Es gibt (nicht) viel zu sagen

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Sagen Sie, was Sie wollen – aber werden Sie sich Ihrer Sprache bewusst! Damit der Sinn der Worte wieder mit Inhalt gefüllt wird.

Jede Szene hat ihren eigenen, ganz speziellen Stallgeruch: Wir erkennen einander am Benehmen, am Aussehen, an unseren Gewohnheiten, an der Weltsicht… und natürlich an der Sprache. Aus der jeweiligen gemeinsamen Ausdrucksweise wird schnell ein typischer Jargon, ein Sprachstil oder philosophisch gesprochen, ein Sprachspiel.

So gibt es einen „Sound“ der Yogaszene genauso wie es eine psychologische oder eine pastorale Rhetorik gibt, die man sofort erkennt. Diese Sprachspiele sind aber nicht nur charakteristisch für die jeweilige Szene, sie stecken auch die Grenzen unserer Welt ab und schränken uns ein, weil sie uns in gewisser Weise auf ein bestimmtes Denken festlegen. Die Pointe dabei ist jedoch, dass uns genau diese Festlegung und Einschränkung größtenteils nicht bewusst wird – wir gehen in unserer Sprache auf, wir sind in ihr sozialisiert, wir reflektieren nicht ständig darüber, ob die Worte, die wir benutzen, passen, oder ob wir sie immer verstehen. Die Bedeutung bestimmter Begriffe scheint dabei im Laufe der Zeit an Gewicht zu verlieren; durch den inflationären und oft unüberlegten Gebrauch können manche Worte im schlimmsten Fall sogar inhaltsleer werden. Wenn es um Yoga geht, würde ich Worte wie „Loslassen“, „Hingabe“ oder auch „Karma“ zu dieser Kategorie zählen wollen – vor allem, wenn Sätze wie zum Beispiel „Lass einfach los“, „Gib dich hin“ oder „Das ist dein Karma“ phrasenhaft bis betulich daherkommen. Weiß man wirklich, was damit gemeint ist? Es besteht die Gefahr, dass es von hier aus flugs Richtung esoterisches Kauderwelsch geht – wir kennen es aus floskelhafter Erbauungsliteratur oder bekommen es zu hören, wenn der Yogalehrer mal wieder „predigt“. Im besten Fall erzeugt dieses Geschwurbel einen warmen Nachklang, der uns irgendwie umsorgt und uns in unserem Weltbild bestätigt. Verständlicher werden die Dinge durch das ewige Wiederholen verstiegener und aufgeladener Begriffe allerdings nicht: Es fehlt nicht nur das Neue, Originelle und Überraschende, sondern meist auch ein Erkenntnisfortschritt.

Der deutsche Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889–1951) meint dagegen: Alles was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Die übertriebene Verklausulierung der Sprache (der „Eso-Talk“) zeigt deutlich, dass der Gedanke dahinter nicht klar ist. Eine „Fachsprache“ wie die des Yoga muss übersetzbar bleiben in die allgemein verständliche Umgangssprache. Wollten wir jemandem den Begriff „Hingabe“ erklären, müssten wir das in umgangssprachlichen Ausdrücken tun, sonst werden wir nicht verstanden. Ist das nicht (mehr) möglich, befindet sich der Sprecher auf dem Holzweg – oder auf einem Terrain, über das nichts gesagt werden kann. Wittgenstein sagt ganz grundsätzlich, dass es die Aufgabe der Philosophie sei, philosophische Sätze zu klären und nicht weitere (unverständliche) philosophische Sätze zu produzieren. Die von Wittgenstein maßgeblich beeinflusste „ordinary language philosophy“, eine Philosophie, die sich der Alltagssprache bedient, fragt: Wie werden Wörter tatsächlich in der Umgangssprache verwendet? Erst und nur dadurch verstehen wir ihre Bedeutung. Die Probe für die Verständlichkeit von Sprache liefert die Formel: „Einen Satz zu verstehen, heißt zu wissen, was der Fall ist, wenn er wahr ist.“ Aber kennen wir überhaupt eine Methode, mit der wir überprüfen können, ob das Gesagte wahr ist? Wenn etwa gesagt wird, „Draußen regnet es“, dann weiß ich genau, was zu tun ist: Ich schaue aus dem Fenster oder trete kurz vor die Tür. Bei einer Bemerkung wie: „Das ist dein Karma“ dagegen weiß ich ganz und gar nicht, was ich tun könnte, um das zu überprüfen. Dafür fehlt mir der Durchblick. Wittgenstein fordert daher: „Denk nicht, sondern schau“. Aus dieser Forderung ergeben sich folgende Frage: Woher weiß ich etwas? Was bedeutet das Gesagte genau? Gibt es eine Methode, es zu überprüfen?

All das trifft genau die Auffassung von Yoga als einer praktischen Lebensphilosophie, die auf Erfahrung gründet, auf sie aufbaut und setzt. Der wilden Spekulation setzt Yoga das Ausprobieren, das bewusste Hinschauen, die konkrete Erfahrung entgegen: Wie geht es in der Welt zu? Für all das, was wir nicht sehen oder fühlen und auch nicht beschreiben können, empfiehlt Wittgenstein am Ende seiner berühmten Abhandlung „Tractatus Logico- Philosophicus“: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Oder in anderen Worten, auf unser yogisches Sprachspiel bezogen: Statt nur über Spiritualität zu reden, sollten wir vielleicht lieber einmal wieder still werden, uns hinsetzen und meditieren.