausgabe März/April 2014!

Der Autor Philipp Moffitt unterrichtet Vipassana-Meditation und Mindful Movement Yoga an verschiedenen Meditationszentren in den USA und Kanada. 

Yoga des Herzens

Du bist schön!

Zehn jahre dauerte es, bis dieses Juwel von einem Buch auf Deutsch erschien. Doch das Warten hat sich gelohnt! Die Übersetzerin Ingrid Ickler hat sich Christina Sells sehr persönlichem Text mit viel Einfühlungsvermögen genähert. Es war ein steiniger Weg, den die amerikanische Autorin und international bekannte Yogalehrerin gegangen ist: lange behinderten sie Selbsthass, Essstörungen, Sport- und Selbstoptimierungszwang in ihrer Entwicklung und machten einen entspannten Umgang mit Körperlichkeit schier unmöglich. Die Kehrtwende kam während eines Yogaworkshops, als ihr Lehrer ihr die Angst vor Veränderungen nahm. Nun zeigt Sell auch ihren Lesern Möglichkeiten auf, die innere Umkehr zu vollziehen. Es geht um einen liebevollen Blick auf sich, um Beobachtung statt Beurteilung – und um die Befreiung von Vorstellungen darüber, wann ein Körper „perfekt“ oder „schön“ ist. Ziel ist, „Yoga von Innen nach Außen zu praktizieren, um den Krieg mit dem eigenen Körper zu beenden, und zwar durch die Gnade des Göttlichen.“

FAZIT // Ein unaufdringliches Friedensangebot an den bösartigen Nörgler in unserem Inneren.

 

Yoga des Herzens – Wie wir uns mit unserem Körper versöhnen können. Von Christina Sell, Knaur, ca. 9 Euro