Naturverbunden: Ökologie und Yoga

Was tun?

Wie aber können wir mit dieser Krise umgehen? Welche Hilfen hat die Yogapraxis vielleicht zu bieten? Die buddhistische Meditationslehrerin Agnes Pollner aus Köln hat bei einem Seminartag zum Thema „Buddhismus und Klimakrise“ im Oktober 2019 gesagt, dass es zunächst darum ginge, „wirklich Klarheit über den Ernst der Lage zu gewinnen“ – und gleich hinzugefügt: „Das ist gar nicht so einfach, ohne panisch auszuticken.“ Denn natürlich ist die Situation gelinde gesagt beängstigend. Und nicht nur das: Auch Trauer, Wut und Scham sind naheliegende Gefühle. Aus der Yogapraxis wissen wir, wie wichtig es ist, Gefühle wie diese zu würdigen und ihnen ehrlich zu begegnen. Nur in der bewussten Hinwendung können wir verhindern, dass wir sie abspalten und dadurch krank machende Muster vertiefen. Agnes Pollner meint, dass dazu drei Qualitäten entscheidend sind: Stabilität, Offenheit und eine Verbindung zum Herzen. Denn es gilt nicht nur Ruhe zu bewahren, der Realität standzuhalten und sie offen und ehrlich zu betrachten, wir tun auch gut daran, so Pollner, „Mitgefühl zu empfinden und liebevoll zu anderen und zu uns selber zu sein in dieser Situation – und das wiederum gelingt nur mit genügend Stabilität.“

All das können wir in unserer Praxis bewusst kultivieren. Und zwar durchaus im Sinne einer guten Selbstfürsorge, aber hoffentlich nicht nur. Jonathan Safran Foer schreibt zurecht: „Wir tun manches, um uns besser zu fühlen, ohne etwas zu bewirken. (…) Sich besser fühlen, ohne dass es besser wird, kann jedoch gefährlich sein.“ Er schlägt folgende Formel vor: „Fühlen um zu handeln, handeln um zu fühlen.“ Wie dieses Handeln dann aussieht, ist eine andere Frage und ganz sicher keine, die man für alle gleich beantworten sollte. Wichtig ist nur, dass dieses Handeln aus einer wirklichen Klarheit kommt – und um die muss man, auch das wissen wir aus dem Yoga, immer wieder aufs Neue ringen. „Das entscheidende Maß“, meint Foer, „ist dabei nicht die Entfernung von unerreichbarer Perfektion, sondern von unverzeihlichem Nichtstun.“

In Verbindung

Ökologie und Yoga
Foto: Susanne Schramke

Ein Stichwort, das dabei in der Yogaszene fast zwangsläufig auftaucht, ist: Verbundenheit. Yoga heißt wörtlich (genau wie übrigens Religion) nichts anderes als das: anbinden, sich verbinden. Dabei wissen wir: Verbindung oder Verbundenheit ist im Grunde immer da. Wir haben sie nur vergessen, wir spüren sie nicht und fühlen uns von der Welt und unseren Mitmenschen oft völlig abgetrennt. Diese Illusion des Getrenntseins von der Natur hat überhaupt erst dazu geführt, dass die Menschen versuchen, sie zu beherrschen. Genau wie nur das Gefühl von losgelöster Individualität oder partieller Gruppenzugehörigkeit es möglich macht, andere Menschen auszubeuten. Würden wir als Menschheit diese im Yoga (wie in den meisten anderen spirituellen Traditionen) angenommene ursprüngliche Verbundenheit in ihrer Tiefe und Absolutheit spüren, dann wäre es wohl ganz einfach, schädigendes Verhalten zu beenden. Dann wüssten wir: Das, was wir der Natur und anderen Lebewesen antun, tun wir uns selbst an.

Der New Yorker Yogalehrer Eddie Stern klang auf einer Konferenz anlässlich des UNO-Gipfels im Juni 2019 fast wie ein indianischer Weiser, als er sagte: „Wir haben einen physischen Körper, den wir als ‚unseren‘ Körper bezeichnen. Aber wir haben auch einen erweiterten Körper: den Planeten. Die Flüsse sind unser Blut, die Bäume unsere Lungen, die Erde, auf der wir gehen, unsere Knochen.“ Sich diese Verbundenheit immer wieder klar zu machen, sie zu nähren und sie ins Leben zu tragen, ist jetzt sicher einer der naheliegendsten und wichtigsten Ansätze.

Sogar ein faktenverliebter Zeitungsjournalist wie Bernd Ulrich meint: „Die ökologische Krise ist (…) an ihrem tiefsten Punkt keine Krise der Natur, sondern eine unseres Selbstbilds“ – und ruft wenige Zeilen später zum Yoga auf. Damit soll auf keinen Fall behauptet werden, Yoga könne die Welt retten. Aber es kann uns helfen, uns selbst und das Große, anscheinend Unlösbare, das sich in dieser Krise zeigt, besser zu verstehen und in ihr zu bestehen. Vielleicht auch dabei, unseren Teil beizutragen.


YogaWorld Journal 5/26
YogaWorld Journal 5/26

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