Klangmassagen-Therapie bei Neugeborenen

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Klangmassagen-Therapie einmal anders: Nicole Andrä behandelt Frühgeborene mit Klangschalen und sorgt für Ruhemomente, Ablenkung und weniger Schmerzmittel im Krankenhausalltag.

Stille. Stille existiert auf der Neugeborenen-Intensivstation (NIPS) des Haunerschen Kinderspitals in München nicht. Es gibt keinen Winkel auf der liebevoll gestalteten Station, kein Zeitfenster während der 24 Stunden Rundumbetreuung, das die kleinsten Patienten für einen Moment genießen könnten. Stattdessen taucht man in ein Geräusche-Meer aus piependen, schmatzenden Maschinen ein: Beatmungsapparate helfen vielen Frühchen beim Start ins Leben. Immer wieder klingelt ein Telefon. Ärzte, Schwestern, Pfleger und Physiotherapeuten besprechen Behandlungen und Zuständigkeiten. Ständig werden Vitalparameter wie Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung kontrolliert. Und doch gibt es Möglichkeiten, dieser Reizüberflutung temporär zu entfliehen. Die „KänguRuhen“ mit den Eltern beispielsweise – zärtliche Begegnungen, die für Geborgenheit sorgen, trotz Geräuschkulisse. Streicheleinheiten durch die Klappen der Inkubatoren oder sogar eine Runde Schlaf in den Armen der Mama lassen die hektische Umgebung verschwinden. Doch auch wenn die Eltern einmal nicht da sind, sorgen die Mitarbeiter der NIPS für Momente der Ruhe. Eine der Kinderkrankenschwestern, Nicole Andrä, ist gleichzeitig Entspannungstherapeutin. Mit ihr kam die Klangmassagentherapie auf die Neugeborenen-­Intensivstation. 

Klangmassagen Therapie NeugeborenesDen Anschub gab die ehemalige Stationsleiterin, die von der Zusatzausbildung ihrer Mitarbeiterin so begeistert war, dass sie vorschlug, beide Bereiche zu verbinden. Die Kombination ihrer Leidenschaften, Klangarbeit und Kinder, ist mittlerweile fester Bestandteil in Andräs Lebenswelt. „Klänge führen uns in unser innerstes Sein, in unsere Stille zurück. Sie helfen das Urvertrauen, das die Kleinen im Mutterleib hatten, wieder aufzubauen. Die Klangmassagentherapie bei Frühchen soll als Impuls dienen, sie ankommen zu lassen, sie hier zu erden. Durch die Klangschalen können die Kinder sich selber spüren und Selbstvertrauen entwickeln“, beschreibt die 35-Jährige ihre Motivation. Ihr Handwerk hat sie an der Paracelsus Heilpraktikerschule und am Peter Hess Institut für Klangmassage-Therapie gelernt. „Neben fundiertem Fachwissen spielt auch Intuition eine große Rolle bei der Arbeit mit Klangschalen“, betont Andrä. Die Schalen für eine Massage wählt sie nach einem Vorgespräch aus, bei Neu- oder Frühgeborenen versucht sie zu erspüren, welche Töne hilfreich sein könnten. Die Wirkung einer Klangmassage funktioniert über feine Vibrationen, die durch die Obertöne der verschiedenen Schalen freigesetzt werden. Durch das Hören und Fühlen der Schwingungen werden Empfindungen positiv beeinflusst sowie körperliche und seelische Spannungszustände gelöst. Die Massage der Körperzellen führt zu einer beruhigenden und harmonisierenden Wirkung, die in einer Tiefenentspannung, dem sogenannten Alpha-Zustand, münden kann. Je nach Körperregion kommen unterschiedliche Schalen und Klänge zum Einsatz.

Wenn die Entspannungstherapeutin einen Termin mit einem Frühchen hat, entsteht der Eindruck, als würde sie sich in einer Zeitlupensequenz befinden, die – abgeschnitten vom Rest der Station – nur sie und den kleinen Patienten einschließt. Dabei berührt sie ihn zuerst an den Händen und Füßen, um eine Verbindung herzustellen. Je nach Verfassung der Neugeborenen führt sie die Klangschalenmassage innerhalb des Inkubators durch oder öffnet die warme Behausung. Einer ihrer Patienten ist Felix, der in der 29. Schwangerschaftswoche mit 1600 Gramm zur Welt gekommen ist. Bei ihm kann sie mittlerweile ohne den Inkubator arbeiten. Während der Massage beginnt die Entspannungstherapeutin die Schalen zuerst unter den Füßen, später oberhalb des Kopfes mit einem Klöppel anzuschlagen. „Wenn die Klangschalen nicht direkt aufgelegt werden, wirken sie in der Aura, im Energiefeld der Person. Die Schwingungen sind dann abgeschwächter, wirken aber genauso“, erklärt die Fachkrankenschwester für Intensivpflege. Je nach Stimmung und Gefühl bekommt Felix die Schale aber auch in seine Händchen gelegt und profitiert vom direkten Kontakt zu ihnen. 

Klangtherapie für Neugeborene„Die Besonderheit einer Klangmassagentherapie bei Frühchen liegt darin, zu erspüren, was ihnen gerade gut tut und welche Töne sie als angenehm empfinden“, beschreibt die sie die feinfühlige Verbindung zu ihren Patienten. Mit ihrer Erfahrung als Kinderkrankenschwester interpretiert sie die Vitalparameter und achtet während der Behandlung auf kleinste Veränderungen der Herzfrequenz. Sie beobachtet Reaktionen wie Körperbewegungen und Veränderungen der Gesichtszüge. „Das ist speziell bei Säuglingen, die beatmet werden müssen, die einzige Kommunikationsbasis – denn die Artikulation ist wegen des Schlauchs in der Luftröhre extrem eingeschränkt“, so Andrä. Aber diese Herausforderung nimmt sie gerne an. Mit ihren Klangreisen schenkt sie Kindern und Eltern wertvolle Momente, die schon so manchen Entwicklungsfortschritt zur Folge hatten. 

So auch bei Quirin, der mit nur 575 Gramm und 29 cm klein auf die Welt kam. Der Winzling wurde mit Löchern im Darm geboren und bekam einen Seitenausgang. Andrä begleitete ihn medizinisch, aber auch mit ihren Klangschalen. Ein einschneidendes Erlebnis für seine Mutter Maria Stelzer war Andräs Einsatz vor einer der größten Operationen ihres Sohnes. „Die Klangmassage vorher hat ihn beruhigt und die Aufregung vor der OP reduziert. Nach dem fünfstündigen Eingriff ging es ihm erstaunlich gut, sodass er nur wenige Schmerz- und Beruhigungsmittel brauchte“, erzählt Stelzer, die heute noch dankbar ist für Andräs Engagement und die Förderung alternativer Behandlungsmethoden durch Oberarzt Dr. Georg Münch.

Er war es, der seine Mitarbeiterin ermutigt hat, sich mit ihrer Arbeit offiziell beim Hauner Verein (Verein zur Unterstützung des Dr. v. Haunerschen Kinderspitals) zu bewerben. Vor einigen Monaten wurde das Projekt bewilligt. Die „Förderung von Klangmassagentherapie auf der Neugeborenen-Intensivstation“ wird nun für ein Jahr finanziert. „Die Klangarbeit ist eine sehr hilfreiche, begleitende Maßnahme auf der NIPS. Sie trägt dazu bei, Heilungsprozesse schneller voranzubringen. Die Kinder kommen dadurch zum Teil mit weniger Beruhigungsmitteln aus. Außerdem ist eine Abwechslung im Krankenhausalltag immer willkommen“, so Dr. Münch.

Die bisherige Erfahrung spricht für sich: Auch wenn die Begegnung mit Klangschalen oftmals für die Eltern die erste ist, schätzen sie diese zusätzliche Therapiemöglichkeit für ihre Kinder sehr. Die Begeisterung für die Klangarbeit hört für einige Patienten sogar nach der Entlassung nicht auf. Quirin, der nach ­mehreren Operationen nun einen normal funktionierenden Darm hat, genießt die Klangreisen auch zu Hause regelmäßig. Mittlerweile schlägt er sogar selbst die Schalen an.  


Nicole Andrä ist neben ihrem Beruf als Krankenschwester für Pädiatrie und Intensivmedizin als Entspannungstherapeutin tätig. Schamanische Heilmassagen und Klangarbeit unterschiedlichster Art sind zum Mittelpunkt ihrer Arbeit mit Menschen geworden. Für Kinder und Erwachsene bietet sie außerdem Hot Stone, Lomi Lomi und Chakren-Aroma-­Massagen in und um München an. Kontakt: nicole@kebalabalance.de.

Foto Credit: Pixabay