Buddhismus auf der Matte

Sein Name, Dharmapriya, bedeutet „der die buddhistische Lehre liebt“. Dabei liebt der 1949 geborene Kanadier nicht nur den Weg der Weisheit, sondern auch den des Yoga. Beides verbindet er seit mehr als 30 Jahren. Wie sich seine buddhistische Praxis und Yoga gegenseitig befruchten, berichtet er im Interview.

YOGA JOURNAL: Dharmapriya, wem bist du zuerst begegnet, dem Buddhismus oder Yoga?
DHARMAPRIYA: Beidem zur gleichen Zeit. 1972 bin ich nach London gezogen, in ein besetztes Haus. Ein paar Schritte entfernt davon gab es ein buddhistisches Zentrum, damals eines der wenigen in England überhaupt. Dort wurde auch Yoga angeboten. eines Nachmittags kam ich früher von der Arbeit nach Hause und entschloss mich, in die Yogastunde zu gehen. Eigentlich nur, um mein Vorurteil zu bestätigen, dass Yoga eine verweichlichte Form von Sport sei. Pseudosport für Memmen. Es war eine Iyengastunde, geleitet von einem sehr guten Lehrer, in meinem Alter, noch keine 30. Nach 90 Minuten war ich bekehrt.

Und was waren deine ersten Erfahrungen mit dem Buddhismus?
Mitte der 1970er-Jahre herrschte eine sehr experimentierfreudige Atmosphäre. Man probierte alles Mögliche, von Drogen über Meditation bis zum Tanz. In der Zeit lernte ich Leute kennen, die zur Mittsommernacht nach Glastonbury in Westengland fuhren, Acid nahmen und dort warteten, ob die Ufos landen würden. Über eine sehr schöne Frau in unserem Haus, in die ich mich ver- liebte, kam ich zur Meditation. Ich fand es unglaublich schwer, mich zu konzentrieren, spürte aber sofort, dass die Meditation mich auf einer tieferen geistigen Ebene ansprach. Ich absolvierte einige Wochenendretreats, die ich als sehr schmerzlich emp- funden habe. Das ist, als ob man als Brillenträger lange Zeit mit verschmutzten Gläsern herumläuft und sie dann putzt. Alles wird plötzlich sehr scharf sichtbar, sehr klar.

Wie wirkte diese Entwicklung auf deine Yogapraxis?
Ich geriet in einen Klärungsprozess. Lokamitra war eindeutig mein Yogalehrer und ein sehr guter buddhistischer Freund, ein Kalyana Mitra, was sinngemäß „spiritueller Freund“ heißt. Ende 1977 ging ich erstmals nach Pune zu einem Intensivkurs mit B. K. s. Iyengar, Geeta und Prashant, unbewusst diesen Klärungsprozess fortführend. Ich wollte wissen, wohin meine innere Reise geht.

Welche Erfahrungen hast du auf dieser Reise gemacht?
Wir waren nur 25 Teilnehmer, ich fühlte mich mit meinen 28 Jahren sehr stark, aber nach vier Wochen war ich erledigt – eher von der Spannung als der Kraftanstrengung. Zwei Stunden Asanas pro Tag, sechsmal die Woche, dazu Nachmittags Pranayama. Das habe ich gefürchtet, denn Mister Iyengar hat uns angeschrien, weil wir alles falsch gemacht haben.

Dennoch bist du dabeigeblieben.
Weil ich seinen Unterricht fantastisch fand. Erstens spürte ich beim Üben, dass sich das Zeitempfinden radikal veränderte. er verlangte, dass wir uns von der ersten Sekunde an voll einbrachten. Ich habe das mit Sportarten verglichen: Wenn du läufst, läufst du anders, je nachdem, ob du 100 Meter läufst oder einen Kilometer. Iyengar wollte die 100-Meter-Geschwindigkeit für einen Kilometer. Und man hat es geschafft. Mit dem schwindenden Zeitgefühl löste sich jede Art von Konkurrenz auf, die entsteht, wenn man sich mit anderen vergleicht. Das war gar nicht möglich. Wenn Mister Iyengar jemanden zusammen- stauchte, wusste man, dass man am nächsten Tag selbst dran war. Und das Dritte war vollkommenes Vertrauen. Leute haben bei Iyengar gewagt, was sie sonst nie gewagt hätten.

Wieso ist das möglich?
Weil er sehr genau weiß, was er tut. Er hat uns richtig eingestuft. Er schaute in die Augen seiner Schüler und wusste, wieviel Energie sie noch hatten, wozu sie noch imstande waren. Das habe ich erst 20 Jahre später begriffen, und da war ich – und bin noch – von dieser Art des Unterrichtens weit entfernt.

In welcher Art hat dieser Aufenthalt dir bei deinem Klärungsprozess geholfen?
Auf der körperlichen Ebene hat mich Iyengar „umgehauen“. Doch hatte ich damals nicht das Gefühl, dass der Unterricht etwas mit Spiritualität zu tun hatte. Dieser Eindruck ist mir häufiger in der Iyengar-Welt begegnet, bei namhaften Lehrern, die ihre spiritualität bei Sai Baba, Krishnamurti, beim Shaivismus oder beim Buddhismus gefunden haben. Da erlebte ich eine Leerstelle. Während dieses ersten Aufenthalts in Indien bin ich zu der Schlussfolgeung gelangt, dass der Buddhismus das ist, was ich suche und Iyengar Yoga die Art von Yoga, die sehr gut zum Buddhismus passt.

Warum Iyengar Yoga?
Weil es relativ ideologiefrei ist, viel mit Energie zu tun hat und mit Integration. Und weil es auf Achtsamkeit basiert, die zu Selbst- wahrnehmung, Selbsterkenntnis führt. Energie und Achtsamkeit sind wichtige Werte im Buddhismus. Für die Meditation braucht man eine feine Energie. Wir haben in Pune sehr intensiv Rückbeugen geübt und ich merkte, dass danach meine Energie völlig außer Kontrolle geriet. Das ist auch in der Meditation meine Neigung, das habe ich durch Yoga erkannt.

Kannst du diesen Prozess genauer erklären?
In der buddhistischen Meditationspsychologie spricht man nicht nur von Zerstreuung und Abgelenktsein, sondern analysiert diese Zustände unter dem Aspekt der „Fünf Hindernisse“. ein Hindernis ist „Unruhe und Besorgtheit“. Das würde ich frei umschreiben als „Energie außer Kontrolle“. Du kannst nie zuviel Energie haben, aber sie muss gerichtet und verfeinert sein. Energie außer Kontrolle ist eine Neigung, die Probleme in der Meditation schafft. Das habe ich deutlich im Yoga gespürt – viel deutlicher als in der Meditation.

Wie muss deine Yogapraxis in diesem Fall aussehen, um die Unruhe in der Meditation zu beseitigen?
Ich muss mich erden, mehr in die Füße kommen, das Bewusstsein tiefer in den Körper bringen. Das fiel mir am Anfang sehr schwer, und ich habe es gehasst. Mit dem Element Luft zu arbeiten, war für mich ein Kinderspiel. Aber ich brauchte die Erde.

Wie verbindest du die beiden Systeme konkret als Lehrender?
Für mich ist es sehr wichtig, das zu praktizieren, was Patanjali die vier Grundtugenden (Anm. d. red.: Maitri, Karuna, Mudita, Upeksa) nennt – und die Buddhisten Brahmaviharas (Anm. d. red.: die vier „göttlichen Verweilungen“). Von besonderer Bedeutung ist die erste Grundtugend, Maitri (ungefähr „liebevolle Güte“). Für mich bedeutet dies, nicht nur klar zu unterrichten, sondern mit freundlicher Zugewandtheit. Ebenso spielen die ethischen Prinzipien eine große Rolle: unter anderem positive Rede, was Wahrhaftigkeit und Genauigkeit einschließt. Damit meine ich nicht so sehr Anweisungen wie „den rechten Fuß 90 Grad ausdrehen“, sondern Genauigkeit in dem Sinne, jemanden zu korrigieren, indem man ihm sagt, warum und was. Dies ermutigt die Schüler und hilft mir, meine eigene Neigung zum Kritisieren zu bändigen.

Läuft diese Vorgehensweise Iyengars Unterrichtsmethode nicht entgegen? Er selbst ist ja dafür bekannt, wenig zu loben.
Viele Seniors sind sehr freundliche Lehrer. Ich selbst habe eine Prüfung erlebt, in der jemand, der herumbrüllte, mit der Begrün- dung durchfiel, er sei nicht Mister Iyengar und folglich habe er sich auch nicht zu benehmen wie Mister Iyengar. Ja, Iyengar konnte wahnsinnig brüllen, aber ich hatte dabei immer das Gefühl, als würde ich an einen Stromkreislauf angeschlossen und habe einen unglaublichen Energieschub gespürt. Er konnte eine Atmosphäre schaffen, in der Leute über die Grenzen hinausgelangt sind, auf eine sichere Art und Weise. Und dies gelingt kaum jemandem.

Kann man Iyengar kopieren, adaptieren?
Kopieren nein, adaptieren ja, indem man sich fragt, auf welche Art man selbst Energie übertragen kann.

Wie geht es dir mit dem Energieaustausch?
Bei größeren Gruppen fällt es mit sehr leicht, meine Energie in den Raum zu geben, bei kleineren Gruppen mit weniger als zehn Leuten bin ich nach dem Unterrichten erschöpft – vor allem, wenn es Anfänger sind. Weil von ihnen noch keine Energie zurückkommt.

Du bist ein Reisender in Sachen Yoga, hast keinen festen Standort. Warum nicht?
Es ist Methode geworden. Zum einen bin ich stark beeinflusst von meiner Zeit in England, als kaum jemand eine Schule hatte, sondern in einem stundenweise angemieteten Raum unterrichtete. Dieses Modell habe ich nahezu unreflektiert übernommen. Ich sehe, wie viel Aufwand, Zeit und Energie es bedeutet, eine Schule zu leiten. Außerdem war eine Schule mit meinen buddhistischen Tätigkeiten nicht zu verbinden, denn nachdem wir 1988 das Buddhistische Zentrum in Essen gegründet hatten, fanden die meisten Aktivitäten am Abend statt.

Es gibt hunderte von buddhistischen Gruppierungen. Wie soll sich da jemand zurechtfinden?
Wenn mich jemand fragt, rate ich Menschen, besonders wenn sie in großen Städten leben, wo es 40 und mehr buddhistische Gruppierungen gibt, verschiedene Gruppen auszuprobieren. Wenn wir uns intensiver unterhalten und ich zum Beispiel spüre, dass sie kein Interesse an dem Mythischen und an den Ritualen der Tibeter haben, rate ich zu den verschiedenen Theravada-Gruppen, die nüchterner sind. Und umgekehrt. Es hilft nichts, wenn du glaubst, dass die Theorie passt, aber die Chemie nicht stimmt. Bei der Meditation allerdings sollte man bloß ein oder zwei Arten gleichzeitig praktizieren, diese aber täglich und mindestens einen Monat lang.

Du selbst gehörst einem sehr jungen Orden an.
Als Oberschüler hatte ich den Eindruck, dass jemand, der weise genannt wird, nicht besonders intelligent ist. Und bevor ich Sangharakshita kennenlernte, den Begründer von Triratna (Anm. d. red.: vormals „Freunde des Westlichen Buddhistischen Ordens“), glaubte ich nicht, dass es so etwas wie einen Weisen gibt. Das änderte sich schlagartig, als ich 1972 in dieses buddhistische Zentrum in London gelangte. Ich war beeindruckt: von der Klarheit, der Freundlichkeit seiner Schüler, ihrer Richtung im Leben.

Wir leben in einer Zeit, in der in jedem Vorgarten, in jedem Supermarkt, in jedem Lampengeschäft ein Buddha hockt. Was bedeutet der Buddha für uns?
Auf der einen Ebene bedeutet es, dass das Nicht-Christliche und das Morgenländische als weniger bedrohlich wahrgenommen werden, dass wir in dieser Hinsicht toleranter geworden sind. Letztendlich aber ist der Buddhist politisch gesehen viel radikaler als der extremste Maoist. Was die Kommunisten und Maoisten wollten, waren immer noch Kapitalismus und Konsum, wenngleich Staatskapitalismus. Der Buddhismus stellt das alles total in Frage, den Konsum, die Idee, dass Glück sich aus Besitz ableiten lässt und über die fünf Sinnesorgane erfahren werden kann. Sogar die Familie wird in gewisser Hinsicht im Buddhismus in Frage gestellt. Sie hat nicht diesen prinzipiellen Wert wie sonst in unserer Kultur. Die Buddhafiguren allein sind allerdings „Buddhismus light“: Du nimmst die Form, aber nicht die Essenz.

Ist der Buddhist in dir vom Yogalehrer zu trennen?
Wenn Leute zum Yogaunterricht zu mir kommen, wollen sie Yoga nach Iyengar. Und das bekommen sie auch. Aber es ist ganz klar, dass ich unter meinem buddhistischen Namen unterrichte, und bei fast allen Veranstaltungen steht eine buddhistische Meditation am Ende. Die meisten bleiben. Bei längeren Veranstaltungen fragen Leute häufig, ob ich etwas über Buddhismus erzählen kann. Über Ethik, oder wie Buddhismus und Yoga für mich zusammenhängen. Dharmapriya-als-Buddhist bestimmt die Art, wie ich unterrichte und wie ich mit den Leuten umgehe.

Wie kamst du zu deinem Namen?
Sangharakshita hat mir den Namen gegeben, als er mich in den damals „Westlichen Buddhistischen Orden“ aufgenommen hat. Dharma bedeutet die buddhistische Lehre, im Sinne von Weg zur Weisheit. Und Priya ist einer, der liebt, zugeneigt ist. In vielen Fällen ist die Namensgebung gleichzeitig eine Bestätigung von gewissen Qualitäten, von denen Sangharakshita glaubt, dass sie jemand habe, und gleichzeitig eine Ermahnung, gewisse Qualitäten weiterzuentwickeln.

Was stellen deine beiden „Gurus“ für dich dar?
Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, dass Sangharakshita die Dinge sieht, wie sie tatsächlich sind und nicht, wie wir sie gerne sehen. Er ist von Weisheit im tiefsten Sinn durchdrungen. Für mich war es ein Segen, ihm zu begegnen. Mit meiner Persönlichkeit wäre ich ein schlimmer Yogalehrer, wäre ich nicht zum Buddhismus gekommen. Ich wäre sofort in Konflikte geraten, hätte indirekt Macht durch meine Energie ausgeübt, um mich durchzusetzen. Mit der Meditation über Maitri habe ich mich selbst kennengelernt und an mir arbeiten können. Iyengar ist ein Genie: wie kreativ hat er doch Asanas, Pranayama und therapeutische Arbeit entwickelt! er hat mir sehr geholfen, direkt und indirekt durch andere Lehrer. Ich respektiere ihn total.

Was empfiehlst du einem Einsteiger?
Einsteiger worin? Manche kommen zum Yoga, weil sie einfach ein bisschen Antistress haben wollen. Fein. Wenn Leute auf der Suche sind, werden sie weitergehen. Der Buddhismus ist eine Möglichkeit. Mich hat er tief inspiriert.

 

Biblische Shakti

Frau Meer Shakti
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Yoga ist keine Religion. Und doch gehört zum Yoga die Hinwendung zu Figuren und Vorbildern, die uns inspirieren. In der Yogaphilosophie heisst es, dass wir durch Selbststudium, genannt Svadhyaya, unsere persönliche Gottheit finden.

Die Gottheit wird persönlich, wenn wir eine empfindung für sie haben und uns ein Bild von ihr machen können. dieser individuelle Umgang mit den Gottheiten steht in starkem Kontrast zum chrisllichen Dogma, das die Geschichten all ihrer biblischen Figuren für unantastbar hält. Warum eigentlich? Ein Gespräch zwischen dem deutsch-indischen Yogalehrerpaar Anjali und R. Sriram.

Anjali: Sriram, brauchen Yogaübende die Inspiration einer Religion?
Sriram: Yoga selbst ist frei von religiösen Bindungen und Zwängen, dennoch sollte man anerkennen, dass es einen größeren Zusammenhang, eine höhere Ordnung, gibt. Das ist ein religiöser Gedanke. In Patanjalis Yogasutra steht: „Durch Hingabe an Ishvara wird das Yogaziel erreicht“. (Yogasutra 1.45)

A: An welchen Gott soll sich der Yogi hingeben? An einen Unbenennbaren? An einen weiblichen oder männlichen? Im asiatischen, hinduistisch geprägten Raum erscheint Gott einmal als Ardhanarishvara (halb Mann, halb Frau), dann als liebendes Paar, das beständig nach seiner anderen Hälfte sucht – wie Brahma, der Schöpfer, der vier Köpfe hat, weil er in allen Himmelsrichtungen nach seiner Geliebten sucht. Dann wieder dominiert Shakti als heftige Zerstörerin oder liebliche Muttergöttin. Was soll ein Europäer mit solchen Bildern anfangen, für den das alles eher märchenhaft klingt?

S: Das Ishvara des Yoga ist neutral und allumfassend – eine Kraft jenseits aller weiblichen oder männlichen Manifestationen. Sie ist jedoch mitten unter uns, in uns. Und doch ist sie das Unendliche. Sie wird häufig angerufen als Parashakti, weiblich, oder shiva, männlich. Und das passt zum Yogagedanken von der Vereinigung der Polarität, von Geist und Materie, von Purusha und Prakrti.

A: Muss sich ein westlicher Mensch, der Yoga praktizieren möchte, von seinen christlichen Wurzeln abwenden?

S: Nein, er muss sich nicht von ihnen abwenden, aber er könnte seine zuneigung oder ablehnung gegenüber gott überprüfen. Im Gegensatz zum Christentum wird im Hinduismus Gott als ebenbürtig betrachtet. In unseren Tempeln will man Gott spüren, nach ihm greifen: Dort greift man ihn sogar an, man droht ihm mit Mahnungen – um ihn dadurch zu begreifen. Emotionen werden entladen, um ihm nahezukommen. Man sieht gläubige lauthals Gott ausschimpfen, nicht aus Hass, sondern weil man sich diese Freiheit in der Beziehung zu seiner persönlichen Gottheit nimmt.

A: Mir war als junge Frau spontan klar, dass das Dies- und Jenseitige eins sind. Meiner eigenen Entwicklung kam es entgegen, dass ich schon früh nach Indien aufgebrochen bin. Aber die Frage ist: Wie kann ein Yogaübender ohne langen Aufenthalt unter Hindus zu einer versöhnlichen Haltung zwischen Profanem und Sakralem und damit einfacher zu Ishvarapranidhana (Hingabe an Gott) kommen?
S: In der Literatur, den Puranas, gibt es Geschichten, die die Charakteristika von Göttern und Göttinnen beschreiben. Es geht nicht um ein genaues, fertiges Bild von ihnen, sondern um die Anregung, weitere phantasievolle Bilder erzeugen zu können, die Nähe zum Göttlichen entwickeln. Durch Gegensätzliche Auslegung der Geschichten kann sich jeder aussuchen, was ihm gefällt. Dadurch entsteht eine ganz persönlich geprägte Definition von Gott jenseits aller Dogmen. Wir nehmen uns ungeheuer viel Freiheit, das Göttliche selbst zu ersinnen, um es mehr zu lieben.

A: Als indische Tänzerin kenne ich das: Gott ist in den Liedern auch eifersüchtig und zornig. Er hat all die menschlichen – die negativen wie positiven – Eigenschaften. Was unterscheidet Gott letztlich noch vom Menschen? Nichts! Hier kommen das Dies- und Jenseitige wieder zusammen. Im westlichen Kontext sieht das anders aus: Während meiner Ausbildung zur Schauspielerin sollte ich einmal die Madonna tanzen, sie spontan improvisieren, da wurde Traurigkeit zum Hauptausdruck – ich konnte Maria nur mit einem Hauch Trauer finden. Ich konnte sie nicht wirklich erfassen, denn wir dürfen uns kein menschliches Bild von Maria machen, sie bleibt verhüllt. Diese Vorstellung steht im Gegensatz zur indischen Tradition. Hier funkelt die göttliche Substanz in vielen Gestalten. Den rationalen Menschen aus dem Westen stürzt das in ein Chaos. Kann er die Vielfalt Indiens überhaupt ernst nehmen?
S: Ich glaube schon, dass er sie ernst nimmt. Wenn er versteht, dass eine sehr freundliche, selbstverständliche und ebenbürtige Ebene zwischen Gott und den Menschen möglich ist, hat er für sein Religionsverständnis viel gewonnen.

A: Bedeutet das, dass man über die fremde Religion den christlichen Gott entdecken und über die Bilder und Skulpturen der Ganeshas, Lakshmis und Buddhas, einen neuen und freien Zugang zum eigenen Gott finden kann?

S: Eine Starre Religion mit Tabus, die einem verbieten, dieses oder jenes zu denken, kann für den Yogaweg nicht sinnvoll sein. Ein neues Verständnis für das Göttliche inspiriert dazu, auch die christlichen Bilder anders zu interpretieren. Was yoga ausmacht, ist ja, sich Gott ganz persönlich zu gestalten. Wenn es nicht um das Definieren oder erfassen einer kosmischen Kraft geht, sondern nur um die Doktrin einer Institution, die bestimmt, was, wie und wer Gott zu sein hat, ist das für den Yogaweg uninteressant.

A: Tatsächlich habe ich in Indien den Glauben nicht als Institution kennengelernt. Dort wird nicht vorgegeben, wie Shakti aussieht und wie man an sie glauben muss. Glauben ist eine vielfältige, lebendige Energie, die aus tausenden von Kulten besteht. Es reicht sogar, auf den Boden zu schauen, um zu wissen: Das ist gott! Das können wir im Westen nicht. Deshalb nehmen wir entweder die Doktrin an oder lehnen sie vollkommen ab und glauben an gar nichts.

S: Ein solches Schwarz-Weiß-Muster ist nichts für einen Yogaübenden.

A: Also sriram, wie fängt Ishvarapranidhana im Yoga an?

S: Patanjali sagt, dass man durch Selbststudium, Svadhyaya, die Gottheit erkennt, die für einen bestimmt und passend ist (Yogasutra 2.44).

A: Durch yogisches Selbststudium bin ich darauf gekommen, dass Maria in meinem Leben doch eine wichtige Rolle spielt. Ich fragte mich: Wie ist sie wirklich? In diesem Zusammenhang klage ich laut: Wo sind die weiblichen Interpreten der Religionen? Wann haben nach der Urzeit die Frauen jemals wieder gesprochen? Wo haben sie ihren Platz? Wenn sie heute in der modernen Kirche Priesterinnen werden, müssen sie in die männliche Rolle schlüpfen. Das bringt gar nichts! Indien hatte seine Devadasis, die Dienerinnen der Götter. Das waren ganz hochgestellte weibliche Priesterinnen, die nie durch Männer ersetzt werden konnten. Sie hatten bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr viel zu sagen im indisch-religiösen Leben. Sicher fühlen sich im Westen so viele Frauen auch deshalb zum Yoga hingezogen, weil sie ein Forum suchen, um dem persönlichen Wunsch nach ihrer weiblichen Seite zu folgen. Allerdings fehlt es noch an Mut in der Yogaszene, dass die Frauen für die weibliche Spiritualität eine Lanze brechen und endlich eine Tür aufstoßen, um Religiösität neu zu definieren.

S: Das fände ich sehr spannend. Yoga bei Patanjali oder Arjuna in der Bhagavadgita wird durch Männer vermittelt. Sämtliche Interpretationen, die ich kenne, sind männlich geprägt. Auch wenn die Götterwelt weiblich und männlich erscheint, ist sie immer durch männliche Stimmen interpretiert. Da reicht es nicht, Shaktis hinzustellen anstelle von Shivas … Nur der erleuchtete weilt jenseits von Mann- oder Frausein in der Einheit. Ein „Unisex-Verhalten“ ist Illusion. Anjali, wie sieht der weibliche Blickwinkel auf die Spiritualität aus?

A: Sinnlich, praktisch und bildlich. Das Göttliche muss nah an der Handlung sein. Die weibliche Perspektive ehrt das Runde, bleibt bei sich und gibt sich der Schöpfung hin – sie ist eins mit ihr. Eine Frau ist der Materie, der Erde, nah. Frauen handeln, während Männer die Schriften interpretieren. Das Weibliche lässt sich am besten über die sexualität definieren. Die Frau ist schneller bereit, sich hinzugeben, und das muss sie im Bewusstsein behalten. Wenn die Frau nämlich nicht weiß, dass sie Gott durch ihre Hingabefähigkeit schon sehr nahe ist, gibt sie sich einem Lehrer hin, irgendwelchen Führern (Verführern). Sie wird wieder zu einem Schäfchen, das in der Herde mittrottet. Männer führen gerne an und denken in Strukturen, die Frauen überrumpeln. Doch eigentlich hat die Frau das Wesen der Hingabe so stark in der Hand, dass sie gerade mit Yoga viel mehr aus sich herausgehen könnte. Sie hat es nicht nötig, sich der gesellschaftlichen Norm hinzugeben. Sie muss nicht jung, adrett oder sexy aussehen, sondern könnte sich vielmehr dem Hingeben, was sie als das Göttliche empfindet – dadurch, dass sie es neu für sich definiert.

S: Im Grundlagenbuch der Yogaphilosophie, Samkhyakarika, heißt es: „Es gibt nichts, was mitfühlender ist als Prakriti“, die Shakti, das Weibliche. Jeder Bhakta (Gläubige) in der Bhakti-Yogabewegung sieht sich als weiblich. Jeder Meister spricht hier als Frau, auch wenn er ein Mann ist. Anjali, wie könnte man aus weiblicher Sicht Eva anders wahrnehmen?

A: Eva ist keine Verliererin. Sie bleibt in ihrem Paradies, in ihrer Erkenntnis. Sie hat den Apfel und damit die Sache in der Hand: sie weiß, dass sie lenken kann. Sie hat den Mut, ein neues Bewusstsein zu erlangen durch das verbotene Essen des Apfels. Adam ist viel konformer und ängstlich. Er verurteilt Eva für ihre Offenheit der Schlange gegenüber. So wird gesagt, die Frau hat die Sünde gebracht. Das ist eine ganz schreckliche Interpretation, die in unserer Kultur fest verankert ist.

S: In deinem Buch „Geliebte Gottes“ hast du dir die Freiheit genommen, Gott selbst zu gestalten. Eva ist das Runde, die 0, und Adam die 1, also aus Gottes gerader Denkrichtung geboren. Er schaut in die Ferne und immer woanders hin, während die Frau in ihrem ganzheitlichen, geschlossenen System bleibt. Adam sucht das Entkommen, während Eva nicht entkommen muss, da sie dem Mann bereits aus der Rippe entkommen ist.

A: Ich habe Eva und Adam mit einem Augenzwinkern yogisch interpretiert. Der Mann sucht das Asketentum und beschäftigt sich mit der Weite. Eva dagegen verbündet sich mit der Schlange – dass man das als Böse ansieht, kommt wahrscheinlich vom Patriarchat und dem müssen wir Yoginis entgegentreten.

S: Im Yoga ist gerade die Schlange ein sehr wichtiges Symbol. Sie ist die Weisheit und die Kundalini-Kraft. Patanjali wird teilweise als Schlange dargestellt. Die Schlange ist ein Bild für Bewegung, sie hat die ruhigste und eine sehr positive Kraft, während der Mensch die Statik verkörpert. Beide zusammen, Mensch und Schlange, bilden eine Polarität. Die Schlange kann wundervoll still daliegen und die meditative Kraft in uns sein, die unsere Statik aufrecht hält. Für die Yogaszene klingt diese Interpretation von Adam und Eva erfrischend. Wie sieht es mit Maria aus?

A: Maria ist die Erleuchtete, ständig in Kommunikation mit höheren Kräften. Sie ist eins mit Purusha in Form des Heiligen Geistes (Hebräer EV 2). Sie ist versinnbildlicht als Mutter. Das ewig Jungfräuliche ist eine Qualität im Yoga, die man als Vairagya bezeichnet: Es ist das, was unberührt, unangetastet und immer im Abstand zur Welt bleibt. Maria ist die perfekte Yogini, die alles mitgemacht hat. Sie hat empfangen, geboren, ihren toten Sohn in den Armen gehalten und gesehen, wie er wiederbelebt wurde. Sie ist die Künderin, doch ihre Schriftrollen wurden verbrannt – dennoch bleibt sie unangetastet. Das Jungfrauenprinzip ist, was Yoga mit Vairagya anstrebt. Maria ist für mich keine historische Figur, sondern das vollkommene Bild des yogischen Geistes.

S: In Yogasutra 1.16 heißt es, Vairagya ist jener Geist, der frei von Anhaftungen bleibt. Es ist die höchste stufe.

Anjali und R. Sriram sind seit 36 Jahren ein Paar. Sie leben im Sommer im Odenwald und im Winter in Indien. Die Experten für indische Kultur, Mythologie und Philosophie (besonders für Yoga und Bharatanatyam-Tanz) haben bereits mehrere Bücher veröffentlicht und Schüler ausgebildet. R. Sriram ist außerdem mit seiner Interpretation des Yogasutra bekannt geworden.

 

Exklusiver Video-Release: YOGA IN BERLIN – Projekt mit Wari OM

Wari Om Yoga in Berlin

Aber nicht nur wundevolle Bilder haben wir von dem Projekt bekommen, sondern auch ein herzöffenendes Video, das wir nun endlich präsentieren können! Viel Spaß beim Ansehen und Mitfühlen von Wari Oms Video-Projekt „YOGA IN BERLIN“.

 

 

 

Inspiration: So gestalten bekannte Yogis ihren Hausaltar

Heimaltar DIY
Heimaltar DIY

Ein liebevoll eingerichteter Hausaltar ist ein Ort der Dankbarkeit und Inspiration, an dem du das ehren kannst, was du wertschätzt und was du in dir selbst stärken möchtest. Du hast selbst noch keinen Altar zu Hause? Dann lass dich von diesen Yogi*nis inspirieren …

Text: Lauren Ladoceour und Christina Raftery / Titelbild: Em ♡ via Unsplash

Der Hausaltar von Sean Johnson

Sean Johnson Hausaltar Yogaworld
Foto: Farah Gotkurk

Jeden Morgen sitzt Sean Johnson vor seinem Altar. Er ist Yogalehrer und Gründer der „Sean Johnson and the Wild Lotus Band“. Dort singt er, meditiert und bringt sich wieder ins Gleichgewicht. Johnson platzierte seinen Altar in einem Kamin im Wohnzimmer seines Hauses. Zusammen mit seiner Partnerin Farah lebt er in New Orleans. Der Ort des Altars, ist symbolisch wie die Gegenstände, die er dort aufgestellt hat. „Genau wie ein Kamin ist der Altar eine Feuerstelle für mich. Diesen Ort suche ich auf, wenn ich meine Seele und meine Verbindung zu den wichtigen und inspirierenden Dingen des Lebens neu entfachen will.“

Auf Johnsons Hausaltar stehen Gottheiten, die Eigenschaften symbolisieren, mit denen er in Verbindung treten möchte. „Ich habe einen Buddha mit dickem Bauch dort stehen, der mich daran erinnert, dass hinter jedem Schmerz Freude und Süße ist“, erklärt der Musiker. „Ich singe zu Saraswati, der Göttin der Künste, um mich zu inspirieren. Und ich habe immer das Bild einer Lotusblüte auf meinem Altar. Sie erinnert mich daran, dass sogar in dunklen Zeiten etwas Schönes entsteht.“

  • Spiegel: Er erinnert mich daran, dass mein Altar eine Reflektion dessen ist, was bereits in mir vorhanden ist.
  • JA-Karte: Die Karte habe ich von meinen Eltern bekommen. Sie ist aus ihrer Hochzeitseinladung ausgeschnitten und erinnert mich daran, immer wieder „Ja“ zum Leben zu sagen.
  • Kindheitsfotos: Sie erinnern mich daran, spielerisch zu bleiben und meine Eltern wertzuschätzen.
  • Gottheiten: Hanuman erinnert mich daran, ein guter Freund und Diener der Liebe zu sein. Shiva erinnert mich daran, mit den Rätseln des Lebens zu tanzen, anstatt mich gegen sie wehren zu wollen oder mich von unerwarteten Ereignissen lähmen zu lassen.
  • Mardi-Gras-Perlen: Ich habe sie zusätzlich zu der traditionellen Mala auf meinem Altar. Sie symbolisieren meine Verbindung zu New Orleans und erinnern mich daran, das Fest als Freude zu betrachten.

Der Hausaltar von Andrea Qbi Kubasch und Dirk Bennewitz

Andrea und Dirks Hausaltar Yogaworld
Foto: Martin Morris

Auch Andrea Qbi Kubasch und Dirk Bennewitz, Gründer von Power Yoga Germany in Hamburg, haben ihren Altar im Wohnzimmer errichtet, dem Ort, an dem sie zur Ruhe kommen und sich energetisch wieder aufladen. „Hier arbeiten wir nicht, sondern versuchen ausschließlich Regeneration und Entspannung stattfinden zu lassen“, berichtet Qbi. Dirk hat bereits seit Kindestagen einen Altar. In seiner Familie war Spiritualität ein vollkommen normaler Gedanke. Die ganze Familie hat sich in der Kampfkunst Aikido geübt, bei der es, wie im Yoga, um die Harmonisierung von Energien, um Frieden und Einheit geht. Sein Vater Gerd war einer der ersten, der diese Kampfkunst in den 1960ern in Deutschland bekannt machte und seitdem höchste Leistungsgrade erreichte.

In japanischen Dojos (vergleichbar mit Shala) ist es Tradition, einen „Kamiza“ (Schrein/Altar) zu haben. Dieser Altar macht aus einem gewöhnlichen Raum einen besonderen, der den Übenden als Ort der eigenen Vervollkommnung dient. Beim Betreten und Verlassen des Raumes wird sich kurz in seine Richtung verneigt. „Das ist übrigens auch bei den Schülern in unseren Yogastudios üblich“, erzählt Dirk Bennewitz. Vor ihrem Hausaltar üben sich Qbi und Dirk in verschiedenen Meditationsformen: „Er dient als Ort innerer Einkehr und Erinnerung daran, was wir bereits erreicht haben, an welchen faszinierenden Orten wir waren und wo wir stolz auf die eigene Disziplin gewesen sind. Diese Gedanken kommen dann wieder zurück in unser Bewusstsein und geben uns neue innere Kraft.“

  • Im Zentrum die Götterfigur Ganesha: Er erinnert uns an daran, dass der „Setzer“ und der „Beseitiger“ von Hindernissen in einem Charakter zusammengefasst sind, wie zwei Seiten einer Medaille. Wir sind für Ganeshas Kraft sehr dankbar, denn wir lernen viel durch sie. Außerdem finden wir Ganesha höchst sympathisch, da er auch als verspielt, gütig und clever gilt und genauso gerne Süßes mag wie wir.
  • Schwert: Das Schwert ist das Symbol der Samurai, die gefürchtete Krieger, aber auch begnadete Künstler waren. Jeder Samurai musste sich auch in einer der „schönen Künste“ üben. Es repräsentiert die innere Disziplin und Hingabe an die Sache (das Leben). Im Yoga am ehesten mit „Tapas“ zu vergleichen.
  • Boxhandschuhe: Sie liegen dort für das Vertrauen in die eigene Kraft, die aus stetiger Übung erwächst.
  • Die grüne Tara: Sie ist die mitfühlende Weise, die Wünsche erfüllen kann. Gleichzeitig beschützt sie vor Gefahren, sie wacht über unseren Altar. Wir haben sie von einem Mönch während unserer Bhutanreise geschenkt bekommen.
  • Die Muscheln und der Stein: Das sind Gegenstände vom Ostseestrand in der Lübecker Bucht. Wir sind beide Lübecker und haben dort die ersten 20 Jahre unseres Lebens verbracht. Die Ostsee symbolisiert für uns gleichzeitig Heimat sowie Rückzugs- und Kraftort.

Der Hausaltar von MC Yogi

MC Yogis Hausaltar Yogaworld
Foto: Amanda Giacomini

Wenn er zuhause in Nordkalifornien ist, verbringt Yogalehrer und Musiker MC Yogi (alias Nicholas Giacomini) den Morgen vor seinem Altar, wo er 10 bis 30 Minuten meditiert. „Das bereitet meinen Geist auf den Tag vor. Es ist nur eine Ecke in meinem Haus, aber die Luft fühlt sich dort ein wenig anders an“, erzählt der für seine poetischen Rap-Songs bekannte Künstler. Außerdem ist sein Zuhause mit zahlreichen Altären gefüllt. Diese Orte sind mit vielen Bildern und Objekten bestückt, die eine besondere Bedeutung für ihn haben. Andenken an seine Reisen, Portraits von Engeln und Gottheiten, Gemälde seiner Frau Amanda Giacomini und ein Foto seines geretteten Hundes Mo.

„Wir haben in Indien einen heiligen Berg besucht. Er unterscheidet sich äußerlich nicht von den anderen Bergen. Aber da die Menschen ihm Liebe widmen, strahlt er Energie aus. Altäre sind genauso: Sie sind ein Weg, um Hingabe auszudrücken, und vor allem sind sie eine Reflexion des eigenen Inneren.“

  • Lichter: Sie stehen für die Energie und Liebe, die ich empfinde. Wenn man etwas erhellt und beleuchtet, gibt man ihm liebe.
  • Inspirierende Portraits: Wenn ich das Bild von Gandhi betrachte, löst es etwas in mir aus und erinnert mich daran, in das Erlebnis von Yoga einzutauchen.
  • Frische Blumen: Diese wiederum sind eine Gabe der Liebe an die Liebe, der Schönheit an die Schönheit.
  • Fotos von lieben Menschen: Die Pflegemutter meines Freundes Reggie hat mir ein Foto von ihm gegeben. Sie bat mich, für ihn zu beten, nachdem er ins Jugendgefängnis musste.

Der Hausaltar von Satyaa und Pari

Satyaas und Paris Hausaltar
Foto: Stefan Auth

Bereits der Ort, an dem sie sich kennenlernten, ist Satyaa und Pari heilig. Nachdem beide einige Jahre lang bei Osho ihre spirituelle Essenz erkundeten, lebten die beiden im nordindischen Lucknow. Dort lernten sie als Schüler von HWL Poonja. Hierbei lebten sie nicht nur ihre Begeisterung für Musik und Tanz, sondern auch als Bhaktas in Hingabe an die universelle Einheit. Den Geist dieses heiligen Ortes hat das Kirtan-Duo, das mittlerweile mühelos große Konzerthallen mit Energie füllt, auch in ihr Haus in München übertragen. Dort befindet sich in jedem Raum ein Hausaltar: „Das alltägliche Leben ist auch das einzige heilige Leben“, lautet Satyaas und Paris Überzeugung.

  • Im Zentrum die Götterfigur Saraswati: Diese Figur haben wir aus Rishikesh mitgebracht. Als Göttin der Künste, der Weisheit und der Intuition steht Saraswati für alles, was uns für unsere Musik und unser Leben inspiriert.
  • Bilder von Papaji: Diese aufnahmen unseres Gurus bedeuten uns viel, weil sie ihn in Alltagssituationen zeigen. Das Foto, auf dem er in seinem Ganesha-Shirt ruht, lieben wir sehr. Als wir 1995 sagte er uns: „Ihr gehört nicht einander. Ihr gehört der Liebe.“
  • Oshos Buch „The True Name“: Ohne unsere Begegnung mit Osho, von dem wir viele Jahre unmittelbar lernen konnten, wären wir heute nicht da, wo wir sind.
  • Foto von Anandamayi Ma: Vor allem eine Inspiration für Satyaa: „Wenn ich auf das Bild dieser indischen Heiligen blicke, fühle ich eine tiefe Verbindung.“

Inspiriert? Hier findest du einige Tipps, wie du dir deinen eigenen Hausaltar einrichtest:

Win Silvester: Coaching mittels Yoga und Ayurveda

Coaching boomt als praktische Lebenshilfe. Win Silvester arbeitet als Coach an der Europäischen Akademie für Ayurveda und hält Vorträge, in denen er den Menschen seine Arbeit nahebringt. Im Interview mit YOGA JOURNAL erklärt er, weshalb Coaching immer beliebter wird und wie man damit sein eigenes Potential erkennen und umsetzen kann.

YOGA JOURNAL: Coaching hat in den letzten Jahren einen starken Zuwachs erfahren. Wie erklärst du dir das?
WIN SILVESTER: Die Nachfage nach Coaching wächst, weil die Menschen durch weniger Spiritualität weniger Halt in ihrem Leben haben. Sie merken, dass es mehr gibt als Arbeit und Familie, ihnen fehlt ein tieferer Sinn. Außerdem sind die gesellschaftlichen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt derart bedrohlich, dass Menschen Hilfe brauchen und danach suchen. Früher hat man eine Ausbildung absolviert, in einer Firma angefangen und wusste, dass man dort für die nächsten dreißig Jahre sein wird. Heute bekommt man erst einmal ein Praktikum – und dann noch ein Praktikum. Danach vielleicht einen Dreimonatsvertrag oder sogar einen Jahresvertrag. Man weiß nie, wo man in zwei Jahren stehen wird – egal wie gut man ist oder was man studiert hat. Dieses unsichere Gefühl steigert den Bedarf nach Führung, Orientierung und Hilfe. Dabei ist Coaching ein relativ neuer Begriff – aber Yoga und Ayurveda sind auch Coaching. Bei beidem geht darum, sich selbst besser kennen zu lernen und mit sich selbst, der Welt und dem Umfeld in Einklang zu sein.

Wie bearbeitest du bestimmte Themen deiner Klienten beim Coaching?
Ich habe Ausbildungen in Gesprächs- und Gestalttherapie absolviert. Beide Ansätze gehen davon aus, dass die Lösungen und Antworten für die Probleme im Klienten selbst liegen, er die Antwort eigentlich schon weiß, sich dessen aber noch nicht bewusst ist. Der Klient erzählt, wie er sich fühlt und was er mit seinem Körper wahrnimmt. Indem ich nachfrage, ob ich sein Erzähltes richtig verstanden habe, bekommt der Klient schnell selbst ein Bewusstsein für seinen Zustand. Diese Form der Therapie ist also wenig invasiv. Sich selbst herauszunehmen, ist sowohl das Schönste als auch das Schwerste. Den anderen sich selbst heilen zu lassen, ist für mich jedoch die schönste Methode.

Was rätst du jemandem, der bereits eine Coaching-Ausbildung hat und zusätzlich Yoga und Ayurveda in seine Arbeit integrieren möchte?
Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder arbeitet man mit einem Yogalehrer zusammen oder man lässt sich selbst dazu ausbilden. Yoga wirkt auf subtiler Ebene – schon wenn man nur Asanas und Pranayama übt, verändert das den Geist. Als Coach muss man darüber Bescheid wissen, was sich verändert, damit man authentisch behandeln kann. An der Europäischen Akademie für Ayurveda gibt es seit einigen Jahren die Ausbildung zum Psychologischen Ayurveda-Berater. Man bekommt bestimmte Coaching-Techniken vermittelt und das Ganze basiert auf dem Ayurveda-Konzept. Ich persönlich arbeite gerne mit Spezialisten im Team zusammen: Ich habe gute Kollegen für verschiedene Bereiche und erarbeite ein Konzept, bei dem sich drei bis vier Leute um einen Menschen kümmern. Das ist fair und ehrlich dem Klienten gegenüber. Ich habe durch meine verschiedenen Ausbildungen gelernt, die Grenzen jedes Wissenssystems zu erkennen – vor allem die meines eigenen Geistes. Ich kann einfach nicht alles überblicken und sehe die Dinge immer durch meine „Brille“.

Was würdest du Ayurveda-Therapeuten oder Yogalehrern empfehlen, die coachen möchten?
Yoga und Ayurveda an sich beinhalten bereits zahlreiche Möglichkeiten für Coaching. Die meisten Ausbildungen zum Yogalehrer, Ayurveda-Therapeuten oder Ernährungs- und Gesundheitsberater gehen auf die Aspekte der Begleitung, des Coachings und der Persönlichkeitsentwicklung ein. Auch bei Fortbildungen finde ich es sinnvoll, weiter in eine Richtung zu gehen, die vom Konzept her zu Yoga und Ayurveda passt.

Win Silvester arbeitet als Coach, Personal- und Fitnesstrainer. 

Im Einklang mit der Gesellschaft

Blume Nägel Mohn Gesellschaft
Foto von Kristina Nor von Pexels

Wenn wir eine bessere Welt wollen – hilft es dann, gegen die bestehende zu kämpfen? Wenn wir die Gesellschaft, in der wir leben, ablehnen, sind wir noch nicht so weit, wirklichen Frieden zu bringen.

In den vergangenen Monaten habe ich in meinem Bekanntenkreis häufig folgenden Satz gehört: „Wir sind auf dem Weg in eine neue Gemeinschaft der Liebe und der Freiheit.“ Was mich daran stutzig macht, ist, dass diese Worte oft als Begründung benutzt werden, um sich sowohl von traditionellen als auch modernen Schemata wie der Ehe oder den Grundgesetzen zu verabschieden. Manche dieser Menschen sehen sich als „spirituelle Krieger“. Ich habe da so meine Zweifel…

In den alten indischen Schriften wird beschrieben, dass sich Vishnu immer wieder hier auf Erden inkarniert, wenn es ihm bei uns zu bunt wird: „Immer wenn die Rechtschaffenheit verfällt, Oh Arjuna, und das Unrecht wächst, manifestiere ich mich.“ (Bhagavad Gita, 4.7.) Das tut er in verschiedenen Formen. Mal ist er halb Mensch, mal halb Löwe, mal kommt er als Prinz Rama, um den Dämon Ravana in seine Schranken zu weisen. In einer seiner berühmtesten Inkarnationen – als Krishna – ist er nicht nur ein großartiger Flötenspieler und Lehrer, sondern auch ein ambitionierter Politiker.

Als seine Heimat Mathura angegriffen wurde, zog Krishna nicht in die Schlacht. Stattdessen wanderte er mit seinem Stamm der Yadavas nach Westen, um die Menschen zu beschützen. Er suchte nach einem Platz für den perfekten Staat, in dem es keine Kriege mehr geben sollte – und er fand ihn an der Küste. Es war ein Ort, wo Magnolien blühten und sich der Duft von Eisenhölzern (aus denen die Nag-Champa-Räucherstäbchen gemacht werden) mit dem Geruch von frischen Früchten und Kokosnüssen vermischte. Alles war paradiesisch und Krishna wartete nur noch auf einen astrologisch günstigen Tag, um die neue Stadt Dvaraka zu gründen. Es hätte so schön sein können.

Aber wie uns der altindische Epos Mahabharata in achtzehn Bänden überliefert, kam es plötzlich zu Geschwisterstreitigkeiten, die in einen schrecklichen Krieg zwischen den Pandavas und den Kauravas mündeten. Krishna beteiligte sich als Wagenlenker an den Kämpfen. Dabei wollten doch alle nur Frieden. Wie kann es trotz hehrer Beweggründe immer wieder zum Streit kommen? Es lohnt sich, die Motive, die uns zum Handeln bewegen, genauer zu betrachten.

Ein „spirituelle Krieger“ geht davon aus, dass er nur das Beste für alle will und sein Denken die ganze Welt einschließt. Deshalb singen wir „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“ – „Mögen alle Lebewesen glücklich und frei sein“. Aber meinen wir wirklich immer alle Wesen? Oder meinen wir nicht manchmal vor allem uns selbst? Als in den 1960er-Jahren viele Menschen gegen den Vietnamkrieg protestierten, beriefen sich alle darauf, dass Krieg unmoralisch sei. Als Motive der Protestierenden genauer untersucht wurden, zeigte sich, dass tatsächlich viele von ihnen weltzentrisch dachten. Genau so viele Demonstranten waren aber darunter, deren Beweggründe schlicht egozentrisch waren: „Mir sagt keiner, was ich zu tun habe“. Unter dem Deckmantel des post-konventionellen Denkens blühte also das kindliche Ego-Schema. Ken Wilber nennt das die „Prä-/Trans-Verwechslung“. Und die erwischt viele Yogis auch während der Meditation. Wir denken, wir hätten transpersonale Erfahrungen, während wir in Wirklichkeit „nur“ ein kindliches Einheitsgefühl erleben.

Wenn sich ein „spiritueller“ Mensch von der Gesellschaft unverstanden denkt (hier darf nicht „fühlt“ stehen, denn das Wort „unverstanden“ ist an sich schon eine Interpretation), dann befindet er sich im Widerstand, egal wie sehr er betont, dass er „voller Liebe“ sei. Durch dieses Denken schließt er nämlich viele andere aus. Die Lösung wäre vielleicht, das, was uns stört, einzubeziehen in eine Vision von einer anderen (größeren, aber nicht besseren) Welt.

Wenn die Geschichte wahr ist, dann hatte Krishna damals keine Chance. Fünfhundert Jahre vor Christi Geburt war das postkonventionelle Denken noch nicht sehr weit verbreitet. So ließ er seinen perfekten Staat dann auch nach seinem Tod untergehen. Heute sind wir ein bisschen weiter. Wir haben nicht nur gelernt, uns von alten Werten und Leistungszwängen zu lösen; wir können sie auch in unser Leben integrieren, wenn es sinnvoll ist. Es ist gut, wenn wir uns politisch engagieren. Es ist gut, wenn wir uns spirituell engagieren. Wichtig ist nur, dass wir genau hinschauen, warum wir das tun. Wenn Sie jemand dazu aufruft, gegen etwas – ganz egal, was es ist – zu sein, schauen Sie erst einmal ganz genau, wie sich das für Sie anfühlt.

Ayurvedische Einschlafhilfen

Finden Sie zuerst heraus, unter welcher Art von Schlafproblem Sie leiden, und behandeln Sie es dann mit Methoden, die auf Ihr individuelles Ungleichgewicht zugeschnitten sind.
Foto: über Kamalaya Resort

Pitta
Wenn Sie wegen eines Überschusses an Pitta an Schlaflosigkeit leiden, können Sie entweder nicht einschlafen oder Sie wachen vor 2 uhr morgens auf und schlafen nicht wieder ein. John Douillard empfiehlt in diesem Fall, vor dem Zubettgehen eine Tasse Brahmi-Tee oder warme Mandelmilch zu trinken, wie es auch für Vata-Typen empfohlen wird. Auch ein Versuch mit Aromatherapie ist vielversprechend: geben Sie einige Tropfen Sandelholz, Majoran oder Öl aus Benzoebaum-Harz (riecht nach Vanille) in Ihr Badewasser. Sie können auch Ihren Kopf und die Fußsohlen mit warmem Ghee (geklärter Butter) massieren. Danach atmen Sie 5 Minuten lang Ujjayi (dabei verengen Sie Ihre Kehle und atmen hörbar durch die Nase). Im Anschluss meditieren Sie 1 bis 2 Minuten lang.

Kapha
Nach John Douillards Ansicht ist Schlaflosigkeit durch zu viel Kapha eher selten, aber wenn Sie früh ins Bett gehen und vor 21 Uhr wieder aufwachen, bereiten Sie sich eine Tasse Tee zu: Dazu mischen Sie einen Teelöffel Brahmi mit Honig, rühren alles in eine Tasse heißes Wasser und trinken es. Für eine Kopf- und Fußmassage verwenden Sie Olivenöl, Oliven- Senf-Öl oder Sesamöl; Auch reines Senföl eignet sich. Aromatherapie hat bei Kapha-Typen eine starke Wirkung: Geben Sie eine Mischung aus ätherischem Majoran-, Weihrauch-, Rosen- und Ylang-Ylang-Öl ins Badewasser. Direkt vor dem Zubettgehen üben Sie volle 2 Minuten Bhastrika (Blasebalgatmung, siehe Vata), gefolgt von einer einminütigen Meditation.

Vata
Die häufigste Form der Schlaflosigkeit wird durch ein Vata-Ungleichgewicht ausgelöst: Sie wachen mitten in der Nacht auf (nach 2 Uhr morgens) und können nicht mehr einschlafen. Um dem zu entgegen zu wirken, reiben Sie Kopf und Füße mit warmem Sesamöl ein, bevor Sie ins Bett gehen. Oder Sie nehmen ein Aromabad mit Fenchel-, Orangen- und Tulsi-Öl. Auch ein Tee aus Brahmi, einem ayurvedischen Gewürz, das als nervenberuhigend gilt, kann Wunder wirken. Allternativ versuchen Sie es mit heißer Mandelmilch, in die Sie beliebig viele der folgenden Zutaten geben: gehackte Datteln, Kokosflocken, Kardamom, Ingwer und Honig.

Der Ayurveda-Arzt John Douillard empfiehlt Atemübungen und eine kurze Meditation vor dem Zubettgehen. Probieren Sie es 5 Minuten lang mit der kühlenden Mondatmung Chandra Bhedana: atmen Sie durch das linke Nasenloch ein und durch das rechte wieder aus, wobei Sie jeweils das andere Nasenloch mit der Hand verschließen. Danach folgen 30 Sekunden Bhastrika (Blasebalgatmung): atmen Sie tief und kräftig wie ein Blasebalg durch die Nase und nutzen Sie dabei Ihr volle Lungenvolumen. Danach meditieren Sie 1 Minute lang. Wiederholen Sie das, bis sich Ihre innere Unruhe gelegt hat. Wenn Sie mitten in der Nacht aufwachen, bleiben Sie nicht grübelnd im Bett liegen, sondern stehen auf und trinken Kamillentee.

Schlaf, Yogi, schlaf…

Er ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Schlafforschung. In der von ihm gegründeten Schlafschule für Jedermann kann man lernen, (wieder) richtig zu schlafen. YOGA JOURNAL sprach mit Prof. Dr. Jürgen Zulley über falsche Vorstellungen von gesundem Schlaf und fragte nach Tipps zur Selbsthilfe bei Schlafproblemen.
Foto: Sarah Kehoe

YOGA JOURNAL: Herr Zulley, was macht laut aktueller Forschung „guten Schlaf“ aus?
JÜRGEN ZULLEY: Es hört sich banal an, aber guter Schlaf ist erst einmal dadurch gekennzeichnet, dass man sich am folgenden Tag überwiegend ausgeruht und erholt fühlt. Dabei ist nicht der Zustand direkt nach dem Erwachen gemeint, sondern wie es einem im Laufe des Tages geht. Die Schlafqualität definiert sich somit über den Erholungswert des Schlafes. Wir messen den Schlaf zwar im Labor und wissen, dass es eine Abfolge bestimmter Schlafstadien gibt, die guten Schlaf ausmachen. Aber das reicht nicht aus, um den Schlaf wirklich zu bewerten. Das bedeutet in der Konsequenz, dass sich eine Schlafstörung auch über den Tag und über Tagesmüdigkeit definiert. Ist man tagsüber müde oder nicht leistungsfähig, könnte die Ursache eine Schlafstörung sein. Auch die Schlafdauer lässt nicht wirklich eine Aussage über die Schlafqualität zu. Es kommt nämlich nicht so sehr auf die Dauer, sondern vielmehr auf die Qualität an. Fünf Stunden sind das Minimum an Schlafbedarf – natürlich kann man eine Zeitlang auch mit weniger Schlaf auskommen, aber es ist schlicht und ergreifend nicht gesund. Erholsamer Schlaf ist die Grundvoraussetzung für ein gesundes Leben und zu wenig Schlaf schädigt. Für sich selbst kann man die Regel aufstellen, dass man dann genug geschlafen hat, wenn man sich tagsüber überwiegend fit und ausgeschlafen fühlt. Schlaf ist ein hoch aktiver Erholungsprozess, ein sehr aktives Nichtstun. Es ist ein großer Irrtum, zu glauben, Schlafen wäre verschwendete Zeit. Schlaf genießt bei manchen völlig zu Unrecht ein so schlechtes Ansehen. Unser Gehirn verbraucht im Schlaf genauso viel Energie wie im Wachzustand. Unser Körper ist in dieser Zeit sogar sehr (mit sich) beschäftigt.

Warum haben viele Menschen eine völlig falsche Vorstellung davon, was guten Schlaf ausmacht?
Viele haben falsche Erwartungen an den Schlaf. Es gibt Menschen, die glauben, es handle sich dann um wirklich guten Schlaf, wenn sie durchgeschlafen haben – eine völlig überzogene Vorstellung, weil zu einem normalen und erholsamen Schlaf gehört, dass man sogar öfter aufwacht. Es gibt eine Statistik, die besagt, dass ein durchschnittlicher Schläfer 28 Mal pro Nacht wach wird, diese Wachphasen aber in der Regel vergisst, weil sie zu kurz sind. Wenn man nachts allerdings wach wird und denkt „Ja, was ist denn nur los, ich muss doch schlafen“, wird man unruhig, regt sich über die Schlaflosigkeit auf und kann deswegen eventuell nicht wieder einschlafen. Dann hat man ein Problem; aber nicht, weil man aufwacht, sondern weil man sich darüber ärgert, dass man wach wird – nicht wissend, dass das total normal ist. Geht man dagegen entspannt mit dem normalen nächtlichen Erwachen um, schläft man auch bald wieder ein. Dies ist ein Beispiel für eine falsche Vorstellung von gesundem Schlaf, die sogar Schlafstörungen verursachen kann. Eine weitere falsche Annahme ist die, dass man möglichst lange schlafen müsste, um erholt zu sein. Zu langer Schlaf hat ebenfalls negative Konsequenzen, weil die Schlafqualität und die Tagesbefindlichkeit bei zunehmender Dauer schlechter werden. In Deutschland haben wir einen mittleren Schlafwert von etwa sieben Stunden. Also macht auch nicht die Schlafdauer – abgesehen von einem absoluten Minimum – guten Schlaf aus. Übrigens kann man auch manchmal am Morgen das Gefühl haben, „Das war heut’ Nacht nichts“ und trotzdem später feststellen, dass der Tag völlig in Ordnung ist, obwohl man glaubt, so schlecht geschlafen zu haben. Es ist wichtig, das zu wissen, damit man mit subjektiv, also vermeintlich „schlechten“ Nächten gelassen umgehen kann.

Was kann man selbst für erholsamen Schlaf tun?
Zunächst sollte man sich darüber informieren, was Schlaf überhaupt ist. Dazu gibt es Bücher und Seminare. Anschließend ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass Entspannung der Königsweg in den Schlaf ist. Um schlafen zu können, muss man entspannen können. Der Kernpunkt ist natürlich: Wie kommt man zu dieser Entspannung? Das ist nicht so einfach. Vor allem, weil es nicht nur um körperliche, sondern vor allem um mentale Entspannung geht. Des Weiteren sollte man versuchen, mit dem ganzen Thema Schlaf möglichst gelassen umzugehen. Selbstverständlich sollte man auch tagsüber für die richtige Auslastung sorgen, also Bewegung und Sport in den Alltag integrieren, um körperlich zu ermüden. Und dann gibt es noch viele kleine Details, wie etwa, dass man abends nicht zu spät isst, dass man seinen individuellen Zeitpunkt des Schlafengehens und auch seine individuelle Schlafdauer findet – es sind viele kleine Tipps, die für eine gute „Schlafkultur“ sorgen. Ich nenne es lieber „Schlafkultur“ statt „Schlafhygiene“ (medizinischer Fachbegriff für die Rituale, die einem erholsamen Schlaf zuträglich sind; Anm. d. Red.), weil man sich um guten Schlaf kümmern muss und ihn kultivieren sollte, statt ihn als lästiges Überbleibsel aus alten Zeiten zu betrachten. In unserer Leistungsgesellschaft vergisst man schnell, dass wir Menschen diese aktiven Ruhepausen benötigen und dass ausreichend Schlaf die Grundvoraussetzung für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden ist.

Sie sind der Überzeugung, dass man Schlaf findet, indem man Entspannung sucht. Welche Entspannungsstrategien empfehlen Sie?
Eine der besten bei Schlafstörungen, die man auch sehr schnell erlernen kann, ist die progressive Muskelentspannung, die allerdings stark körperlich orientiert ist. Da man sich dabei jedoch auf die Muskelgruppen konzentrieren muss, fokussiert sich auch der Geist. Die mentale Entspannung ist das Wichtigste. Aber was ist diese mentale Entspannung? Ideal wäre es, an nichts zu denken, aber das gelingt den meisten Menschen nicht; selbst in der Kunst der Zen-Meditation schaffen das nur die Wenigsten. Stattdessen sollte man sich auf monotone und positive Inhalte konzentrieren, weil dadurch verhindert wird, was die meisten Schlafgestörten um den Schlaf bringt: den Sorgen und Ängsten des Tages ausgeliefert zu sein, die nachts auf sie einprasseln. Dabei kann auch leise und am besten klassische Musik helfen, auf die man sich konzentriert. Man kann sich auf Phantasiereisen in schöne Landschaften oder zurück zu schönen Erlebnissen aus der Vergangenheit begeben. Andere konzentrieren sich auf ein Bild – oder wie in vielen Meditationen auf ein Wort oder einen Satz. Das sind alles Möglichkeiten, um in eine mentale Entspannung zu kommen. Yoga, Thai Chi oder Qi Gong sind natürlich ebenfalls wunderbare Methoden, um Entspannung zu finden. Aber es reicht nicht aus, diese Techniken ein oder zwei Mal anzuwenden, man muss sie erlernen und regelmäßig praktizieren. Sie wirken sich nicht nur auf den Schlaf aus: Viele Schlafstörungen hängen auch mit einem Fehlverhalten oder zu viel Anspannung am Tag zusammen. Von daher ist Yoga grundsätzlich eine wunderbare Strategie, um in diese Entspannung zu kommen.

Sie sagten einmal: „Chronisch zu wenig Schlaf kann krank, dumm und dick machen.“ Warum?
Das ist richtig. Diesen Satz habe ich absichtlich provokativ formuliert, aber er ist wissenschaftlich völlig korrekt. Es gibt Hunderte von wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass zu wenig Schlaf das Immunsystem derart beeinträchtigt, dass man krank wird. Nur im Schlaf kann sich das Immunsystem regenerieren. Umgekehrt: Schon wenn wir uns erkältet haben, fühlen wir uns müde und schlapp. Das Immunsystem will uns in den Schlaf zwingen, weil es in den Tiefschlafphasen besser mit diesen Angriffen fertig werden kann. „Dumm“ ist vielleicht eine wirklich starke Formulierung, aber Hunderte von anderen Studien belegen, dass zu wenig Schlaf das Gedächtnis beeinträchtigt. Im Schlaf wiederholt das Gehirn das, was es am Tag gelernt hat. Das ist passives Lernen, wir nennen es Konsolidierung von Gelerntem, so dass wir uns am nächsten Morgen besser erinnern und besser Probleme lösen können. Und es gibt Hunderte von wissenschaftlichen Studien, die zeigen, dass zu wenig Schlaf zu Übergewicht führen kann. Während wir schlafen, wird das Hormon Leptin ausgeschüttet, das uns Sättigung vortäuscht. Deswegen schaffen wir es nachts, etliche Stunden ohne Nahrung auszuhalten. Viele Menschen sind sogar morgens noch nicht besonders hungrig und das Frühstück kann mager ausfallen. Würde man tagsüber acht Stunden lang nichts essen, hätte man Hunger. Sobald wir wach werden, wird das Gegenspieler-Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches das Hungergefühl verursacht. Das kann einer der Gründe sein, warum Schlechtschläfer im Vergleich zu Gutschläfern eher übergewichtig sind.

Ist ein Mittagsschlaf sinnvoll, wenn man nachts nicht gut schläft?
Man kann am Tag Schlaf nachholen, aber nur für einzelne Nächte. Dabei sollte man darauf achten, dass der Tagschlaf kurz ist. Ein Mittagsschlaf ist schon deshalb sinnvoll, weil er einem biologischen Bedürfnis während der Mittagszeit entspricht. Wir sind mittags müde und machen in dieser Zeit mehr Fehler. Auf jeden Fall sind wir leistungsfähiger, wenn wir einen kurzen Mittagsschlaf halten, der zwischen 10 und 30 Minuten dauert. Schläft man tagsüber länger, besteht die Gefahr, dass man Probleme hat, wieder richtig wach zu werden und dass man für die nächste Nacht vorschläft. Menschen, die regelmäßig tagsüber kurz schlafen, tun das nicht, um Schlaf nachzuholen, sondern um Energiereserven aufzufüllen. Im Anschluss an das kurze Nickerchen ist man um bis zu 35 Prozent leistungsfähiger und das Risiko für Herz-/Kreislauferkrankungen sinkt um über 30 Prozent, wenn man regelmäßigen Tagschlaf praktiziert. Man sollte sich klar machen: Wir sind Rhythmuswesen und keine Maschinen. Gegenüber den Maschinen haben wir den großen Vorteil, dass wir uns regenerieren können; zwar nicht vollständig, aber doch zu einem gewissen Maß. Der Rhythmus von Leistung und Pause sollte immer berücksichtigt werden. Solche Pausen sind der Nacht- oder Mittagsschlaf und zusätzlich wäre tagsüber ein 90-Minuten-Rhythmus ideal: Alle eineinhalb Stunden lohnt sich eine kurze Pause von 5 bis 10 Minuten, um danach wieder effektiv powern zu können.