Moderne Spiritualität – Alltag statt Ashram

Einfach schön, wenn wir auf der Yogamatte Frieden und eine tiefe Verbundenheit spüren. Unsere Autorin meint allerdings: Das ganze Leben ist eine spirituelle Reise – und erst wenn wir unsere Verletzlichkeit anerkennen und Verantwortung übernehmen, kommt diese Reise wirklich in Gang.

Text: Tehya Sky / Bild: Melissa Brown via Unsplash

Alles zwischen Om und Oh weia

Jetzt muss ich gleich damit herausplatzen, sonst platze ich selber: Spiritualität umfasst dein gesamtes Menschsein! Sie schließt deine Lustlosigkeit und deine Stolperschritte genauso ein wie deine Andächtigkeit und deine Lebensfreude, Sofa genauso wie Satsang, Autowerkstatt wie Ashram. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, dass viele von uns meinen, in der Spiritualität sei kein Platz für all die zerrupften Federn unseres Menschseins? Vielleicht liegt es an unserer gesellschaftlichen Konditionierung, die so sehr Kontrolle und patriarchale Strukturen betont. Vielleicht ist es auch der Fokus auf die fernöstlichen Ideale von Erleuchtung und Nicht-Dualität, der uns da im Weg steht. Aber was auch immer für die Auffassung verantwortlich ist, Spiritualität könne nur auf glänzenden, weißen Marmorböden gedeihen und sei ein säuberlich abgetrennter Teil unseres Lebens und eben nicht das ganze Leben selbst – ich bin sicher, dieses gigantische Missverständnis war nicht gewollt.

Das Wesen jeder Form von Spiritualität ist es, die Natur unseres Daseins zu erforschen – folglich kann sie nichts ausschließen oder zurückweisen, was da ist! Deswegen heißt eine echte spirituelle Praxis ausdrücklich nicht nur unser inniges “Ommm” willkommen, sondern eben auch unser ärgerliches, frustriertes oder ratloses “Oh weia!” Denn so wie das eine ein Ausdruck inneren Friedens sein kann, macht uns das andere bewusst, dass uns dieser Frieden gerade abgeht. In dieser Bewusstwerdung liegt überhaupt erst die Einladung, den öffnenden, erweiternden Prozess zuzulassen, um den sich das Leben eigentlich dreht. Entdeckungen, Einsichten und Erleuchtung finden ja nicht nur in Tempeln oder Moscheen statt, sie reichen tief hinein ins Alltägliche – bis hin zu Abwasch, Abendessen und sogar Autopanne.

Verletzlichkeit annehmen

Unsere Verletzlichkeit ist eigentlich unser größtes Geschenk, sie ist allgegenwärtig und durchzieht alle Lebensbereiche. Sie könnte uns heilig sein. Trotzdem halten wir sie gerne so weit wie irgend möglich auf Abstand – und die Folge dieser Abwehr ist, dass wir uns abstrampeln, unser Leben in lauter Einzelbestandteile aufdröseln und zutiefst unzufrieden sind. Deswegen ist es höchste Zeit, das anzuerkennen, was wir im tiefsten Inneren längst wissen. Es ist Zeit, dass wir uns auf den Funken unserer Seele und auf die umfassende Heiligkeit des Lebens zurückbesinnen. Es ist Zeit für eine innere Revolution – eine, die mit den alten Paradigmen aufräumt: Dass das, was du bist, nicht genug ist, dass das Leben eine einzige Abfolge von Problemen ist, oder andersherum, dass alles im Grunde sowieso gut ist oder wenigstens gut sein müsste. Stattdessen wäre es Zeit für neue Paradigmen, die das gesamte Spektrum menschlicher Verletzlichkeit und all die Lehren des großen Gurus “Leben” radikal annehmen. Ich bin davon überzeugt: Das ist der einzige Weg, um sich wieder an diese Ganzheit, diese Erfahrung von allumfassender Einheit, zu erinnern, nach der wir uns alle sehnen und von der wir eine tiefe Ahnung in uns tragen.

Und wenn es diese Ganzheit ist, auf die Spiritualität ihrem Wesen nach abzielt, dann würde ich behaupten: Spirituelle Praxis ist das, was uns mithilfe unserer menschlichen Erfahrungen genau dafür sensibilisiert – für die Göttlichkeit in allem oder das Einheitsbewusstsein. In diesem Verständnis von Spiritualität ist das ganze Leben eine Feier, eine Abfolge unzähliger kleiner und großer heiliger Momente. Jeder dieser Momente schließt die Einladung mit ein, gerade jetzt noch etwas bewusster zu werden. Vielleicht auch die Einladung, im eigenen Dasein zu ruhen, als jener oder jene, die all das erlebt und bezeugen kann. Ganz egal, was es ist, die Yogapraxis, die Meditation, aber eben auch der Abwasch oder das Rasenmähen: Man kann es als eine spirituelle Handlung verstehen. Allein schon deshalb, weil du ein Teil davon bist – du, ein lebendiges, geistiges Wesen, dessen Präsenz in diesem Kosmos eigentlich unerklärlich ist. Vielleicht auch ganz einfach deshalb, weil es überhaupt geschieht.

Die Feier des Lebens

Jeder dieser Momente steht zur Verfügung für deine Vollständigkeit: Jeder ist ein Moment, in dem du die Fülle des Lebens in diesem unglaublich breiten Spektrum von Dualitäten erfahren kannst. Ein Moment, in dem du es genießen – ja, tatsächlich genießen – kannst, dass das Leben eben nicht dazu da ist, dich glücklich zu machen oder deine Erwartungen zu erfüllen. Ein Moment, um dich daran zu freuen, dass alle Momente – die “guten” genauso wie die “schlechten” und überhaupt jede Art von Moment – Teil dieser Feier des Lebens sind. Ein Moment, in dem du aufgerufen bist, die Erfahrung all dessen auszukosten, was sich da entfaltet – mit deiner Gegenwart, deiner Verantwortlichkeit und deiner Verletzlichkeit, ganz egal, was dabei heraus kommt.

Diese Möglichkeit, aus dem eigenen Inneren heraus zu leben und sich auf diese Weise an so etwas wie eine “heilige Einheit” anzunähern, ganz einfach indem wir mit dem Leben arbeiten, so wie es nun mal geschieht, ist etwas zutiefst Magisches – dabei aber kein bisschen einzigartig. Im Gegenteil: Es ist sogar wichtig zu erkennen, dass wir alle dieselben Schlüssel zu diesem inneren Königreich besitzen. Ganz egal, wer oder was wir sind, welcher Religion oder spirituellen Tradition wir angehören oder nicht angehören, und wie oft wir ins Retreat gefahren oder zur Messe gegangen sind: Jeder und jede von uns ist genauso ins große Ganze eingebunden wie der oder die nächste. Wir alle sind Kinder dieses selben Universums, wir alle tanzen mit in diesem einen kosmischen Tanz. Und wir alle tragen diesen Zauber in uns, diesen geheimen Funken, der unsere Gesichter leuchten lässt, unsere Körper in Bewegung setzt und uns in Form von Inspiration durchströmt.

Er steckt hinter der Liebe, die wir empfinden. Hinter dem Tanz, den wir tanzen, wenn wir uns so richtig frei fühlen. Im Lied, das wir singen, wenn wir einfach mal alles loslassen. Und auch in dem Hoffnungsschimmer, dem winzigen Lichtstrahl, von dem wir wissen, dass er auch in unseren schwersten Momenten noch da ist. Die Feier des Lebens beginnt in dem Moment, in dem wir begreifen, dass wir überhaupt inmitten einer Feier leben. Das ist der berühmte Vorhang, der sich hebt, wenn die Erkenntnis beginnt. Unsere Verantwortlichkeit für die unablässige Abfolge von Lebensmomenten und unser Da-Sein, das stille, essenzielle Hier-und-Jetzt, das ganz unabhängig ist von jeglicher Vergangenheit oder Zukunft – diese beiden Dinge sind es, durch die sich alles auflösen kann in die tieferen, wahrhaftigeren Schichten. Dann beginnen sowohl die Schätze in unserem Inneren als auch die Schätze des Lebens selbst zu funkeln – wie die wilden Prismen, die sie ja auch sind.


TEHYA SKY sagt von sich selbst, sie sei ebenso sehr eine Schülerin des Lebens wie sie in es verliebt ist. Sie arbeitet in Florida als Autorin und spirituelle Beraterin. Ihre Schwerpunkte sind Verletzlichkeit, Verantwortlichkeit und Präsenz. Seit der Geburt ihres Sohnes Sage hat Sky Spaß daran gefunden, Bilderbücher zu schreiben. Yogi*nis kennen sie eher für ihren Titel “A Ceremony Called Life: When Your Morning Coffee Is as Sacred as Holy Water”. Mehr Infos unter tehyasky.com


Noch mehr Artikel zum Titelthema “Sehnsucht nach Sinn” findet ihr im Yoga Journal Heft Nr. 78

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