Hallo Welt – Hallo spiritueller Aktivismus!

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Neulich interviewte ich einen politischen Aktivisten, der mit wilden Aktionen gegen die Waffenindustrie in Deutschland sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Es handelt sich um den Gründer des Zentrums für politische Schönheit, Philip Ruch. Mit seinen Aktionen steigt er dem ein oder anderen kräftig auf die Füße – gewaltlos ist das nicht. Dürfte man das als Yogi?

Ruchs erklärtes Ziel ist, Genozide in der Welt zu stoppen. Dafür scheut er weder Praktiken wie „name and shame“ im Falle der Waffenfirma Krauss-Maffei, noch das tollkühne Ziel, die Rüstungsfirma Heckler & Koch unter einem Sarkophag aus Sand und Zement verschwinden zu lassen. Er hat gute Gründe dafür: Deutschland gehört mittlerweile zu den größten Waffenexporteuren weltweit.

Die Aktionen des Kollektivs verfolge ich regelmäßig – und fühle mich merkwürdig unwohl dabei. Dieses Handeln erfordert ein ganz klares Schwarz-Weiß-Denken: Wir sind die Guten, die da drüben die Bösen. Als Yogi verschiebt sich zum Glück mit der Zeit diese Wahrnehmung. Trotzdem: Die Aktionen des Kollektivs wirken. Die „Übeltäter“ werden aus ihrer heiligen Ruhe gerissen und müssen sich mit ihrem eigenen Handeln auseinandersetzen – und zwar auf eine ziemlich unangenehme Art und Weise. Die Aktionen sind in keiner Weise spirituell aktivistisch, sondern stark politisch – und sie tun weh. Das aber wollen wir Yogis auf keinen Fall: jemandem weh tun. Deswegen greifen wir lieber zu den Methoden des spirituellen Aktivismus. Spiritueller Aktivismus ist laut Gandhi das Handeln, das Liebe, Mitgefühl, Nicht-Anhaftung und die Erkenntnis voraussetzt, dass wir alle spirituelle Wesen sind. Was wiederum heißt: Auch mein „Feind“ ist ein spirituelles Wesen. Ach Menno…

Was passiert, wenn man ausgerechnet mit diesem spirituellen Wesen die Geduld verliert? Darf man das überhaupt: die heilige Ordnung jenes spirituellen Wesens stören, welches gerade seinen Hund vor meiner Berliner Haustür ein großes Geschäft machen lässt, ohne es als störend zu empfinden? Oder sollte ich mich doch lieber gleich an den Hund wenden? Schließlich ist auch er ein spirituelles Wesen.

Und der spirituelle Taxifahrer, der mich nicht Kurzstrecke fahren lässt, weil er heute schlichtweg keine Lust dazu hat? Mein nerviger Mitfahrer in der S-Bahn, der zu laut in sein Smartphone quatscht – auch ein spirituelles Wesen? Anders gefragt: Darf ich als spiritueller Aktivist auch einmal so richtig böse werden oder gar mit härteren Bandagen kämpfen, um Ziele zu erreichen, die dem Gemeinwohl dienen? Darf ich am Ende gar das P-Wort in den Mund nehmen: P wie Politik?

Ohne Zweifel bewirkt spiritueller Yoga-Aktivismus viel. Da gibt es Organisationen zur Unterstützung von Frauen in Afrika, Projekte für nachhaltigen Konsum bis hin zu Aktionen von betroffenen US- Amerikanerinnen, die auf einer Müllhalde in Kambodscha den Müllarbeitern mitleidig bei ihrer täglichen Arbeit zusehen und dann entsetzt ausrufen: „Mein Gott, die entsorgen unseren Müll!“ Diese Maßnahmen der Yoga-Community sind jedoch nicht politisch zu verstehen, sondern ethisch. Das ist die ganz normale Arbeit vieler Nicht-Regierungs-Organisationen mit mal besser, mal schlechter ausgeführten Projekten (vorzugsweise in Entwicklungsländern).

Wer ein Geburtshaus in Afrika unterstützt, tut ohne Frage Gutes, ist aber nicht notwendigerweise politisch. Erst wenn sich beispielsweise die Überzeugung, dass Müttergesundheit ein grundlegendes Menschenrecht ist, in den konstitutionellen Rahmenbedingungen eines Staates verankert und gewährleistet wird, dann ist etwas Politisches geschehen.

So weit schaffen es leider viel zu wenige Projekte. Wie viele Organisationen haben unzählige Projekte auf den Weg gebracht, die aber keine politische Reichweite hatten – weil die Protagonisten dachten, idealistischer Wille und gute Intentionen alleine würden die Berge der Politik versetzen. Um das zu erreichen, benötigt es allerdings Zähigkeit, Realismus, eine dicke Haut – und vielleicht auch ein gutes Repertoire an Flüchen, das eine oder andere Glas Wein oder Bier und keine Scheu davor, anderen auch einmal gehörig auf den Fuß zu treten. Wobei wir wieder beim Yogi wären, der niemandem weh tun möchte.

Erste zaghafte Schritte in Richtung Yoga-Aktivismus mit politischem Twist wagte letztes Jahr Seane Corn – sie war auf den Parteitagen der Republikaner und der Demokraten vertreten. Das mutete seltsam an, denn Corn trat mit einer Wellnessoase an, um den Teilnehmern entspannte Yogastunden zu geben. Bestimmt hatte sie die Hoffnung, dass sich dadurch der irregeleitete Geist der Republikaner in Luft auflösen würde. Das Angebot wurde vorzugsweise von verspannten Journalisten in Anspruch genommen. Organisiert hatten das Ganze die Yoga-Organisation Off the Mat, Into the World und die Initiative YogaVotes. YogaVotes ist eine nationale, überparteiliche Kampagne, die Yogis in den USA letztes Jahr zum Wählen bewegen wollte. Man hätte aber auf dem Parteitag der Republikaner sicherlich das eine Schild oder die andere Faust in die Höhe strecken dürfen.

Wer Yoga praktiziert, der verabschiedet sich endgültig von der Neutralität. Mit unserer Praxis verlassen wir sozusagen die Schweiz und sagen „Hallo Welt“. Denn die Lektion, die wir durch Yoga wirklich lernen, ist, da zu sein, am Leben teilzunehmen und uns in die Gemeinschaft einzubringen. Alle unsere Handlungen werden von bestimmten Rahmenbedingungen geformt und diese sind politisch. Projekte zum Schutz der Lebewesen sind notwendig und sinnvoll. Sie versanden aber genauso häufig wie der Idealismus, mit denen man sie begonnen hat, wenn die Grundideen sich in keiner Politik verankern. Das muss der konsequente nächste Schritt sein: Wenn wir als Yoga-Community wirklich etwas bewegen wollen, dann müssen wir uns weiter strecken, und zwar über die Ränder eines rein ethischen Projektverhaltens hinaus.

Die Mehrzahl der Yogis hat eine gute Bildung genossen und arbeitet in guten Jobs. Das yogische Klientel verfügt nicht nur über den geistigen Rahmen sondern auch über die Fertigkeiten und das Know-how zur Veränderung. Es ist genug Wissen vorhanden, das für die Lösung gesellschaftlicher Probleme geteilt werden kann. Wir können also getrost in die Sphäre der Politik vordringen und dort mitmischen – auch auf die Gefahr hin, dass wir uns zu den nervigen Lobbyisten entwickeln, die wir nie sein wollten.