Love-Special: Ins Auge des Sturmes

Wege aus dem „Leidenskarussell“: Diese öffnen sich, wenn wir unsere Verhaltensmuster durch bewusste Entscheidungen ersetzen. Autor und Therapeut Matthias Ennenbach über das transformative Potenzial des Buddhismus für unsere Beziehungen.

YOGA JOURNAL: In Ihrem Buch „Befreit – Verbunden“ sprechen Sie von „unheilsamen Emotionen“ in Beziehungen. Welche sind dies und wie können wir uns von ihnen befreien?
MATTHIAS ENNENBACH: Es gibt drei unheilsame Hauptemotionen: Angst, Wut und Trauer. Der Begriff „unheilsame Emotion“ ist allerdings eine gewählte Vereinfachung. Die buddhistische Formulierung „unheilsame Geisteszustände“ trifft es eigentlich besser. Sie meint die Einheit von Emotionen und Gedanken. In anderen Kulturen wird nicht so wie bei uns zwischen Emotionen und Verstand unterschieden. Aber auch die empirisch-psychologische Forschung kann zeigen, dass Emotionen immer mit Kognitionen verbunden sind. Einer der Leitgedanken der Buddhistischen Psychotherapie, die ich praktiziere, lautet: Wir befreien uns nicht von, sondern inmitten von unseren Emotionen. Es ist so, als könnten wir jederzeit einen Schritt zurück, in das ruhige Auge des Sturms treten.

Welche Prinzipien des Buddhismus sind heute besonders wertvoll für unsere Beziehungen?
Für viele von uns sind insbesondere die nicht-religiösen Wurzeln des Buddhismus besonders hilfreich. Sie zeigen uns zum Beispiel, dass wir als Menschen immer wieder Leid erfahren werden. Diese Annahme könnte helfen, unseren Idealismus einzugrenzen und uns zu ein wenig Vorsorge zu motivieren. Der spirituelle Ansatz wird von sehr vielen Menschen als immer bedeutsamer erkannt, denn wir sind als Industriemenschen bereits stark infiltriert vom ökonomischen Denken. Das merken wir auch in unseren Beziehungen: Wie viel bringt die Beziehung, inwieweit zahlt sich meine Mühe aus? Wie ist die Beziehungsbilanz? Was gebe ich dir und was gibst du mir? Wenn wir dieses stark verinnerlichte Konsum- und Geschäftsdenken lockern und auch aufgeben, können wir als Individuen und Paare freier werden.

Welche Rolle kann eine spirituelle Praxis allgemein in unserer Beziehung spielen?
Die spirituelle Praxis des Yoga oder der Meditation sind Wege, die wir erst alleine gehen müssen. Wir können das natürlich auf der Ebene der Termine auch als Paar, aber der Zugang zur Spiritualität ist immer ein sehr persönlicher, selbst bei Partneruübungen. Wenn wir die heilsamen Potenziale, die in uns allen bereits angelegt sind, stärker realisieren konnten, dann tragen wir sie, mit geduldigen Wiederholungsübungen, auch in die Beziehung hinein. Wenn wir das duale Verständnis von hier Übung und dort Alltag langsam lockern, dann können wir auch im alltäglichen Umgang unser Beziehungsyoga oder unsere Beziehungsmeditation praktizieren.

Was ist zu tun, wenn die Partner unterschiedliche Auffassungen von Spiritualität haben oder gar anfangen, sie in ihrer Wertigkeit zu vergleichen?
Wenn wir unserem Partner vermitteln: „Das, was ich tue, ist besser, als das, was du tust“, verweist das auf eine spezielle Vision von exklusiver Spiritualität – unser 18-Uhr-Termin für Spiritualität. Und weil ich den besitze und du nicht, bin ich auf einem besseren Weg. Wir alle haben das duale Denken sehr verinnerlicht. Manchmal hilft es, wenn wir realisieren, dass nicht die einzelnen Aktivitäten entscheidend sind, sondern unser Bewusstsein, mit dem wir dabei sind. Spiritualität findet im Herzen und nicht auf der Yogamatte statt.

Ist auch hier die Achtsamkeit entscheidend?
Sicher ist es schwer, wenn wir vom Yoga oder der Meditation kommen und der Partner uns mit Bierfahne begrüßt, aber genau da dürfen wir dann nicht in alte Automatismen zurückfallen. So eine Situation ist eine sehr mächtige Medizin. Sie schmeckt oft bitter, aber sie könnte uns helfen, weil sie uns Grenzen setzt und konfrontiert. Dafür benötigen wir etwas Wichtiges – Buddha sagt: Die höchste Form der Askese ist die Geduld. Im Buddhismus gibt es aber auch das scharfe Schwert des Mitgefühls. Es bedeutet nicht, dass wir uns passiv alles gefallen lassen. Es ist möglich, gleichzeitig mitfühlend zu sein und dennoch einen Sachverhalt abzulehnen, so wie es auch möglich ist, gleichzeitig angespannt und locker zu sein. Wir erfahren das unter anderem in der Meditation. Dort ist der Rücken angespannt und gleichzeitig ist der Bauch entspannt.

Wie können uns Achtsamkeit und Meditation dabei helfen, bestimmte Beziehungsmuster zu erkennen und aufzulösen?
Sehr viele unserer Probleme haben ihren Ursprung in unseren zu schnellen und damit zu unbewussten Reaktionen. Wir haben in uns unzählige antrainierte Automatismen: die Frühstücks- Automatismen, die Autofahr-Automatismen, die Arbeits-Automatismen, die Ess- und Trink-Automatismen, die Abend-Automatismen und viele mehr. Diese müssen von uns mit Bewusstheit durchdrungen werden, sonst spulen wir nur noch unsere Beziehungs- Automatismen ab und geraten in ein Leidenskarussell aus steten Wiederholungen von Drama oder Langeweile. Achtsamkeitsübungen und Meditation stärken in unserem Nervensystem Strukturen, die unsere Selbstaufmerksamkeit erhöhen und unseren inneren Ruhepol verstärken. So können wir unsere Selbststeuerung wiedererlangen, entschleunigen und treffen eine Wahl statt einem Muster zu folgen. Herzstück dieser Techniken ist das buddhistische Achtsamkeitstraining: Zuerst beginnen wir mit einem Beruhigungs- und Klärungsprozess auf körperlicher Ebene, danach erst auf emotionaler und dann auf gedanklicher Ebene. Achtsamkeit bedeutet, dass wir diese drei Instanzen in uns realisieren und beruhigen lernen. Auf diesem geklärten Fundament, und nur darauf, können wir dann entsprechende Entscheidungen treffen.

Wie erreicht und lebt man eine Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist?
Solche Fragen basieren oft auf bestimmten Erwartungen und meist auch auf Idealvorstellungen. Nur zu oft erhöht das noch den Druck auf Paare: „Wenn du mich wirklich liebst, stellst du keine Bedingungen.“ Können wir und wollen wir denn definieren, was Liebe zu sein hat? Manchmal wird es eben schwer. Wir können nicht immer selbstlos sein. Wir haben Bedingungen, einige sind wahrscheinlich auch gut so. Aber wenn wir uns inmitten unserer Bedingungen befreien, müssen wir uns daran nicht festklammern. Es entsteht ein heilsamer kleiner Spielraum, den wir nach und nach ausbauen können. Dafür gibt es im Achtsamkeitstraining viele konkrete Übungen und Hilfen.

Im Yoga üben wir gleichzeitig, das Ego loszulassen und die Selbstliebe zu stärken. Wo befindet sich hier die Grenze und welche Art der Selbstliebe brauche ich, um die Beziehung zu meinem Partner zu nähren?
Sowohl im Rahmen von Yoga- als auch bei buddhistischen Unterweisungen, hören wir oft, dass unser Ego eine Illusion sei und dass wir es loslassen sollen. No ego, no pain. Wenn wir in der Partnerschaft verletzt werden, ist es immer das Ego, das schreit. Aber das „einfache“ Loslassen funktioniert nicht so leicht. Die Strategie lautet: erst Aufbau, dann Abbau. Das bedeutet, dass wir zuerst über ein stabiles, sicheres Ego verfügen müssen, bevor wir damit beginnen, es einzudämmen. Einem armen Obdachlosen können wir auch nicht sagen, das Geld eine Illusion sei, nur bedrucktes Papier.

Geht es hier letztendlich um Sicherheit?
Wir alle benötigen Sicherheit. Nur eine egostarke Frau und nur ein egostarker Mann können sich sicher fühlen. Aber diese Stärkung ist nur der Vorläufer, damit wir loslassen können. Vielleicht ist es zuerst die liebende Güte für uns selbst, die wir kultivieren müssen. Wenn wir das intensivieren, wird sich dieser Prozess auf alles um uns herum ausdehnen. Es wird zwangsläufig Auswirkungen zeigen, aber das darf nicht unsere Motivation für spirituelle Praxis sein. Wenn wir versuchen, eine Form der Liebe zu finden, damit wir etwas beim Partner erreichen, wird uns diese Bedarfsstrategie nur wieder zu weiteren Problemen führen. Heute wissen wir, dass wir uns fundamental ändern können. Buddhisten sprechen von unendlichen Keimen und Neurowissenschaftler von unzähligen Veranlagungen in uns. Es liegt an uns, welchen Keim wir kultivieren. Wir müssen uns immer daran erinnern: Alles, was wir wiederholen, wird sich in uns festigen. Das Unheilsame ebenso wie das Heilsame. Es gibt keine Abkürzungen. Wir benötigen das geduldige Wiederholen des Heilsamen.

Love-Special: „Kommunikation ist sehr, sehr sexy“

Als Systemischer Berater, Mensch und Lehrer für Yoga und Meditation kennt sich Ralf Sturm mit den Aufs und Abs in Beziehungen aus. In seiner Arbeit begleitet er sowohl Singles als auch Beziehungspartner durch „Gefühlsstürme“ und zeigt, dass Liebe nicht von Yoga oder Meditation, sondern von Kommunikation abhängt.

Ralf, ist die Beziehung zum Partner Spiegel der Praxis?
Die Beziehung zu unserem Partner spiegelt unsere Beziehung zum Leben. Da stellt sich die Frage, ob man wirklich am Partner interessiert ist. Denn bei genauem Hinsehen ist man häufig stärker mit sich selbst beschäftigt: Wie man auf den anderen wirkt oder wie man das bekommt, was man möchte. Wir erwarten etwas von unserem Partner, von Gott oder dem Universum und sind sauer, wenn wir es nicht bekommen. Man hat nicht automatisch eine erfüllte Partnerschaft, nur weil man mehr Zeit auf der Yogamatte oder dem Meditationskissen verbringt. Manchmal ist die Praxis auch eine Flucht vor Nähe und Intimität. Wenn es in der Partnerschaft nicht gut läuft, ist das auf jeden Fall ein Hinweis darauf, dass man sich den Umgang mit sich selbst ansehen sollte.

Wie kann man die Paarbeziehung als „yogisches Übungsfeld“ nutzen?
Eine Paarbeziehung ist immer ein Satsang, das heißt eine „Gemeinschaft mit dem Wahren“. Wenn wir die Schönheit in unserem Partner oder unserer Partnerin sehen, werden wir an unseren eigenen wundervollen Kern erinnert – wir sehen uns auch selbst als ganz. Das erhöht unsere Lebensenergie: ein Kuss stärkt das Immunsystem und unser Selbstvertrauen wächst, wenn wir Liebe ausdrücken. Je mehr wir das üben, desto tiefer kommen wir zu unserer wahren Essenz.

Und wenn wir gerade nicht mit dem Partner klarkommen?
Dann kann die Paarbeziehung uns dabei helfen, uns selbst zu studieren. Wir können den negativen Gedanken oder schwierigen Gefühlen auf den Grund gehen. Wenn wir den Ursprung unserer Emotionen berühren, wird die festgehaltene Energie befreit. Dann sind wir nicht mehr so unbewusst von alten Eindrücken und Prägungen bestimmt und können uns besser mit dem Jetzt beschäftigen.

Was kann man tun, wenn man selbst einen spirituellen Weg beschreitet, der Partner dagegen keinerlei Interesse an solch einer Entwicklung zeigt? Hat so eine Beziehung überhaupt eine Chance?
Für eine Partnerschaft ist es oft ein „Schock“, wenn einer von beiden neue Wege ausprobiert, plötzlich mit vielen anderen Menschen in Kontakt ist oder überlegt, seinen bisherigen Beruf an den Nagel zu hängen. Das kann dem anderen Angst machen. Der Nicht-Yogi glaubt dann beispielsweise, der Yogini nicht mehr zu genügen. In der Folge zieht er sich noch mehr zurück. Dann sinkt die Kommunikation auf ein Minimum. Die Yogini ist sauer, dass keine Begegnung mehr stattfindet, und denkt: Jetzt „passt“ es nicht mehr. Dabei hätten beide nur ein wenig positive Bestätigung vom anderen gebraucht. In solchen Fällen kann ein Zwiegespräch sehr heilsam sein. Die Partner können sich gegenseitig sagen, was sie sich bedeuten und was sie brauchen. Liebe ist nicht abhängig von Yoga oder Meditation, sondern von Kommunikation.

Es ist ja auch so: Wenn man sich unter den Yogis umschaut, hat man nicht gerade den Eindruck, dass ihre Beziehungen „besser“ funktionieren. Warum „wirkt“ Yoga im Beziehungsalltag nicht besser?
Das liegt nicht am Yoga, sondern an den Menschen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Yoga hingezogen fühlten. Warum haben wir uns im Yogastudio angemeldet? Weil wir mit allen Punkten in unserem Leben hundertprozentig zufrieden waren? Meist nicht. Es war wahrscheinlich oft eine tiefe Sehnsucht, die uns dorthin führt. Und diese ist bei manchem Yogi von einem gewissen Misstrauen gegenüber dem Glück begleitet. Wer viele Verletzungen mitbringt, hat auch eine Menge zu „bearbeiten“, wenn er eine Beziehung halten möchte. Sonst ist die Versuchung groß, negative Emotionen dem Partner in die Schuhe zu schieben und von einer Beziehung zur nächsten zu gehen. Wobei man sich ja immer selber mitnimmt. Wenn man also seinen Partner verlässt, weil man endlich seine(n) Traum- Yogi(ni) gefunden hat, dann scheint auf einmal alles besser. Bis die Flitterwochen vorbei sind, und Machtkampf oder Wüstenzone wieder über einen hereinbrechen, die man dann manchmal aufgrund seiner gesteigerten Wahrnehmung noch empfindlicher erlebt.

Die meisten Menschen, die zum Beziehungs- Coaching zu dir kommen, befinden sich vermutlich in einer Krise. Wie kann die Yogapraxis in solchen Situationen unterstützen?
Das Wichtigste ist, dass erst einmal jemand da ist, der einem hilft, sich aus den alten Trancen zu lösen. Wer sich unglücklich fühlt, braucht einen Ansprechpartner, der ihm sein eigenes Potenzial wieder zeigt. Sonst passiert das, was Patanjali so beschreibt: „Der Sehende identifiziert sich mit dem Gesehenen.“ Wenn wir uns nur auf den Schmerz konzentrieren, bleiben wir darin gefangen. Es braucht jemanden, der einen wieder mit Liebe anschaut. Dann sind Asanas ein wunderbarer Weg, wieder in Kontakt mit dem eigenen Körper und den eigenen Gefühlen zu kommen. Oft ist es nämlich so, dass man „fremdfühlt“ oder die Verantwortung für die Gefühle der anderen übernimmt. In der Yogapraxis lernt man, sich um seinen eigenen Körper zu kümmern. Wir stärken die Wurzeln und bekommen ein Gefühl von Sicherheit. Genug essen, gut schlafen: Dafür brauchen manche Menschen externe Motivation. Ich habe in meiner Trennung auch jemanden gebraucht, der mir mal den Kopf gewaschen und mich nicht mit Samthandschuhen angepackt hat. „Kümmere dich um dich selbst und erwarte es nicht von anderen“, lautet dann die Devise.

Wie steht es in der Krisensituation mit den entsprechenden Gefühlen: Wut, Trauer, Angst?
Im Kontakt mit der Gefühlswelt braucht man manchmal auch Führung. Viele Yogis können sich zwar in Trauer verlieren, möchten sich aber nicht eingestehen, dass sie darüber hinaus auch einfach total wütend sind. Diese Wut möchte erlebt werden. Erst dann können die darunter liegenden Emotionen frei werden, deren Energie zur Transformation führt. Eine Krise in der Beziehung, ob es zur Trennung kommt oder nicht, bietet ja immer die Chance, danach eine ganz neue Ebene in der Partnerschaft zu erreichen. Das Nächste ist das Wahrnehmen der eigenen Kraft. Man wird attraktiv, wenn man seinen Selbstwert im Bauch spürt. So ist der Sonnengruß eine Verneigung vor unserem eigenen Solarplexus. Erst wenn wir selber aus dem Bauch heraus zu uns stehen können, werden wir im Herzen bereit für die Liebe. Vorher kann man sich zwar intellektuell vornehmen, sich „hinzugeben“, man wird sich aber schließlich benutzt oder ausgenutzt fühlen.

Der Markt ist voll von solchen Büchern wie „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“. Mangelt es dem Yogi an Selbstliebe, Toleranz oder Reife, wenn er sich trotzdem irgendwann von seinem Partner trennt?
Dieser Buchtitel hat viel Leid über die Menschheit gebracht (lacht), weil er oft falsch verstanden wurde. Im Kern stimmt das ja. Wenn man sich selbst ohne Wenn und Aber liebt, kann man alle Menschen lieben. Aber das ist in ihrer Absolutheit eine sehr unrealistische Voraussetzung. Wer von uns kann das schon ganz von sich behaupten? Ich jedenfalls nicht. Es mangelt nicht an Toleranz, wenn man sich aus einer destruktiven Beziehung löst. Es mangelt allerdings dann an Reife, wenn man sich in die nächste Beziehung stürzt, ohne die Gründe, die einen in die Beziehung geführt haben, zu bearbeiten. Dann erlebt man mit Sicherheit früher oder später wieder den gleichen Schlamassel. Allerdings verbeißen sich manche Yogis lange in den oben zitierten Spruch, und versuchen mit aller Kraft, es jetzt „endlich“ zu schaffen. Der Grund liegt aber meist nicht beim Partner, sondern bei unseren eigenen Unsicherheiten und Ängsten.

Gibt es „gute“ Gründe für Trennungen?
Ich hasse Trennungen. Die meisten würden sich vermeiden lassen, wenn wir wieder mutiger werden, miteinander zu reden und Intimität zuzulassen. Aber meiner Meinung nach gibt es drei wichtige Gründe, eine Beziehung zu beenden: körperliche Gewalt, andauernde verbale Gewalt und Drogenmissbrauch. Das sind die Fälle, wo es nicht egal ist, mit wem man zusammen ist, weil man sich nicht selbst liebt, wenn man bleibt. Letztlich können alle Formen von Suchttendenzen in einer Beziehung ein Grund sein, die Partnerschaft auf Eis zu legen. Das heißt nicht, dass man sich für immer trennen muss. Aber derjenige, der ein Thema mit Gewalt oder Abhängigkeit hat, muss beiseite treten und sich Hilfe suchen. Das gilt übrigens in der Regel für beide Partner, denn in den seltensten Fällen ist das Problem einseitig. Viele Menschen leben in einer Co-Abhängigkeit, um der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte aus dem Weg zu gehen.

Du beschäftigst dich intensiv mit dem Thema „Mann sein“. Was macht einen Mann in einer Beziehung aus?
In der Shiva-Shakti-Philosophie ist die männliche Polarität die Energie der Konzentration. Der klassische Yoga ist im Grunde ein sehr männlicher Weg. Man sieht das auf dem Bild von Shiva und Kali: Sie ist zornig und er bleibt ruhig. Wenn ein Mann auf Gemütsschwankungen der Frau ebenfalls emotional reagiert, verlässt er seine männliche Präsenz und wird für die Partnerin unattraktiv. Wenn er stattdessen seine Fassung bewahrt und sich – statt sich ängstlich zurückgestoßen zu fühlen – weiter seiner innewohnenden Kraft bewusst ist, kann die weibliche Energie wieder zu ihm hinfließen. Überspitzt gesagt: Ein Mann schmollt nicht und schmeißt nicht mit Geschirr. Eine Frau darf das, es kann sogar ein Ausdruck ihrer Lebendigkeit sein. Eine wilde Frau ist ekstatisch, ein wilder Mann ist fokussiert.

Was sind typisch „männliche“ Beziehungsthemen bzw. -muster?
Männer haben heute leider wenig männliche Bezugspersonen und Vorbilder. Das Erziehungssystem ist weiblich dominiert, und wer hatte schon viel Kontakt zu seinem berufstätigen Vater? In der Folge haben viele Männer eine sehr starke weibliche Polarität entwickelt. Frauen haben es anfangs geschätzt, dass Männer gelernt haben, ihre Emotionen zu zeigen, aber viele Männer versinken nun geradezu darin. Oder es bleibt beim Klassiker: gar keine Emotion zulassen. Der gesunde männliche Weg ist, in Kontakt mit seinen Gefühlen zu sein, aber sich nicht davon überwältigen zu lassen.

Du behauptest: „Es hat noch nie eine Frau einen Mann verlassen, der nicht vorher bereits sich selbst verlassen hat.“ Wie meinst du das?
Als Teenager dachte ich, ein Mann muss sich anstrengen, damit eine Frau ihn begehren kann. Dieser Druck belastet viele Männer. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn eine Frau in Kontakt mit ihrer Weiblichkeit ist, sehnt sie sich in der Regel nach einem Mann. Aber eben nach dieser stillen Kraft, und nicht nach einem Jungen, der sich noch nicht von seiner Mutter gelöst hat. Wenn ein Mann in Kontakt mit sich selbst ist, wird er automatisch anziehend. Wenn die Frau geht, ist das in der Regel ein Signal für den Mann, erwachsen zu werden. ✤

 

Ralf Sturm schreibt sonst die Kolumne Lernen von den Göttern und leite zahlreiche Seminare in ganz Deutschland.

Rohe Köstlichkeiten

Eine knackige Möhre, ein saftiger Apfel oder frisch gepflückte Beeren – von Kindesbeinen an ist Rohkost ein wichtiger und natürlicher Bestandteil unserer Ernährung. Immer mehr Menschen finden Gefallen daran, sich vorwiegend naturbelassen zu ernähren. Auch unter Prominenten erfreut sich Rohkost immer größerer Beliebtheit. So ist zum Beispiel Schalke-Torwart Timo Hildebrand bekennender Rohkost-Liebhaber. YOGA JOURNAL hat er erzählt, wie es dazu kam.

YOGA JOURNAL: Timo, wie bist du auf die Idee gekommen, Rohkost in deinen Speiseplan aufzunehmen?
TIMO HILDEBRAND: Mein Osteopath hat mich auf die Idee gebracht. Im ersten Moment habe ich nur an Kohlrabisticks, Gurkenscheiben und Obstteller gedacht. Wie vielfältig Rohkost aber tatsächlich ist, habe ich erst erfahren, nachdem ich mich eingehend mit dem Thema beschäftigt habe.

Welchen Stellenwert hat Rohkost für dich?
Also Profisportler versuche ich natürlich immer, sehr auf meinen Körper zu achten. Wenn ich zurückdenke, wie ich mich früher ernährt habe, bin ich sehr dankbar für die Entwicklung hin zur Rohkost. Man kann einfach sehr viel Energie aus der Nahrung ziehen. Und umgekehrt kann einem die falsche Ernährung auch sehr viel Energie entziehen – und plötzlich ist man nicht mehr so leistungsfähig, wie man es sein könnte. Deshalb war das ein so wichtiger Prozess für mich.

Was hast du in deinem Leben verändert?
Hauptsächlich kleine Dinge: Ich versuche beispielsweise, morgens weniger Brot zu essen. Stattdessen nehme ich frische Früchte oder einen selbstgemachten Smoothie zu mir. Außerdem versuchen wir, den Konsum von Milchprodukten zu reduzieren – sogar bei unserem Sohn. Darüber haben meine Freundin und ich uns ausführlich informiert und Gedanken gemacht. Warum sollten wir Kindern Kuhmilch geben? Wir Menschen sind die einzige Spezies, die Milch von anderen Lebewesen zu sich nimmt. Kalzium und Magnesium können wunderbar auch anders aufgenommen werden.

Wie schaffst du es, Rohkost in deinen Alltag als Profi-Fußballer zu integrieren?
Natürlich ist es manchmal schwierig, vor allem, wenn ich unterwegs bin. An Flughäfen gibt es nicht unbedingt das beste Essen … Aber ich nehme mir zum Beispiel gerne Feigen und Datteln mit. Das ist besser als jede Schokolade!

INFO: WARUM ROHKOST?
Im Gegensatz zu gekochter Nahrung wird Rohkost nicht über 45 Grad erhitzt, so bleiben die Lebensmittel weitgehend in ihrem Urzustand erhalten und der Erhalt vieler lebenswichtiger Vitamine, Nährstoffe und Enzyme ist gesichert. Das ist nicht nur gesund, sondern schmeckt auch lecker und fördert zudem einen nachhaltigen Umgang mit der Natur. Rohkost kann einfach sein, schnell gehen und schlicht den Verzehr von Obst und Gemüse in Bioqualität bedeuten. In der Gourmet-Rohkost gibt es aber auch ausgefallene Rezepte, bei denen jeder Teller wie ein kleines Kunstwerk aussieht, zum Beispiel rohe Schokolade, selbstgemachtes Fruchteis oder Zucchini-Spaghetti mit Bolognese-Soße aus Sonnenblumenkernen. Innerhalb der Rohkost-Szene gibt es verschiedene Philosophien und Ansätze. Wenn man von Rohkost spricht, ist meist die vegane Rohkost gemeint, bei der ausschließlich Obst, Gemüse, Früchte, Salat, Kräuter und Nüsse verzehrt werden. Die vegetarische Form erlaubt auch Rohmilch und Honig. Nicht-Vegetarier erweitern den Speiseplan um tierische Produkte wie rohen Lachs, Forelle oder Fleisch wie Tartar und Carpaccio. „Rohe Ernährung“ muss auch nicht hundert Prozent Rohkost heißen, meint Rohkostexpertin Kerstin Schulze, die bei der Firma Keimling die Rohkostakademie leitet. Momentan ernährt sie sich zu zwei Dritteln roh und kocht ansonsten vegan. Die Entscheidung zur Rohkost traf sie vor 13 Jahren aus gesundheitlichen Gründen – mit vollem Erfolg. Nicht nur die Beschwerden verschwanden, auch die Pfunde purzelten. „Man fühlt sich fitter, geistig klarer und spürt mehr Lebensfreude“, beschreibt Schulze die Vorteile der Rohkost-Ernährung. In ihren Seminaren führt Kerstin Schulze Teilnehmer an das Thema Rohkost heran und hilft dabei, gängige Vorurteile abzubauen. So hört man immer wieder, dass Rohkost schwer verdaulich sei. „Dabei werden wir von den Gewohnheiten geprägt, die wir von Kindheit an mitbekommen haben“, so Schulze. Kein Tier erwärmt sich seine Mahlzeiten, nur der Mensch macht das. Und das auch erst seit 10 000. Wenn wir im Winter unser Verdauungsfeuer stimulieren wollen, können wir dies auch mit Hilfe bestimmter Gewürze wie Curry, Chili oder Ingwer tun. Auch ein Salat am Abend ist kein Problem, meint Kerstin Schulze. Schwerwiegender sei, dass wir uns heute beim Essen oft nach festen Zeiten richten und nicht nur dann essen, wenn wir tatsächlich Hunger verspüren. Wenn die Zeitabstände zwischen den Mahlzeiten zu kurz sind und man zum Beispiel zwischen Mittagessen und Abendessen am Nachmittag noch isst, stehen nicht genügend Verdauungssäfte zur Verfügung, um die rohe Nahrung am Abend zu verdauen. Außerdem sollte man das Mischen von Rohkost und gekochten Speisen möglichst vermeiden. Aus ihrer eigenen Erfahrung heraus plädiert Schulze für eine schrittweise Umstellung der Ernährung. Es bringt schon viel, beim Frühstück das Brot durch Obst oder einen Smoothie zu ersetzen. Statt Kaffee kann man mehr Wasser trinken, statt Zucker auf Fruchtsüße umsteigen und Fleisch, Fisch und Milch durch (eingeweichte) Nüsse und Samen ersetzen. Fachliteratur kann auf dem Weg zur Rohkost-Ernährung eine Inspiration sein, letztlich muss aber jeder den richtigen Weg für sich selbst finden: „Wichtig dabei ist, dass man sich wohlfühlt.“

Von Tobias Frank

SUP-Yoga: Navasana mal anders

Wasserratten ahoi!

Am malerischen Ammersee bietet Percy Shakti Johannsen yogischen Wasserratten die Möglichkeit, auf einem Paddleboard zu praktizieren und sich dabei auf ihre eigene Mitte zu konzentrieren.

YOGA JOURNAL: Percy, was sind die Ursprünge von Stand-Up-Paddleboard-Yoga?
PERCY JOHANNSEN: Stand Up Paddle (SUP) Surfing geht ursprünglich auf polynesische Fischer zurück, die sich in ihren Kanus stehend auf dem Meer fortbewegten. In den letzten Jahren fand SUP immer mehr Verbreitung als Freizeitsport und entwickelte sich zu einer eigenständigen Wassersportart. Da Yoga um einiges älter ist als SUP und es schon lange Yogis gibt, die auch surfen, ist anzunehmen, dass die ersten Yogis unmittelbar nach Entwicklung dieses stabilen Surfbretts bereits Yoga darauf übten.

Was ist das Besondere an einer Yogastunde auf dem Wasser?
Die einzigartige Verbindung und die Nähe zur Natur und sie mit allen Sinnen bewusst wahrzunehmen: das Geräusch, wenn das Brett über die kleinen Wellen gleitet, das Glitzern der Sonne auf dem Wasser, das Gefühl des warmen Sommerwinds, der Geruch von Sonnencreme und der Geschmack des Wassers, wenn man doch mal vom Brett fällt. Es ist wirklich eine wunderschöne Herausforderung, all die auf der Yogamatte gemeisterten Asanas auf einem beweglichen Untergrund auszuprobieren, zu üben – und zu genießen.

Braucht man Vorkenntnisse, um an einer SUP-Yogastunde teilzunehmen?
Grundsätzlich braucht man keine Vorkenntnisse. Für SUP-Anfänger bieten wir im Vorfeld einen halbstündigen Einführungskurs zu den Grundlagen beim Stand Up Paddling an, Yoga-Anfänger werden, genau wie bei „normalen“ Stunden auf festem Untergrund, sanft durch die verschiedenen Asanas begleitet. Auf den SUP-Brettern steht man erstaunlich sicher und selbst Anfänger können sofort loslegen. Und mit der Balance ist es genau das Gleiche wie an Land: Hör auf deine innere Stimme und übe deiner Verfassung entsprechend. So bleibt ein unerwünschter Badespaß aus, wobei das kühle Nass hin und wieder auch eine sehr willkommene Erfrischung bietet.

Besteht nicht die Gefahr, dass jeder Schüler auf seinem Board in eine andere Richtung driftet? Wie hält man die Gruppe auf dem Wasser zusammen?
Bei schönem Wetter und Windstille geht das ganz gut, ansonsten paddelt man einfach
zurück, sobald die Stimme des Lehrers so leise wird, dass man nichts mehr versteht. Und inzwischen haben wir auch ein tolles System mit Seilen entwickelt, mit dessen Hilfe das Auseinanderdriften verhindert wird.

Kühlt man nicht sehr schnell aus, wenn man auf dem Wasser praktiziert?
Ich passe das Stundenbild den Schülern und der Wetterlage an, so dass es in der Regel immer angenehm warm ist. Für den Fall der Fälle kann man über uns auch Neoprenanzüge leihen und damit aufs Wasser gehen. Die Anzüge schützen vor kaltem Wasser und Wind.

Percy Shakti Johannsen ist Visionär, Numerologe und ärztlich geprüfter Yogalehrer. 2008 gründete er zusammen mit seiner Frau das Namasté Yoga Studio in Herrsching am Ammersee, wo er seit 2011 auch SUP-Yogastunden gibt. Mehr Infos unter www.shaktiji.com

Kochen Mit: Katharina Bretsch

Lauwarmer Salat vom Kräuter- und Austernseitling mit Avocado-Granatapfel-Dressing

250 g Kräuterseitlinge
250 g Austernseitlinge
1 Granatapfel
2 Avocados
Saft von 1 Zitrone
2 rote Zwiebeln
1 1/2 TL Senf
4 EL Essig
5 EL ÖL
1/2 TL Zucker
2 EL Wasser
Salz
frisch gemahlener Pfeffer

  • Die Kerne aus dem Granatapfel lösen. Senf, Essig, drei Esslöffel Öl, Zucker und Wasser vermengen und anschließend die Granatapfelkerne, Salz und Pfeffer zufügen.
  • Die beiden Avocados schälen, das Fruchtfleisch in Würfel schneiden und sofort mit Zitronensaft beträufeln. Kurz ziehen lassen und zum Dressing geben.
  • Zwiebeln in feine Ringe schneiden und in einem Esslöffel Öl anbraten.
  • Die Kräuter- und Austernseitlinge in mundgerechte Stücke schneiden, im restlichen Öl kurz scharf anbraten und sofort mit den Zwiebelringen in eine Schüssel geben.
  • Danach mit dem Dressing vermengen und nochmals mit Salz und Pfeffer abschmecken.
  • Am besten lauwarm servieren.

Mit einer Scheibe Bauernbrot wird das Gericht übrigens auch zu einer tollen Hauptspeise!

„Kochen ohne Tiere“ ist für Katharina Bretsch eine Selbstverständlichkeit. Die Verantwortung in Bezug auf die eigene Ernährung ist für die Stuttgarter Grafikerin (31) so essenziell, dass sie sich damit sogar in ihrer Diplomarbeit im Fach Kommunikationsdesign auseinandergesetzt und ihr eigenes vegan-illustratives Kochbuch gestaltet hat. Sechs Wochen hat sie dafür am Stück gekocht und ständig Freunde zu ausgedehnten Ess-Orgien eingeladen. Am Ende haben es dann von den 150 nachgekochten Rezepten 55 in den Druck geschafft, die Diplomarbeit wurde mit dem Prädikat „ausgezeichnet“ versehen und als Buch „Kochen ohne Tiere“ innerhalb kürzester Zeit verlegt. Ob sie einige ihrer Freunde von der veganen Kochkunst überzeugen konnte? „Ich komme sowieso aus einem sehr vegetarier- und veganerfreundlichen Kreis. Dadurch, dass ich aus den Probe-Essen immer Riesenevents mit teilweise Acht-Gänge-Menüs gemacht habe, wurde die ganze Aktion zu einem großen Spaß. Ich liebe das Kochen und mir macht es unglaubliche Freude, Menschen davon zu überzeugen, dass köstlich nicht gleich mit tierischen Produkten zusammenhängt.“ www.jumi-jami.blog.de

 

Gibt es die (eine) Yogaphilosophie?

In vielen Yogastudios gehört es zum guten Ton, aus „alten Schriften“ zu zitieren oder gar Yogaphilosophie zu lehren. Dabei hat man immer öfter das Gefühl, man müsse diese Philosophie dringend gegen ihre Freunde verteidigen.

Die Topseller im Bereich der „Yogaphilosophie“ sind sicherlich Patanjalis Yogasutra und die Bhagavad Gita. Mit einigem Abstand folgt noch die so genannte Hatha Yoga Pradipika. Warum ausgerechnet diese drei Werke die zentralen Quellentexte für Yoga sein sollen und nicht noch viele andere, wäre erklärungsbedürftig – bleibt aber im Dunkeln. Neben der mitunter unklaren Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Texte steht also schon am Anfang die Frage, wer eigentlich über ihre Auswahl und Relevanz entscheidet? Vermutlich sehen wir nur einen Bruchteil. Immerhin ist die Bhagavad Gita auch die wichtigste Schrift einer ganz anderen Tradition, nämlich des Hinduismus.

Aber einmal vorausgesetzt, die Yogaphilosophie-Lehrer halten den „richtigen“ Text von den „richtigen“ Leuten in Händen, müssen sie sich doch zwei Fragen stellen: Verstehen wir das, was da geschrieben steht? Und stimmt es denn auch? Die Frage nach dem Verständnis ist alles andere als trivial: Kaum jemand spricht Sanskrit oder kann die Qualität der unterschiedlichen Übersetzungen beurteilen. Die fünf oder sechs verschiedenen deutschen Versionen der ersten Sutras von Patanjali, die ich kenne, liegen meilenweit auseinander. Ich nehme also die, die mir am besten gefällt – es fehlt mir jedoch ein hartes Kriterium, um diese Wahl argumentativ zu begründen. Trotzdem führt der Vergleich von mehreren Übersetzungen zumindest zu der wichtigen Einsicht, dass es sich jeweils um Interpretationen des Originals durch verschiedene Autoren handelt. Ein Hauch von kritischer Distanz könnte sich einstellen.

Zum Verständnis gehört neben der Sprache auch der gedanklich transportierte Inhalt. Vielleicht erfassen wir ja tatsächlich die generelle Idee eines solchen Sutra? Komischerweise wird in der Yogaszene die Plausibilität der so genannten „alten Schriften“ nie ernsthaft bezweifelt oder auch nur im Ansatz diskutiert. In keinem Yogabuch der letzten Jahre habe ich je gelesen, dass das, was da steht, aus diesem oder jenem Grund nicht stimmen würde. Das heißt, es gibt hierzulande offenbar keinerlei kritische Auseinandersetzung mit der „Philosophie“ des Yoga. Und das ist wirklich schlecht. Jede Philosophie, die diesen Namen verdient, sollte kontrovers diskutiert werden, muss kritisiert und geprüft werden, sich bewähren und darf sich auch als falsch erweisen. Das Problem ist aber, dass die genannten

Texte als zeitloses Offenbarungswissen aufgefasst werden und deswegen gegen Kritik und Widerspruch immun sind. Wie soll sich der Gott Krishna in der Bhagavad Gita irren und gleichzeitig ein Gott sein? Die Texte werden dadurch zu einem Dogma – und sind keine Philosophie. Nun ist Yoga selbst, so wie ich es verstehe, allerdings ein undogmatisches System. Und zwar eines, das äußerst dynamisch ist. Im Kern ist Yoga eben nicht statisch und unverrückbar, sondern beweglich und evolutionär. Die gleichen Lehrer, die von „Loslassen“ und „Prozessen der Veränderung“ sprechen, tragen eine in Stein gemeißelte „Philosophie“ ewiger Prinzipien mit sich herum.

Ein weiteres Problem ist, dass in den neuen Yogabüchern meist nichts Neues steht. Es fehlt schlicht an Originalität. Und es wird tatsächlich nur nachgebetet, was schon seit Jahren überall so steht. Wo bleibt der Fortschritt, die Weiterentwicklung, die Neuinterpretation – all das, was eine gute Idee locker verträgt, sie geradezu ausmacht? Autoren, Lehrer und Schüler haben sich offenbar von ein paar alten Texten aus Indien entmündigen lassen. Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno warnt vor den „Fassaden höheren, tieferen Sinns“, vor dem „raunendem Beteuern, es gebe eine überindividuelle, zeitlose Ordnung“. Er empfiehlt zunächst das Nicht-Einverständnis und „abweichendes Verhalten gegenüber dem kompakten Kollektiv“, die permanente Revolution. Auch das muss man nicht glauben; doch es hört sich ziemlich aufgeklärt, selbstständig und unabhängig an. Auf jeden Fall sind wir gut beraten, wenn wir herauszufinden versuchen, ob unsere eigenen Ideen richtig sind – indem wir prüfen, ob sie vielleicht falsch sein könnten.

 

Michi Kern ist einer der Mitbegründer der Jivamukti- Yogaschulen in München, wo er auch unterrichtet. Er betreibt diverse Clubs sowie (vegane) Restaurants und studiert Philosophie

Schuld und Sühne

Drogen, Kriminalität und Gewalt prägten seine Vergangenheit. Schließlich beging Dieter Gurkasch sogar einen Mord und sass 25 Jahre lang im Knast. In der Mai/Juni-Ausgabe 2010 berichtete YOGA JOURNAL darüber, wie er in der JVA Fuhlsbüttel eine Yogagruppe ins Leben rief. Jetzt ist er wieder frei.

Als unsere Redakteurin Monique Opetz 2010 nach Hamburg fuhr, um mit Dieter Gurkasch über seine Praxis zu sprechen, hatte der Häftling mit Yoga einen Weg zu innerem Frieden gefunden. Heute, mehr als drei Jahre später, trifft YOGA JOURNAL ihn zum Interview unter einem freien Sylter Himmel. Er ist zu einem tief gläubigen Menschen und überzeugtem Yogi geworden. Ein Dialog über die hart erkämpfte Freiheit – und die Erlösung von der Schuld.

YOGA JOURNAL: Wie fühlt es sich an, wenn man nach 25 Jahren – teilweise in Sicherheitsverwahrung und mehr als sieben Jahre in Isolation – das Gefängnis hinter sich lässt und in die Freiheit zurückkehrt?
DIETER GURKASCH: Gut (lacht). Zunächst ist der Schritt in die Freiheit nach so langer Haft natürlich verunsichernd. Es lässt sich kaum anders beschreiben, als dass ich mich wie ein Außerirdischer gefühlt habe. Ich gehörte nicht zu der Gemeinschaft draußen. Vielleicht kennst du das Gefühl, fremd in einer anderen Stadt zu sein: Die Bewohner merken dir das an. Deine Energie ist anders. Der Kick kommt von der Entlassung: Plötzlich bist du frei – die Mauern fallen! Durch diese Euphorie wird die Umwelt mit all ihren Herausforderungen wahrgenommen. Es war ein Teil meines Freiheitsgefühls, Neues zu lernen: skypen, chatten, mailen, twittern – ich hatte von alledem keine Ahnung und kam mir erst einmal unglaublich blöde vor. Aber ich hatte einen roten Faden, der mich zuverlässig durch diese Phase navigiert hat: meine Yogapraxis. Davon ausgehend konnte ich mein neues Dasein in Freiheit aufbauen.

Du hast dich quasi bereits im Gefängnis selbst befreit, so dass du den Weg in die Freiheit „draußen“ angstfrei gehen konntest?
Die Freiheit ist mir regelrecht auf dem Fuße nachgefolgt. Angstgefühle hatte ich nie: Ich war keinen Moment verunsichert in dem, was ich tue. Die spontane, unangekündigte Entlassung war für mich ein klarer Beweis, dass mein Leben von der Liebe geführt wird und ich heute nahezu sorglos und wirklich befreit durchs Leben gehen kann. Zuvor war das ganz anders – ich habe mit Gott und dem ganzen Universum gehadert. Ich sollte ja bereits 2006 in Vollzugslockerung kommen, um 2007 entlassen zu werden. Doch die Justizanstalt sah das anders und ich saß länger, als meine Haftstrafe dauerte. Ich war total verzweifelt, weil ich nicht wusste, ob ich je wieder aus dem Knast komme: Warum wurde ich nochmals diesem Zweifel und der Unsicherheit ausgesetzt? Heute verstehe ich diese Prüfung und bin dankbar dafür: Hätte ich einen geregelten Übergang durchlaufen – mit Freigang, Job und Entlassung auf Bewährung etc. –, wäre ich niemals auf meinen Weg gekommen. Ich hätte einen Job gesucht und wäre ganz konventionell ins Leben zurückgekehrt. So aber bin ich quasi aus dem Knast geschmissen worden: Am 30.11.2011 erhielt ich um 15 Uhr die Nachricht meiner Entlassung. Und um 17 Uhr stand ich mit zehn Müllsäcken voller Kram, der mein Leben bedeutet hatte, vor den Toren von Santa Fu. Diesem Umstand verdanke ich die Möglichkeit, mich voll und ganz auf meine große Aufgabe zu konzentrieren, dass sich immer mehr Menschen dafür begeistern und engagieren, Yoga ins Gefängnis zu bringen.

Du hast im Drogenrausch einen Menschen umgebracht. Kann man von der Last solch einer Schuld je wieder frei werden?
Ja, wenn man allen Wesen, die an einem selbst schuldig geworden sind, vergibt – aus ganzem Herzen. Dann wird auch alle eigene Schuld vergeben. Das ist der Grund, warum Jesus in die Welt gekommen ist: um alle Schuld zu vergeben. Diese Stricke, mit denen wir uns über Schuld – Karma – aneinander binden, müssen wir durchtrennen und durch Vergebung auflösen. Wir sind immer sowohl Opfer als auch Täter, das ist der karmische Weg durchs Leben. Du bist aus dem Knast ausgebrochen – es gab mehrere Fluchtversuche und einmal hat es geklappt. Hätte dich eine gelungene Flucht, die gestohlene Freiheit, das Leben gekostet? Eindeutig ja, denn eine Flucht hätte das potenziert, was ich nach meiner ersten Entlassung gelebt habe: Ich wäre ein Gangster auf der Flucht gewesen. Ein potenziell gewaltbereiter Mensch, der den Kick sucht und den Stress braucht. Bereit, zu töten und getötet zu werden. So ist es ja dann auch tatsächlich fast gekommen: Ich bin auf offener Straße angeschossen worden.

Dann hast du dich bewusst für die andere Seite entschieden.
Ja. Ich habe mich früher – verblendet durch Schmerz – der dunklen Seite der Macht zugewandt. Diese Entscheidung habe ich rückgängig gemacht. Das ist es ja, was mich umtreibt. Ich möchte den Menschen sagen: Ihr könnt das auch – jederzeit! Egal, was ihr getan habt, egal, wer oder wo ihr seid: Ihr könnt euch umentscheiden. Du kannst dich in dieser Sekunde für ein Nein entscheiden, das keinen destruktiven Gedanken mehr Raum gibt. Dann kannst du beginnen, etwas zu verändern. Vielleicht wird die Veränderung nicht in ihrem ganzen Umfang gleich heute kommen. Aber wenn du ernsthaft daran arbeitest, wird sich der Wandel früher oder später vollziehen.

Deine spätere Ehefrau Fee hast du während deiner Gefangenschaft kennengelernt: Was hat euch zusammengeführt und verbunden?
Unser Konsens war, dass wir beide wussten und genau artikulierten, was und wie wir nicht leben wollten. Nachdem ich 1988 aus dem Knast ausgebrochen bin, wurde ich im selben Haus in Altona verhaftet, in dem sie damals wohnte. So bin ich in ihr Blickfeld geraten. Sie fand das alles sehr spannend: Ich war ein Abenteurer. Ein wilder Mann und Rebell, der sich gegen das System auflehnte. Das hat sie, eine junge Frau Anfang zwanzig, beeindruckt. Wir lehnten die Konsumgesellschaft im vollen Umfang ab, wollten keinen der stereotypen Wege durchlaufen. Fee und ich haben damals zueinander gefunden, egal wie viele Mauern dazwischen waren.

Wie konnte eure Beziehung – in der zweiten Etappe – bestehen:sie in Freiheit, du im Knast?
Anfangs war die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft unser Motor und wir setzten auf den gemeinsamen Spaß, als Krücke für den fehlenden Sinn. Die zweite Etappe – die Knaststrecke nach dem Ausbruch und meiner Verletzung – verband uns noch stärker: Fee hat mich angenommen, obwohl plötzlich all meine Stärke weg war. Ich lag mit meiner Schussverletzung in der Isolation und jedem war klar, dass mit mir nichts mehr los war und ich in Zukunft auf andere angewiesen sein würde, um halbwegs leben zu können. Mit dieser Demonstration ihrer Liebe hat sie mich von dem Trugschluss erlöst, dass ich stark sein muss, um geliebt zu werden. Unsere Beziehung erreichte eine neue Ebene in einer parallel verlaufenden spirituellen Entwicklung, die durch Yoga und Meditation initiiert wurde. Yoga hat uns die Kraft für den Kurswechsel gegeben, denn es stärkt die Lebensenergie.

Du hast insgesamt 25 Jahre und 38 Tage in Gefangenschaft verbracht …
Nach fünf Jahren Haft und dem Ausbruch 1988 kam ich für sieben Monate in Isolationshaft. Anschließend habe ich eine Gefangenenrevolte mit angezettelt und durchgezogen, wofür ich nochmals vier Jahre in Isolation kassierte, und bin dann über den offenen Vollzug in die Freiheit entlassen worden. Ich war einige Zeit draußen, stürzte wieder auf Drogen ab. Dann gab es eine Schießerei mit der Polizei – aufgrund dessen bin ich zu zwölf Jahren und einem Bewährungswiderruf von zwei Jahren und drei Monaten mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden.

Wie hast du auf das zweite Urteil reagiert?
Ich wäre während der Schießerei beinahe gestorben. Eine Kugel traf mich im Rücken und trat knapp über dem Herzen wieder aus – und ich habe das Gefühl, dass mich dadurch der Hass verlassen hat. Als ich nach dem Krankenhausaufenthalt wieder im Knast landete, hatte sich jedenfalls etwas in mir verändert: Meine Kraft war geschwächt und dadurch wurde ich durchlässiger, konnte mein eigenes Bollwerk nicht mehr aufrechterhalten. Mein Therapeut erklärte mir, dass mein System – wie ein Computer – durch den Sterbeprozess, den ich durchlaufen habe, neu gestartet wurde: ein Reboot sozusagen. Das Gehirn wurde quasi neu verschaltet, alte Muster teilweise gelöscht. Ich war am Boden zerstört, denn mein gesamtes Lebenskonzept war ausgelöscht. Das nun fehlende Muster, diese von Wut gespeiste Hasswelle, nötigte mich zum Umdenken. Ich konnte plötzlich meine große Angst wahrnehmen, die ich mit jenen Mustern überschrieben hatte, und lernte, sie zuzulassen. Und damit setzte die Heilung und der spirituelle Prozess ein – bedingt auch durch Selbstreflektion in der Meditation.

Warum ist es dir wichtig, Yoga in die Gefängnisse zu bringen?
Yoga ist ein therapeutischer Ansatz, der die Menschen da abholt, wo sie sind – es ist die älteste und fundierteste psychotherapeutische Maßnahme, die es gibt. Und Yoga ist eine Technik, die über körperliche Übungen psychologische Energien kanalisiert und zutiefst reinigend wirkt. Zudem verfügt diese Technik über eine mindestens 3000-jährige Erfahrung. Der bundesdeutsche Strafvollzug soll auf Therapie ausgerichtet sein, das ist die oberste Anweisung vom Bundesverfassungsgericht. Was spricht also dafür, dass die Justiz das erfolgreichste, älteste und dazu kostengünstigste Therapieangebot ausschlägt? Ich gebe dem Knast noch zehn Jahre – und dann gibt es in jedem Gefängnis Yoga. Letztendlich haben sie keine Chance, denn die Yogawelle in der Gesellschaft baut sich immer weiter auf und wird auch vor den Gefängnismauern keinen Halt machen. Alle Krankenkassen haben Yoga als Therapieform anerkannt. Das hilft enorm bei der Argumentation. Das Besondere an Yoga ist, dass du ein ungeheures Maß an Kraft für den Prozess der Wandlung erhältst. Das ist der vorrangige Grund, Yoga in die Gefängnisse zu bringen. Denn auch die Gesellschaft wird davon profitieren, wenn wir Gefängnisse in Orte echter Rehabilitation verwandeln, statt weiterhin Lager bestrafender Sühne zu unterhalten. Eine Strafe, die den Menschen nicht verbessert oder ändert, ist nichts als Rache. Wenn 70 Prozent aller ehemaligen Gefangenen wieder straffällig werden, dann bewirkt die Strafe rein gar nichts.

Steht hinter der Freiheit immer der Glaube?
Auf jeden Fall basiert Freiheit immer auf Vertrauen – Vertrauen in das Leben. Um frei zu sein, musst du die Angst loslassen. Und um die Angst zu verlieren, musst du glauben.

Von Barbara Decker

Hallo Welt – Hallo spiritueller Aktivismus!

Neulich interviewte ich einen politischen Aktivisten, der mit wilden Aktionen gegen die Waffenindustrie in Deutschland sehr viel Aufmerksamkeit erregt. Es handelt sich um den Gründer des Zentrums für politische Schönheit, Philip Ruch. Mit seinen Aktionen steigt er dem ein oder anderen kräftig auf die Füße – gewaltlos ist das nicht. Dürfte man das als Yogi?

Ruchs erklärtes Ziel ist, Genozide in der Welt zu stoppen. Dafür scheut er weder Praktiken wie „name and shame“ im Falle der Waffenfirma Krauss-Maffei, noch das tollkühne Ziel, die Rüstungsfirma Heckler & Koch unter einem Sarkophag aus Sand und Zement verschwinden zu lassen. Er hat gute Gründe dafür: Deutschland gehört mittlerweile zu den größten Waffenexporteuren weltweit.

Die Aktionen des Kollektivs verfolge ich regelmäßig – und fühle mich merkwürdig unwohl dabei. Dieses Handeln erfordert ein ganz klares Schwarz-Weiß-Denken: Wir sind die Guten, die da drüben die Bösen. Als Yogi verschiebt sich zum Glück mit der Zeit diese Wahrnehmung. Trotzdem: Die Aktionen des Kollektivs wirken. Die „Übeltäter“ werden aus ihrer heiligen Ruhe gerissen und müssen sich mit ihrem eigenen Handeln auseinandersetzen – und zwar auf eine ziemlich unangenehme Art und Weise. Die Aktionen sind in keiner Weise spirituell aktivistisch, sondern stark politisch – und sie tun weh. Das aber wollen wir Yogis auf keinen Fall: jemandem weh tun. Deswegen greifen wir lieber zu den Methoden des spirituellen Aktivismus. Spiritueller Aktivismus ist laut Gandhi das Handeln, das Liebe, Mitgefühl, Nicht-Anhaftung und die Erkenntnis voraussetzt, dass wir alle spirituelle Wesen sind. Was wiederum heißt: Auch mein „Feind“ ist ein spirituelles Wesen. Ach Menno…

Was passiert, wenn man ausgerechnet mit diesem spirituellen Wesen die Geduld verliert? Darf man das überhaupt: die heilige Ordnung jenes spirituellen Wesens stören, welches gerade seinen Hund vor meiner Berliner Haustür ein großes Geschäft machen lässt, ohne es als störend zu empfinden? Oder sollte ich mich doch lieber gleich an den Hund wenden? Schließlich ist auch er ein spirituelles Wesen.

Und der spirituelle Taxifahrer, der mich nicht Kurzstrecke fahren lässt, weil er heute schlichtweg keine Lust dazu hat? Mein nerviger Mitfahrer in der S-Bahn, der zu laut in sein Smartphone quatscht – auch ein spirituelles Wesen? Anders gefragt: Darf ich als spiritueller Aktivist auch einmal so richtig böse werden oder gar mit härteren Bandagen kämpfen, um Ziele zu erreichen, die dem Gemeinwohl dienen? Darf ich am Ende gar das P-Wort in den Mund nehmen: P wie Politik?

Ohne Zweifel bewirkt spiritueller Yoga-Aktivismus viel. Da gibt es Organisationen zur Unterstützung von Frauen in Afrika, Projekte für nachhaltigen Konsum bis hin zu Aktionen von betroffenen US- Amerikanerinnen, die auf einer Müllhalde in Kambodscha den Müllarbeitern mitleidig bei ihrer täglichen Arbeit zusehen und dann entsetzt ausrufen: „Mein Gott, die entsorgen unseren Müll!“ Diese Maßnahmen der Yoga-Community sind jedoch nicht politisch zu verstehen, sondern ethisch. Das ist die ganz normale Arbeit vieler Nicht-Regierungs-Organisationen mit mal besser, mal schlechter ausgeführten Projekten (vorzugsweise in Entwicklungsländern).

Wer ein Geburtshaus in Afrika unterstützt, tut ohne Frage Gutes, ist aber nicht notwendigerweise politisch. Erst wenn sich beispielsweise die Überzeugung, dass Müttergesundheit ein grundlegendes Menschenrecht ist, in den konstitutionellen Rahmenbedingungen eines Staates verankert und gewährleistet wird, dann ist etwas Politisches geschehen.

So weit schaffen es leider viel zu wenige Projekte. Wie viele Organisationen haben unzählige Projekte auf den Weg gebracht, die aber keine politische Reichweite hatten – weil die Protagonisten dachten, idealistischer Wille und gute Intentionen alleine würden die Berge der Politik versetzen. Um das zu erreichen, benötigt es allerdings Zähigkeit, Realismus, eine dicke Haut – und vielleicht auch ein gutes Repertoire an Flüchen, das eine oder andere Glas Wein oder Bier und keine Scheu davor, anderen auch einmal gehörig auf den Fuß zu treten. Wobei wir wieder beim Yogi wären, der niemandem weh tun möchte.

Erste zaghafte Schritte in Richtung Yoga-Aktivismus mit politischem Twist wagte letztes Jahr Seane Corn – sie war auf den Parteitagen der Republikaner und der Demokraten vertreten. Das mutete seltsam an, denn Corn trat mit einer Wellnessoase an, um den Teilnehmern entspannte Yogastunden zu geben. Bestimmt hatte sie die Hoffnung, dass sich dadurch der irregeleitete Geist der Republikaner in Luft auflösen würde. Das Angebot wurde vorzugsweise von verspannten Journalisten in Anspruch genommen. Organisiert hatten das Ganze die Yoga-Organisation Off the Mat, Into the World und die Initiative YogaVotes. YogaVotes ist eine nationale, überparteiliche Kampagne, die Yogis in den USA letztes Jahr zum Wählen bewegen wollte. Man hätte aber auf dem Parteitag der Republikaner sicherlich das eine Schild oder die andere Faust in die Höhe strecken dürfen.

Wer Yoga praktiziert, der verabschiedet sich endgültig von der Neutralität. Mit unserer Praxis verlassen wir sozusagen die Schweiz und sagen „Hallo Welt“. Denn die Lektion, die wir durch Yoga wirklich lernen, ist, da zu sein, am Leben teilzunehmen und uns in die Gemeinschaft einzubringen. Alle unsere Handlungen werden von bestimmten Rahmenbedingungen geformt und diese sind politisch. Projekte zum Schutz der Lebewesen sind notwendig und sinnvoll. Sie versanden aber genauso häufig wie der Idealismus, mit denen man sie begonnen hat, wenn die Grundideen sich in keiner Politik verankern. Das muss der konsequente nächste Schritt sein: Wenn wir als Yoga-Community wirklich etwas bewegen wollen, dann müssen wir uns weiter strecken, und zwar über die Ränder eines rein ethischen Projektverhaltens hinaus.

Die Mehrzahl der Yogis hat eine gute Bildung genossen und arbeitet in guten Jobs. Das yogische Klientel verfügt nicht nur über den geistigen Rahmen sondern auch über die Fertigkeiten und das Know-how zur Veränderung. Es ist genug Wissen vorhanden, das für die Lösung gesellschaftlicher Probleme geteilt werden kann. Wir können also getrost in die Sphäre der Politik vordringen und dort mitmischen – auch auf die Gefahr hin, dass wir uns zu den nervigen Lobbyisten entwickeln, die wir nie sein wollten.