Love-Special: „Kommunikation ist sehr, sehr sexy“

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Als Systemischer Berater, Mensch und Lehrer für Yoga und Meditation kennt sich Ralf Sturm mit den Aufs und Abs in Beziehungen aus. In seiner Arbeit begleitet er sowohl Singles als auch Beziehungspartner durch „Gefühlsstürme“ und zeigt, dass Liebe nicht von Yoga oder Meditation, sondern von Kommunikation abhängt.

Ralf, ist die Beziehung zum Partner Spiegel der Praxis?
Die Beziehung zu unserem Partner spiegelt unsere Beziehung zum Leben. Da stellt sich die Frage, ob man wirklich am Partner interessiert ist. Denn bei genauem Hinsehen ist man häufig stärker mit sich selbst beschäftigt: Wie man auf den anderen wirkt oder wie man das bekommt, was man möchte. Wir erwarten etwas von unserem Partner, von Gott oder dem Universum und sind sauer, wenn wir es nicht bekommen. Man hat nicht automatisch eine erfüllte Partnerschaft, nur weil man mehr Zeit auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen verbringt. Manchmal ist die Praxis auch eine Flucht vor Nähe und Intimität. Wenn es in der Partnerschaft nicht gut läuft, ist das auf jeden Fall ein Hinweis darauf, dass man sich den Umgang mit sich selbst ansehen sollte.

Wie kann man die Paarbeziehung als „yogisches Übungsfeld“ nutzen?
Eine Paarbeziehung ist immer ein Satsang, das heißt eine „Gemeinschaft mit dem Wahren“. Wenn wir die Schönheit in unserem Partner oder unserer Partnerin sehen, werden wir an unseren eigenen wundervollen Kern erinnert – wir sehen uns auch selbst als ganz. Das erhöht unsere Lebensenergie: ein Kuss stärkt das Immunsystem und unser Selbstvertrauen wächst, wenn wir Liebe ausdrücken. Je mehr wir das üben, desto tiefer kommen wir zu unserer wahren Essenz.

Und wenn wir gerade nicht mit dem Partner klarkommen?
Dann kann die Paarbeziehung uns dabei helfen, uns selbst zu studieren. Wir können den negativen Gedanken oder schwierigen Gefühlen auf den Grund gehen. Wenn wir den Ursprung unserer Emotionen berühren, wird die festgehaltene Energie befreit. Dann sind wir nicht mehr so unbewusst von alten Eindrücken und Prägungen bestimmt und können uns besser mit dem Jetzt beschäftigen.

Was kann man tun, wenn man selbst einen spirituellen Weg beschreitet, der Partner dagegen keinerlei Interesse an solch einer Entwicklung zeigt? Hat so eine Beziehung überhaupt eine Chance?
Für eine Partnerschaft ist es oft ein „Schock“, wenn einer von beiden neue Wege ausprobiert, plötzlich mit vielen anderen Menschen in Kontakt ist oder überlegt, seinen bisherigen Beruf an den Nagel zu hängen. Das kann dem anderen Angst machen. Der Nicht-Yogi glaubt dann beispielsweise, der Yogini nicht mehr zu genügen. In der Folge zieht er sich noch mehr zurück. Dann sinkt die Kommunikation auf ein Minimum. Die Yogini ist sauer, dass keine Begegnung mehr stattfindet, und denkt: Jetzt „passt“ es nicht mehr. Dabei hätten beide nur ein wenig positive Bestätigung vom anderen gebraucht. In solchen Fällen kann ein Zwiegespräch sehr heilsam sein. Die Partner können sich gegenseitig sagen, was sie sich bedeuten und was sie brauchen. Liebe ist nicht abhängig von Yoga oder Meditation, sondern von Kommunikation.

Es ist ja auch so: Wenn man sich unter den Yogis umschaut, hat man nicht gerade den Eindruck, dass ihre Beziehungen „besser“ funktionieren. Warum „wirkt“ Yoga im Beziehungsalltag nicht besser?
Das liegt nicht am Yoga, sondern an den Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Yoga hingezogen fühlten. Warum haben wir uns im Yogastudio angemeldet? Weil wir mit allen Punkten in unserem Leben hundertprozentig zufrieden waren? Meist nicht. Es war wahrscheinlich oft eine tiefe Sehnsucht, die uns dorthin führt. Und diese ist bei manchem Yogi von einem gewissen Misstrauen gegenüber dem Glück begleitet. Wer viele Verletzungen mitbringt, hat auch eine Menge zu „bearbeiten“, wenn er eine Beziehung halten möchte. Sonst ist die Versuchung groß, negative Emotionen dem Partner in die Schuhe zu schieben und von einer Beziehung zur nächsten zu gehen. Wobei man sich ja immer selber mitnimmt. Wenn man also seinen Partner verlässt, weil man endlich seine(n) Traum- Yogi(ni) gefunden hat, dann scheint auf einmal alles besser. Bis die Flitterwochen vorbei sind, und Machtkampf oder Wüstenzone wieder über einen hereinbrechen, die man dann manchmal aufgrund seiner gesteigerten Wahrnehmung noch empfindlicher erlebt.

Die meisten Menschen, die zum Beziehungs- Coaching zu dir kommen, befinden sich vermutlich in einer Krise. Wie kann die Yogapraxis in solchen Situationen unterstützen?
Das Wichtigste ist, dass erst einmal jemand da ist, der einem hilft, sich aus den alten Trancen zu lösen. Wer sich unglücklich fühlt, braucht einen Ansprechpartner, der ihm sein eigenes Potenzial wieder zeigt. Sonst passiert das, was Patanjali so beschreibt: „Der Sehende identifiziert sich mit dem Gesehenen.“ Wenn wir uns nur auf den Schmerz konzentrieren, bleiben wir darin gefangen. Es braucht jemanden, der einen wieder mit Liebe anschaut. Dann sind Asanas ein wunderbarer Weg, wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper und den eigenen Gefühlen zu kommen. Oft ist es nämlich so, dass man „fremdfühlt“ oder die Verantwortung für die Gefühle der anderen übernimmt. In der Yogapraxis lernt man, sich um seinen eigenen Körper zu kümmern. Wir stärken die Wurzeln und bekommen ein Gefühl von Sicherheit. Genug essen, gut schlafen: Dafür brauchen manche Menschen externe Motivation. Ich habe in meiner Trennung auch jemanden gebraucht, der mir mal den Kopf gewaschen und mich nicht mit Samthandschuhen angepackt hat. „Kümmere dich um dich selbst und erwarte es nicht von anderen“, lautet dann die Devise.

Wie steht es in der Krisensituation mit den entsprechenden Gefühlen: Wut, Trauer, Angst?
Im Kontakt mit der Gefühlswelt braucht man manchmal auch Führung. Viele Yogis können sich zwar in Trauer verlieren, möchten sich aber nicht eingestehen, dass sie darüber hinaus auch einfach total wütend sind. Diese Wut möchte erlebt werden. Erst dann können die darunter liegenden Emotionen frei werden, deren Energie zur Transformation führt. Eine Krise in der Beziehung, ob es zur Trennung kommt oder nicht, bietet ja immer die Chance, danach eine ganz neue Ebene in der Partnerschaft zu erreichen. Das Nächste ist das Wahrnehmen der eigenen Kraft. Man wird attraktiv, wenn man seinen Selbstwert im Bauch spürt. So ist der Sonnengruß eine Verneigung vor unserem eigenen Solarplexus. Erst wenn wir selber aus dem Bauch heraus zu uns stehen können, werden wir im Herzen bereit für die Liebe. Vorher kann man sich zwar intellektuell vornehmen, sich „hinzugeben“, man wird sich aber schließlich benutzt oder ausgenutzt fühlen.

Der Markt ist voll von solchen Büchern wie „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“. Mangelt es dem Yogi an Selbstliebe, Toleranz oder Reife, wenn er sich trotzdem irgendwann von seinem Partner trennt?
Dieser Buchtitel hat viel Leid über die Menschheit gebracht (lacht), weil er oft falsch verstanden wurde. Im Kern stimmt das ja. Wenn man sich selbst ohne Wenn und Aber liebt, kann man alle Menschen lieben. Aber das ist in ihrer Absolutheit eine sehr unrealistische Voraussetzung. Wer von uns kann das schon ganz von sich behaupten? Ich jedenfalls nicht. Es mangelt nicht an Toleranz, wenn man sich aus einer destruktiven Beziehung löst. Es mangelt allerdings dann an Reife, wenn man sich in die nächste Beziehung stürzt, ohne die Gründe, die einen in die Beziehung geführt haben, zu bearbeiten. Dann erlebt man mit Sicherheit früher oder später wieder den gleichen Schlamassel. Allerdings verbeißen sich manche Yogis lange in den oben zitierten Spruch, und versuchen mit aller Kraft, es jetzt „endlich“ zu schaffen. Der Grund liegt aber meist nicht beim Partner, sondern bei unseren eigenen Unsicherheiten und Ängsten.

Gibt es „gute“ Gründe für Trennungen?
Ich hasse Trennungen. Die meisten würden sich vermeiden lassen, wenn wir wieder mutiger werden, miteinander zu reden und Intimität zuzulassen. Aber meiner Meinung nach gibt es drei wichtige Gründe, eine Beziehung zu beenden: körperliche Gewalt, andauernde verbale Gewalt und Drogenmissbrauch. Das sind die Fälle, wo es nicht egal ist, mit wem man zusammen ist, weil man sich nicht selbst liebt, wenn man bleibt. Letztlich können alle Formen von Suchttendenzen in einer Beziehung ein Grund sein, die Partnerschaft auf Eis zu legen. Das heißt nicht, dass man sich für immer trennen muss. Aber derjenige, der ein Thema mit Gewalt oder Abhängigkeit hat, muss beiseite treten und sich Hilfe suchen. Das gilt übrigens in der Regel für beide Partner, denn in den seltensten Fällen ist das Problem einseitig. Viele Menschen leben in einer Co-Abhängigkeit, um der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte aus dem Weg zu gehen.

Du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema „Mann sein“. Was macht einen Mann in einer Beziehung aus?
In der Shiva-Shakti-Philosophie ist die männliche Polarität die Energie der Konzentration. Der klassische Yoga ist im Grunde ein sehr männlicher Weg. Man sieht das auf dem Bild von Shiva und Kali: Sie ist zornig und er bleibt ruhig. Wenn ein Mann auf Gemütsschwankungen der Frau ebenfalls emotional reagiert, verlässt er seine männliche Präsenz und wird für die Partnerin unattraktiv. Wenn er stattdessen seine Fassung bewahrt und sich – statt sich ängstlich zurückgestoßen zu fühlen – weiter seiner innewohnenden Kraft bewusst ist, kann die weibliche Energie wieder zu ihm hinfließen. Überspitzt gesagt: Ein Mann schmollt nicht und schmeißt nicht mit Geschirr. Eine Frau darf das, es kann sogar ein Ausdruck ihrer Lebendigkeit sein. Eine wilde Frau ist ekstatisch, ein wilder Mann ist fokussiert.

Was sind typisch „männliche“ Beziehungsthemen bzw. -muster?
Männer haben heute leider wenig männliche Bezugspersonen und Vorbilder. Das Erziehungssystem ist weiblich dominiert, und wer hatte schon viel Kontakt zu seinem berufstätigen Vater? In der Folge haben viele Männer eine sehr starke weibliche Polarität entwickelt. Frauen haben es anfangs geschätzt, dass Männer gelernt haben, ihre Emotionen zu zeigen, aber viele Männer versinken nun geradezu darin. Oder es bleibt beim Klassiker: gar keine Emotion zulassen. Der gesunde männliche Weg ist, in Kontakt mit seinen Gefühlen zu sein, aber sich nicht davon überwältigen zu lassen.

Du behauptest: „Es hat noch nie eine Frau einen Mann verlassen, der nicht vorher bereits sich selbst verlassen hat.“ Wie meinst du das?
Als Teenager dachte ich, ein Mann muss sich anstrengen, damit eine Frau ihn begehren kann. Dieser Druck belastet viele Männer. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn eine Frau in Kontakt mit ihrer Weiblichkeit ist, sehnt sie sich in der Regel nach einem Mann. Aber eben nach dieser stillen Kraft, und nicht nach einem Jungen, der sich noch nicht von seiner Mutter gelöst hat. Wenn ein Mann in Kontakt mit sich selbst ist, wird er automatisch anziehend. Wenn die Frau geht, ist das in der Regel ein Signal für den Mann, erwachsen zu werden. ✤

 

Ralf Sturm schreibt sonst die Kolumne Lernen von den Göttern und leite zahlreiche Seminare in ganz Deutschland.

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