Puja – eine spirituelle Praxis der Verbundenheit

In unzähligen hinduistischen Tempeln und Ashrams, aber auch in Millionen von Familien und manchen Yogaschulen ist Puja ein fester Teil des Alltags. Salisha Aya ist mit dieser spirituellen Praxis aufgewachsen. Hier erklärt sie, wie sie ein Gefühl tiefer Dankbarkeit fördern und zu mehr innerer Ausgeglichenheit verhelfen kann.

Text: Salisha Aya / Fotos: Nela König

Ist dir der Begriff Puja schon mal begegnet, vielleicht im Zusammenhang mit Bhakti Yoga? Er ist abgeleitet vom Sanskrit-Wort puj, was „ehren“ bedeutet: Bei einer Puja wird die Ehrerbietung gegenüber einer Gottheit oder einem Geist durch Rituale, Gesang, Gebete und Opfergaben zum Ausdruck gebracht. Die Hindu-Tempel, in denen sie traditionell durchgeführt wird (Mandir), sind normalerweise einer Hauptgottheit gewidmet – sie ist es, die mit der Puja geehrt wird. Aber auch zu wichtigen privaten Feierlichkeiten wie Geburtstagen und Hochzeiten werden Pujas abgehalten, meist von Priestern und Lehrern, den Brahmanen. Gleichzeitig ist Puja aber für viele Menschen eine ganz alltägliche spirituelle Praxis: eine schlichte tägliche Andacht, ein erstes Ritual des Tages, ein Moment der Besinnung an einem Altar im eigenen Zuhause.

Obwohl ihre Wurzeln tief in die vedische Kultur zurückreichen und sie untrennbar mit dem Hinduismus verbunden ist, bin ich überzeugt: Puja ist für alle Menschen da, egal ob Skeptiker*innen oder Suchende, unabhängig vom eigenen Glauben. Sie kann alleine, mit der Familie, oder in der Gemeinschaft praktiziert werden. Und sie fördert nicht nur spirituelle Verbundenheit und Wachstum, sie kann durch die karmische Reinigung auch zu geistiger Klarheit und innerem Frieden verhelfen und so eine positive und kraftvolle Geisteshaltung entwickeln.

Salisha Aya lässt bei der Puja eine Kerze vor ihrem Altar kreisen. Foto: Nela König
Ein Licht vor dem Altar kreisen zu lassen, ist eine der typischen Handlungen während der Puja.

Großmutter – meine Lehrerin der Puja

Meine persönliche Reise mit Puja begann im Alter von sieben Jahren in meinem Heimatland Trinidad, Tausende Kilometer entfernt von Indien. Es war meine Großmutter – Inderin und praktizierende Hindu – die diese Distanz auf wunderbare Weise überbrückte. Was ich damals noch nicht wusste: Sie brachte mich damit auf einen Weg, der meine Lebensaufgabe werden sollte.

Das Haus meiner Großmutter lag gleich neben unserem. Sie hatte einen Hausaltar errichtet, an dem die Gebete der Puja ihren Platz und Anker hatten. Fast jeden Morgen versammelten wir uns hier für eine halbe Stunde. Normalerweise kniete ich auf einem Kissen oder ich saß im Schneidersitz. Meinen Kopf bedeckte ich als Zeichen des Respekts und der Hingabe an die Hindu-Gottheit mit einem Tuch, während meine Großmutter die rituellen Gebete und Handlungen durchführte. Die Gottheit war anwesend in Gestalt einer kleinen Statue oder eines Bildes. Bei uns war es in der Regel der elefantenköpfige Ganesha, der Gott der guten Anfänge und Beseitiger aller Hindernisse. Meine Großmutter brachte mir bei, mich während der Puja vollständig auf Ganesha zu fokussieren. Alles, was mich irgendwie davon abhalten könnte, eine Verbindung zu Gott aufzubauen, durfte sich in dieser vollständigen Konzentration auflösen, sogar mein andauernder Kampf und Schmerz, an dem ich durch meinen gewalttätigen Vater litt.

Dankbarkeit empfinden

Wir brachten der Gottheit Opfergaben: frisch gepflückte Hibiskusblüten aus dem Garten, ungekochtem Reis als Symbol für Reinheit und Wohlstand, aber auch Obst oder Süßigkeiten. Mit diesen Geschenken drückten wir aus: „Ich bin Gott dankbar.“ Anschließend wurde Weihrauch angezündet, sein Rauch sollte helfen, unsere Gebete zum Himmel zu tragen. Dieses rituelle Räuchern half uns, einen tieferen Meditationszustand zu erreichen. Wir zündeten auch eine Diya an: eine mit Ghee betriebene indische Öllampe, die „die Erleuchtung des Seins“ symbolisiert. Um das Lösen und Beseitigen von Hindernissen zu unterstützen, sang ich meist das Ganesha-Mantra „Om Gam Ganapataye Namah“. Es gibt aber auch viele andere Sanskrit-Mantras, die während der Puja gesungen oder gechantet werden – und jedes erfüllt nach traditioneller Vorstellung mit seiner einzigartigen Schwingungsfrequenz einen bestimmten Zweck.

Absichtsvoll leben mit Pujas

Meine Großmutter fragte mich immer, was ich während der Puja loslassen wollte. So lernte ich schon als Kind, mir meiner selbst bewusst zu werden und Intentionen zu formulieren – etwas, das mich bis heute begleitet: Ich möchte, dass alles, was ich in meinem Erwachsenenleben tue, absichtsvoll geschieht. Dieses von Intentionen geleitete Leben mit seinen Ritualen und Zeremonien, hat es mir ermöglicht, eine tiefe Verbindung zu meiner inneren Weisheit aufzubauen. Obwohl ich nicht in Indien lebe, kann ich dank meiner Großmutter Puja durchführen, denn sie hat diese Tradition an mich weitergegeben. Und obwohl ich keine praktizierende Hindu bin, kann ich mich leiten lassen von dieser bewussten, absichtsvollen Spiritualität.

Schon mit sieben Jahren spürte ich eine tiefe spirituelle Verbundenheit und erlebte, wie sich etwas in mir öffnete für einen Zustand des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit. Ich lernte von meiner Großmutter, während der Puja still zu sitzen, zu lauschen und mich für die Lehren der Zeremonie zu öffnen. Das legte den Grundstein für meine Praxis und alles, was ich heute in meiner eigenen Arbeit als Zeremonienmeisterin und spirituelle Alchemistin weitergebe.

Alles basiert auf Ritualen und der Festlegung einer Absicht: Genau wie in der Puja errichten wir auch in der Pflanzenmedizin einen Altar, zünden eine Kerze an, bringen Opfer dar (meist Kopal-Baumharz oder Tabak), singen heilige Gebete (Icaros) und konzentrieren uns auf die Intention, die Drishti. Diesen Sanskrit-Begriff kennst du vermutlich aus dem Yoga. Dort bezeichnet er einen Fokuspunkt, den du mit deinem Blick fixierst. Doch eigentlich bedeutet das Wort „Sehvermögen“ oder „Vision“. Es geht also nicht nur darum, wohin die Augen blicken, sondern auch darum, eine innere Vision zu entwickeln.

Puja Altar von Salisha Aya, Foto: Nela König
Ganesha, der Gott der guten Anfänge, bildet das Zentrum von Salishas Altar.

Puja: Gebet für dich – und alle Wesen

Ich habe schon beschrieben, wie meine Großmutter mich immer gefragt hat, was ich während der Puja loslassen möchte und wie hilfreich das für mich war. Doch Puja ist nicht nur ein Gebet für sich selbst. Sie kann auch ein Gebet für andere, für die Gemeinschaft oder für die Erde sein. Ganz egal, wohin die Intention gerichtet ist: Ich verankere dieses Gebet immer in der Energie der Erde: einer Lebenskraft und „Großen Mutter“, zu der wir mithilfe von Meditation und Atemarbeit Zugang bekommen können und die uns Erdung, Gleichgewicht und Frieden schenken kann.

Ich bin mir ganz sicher, dass es die Praxis der Pujas war, die mich auch tiefer mit den großen spirituellen Segnungen dieser Erde verbunden hat: mit ihren Pflanzen und Tieren. Immer mehr verstehe ich, dass wir eins sind, dass all unsere Gebete und die Art und Weise, wie wir den Raum mit Gebeten erfüllen, immer auf eine universelle Idee zurückgehen: die Absicht, Frieden, Liebe, Freiheit und Verbundenheit für alle Wesen zu schaffen.

Ich glaube, meine Großmutter hätte zugestimmt, dass der Glauben ganz unterschiedlich sein kann, dass aber alle Religionen und Glaubenssysteme durch eine ähnliche Art des Betens miteinander verbunden sind. Auch uns beiden hat das gemeinsame Puja-Gebet eine tiefere Verbundenheit miteinander geschenkt. Puja und der charakteristische Weihrauchduft dieser Zeremonie sind meine Art, mich an meine Großmutter zu erinnern.

Grundgerüst für eine Puja Zuhause

Richte einen kleinen Altar ein:
Am besten in einem Winkel der Wohnung, wo du ungestört bist und zur Ruhe kommen kannst. Es kann ein Tischchen, ein Sims oder Teil eines Regals sein. Decke den Altar außerhalb der Puja mit einem Tuch ab.

Wähle ein Murti:
Im Hinduismus ist das das Bild oder die Statue einer Gottheit, die für den Aspekt steht, den du anrufen möchtest, zum Beispiel Ganesha als Beseitiger von Hindernissen oder Sarasvati als Göttin der Weisheit und der Kunst.

Schmücke deinen Altar mit Gegenständen, die dir heilig sind:
Das können Kristalle, Bilder oder Fundstücke aus der Natur sein. Lege zu Beginn der Puja auch jeweils frische kleine Opfergaben dazu, zum Beispiel eine Blume, eine Süßigkeit (Prasad), etwas Reis oder Wasser. Überlege dabei, wofür du beten möchtest und stimme die Opfergabe darauf ab. Wenn du beispielsweise Reichtum (im Hinduismus repräsentiert durch die Göttin Lakshmi) in dein Leben bringen möchtest, könnte auch ein symbolisches Geldstück auf dem Altar seinen Platz bekommen.

Bereite dich vor:
Es ist wichtig, sauber und am besten barfuß zum Altar zu kommen. Puja praktiziert man traditionell gleich nach Sonnenaufgang, wenn man noch nicht mit Gedanken beschäftigt ist und die Absicht für den Tag festlegen kann.

Zünde ein Licht an:
Wenn du kein Diya (das traditionelle indische Öllämpchen) hast, kann es natürlich auch eine Kerze sein. Das Licht stellt die Erleuchtung deines Gebets dar.

Reinige den Raum mit Rauch:
Zum Räuchern eignen sich Weihrauch, Palo Santo oder Salbei (einer meiner Lieblingsstoffe). Der aufsteigende Rauch soll auch dazu dienen, deine Gebete und Opfergaben direkt zu den Göttern zu tragen.

Chante ein Mantra:
Zum Beispiel Lokah Samastah Sukhino Bhavantu (Mögen alle Wesen überall glücklich und frei sein) oder sprich ein Gebet. Wenn du möchtest, hältst du währenddessen dein Licht in beiden Händen und bewegst es kreisend vor deinem Altar.

Nimm den Segen mit:
Stelle das Licht anschließend auf den Altar, halte deine Hände eine Weile über die Flamme und „gieße“ diese Wärme und das Licht dann symbolisch mit deinen Händen über dich. Lege zum Abschluss die Hände aneinander und verneige dich.

Dieser Artikel stammt aus dem YOGAWORLD JOURNAL 06/2025.


Salisha Aya leitet gemeinsam mit ihrem Mann, dem Yogalehrer Adam Rice, Yogaretreats auf Mallorca. Ihr umfassendes Wissen über Rituale machen die Retreats zu einem transformierenden Erlebnis.

Mehr Info auf activateyouralchemy.com oder auf Insta @salisha.aya


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