Interview: Anoushka Shankar – Eine musikalische Reise zwischen zwei Kulturen 

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Geboren in London, aufgewachsen in Indien und den USA – die Sitar-Musikerin Anoushka Shankar sprach mit YOGA JOURNAL über ihr Leben in mehreren Kulturen, den Einfluss ihres legendären und kürzlich verstorbenen Vaters Ravi Shankar auf ihre musikalische Arbeit sowie über die Bedeutung von Spiritualität und ihre eigene Yogapraxis.

Anoushka Shankar engagiert sich politisch und sozial. Als erste indische Botschafterin für das United Nations World Food Programme etwa oder als Unterstützerin der Tierrechte bei PETA. Meist tut sie das im Stillen, weswegen sie auch mit YOGA JOURNAL lieber über ihre musikalische Arbeit und ihren künstlerischen Ausdruck sprach. Als allerdings die Debatte über Frauenrechte in Indien anlässlich der Massenvergewaltigung einer Studentin entbrannte, offenbarte sie sich, kurz nachdem wir dieses Interview geführt hatten, in einer Videobotschaft selbst als Opfer emotionaler und sexueller Gewalt. Sie unterstützt damit lautstark die globale Kampagne für Frauenrechte „One Billion Rising“ („Eine Milliarde erhebt sich“). Eine Tatsache, die an dieser Stelle selbstverständlich nicht unerwähnt bleiben soll.

YOGA JOURNAL: Anoushka, wie ist es, zwei unterschiedliche Leben auf einmal zu leben? Einerseits haben Sie bereits mit 13 Jahren zusammen mit Ihrem Vater Ravi Shankar in der Carnegie Hall und anderen riesigen Konzertsälen der Welt gespielt; andererseits wollten Sie ein ganz „normales“ Mädchen sein. Wie gelang und gelingt Ihnen dieser Spagat zwischen den beiden Welten?
ANOUSHKA SHANKAR: Für mich ist es seit meiner Geburt normal, in zwei Kulturen und Ländern zuhause zu sein. Deswegen ist es nicht ganz einfach, diese Frage zu beantworten. So aufzuwachsen wie ich, kann natürlich seine Schwierigkeiten haben, weil sich so normale Fragen nach der Identität und die Suche nach sich selbst komplizierter gestalten. Andererseits bietet ein solches Leben auch ein hohes Maß an Freiheit, um sich selbst zu formen und zu entscheiden, wer und wie man im Leben denn sein möchte. Für mich war es immer eine Frage der Balance, der Auswahl und vor allem der Prioritätensetzung. Ich hatte einen Traum und meine Leidenschaft für Musik, der ich mich völlig verschrieben hatte. Gleichzeitig bin ich ein Mensch, der vielfältige Interessen hat und es genießt, das Leben voll auszukosten.

Der Crossover von östlicher und westlicher Kultur und Musik ist eins Ihrer großen Themen. Auf Ihrer aktuellen CD „Traveller“ treffen indische Folklore und Flamenco aufeinander. Wie kamen Sie auf die Idee, diese beiden doch sehr unterschiedlichen Stilrichtungen miteinander zu verbinden?
Die Wahl des Flamenco erschien mir naheliegend, nachdem ich diesen Musikstil schon immer geliebt habe und die Möglichkeit sehr aufregend war, ihn mithilfe meiner eigenen Musik zu erforschen. Ich war mir auch der historischen Verbindung der beiden Stile bewusst. Eine Theorie besagt, dass es Wanderbewegungen von Rajasthan aus Richtung Westen gab – und ich war sehr daran interessiert, herauszufinden, welche musikalischen Verbindungen das Ergebnis dieser Reise gewesen sein könnten.

Ihr aktuelles Album trägt den Titel „Traveller“, was man sowohl mit „Reisende/r“ als auch mit „fahrendes Volk“ übersetzen kann. Was bedeutet Ihnen das Reisen? Sehen Sie sich auch als spirituell Reisende?
Ich mag das Wort und wie es auf ein Gefühl der Bohemiens verweist, dieses unbeschwerte Gefühl des Unterwegs-Seins und Erkundens. Beides bezieht sich für mich sowohl auf die physische als auch auf die spirituelle Ebene. Hier auf Erden sind wir doch alle Reisende und ich persönlich glaube fest daran, dass unsere kurz bemessene Zeit nur ein kleiner Teil einer viel größeren Reise ist. Ich versuche, meine Zeit hier auf dieser Welt auf dieselbe Art zu leben, mit der ich ein neues Land entdecke: mit Neugier, Liebe und Respekt für alles und jeden.

Was gehört für Sie alles zur klassisch indischen Tradition dazu?
Klassische indische Musik unterscheidet sich sehr von jeder anderen Musik auf der Welt. Sie ist äußerst komplex und systematisch, während sie gleichzeitig großen Wert auf die Betonung von Freiheit und Improvisation in der Form legt. Dieser scheinbare Widerspruch ist unglaublich schön und verbindet einen Künstler sowohl mit einer langen Geschichte und dem kulturellen Erbe Indiens, als auch mit der eigenen künstlerischen Identität und dem Augenblick. Die indische Tradition ist eine der mündlichen Überlieferung und als solche ist sie noch immer lebendig; sie entwickelt sich von Generation zu Generation weiter und beinhaltet großartige Lehren fürs Leben; sowohl, was die Achtung für die Vergangenheit angeht, als auch hinsichtlich der Zukunft.
Auch innerhalb der Musik gibt es all das, was ich liebe – von den tief spirituellen Ragas, über die verspielten und romantischen Elemente, bis hin zu den komplizierten und komplexen rhythmischen Mustern, die ich immer genossen habe.

Mit Ihrem kürzlich verstorbenen Vater Ravi Shankar waren Sie sehr eng verbunden. Treten Sie nun musikalisch sein Erbe an?
Mein Vater ist ein großer Teil meiner künstlerischen Identität, sowohl in dem offensichtlichen Sinn, mein Lehrer gewesen zu sein, der von Anfang an meine musikalischen Studien begleitete, als auch als mein Vater. Und als der Mensch, in dessen Nähe ich aufwuchs, mit dem ich die meiste Zeit meines Lebens reiste und auf Tour war. Die Musik meines Vaters lebt in seinen unzähligen Aufnahmen und in der Musik all seiner Schüler fort, mich eingeschlossen. Ich hoffe sehr, dass ich seine Lehre der klassischen indischen Musik weiterführen kann, um dadurch als Künstlerin weiter zu wachsen und mein Können zu vertiefen.

Der Titel Ihres Tanzprogramms „Svatantrya“ bedeutet so viel wie „vollkommene Freiheit“. Was bedeutet Ihnen Freiheit?
Bei „Svatantrya“ geht es um den freien Willen. Es geht darum, die Verbindung vom universellen Bewusstsein mit der eigenen Identität zu erfahren. Dabei sollte man sich auf eine unabhängige Weise einzigartig und gleichzeitig doch mit allem verbunden fühlen. Dies ist für mich die große Lektion des Lebens und ein Ziel, das ich ständig zu erreichen versuche. Sich zu erinnern, dass man mit allem und jedem verbunden ist, würde automatisch Sensibilität, Mitgefühl und Freundlichkeit bewirken. Ebenso wie jede Arbeit und Kreativität, die wir in die Welt bringen, umfassende positive Veränderung schafft – und gleichzeitig die eigene Rolle auf der Welt mit Bedeutung füllt.

In Dortmund werden Sie an einem Abend klassische indische Ragas präsentieren. Was sind Ragas und ist ein solcher Konzertabend immer auch eine Reise zu Ihren Wurzeln? Welche Bedeutung haben die spirituellen Elemente in Ihrer Musik für Sie?
Es ist schwer, in wenigen Worten zu erklären, was ein Raga ist, aber eine grundlegende Erklärung wäre die, dass es eine melodische Form ist, bestehend aus einer präzisen Abfolge von auf- und absteigenden Tönen, die jedem Raga einen ganz spezifischen Charakter und eine eigene Stimmung verleiht. Deswegen sollten einzelne Ragas auch zu bestimmten Tageszeiten gespielt werden. Auch wenn meine Musik experimentell ist, so ist sie doch noch immer von einer klassisch indischen Ader durchzogen. Deswegen fühlt es sich für mich nicht so an, als ob ich mich von meinen Wurzeln entfernt hätte; vielmehr glaube ich, dass ich diese Wurzeln im Kontext unterschiedlicher Genres und Stile immer wieder von Neuem ergründe. Spiritualität ist ein zentraler Bestandteil für das Verständnis und die Interpretation der klassischen indischen Musik, aber für mich ist Spiritualität etwas, was einen mit dem tiefsten inneren Kern verbindet und mit der kreativen Seite in Kontakt bringt. Als Musikerin ist Musik für mich definitiv das, was mich in die Lage versetzt, dieses tiefe Gefühl zu erleben, aber auch beim Yoga oder beim Kochen ist es möglich! Was auch immer einen mit dem Moment verbindet oder mit sich selbst in Kontakt bringt, ist in meinen Augen Spiritualität.

Können Sie uns schon etwas über die Pläne für Ihre nächste CD erzählen?
Nitin Sawhney (ein aus Indien stammenden Musiker, Schauspieler und Drehbuchautor, der in England aufwuchs; Anm. d. Red.) produziert das Album. Mit ihm zu arbeiten, empfinde ich als unglaubliches Glück, da ich in ihm nicht nur einen großartigen Musiker und Produzenten, sondern auch einen lieben Freund sehe. Auch die Musiker, mit denen ich arbeite, sind empfinde ich als wahnsinnig interessant und talentiert. Einige von ihnen sind schon lange meine Weggefährten, mit anderen arbeite ich zum ersten Mal zusammen. Die musikalischen Einflüsse des Albums liegen in klassischen indischen Ragas, klassischen westlichen Streicherbesetzungen, Songtexten im Stil der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenen Dichtung und modernen Klanglandschaften. Ich erforsche weiterhin die moderne Musik, während ich gleichzeitig neue Wege finde, die musikalischen Traditionen Indiens, wie sie mir von meinem Vater vermittelt wurden, neu zu interpretieren und am Leben zu halten.

Viele Yogis hören während der Yogastunden Ihre Musik. Praktizieren Sie selbst auch Yoga?
Es ist eine große Ehre zu wissen, dass viele Menschen meine Lieder als Hintergrundmusik für ihre persönlichen Yogaerlebnisse verwenden. Überraschenderweise begann ich Yoga zu praktizieren, als ich in Kalifornien lebte. In Indien bildete ich mich weiter und belegte Kurse, die ich fortsetzte, egal wohin ich auch reiste. Heute praktiziere ich gerne für mich allein, obwohl ich die Energie, die von Stunden in der Gruppe ausgeht, noch immer sehr genieße. Yoga hilft mir in jedem Bereich, vor allem natürlich im spirituellen. Stille ist für mich schwer zu erreichen und Yoga hilft mir dabei unglaublich. Ich spüre, dass sich meine Atmung nach meinen Yogaübungen stark verändert. Ich spiele die Sitar im Schneidersitz, deshalb nutze ich Yoga auch bewusst dafür, die Nebenwirkungen dieser Sitzposition zu bekämpfen. Außerdem lindere ich dadurch meine Verspannungen, die im Laufe der Jahre durch die sich ständig wiederholenden Bewegungen entstanden sind.