Love-Special: Ins Auge des Sturmes

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Wege aus dem „Leidenskarussell“: Diese öffnen sich, wenn wir unsere Verhaltensmuster durch bewusste Entscheidungen ersetzen. Autor und Therapeut Matthias Ennenbach über das transformative Potenzial des Buddhismus für unsere Beziehungen.

YOGA JOURNAL: In Ihrem Buch „Befreit – Verbunden“ sprechen Sie von „unheilsamen Emotionen“ in Beziehungen. Welche sind dies und wie können wir uns von ihnen befreien?
MATTHIAS ENNENBACH: Es gibt drei unheilsame Hauptemotionen: Angst, Wut und Trauer. Der Begriff „unheilsame Emotion“ ist allerdings eine gewählte Vereinfachung. Die buddhistische Formulierung „unheilsame Geisteszustände“ trifft es eigentlich besser. Sie meint die Einheit von Emotionen und Gedanken. In anderen Kulturen wird nicht so wie bei uns zwischen Emotionen und Verstand unterschieden. Aber auch die empirisch-psychologische Forschung kann zeigen, dass Emotionen immer mit Kognitionen verbunden sind. Einer der Leitgedanken der Buddhistischen Psychotherapie, die ich praktiziere, lautet: Wir befreien uns nicht von, sondern inmitten von unseren Emotionen. Es ist so, als könnten wir jederzeit einen Schritt zurück, in das ruhige Auge des Sturms treten.

Welche Prinzipien des Buddhismus sind heute besonders wertvoll für unsere Beziehungen?
Für viele von uns sind insbesondere die nicht-religiösen Wurzeln des Buddhismus besonders hilfreich. Sie zeigen uns zum Beispiel, dass wir als Menschen immer wieder Leid erfahren werden. Diese Annahme könnte helfen, unseren Idealismus einzugrenzen und uns zu ein wenig Vorsorge zu motivieren. Der spirituelle Ansatz wird von sehr vielen Menschen als immer bedeutsamer erkannt, denn wir sind als Industriemenschen bereits stark infiltriert vom ökonomischen Denken. Das merken wir auch in unseren Beziehungen: Wie viel bringt die Beziehung, inwieweit zahlt sich meine Mühe aus? Wie ist die Beziehungsbilanz? Was gebe ich dir und was gibst du mir? Wenn wir dieses stark verinnerlichte Konsum- und Geschäftsdenken lockern und auch aufgeben, können wir als Individuen und Paare freier werden.

Welche Rolle kann eine spirituelle Praxis allgemein in unserer Beziehung spielen?
Die spirituelle Praxis des Yoga oder der Meditation sind Wege, die wir erst alleine gehen müssen. Wir können das natürlich auf der Ebene der Termine auch als Paar, aber der Zugang zur Spiritualität ist immer ein sehr persönlicher, selbst bei Partneruübungen. Wenn wir die heilsamen Potenziale, die in uns allen bereits angelegt sind, stärker realisieren konnten, dann tragen wir sie, mit geduldigen Wiederholungsübungen, auch in die Beziehung hinein. Wenn wir das duale Verständnis von hier Übung und dort Alltag langsam lockern, dann können wir auch im alltäglichen Umgang unser Beziehungsyoga oder unsere Beziehungsmeditation praktizieren.

Was ist zu tun, wenn die Partner unterschiedliche Auffassungen von Spiritualität haben oder gar anfangen, sie in ihrer Wertigkeit zu vergleichen?
Wenn wir unserem Partner vermitteln: „Das, was ich tue, ist besser, als das, was du tust“, verweist das auf eine spezielle Vision von exklusiver Spiritualität – unser 18-Uhr-Termin für Spiritualität. Und weil ich den besitze und du nicht, bin ich auf einem besseren Weg. Wir alle haben das duale Denken sehr verinnerlicht. Manchmal hilft es, wenn wir realisieren, dass nicht die einzelnen Aktivitäten entscheidend sind, sondern unser Bewusstsein, mit dem wir dabei sind. Spiritualität findet im Herzen und nicht auf der Yogamatte statt.

Ist auch hier die Achtsamkeit entscheidend?
Sicher ist es schwer, wenn wir vom Yoga oder der Meditation kommen und der Partner uns mit Bierfahne begrüßt, aber genau da dürfen wir dann nicht in alte Automatismen zurückfallen. So eine Situation ist eine sehr mächtige Medizin. Sie schmeckt oft bitter, aber sie könnte uns helfen, weil sie uns Grenzen setzt und konfrontiert. Dafür benötigen wir etwas Wichtiges – Buddha sagt: Die höchste Form der Askese ist die Geduld. Im Buddhismus gibt es aber auch das scharfe Schwert des Mitgefühls. Es bedeutet nicht, dass wir uns passiv alles gefallen lassen. Es ist möglich, gleichzeitig mitfühlend zu sein und dennoch einen Sachverhalt abzulehnen, so wie es auch möglich ist, gleichzeitig angespannt und locker zu sein. Wir erfahren das unter anderem in der Meditation. Dort ist der Rücken angespannt und gleichzeitig ist der Bauch entspannt.

Wie können uns Achtsamkeit und Meditation dabei helfen, bestimmte Beziehungsmuster zu erkennen und aufzulösen?
Sehr viele unserer Probleme haben ihren Ursprung in unseren zu schnellen und damit zu unbewussten Reaktionen. Wir haben in uns unzählige antrainierte Automatismen: die Frühstücks- Automatismen, die Autofahr-Automatismen, die Arbeits-Automatismen, die Ess- und Trink-Automatismen, die Abend-Automatismen und viele mehr. Diese müssen von uns mit Bewusstheit durchdrungen werden, sonst spulen wir nur noch unsere Beziehungs- Automatismen ab und geraten in ein Leidenskarussell aus steten Wiederholungen von Drama oder Langeweile. Achtsamkeitsübungen und Meditation stärken in unserem Nervensystem Strukturen, die unsere Selbstaufmerksamkeit erhöhen und unseren inneren Ruhepol verstärken. So können wir unsere Selbststeuerung wiedererlangen, entschleunigen und treffen eine Wahl statt einem Muster zu folgen. Herzstück dieser Techniken ist das buddhistische Achtsamkeitstraining: Zuerst beginnen wir mit einem Beruhigungs- und Klärungsprozess auf körperlicher Ebene, danach erst auf emotionaler und dann auf gedanklicher Ebene. Achtsamkeit bedeutet, dass wir diese drei Instanzen in uns realisieren und beruhigen lernen. Auf diesem geklärten Fundament, und nur darauf, können wir dann entsprechende Entscheidungen treffen.

Wie erreicht und lebt man eine Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist?
Solche Fragen basieren oft auf bestimmten Erwartungen und meist auch auf Idealvorstellungen. Nur zu oft erhöht das noch den Druck auf Paare: „Wenn du mich wirklich liebst, stellst du keine Bedingungen.“ Können wir und wollen wir denn definieren, was Liebe zu sein hat? Manchmal wird es eben schwer. Wir können nicht immer selbstlos sein. Wir haben Bedingungen, einige sind wahrscheinlich auch gut so. Aber wenn wir uns inmitten unserer Bedingungen befreien, müssen wir uns daran nicht festklammern. Es entsteht ein heilsamer kleiner Spielraum, den wir nach und nach ausbauen können. Dafür gibt es im Achtsamkeitstraining viele konkrete Übungen und Hilfen.

Im Yoga üben wir gleichzeitig, das Ego loszulassen und die Selbstliebe zu stärken. Wo befindet sich hier die Grenze und welche Art der Selbstliebe brauche ich, um die Beziehung zu meinem Partner zu nähren?
Sowohl im Rahmen von Yoga- als auch bei buddhistischen Unterweisungen, hören wir oft, dass unser Ego eine Illusion sei und dass wir es loslassen sollen. No ego, no pain. Wenn wir in der Partnerschaft verletzt werden, ist es immer das Ego, das schreit. Aber das „einfache“ Loslassen funktioniert nicht so leicht. Die Strategie lautet: erst Aufbau, dann Abbau. Das bedeutet, dass wir zuerst über ein stabiles, sicheres Ego verfügen müssen, bevor wir damit beginnen, es einzudämmen. Einem armen Obdachlosen können wir auch nicht sagen, das Geld eine Illusion sei, nur bedrucktes Papier.

Geht es hier letztendlich um Sicherheit?
Wir alle benötigen Sicherheit. Nur eine egostarke Frau und nur ein egostarker Mann können sich sicher fühlen. Aber diese Stärkung ist nur der Vorläufer, damit wir loslassen können. Vielleicht ist es zuerst die liebende Güte für uns selbst, die wir kultivieren müssen. Wenn wir das intensivieren, wird sich dieser Prozess auf alles um uns herum ausdehnen. Es wird zwangsläufig Auswirkungen zeigen, aber das darf nicht unsere Motivation für spirituelle Praxis sein. Wenn wir versuchen, eine Form der Liebe zu finden, damit wir etwas beim Partner erreichen, wird uns diese Bedarfsstrategie nur wieder zu weiteren Problemen führen. Heute wissen wir, dass wir uns fundamental ändern können. Buddhisten sprechen von unendlichen Keimen und Neurowissenschaftler von unzähligen Veranlagungen in uns. Es liegt an uns, welchen Keim wir kultivieren. Wir müssen uns immer daran erinnern: Alles, was wir wiederholen, wird sich in uns festigen. Das Unheilsame ebenso wie das Heilsame. Es gibt keine Abkürzungen. Wir benötigen das geduldige Wiederholen des Heilsamen.