Reine Nahrung für den Geist

Unsere tägliche Nahrung versorgt Körper, Geist und Seele mit allem, was für ein gesundes, glückliches und langes Leben notwendig ist. Je nachdem, welche Prioritäten man im Leben setzt, sollten die Speisen individuell ausgewählt, kombiniert und zubereitet werden. Dadurch kann man jene Teile des eigenen Wesens in ihrer gesunden Entwicklung fördern, die aktuell besonders im Fokus stehen.

Für den spirituell Suchenden empfehlen Yoga und Ayurveda eine reine Ernährungsform, die auch sattvische Ernährung genannt wird. Darunter versteht man in der ayurvedischen Diätetik eine sehr reine und naturbelassene Ernährungsform, die die geistige Verfassung des Menschen verbessern soll. Anhand der drei Gunas Tamas, Rajas und Sattva legt man die Ernährungskriterien so fest, dass Tamas und Rajas überwunden und Sattva gesteigert wird. Dadurch können die Klarheit des Geistes, die Reinheit der Gefühle und die Kraft des Körpers gestärkt werden. Im Yoga stehen die drei Gunas Tamas, Rajas und Sattva für die Gemütszustände des Geistes: Tamas herrscht während des Schlafes und beschreibt einen Geisteszustand, der von Trägheit und Unbewusstheit geprägt ist. Rajas herrscht tagsüber und wird durch Aktivität und Stimulation bestimmt. Sattva ist die Balance von Tamas und Rajas: ein ausgeglichener, kontrollierter Geisteszustand, in dem Bewusstheit, Intelligenz und ethische Werte vorherrschen. Das oberste Ziel aller psycho-mental ausgerichteten Yoga- und Ayurvedapraktiken ist es, das Sattva-Guna zu stärken, um ein Leben in ganzheitlicher Gesundheit und spiritueller Verbundenheit zu führen.

Frische Nahrung für die Seele
Die wichtigste Eigenschaft einer sattvischen Ernährung ist ihre frische, vitalstoffreiche und liebevolle Zubereitung – und ein ebensolcher Verzehr. Fertignahrung in jeglicher Form wird aus ayurvedischer Sicht als nicht-sattvisch bezeichnet und ist im Vergleich zu Selbstgekochtem immer minderwertig. Eine frisch zubereitete Suppe ist somit selbst hochwertigen Fertigprodukten aus dem Bioladen vorzuziehen. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man auch die Verwendung von Sojaprodukten – die zwar vegan, aber häufig fermentiert und nicht frisch sind – überdenken.

Vegetarisch oder doch mit Fleisch?
Das ist die Gretchen-Frage in der ayurvedischen Ernährung, wenn es um das sattvische Bewusstsein geht. Ziel der sattvischen Ayurveda-Ernährung ist es, unsere spirituelle Entwicklung zu fördern. Dafür ist eine naturbelassene Bio-Ernährung, die auf alle fleischlichen Eiweiße verzichtet, ein absolutes Muss. Durch Ahimsa, das geistige Prinzip der Gewaltlosigkeit, gewinnen wir an spiritueller Kraft, feinstofflicher Energie und geistiger Vitalität. Aus diesem Grund werden in der sattvischen Ernährung Fleisch, Fisch und Eier strikt gemieden. Die einzigen Quellen tierischen Eiweißes sind frische Biomilch, Butter, Ghee und Buttermilch.

Anregende Reizstoffe wie Kaffee, schwarzer Tee, roher Knoblauch und Zwiebeln werden aufgrund ihrer aphrodisierenden Wirkung für Mönche und Meditations- Praktizierende nicht empfohlen. Umso wichtiger ist das Gebet in der sattvischen Ernährung: Die Energie des Essens hängt stark von der inneren Haltung während des Kochens und Essens ab. Jede Mahlzeit sollte mit Dankbarkeit für Gottes Gaben und Bewusstheit zubereitet und in Ruhe eingenommen werden. Man kocht mit Liebe und legt geradezu Zärtlichkeit in die Verarbeitung von lebendiger Nahrung – das Gemüse wird mit Bedacht geschnitten, der Duft beim Köcheln geatmet und die fertigen Speisen entstehen vor dem inneren Auge. Durch das Singen spiritueller Verse (Mantras) beim Kochen kann die heilende Kraft noch verstärkt werden. Besonders in Klöstern und Tempeln richten Yogis und spirituell Suchende ihre Ernährung traditionell nach diesen sattvischen Grundregeln aus. Doch auch wenn man kein strenges Yogaleben führt, kann die sattvische Ernährung eine wertvolle Therapie sein. Die reine Ernährung befreit von psychischen Schlacken und bringt unterdrückte Gefühle an die Oberfläche. Gerade depressive oder traumatisierte Menschen sind oft mit „geistigem Ama” belastet. Eine sattvische Ernährung kann dabei helfen, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen und sich von Ängsten, Aggressionen und negativen Emotionen zu befreien.Mit der richtigen Ernährung erfährt man eine neue Lebendigkeit und Klarheit, die Kraft geben kann, alte Persönlichkeitsmuster abzulegen und ein neues Selbstbild zu erschaffen. Dafür sollte etwa die Hälfte der Nahrung aus möglichst unbehandeltem Gemüse und Früchten bestehen, dazu kommen vollwertige Getreideprodukte und Nüsse. Alle Mahlzeiten des Tages werden immer frisch zubereitet und direkt im Anschluss in angenehmer Atmosphäre verzehrt. Die einfachen und mild gewürzten Speisen gleichen das körperliche und geistige Feuer aus und fördern inneren Frieden und Reinheit. Der Grundgeschmack der sattvischen Diät setzt sich aus süßen und bitteren Nahrungsmitteln wie zum Beispiel süßen Früchten, Nüssen und Blattgemüse zusammen. Diese öffnen den Geist, befreien von negativen Emotionen und fördern den Heilungsprozess bei psychischen Erkrankungen. Die traditionelle Ernährungstherapie des Ayurveda kennt zudem spezielle Rezepturen, die das mentale Gleichgewicht fördern. Dazu werden besonders gerne Nahrungsmittel wie Reis, Weizen, Mungbohnen, rote Linsen, Sellerie, Spinat, Rüben, Granatapfel, Mangos, Kokosnuss, Trauben, Milch, Ghee, Sesamsamen, Datteln, Ingwer und Kurkuma verwendet. Auch Heilkräuter wie Shatavari, Brahmi, Amalaki, Ashwagandha, Pippali oder Haritaki setzt man zusammen mit Milch oder Trockenfrucht-Toffees zur Behandlung von mentalen Dysbalancen wie Gedächtnis-, Schlafstörungen oder Trauer ein.

Kerstin Rosenberg bildet als Ayurveda-Spezialistin und erfolgreiche Buchautorin Ayurveda-Therapeuten, -Ernährungsberater und psychologische Berater in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. Gemeinsam mit ihrem Mann ist sie geschäftsführende Gesellschafterin der Europäischen Akademie für Ayurveda. 

Aus Freude am Hören

Joyful Songs from the Heart

Für sein Debütalbum „Joyful Songs from the Heart“ bekommt Matthias Roth, ein ausgebildeter Yogalehrer der Sivananda-Tradition, von zahlreichen namhaften Gaststars Unterstützung. Da wäre zum einen der kalifornische Kirtan-Sänger Dave Stringer, dessen Stimme bereits in Filmen wie „Matrix Revolutions“ oder dem Videospiel „Myst“ zu hören war. Oder das junge Ausnahmetalent Janin Devi, eine nordrheinwestfälische Bhakti Yogini, die zuletzt mit ihrer im vergangenen Dezember erschienenen CD „Jay Ma“ begeisterte. Zu guter Letzt findet sich noch die New Yorker Musikerin Spring Groove unter Roths Musikgästen. Im italienischen Yoga Journal wurde Spring Groove zur „Voice of Yoga” gekürt. Gemeinsam schaffen die yogabegeisterten Songwriter einen von sanften Akustik-Instrumenten getragenen musikalischen Hochgenuss. Auch für seine Texte hat sich der Schweizer Singer-Songwriter Roth etwas Besonderes einfallen lassen: Gekonnt mischt er englische Songtexte mit traditionellen Mantras. Das Ergebnis ist ein rundum gelungenes, harmonisches Musikerlebnis.

Fazit: Der bereits mit seiner Band „Shanti“ in Erscheinung getretene Roth rundet sein gelungenes Solo-Debüt mit Auftritten prominenter Gastmusiker ab.

„Joyful Songs from the Heart“ von Matthias Roth (Mr Production, ca. 20 Euro).

Eine Pilgerreise ins Herz des Yoga

YOGA – Die Kunst des Lebens

„Yoga hat mir meine Lebensfreude wiedergegeben. Ganz einfach“, sagt eine junge Französin, die am Ufer eines Flusses im Himalaya sitzt. Wie die anderen in der Reisegruppe pilgert sie auf den Spuren von Swami Sivananda durch Indien, um die Ursprünge des Yogas zu erkunden. In der Bergwelt Uttarkarshis praktizieren sie gemeinsam täglich ihre Asanas, sie meditieren und besuchen heilige Stätten in Rishikesh. Völlig unaufgeregt und fernab oberflächlicher Tendenzen führt Solveig Klaßens Dokumentarfilm „Yoga – Die Kunst des Lebens“ dem Zuschauer den Zauber vor Augen, den Yoga in seiner Schlichtheit ausüben kann. Neben der Pilgerreise steht im Film auch ein Besuch beim Yogalehrer und Philosophen R. Sriram und seiner Frau Anjali in Chennai an. Dort leben die beiden, wenn sie nicht gerade in Deutschland sind. R. Sriram hat beim „Vater des modernen Yoga“, Krishnamacharya, gelernt. Nun gewährt er dem Zuschauer fundiert Einblick in die Yogaphilosophie und führt in den Gesprächen gut gelaunt vor Augen, wie Yoga ein Begleiter fürs Leben werden kann..

Fazit: Dieser Film macht Lust – auf Indien, Reisen, Yoga und das Leben!

„YOGA – Die Kunst des Lebens” von Solveig Klaßen (good!movies, ca. 18 Euro).

Zwischen den Welten

Das jüdische Ehepaar Rachel Yula und Avraham Dagan Kolberg bieten in einer ultraorthodoxen Stadt in Israel Yoga für gläubige Juden an. Einige Rabbis sehen darin Götzenanbetung. Die strenggläubigen Kolbergs aber sind überzeugt, dass man nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen kann.

Fotos: Pavel Wolberg

Wüsste mancher Rabbi, wie Rachel Yula Kolberg nach der Methode B. K. S. Iyengars an der Wand ihres Studios kopfüber in den Seilen hängt – er würde sie eine Götzenanbeterin schimpfen. Rachel hält die Arme verschränkt, ihre Fußsohlen berühren sich, die Knie sind nach außen gestreckt, sie atmet gleichmäßig. Ein paar Minuten baumelt sie so, schräg gegenüber an der Wand prangt seit einigen Monaten ihr neues Zertifikat: Rachel darf auf mittlerer Kursstufe Asanas und Anfängerkurse in Pranayama unterrichten. Dann löst sich Rachel, 39, aus ihrer Position, kommt zum Stehen und zupft ihr hellblaues Kopftuch zurecht. Sie ist bereit. In einer Viertelstunde werden die ersten Schülerinnen zur Abendklasse eintrudeln. Im Nebenraum schiebt sich Rachel noch schnell einen Keks in den Mund, setzt sich an ihren Arbeitsplatz, beantwortet noch eine E-Mail und erledigt einen Anruf. Während sie heute Abend unterrichten wird, hütet ihr Ehemann Avraham, 38, die fünf Kinder – an anderen Abenden ist es umgekehrt. Das strenggläubige Ehepaar hat Yoga zum Beruf und damit zu einem großen Teil des Lebens gemacht. Und das ausgerechnet in Beit Shemesh, einer Hochburg ultraorthodoxer Juden zwischen Tel Aviv und Jerusalem: Dort sollen Frauen in erster Linie Kinder gebären und Männer in den Talmudschulen das Wort Gottes lernen.

Die Stadt der Gläubigen
Die meisten Menschen hier in Beit Shemesh führen ein Leben mit und für Gott, sie folgen den Regeln der Thora und den Auslegungen der Rabbis. Alles, was davon ablenkt, ist verpönt. Daher ziehen die sogenannten Charedim, wie die ultraorthodoxen Juden genannt werden, oft in separate Städte und Stadtteile – wie eben Beit Shemesh. Draußen vor Rachels Haustür wuseln wie jeden Tag auch an diesem Mittwochabend Männer mit langen Bärten, schwarzen Mänteln und Schläfenlocken durch die Straßen, auf dem Weg zwischen Talmudschule und Zuhause. Die Mehrheit der ultraorthodoxen Männer lernen in den sogenannten Yeshivot. Einen Beruf haben sie nicht, das Geld für die Familie kommt meist vom Staat. Auch den Armeedienst, der in Israel Pflicht ist, müssen die Charedim nicht leisten. Die meisten verheirateten Frauen in Beit Shemesh tragen Perücken oder Kopfbedeckungen. Sie schieben Kinderwägen vor und ziehen kleine Kinder hinter sich her. Auch sie sind meist grau und schwarz gekleidet. Sie wollen und dürfen nicht auffallen, Körperrundungen nicht betonen, auf gar keinen Fall zu viel Haut zeigen. Denn das könnte die Blicke der Männer auf sie lenken. Männer und Frauen warten an den Bushaltestellen, manche wippen mit ihrem Oberkörper rhythmisch zu den Worten, die sie aus dem Gebetbuch leise vor sich hinmurmeln.

Skurrile Oase: Das Yog-Studio
Das Studio, das die Kolbergs im Obergeschoss ihrer Wohnung eingerichtet haben, wirkt da wie eine kleine Oase. Hier dürfen sich auch die Gottesfürchtigen für ein paar Stunden in der Woche ganz auf sich und ihren Körper konzentrieren. Einige kämen zunächst mit gesundheitlichen Problemen wie Rückenschmerzen, erklärt Avraham. Viele ihrer Kursteilnehmer seien Einwanderer aus den USA und Europa. „Sie kennen Yoga oft schon und sind daher nicht so misstrauisch.“ Doch ein Großteil bleibt Yoga fern, aus Angst, mit diesen fernöstlichen, spirituellen Leibesübungen „avoda sara“, also einen „Götzendienst“ zu leisten. Manche Rabbis sind gegen Yoga. „Weil sie es nicht kennen“, glaubt Rachel. Einige Interessenten erzählten ihr, sie würden gerne kommen, müssten aber noch auf die Zusage ihres Rabbis warten. Und dabei sei Yoga doch gerade für die Frauen hier so wichtig, meint Rachel. Rachel sitzt an diesem Abend vor ihrem Computer, die Teetasse in der einen, die Maus in der anderen Hand. Die Knie hat sie angezogen. Sie wirkt jugendlich, beinahe unbeschwert. Und doch verraten ihr Blick, ihre Haltung und ihre Worte, dass sie sich und ihren Platz im Leben gefunden hat. Als Bildschirmhintergrund hat sie ein Bild von B. K. S. Iyengar im Lotussitz. Seine rechte Fußsohle ist zu sehen und seine rechte Handinnenseite. „Die Füße sehen aus wie die eines Babys, die Hände wie die eines alten Mannes. Ist das nicht unglaublich?“ Nach ihrer ersten Iyengar-Stunde war für Rachel und Avraham klar, dass sie ihr Yoga gefunden hatten. Es folgten viele Unterrichtsstunden und Ausbildungskurse. Später hat Rachel bei B. K. S. Iyengar persönlich in Indien gelernt. Sie ist begeistert von seiner Person, seinem Unterricht und seinem Lebenswerk.

Yoga und Religion
Und dabei sind Rachel und Avraham strenggläubig. Avraham trägt einen langen Bart und Schläfenlocken, Rachel ein Kopftuch und außerhalb des Yogastudios lange Röcke. Sie haben einen Weg für sich gefunden, Yoga und Religion zu verbinden: „Yoga ist ein Instrument, es kann dich auf das Gebet vorbereiten. Im Yoga kontrollieren wir uns und unseren Geist, schauen nach innen, beobachten uns. Jeder religiöse Mensch sucht genau das – es ist ein Segen für uns“, erklärt Avraham. Durch Yoga, sagt Rachel, findet sie nicht nur immer wieder erneut zu sich, sondern auch zu Gott. „Wie durch den Glauben lernen wir auch im Yoga, unseren Stolz loszulassen. Es ist ein Weg, völlig ehrlich mit uns zu sein.“ Rachel ist eine lebenslustige Frau, ihre Bewegungen sind energisch, ihre Blicke wechseln zwischen streng und fröhlich. Sie und Avraham sind chassidische Juden, eine besondere Form der ultraorthodoxen Glaubensgemeinschaft. Chassidische Juden befolgen Gottes Gebote emotional und mit Freude, die Gebete sind herzlich und warm. Die Gruppe entstand im 18. Jahrhundert in Osteuropa unter armen und ungebildeten Juden als Abgrenzung zu der eher strengen Glaubenspraxis der gelehrten Elite. Das Judentum ist stark fragmentiert und so gibt es auch innerhalb der chassidischen Gemeinschaft Untergruppen. Rachel und Avraham haben sich der um Rabbi Nachman aus Breslau angeschlossen: Sie zählen zu den besonders fröhlichen Gläubigen: Nicht selten sieht man in den Städten hebräisch beschriftete Kleinbusse mit lauter Musik, die immer mal wieder anhalten. Dann steigen Männer auf das Autodach und tanzen – eine Form der Glaubensausübung der Anhänger von Rabbi Nachman. Nach und nach steigen an diesem Mittwoch einige der Frauen von draußen die Treppen ins Studio hinauf, zwei Schwangere sind darunter, junge Mädchen mit langen Haaren und langen Röcken, Frauen mit Kopftüchern, weiten Shirts und Strickjacken. Yoga für gläubige Juden ist nach Geschlechtern getrennt, Avraham unterrichtet die Männer, Rachel die Frauen. Es wird nicht gesungen und Positionen, die die Namen von Göttern tragen, wurden umbenannt. Der Kurs an diesem Abend ist speziell für religiöse Frauen gedacht. Unter ihresgleichen dürfen die meisten Frauen ihre Röcke ablegen. Doch nicht alle schlüpfen wie Rachel in körperbetonende Leggins und enge T-Shirts, nicht alle ziehen die Strümpfe aus. Die 14-jährige Ester (Name von der Redaktion geändert) trägt über den Leggins einen fast knöchellangen Rock, darunter feine, durchsichtige Seidenstrümpfe. Das sind Vorgaben der Familie, sagt Rachel. Die Eltern ließen das pubertierende Mädchen nicht in ihren Unterricht, wenn sie sich nicht so züchtig kleiden würde. Manche der noch neuen Teilnehmerinnen sind steif und unbeweglich. Ihnen ist anzusehen, dass Sport nicht Teil ihres Lebens ist. Ester wirkt, als sei sie noch nicht ganz in der Yogastunde angekommen, als sei sie auf dem Sprung, als gehörte sie nicht hierher. Zwei andere junge Mädchen sind das erste Mal hier, sie schauen noch etwas erstaunt, kichern ab und an, Rachel ermahnt sie mit einem strengen Lächeln zur Aufmerksamkeit. Sie werden Rachel nach der Stunde fragen, wofür dieses Yoga eigentlich gut sei und was so eine Stunde denn koste. Hier und da biegt Rachel Beine zurecht und dreht Köpfe gerade, ihr Griff gleich dem einer russischen Gymnastiklehrerin und verrät ihre Herkunft. Rachel wurde in Russland geboren, als Kind war sie Turnerin, Sport war immer Teil ihres Lebens – anders als bei den meisten ihrer Teilnehmerinnen. Früher lebte sie ein anders Leben.

Der große Wandel
Rachel und Avraham hießen vor etwas mehr als einem Jahrzehnt noch Yula und Dagan. Sie waren ein säkulares, modernes junges Paar in Tel Aviv. Die beiden gingen in Bars und auf Partys, Yula trug enge Hosen, das Haar offen, Dagan keine Kippa. „In meinem Leben hat etwas gefehlt“, erzählt Avraham. „Vor allem meine Generation hat in dieser Schnelllebigkeit einen unruhigen Geist. Man fühlt eine große Traurigkeit, ohne zu wissen, warum.“ Avraham versuchte es mit Meditation. „Eine kraftvolle Erfahrung. Aber es hat mich eher verwirrt.“ Dann trat Iyengar Yoga in ihr Leben: Die beiden gingen zusammen in ihre erste Stunde. Es war der Beginn einer Liebe. Sie reisten später mit ihrem damals zweieinhalbjährigen Sohn nach Dheradun in Indien, um Yoga zu unterrichten und unterrichtet zu werden. „Das war keines dieser großen Zentren. Ein Ehepaar hat uns in kleinen Gruppen zuhause unterrichtet“, erzählt Rachel. Gut 40 Kilometer südöstlich fanden sie wenige Monate später zu ihren jüdischen Wurzeln, zu ihrer neuen Identität und zu ihrem neuen Glauben. In Rishikesh feierten rund 300 Juden das Passah-Fest. Die Kolbergs schlossen sich eine Woche lang an. Sie veränderte ihr Leben. „Ich kann gar nicht sagen, wie genau es passiert ist“, sagt Avraham heute. „Etwas in unseren Herzen hat sich verändert. Solche Dinge kannst du nicht erklären.“ Zurück in Israel suchten sie eine religiöse Schule für ihren Sohn. Sie schmissen einige unzüchtige Fotografien und Bücher über Hinduismus weg. Yula zog sich lange Röcke an, und verdeckte ihr Haar. Avraham trug die Kippa und suchte nach einer Synagoge. Sie gaben ihre Freiheit auf für die strengen Regeln des jüdischen Glaubens. „Das war ein großer Kampf mit uns selbst. Plötzlich mussten wir den Sabbat einhalten, 24 Stunden ohne Auto, ohne Fernseher, ohne Küchengeräte.“ Ein paar Jahre später entschieden sie sich für einen Umzug nach Beit Shemesh. Der jüdische Philosoph Rambam sagte: „Der Mensch kann im Leben nur seinen Wohnort wirklich wählen. Denn in dem Moment, in dem du in eine bestimmte Gegend ziehst, wirst du Teil davon.“ Und so wurde auch Avraham zunächst extrem: „Ich bin nicht mal mehr zu meiner Familie zum Essen gegangen“, erzählt er heute erstaunt über sich selbst. „Wir haben zwar Yoga gemacht und unterrichtet, sind der Yogagemeinde aber aus dem Weg gegangen. Nach und nach habe ich festgestellt, dass durch diese Strenge meine Spiritualität verloren ging.“ Es hat beide viel Zeit und Kraft gekostet, eine Einheit von Yoga und Religion zu finden. „Wir haben Yoga geliebt, es war im Grunde unsere Religion, unsere Lebensart“, sagt Rachel. Als strenggläubiger Jude aber müsse man alles andere ablegen, einfach nur noch Jude sein. „Knapp acht Jahre hat es gedauert, bis wir herausgefunden haben, was gut für uns ist und dass wir vor Yoga keine Angst haben müssen.“ Eine gesunde Seele könne eben nur in einem gesunden Körper leben. „Iyengar sagt: ‚Der Körper ist mein Tempel, die Übungen ein Gebet.‘ Du kannst eben nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen.“ Und irgendwann ging Avraham auch wieder in sein säkulares Elternhaus.

Zwischen den Welten
Die Kolbergs bewegen sich seither zwischen zwei Welten: zwischen der religiösen, konservativen Gesellschaft in Beit Shemesh und der liberalen, körperbetonten, spirituellen Welt der Yogis. Und: Sie haben es geschafft, die Tore zur Welt des Yoga auch für andere orthodoxe Juden zu öffnen. Das Studio läuft gut, etwa fünf Kurse geben sie täglich, zusätzlich Privatstunden, sie haben um die 150 Schüler. Nach anderthalb Stunden packen die Schülerinnen an diesem Abend all die Matten, Blöcke, Gurte und Stühle weg. Sie ziehen sich wieder ihre langen Röcke über, überprüfen den Sitz des Kopftuches. Rachel weiß: Die Teilnehmerinnen ihres Kurses sind anders als in den Klassen der säkularen Yogahochburg Tel Aviv. „Viele der Frauen leben für Gott und befolgen die Regeln die Gesellschaft, sie gebären Kinder. Ester zum Beispiel wird in ein paar Jahren zwölf oder vierzehn Kinder zur Welt bringen und sich um sie kümmern“, sagt Rachel. „Diese Frauen vergessen über diese schwierige und Kräfte zehrende Arbeit oft ihren eigenen Körper, für den so viele Geburten natürlich anstrengend sind.“ Rachel möchte den Frauen in ihrem Yogastudio die Chance geben, wenigstens für ein paar Stunden in der Woche in sich hinein zu horchen. Rachel macht das Licht aus und die Tür hinter sich zu. Sie hat Feierabend und wird sich nun um ihre eigenen fünf Sprösslinge kümmern.
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Lissy Kaufmann ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München und kam im Oktober 2011 im Rahmen eines Stipendiums nach Israel, um für Radio und Print zu arbeiten. Sie hat sich verliebt – in das Land – und genießt das Leben in der Yogahochburg Tel Aviv.

Provokant und polarisierend

DHARMA PUNX

Nach einem Selbstmordversuch erwacht Noah Levine in einer Gummizelle. Seine vorangegangene Sinnsuche führte ihn über Alkohol, Drogen und Gewalt direkt hinter Gitter.Dort beginnt Noah nach einem Telefonat mit seinem Vater halbherzig zu meditieren und dessen Lehren zu folgen. Trotz vieler Rückschläge fallen die Samen dieser Lehre auf fruchtbaren Boden – und eine spirituelle Entwicklung nimmt ihren Lauf. „Dharma Punx“ ist weniger ein Buch über einen Genesungsprozess oder den Buddhismus. Es ist die Geschichte eines Mannes, der sich von einem jungen, unbedarften Skate-Punk zu einem gewalttätigen Heroinsüchtigen, zu einem buddhistischen Meditationsschüler und letztlich zum Lehrer entwickelt hat. Sympathisiert man mit dem Autor, ist das Buch sicher interessant zu lesen. Mir war es oft zu trotzig und sperrig geschrieben, außerdem teilweise nicht tiefgründig genug. „Dharma Punx“ ist mittlerweile übrigens eine Bewegung, die durch das Buch inspiriert wurde. In Deutschland finden regelmäßig Treffen der Dharma Punx Berlin statt.

Fazit : Der Titel klingt sehr verlockend, am Ende bekam ich allerdings mehr Punk als Dharma. Meine Prognose: Das Buch über den ehemals drogensüchtigen Punkrocker und inkarnierten Buddhisten wird polarisieren.

Laura Hirch

„Dharma Punx. Weg ins Leben“ von Noah Levine (Aurum Verlag, ca. 18 Euro)

Zurück ins Leben

YOGA IS

Suzannes Leben scheint perfekt. Bis sie nach dem Tod ihrer geliebten Mutter in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Um die Trauer zu verarbeiten, lässt sie ihren gesamten Alltag hinter sich, widmet sich intensiv der Yogapraxis und bricht gemeinsam mit einer Freundin nach Indien auf. Sie praktiziert bei diversen Lehrern, führt tiefgreifende Gespräche und als sie nach einem Unfall, der sie selbst beinahe das Leben gekostet hätte, neue Energie in sich aufsteigen fühlt, kehrt sie in ihre Heimat zurück, um zu erforschen, warum Yoga alles umkehren und neue Optionen im Leben eröffnen kann. Yogalehrer und bekannte Yogis wie Krishna Das, David Life, Seane Corn, Baron Baptiste oder Ana Forrest kommen zu Wort – und am Ende dieser wunderbaren Dokumentation steht die Erkenntnis, dass Yoga dabei helfen kann, Trauer zu verwandeln und inneren Frieden zu finden.

Fazit: Yoga is – ein Weg, Wahrheit, Glück, Transformation und vieles mehr; auf jeden Fall aber ein Film, der berührt.

„Yoga Is – A Transformational Journey. Ein lebensverändernder Film über die Kraft des
Yoga“ von Suzanne Bryant (Busch Media Group, ca. 15 Euro, ab 2.8.2013 auf DVD erhältlich)

Yogasequenz zum Podcast #90 Yogapraxis mit Kindern: Entdeckt gemeinsam die Zauberinsel der Tiere – mit Leila Oostendorp

kinderyoga mit leila oostendorp zauberinsel titelbild

Jeden zweiten Sonntag im Monat gibt es bei uns im YogaWorld Podcast die Praxisreihe, in der ausgewählte Yogalehrende dich durch eine Asana-, Meditations- oder Pranayama-Praxis führen. In Folge #90 hatten wir Leila Oostendorp mit einer ganz besonderen Praxis zu Gast, nämlich Kinderyoga. Die Folge ist geeignet für alle Kinder egal welcher Altersgruppe. Auch die Eltern, Geschwister oder Freunde sind herzlich eingeladen, mitzuüben und sie auf eine Reise zur „Zauberinsel der Tiere“ zu begleiten. Wir wünschen euch viel Spaß und eine tolle gemeinsame Zeit!

Dieser Artikel ersetzt natürlich nicht das Hören des Podcasts. Aber hier zeigen wir dir zur Veranschaulichung Leilas Yogasequenz in Bildern:

Dein Lieblingstier hilft beim Schneidersitz

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Hund

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller
© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Affe

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Löwe

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Der Esel

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Das Tigerbaby

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Partnermassage

© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Models: alle Yogis und Yoginis des © Kinder Yoga Welt Institut


© KiYoMaMu Kinder Yoga Musik Verlag, Leila Kadri Oostendorp & Philipp Stegmüller

Leila Kadri Oostendorp ist die Gründerin des Kinder Yoga Welt Instituts und bietet seit 2008 gemeinsam mit ihrem Team Kindern und Teenies durch Yoga einen Ort, sich selbst zu entfalten, zu wachsen und sich sowohl körperlich als auch geistig zu entwickeln. Mit diesen Gedanken hat sie 2013 eine neue Lernmethode für den Yogaunterricht mit Kindern entwickelt und mit dem Kinder Yoga Musik Verlag KiYoMaMu veröffentlicht. Seitdem folgt Leila dem Ruf ihres Herzens, als Yoga- und Entspannungspädagogin, sowie als Ausbilderin für Kinder- und Teenies-Yogalehrer*innen einen Beitrag zu leisten, die Erde etwas friedlicher, freundlicher und schöner zu gestalten.

„Ganz wichtig für mich ist, dass die Kinder am Yoga Spaß haben und ganz spielerisch und ohne Leistungsdruck die Übungen ausführen.“

Ihre Erfahrung und ihr Wissen im Kinder-, Teenies- und Familien-Yoga teilt Leila auch als vierfache Autorin in mehrsprachigen Yogabüchern sowie seit 2012 als Leiterin einer (kostenlosen) Kinder-, Teenies- und Familien-Yoga Lehrer*innen Online Community.

Mehr zu Leila Oostendorp und ihrer Arbeit unter www.kinderyogawelt.de (KYWI) und auf Instagram @kinderyoga_musik

Was kann Yoga wirklich?

The Science Of Yoga

Dieser Frage geht der Journalist William J. Broad in seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch „The Science of Yoga“ nach, das in den USA 2012 eine heftige Kontroverse ausgelöst hat, weil es unter anderem auf die Gefahren des Yoga hinweist. Dieses Werk bringt aber vor allem auf unterhaltsame und lehrreiche Weise Ordnung in die beinah unüberschaubare Anzahl von Theorien über Yoga und seine Wirkungen. Anhand kleiner Anekdoten wird die teils graue Theorie zum leichten und lebendigen Lesevergnügen. Dabei verliert der Autor, der selbst seit Über 40 Jahren regelmäßig Yoga übt, aber nie die Forschung und deren Erkenntnisstand aus dem Blick. Er klärt fundiert über die Vor- und Nachteile auf, wobei die positiven Effekte definitiv Überwiegen. Aber ja, Yoga birgt auch Risiken in sich, die Broad neutral unter die Lupe nimmt. Warum er sich diese Arbeit gemacht hat, für die er so stark kritisiert wird? Weil Yoga „eine zu große Unternehmung ist, um Unachtsamkeit und versehentliche Fehler hinzunehmen.“

Fazit : Ein wichtiges Buch, das viel erklärt und die Augen öffnet – ein Muss für alle wissbegierigen Yogis.

„The Science of Yoga. Was es verspricht – und was es kann“ von William J. Broad (Herder, ca. 22 Euro)