Hilfe, ich fühle zu viel!

Ihre Welt ist lauter und schillernder als die von anderen, ihr Leben übervoll von Eindrücken und ihre Gedankenwelt sprudelnd – kein Wunder, dass sich Hochsensible oftmals überfordert fühlen. Was es mit diesem Phänomen auf sich hat und inwiefern Yoga Betroffenen helfen kann …

„Jetzt hab doch nicht so Hunger!“ „Musst du immer so frieren?“ „Hör doch mal auf, rot zu werden!“ Absurde Vorwürfe? Sicher. Solche Empfindungen und Reaktionen lassen sich eben schwer steuern, darüber herrscht Einigkeit. Was aber ist mit Sätzen wie diesen: „Nimm dir das nicht so zu Herzen!“ „Jetzt übertreibst du aber!“ „Stell dich nicht so an!“ Die sind uns weitaus geläufiger, nicht wahr? Für die 37-jährige Sarah Ollrog gehören sie seit Kindesbeinen dazu, immer wieder hat sie sie gehört und bekam dadurch das Gefühl, irgendwie „falsch“ zu sein, „nicht gut genug“, zumindest aber „anders“ als die anderen, empfindlicher eben, schneller erschöpft, gereizt und überfordert durch Sinneseindrücke und den Umgang mit anderen Menschen. Zwar hatte sie durchaus Freunde, doch das Gefühl, nicht so richtig dazuzugehören blieb – und hatte unter anderem zur Folge, dass ihre Schulnoten maximal durchschnittlich waren: „Aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen, habe ich mich im Unterricht viel zu wenig beteiligt.“ Sarah ist hochsensibel und gibt als spiritueller Coach und Mentorin ihre Erfahrungen unter anderem an andere Hochsensible weiter, insbesondere an hochsensible Frauen. Sie alle sind womöglich gar nicht mal so „anders“ wie vermutet – Schätzungen zufolge haben etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung eine entsprechende Veranlagung, unter anderem auch die norwegische Prinzessin Märtha Louise, die darüber ein Buch geschrieben hat.

Der Begriff Hochsensibilität ist erst gut zwei Jahrzehnte alt und mittlerweile dennoch in aller Munde. Manche Menschen scheinen sich heutzutage gar damit zu schmücken, ob er sie nun tatsächlich betrifft oder nicht. Auch Sarah erwischte sich nach der Entdeckung ihrer eigenen Hochsensibilität dabei, dass sie neben der Erleichterung darüber, endlich zu wissen, was mit ihr los war, auch ein wenig Stolz empfand: „Da war dieses Gefühl, etwas Besonderes im Sinne von ,wertvoll‘ zu sein. Viele Selbstzweifel aufgrund meines ,Andersseins‘ waren plötzlich still. Mittlerweile denke ich über meine Veranlagung gar nicht mehr groß nach, sie gehört einfach zu mir und ich lebe damit.“

Tatsächlich kann sie Fluch und Segen zugleich sein, klingt aber zunächst mal durchaus nach einer Begabung, auch und besonders für Yogis und Yoginis. Denn gerade im Yoga streben wir doch danach, ein feineres Gespür für seelische, körperliche und sinnliche Empfindungen zu bekommen – unsere eigenen und die unseres Umfeldes. Kann es sein, dass Hochsensible da etwas in die Wiege gelegt wurde, was sich andere erst mühsam erarbeiten müssen? Und wenn ja, ist Yoga für diese Menschen überhaupt sinnvoll oder droht irgendwann der Gefühlskollaps vor lauter Spüren, Spüren, Spüren? Dazu später mehr, zunächst soll einmal beleuchtet werden, was es mit diesem geheimnisvollen „Zu-viel-Fühlen“ überhaupt auf sich hat.

„Sie bekam das Gefühl, ‚falsch‘ zu sein, zumindest aber ‚anders‘ als die anderen.“

Umstrittenes Phänomen

Es war die selbst betroffene US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Arthur in den 1990er-Jahren den Begriff „High Sensitivity“ prägte und eine Skala entwickelte, mit der sich die „Sensory Processing Sensitivity“ (SPS) ermitteln ließ, zu Deutsch etwa die „Sensitivität für sensorische Verarbeitungsprozesse“. Je nachdem, wie Probanden verschiedene Aussagen auf den Grad ihres (Nicht-)Zutreffens bewerteten (zum Beispiel „Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich stark“ oder „Intensive Außenreize wie grelles Licht überwältigen mich“), lagen deren SPS-Werte niedriger oder höher. Menschen mit hohen Werten wiesen dabei bestimmte Gemeinsamkeiten auf, die Aron als Indikatoren für Hochsensibilität betrachtet, die sogenannten DOES (siehe Infokasten auf Seite 75). Ihr Buch „The High Sensitive Person“ (1996) wurde in über 70 Sprachen übersetzt (deutsch „Sind Sie hochsensibel?“) und gilt heute als Standardwerk zum Thema. Zunächst wurden Arons Erkenntnisse in wissenschaftlichen Kreisen zwar eher belächelt – man warf ihr mangelnde Objektivität vor, da ihre Schlussfolgerungen lediglich auf Beobachtungen und Interviews basierten – doch in den kommenden Jahr- zehnten verfeinerte sie ihre Forschung, auch Neurowissenschaftler setzten sich mit der Thematik auseinander und stellten mithilfe der funktionellen Magnetresonanztherapie (fMRT) fest, dass Menschen Reize im Gehirn tatsächlich unterschiedlich verarbeiteten. Nichtsdestotrotz steckt die Erforschung des Phänomens noch immer in den Kinderschuhen, es wird sogar von manchen bestritten, dass es überhaupt existiert. So gilt es zwar als gesichert, dass Menschen unterschiedlich stark empfinden können, doch dass ein besonders geräuschempfindlicher Mensch zugleich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit anfälliger für Licht oder die Emotionen anderer Menschen sei, halten manche Wissenschaftler noch nicht für ausreichend gut belegt. „Die Forschungslage ist äußerst dünn“, urteilt zum Beispiel Jens Asendorpf, Professor für Persönlichkeitpsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Auch Arons Schätzungen (die eingangs genannten 15 bis 20 Prozent) teilen unter ihren Kollegen nicht alle. Nichtsdestotrotz sind Betroffene wie Sarah dankbar dafür, dass es einen Namen gibt für das, was sie da fühlen.

Eine Freundin hatte sie auf die Thematik aufmerksam gemacht und damit Sarahs Leben eine entscheidende Wendung gegeben: „Endlich fühlte ich mich verstanden, ich merkte, dass ich nicht alleine war mit meiner Art zu fühlen. Dass sie sogar ein Geschenk sein kann, weil ich Dinge wahrnehme, die andere übersehen – natürlich auch wunderschöne.“

Hochsensibilität, das gilt es zu betonen, ist keine Krankheit oder Störung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Mit der Erkenntnis, hochsensibel zu sein, wuchs Sarahs Selbstbewusstsein und damit auch das Bedürfnis, sich um sich selbst zu kümmern. Ein wichtiges Thema dabei: Grenzen zu setzen, es nicht mehr ständig anderen recht machen zu wollen, sondern auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. „Das kann bedeuten, dass ich manche Party-Einladungen absage, weil ich spüre, dass ich Zeit allein zu Hause brauche. Nicht immer fällt mir das leicht, da kommen durchaus Gedanken wie: ,Ach komm, es wäre doch schön, dort hinzugehen, warum machst du es nicht einfach?‘ Aber ich weiß, wie wichtig es ist, dass ich mir Ruhepausen gönne. Und seit ich, was das angeht, mit mir selbst mehr im Reinen bin und mich nicht von einem schlechten Gewissen leiten lasse, wird das viel besser akzeptiert, zumindest von engen Freunden.“ Auch beruflflich wollte die ehemalige Redakteurin weniger fremdbestimmt sein und ihr Leben mehr selbst gestalten. Sie machte sich selbstständig, verdient ihr Geld zwar unter anderem weiter mit Schreiben, widmet sich aber mehr und mehr auch ihrer zweiten Leidenschaft, der Spiritualität. In ihren Beratungen und Coachings unterstützt sie Menschen auf ihrem Weg und hilft ihnen, sich energetisch so abzugrenzen und für sich selbst einzustehen, dass sie gestärkt, freudig und dankbar durchs Leben gehen können, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten inklusive.

Wenn man so will, ist Sarah eine „typische“ Hochsensible – offen und herzlich, aber tendenziell introvertiert mit einem hohen Bedürfnis nach Rückzug. Es gibt aber auch andere Fälle. Am Rande sei hier erwähnt, dass die meisten Menschen „ambivertiert“ sind, also sowohl intro- als auch extrovertierte Anteile haben. (Der Deutlichkeit halber benutzen wir an dieser Stelle aber die klare Zweiteilung.) Allein schon die geschätzte, relativ hohe Anzahl von Betroffenen deutet darauf hin, dass es eine große Bandbreite an Persön- lichkeiten gibt, die als Hochsensible gelten, darunter auch solche, denen man es zunächst kaum anmerkt, weil sie eben extrem kommunikativ sind, oft gute Entertainer und ebensolche Zuhörer. Doch so sehr sie die Interaktion mit anderen lieben und brauchen, so sehr erschöpft sie diese auch. Extrovertierte Hochsensible (Elaine Aron zufolge etwa ein Drittel der Betroffenen) laufen besonders schnell Gefahr, „auszubrennen“, unter anderem weil sie sich ihrer Veranlagung oft selbst nicht bewusst sind und in ihrer Sehnsucht nach Begegnung ihr Bedürfnis nach Ruhe und Erholung übersehen – oder überspielen, nach dem Motto „Da stimmt etwas nicht mit mir, andere Kontaktfreudige kriegen das doch auch alles hin.“ Wichtig ist, dass sie die Balance finden zwischen Austausch und Rückzug, was ihnen häufig noch schwerer fällt als introvertierten Hochsensiblen.

„Droht im Yoga der Gefühlskollaps vor lauter Spüren, Spüren, Spüren?“

Balance und Erdung

Und hier kommt wieder Yoga ins Spiel – das für Betroffene, den eingangs genannten Zweifeln zum Trotz, eine große Hilfe sein kann. Nicht so sehr, um feineres Fühlen zu lernen, wohl aber, um mit eben jener in allen Farben schillernden, intensiven Gefühlswelt zurechtzukommen, sie dankbar anzunehmen und in ruhigere Bahnen zu lenken. Wie Yoga generell helfen kann, die eigene Balance zu finden, dazu finden Sie in dieser Ausgabe ganz verschiedene Tipps und Ansätze. Das Thema betrifft bei weitem nicht nur Hochsensible, nicht umsonst haben wir ihm den Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe gewidmet. Sarah erwähnt im Gespräch noch einen weiteren Begriff: Erdung. „Als Hochsensible grüble ich sehr viel, beschäftige mich viel mit meinem Innenleben und dem von anderen, da ist es wichtig, sich regelmäßig auch wieder mit dem eigenen Körper zu verbinden, ein Bewusstsein für ihn zu entwickeln, eben wieder ,in ihm anzukommen‘.“

Und hier schließt sich auch der Kreis zu dem eingangs erwähnten „Ich bin falsch“-Gefühl, das viele Hochsensible kennen, gerade wenn sie sich ihrer eigenen erhöhten Empfindsamkeit noch nicht bewusst sind: Im Yoga gibt es keine „falschen“ Körper oder „falschen“ Seelen. Grenzen wollen erfahren und ausgetestet werden, auch mal ausgereizt und erweitert, aber niemals überschrit- ten. Denn jeder Mensch in seiner Individualität ist ein einzigartiges Wunder, das es zu erfahren gilt – im Miteinander mit anderen, aber immer wieder auch ganz still für sich selbst. Ob Sie nun hochsensibel sind oder nicht, eins ist gewiss: Sie sind richtig und sie sind genug – so, wie Sie sind.

„Yoga hilft, die intensive Gefühlswelt in ruhigere Bahnen zu lenken.“


Als spiritueller Coach und Mentorin unterstützt SARAH OLLROG Menschen, insbesondere Hochsensible, bei der Selbstfindung und steht ihnen in komplizierten Lebenssituationen beratend zur Seite.

sarah-ollrog.de

Carmen Schnitzer hat einen Hang zur Extrovertiertheit und hätte sich selbst daher nie
als hochsensibel bezeichnet. Dann machten sie unabhängig voneinander zwei Freunde auf
den HSP-Test auf zartbesaitet.net aufmerksam: „Könnte dich betreffen.“ Tatsächlich: 212 von 300 Punkten – Hochsensibilität beginnt bei 163.

Dies. Das. Asana – Beschwingter Krieger

Leichtigkeit auch in schwierigen Haltungen zu empfinden, ist ein Leitfaden, der sich durch viele moderne Yogastunden zieht – und der sich (obwohl das oft viel schwieriger ist) auch im Leben widerspiegeln kann. Der beschwingte Krieger macht uns vor, wie diese Balance gelingt.

GORDON SCHIRMER
GORDON SCHIRMER

Der berühmte Vers „Sthira sukham asanam“ aus Patanjalis Yogasutra wird je nach Schule und Tradition etwas verschieden übersetzt. Manchmal heißt es, „Die Körperhaltung sollte stabil und angenehm sein“, dann wieder „Der Sitz ist fest und leicht“. So oder so: Wir werden aufgefordert, nach der Balance zu streben – zwischen knall- hartem Durchziehen (was auch bedeuten kann, für sich einzustehen und nicht klein beizugeben) und einer Weichheit, vor der wir uns manchmal fürchten, da wir meinen, dadurch die Zügel aus der Hand zu geben oder in der Unterspannung zu versacken. Der beschwingte Krieger ist für mich die perfekte Übung, um den Ausgleich dieser Gegensätze einzuüben: Zwar ist die Grundspannung deutlich spürbar, vor allem im vorderen Bein und den Adlerarmen, aber man nimmt auch wahr, dass Verkrampfen ins Ungleichgewicht führt. Stattdessen liegen die Arme wie Wurzeln ineinander und der ruhige, weiche Atem führt Sie in die Leichtigkeit – Lächeln inklusive.

Macht das Spaß?

JA! Da es bei dieser Hybrid-Haltung kaum möglich ist, wie ein gefällter Baum umzufallen, kann man spielerisch mit dem Heben der Ferse und mit den Adlerarmen experimentieren.

Muss ich das können?

NEIN. Der Mix aus Beinkraft und Mo- bilisierung von Schultern und oberem Rücken ist sicher inspirierend, aber natürlich kann man Krieger und Adler auch ganz klassisch einzeln üben.

Was muss ich dafür tun?

Zur Vorbereitung dienen Sonnengrüße, Krieger 2 und einfache Adlerarme im Stehen. Um das Heben der Ferse zu erleichtern, heben und senken Sie beide Fersen ein paarmal aus dem Stand. Das weckt die Kraft der Waden und Oberschenkel und fördert das Bewusstsein für die Bewegung.

Step by Step

  1. Sie beginnen im herabschauenden Hund. Heben Sie mit der Einatmung das rechte Bein und ziehen Sie den Fuß mit der Ausatmung an die Innenseite Ihrer rechten Hand. Mit der nächsten Einatmung richten Sie sich auf und segeln elegant in den Krieger 2, dabei dreht sich der hintere Fuß in die Diagonale.
  2. Vielleicht müssen Sie die Stellung der Füße und die Ausrichtung der Beine noch etwas korrigieren: Der Schritt sollte groß genug sein, dass das tief gebeugte vordere Knie maximal über dem Fußgelenk steht und nicht davor.
  3. Atmen Sie ein und kreuzen Sie den linken über den rechten Oberarm. Wenn möglich, kreuzen Sie auch die Unterarme, sodass sich die Handflächen berühren. Wenn nicht, können Sie einen Yogagurt oder einfach eine Socke zum Greifen benutzen. Atmen Sie tief in den oberen Rücken ein, dabei bewegen sich die Schulterblätter voneinander weg. Ausatmend schieben Sie die Ellenbogen weiter vor und etwas nach oben.
  4. Richten Sie den Blick nach vorne, das erleichtert die Balance. Spüren Sie beide Füße mit gleichem Gewicht auf der Matte.Dann heben Sie langsam die rechte Ferse. Im Bewusstsein Ihrer eigenen Kraft lassen Sie dem Atem freien Lauf und spüren die Leichtigkeit, die er mit sich bringen kann. Sobald diese Leichtigkeit verschwindet (und das Lächeln in ihrem Gesicht erstarrt), lösen Sie die Haltung achtsam auf, fließen durch ein Vinyasa und wiederholen das Ganze auf der anderen Seite.


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    Foto: Gordon Schirmer

Einfach sein

Echtes inneres Gleichgewicht entsteht nicht im Ausgleich zwischen den Extremen, sondern in der Anbindung an einen Zustand der Ganzheit – oder anders gesagt: in dem ebenso banalen wie wunderbaren Gefühl, am Leben zu sein.

DAS LEBEN NIMMT uns mit all seinen Höhen und Tiefen oft so gefangen, dass wir etwas sehr Wesentliches nicht mehr wahrnehmen: die Freude, am Leben zu sein. Damit meine ich einen körperli­ chen und geistigen Zustand, in dem man sich ganz, heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt – frei von dem Bedürfnis, irgendetwas zu verbessern, zu heilen oder überhaupt zu verändern. Meditation ist darauf ausge­legt, genau diesen Zustand herzustellen: Wir machen uns auf, hinter die vielen Ablenkungen zu blicken und das zu er­ fahren, was an uns selbst harmonisch und friedlich ist – und schon immer war. Mit anderen Worten: Wir praktizieren Meditation nicht, um „ganz“ zu werden, sondern um uns mit einer bereits beste­ henden „Ganzheit“ zu verbinden. Ohne diese Verbindung wird man immer das Gefühl haben, es fehle etwas. Gelingt es dagegen, diesen Zugang zu finden, dann erfährt man Gelassenheit und tiefes Wohlempfinden.

Mensch sein

Sie sind von Geburt an mehr als nur eine begrenzte Einzelperson – auch wenn Sie bei sich selbst und gegenüber ihren Mit­ menschen gesunde Grenzen wahren. Ihr tiefster Wesenskern reicht nicht nur über Ihren Körper und Ihre Gedanken hinaus, sondern auch über die Grenzen von Zeit und Raum, er ist angebunden an ein gro­ßes Ganzes. Deshalb können Sie sich zum Beispiel schon als „ganz“ und vollständig empfinden, während Sie weiterhin da­ nach streben, weiser zu werden oder so­ ziale Bindungen aufzubauen. Einfacher gesagt: Ein Gefühl der Erfüllung ist auch dann möglich, wenn Sie sich danach seh­ nen, mehr zu erreichen.

Eine regelmäßige Meditations­praxis hilft Ihnen, dieses Gefühl auch inmitten des Alltags in sich wachzurufen – beim Essen, Reden, Spielen oder Arbei­ ten. Ihre angeborene Ganzheit zu kennen und auch inmitten der alltäglichen Auf­ gaben noch spüren zu können, ist ein Tor zu wirklicher Gesundheit und Lebens­kunst. Die Anbindung an diese Ganzheit hat auch die Kraft, andere angeborene Aspekte Ihrer selbst zum Vorschein zu bringen: Liebe, Güte, Mitgefühl, Freude und inneren Frieden.

Wie geht das?

Eigentlich ist es ganz einfach: Sie begin­nen damit, sich innerlich überhaupt auf diese Ganzheit auszurichten. Der zweite Schritt besteht darin, die universelle Le­benskraft wahrzunehmen, die jedes Atom, jedes Molekül, jede Zelle eines Körpers und des gesamten Kosmos durchdringt. Diese Kraft – wir nennen sie im YogaPrana oder auch Shakti – ist erstaun­ lich sichtbar und Sie sind ein Teil davon! (Vielleicht erinnern Sie sich: In Folge 1 dieser Reihe, das war im Yoga Journal Heft 2/2018, habe ich Shakti eingehend beschrieben.) Im dritten Schritt geht es dann darum, das Gefühl des „Einfach­Seins“ einzuüben und zu nähren.

„Die Freude, am Leben zu sein – ein Zustand, in dem man sich heil, geerdet und tief mit sich selbst und der Welt verbunden fühlt.“

Einfach­-Sein ist ein Gefühl von Präsenz, also Gegenwärtigkeit: Jetzt, hier – und nichts sonst. Sie erleben es, wenn Sie einen Moment lang ganz still werden, wenn Sie zwischen zwei Gedanken, zwei Atemzügen oder zwei Tätigkeiten bewusst innehalten. Es ist das wunderbare Gefühl, das Sie haben, wenn Sie eine Aufgabe er­ ledigt haben, wenn Sie sich etwas Ruhe gönnen und einmal nichts tun müssen. Wenn Sie sich mit einem tiefen, befriedigenden Seufzer zurücklehnen können: „Ahhhh …“ Genau das üben Sie auch in der folgenden Meditation, die es ab 15.1. auf unserer Website gibt.

 

Worte werden zu Bildern

DJAYA ist ein alt-indonesisches Wort und bedeutet Sieg, Erfolg oder Aufblühen. Als gemeinsames Projekt von Yin-Yogalehrerin Tanja Seehofer und dem Musiker Yann Kuhlmann ist DJAYA ein Weg zu tiefem innerem Frieden.

Eure Hintergründe als Yogalehrerin und Komponist sind durchaus verschieden. Was hat euch für DJAYA zusammengeführt?

YK: Wir praktizieren beide seit Jahrzehnten Yoga. Und wir lieben natürlich Musik. Als ich das erste Mal in Tanjas Yin-Yogaklasse kam und ihre besonnene und ergreifende Stimme hörte, bekam ich den Eindruck, dass die Inhalte durch einen speziellen Klangraum noch tiefergehender transportiert werden könnten. So produzierte ich eine erste CD, die Tanja im Unterricht ausprobieren konnte.

Tanja, Yoga gilt als Praxis der Stille und vor DJAYA hast du ohne „Soundtrack“ unterrichtet. Hat sich dein Ansatz durch DJAYA verändert?

TS: Sehr schnell konnte ich feststellen, dass Yanns Musik die Menschen motiviert, noch tiefer in die Haltungen und Meditation zu gehen. Durch die besondere Art der Töne bekommt der Raum zwischen meinen Worten mehr Fülle. Ich kann mittlerweile mit weniger Sprache weit mehr Inhalt transportieren. Worte werden zu Bildern, Aussagen werden zu Erlebnissen. Ich komme mir vor wie in einer 3D-DolbyDigital-Yogastunde (lacht).

Welche Wirkung schreibst du den Klängen zu?

TS: Die ganze Welt ist Klang, Rhythmus, Schwingung, und so wirken auch die Schwingungsfrequenzen im menschlichen Körper auf Knochen, Muskeln, Faszien und die Körperflüssigkeiten. Die- se wohltuende Wirkung bringt uns in ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. So können die Yin-Attribute feiner erlebt und deutlicher zugelassen werden: Vertrauen, Loslassen, Empfangen, Hingabe, Geduld, Spüren – einfach Sein.

Es gibt viele von Musik begleitete Yogaklassen, je nach Stil kann sie verschiedene Funktionen haben. Was ist das Besondere an eurem Konzept?

YK: Es wird schnell deutlich, dass bei DJAYA die Musik keine unterhaltende oder lyrische Funktion hat, geschweige denn als freundliches Hintergrundrauschen eingesetzt wird. Je nach Asana spiele ich ein anderes Instrument, andere Skalen, andere Tempi, abgestimmt auf die Bedeutung und Funktion der Haltung in Bezug auf Chakra, Element und Anatomie. Das hilft dem Geist, aber auch dem Körper, inniger loszulassen und sich der „Aufgabe“ zu stellen. Wenn man da fünf Minuten verknotet am Boden liegt und sich denkt „Was mache ich da nur?“ wirkt die Musik, glaube ich, letztendlich auch sehr tröstlich (beide lachen).

TS: Die Instrumente und Kompositionen haben eine tiefenpsychologische Wirkung. Unser großer Erdton-Gong erinnert zum Beispiel daran, sich selbst zu erden. Die Sitar kann dich in die Höhen des fliegenden Adlers führen. Yann spielt im Prinzip Ostinati, also sich wiederholende, nur allmählich verändernde Musikphrasen, fast wie ein Mantra, so dass es auch mich manchmal ganz schön hineinzieht und ich überlegen muss, wo ich gerade war…(lacht)

Yann, was sind die besonderen Charakteristika der Instrumente, die du bei DJAYA einsetzt? Und welche Wirkungen haben deren spezifische Klänge auf Körper und Geist?

YK: Unsere Instrumente sind gemäß Kammerton A = 432,1 Hz gestimmt, das ist die traditionelle Frequenz des Om. Diese Stimmung entspricht der Frequenz des Erdentones, ihr werden entspannende und heilende Wirkungen nachgesagt. Der Gong hat spannungslösende und kreislaufstärkende Eigenschaften. Das Hackbrett (Santur) perlt wie sanft tropfendes Wasser. Ich habe meines auf eine Yin- und eine Yang-Seite umgebaut, entsprechend verwende ich es beispielsweise gerne für Drehungen. Weiterhin spiele ich in den Sessions unter anderem Sitar, Hand-Pan, Gitarre, Harmonium, Klangschalen, Kontrabass und Klavier, übrigens auch den Synthesizer, der mit seinen Oszillatoren und Filtern außergewöhnlich reiche Ober- und Untertonspektren erzeugen kann.

Inwiefern ist bereits das Spielen der Instrumente eine Praxis?

YK: Das Spielen eines Instrumentes bedeutet Konzentration, Beherrschung des Körpers und Einstimmung des Geistes auf einen Ausdruck, auf eine innere Haltung. Eine sehr spirituelle Angelegenheit, würde ich sagen.

Am 20. Oktober 2018 erschien das neue DJAYA-Album mit detaillierten Yin-Yogainstruktionen, erhältlich unter anderem auf djayayoga.de. Wer eine Live-Session erleben möchte, kann zwischen vielen Festivals und Workshops im deutschsprachigen Raum wählen. Weitere Infos, Termine und Musik finden sich ebenfalls auf djayayoga.de sowie auf YouTube unter „djaya yoga & music“.


FOTO: GORDON SCHIRMER

 

Playlist der Woche: Mindfulness

Mindfulness, oder auf Deutsch: Achtsamkeit. Ein Begriff den wir momentan öfter lesen oder zu hören bekommen – der uns vielleicht sogar schon zu den Ohren rauskommt? Achtsam zu leben ist kein Prozess der schnell umzusetzen ist. Doch wer sich langjährig damit beschäftigt, weiß, dass ihre Wirkung über Entspannung und Konzentration hinausgeht. Nach und nach werden wir mitfühlender – mit andern aber auch mit uns selbst. Das schließt Freundlichkeit, Grosszügigkeit, Toleranz, Offenheit und Mut ein. Wir finden einen Weg aus „Grübelspiralen“ heraus und handeln bewusster.

Unsere Playlist der Woche unterstützt genau diesen Prozess und soll auf dem Weg zu mehr Gelassenheit begleiten. Viel Spaß beim Reinhören.

Wintersport durch Yoga leicht gemacht – Mini Praxis

Wintersport

Viele Skigebiete haben bereits die ersten Opening-Wochenenden veranstaltet. Wie kannst du dich ideal auf die bevorstehende Skisaison vorbereiten? Hier haben wir ein kleines Mini Programm für den Wintersport zusammengestellt. Rüste dich für deine Winter-Abenteuer, indem du Stärke, Selbstvertrauen und Beweglichkeit ankurbelst.

Gutes Team: Yoga und Wintersport

„Ob du nun Ski oder Snowboard fährst. Yoga kann trotz seiner Wurzeln im warmen Indien eine tolle Unterstützung sein, Körper und Geist auf die winterliche Piste vorzubereiten“. Davon ist die Ski- und Yogalehrerin Anne Anderson überzeugt. Nach ihrer Ausbildung zur Kripalu-Yogalehrerin begann sie vor sieben Jahren, yogische Atemtechniken in ihre Skikurse zu integrieren. Der Effekt war verblüffend. Sie bemerkte, dass ihre Schüler*innen auf der Piste souveräner wurden. „Nachdem ich Yoga eingebaut hatte, machten die Schüler*innen viel schneller Fortschritte.“

Heute beinhaltet Andersons Unterricht die „Snowga-Praxis„. Dabei üben die Schüler*innen 15 Minuten lang Meditation, Pranayama und Asanas, bevor sie auf die Bretter steigen. „Wenn man vor dem Skifahren Yoga übt, hat man auf der Piste mehr Spaß. Der Geist wird ruhig und der Körper sanft aufgewärmt. Zudem sinkt dadurch die Anfälligkeit für Zerrungen und Verletzungen rapide.“

Deine kleine Pisten-Praxis

1 & 2: Katze-Kuh und Nadelöhr

Anderson schlägt daher sechs Aufwärmübungen vor, bevor es auf die Piste geht. Die Katze-Kuh-Haltung, um den Rücken aufzuwärmen und anschließend eine Drehung zu jeder Seite für mehr Flexibilität in der Wirbelsäule. (Ohne Bilder).

3: Tadasana – Bergposition

Die Bergposition stärkt das Bewusstsein für die korrekte Körperhaltung und lenkt den Fokus nach innen. Komm in einen hüftbreiten Stand, die großen Zehen parallel. Beuge dann ganz leicht die Knie. So kannst du dein Steißbein zum Boden ziehen. Jetzt öffnest du die Hände nach vorne und dein Blick geht bestimmt aber ohne Anhaftung in den Raum.

Utkatasana gezeichnet Wintersport

4: Utkatasana – Stuhlposition

„Danach“, sagt sie, „solltest du Haltungen üben, die besonders in den Knien und Hüften Kraft aufbauen und deine Balance und Flexibilität verbessern. Utkatasana (Stuhlhaltung) ist unerlässlich. Denn sie bereitet auf die Haltung mit gebeugten Knien und Knöcheln vor. Das ist für Skifahrer die Standardposition. Zudem stärkt sie die Beinmuskulatur, welche wiederum die Knie unterstützt.“

Dafür beugst du aus Tadasana die Knie. Allerdings achtest du darauf, dass deine Knie hinter deine großen Zehen bleiben. Mit der nächsten Einatmung ziehst du deine Arme nach oben. Komm nach einer halben bis ganzen Minute zurück zu Tadasana.

Virabhadrasana I gezeichnet Wintersport

5: Virabhadrasana I

Der Krieger I öffnet die Brust und baut Kraft in den Beinen auf. Dafür machst du mit rechts einen Schritt nach hinten. Dein vorderes Knie ist im 45-Grad-Winkel gebeugt. Das hintere ist mit leicht geöffneter Hüfte gestreckt. Wenn du die Stabilität in deinen Beinen spürst, dann nimm einatmend die Arme wieder gestreckt nach oben. Währenddessen lässt du die ganze Zeit deine starke Mitte aktiv, damit dein unterer Rücken in der Rückbeuge nicht zu sehr strapazier wird.

Virabhadrasana III gezeichnet Wintersport

6: Virabhadrasana III

Der Krieger III verbessert die Balance und kräftigt die Bauchmuskulatur. Aus dem Krieger I lehnst du dich nach vorne. Jetzt hebst das hintere Bein ab. Dabei sind sowohl deine Wirbelsäule als auch deine Arme und dein Bein parallel zum Boden. Achte darauf, dass die Hüfte geschlossen ist. Wechsel nun die Seite und wiederhole Krieger I und III mit dem linken Bein hinten. Jetzt bist du bereit für den Wintersport.

Christof Linhuber

Christof Linhuber (Dipl. Musiktherapeut), ein Leben lang auf den Spuren des Klanges unterwegs, indem er in einer traditionsreichen Klangwelt aufgewachsen ist, über ein gelerntes Handwerk und dem folgenden Musiktherapiestudium zum Instrumentenbau kam. Zwischen dem Bau von musiktherapeutischen Instrumenten, praktizierter und selbst erlebter Musiktherapie lotet er den Wirkraum von Klang aus und begleitet seit 20 Jahren Menschen zur seelischen Ganzwerdung durch tiefste Erlebensschichten. Zu seinen privaten Vergnügungen zählen Contact-Impro-Dance und Yoga

„Klang bzw. Schwingung ist für mich das Grundphänomen allen Seins. Das ganze Universum ist ein bombastischer Klang:) Fokussieren wir auf den Wohlklang – der ein Teil dieses Gesamtklanges ist – finden wir Harmonisierung, Getragensein, Verbundenheit, Orientierung, Besänftigung aber auch Stärke u.v.m.

Klang führt in den Raum jenseits der Worte, in den Raum des Seins.
Klang will nichts, meint mich.
Klang berührt, macht Verbundenheit real …“

Workshop: Seinserfahrung im Klang – aus der Begegnung mit Dir selbst in den Körper kommen

Klang für die Seele, auf dass ihr Flügel wachsen,
… dadurch, dass sie ganz in der Tiefe berührt wird,
sich erkannt fühlt, sich gemeint fühlt,
sich beglückt erhebt …

Erlaube, dass diese Begegnung mit Deinem Innersten, Dich in Deine Bewegung, in Dein YOGA bringt. Lass Deinen Körper aus der Summe seines gesammelten Wissens in stimmige Bewegung, Position kommen, so schnell, so langsam, vielfältig oder auch einfältig, genau so … und das so lange wie es genau richtig ist … Wir schenken uns nach einer kurzen Anleitung eine gegenseitige Klangerfahrung mit Körpermonochorden.
Der bis tief in den Körper hineinvibrierende Wohlklang schafft einen Begegnungsraum zwischen Deiner Seele, Deinem Herzen und Deinem Körper. Du bist eingeladen, Deinem Fühlen, Deinem inneren Flow in Bewegung kommen zu lassen, während Dich berührende von unserer gemeinsamen Atmosphäre inspirierten Liveklänge mit Klangsäule, Koto, Stimme u.a. darin unterstützen.

Christof Linhuber auf der YogaWorld 2020 in München:

Samstag, 18. Januar // 12:45 – 13:30 Uhr // Seinserfahrung im Klang – aus der Begegnung mit Dir selbst in den Körper kommen // Siddharta Yogaspace


Jasmin Kirstein

Infos zur Person

Mit der Gründung von My Sportlady, im Jahre 1984, eines der ersten Fitness-Studios nur für Frauen und der Kochschule Koch Dich glücklich sowie ihrer Arbeit in der My Sportlady-Stiftung zur Unterstützung von Frauen und Kindern in schwierigen Lebenssituationen, erlangte Jasmin Kirstein internationale Anerkennung.

Durch ihre eigene spirituelle Praxis und langjährige Recherchen zu den Themen Yoga, Ayurveda, Meditation und Stress-Management in Indien und Sri Lanka hat Jasmin Kirstein ihre bewährten Programme entwickelt.

In ihren erfolgreichen Unternehmen im Münchner Glockenbachviertel, auf fast 2000 qm Fläche, stehen Frauen, deren spezifische Bedürfnisse und Wohlergehen im Zentrum ihres Interesses: Yoga in allen Variationen, von Yinyoga bis Poweryoga, Rücken- und Krafttraining, Saunen und Rückzugsoasen sowie gesunde Mahlzeiten, die täglich frisch in der Kochschule bereitet werden. Im integrierten My Dayspa finden Frauen eine Auszeit und lassen sich verwöhnen.

Jasmin Kirsteins Ziel ist es, Frauen Ruhe und Kraft zu vermitteln, sie zu unterstützen, mit einfachen und praktischen Mitteln gesund zu bleiben und mit Freude einen gesunden Lebensstil zu pflegen. Das ganzheitliche Wohlbefinden steht immer an erster Stelle.

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