Kindhaltung ist Champions League – Interview mit Gil Ofarim

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Gerade tanzt sich Gil Ofarim in der RTL-Show „Let’s Dance“ die Seele aus dem Leib. Aber auch in Sachen Erdung ist er mittlerweile Experte. Denn sein Gespräch mit YOGA JOURNAL beginnt mit einem echten Bekenntnis: „Durch Yoga habe ich mich noch nie besser gefühlt.“

Gil, welche Rolle spielt Yoga in deinem Leben?

Was mir in den 90 Minuten einer Yogastunde passiert, kann ich nicht beschreiben – ich liebe es einfach. Für alle, die diese Erfahrung nicht kennen, hört es sich vielleicht bescheuert an, aber da gibt es regelmäßig diesen Klick im Kopf, diese Momente von Erkenntnis. „Sag mal, was hast du denn geraucht?“ fragen mich dann manche. Aber das ist es nicht. Durch Yoga bin ich naturstoned. Naturhappy.

Würdest du für uns einen neuen Erklärungsversuch starten? Was genau könnte da klicken?

Ich kann es nicht anders erklären, als dass ich, wie jeder andere wohl auch, mein Leben lang auf der Suche war und immer noch bin – nach innerem Glück, Bestätigung, dem Sinn des Lebens und vielem mehr. Als Kleinkind habe ich schon Musik gemacht, meinen Vater Abi Ofarim begleitet, mit 14 mein erstes Album aufgenommen und die nächsten Jahre hauptsächlich auf der Bühne und im Flugzeug verbracht. Teenie-Star zu sein macht einsam. Dazu wollte ich altersentsprechend gut aussehen, immer fit sein und die Mädels mit Muskeln beeindrucken. Was für ein Blödsinn! Durch das exzessive Krafttraining habe ich mir den Rücken und die Schulter kaputt gemacht, durch das Joggen die Knie. Ich neige zu viel Adrenalin und Selbstüberschätzung: Als Rocker will ich in meiner Show Energie rüberbringen, springe über die Bühne und klettere die Traversen hoch. Im Yoga habe ich mir durch zuviel Enthusiasmus die Beinrückseite gezerrt und spätestens dann gelernt, meine Kraft einzuteilen.

Wie bist du zum Yoga gekommen?

Oswin Ottl, mit dem ich meine Band „Acht“ gegründet habe, hat mir eines Tages seinen guten Freund Petros Kontos vorgestellt, heute Bassist bei „Acht“. Konti ist ein wilder, lauter Kerl und feierfreudiger Gastronom. Dazu ist er superfit und sehr gelassen. Als ich ihn nach dem Grund fragte, antwortete er einfach nur „Yoga“. Er und seine Frau Martina, eine meiner wichtigsten Lehrerinnen, sind der Grund, warum ich heute happy bin. In ihrem Haus am Chiemsee hatte ich meine erste Yogastunde, an deren Ende ich mich heute noch erinnere: Am Ende der Session standen beide zu wunderbar friedlicher Musik im Kopfstand, durch die Fenster sah man die Berge, in der Ecke den Buddha, und auf einmal hat sich für mich alles verdichtet.

Feiernde, wilde Männer können also auch ernsthafte Yogis sein?

Na klar (lacht). In meinem Studio, dem Munich Moksha Yogaloft in Schwabing, hat sich dann auch ein Kreis für mich geschlossen: In den Räumen war früher unser Lieblings-Gitarrenladen. Dort üben einige Männer, man kennt sich, grüßt sich und trinkt unter Umständen danach ein Bier miteinander. Es regiert der gesunde Mittelweg, wo auch ich mich angekommen fühle.

Dein Stil, das Jivamukti Yoga, ist dafür bekannt, viele Kreative anzuziehen.

Ja, wir sind alle gaga. Ich schätze an der Methode, dass es ein flexibler Weg ist, auf dem dir nichts aufgedrückt wird. Ich habe schon immer ein wenig mit Yoga geflirtet, aber ein paar abschreckende Beispiele erlebt. An Sting, dessen Musik ich sehr klar und auf den Punkt gebracht finde, habe ich mir ein Beispiel genommen und sehe Yoga nicht als Sport, sondern Lebenseinstellung, als Atemtechnik mit Bewegung. Und weil es als Nebeneffekt offenbar eine Superfigur gibt, dachte ich, das muss ich probieren.

Hat sich seither spürbar etwas verändert?

Ich bin an einem Punkt, an dem es mir echt gut geht. Das alles habe ich durch Yoga noch mehr zu schätzen gelernt. Ob ich jemals 90 Minuten in konstanter Meditation verbringen werde, weiß ich nicht. Ich bin schon stolz, wenn ich 10 Sekunden im Moment bleiben kann und nur meinen Atem und den Fluss meines Blutes spüre. Ich sehe mich immer noch nicht als Hippie, den der Sonnenaufgang zum Weinen bringt, aber mein Ziel ist es, bewusst zu leben. Auch auf Tour, beim Feiern und aktuell beim Tanzen, denn ich glaube, dass alles miteinander zu tun hat.

Was hält dein Vater Abi Ofarim von deiner Yoga-Begeisterung? Er ist ja ein Kind der Jahrzehnte, in denen Bewusstseinserforschung großes Thema war…

… oh ja, und zwar auf mehreren Ebenen. Erst hat er mich gewarnt und war besorgt, dass ich einem falschen Guru anheim falle und bald nur noch Bäume umarme. Dann hat er allerdings erzählt, dass sie früher auch meditiert und Yoga geübt hätten, gerne im Musikstudio und mit Untersützung gewisser Substanzen.

Eine verlockende Zeit?

Sicher eine coole Zeit, diese Generation hat viel für uns erreicht. So manche Party hätte ich gerne mitgefeiert: Mein Vater war mit den Beatles und Jimi Hendrix unterwegs, wurde von der Queen geehrt, und alle waren – Stichwort „freie Liebe“ – noch mehr auf der Suche als heute. Dennoch bin ich froh, heute zu leben. Noch stolzer als auf die Karriere und die Musik meines Vaters bin ich übrigens auf das Projekt, das er in München aufgebaut hat: Den Verein „Kinder von Gestern“, ein „Jugendzentrum für Senioren“, das hilft, Alterseinsamkeit und -armut vorzubeugen.

Ein Star, der auf der Erde gelandet ist, statt abzuheben: Diese Gefahr gibt es ja auch bei Yogalehrern, die von Schülern regelrecht auf ein Podest gestellt werden.

Auf der Bühne ist die Gefahr abzuheben sicher groß. Zum Glück bin ich es gewohnt, ebenerdig mit meinen Yogalehrern zu üben. Aber auch ohne Podest ähneln manche Stunden durchaus einem Backstreet Boys-Konzert, in dem die Mädchen dahinschmelzen. Ich persönlich sehe sie nie als erhaben an, sondern erlebe Menschen, die diesen Weg schon ein paar Sommer länger gehen und ihn jetzt teilen.

Projektion und Ehrgeiz: Übertragen wir diese Dinge nicht allzu oft auch auf die Yogapraxis?

Beim Kopfstand dachte ich lange: „Oh je, das ist Akrobatik, das habe ich ja noch nie gemacht…“ und habe mich ziemlich unter Druck gesetzt, ihn zu schaffen. Jetzt kann ich ihn, aber weiß, dass es gar nicht sein muss. Im Yoga bist du eher der Profi und der Chef, wenn du deine Grenzen kennst. Die, die sagen können: „Ich mache eine Pause und gehe in die Kindhaltung“ – das sind meine Heroes.

Das kann man nicht laut genug sagen. Viele verbinden es jedoch mit Aufgeben.

Auf keinen Fall. Kindhaltung ist nicht Aufgeben, sondern Champions League, genau wie Shavasana: Nicht denken, nicht bewegen, nur sein, atmen und sich von der Außenwelt nicht ablenken lassen. Beim Hund kommen irgendwann einmal die Fersen auf den Boden, der Krieger wird auch schöner, aber wirklich ruhiges Shavasana ist Kunst.

Übst du auch zuhause?

Eher nicht, denn auch der Weg zum Yogastudio ist für mich Praxis. Ich liebe die Gruppenenergie mit Singen und Shavasana und vor allem das Gefühl, offener und größer nach Hause zu gehen.

Könntest du dir vorstellen, als Musiker Kirtans zu leiten?

Noch nicht, aber ich mag das Singen in der Yogastunde. Als professioneller Sänger habe ich es mir allerdings etwas schwer gemacht, kannte die Melodien und die Wörter nicht und habe am Schluss nur abgelesen. Ich wollte es richtig machen statt einfach nur machen… Für die Zukunft kann ich mir eine Jam Session mit Kirtan-Künstlern schon vorstellen.

Hat die Praxis Einfluss auf deine Kreativität?

Auf jeden Fall, allein dadurch, dass ich besser schlafe und das Gefühl habe, besser im Fluss zu sein. Durch Yoga bin ich einfach nicht mehr so im Außen, sondern bei mir, mit mir und erfahre vieles von mir. Das will ich immer weiter verfeinern und nicht einbrechen lassen.

Nun passiert Kunst zu einem wichtigen Teil im Außen, denn normalerweise soll sie ja andere erreichen. Wie hältst du dies mit deiner eigenen Authentizität in Balance?

Alles, was ich heute produziere, kommt direkt von mir. Die Haltung, anderen um jeden Preis gefallen zu wollen, habe ich schon vor Jahren abgelegt. Ich will die Leute nicht zwingen, mich zu lieben, indem ich nur das mache, was sie vermeintlich verlangen.

Gründet dies auf deinen Erfahrungen als Teenie-Star?

Das lief nach dem Motto „So ist es, das machst du jetzt“, und ich konnte zwei bis drei Jahre voll dazu stehen. Dann habe ich mich weiter entwickelt, menschlich und musikalisch, und wollte nicht mehr der Waschlappen sein, den die Musikindustrie gnadenlos auswringt. Das war ein langer Prozess, hin und wieder auch ein Kampf. Heute will ich vor allem ausdrücken, wer ich bin und was ich will.

Und begleitest auch deine zwei Kinder auf ihrem Weg.

Eine wunderbare Wahnsinnsaufgabe. Ein Kind zeigt dir, wo’s langgeht und vor allem, wo du stehst. Bevor ich Vater wurde, wusste ich nichts von dieser bedingungslose Liebe, die heute mein Leben dominiert. Ich erinnere mich gut an ein Erlebnis kurz vor der Geburt meines Sohnes: Meine Frau und ich waren bei einer Untersuchung – ein hochemotionales Erlebnis, auch für einen Rocker. Da machte der Kleine im Bauch eine perfekte Vorwärtsbeuge und die Ärztin, die nichts von meiner Yogapraxis wusste, sagte: „Oh, ein kleiner Yogi.“ Da kamen mir endgültig die Tränen: Mein ungeborener Sohn sagte mir durch die Blume, dass ich auf dem richtigen Weg bin…


Gil Ofarim, Sohn des Sängers Abi Ofarim, der in den 1960er Jahren als Teil des Duos Esther & Abi Ofarim erfolgreich war, startete 1997 seine musikalische Karriere, erreichte als Teenie-Star Chartsplatzierungen („Round’n’Round“) und verkaufte weltweit rund fünf Millionen Alben.

Heute ist er Schauspieler, Mitglied der Rockband „Acht“ und mit Tanzpartnerin Ekaterina Leonova Finalist bei „Let’s Dance“.

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