Die Kunst, sich selbst auszuhalten

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Unter den beinahe unzähligen neueren Definitionen und Erklärungen, was Yoga eigentlich ist und macht, finde ich nach wie vor den Ausspruch meines Lehrers Patrick Broome am Treffendsten: „Yoga heisst, sich in seiner Haut wohlzufühlen.“
Foto: Zeitgeist Films

Das ist mal keine komplizierte oder spirituell aufgeblasene Auskunft für Eingeweihte, die langatmig erläutert werden müsste. Auch wer gar kein Yoga übt, kann sich darunter sofort etwas vorstellen. Yoga präsentiert sich hier ganz direkt zugänglich und verfügbar, verständlich und offen für alle. Es ist ausdrücklich nicht zuerst von Erleuchtung, Heilung, Befreiung oder ähnlichen Dingen die Rede, die im Grunde unklar bleiben. Es geht in dieser einfachen Kurzformel vielmehr auf eine unprätentiöse Weise um den ganzen Menschen, um seine körperlichen Belange ebenso wie um seine seelischen oder geistigen Aspekte.

Auch der Münchener Philosoph und Jesuitenpater Prof. Michael Bordt erklärt das holistische Konzept des Sich-in-der-eigenen-Haut-Wohlfühlens in seinem neuen Buch mit einfachen Worten. Das Ziel sei schlicht „die Kunst, sich selbst auszuhalten“. Für Yogis wenig überraschend besteht diese Kunst hier wie dort darin, sich in Selbstreflexion und Selbstwahrnehmung zu üben. Für Michael Bordt geht es dabei vor allem um den Abbau innerer Spannungen, die uns letztlich daran hindern, es mit uns selbst auszuhalten. Mittels einer philosophischen (Selbstreflexion) und/oder einer meditativen (Selbstwahrnehmung) Anstrengung lassen sich innere Spannungen wie Stress, Ungeduld, Aggression, Angst, Nervosität lösen – wir halten uns selbst besser aus, wir fühlen uns wohl in unserer Haut.

Fast jeder, der heute Yoga übt, kennt die Musik von Krishna Das. Seine Musik ist Hingabe und Meditation. Ich glaube, die meisten Menschen würden sagen, dass diese Musik auf eine sehr direkte Art beruhigend wirkt. Dabei ist der Lebensweg von Krishna Das alles andere als ruhig (DVD-Tipp: „one Track Heart: Die geschichte des Krishna Das“, Mind jazz Pictures). Vollkommen zerrissen, unstet, über lange Strecken drogenabhängig, sucht Jeffrey Kagel (alias Krishna Das) jahrzehntelang einen Weg aus seinen inneren Spannungen. Und findet ihn in einer Person, die offenbar vollständig in sich selbst ruht, der alle Spannungen fremd sind und die anscheinend aus nichts als Liebe besteht: Neem Karoli Baba. Dieser große indische Lehrer wird als Heiliger, vor allem aber auch als Mensch verehrt. Weil Maharaj-ji (wie er auch genannt wurde) nämlich Natürlichkeit, Ungezwungenheit und Selbstverständlichkeit ausstrahlte. genauso simpel sind Krishna Das’ Erklärungen zu seinem eigenen Weg. Die Erzählung des Films ist weder esoterisch verkompliziert noch sonst wie verklausuliert. Yoga als Weg zu größtmöglicher Natürlichkeit ist in diesem Sinne eine gute Beschreibung.

Das Problem könnte nun sein, dass wir dazu neigen, die ganze Sache mit dem Yoga – unser Yoga – mit Konzepten, Ansprüchen und Geboten zu überfrachten und so beim Gegenteil von Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit landen. Das merken wir zum Beispiel schon bei den ellenlangen Erklärungen, die wir plötzlich zu geben versuchen, und in den vielen Büchern zum Thema Yoga, die Konzepte auswalzen. Was vor lauter Gerede mitunter verloren geht, ist die Einfachheit und Unmittelbarkeit des Übens, welches von seiner Basis und Motivation her ungezwungen und unbefangen bleiben will. Der Sanskritlehrer Vivek Nath bringt es wunderbar auf den Punkt: „Gute Konzepte führen zu einem konzeptlosen Zustand.“

Natürlich will ich nicht leugnen, dass Yoga ein sehr ausdifferenziertes und komplexes System ist, das sich bis in die subtilsten Bereiche unserer Wahrnehmungsfähigkeit verästeln kann. Das passiert aber alles beim Üben. Yoga lebt eindeutig von der Praxis und nicht von der Theorie. Und es bleibt immer die Frage, wie und ob wir die Phänomene bewerten, die wir da beobachten. Muss ein wunderbares Entspannungsgefühl oder ein entspannter Kopf gleich als Erlösung von schlechtem Karma aus unseren früheren Leben betrachtet werden? Im Grunde zeigt sich hier unsere grundsätzliche Einstellung zu uns selbst und zum Leben. Daher lässt sich die Ausrichtung einer unkomplizierten, gelösten, spannungsfreien und humorvollen Herangehensweise an Yoga wunderbar mit den Worten Krishnamurtis zusammenfassen: „Das Leben ist äußerst normal, es ist keine Abstraktion, nur wenn Sie ihm mit Bildern begegnen, entstehen Probleme.“ Oder noch kürzer auf Englisch: Keep it small and simple – K.I.S.S..

Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.