Hingabe an wen oder was?

Bhakti Yoga heißt, durch Hingabe an Gott Befreiung erreichen. Doch welcher Gott ist mit diesem Konzept gemeint und um welche Art von Befreiung geht es? Jedenfalls ist mit Bhakti mehr zu holen als nur esoterische Weltverklärung. 

Der wichtigste Yogalehrer der Neuzeit, T. Krishnamacharya, war ein indischer Brahmane, sprich ein hinduistischer Priester und Angehöriger der höchsten Kaste. Ziel seines Yogawegs ist die Vereinigung mit Gott oder zumindest die Erkenntnis Gottes. Nach jahrzehntelangem Studium mit seinem Vater lehrt sein Sohn T. K. V. Desikachar dennoch ein säkulares Verständnis von Yoga. Wie ist das möglich?

Laut Krishnamacharya beschreibt Patanjalis Yogasutra die Hingabe an Gott bzw. Bhakti als eine von mehreren, gleichberechtigten Möglichkeiten, den Geist zu beruhigen, Seelenfrieden zu erlangen und ein universelles Bewusstsein zu entwickeln. Bhakti steht damit auch Menschen offen, die nicht an einen Gott oder Götter glauben. Es geht dabei nämlich vor allem um das wache Bewusstsein für die eigenen Grenzen und deren Akzeptanz, die radikale Offenheit für Neues sowie um Vertrauen.

Die Akzeptanz der eigenen Grenzen oder der „Selbstwirksamkeit“, wie es neuerdings heißt, meint die Einsicht, dass die Ergebnisse unseres Handelns letztlich nicht oder nicht vollständig in unserer Hand liegen. Am Ende bedarf das Gelingen unserer Anstrengungen auch so etwas wie  der „Gnade“ oder einem „Segen“. Alltagssprachlich sagt man, das Handeln muss unter einem guten Stern stehen, der Handelnde braucht ein Händchen … Gemeint ist immer, dass wir nicht alles bis zuletzt kontrollieren und vorausplanen können.

Dieser Aspekt unseres Handelns kommt auch im Sutra 1,12 zum Ausdruck: Abhyasa und Vairagya – Üben und Loslassen. Wir investieren unsere Kraft, Konzentration und Ausrichtung auf eine Sache oder auf die Praxis. Aber am Ende wollen wir ein positives Ergebnis nicht erzwingen, wir lassen es geschehen – wir stehen dem Ergebnis mit Gleichmut gegenüber. In der Asana-Praxis heißt dieses Prinzip „stira sukham asanam“  (Sutra 2,46) – die Haltungen sollen gleichzeitig fest und bequem, stabil und leicht sein. Wir sollten nicht verkrampft, nicht mit zuviel Kraft und Ehrgeiz üben, sondern leicht und selbstverständlich, letztlich schön. Moderner gesagt ist das der Flow, der gelungenen Handlungen zugrunde liegt – alles scheint leicht und wie von selbst zu funktionieren.

Hingabe bedeutet aber eben auch, offen für Neues zu sein, neugierig und bereit für Veränderungen. Wäre dem nicht so, wäre der Handelnde immer verkrampft oder ängstlich darauf bedacht, dass alles stets in gewohnten Bahnen verläuft. Hingebungsvolles Handeln stellt für den Handelnden dagegen einen Wert an sich dar und er kann von den Ergebnissen absehen. Denn Denken und Fühlen sind eins geworden, wir gehen in einer Sache auf oder vertiefen uns mehr und mehr bis zur Selbstvergessenheit.

Diese Art der Hingabe drückt sich in einer Art Urvertrauen aus – was im Englischen mit dem Begriff „Faith“ umschrieben wird. Sriram übersetzt hier aus den Sutren: Urvertrauen, das keines Objekts bedarf und der feste Glaube an eine Vision (Sanskrit: Shraddha und Ishvara Pranidhana). Genau das ist der Kern der Idee einer nicht religiösen Hingabe: Es gibt die Möglichkeit, ein tiefes Vertrauen in das eigene Leben zu entwickeln und hingebungsvoll zu handeln, ohne dass sich dieses Vertrauen oder diese Hingabe auf einen (personalen) Gott stützen muss.

Musiker haben immer wieder hingebungsvollste Momente mit ihrer Musik beschrieben. Und auch beim Hören von Musik stellen sich solche Momente ein. Naturerlebnisse können eine ähnliche Wirkung entfalten: die Hingabe an etwas, das wir als größer empfinden als uns selbst. //


Michi Kern lebt und unterrichtet als Jivamukti-Yoga-Aktivist in München. Neben Yogastudios betreibt er diverse Clubs sowie Restaurants und studiert Philosophie.

 

YogaWorld Journal 5/26
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