Gute Beziehungen

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Für gesunde Beziehungen ist ein direktes Feedback durch das Gegenüber entscheidend,
da man sich selbst meist nicht unvoreingenommen genug sieht.

Der andere muss dabei nicht unbedingt ein Mensch sein – die Götter helfen allerdings nur bedingt weiter, denn die sind entweder ohnehin perfekt und fehlerfrei oder sie antworten nicht. Außerdem taugen sie nicht als Beziehungsvorbild, weil sie unsterblich sind und daher viel zu viel Zeit haben, ihre Angelegenheiten zu klären oder sich ewig zu streiten (wie man von den griechischen und indischen Göttern weiß). Wir Menschen müssen dagagen in relativ kurzer Zeit zu einem guten Ende kommen. Auch unsere beschränkten Kräfte zwingen uns dazu, unsere Beziehungen zur Mitwelt halbwegs in Ordnung zu halten. Aus yogischer Sicht leben wir nicht nur zu unseren Mitmenschen in Beziehung, sondern zur gesamten belebten und unbelebten Natur. Deswegen muss man nicht gleich pauschal behaupten, alles hinge mit allem zusammen, aber wir können beim genauen Hinsehen die Folgen unserer Handlungen (und Unterlassungen) sowie bestimmte Wechselwirkungen beobachten. Unsere Wahrnehmung für die gesamte Mitwelt zu verfeinern, sich zu sensibilisieren und aufnahmefähig für (neue) Erkenntnisse zu werden, ist im Yoga Programm. Aus dem Mehr-Sehen und dem Sich-in-Bezug- Setzen entsteht fast zwangsläufig der Wunsch, etwas leiser aufzutreten, einfacher und behutsamer zu leben. Das Begreifen der Zerstörung unserer natürlichen Umwelt durch die menschliche Zivilisation lehrt Demut. Wer nicht altmodisch von „Demut“ oder „Behutsamkeit“ sprechen möchte, kann diese Idee auch modern „Postwachstumsökonomie“ oder „Sharing Economy“ nennen. Oder man betreibt gleich „Transformationsdesign“ statt die Dinge einfach zu ändern … In jedem Fall ist klar, dass der Mensch in ständiger und enger Beziehung zur Erde steht, egal, ob er das will und weiß.

Mitgefühl und Verantwortung
Was viele von uns offenbar vergessen haben, ist zum Beispiel die schlichte Tatsache, dass menschliches Leben zu hundert Prozent von Pflanzen abhängt. Eine Ecke weiter sieht es nicht besser aus: Unsere Beziehungen zu Tieren sind kaputt. Wir finden nach wie vor bestimmte Tiere süß und haustiertauglich, während andere Tiere mit großer Selbstverständlichkeit gegessen, gejagt oder gequält werden. Die Massentierhaltung ist sicherlich eines der größten Verbrechen, das wir Menschen täglich begehen – von einer guten Beziehung mit Tieren kann jedenfalls nicht die Rede sein. Aus Sicht des Yoga ist eine vegane Lebensweise hier der einfachste und schnellste Ausweg. Dem hilfesuchenden Einspruch, dass das doch nirgends wörtlich in den gängigen Yogaschriften steht – als ob es nur dadurch ein gutes Argument wäre – möchte ich mit der Anregung begegnen, über solch zentrale Yogabegriffe wie Ahimsa (Nichtverletzen), Maitri (Freundlichkeit) und Karuna (Mitgefühl) nachzudenken. Mitgefühl bedeutet nicht, nur manchmal etwas zu fühlen, sondern ist ein Gefühl stetiger Verbundenheit. Das verlangt Verantwortung und die Sensibilität, sich in andere Wesen hineinversetzen zu können. Wer Yoga ernst nimmt, kommt daran nicht vorbei.

Die Pointe der Beziehungsidee im Yoga ist ja gerade, gesunde Beziehungen nicht nur auf Menschen und den engsten Umkreis von Freunden und Familie zu beschränken, sondern umfassend zu verstehen. Aber wie können gesunde Beziehungen zwischen Menschen funktionieren? Wie gesagt, die Kompetenz der Götter ist in dieser Frage begrenzt. Die yogische Tradition kennt dagegen gleich zwei gegensätzliche Wege, sich in Beziehung zu setzen: den Weg des Asketen, des Einsiedlers, auf der einen und den des Haushälters und Familienvaters auf der anderen Seite.

Mitten im Leben
Traditionell wird Yoga eher mit dem keuschen Asketen in Verbindung gebracht. Interessant ist aber, dass praktisch alle wichtigen Lehrer des neuzeitlichen Yoga Familienväter waren oder sind – Rama Mohan Brahmacharya, T. Krishnamacharya, B. K. S. Iyengar, Sri Pattabhi Jois, T. K. V. Desikachar. Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass das Leben und die Beziehungen in der Familie und unter Freunden den Yogi auf seinem Weg nicht behindern. R. Sriram lehrt zum Beispiel, dass die Qualität unserer Beziehungen immer auch die Fortschritte auf dem Yogaweg zeigt. Oder umgekehrt gesagt: Unsere Beziehungen sind Prüfsteine für die Qualität der Yogapraxis. Körper- und Atemübungen sind eben nicht alles im Yoga. Dagegen müssen sich hier die oft zitierten Yamas aus den Yoga-Sutren wirklich bewähren: rücksichtsvoller Umgang mit allen Geschöpfen (Ahimsa), Freisein von Habgier (Asteya), richtige Kommunikation und Aufrichtigkeit (Satya), Mäßigung in all unseren Handlungen (Brahmacharya) sowie Genügsamkeit (Aparigraha). Diese Prinzipien meinen nicht nur das Zwischenmenschliche im kleinen Umfeld; sie haben auch eine gesellschaftliche Dimension.

Die passende Übersetzung auf diese Stufe lautet dann zum Beispiel Toleranz, Kooperation und Solidarität. Besonders beeindruckend lehrte dies der schweigende Eremit Swami Nirmalananda (1925-1997). Obwohl er abgeschieden von der Welt an der südlichen Spitze Indiens in den Bergen unter einem Schweigegelübde lebte, stand er in regem Kontakt zur Außenwelt und schrieb täglich mehrere Stunden Aufrufe zur Gewaltlosigkeit an Politiker aller möglichen Länder oder diskutierte schriftlich mit seinen Schülern. Mit den Tieren und Pflanzen um seinen Ashram herum lebte er sowieso in Frieden, wie David Life in dem Buch „Yoga der Befreiung“ beschreibt: „Swamiji hatte Ahimsa in einem solchen Ausmaß verinnerlicht, dass alle Wesen in seiner Gegenwart sanft und freundlich waren. Die Tiere des Waldes waren seine hingebungsvollen Gefährten. Jeden Tag seines Lebens bezog er reine Freude daraus, die vielen Wildvögel zu füttern, die regelmäßig seinen Ashram besuchten.“