Love-Special: Die Sprache der Verbindung

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Die von dem amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelte Gewaltfreie Kommunikation (GFK) beschäftigt sich mit der Frage, wie wir unsere Sprache nutzen können, um liebevolle Beziehungen zu schaffen. Nicht nur in Bezug auf Empathie, Satya und Ahimsa besteht eine große Verbindung zum Yoga, die der Nürnberger Yogalehrer und Kommunikationstrainer Pierre Boisson für seine Arbeit mit Einzelpersonen, Gruppen und Paaren nutzt.

YOGA JOURNAL: Pierre, was hast du zuerst für dich entdeckt? Yoga oder die Gewaltfreie Kommunikation?
Pierre Boisson: Zuerst habe ich Yoga gefunden und die Yamas und Niyamas als Vorschläge zur Gestaltung von Beziehungen. Da diese sehr offen formuliert sind, gab mir etwas später die GFK Ergänzungen zu Fragen wie „Wie bringe ich Satya in meine Sprache?“ und „Wie kann ich klar verständlich aus einer Position des Ahimsa und der Achtsamkeit sprechen?“. Konkret gesagt: „Wie kann ich meiner/m PartnerIn gegenüber aufrichtig und ehrlich sein ohne sie dabei zu kritisieren, zu bewerten oder zu verurteilen?“ Wir suchen nach sprachlichen Wegen, um in Kontakt und in Verbindung zu kommen, doch stoßen dabei immer wieder auf alte Sprachmuster, die uns daran hindern. Dies hat viel mit Erziehung und gesellschaftlichem Einfluss zu tun.

Die GFK ist im Grunde ein sprachliches Werkzeug, die Yogapraxis hingegen direkt körperlich erfahrbar. Was haben sie dennoch gemeinsam?
Marshall B. Rosenberg stammt aus der humanistischen Psychologie, die wie Yoga davon ausgeht, dass der Mensch alle Selbstheilungskräfte in sich trägt. Beide Systeme arbeiten sehr methodisch und sind in mindestens doppeltem Wortsinn Haltungen. Beide bieten konkrete Techniken in der Umsetzung, die sich ergänzen: Die GFK in den vier Schritten Wahrnehmung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte. Diese helfen mir, Wahrnehmung und Interpretation zu unterscheiden, eine gewaltlose Haltung einzunehmen und eine empathische Verbindung zu meinem Gegenüber herzustellen. Yoga bietet den achtgliedrigen Pfad des Ashtanga, der mir hilft, die Verbindung zwischen Körper, Geist, Seele herzustellen. Vereinfacht zusammengefasst kann man sagen: Yoga hilft mir, die Verbindung zu mir selbst herzustellen, GFK die Verbindung zu den anderen.

Du bietest Seminare zum Thema „GFK und Yoga“ an. Welche Yogahaltungen unterrichtest du in diesem Zusammenhang?
Die GFK ist vor allem eine Haltung zum Leben, in der es darum geht, eine wertschätzende Verbindung aufzubauen. Im Vordergrund steht daher das Herz, die Liebe. In meinen Wochenendseminaren lege ich deshalb den Schwerpunkt auf Mitgefühl und Empathie (Herzchakra) und die Sprache (Kehlchakra). Die zweite Stunde ist achtsamkeitsbasiert: Wir üben, später auch in einer Meditation, die Gefühle hinter den Asanas wahrzunehmen und in Verbindung mit den dahinter stehenden Bedürfnissen zu bringen. Beide Stunden verlaufen eher sanft und meditativ.

Welche Rolle spielen Bedürfnisse in einer Beziehung?
Die Gewaltfreie Kommunikation ist vor allem eine innere Einstellung zum Leben und dadurch auch zu meinen Mitmenschen. Im Vordergrund dieser Haltung steht der Wunsch, Verbindung und tiefes Verständnis füreinander aufzubringen. Diese Verbindung entsteht dann, wenn wir uns auf der Ebene unser Bedürfnisse begegnen und wenn wir Wege finden, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen. Das ist nur dann möglich, wenn beide Personen in ihren Bedürfnissen wirklich gehört, verstanden und ernst genommen werden. Erst dann ist der Boden reif, um nach einer gemeinsamen, für alle befriedigenden Lösung zu suchen. Genau dann entsteht Verbindung und Nähe.

Wie könnte eine solche Situation beispielhaft aussehen?
Nehmen wir an, mein(e) PartnerIn kommt nach einem langen Arbeitstag erschöpft nach Hause und braucht Ruhe. Ich selber hatte mich schon gefreut, sie zu sehen und ihr vorgeschlagen, gemeinsam an den See zu gehen. Doch sie verneint und möchte schlafen. Was ist dann mein Bedürfnis in dieser Situation? Verbindung und Nähe zu meinem Partner. Und was ist das Bedürfnis meiner Partnerin? Ruhe. In der GFK hat die Beziehung Vorrang zur Lösung. Bevor ich also eine Lösung vorschlage („Lass uns an den See gehen“), möchte ich Verbindung herstellen. Und das geht, wenn ich auch ihre Bedürfnisse berücksichtige und wertschätze. Erst dann kann ich nach einer Lösung suchen, die sowohl mein Bedürfnis (nach Verbindung und Nähe) als auch ihr/sein Bedürfnis (nach Ruhe) berücksichtigt. So könnten wir gemeinsam einen Film anschauen, uns eine Massage geben oder eine andere Aktivität wählen. Strategien gibt es etliche, wenn wir uns unserer Bedürfnisse bewusst sind. Das Problem entsteht, wenn wir in Konflikten auf der Strategieebene hängen bleiben, also wenn mein Partner darauf besteht, jetzt schlafen gehen zu müssen und ich unbedingt zum See gehen „muss“.

Im romantischen Ideal braucht die Liebe keine Kommunikation. Vielmehr können sich die Partner ihre Wünsche von den Augen ablesen …
… und wenn dies nicht passiert, sind wir sehr enttäuscht. Das große Problem in Beziehungen scheint mir genau dieses romantische Ideal zu sein. Das „Schlimmste“ daran ist, dass wir selber oft gar nicht genau wissen, was wir wollen, genau dies aber vom anderen erwarten, gerade, wenn es um das Thema „Wertschätzung“ geht. Wir erwarten von unserem Partner, dass er weiß, auf welche Art und Weise ich Wertschätzung erfahren möchte. Hierfür gibt es jedoch zahlreiche Möglichkeiten und Gesten. Jeder Mensch ist unterschiedlich und hat seine individuelle Strategie zur Befriedigung von Bedürfnissen. Es ist also wichtig, unserem Partner klar und in Form einer konkreten Handlungsbitte mitzuteilen, wie wir unsere Bedürfnisse befriedigt haben möchten.

Setzt du in deiner Beziehung die GFK erfolgreich um?
Es ist es nicht immer einfach. Wenn ich in Wut bin – auch wenn ich mein Bedürfnis kenne – habe ich manchmal keine Lust oder schaffe es nicht, in der GFK-Haltung zu bleiben. Dann möchte ich nicht „Ich brauche jetzt Wertschätzung“ sagen, sondern „Es kotzt mich gerade alles an“. Doch genauso wenig, wie ich im Yoga den Anspruch an mich habe, „erleuchtet“ sein zu müssen, erwarte ich nicht von mir, immer in einer GFK-Haltung zu sein. Viel schöner finde ich die kleinen Etappensiege, die mir Yoga und die GFK schenken und mein Leben bereichern. Der Weg ist das Ziel.

Ist es hinderlich, wenn sich ein Partner der GFK verschreibt und der andere nicht?
Es ist immer bereichernd, Prozesse gemeinsam zu erleben und die Erfahrung zu teilen. Verläuft dies sehr unterschiedlich, ist es ebenfalls bereichernd, wenn man die Verbindung trotzdem halten kann. In meinem Bekanntenkreis gibt es ein Paar, in dem sie viel Yoga übt und er Soldat bei einer Spezialeinheit ist. Ahimsa trifft auf Krieg! Bald werden sie heiraten und ich habe großen Respekt davor, dass sie hinter die Kulissen schauen können. Liebe ist mehr als gegenseitige Bestätigung. Die beiden scheinen sich auf der Bedürfnisebene zu treffen: Sie interessiert sich für Entwicklung, Spiritualität und bewusstes Leben, er für Abenteuer, Schutz, Sicherheit und die Verteidigung von Werten. So sehr unterscheidet sich dies im Kern nicht.

Wie schaffen wir es, im Fall einer Trennung noch gewaltfrei zu kommunizieren?
Auch in dieser Situation will die GFK folgende Verbindung halten: Ich will dich hören und gehört werden. Wenn ich also vom anderen höre, dass er Distanz braucht, ist Gewaltlosigkeit, dass ich ihm diese Distanz gebe. Das soll aber nicht heißen, das ich ihm nicht mitteilen sollte, wie es mir damit geht: „Ich bin sehr traurig, weil mir Verbindung und Nähe zu dir wichtig sind.“

Zum Schluss aus deiner Perspektive: Liebe ist …
… für mich durchaus bedingungslos. Alles andere ist ein Abkommen à la „Weil du mir etwas gibst, liebe ich dich“ oder „Solange du mich bestätigst, unterstützt und mir das gibst, was ich vermeintlich brauche, glaube ich, dass ich dich liebe“. Liebe ist für mich übergeordnet und hat göttliche Dimension. ✤

Pierre Boisson leitet Workshop und Weiterbildungen zur „Gewaltfreien Kommunikation mit Yoga“. www.param-yoga.de und www.pierre-boisson.de