Gibt es die (eine) Yogaphilosophie?

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In vielen Yogastudios gehört es zum guten Ton, aus „alten Schriften“ zu zitieren oder gar Yogaphilosophie zu lehren. Dabei hat man immer öfter das Gefühl, man müsse diese Philosophie dringend gegen ihre Freunde verteidigen.

Die Topseller im Bereich der „Yogaphilosophie“ sind sicherlich Patanjalis Yogasutra und die Bhagavad Gita. Mit einigem Abstand folgt noch die so genannte Hatha Yoga Pradipika. Warum ausgerechnet diese drei Werke die zentralen Quellentexte für Yoga sein sollen und nicht noch viele andere, wäre erklärungsbedürftig – bleibt aber im Dunkeln. Neben der mitunter unklaren Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte der Texte steht also schon am Anfang die Frage, wer eigentlich über ihre Auswahl und Relevanz entscheidet? Vermutlich sehen wir nur einen Bruchteil. Immerhin ist die Bhagavad Gita auch die wichtigste Schrift einer ganz anderen Tradition, nämlich des Hinduismus.

Aber einmal vorausgesetzt, die Yogaphilosophie-Lehrer halten den „richtigen“ Text von den „richtigen“ Leuten in Händen, müssen sie sich doch zwei Fragen stellen: Verstehen wir das, was da geschrieben steht? Und stimmt es denn auch? Die Frage nach dem Verständnis ist alles andere als trivial: Kaum jemand spricht Sanskrit oder kann die Qualität der unterschiedlichen Übersetzungen beurteilen. Die fünf oder sechs verschiedenen deutschen Versionen der ersten Sutras von Patanjali, die ich kenne, liegen meilenweit auseinander. Ich nehme also die, die mir am besten gefällt – es fehlt mir jedoch ein hartes Kriterium, um diese Wahl argumentativ zu begründen. Trotzdem führt der Vergleich von mehreren Übersetzungen zumindest zu der wichtigen Einsicht, dass es sich jeweils um Interpretationen des Originals durch verschiedene Autoren handelt. Ein Hauch von kritischer Distanz könnte sich einstellen.

Zum Verständnis gehört neben der Sprache auch der gedanklich transportierte Inhalt. Vielleicht erfassen wir ja tatsächlich die generelle Idee eines solchen Sutra? Komischerweise wird in der Yogaszene die Plausibilität der so genannten „alten Schriften“ nie ernsthaft bezweifelt oder auch nur im Ansatz diskutiert. In keinem Yogabuch der letzten Jahre habe ich je gelesen, dass das, was da steht, aus diesem oder jenem Grund nicht stimmen würde. Das heißt, es gibt hierzulande offenbar keinerlei kritische Auseinandersetzung mit der „Philosophie“ des Yoga. Und das ist wirklich schlecht. Jede Philosophie, die diesen Namen verdient, sollte kontrovers diskutiert werden, muss kritisiert und geprüft werden, sich bewähren und darf sich auch als falsch erweisen. Das Problem ist aber, dass die genannten

Texte als zeitloses Offenbarungswissen aufgefasst werden und deswegen gegen Kritik und Widerspruch immun sind. Wie soll sich der Gott Krishna in der Bhagavad Gita irren und gleichzeitig ein Gott sein? Die Texte werden dadurch zu einem Dogma – und sind keine Philosophie. Nun ist Yoga selbst, so wie ich es verstehe, allerdings ein undogmatisches System. Und zwar eines, das äußerst dynamisch ist. Im Kern ist Yoga eben nicht statisch und unverrückbar, sondern beweglich und evolutionär. Die gleichen Lehrer, die von „Loslassen“ und „Prozessen der Veränderung“ sprechen, tragen eine in Stein gemeißelte „Philosophie“ ewiger Prinzipien mit sich herum.

Ein weiteres Problem ist, dass in den neuen Yogabüchern meist nichts Neues steht. Es fehlt schlicht an Originalität. Und es wird tatsächlich nur nachgebetet, was schon seit Jahren überall so steht. Wo bleibt der Fortschritt, die Weiterentwicklung, die Neuinterpretation – all das, was eine gute Idee locker verträgt, sie geradezu ausmacht? Autoren, Lehrer und Schüler haben sich offenbar von ein paar alten Texten aus Indien entmündigen lassen. Der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno warnt vor den „Fassaden höheren, tieferen Sinns“, vor dem „raunendem Beteuern, es gebe eine überindividuelle, zeitlose Ordnung“. Er empfiehlt zunächst das Nicht-Einverständnis und „abweichendes Verhalten gegenüber dem kompakten Kollektiv“, die permanente Revolution. Auch das muss man nicht glauben; doch es hört sich ziemlich aufgeklärt, selbstständig und unabhängig an. Auf jeden Fall sind wir gut beraten, wenn wir herauszufinden versuchen, ob unsere eigenen Ideen richtig sind – indem wir prüfen, ob sie vielleicht falsch sein könnten.

 

Michi Kern ist einer der Mitbegründer der Jivamukti- Yogaschulen in München, wo er auch unterrichtet. Er betreibt diverse Clubs sowie (vegane) Restaurants und studiert Philosophie