Interview: Tex / Christoph Drieschner

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Wie Innen, so Aussen

Als Freund der leisen Töne beschäftigt sich der Mathematiker, Musiker und Moderator Christoph Drieschner alias „Tex“ auch mit Yoga. Im Herbst geht er mit einem Live-Programm zu Khalil Gibrans spirituellem Text „Der Prophet“ auf Tour.

YOGA JOURNAL: Tex, du bist durch deine Musik bekannt geworden, aber ein Millionenpublikum hast du als Moderator deiner Live- und Web-Musikshow „TV Noir“ gefunden. Mittlerweile läuft sie auf ZDFkultur und war sogar für den Grimme-Preis nominiert. Was spielt momentan die größere Rolle in deinem Leben?
TEX: Ich sehe mich immer noch zuerst als Sänger und Songschreiber, die Rolle des Moderators und Gastgebers hat sich eher ergeben. Ich mag es, einen Rahmen zu schaffen, in dem meine Gäste das zeigen können, was sie unverwechselbar macht.

Deine Show hat ein sehr spielerisches Moment, trotzdem merkt man, wie intensiv du dich auf jeden Gast vorbereitest. Du hast früher als Karikaturist für verschiedene Zeitungen gearbeitet – kommt daher das Interesse daran, bei den Menschen die Essenz zu finden?
… und die Dinge auf die Spitze zu treiben (lacht). Tatsächlich war ich auch als Karikaturist auf der Suche nach dem Besonderen und dem Berührenden. Es ging mir dabei nie um ein möglichst gutes Bild, sondern darum, sehr nah heranzukommen. Bei „TV Noir“ haben wir kein festes Verfahren, sondern versuchen, Verbindung zwischen uns, den Gästen und dem Publikum herzustellen.

In einem anderen Zusammenhang sagtest du einmal: „Musik hat viel mit einer Haltung zu tun, die man pflegen und verfeinern kann.“ In diesem Sinn ist es interessant, dass du Anusara Yoga übst …
Wir sind gerade dabei, „TV Noir“ als Marke auszubauen. Mit „Marke“ meine ich allerdings nicht nur ein Marketinginstrument, sondern eine Orientierungshilfe nach innen: Für das, wofür man steht, und die Haltung, mit der wir an die Sachen herangehen. Es gibt keinen Tag, an dem mich dabei nicht das Prinzip des Anusara Yoga inspiriert: „Stabilize the periphery and move from the core“ – „Stabilisiere dich im Außen und bewege dich aus dem innersten Kern heraus.“

Eine Art Balance zwischen Basis und Improvisation?
Es bringt nichts, Yogahaltungen statisch auszuführen. Im Anusara Yoga spricht man vom Schwingen zwischen muskulärer und organischer Energie. Von meinem Mathematikstudium und meiner späteren Arbeit als Software-Entwickler habe ich mir das iterative Arbeiten abgeschaut. Darunter fallen sehr klar definierte Prozesse, der Wunsch, bei jeder neuen Runde besser zu werden, leichtgewichtig zu experimentieren, Prototypen zu erstellen und sie dann weiterzuentwickeln. Auch im Yoga sind wir immer im Wandel. Da gibt es nichts Perfektes, sondern einen kontinuierlichen, liebevollen Prozess. Auf atmende, wiederholende Weise gehen wir immer wieder neu heran. Statt die Dinge nach festen Kriterien zu beurteilen, schenken wir ihnen Aufmerksamkeit. Wir haben kein Ziel im Auge, sondern richten uns von innen aus. Da ist es immer gut, die Justierung zu überprüfen: Wie fließt die Energie, wie fühlt sich das an, wie lautet das emotionale Ergebnis?

Erschließen wir uns eher einen Raum als eine Form?
Ja, ein extrem kreativer Prozess, den ich übrigens auch in der Mathematik fand: Dort sind wenige Beweise so einfach, dass sie sich ganz ohne Intuition erschließen. Spannend wird es bei schwierigen Fällen, dann geht es um den Weg dorthin – beim Songschreiben ist es ähnlich. In beiden Fällen brauchst du eine Grundahnung, musst dein Hirn dann regelrecht fluten, eine Spiellust und einen Jagdinstinkt entwickeln. Du brauchst geniale Ideen, solltest sie aber nicht so früh auskristallisieren lassen, sondern alle Möglichkeiten offen halten und die verschiedenen Enden so verknüpfen, dass es am Ende gut passt und Eleganz hat.

Eleganz und Emotionalität sind nicht die ersten Erinnerungen, die ich an meinen Mathematikunterricht in der Schule habe …
Weil wir es in der Schule mit fertigen Algorithmen zu tun haben. Deshalb werden die, die sich im Leistungskurs durch Fleiß noch gut geschlagen haben, im Mathestudium oft nicht glücklich. Dort geht es um Beweise, stundenlanges Tüfteln und im Dunkeln Tappen mit einer Vision, in welche Richtung es gehen könnte. Ich habe wochenlang mit hochrotem Kopf an Problemen gesessen – wenn das nicht emotional ist.

Aus Optionen heraus den schönsten Weg zu finden: Das scheint dein persönliches Leitmotiv zu sein.
Im Yoga hatte ich in dieser Hinsicht sehr gute Lehrer: Über Lalleshvari und Vilas Turske habe ich die tiefen Wurzeln der Yogahaltungen in der tantrischen Lebensphilosophie kennengelernt, die meiner eigenen sehr entspricht.

Wie funktioniert diese Haltung in der Berliner Medienwelt und speziell in deiner Szene?
Ich sehe es als Privileg, mir meine Umgebung suchen und gestalten zu können. Nicht umsonst nennen wir unser Projekt „Wohnzimmer der Songwriter“, es herrscht eine sehr menschliche Atmosphäre. Als Projektleiter habe ich Interesse daran, Leute zusammenzubringen, Visionen zu teilen, die Firma zu prägen und zu gestalten. Dazu gehört unsere wöchentliche Yogastunde mit der Anusara-Lehrerin Kristina Mann in unserem Büro in Kreuzberg. Wir entscheiden aktiv, wie wir arbeiten und wie viel Hektik, Zynismus und Arroganz wir an uns heranlassen wollen. Ich brauche Yoga nicht als Oase, um anderes ertragen zu können, sondern um Inhalte zu schaffen, die zu meiner und unserer inneren Kultur passen. Durch die Praxis werde ich sensibler und bekomme mehr mit.

Im Herbst gehst du mit dem Buch „Der Prophet“ des libanesischen Poeten Khalil Gibran auf Tour, du hast das Buch auch als Hörbuch gelesen und vertont. Was fasziniert dich an diesem Text?
Dieses Buch singt das Leben! Für mich hat es viele Überschneidungen mit dem yogischen Begriff „Satya“, der meist etwas holprig mit „Wahrheit“ übersetzt wird: Dem Weggehen von der Vorstellung, wie etwas sein soll, stattdessen größere Aufmerksamkeit aufbringen. Es ist, was es ist. Khalil Gibran bejaht und zelebriert, was 1923, im Jahr der Veröffentlichung, eigentlich tabu war, unter anderem Schmerz, das Körperliche, Sexualität, Tod. Damit liefert „Der Prophet“ einen Schlüssel zur tantrischen Philosophie, der sehr kompatibel mit dem ist, was ich im Anusara Yoga kennengelernt habe.

Deine Art, den Text vorzutragen und mit deiner Musik zu begleiten, unterstützt diese Schönheit – weil sie so schlicht ist.
„Der Prophet“ ist inhaltlich so dicht, so auf den Punkt, so lebensweise und so inspirierend, dass dies für mich die angemessenste Weise war. Khalil Gibran hat ja jahrzehntelang daran geschrieben und die rund 100 Seiten immer wieder extrem verfeinert. Heute würden wir sagen, dass er sehr im „Flow“ gearbeitet hat, nie in Routine verfallen ist, sondern meditativ, konzentriert und erfüllend vorgegangen ist. Wie im Yoga – oder auch, wie ich komponiere. Ich habe auch schon ein halbes Jahr an einem einzigen Song gearbeitet.

Weitere Infos zu Tex’ Musik, seinem „TV Noir“ und zum Hörbuch „Der Prophet“ (Argon Balance, 17 Euro) gibt es unter www.tvnoir.de und www.texorama.de