Yoga und Politik: bewusst sein, um politisch zu werden?

Wenn wir über Politik nachdenken, denken wir über das Zusammenleben von Menschen nach. Yoga kann die Art verändern, wie wir in der Welt stehen und uns auf sie beziehen: Im besten Fall macht es uns klarer, bewusster, mitfühlender. Ist Yoga also politisch? Sollte es politisch sein? Oder gerade nicht? Wir werfen einen Blick auf das schwierige Thema „Yoga und Politik“ und stellen fest, dass Ahimsa nicht ganz reicht, um die politische Dimension von Yoga zu klären.

Text: Andrea Goffart / Statements: Stephanie Schauenburg / Titelbild: Peopleimages von Getty Images Signature via Canva

Kann es sich heute noch irgendjemand leisten, nicht politisch zu sein? Krise, Krieg, Klimawandel – allein schon diese drei „K“ scheinen uns pausenlos aufzufordern, für das einzustehen, was uns wichtig ist. Auch Yogalehrende und -praktizierende sind zunehmend gefragt, eine Haltung einzunehmen – nicht nur auf der Matte. Andererseits benötigen viele Menschen gerade in dieser anstrengenden, kräfteraubenden Zeit Rückzugsräume, in denen sie Ruhe finden und einfach nur sein können. Für viele von uns ist die Yogapraxis so ein Raum. Ist das ein Widerspruch oder bei genauerer Betrachtung vielleicht sogar ein Gleichklang? Möglicherweise dürfen wir als Yogi*nis genau das lernen: Selbst sein, ruhig sein, bewusst sein, um politisch zu werden.

Wobei wir vielleicht zunächst klären sollten, was es eigentlich bedeutet, „politisch“ zu sein. Politik findet Antworten auf die Frage, wie das Leben zwischen Menschen organisiert werden kann. Oft wird das mit dem Begriff „Staatskunst“ umschrieben, doch was ist der kleinste gemeinsame Nenner eines Staates? Es wird der Mensch sein – überall auf der Welt. Wenn wir uns also der Frage nach der politischen Bedeutung eines Tuns oder Lassens zuwenden, egal ob wir über Yoga oder Fußball philosophieren, dann stolpern wir fast unumgänglich über diejenigen, die da etwas tun oder lassen – über Menschen. Und meistens stolpern wir über uns selbst. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist jedes Handeln, das Auswirkungen auf „das Leben zwischen Menschen“ hat, ein politisches Tun. Dann wird jede Gemeinschaft, jede Beziehung politisch.

Ist Yoga also eine politische Kraft?

Wie alles, was wir als Handelnde kreieren, ist auch Yoga ein Spiegel der Gesellschaft. Allerdings nur, wenn wir mutig sind und in diesen Spiegel schauen! Was sehen wir dann? Wir sehen zum Beispiel Menschen, die Yoga machen, um gesünder zu werden, resilienter zu werden, straffere Popos zu bekommen und hübsche Selfies aus dem indischen Ashram zu posten. Yoga ist – ob es uns gefällt oder nicht – im tiefen Tal der Zweckerfüllung angekommen. In unserem Interview erklärt die Politologin und Yogalehrerin Zineb Fahsi, wie sehr die gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt sind von Effizienzdenken: Fast alles, was getan wird, folgt einem „Um-zu“. Wir wollen etwas damit erreichen. Wollen wir Yoga jetzt auch noch politisieren? Folgen wir damit nicht genau jener ungesunden Logik, von der Fahsi spricht: Du alleine bist zuständig. Sei du die Veränderung, die du in der Welt sehen willst!

Wir leiden an Flug-Scham und Sparzwang, fühlen uns zuständig für alle Übel der Welt und setzen unser Sein und Handeln konsequent in den Kontext dieser All-Zuständigkeit. Sollten wir Yoga da nicht lieber herauslösen?

Aber vielleicht müssen wir das gar nicht, denn die Weisheitstradition ist sowieso schlauer als wir: „Von der vedischen Tradition der Askese, in der Yoga wahrscheinlich seinen Ursprung hat, bis zum bedufteten und nach Feng-Shui-Kriterien gestalteten Yogaloft mit Blick auf den Hamburger Hafen ist es ein weiter Weg“, schreibt Milena Wilbrand in ihrem Buch „Lebenszeit – Yoga im Jetzt“. Auch sie sieht eine Tendenz, dass Yoga im allgemeinen Höher-Schneller-Weiter zu einer weiteren Leistungseinheit wird, die erbracht werden muss. „Und doch“, vermutet sie: „Vielleicht unterschätzen wir die Geister, die wir in die schöne neue Yogawelt gerufen haben. (…) Leise, still und heimlich wirkt Yoga durch die Hintertür und wer weiß schon, was alles möglich ist.“

Handeln Yogis ethischer?

Yoga-Politik
Foto: Polina Tankilevich / corelens via Canva

„Leise, still und heimlich“ kann Yoga demnach die Art verändern, wie wir in der Welt stehen und uns auf diese beziehen. Das fängt schon bei der achtsamen Asana-Praxis an: Wir erleben uns in der Öffnung des Herzens, wir fühlen uns ein in die Stellung des Kriegers und werden über diese Selbst-Erfahrung auch immer versierter in der Fähigkeit, uns in andere einzufühlen. Über dieses sich vertiefende Mitgefühl kann uns Yoga die Grundausstattung für unser politisches Handeln liefern – für ein Handeln, das sich in Bezug setzt zur Polis, zur Gemeinschaft.

YogaWorld Journal 5/26
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