Doris Dörrie: „Wir schreiben unser eigenes Drehbuch“

181

Erleuchtung ausrangiert? Regisseurin Doris Dörrie, die sich in ihren Filmen bereits mit Zen-Klöstern, japanischen Kirschblüten und Münchner Hormonyoga-Klassen beschäftigt hat, blickt jetzt in „Alles Inklusive” auf die Nachwirkungen der Hippie-Idee – kritisch, versöhnlich, bunt und voller Leichtigkeit.

Doris Dörrie: Darf ich zu Beginn des Interviews gleich etwas zum Thema Yoga loswerden?

YOGA JOURNAL: Sehr gerne.

Egal, wo ich mich auf der Welt aufhalte, ob in Japan, den USA oder Mexiko: Überall finde ich wunderbare therapeutische Yogaklassen, die eine tolle Mischung von Leuten besucht. Wenn ich in Los Angeles bin, übe ich gerne bei der Yogatherapeutin Jasmine Lieb in Santa Monica. In ihren Stunden treffen Menschen mit Verletzungen auf aktive Bodybuilder, Tänzer auf Menschen im Rollstuhl und Hochleistungssportler auf MS-Patienten. Aber auch ohne körperliche Einschränkung ist dieser Unterricht wertvoll – es gibt dort einfach grandiose Begegnungen. In Deutschland habe ich den Eindruck, dass Yoga zum Lifestyle geworden ist, der gewisse Gruppen – Alte, Dicke, Kranke – ausschließt …

… und einer gewissen Elite vorbehalten ist?
Ich finde es schade, wenn es zu modisch wird, es ist mir dann schnell zu eng, zu klein, zu schmal und man selbst zu unförmig oder nicht fit genug. Es geht dann ins Vergleichen. Yoga hat für mich nichts mit Lifestyle zu tun. Es erzählt auf so vielen Ebenen so viele Geschichten, die auch sozial sehr ergreifend sein können. Da unterhält sich in Mexiko die irrsinnig frisierte 85-jährige Schülerin mit einem Sportler über Knieprobleme, Menschen erzählen, dass sie durch Yoga keine Schmerzen mehr haben, anders essen, anders gehen.

Wie kamen Sie selbst zum Yoga?
Etwa 1989/1990 habe ich mit der Praxis begonnen, weil ich wie viele Frauen nach der Geburt meiner Tochter Rückenschmerzen bekommen hatte. Ich lebte damals in den USA und habe ganz alleine mit Hilfe eines etwas altmodischen Buches angefangen. Erst später bin ich auf die Suche nach Lehrern gegangen.

Auch die Figuren in Ihren Filmen und Büchern sind meist auf der Suche. Viele scheinen das Gefühl zu haben, Glück, Erleuchtung oder eine unbestimmte Erfüllung nicht an dem Ort finden zu können, an dem sie gerade leben. In „Alles Inklusive“ kehrt die von Hannelore Elsner gespielte Ingrid nach über 30 Jahren in ein ehemaliges Hippie-Paradies in Spanien zurück und findet eine All-Inclusive-Urlaubs-Tristesse vor. Was hat sie dorthin gebracht?
Zunächst ein recht nachvollziehbarer Grund – sich von einer Hüftoperation zu erholen. Gleichzeitig erlebt sie eine Banalisierung des Ortes, der für ihre Biografie wichtig war. Mir war jedoch wichtig zu zeigen, dass viele Menschen eine Urlaubsatmosphäre mit Animation und unbegrenzten Büffets genießen können. Das ist unbedingt berechtigt und oftmals sehr rührend. Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen, aber kleine Wünsche haben oft etwas sehr Wahres.
Während Ingrid diese Veränderung erstaunlich urteilsfrei auf sich wirken lässt, kämpft ihre in der Hippie-Community aufgewachsene Tochter Apple, gespielt von Nadja Uhl, sowohl mit ihrer Vergangenheit als auch mit der Gegenwart. Es stört sie, dass ihre Mutter so entspannt ist, während ihre einzige nennenswerte Beziehung die zu ihrem Hund „Dr. Freud“ ist.
Apple gibt ihrer Mutter die Schuld an ihrem nicht rund laufenden Leben und wirft ihr vor, ihr nicht genug Grundvertrauen mitgegeben zu haben. Ingrid wiederum kann sich komplett auf die Gegenwart besinnen. Sie hadert seltsam wenig mit ihrem schmerzenden Hüftgelenk, dem Hotel, der Höllenmusik. Sie lässt sich ohne Weiteres von betrunkenen Abiturienten Campari in den Mund schießen – dass muss man erstmal fertig kriegen.

Dorris Dörrie Interview

Kann man Ingrid und generell der Hippie-Idee nicht ein gewisses Grundvertrauen ins Leben zusprechen?
Ja, aber auch zu wenig Wissen darüber, dass kleine Kinder Spießer sind. Sie lieben das Gewohnte, Langweilige – und wer will schon so sein? Ein stabiler Anknüpfungspunkt ist wichtig. Kinder gehen erst auf Entdeckungsreise, wenn man selbst sitzen bleibt. Bewegen sich die Eltern zuviel hin und her, setzen sie sich hin und protestieren. Sie brauchen einen beruhigenden Hintergrund, um sich selbst bewegen zu können. Man könnte Apple durchaus vorhalten: Jetzt ist es mal gut mit der Kindheit. Ich will meinen Figuren aber grundsätzlich nichts vorhalten. Sie lebt und spürt es als inneren Konflikt, es ist da. Und ich will Menschen in ihren Konflikten, aber auch in ihrem Wahnsinn zeigen, der oft sehr lustig ist.

Apple ist auf gewisse Weise verrückter als ihre Ex-Hippie-Mutter.
Sie selbst würde das aber nie so sehen! Sie würde sich als komplett normal begreifen und ihre Mutter als Spinnerin.

Ingrid zieht in Torremolinos keine Bilanz, sondern findet Anknüpfung an die Vergangenheit. Sind die alternativen Lebensentwürfe von damals eine verlorene Idee?
Nein. Das YOGA JOURNAL gibt es wegen Leuten wie Ingrid. Ich werde richtig böse, wenn heute so getan wird, als müsse man mit den Hippies abrechnen. Dabei profitieren wir ständig von dem, was damals ausprobiert wurde. Dass vieles sich nicht bewährt hat oder sogar Unsinn war – geschenkt. Ich sehe das Erbe dieser Generation als großes Geschenk, auch wenn es erstmal alles in die Luft gesprengt hat. Gleichzeitig hat es aber natürlich auch Kinder wie Apple traumatisiert, und die Frage nach der Wahrheit kann man nicht wirklich stellen: Wir schreiben selbst das Drehbuch unseres Lebens, auch der Kindheit. Da ist viel Fiktion dabei. Eltern und Kinder haben einen anderen Blickwinkel, und alles hat seine Wahrheit.

Ebenso, wie es verschiedene Varianten von Glück geben kann? „Wunschlos glücklich“ lautet ja die Verheißung des „All inclusive“-Urlaubskonzepts. Halten Sie dieses Versprechen für einlösbar?
Aber natürlich. Wenn wir niemals wunschlos glücklich wären, wüssten wir gar nicht, wonach wir uns ständig sehnen. Wir Deutschen träumen mit gutem Grund von Strand, Meer, Wärme, Nichtstun und dem perfekten Glück. Der Film zeigt aber auch die Realität. Das Altersheim liegt nicht am Meer, und die deutschen Aussteiger träumen von schlechtem Wetter.

„Alles Inklusive“: Lässt sich hier, im Sinne des allumfassenden Moments, auch der Bogen zur Meditation schlagen, die in einigen Ihrer Filme eine wichtige Rolle gespielt hat?
Hinter dem Titel steckt auch meine Vorstellung der „vollen Katastrophe“, wie der Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn es formuliert – dass man sich die volle Katastrophe zumuten muss. Eine traumatische Vergangenheit kann man nicht überwinden, man kann sie als Teil der Gegenwart zulassen und akzeptieren. Dadurch, dass etwas nicht mehr tabu ist, sondern inkludiert werden kann, wird plötzlich wieder etwas möglich.
Genau das versuche ich immer wieder zu erzählen. Dass zum Beispiel jemand Dickes, Altes, Unschickes zum Yoga gehen kann – um zu meinem zu Beginn erwähnten Beispiel zurückzukommen. Wir sind gefährdet, alles in Schubladen zu sortieren und trennen oft, statt Verbindung zu schaffen. Mit „Alles Inklusive“ habe ich versucht, Dinge zu vereinen, die nicht zueinander zu gehören scheinen oder sich voneinander entfernt haben: Ein Hund mit Gehhilfe, Mutter und Tochter, Vergangenheit und Gegenwart, ein ernstes Thema und Leichtigkeit, Komisches und Trauriges.

Wie haben Sie die bewegten 1960er- und 1970er-Jahre selbst erlebt?
Eben als sehr bewegt, nicht unbedingt als nur toll. Ich habe als junge Frau sehr genau gesehen, wie groß der Druck auf die Älteren war, ein guter Linker, Hippie, politischer Aktivist oder Ähnliches zu sein. Wie man zu sein hatte, war sehr festgelegt. Strikt verboten waren Besitzdenken, Eifersucht, eine monogame Beziehung, alle waren sehr gefangen. Obwohl ich Mitte der 1970er in Kalifornien lebte, war ich nicht fasziniert, sondern eher interessiert …

Kann Yoga auch ein Versuch sein, sich das Glück woanders herzuholen?
Ich halte die Erwartung, durch Yoga oder Meditation glücklich zu werden, für gefährlich. Yoga will gar nichts und ist nicht dazu da, glücklich zu werden. Das in ein Lifestyle-Konzept zu zwängen, erzeugt nur Druck. Es reicht doch, dass es in dem Moment Spaß macht, in dem man es macht. Muss man immer gleich über das große Glück reden? Oder gleich die Welt verbessern?

Hilft Yoga dem künstlerischen Prozess?
Keine Ahnung. Ich hüte mich davor, irgendetwas von meiner Praxis zu erwarten. Alles, was ich erlebe, landet in meinem Speicher und sorgt für Inspiration – also auch Yoga.


Die in München lebende Regisseurin Doris Dörrie zählt seit mehr als 30 Jahren zu den wichtigsten Filmkünstlerinnen Deutschlands. Unter ihren Erfolgen bei Publikum und Kritik befinden sich Komödien wie „Männer“ (1985) und „Keiner liebt mich“ (1994), die melancholischen Roadmovies „Erleuchtung garantiert“ (2000) und „Kirschblüten Hanami“ (2008) sowie der Dokumentarfilm „How To Cook Your Life“ (2007) über den Zen-Lehrer Edward Espe Brown und seine Kochkurse. Zusätzlich zu ihrer Filmarbeit veröffentlicht Doris Dörrie Kurzgeschichten, Romane und Kinderbücher. Ihr Kinofilm „Alles Inklusive“ kam am 6. März 2014 in die Kinos.