Warum vegan?

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Kein Fleisch zu essen ist eine Sache. Auf Milch, Käse und Eier zu verzichten, eine andere. Doch wer sich intensiv mit den yogischen Idealen auseinandersetzt, wird an der Richtigkeit dieses Schrittes keinen Zweifel haben.

Vor zehn Jahren gab es das Wort „vegan“ in Deutschland noch gar nicht. Vor fünf Jahren hatte man sich bis zu dem schiefen Begriff „veganisch“ und einer vagen Idee seiner Bedeutung vorgearbeitet. Heute kann man in fast jedem Restaurant nach veganem Essen fragen und die Servicekraft weiß sofort, um was es geht. Das ist ein messbarer Fortschritt im Sprachgebrauch, im Bewusstsein und im Umgang. Denn was einst als Nische oder Essstörung wahrgenommen wurde, ist heute eine ernst zunehmende Alternative.

Revolution auf dem Teller
2010 war die mediale Aufmerksamkeit für vegetarisches Essen so groß, dass auch die vegane Ernährung davon profitieren konnte. Es gab gleich zwei STERN-Titelgeschichten – „Esst weniger Fleisch“ und „Fleischlos glücklich“ – sowie mehrere große Artikel in der ZEIT und der Süddeutschen Zeitung. Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“ hatte dieses Trommelfeuer ausgelöst. Das Thema „Fleisch & Co“ ist in allen Aspekten ausgeleuchtet worden: Das Leid der Tiere, der Naturverbrauch, das Welthungerproblem, die wirtschaftlichen Nachteile und vor allem die eigene Gesundheit. Der Vegetarismus ist „in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, analysiert die Süddeutsche. Davon sind die Veganer zwar noch ein gutes Stück entfernt, aber immerhin wird die Idee heute besser verstanden. Es muss keiner mehr bei Null beginnen, um sich zu erklären, schämen muss man sich auch nicht dafür. Im Gegenteil! Fast alle finden vegetarisch essen gut. Natürlich nur in der Theorie. Der Fleischkonsum ist weder gesunken, noch die Zahl der Vegetarier eklatant gestiegen. In Deutschland wird der Vegetarieranteil auf maximal fünf Prozent an der Gesamtbevölkerung geschätzt.

Archaische Ängste
Es ist relativ einfach, bei Tischdiskussionen für Nachdenklichkeit zu sorgen. Doch trotz moralischer „Totschlagargumente“ dauert es lang, bis jemand seine Essgewohnheiten wirklich ändert. Die Fleischkultur hält sich hartnäckig. Der amerikanische Autor John Robbins („Ernährung für ein neues Jahrtausend“ / „Food Revolution“) nennt dieses Phänomen „kulturelle Hypnose“.
„Beim Betreten eines Restaurants sind 50 Prozent der Gäste Vegetarier, beim Lesen der Karte 30, und beim Bestellen nur noch 5“, erklärt der Münchener Szenegastronom Florian Gleibs, Inhaber des israelischen Lokals „Schmock“. Es ist relativ leicht, Fleisch schlecht zu machen, schwieriger ist es, die Alternativen stark zu machen – zumindest in einer Umgebung, in dem tote Tiere auf dem Teller als absolut normal angesehen werden.

„Mit kaum etwas befasst sich die moderne Gesellschaft so obsessiv wie mit ihrem Essen“, bemerkt die französische Filmemacherin Marie-Monique Robin („Monsanto“). Das erklärt die Flut der Kochbücher und Kochsendungen, den Erfolg von Food Watch und den Bio Boom. Die griechische Gastronomin Marina Arabatzi beschreibt das Verhalten ihrer Gäste prosaischer: „Fressen ist das Tollste!“ Übersatte Mitteleuropäer fabulieren von Mangelernährung und Hunger, wenn sie nur einen Tag pro Woche auf Fleisch verzichten sollen. Vor diesen archaischen Ängsten und sturen Gewohnheiten versagt jedes Argument. Immerhin hilft es, die Sache vorzumachen. Nachdem ich seit Jahren nur vegan esse, kann ich beweisen, dass man nicht verhungert. Das macht neugierig. Nachahmung und Ansteckung funktionieren in beide Richtungen. Es nützt, das Ganze nicht zu einer Lebensentscheidung mit unabsehbaren Folgen zu stilisieren. Ein realistisches Ziel für den täglichen Vegetarismus formuliert Karin Duve in ihrem Buch „Anständig essen“: „Ich bin nicht konsequent, aber ich bin aufmerksam.“ Das finde ich wunderbar in Ordnung.

Mögen alle Wesen glücklich und frei sein
Für Menschen, die wirklich am Yogaweg interessiert sind, sehe ich das allerdings radikal, von der Wurzel her, anders. Sri K. Pattabhi Jois (1915-2009), der Begründer des Ashtanga Yoga, bestimmt eine vegetarische Ernährung als wichtigste Voraussetzung für eine intensive körperliche Praxis, für Atemübungen und Meditation. Dharma Mittra (*1939) geht noch einen Schritt weiter: Tiefe Meditation setzt vegane Kost voraus. In den Worten von Osho (1931-1990): „Wie kannst du liebevoll sein, wenn du Fleischesser bist? Wenn du Fleisch isst, ist Gewalt im Spiel. Und wie kannst du bei einer so tief sitzenden Gewalt liebevoll sein? Deine Liebe wird nur gespielt sein. […] Wenn du deine Ernährung änderst, wenn du deine Körperhaltungen änderst, wenn du deine üblichen Gewohnheiten änderst, wirst du sehen, dass ein neuer Mensch in dir entsteht.“ Alle drei Yogameister beziehen sich auf die Yoga Sutren des Patanjali, in denen es durch Maitri und Karuna (Liebe und Mitgefühl) um eine Transformation des ewigen Egotrips geht.

Die umfassendste und beste Darstellung des tiefen inneren Zusammenhangs von Yoga und veganer Ernährung gibt Jivamukti-Gründerin Sharon Gannon in ihrem Buch „Yoga and Vegetarianism“. Sie entwickelt aus dem achtgliedrigen Pfad des Asthanga Yoga und vor allem aus den fünf Yamas eine stringente Argumentation für eine vegane Lebensweise. Ahimsa, Satya, Asteya, Brahmacharya, Aparigraha (Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Respekt vor Sexualität, Ausgleich) zielen darauf, eine faire, gerechte, bewusste und behutsame Beziehung zur Welt, zu anderen Lebewesen und zu unseren Mitmenschen aufzubauen. Das sind die Voraussetzungen für Yoga.

Aber warum muss man dafür gleich vegan leben? Reicht es nicht, wenn man kein Fleisch isst? Nun: Wer Milch und Käse konsumiert, ist in der Regel noch immer Teil einer mächtigen, grausamen Maschinerie. Milcherzeugung beruht auf einem System von gewaltsamer Samenspende, genetischer Manipulation und künstlicher Befruchtung. Nach wenigen Stunden werden die Kälber ihren Müttern entrissen, die Milch wird ja für den Menschen gebraucht, natürliche Lebensgemeinschaften der Tiere werden zerstört. Um es noch drastischer auszudrücken: Das System beruht auf täglicher sexueller Erniedrigung, Vergewaltigung und Demütigungen von Lebewesen. Eine Kuh gibt nicht von allein viel Milch. Sie muss immer wieder schwanger gemacht werden. Gleichzeitig wird sie als Gebärmaschine missbraucht, um Kälber zu produzieren und die Nachfrage nach dem begehrten Kalbfleisch zu befriedigen. Manchmal wartet man nicht mal, bis das Junge auf der Welt ist. Kühe werden auch trächtig geschlachtet. Die ungeborenen Kälber werden im Schlachthof „Glitscher“ genannt und wegen ihres besonders weichen Leders geschätzt. Von den yogischen Prinzipien Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen und Respekt vor Sexualität fehlt hier jede Spur. Die Tiere werden als Sklaven der Menschen gehalten. Darum vegan! Das mag nicht für jeden der richtige Weg sein. Aber für Yogis werden diese Überlegungen mehr und mehr zum Maßstab und Anspruch an sich selbst – und nicht das große Fressen.


Was heißt vegan?
Veganer lehnen die Nutzung von Tieren und tierischen Produkten ab. Sie verzichten auf Fleisch, Fisch, Gelatine, Eier, Milch, Milchprodukte und Honig. Eine strenge vegane Lebensweise bedeutet, auch bei Kleidung darauf zu achten, dass keine Tiere dafür ausgenutzt wurden (kein Leder, keine Wolle, keine Federn) sowie nur auf tierversuchsfreie Kosmetika und Medikamente zurückzugreifen. Laut der Nationalen Verzehrstudie von 2008 leben in Deutschland weniger als 0,1 Prozent der Bevölkerung vegan, also ungefähr 80.000 Menschen.

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