Yoga für ein heilendes Herz

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Wir alle wissen: Yoga kann das Herz weit machen und den Geist ruhig. Wie gut, dass das nicht nur gilt, wenn gerade alles rund läuft. Gerade in Zeiten von Verlust und echtem Herzensleid hilft uns die Praxis, emotional zu heilen. Sie schenkt uns inmitten von Trauer die nötige Kraft für den Alltag und öffnet uns für mehr Vertrauen und Liebe. Hier geht es weiter zur Meditation und dem ersten und zweiten Teil der Mini-Practice für ein heilendes Herz. 

Kennen Sie das Gefühl, in eine emotionale Achterbahn zu geraten. Einen Moment lachen wir noch mit unseren Lieben und im nächsten brechen wir in Tränen aus, weil wir uns an eine verstorbene Schwester erinnern oder an das schmerzliche Ende einer Beziehung.

Ganz egal, ob Sie erst kürzlich einen einschneidenden Verlust erlitten haben –  etwa eine Trennung, einen Todesfall, die Kündigung von Job oder Wohnung – oder ob ein alter, ungelöster Schmerz sich wieder meldet: Eine nährende, das Herz öffnende Yogapraxis kann helfen, die dunkelste Zeit des Jahres mit mehr Licht und Leichtigkeit zu meistern. Dieser Meinung ist auch Seane Corn, eine bekannte amerikanische Yogalehrerin, die seit vielen Jahren Workshops unter dem Titel „Yoga for Broken Hearts“ leitet und die Sequenz auf den kommenden Seiten entwickelt hat: Sie sieht Yoga vor allem als eine wunderbare Form des „Für-sich-selbst-Sorgens“ – und die kann nach ihrer Überzeugung wirksam Trauer verarbeiten helfen und die emotionalen Batterien aufladen.

Dazu gehört es allerdings auch, ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum Verlust überhaupt so schmerzhaft ist. Auf einer rein physiologischen Ebene kann man ihn als eine Stressreaktion lesen: Dabei werden bestimmte Stoffe im Gehirn freigesetzt, die Ängste und Traurigkeit auslösen und zugleich für einen erhöhten Muskeltonus sorgen – was dann häufig zu Verspannungen und einem Gefühl der Enge in der Brust führt. Aber natürlich gibt es noch eine Menge anderer Ebenen von Herzschmerz. Auf der psychologischen wirkt ein Verlust oft als große Verunsicherung, denn er stellt die eigene Identität und nicht selten auch das Selbstwertgefühl in Frage: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr diesen Job ausübe? Wer kann mich lieben, wenn mein Lieblingsmensch mich nicht mehr liebt?

Die gute Nachricht ist allerdings: Genau wie körperlicher Schmerz lässt auch seelischer mit der Zeit fast immer nach. Und bei dieser Heilung kann Yoga eine große Hilfe sein. Dass schon eine kurze, aber regelmäßige Asana- und Pranayama-Praxis stimmungsaufhellend und stabilisierend wirkt und sogar Depressionen und Angstzustände lindern kann, gilt dank zahlreicher Untersuchungen mittlerweile auch wissenschaftlich als erwiesen. Damit stärkt Yoga die natürliche Resilienz, also die psychische Widerstandsfähigkeit, die Sie in die Lage versetzt, Ihre Ressourcen gut zu nutzen, Krisen zu bewältigen und bestenfalls sogar durch sie zu wachsen. Meditation und die Beschäftigung mit den philosophischen Lehren des Yoga führen vielleicht sogar noch einen Schritt weiter als Asana und Pranayama allein: Beides hat das Potenzial, die Macht festgefahrener Denkmuster und Identifikationen aufzubrechen und Verbindung in einem viel weiteren Sinn zu schaffen, als zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Rollen das tun.

Aber selbst wenn es im Moment des akuten Herzschmerzes kaum denkbar ist, auf dem Meditationskissen zu sitzen und sich in die Tiefen der Yogalehre zu versenken: Eine tägliche 15-minütige Auszeit auf der Yogamatte ist fast immer möglich – und das kann einen großen Unterschied machen. Aufgestaute körperliche und emotionale Energien werden freigesetzt und der Blick wird wieder freier für die positiven Aspekte Ihres Lebens. Seane Corn kann diese heilende Wirkung auch aus eigener Erfahrung bestätigen: Ihr Vater, den sie bis dahin als wichtigsten Freund und Mentor erlebt hatte, starb langsam und qualvoll an Nierenkrebs. „Ich weiß nicht, wie oft ich an seinem Krankenhausbett stand und irgendwann merkte, dass ich unwillkürlich den Atem anhielt“, erinnert sich Corn. „Ich musste dann bewusst innehalten, tief durchatmen und mich meinen Gefühle stellen. Als er schließlich starb, war die Trauer so überwältigend, dass ich entweder hyperaktiv war oder völlig apathisch. Mir wurde klar, dass ich diesen Schmerz nicht rein auf der geistigen Ebene bewältigen konnte. Ich musste ihn auch körperlich verarbeiten.“ So entwickelte sie eine gezielte Trauerpraxis, die ihr half, den Körper zu erden, versteckte Muskelspannungen zu lösen und körperlichen und emotionalen Schmerz im wahrsten Sinn des Wortes auszuatmen. Ihr Ziel war es, „die Energie im Fluss zu halten“, damit Depressionen keine Chance hatten. Die wichtigsten Elemente dieser Praxis stellt sie uns auf den kommenden Seiten vor. Ihr Credo:

„Wenn wir dem Trauerprozess vertrauen und ihm Zeit geben, dann weitet sich die Trauer irgendwann zu einer Liebe, wie wir sie bisher vermutlich noch nicht gekannt haben.“

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