Yoga mit Kindern: Gemeinsames Üben weckt das Interesse

Yoga mit Kindern

Wenn Yoga eine wichtige Rolle in deinem Leben spielt, ist es nur natürlich, dass du diese Begeisterung mit deinen Kindern teilst und ihnen Yoga mit auf den Weg geben möchtest. Je nach Alter und Naturell ist Yoga mit Kindern allerdings manchmal gar nicht so einfach …

„Wie können meine Kinder von dem profitieren, was Yoga mir bedeutet?“ Eine Frage, die sich sicher viele yogabegeisterte Eltern stellen. Wenn man selbst erlebt hat, wie die Praxis den Körper kräftigt, den Geist beruhigt und das Leben leichter und tiefer machen kann, will man all das natürlich auch seinen Liebsten zugute kommen lassen – zumal Kinder und Jugendliche heute oft schon früh Stress und Leistungsdruck ausgesetzt sind und sich häufig (Smartphone und Co. sei Dank!) zu wenig bewegen. Es geht also um viel mehr als nur darum, ab und zu ein paar lustige Tier-Asanas auszuprobieren.

Die amerikanische Yogalehrerin Lauren Toolin meint: „Als Eltern sind wir ja nicht nur dafür zuständig, dass unsere Kinder ein Zuhause haben, gut ernährt sind und mal in den Arm genommen werden. Wir helfen ihnen auch, ihren Charakter auszubilden und Fähigkeiten zu entwickeln, die sie in ihrem späteren Leben zu guten Entscheidungen motivieren.“ In dieser Hinsicht kann Yoga eine Art Schutzraum sein, eine stille Zuflucht oder auch ein Heiligtum, das einem ein Leben lang immer offen steht.

Die eigene Praxis mit den Kindern teilen

Kinderyogakurse sind sicher eine feine Sache, aber mal gibt es gerade kein passendes Angebot, mal wäre die Yogastunde nur ein weiterer, schwer im Wochenplan unterzubringender Termin. Dabei geht es auch viel einfacher, denn was wirkt tiefer und nachhaltiger in der Erziehung als das tägliche Vorbild der Eltern? Kate Holcombe, Gründerin der Healing Yoga Foundation in San Francisco, hat in jungen Jahren in Chennai erlebt, wie ihr Lehrer, der berühmte T. K. V. Desikachar, sich zum Üben nicht hinter verschlossene Türen zurückzog, sondern inmitten seiner Familie praktizierte. Als sie selbst Mutter wurde, folgte sie seinem Beispiel. Sie ist sich sicher: „Yoga gehört ins Wohnzimmer, nicht ins Yogazimmer!“ Holcombes Söhne Calder und Hayes waren von klein auf dabei, wenn ihre Mama übte: „Am liebsten haben sie Dehnübungen mit mir gemacht. Wenn ich den herabschauenden Hund übte, bestand ihr Lieblingsspiel daraus, so oft wie möglich unter mir hindurchzuschlüpfen, bevor ich in den heraufschauenden Hund wechselte. Und sobald ich auf dem Rücken lag, wollten sie natürlich, dass ich sie bäuchlings auf meinen Füßen als ‚Flieger‘ über mir schweben lasse.“

Die Yogamatte im Kinderzimmer 

Irgendwann begannen die Söhne, auch komplexere Haltungen zu imitieren, die Mutter gab ihnen Tipps dazu, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ihnen zum Beispiel der Sonnengruß vertraut war. Am Abend rollte Kate Holcombe ihre Matte häufig im Kinderzimmer aus. Die Jungs sahen ihr im Halbdunkel aus ihren Betten heraus zu und lauschten ihrem Atem, bis sie irgendwann eingeschlafen waren. Holcombes Rat lautet daher: „Anstatt sich die ‚Yogazeit‘ mühsam aus der ‚Familienzeit‘ herauszuschneiden und die Kinder als Hindernis oder Störfaktor zu empfinden, sollte man flexibel sein und die Praxis dem anpassen, was am besten zum Alltag und zu den Bedürfnissen der Kinder passt.“

Kinder lernen am Vorbild

Dabei ergibt es sich von selbst, dass man seinen Kindern das mitgibt, was man selbst lebt und praktiziert: Wenn du etwa ein Fan von Vinyasa-Sequenzen bist, werden deine Kinder unter Yoga genau diese fließenden Bewegungen im Atemrhythmus verstehen lernen. Wenn du dagegen viel meditierst, dann werden deine Kinder lernen, gemeinsam mit dir still zu sein – bis es ihnen langweilig wird und sie lieber wieder spielen gehen. Und wenn du zuhause einen Altar hast, werden deine Kinder sicher mal Blumen dafür pflücken oder ein Bild malen wollen, das dort einen Ehrenplatz bekommt. Pandit Rajmani Tigunait, der spirituelle Leiter des Himalayan Institute in Pennsylvania, rät: „Lassen Sie Ihre Kinder miterleben, dass Ihre Praxis Sie glücklich macht und erlauben Sie ihnen, daran teilzuhaben.“ Diese positiven Vorbilder und regelmäßigen Erfahrungen aus erster Hand führen nach seiner Auffassung fast automatisch dazu, dass Kinder erkennen, wie gut Yoga – in all seinen verschiedenen Spielarten – auch ihnen tun kann.

Mit Geschichten die Kinder begeistern

Eine der naheliegendsten Praktiken für Kinder ist sicher das Chanten. Egal ob du  gemeinsam die Songs von ihrer Lieblings-Kirtan-CD mitschmetterst oder deinen Kleinen abends ganz leise einen vertrauten Sanskrit-Vers statt des Schlafliedes singst: Mantras haben einen tief besänftigenden Effekt – und Kinder spüren das intuitiv. Gleichzeitig sind Mantras und Legenden aus der Yogatradition der einfachste Weg, Kindern auch die philosophische und spirituelle Dimension näherzubringen. Falls du dich mit Texten wie der Mahabharata oder Ramayana beschäftigst, fallen dir sicher eine Menge spannender Geschichten ein, die deine Kinder interessieren. Schließlich geht es da um superheldenhafte Götter, die sich mit mächtigen Dämonen herumschlagen müssen. Inmitten der farbenprächtigen Abenteuerlichkeit der Erzählung werden aber auch immer wichtige Themen diskutiert, darunter Glaube, Hilfsbereitschaft oder Selbstlosigkeit.

Yoga mit Kindern: Einfache Meditation

Kate Holcombe betont, wie wichtig es ist, Inhalte auszuwählen, die etwas mit den konkreten Erfahrungen der Kinder zu tun haben. Auch eine gut verständliche, altersgemäße Sprache und das gemeinsame Gespräch erleichtern den Zugang: „Mein Lehrer sagte immer: ‚Du kannst nur etwas anbieten, was die Hand auch ergreifen kann.'“, so Holcombe. Als ihr Sohn Calder etwa 6 Jahre alt war und zu Unruhe und Nervosität neigte, zeigte sie ihm eine einfache Meditationstechnik. „Ich sagte: ‚Weißt du, was ich immer mache, wenn ich Angst bekomme? Ich lege eine Hand auf -meinen Bauch und lausche meinem Atem. Dann werde ich meistens ruhiger.‘“ Sogar Lektionen aus dem Yogasutra können für Kinder hilfreich sein, etwa wenn es um Konflikte und Missverständnisse geht – wichtig ist nur, dass man sie der kindlichen Erfahrungswelt anpasst.

Kate Holcombes Meditation für Kinder findet ihr hier.

In Indien lernen Kinder schon früh Spiritualität kennen

In Indien ist es selbstverständlich, dass -Kinder schon früh an Yoga und Gebet heran-geführt werden und dadurch Spiritualität kennenlernen. T. K. V. Desikachars Sohn Kausthub berichtet: „Schon als Kleinkinder lernten wir, die Sonne als Quelle allen Lebens zu verehren.“ Mit 7 Jahren weihten ihn seine Eltern dann in eine Sonnenmeditation  namens Sandhyavandanam ein. Dazu gehören Surya Namaskar (Sonnengruß), -Pranayama (Atemübungen), Nyasa (Gesten) und Mantras, die die Sonne bei Auf- und Untergang und mittags an ihrem Zenit ehren.

Gemeinsam Dankbarkeit spüren

Als er erwachsen wurde, praktizierte Kausthub zwar immer noch die selbe Meditation, doch erst jetzt begann er, die tieferen Dimensionen zu verstehen: „Irgendwann wird die Meditation zu einer Metapher für die innere Sonne, man entwickelt sich also vom Äußeren auf das Innere zu.“ In einer ganz einfachen Variante könnte diese Praxis mit kleineren Kindern so aussehen: Beobachte gemeinsam mit deinen Kindern den Sonnenauf oder -untergang. Frage nach: „Was ist die Sonne eigentlich? Was tut sie für uns?“ Dann atmet einige Male still und sprecht gemeinsam ein einfaches Gebet. Vielleicht so: „Danke, liebe Sonne. Du bringst so viel Licht in die Welt. Bitte bring auch Licht in mein Herz.“ Wenn du deinen Kindern später einmal den Sonnengruß oder auch ein traditionelles Sonnengebet wie das Gayatri-Mantra beibringst, können sie an dieses Gefühl der Dankbarkeit und Hinwendung anknüpfen.

Spielerisch Asanas erforschen

Yoga für Kinder ist eigentlich gar kein Problem: Wenn man Kinder für Asanas begeistern möchte, sollte die Praxis spontan und lustig sein. Kausthub Desikachar erinnert sich noch gut daran, wie sein Vater Asanas zu einem Spiel für seine Schwester und ihn machte: „Er erzählte uns zum Beispiel: ‚Hilfe, wir sind auf einer Insel gefangen! Was brauchen wir, um von hier wegzukommen?‘ Wir riefen: ‚Wir brauchen ein Boot! Wir brauchen eine Brücke!‘ Und er erwiderte: ‚Gut, dann zeigt mal mit eurem Körper, wie die aussehen.‘ Dabei ermutigte er uns immer, unsere Phantasie und Kreativität einzusetzen.“ Auch Indra Mohan, eine langjährige Schülerin von T. K. V. Desikachars Vater T. Krish-namacharya, hat Ideen für eine spannende, altersgemäße Praxis mit Kindern entwickelt. Für Kinder ab 6 Jahren empfiehlt sie, jeweils -mehrere Asanas (etwa eine Stehhaltung, eine Rück-beuge und eine Vorwärtsbeuge) spielerisch miteinander zu verbinden, um die Konzentration zu halten und Ablenkung zu vermeiden.

Kinder sind offen für Spiritualität

Während des Übens helfen ein Mantra oder eine Affirmation, die Ausatmung zu verlängern und zur Ruhe zu kommen. Ein guter Weg, Zugang zum Herzen zu finden, es zu öffnen und ein Gefühl sowohl der Eigenliebe als auch der Liebe zu einer wie auch immer gearteten Göttlichkeit zu fördern, ist in ihren Augen eine Variation des Anjali-Mudra: Dabei öffnet man die vor dem Herzen aneinanderliegenden Hände in der Mitte, während sich Fingerspitzen und Handwurzeln weiterhin berühren – ein schönes Bild für das lebendig pulsierende, sich weitende Herz. Die meisten Kinder sind nicht nur offen für diese spirituelle Dimension, sie sehnen sich geradezu danach. In der oft nüchternen, entzauberten Welt der Erwachsenen fehlt ihnen etwas ganz Wesentliches, zu dem sie später im Leben nur noch schwer einen natürlichen Zugang finden werden. Schon ein einfaches Ritual, das die aufgehende Sonne ehrt, ein regelmäßig wiederkehrendes Lied, ein vertrautes Mantra oder ein herzöffnendes Mudra sind ein Geschenk für ein empfindsames Kinderherz.

Auch Kinder müssen Atmen lernen

Die vielleicht einfachste und zugleich kraftvollste Praxis, die du deinen Kindern mit auf den Weg geben können, ist das Bewusstsein für den Atem. Die entspannte, tiefe Zwerchfellatmung ist die Grundvoraussetzung für alle subtileren Atemtechniken der Yogatradition. Sie aktiviert den Parasympathikus, fördert so innere Ruhe und Konzentration und mindert Ängste. Ishan ist als Sohn des heutigen Himalyan-Institute-Leiters Pandit Tigunait in engem Kontakt mit dessen Gründer Swami Rama aufgewachsen. Er erinnert sich: „Ich war ständig in Bewegung und sprang den ganzen Tag über von einem Ding zum nächsten. Swami Rama nannte mich ‚Mister Ablenkung‘. Am Abend war ich so überdreht, dass ich kaum noch in den Schlaf fand.“ Eine einfache Übung zur Zwerchfellatmung brachte für Ishan die Wende: Er bekam ein mit Sand gefülltes Kissen auf den Bauch gelegt und sollte beobachten, wie sich das Kissen mit der Einatmung hob und mit der Ausatmung senkte.

Meditation beruhigt kleine Unruhemonster

„Heute bekäme ein Kind wie ich vermutlich den ADHS-Stempel aufgedrückt“, überlegt Ishan. Er brauchte keine Tabletten: Nach einigen Monaten des Übens mit dem Sandkissen war die tiefe Zwerchfellatmung zum automatischen Atemmuster geworden. Ishans Konzentration verbesserte sich, und er schlief ruhiger. Im nächsten Schritt lernte er, die sanfte Berührung der Nasenspitze durch die Atemluft zu beobachten, und irgendwann führte ihn sein Vater in die Meditation mit einem Mantra ein. Im Rückblick sagt Ishan: „Wenn man von klein auf in einen spirituellen Lebensstil eingebettet ist, fühlt man sich tief in seiner inneren Persönlichkeit verankert. Dadurch wird es selbstverständlich, den Weg zu verfolgen, zu dem man sich berufen fühlt. Diese tiefe Grundlage erreicht man durch die Basics – Sitzen, Atmen, Asana – aber ganz besonders durch die Meditation: Hier lernst du dich selbst kennen und erkennst, dass ein ruhiger, disziplinierter Geist dein wertvollstes Kapital ist.“

Inspirieren, nicht „erziehen“

Das alles geschieht natürlich nicht von heute auf morgen. Ishans Vater Pandit Tigunait rät, den Zugang zu Praxis und Philosophie langsam und Schicht für Schicht zu eröffnen. Das Maß sind dabei immer die Fragen der Kinder. Nichts sollte erzwungen werden, als Erwachsener bietet man lediglich Anleitung und Inspiration an. Dabei ist die beste Inspiration immer das eigene Vorbild. Ganesh Mohan weiß nicht nur als Sohn berühmter Yogaeltern, sondern auch als international tätiger Yogalehrer, wovon er spricht: „Nach meiner Erfahrung vermitteln diejenigen Eltern Yoga am erfolgreichsten an ihre Kinder, die selbst eine wirklich nachhaltige Praxis pflegen. Die Transformation deiner Eltern mitzuerleben, macht unweigerlich einen tiefen Eindruck auf dich.“

Yoga mit Kindern: Eltern müssen Balance vorleben

Auch die Yogalehrerin Lauren Toolin weiß: „Je öfter man sagt: ‚Mach das, das ist gut für dich‘, desto weniger Erfolg wird man bei seinen Kinder haben – erst recht bei Teenagern. Der Mensch lernt am meisten durch Beobachtung. Die Frage ist also: Nutzt du selbst deine Praxis so, dass du ein gutes Vorbild für ein Leben in Balance abgibst? Gelingt es dir, so nachhaltige Effekte mit Yoga zu erzielen, dass es ein Teil dessen ist, wer du heute bist und wie du dich als Elternteil verhältst?“

Gib deinem Kind Raum sich zu entfalten.

Pandit Tigunaits wichtigster Tipp in Sachen Yoga und Kinder lautet: „Schaffen Sie durch Ihr eigenes Leben ein Umfeld, in dem auch Ihre Kinder ermuntert werden, über sich selbst nachzudenken. So entsteht ein Raum, in dem sie herausfinden können, wie unermesslich bunt das Leben ist und welcher Lebensstil, welche Werte, welche Glaubensgrundsätze und Praktiken sie am ehesten glücklich, gesund und erfüllt leben lassen.“ Das alles trägt das Potenzial in sich, nicht nur zum Besten deiner Kinder zu sein, sondern auch zum Besten der Welt, in der wir gemeinsam leben. Ishan meint:“Sobald du beginnst, dich fest in dir selbst gegründet zu fühlen, können auch um dich herum wunderbare Dinge geschehen – denn du bereicherst und stärkst alles, was du berührst.„

Kindliche Leichtigkeit: Asanas mit Phantasie

Kinder und Yoga
Photo by Shari Sirotnak on Unsplash

Mit dieser spielerischen Praxis drehen wir den Spieß um: Hier bringen nicht die Erwachsenen den Kindern Yoga bei, sondern vielmehr lernen sie von ihnen, Asanas mit mehr Phantasie, Leichtigkeit und kindlicher Neugier zu üben. Den Link zu den Kinder Yoga Übungen findest du unter dem Beitrag. 

Kindliche Leichtigkeit

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig unbeschwert gefühlt? Hoffentlich nicht als Kind! Aber es stimmt natürlich: Das Gefühl, die Welt sei einfach nur schön und das Leben leicht, bringt man unwillkürlich mit der Kindheit in Verbindung. Die Momente, in denen man als Erwachsener völlig unbeschwert Spaß hat und Konventionen über Bord wirft, um spielerisch und befreit aus sich herauszugehen, sind für die meisten von uns ziemlich rar. Schließlich müssen wir ernsthaft sein, wenn wir die Herausforderungen in Schule, in Ausbildung und später im Job erfolgreich meistern wollen. Dieser schon früh erfahrene „Ernst des Lebens“ überträgt sich nur allzu leicht auf viele andere Lebensbereiche – auch auf die Yogamatte. Natürlich sind eine gewisse Sorgfalt und Achtsamkeit und auch ein gesundes Maß an Disziplin im Yoga angebracht, aber der permanente Fokus auf minutiös genaues Alignment, das Meistern der nächsten schwierigen Asana oder die perfekte Atemführung kann auch zu Lasten der Beweglichkeit von Körper und Geist gehen.

Die Balance zwischen „stabil“ und „gelöst“

Patanjali hat in seinem Schlüsseltext zur Yogaphilosophie, dem Yogasutra, erläutert, dass Asanas sich durch das Zusammenwirken und Ausbalancieren von sthira und sukha definieren. Der Sanskrit-Begriff sthira bedeutet „kompakt, fest, stabil, entschlossen“ – also all jene Qualitäten, die wir in unserem Erwachsenen-Leben verkörpern (müssen). Sukha dagegen kann man übersetzen mit „leicht, angenehm, freudvoll, gelöst, spielerisch“ – Qualitäten, die man häufig mit Kindern in Verbindung bringt. Wenn wir als Erwachsene sukha über Bord werfen, vielleicht weil wir meinen, uns keine Fehler mehr erlauben zu können, dann geht die gesunde Balance aus Ernst und Leichtigkeit verloren. Gleichzeitig ist gerade die Yogamatte ein guter Platz, um sich wieder an die Freude und Leichtigkeit von sukha zu erinnern. Man kann sich beim Üben mit seinem inneren Kind verbinden und zu mehr Kreativität und Freiheit in der Praxis (und hoffentlich auch im Alltag) finden. Echte Kinder sind dafür vielleicht die besten Lehrer. „Kinder erinnern uns daran, wer wir tief im Inneren eigentlich sind“, sagt die Autorin der folgenden Sequenz, die amerikanische Yogalehrerin Christen Bakken. „Sie zeigen uns, wie wichtig es ist, Ängste, Sorgen und Gedanken auch mal loszulassen, einfach zu sein und zu spielen. Das Gute daran: Wenn wir Spaß haben, werden wir uns viel eher mal auf etwas Neues, Ungewohntes einlassen, das wir uns ansonsten nicht zugetraut oder erlaubt hätten.“

Lebendige Asanas

Auch die Gründerin des Kinderyoga-Programms Next Generation Yoga, Jogi Komitor, betont die positive Wirkung, die ein kindlicher Zugang zum Yoga auf Erwachsene haben kann: „Kinder sind spontan, spielerisch und kreativ – alles Eigenschaften, die wir als Erwachsene viel zu sehr unterdrücken.“ Sie empfiehlt daher sowohl Kindern wie auch Erwachsenen, weniger die Form einer Yogahaltung nachzubilden, sondern eher ihre Essenz zu verkörpern, zum Beispiel indem man in der Kobra mit der Zunge zischelt oder die Wirbelsäule schlängeln lässt. Gerade Erwachsenen hilft das, den Körper zu lockern und den Geist zu verjüngen. „Werde kreativ und nutze die Asana-Praxis, um dich wirklich lebendig zu fühlen!“, rät Komitor.

Spielerisch üben

Sicher ist es nicht jedermanns Sache, mitten in einer gut besuchten Yogastunde während der Katzenhaltung laut zu miauen. Es gibt auch subtilere Wege, mehr Phantasie und Spielfreude in die Praxis zu bringen. Etwa indem du bei einer Übung wie „Jumbo Jet“ ein inneres Bild in dir aufsteigen lässt und dir vorstellst, wie du hoch über den Bergen der Sonne entgegenfliegen. „Schon ein einfaches Lächeln kann helfen, die Begrenzungen aufzubrechen, die wir uns selbst auferlegt haben,“ weiß Christen Bakken. „Zum Beispiel wenn du bemerkst, dass du dich und eine Asana gerade viel zu wichtig nimmst. Lache über dich selbst, wenn du in einer Haltung umkippst, anstatt dich dafür zu verurteilen!“ Die Erlaubnis, auf der Matte zu spielen und ganz einfach nur zum Spaß zu üben, kann nicht nur deine Praxis bereichern, im besten Fall erweitert sie auch deinen Blick auf das Leben und schafft Raum für Magie, Inspiration, Freude, Glück und Lachen.

Und nun rauf auf die Yogamatten und rein in die gemütlichen Klamotten: So setzt du die Theorie in die Praxis um. Hier kommst du zu unserer Kinder Yoga-Practice.


Autorin Jessie Lucier braucht eine Menge spielerische Leichtigkeit, um Ihr Leben als freiberufliche Journalistin, Mutter und Yogini im Gleichgewicht zu halten. Da kam ihr die Übungsstrecke von Christen Bakken gerade recht. Bakken unterrichtet Yogis jeden Alters, zuhause in Denver, Colorado und quer durch die USA. In der folgenden Mini-Practice ist sie mit ihrem kleinen Yoga-Buddy Noah Ciel-Tilton zu sehen.

Dr. Ronald Steiner: Mini-Practice „Die Hüfte“

Amiena Zylla Yoga Hüfte

Tu etwas für deine Hüfte! Egal, ob du präventiv handeln möchtest oder bereits erste kleinere Beschwerden hast: Mit diesen Übungen kannst du das gesunde Zusammenspiel der Muskeln fördern, das Gelenk in seine harmonische Schwebe bringen und dir so den natürlichen Bewegungsraum deines Hüftgelenks erschließen.

1//Faszientechniken Längsfriktion und Hautfalten

Übungen für die HüfteSitze wahlweise auf dem Boden oder einer Stuhlkante mit gestreckten Beinen.

Längsfriktion: Fahre an der Innenseite der Oberschenkel vom Ansatz bis über das Kniegelenk hinaus mit sanftem Daumendruck entlang. Wiederhole diese Technik in mehreren parallelen Linien, indem du immer weiter in Richtung Beinvorderseite wanderst. Streiche schließlich vom Darmbeinstachel (Spina Iliaca Anterior Superior) dicht innerhalb (medial) der Kniescheibe über das Kniegelenk den Faszienzug aus (siehe Bild 1).

Wechsele nun zur Beinaußenseite: Beginne die Linienführung mit den Daumen am großen Rollhügel (Trochanter Major) und wandere über das Außenband am Kniegelenk nach unten. Arbeite dich mit jedem Ausstreichen weiter nach vorne, bis du schließlich am vorderen Darmbeinstachel beginnst und dicht seitlich (lateral) neben der Kniescheibe über das Kniegelenk streichst.

Hautfalten-Technik: Behandle nun dieselben Linien, nur dieses Mal, indem du mit den Fingern eine Hautfalte greifst und diese langsam nach unten rollst. Wenn sich die Haut nur schwer heben lässt, verschiebst du alternativ mit kreisenden Fingern die Oberhaut auf der Unterhaut.

Effekt: Diese beiden Übungen lösen Verklebungen der Faszien und lassen die Faszienschichten wieder gleiten. Dadurch erhält das Hüftgelenk mehr Raum für seine natürliche Bewegung.

2//Lockere Rotationen im Sitzen

Mini-Praxis für die Hüfte
Sitze mit gestreckten und leicht geöffneten Beinen auf der Matte, die Füße fallen locker nach außen. Drehe mit möglichst wenig Krafteinsatz das ganze Bein aus dem Hüftgelenk heraus nach innen und außen. Versuche, ein möglichst passives Rollen im Hüftgelenk entstehen zu lassen.

Effekt: Diese Übung hilft, die Muskulatur zu lockern. Der Hüftgelenkskopf findet so seine natürliche Mittellage in der Gelenkpfanne. Die rotierenden Gleitbewegungen verteilen darüber hinaus Gelenkschmiere über den Knorpel und nähren ihn, ein weiterer wichtiger Beitrag für eine gesunde und flexible Hüfte.

3//Zentrierende Kreise im Sitzen

Sitze weiterhin auf der Matte. Strecke dein rechtes Bein so weit wie möglich von dir weg bis in die Zehen. Rotiere das Bein aus dem Hüftgelenk heraus nach außen und hebe es etwas vom Boden weg. Kreise das Bein nach außen und achte darauf, dass das Bein weiterhin lang gestreckt bleibt.

Wenn du nach einiger Zeit eine angenehme Anstrengung in der Muskulatur spürst, die das Hüftgelenk umhüllt, wechsele die Richtung: Rotiere dein Bein so weit wie möglich nach innen und kreise nach innen. Wiederhole die Übung mit dem linken Bein.

Effekt: Das Strecken des Beins aktiviert die umhüllende Muskulatur und hilft, den Gelenkkopf in der Hüftgelenkspfanne zu zentrieren. Das Kreisen aktiviert die Muskulatur zusätzlich und trainiert deren Funktion, das Gelenk bei Bewegung weiter zu zentrieren.

4//Lockere Rotationen in Rückenlage

Dr. Ronald Steiner HüfteKomme in eine bequeme Rückenlage. Die Füße liegen locker und leicht voneinander entfernt auf dem Boden. Bewege nun mit möglichst wenig Krafteinsatz die Füße und schließlich das ganze Bein in einer wippenden Rotation aus dem Hüftgelenk heraus. Lasse wieder ein weitgehend passives Rollen im Hüftgelenk entstehen.

Effekt: Diese Übung hilft, die Muskulatur zu lockern. Auch mit Hilfe dieser Übung findet der Hüftgelenkskopf seine natürliche Mittellage in der Gelenkpfanne. Die rotierenden Gleitbewegungen verteilen Gelenkschmiere über dem Knorpel und nähren ihn.

5//Zentrierende Kreise in Seitlage

Lege dich auf die Seite.

Dr. Ronald Steiner Hüftgelenk
Hebe das obere Bein und strecke es möglichst lang aus. Strecke die Zehen und rotiere das Bein aus dem Hüftgelenk heraus nach außen. Kreise das Bein wie in der vorherigen Übung aus dem Hüftgelenk nach außen und lassen es dabei stets lang gestreckt. Anschließend wiederholst du die Rotation und die Kreise nach innen. Nimm nach einiger Zeit die angenehme Beanspruchung der Muskulatur, die das Gelenk umhüllt, wahr.

Um die Übung mit dem unteren Bein auszuführen, setzt du den oberen Fuß auf Höhe des Oberschenkels auf dem Boden auf. Kippe den Rumpf etwas nach vorn, wenn du das nach außen rotierte Bein nach hinten kreist, und etwas nach hinten, wenn es an die Innenkreise geht.

Dr. Ronald Steiner HüfteWiederhole die Übung komplett, in dem du dich auf die andere Seite ablegst. Übe im Anschluss erneut die lockeren Rotationen in Rückenlage.

Effekt: Im Vergleich mit den zentrierenden Kreisen im Sitzen setzt diese Übung das Hüftgelenk in ein anderes Verhältnis zur Schwerkraft. Dadurch werden die Muskeln aus einem neuen Winkel heraus beansprucht und ihre zentrierende Balance erweitert sich.


Tipp: Zentrierende Kreise in Bauch- und Rückenlage

Analog kannst du die zentrierenden Kreise in der Bauch- und Rückenlage ausführen. Schließe eine Runde stets mit lockeren Rotationen in Rückenlage ab.

Effekt: Ein immer wieder neuer Winkel im Verhältnis zur Schwerkraft aktiviert die Muskulatur jedes Mal auf andere Weise. So können die Muskeln zunehmend besser zusammenarbeiten und den Hüftgelenkkopf in seiner schwebenden Balance in der Mitte der Gelenkpfanne zentrieren.

Wenn du keine Beschwerden hast, beugst du mit diesen Übungen Erkrankungen vor und verbesserst deine Yogapraxis. Bei bestehenden Schmerzen kann die Sequenz therapeutisch wirken. Du solltest aber in diesem Fall mit deinem Arzt abklären, welche Übungen für dich momentan geeignet sind und welche nicht.

Du willst mehr über die Anatomie der Hüfte erfahren? Dr. Ronald Steiner erklärt, welche Muskeln rund um die zusammenspielen.


Dr. Ronald Steiner YogaDr. Ronald Steiner ist Arzt für Sportmedizin und zählt zu den bekanntesten Praktikern des Ashtanga Yoga. Die von ihm begründete AYInnovation®-Methode baut eine Brücke zwischen der Tradition und progressiver Wissenschaft, zwischen präziser Technik und praktischer Erfahrung. www.AshtangaYoga.info

Corona und jetzt? Was die Redaktion bewegt und was im nächsten Heft anders wird

Corona Yoga
Corona Yoga

Ab ins Homeoffice! Die Ansage war klar. Die gesamte Redaktion des Yoga Journals und ihrer Online-Heimat der Yogaworld wurde ins Homeoffice geschickt. Und jetzt? Wie geht es weiter? Welche Themen sind jetzt relevant? Können wir überhaupt so weitermachen wie zuvor? Unsere Redakteure erzählen, wie sie mit Corona, Unsicherheit, Yoga, Job und Familie 24/7 umgehen – und verraten, warum die April-Ausgabe anders wird als gedacht.

Stephanie Schauenburg (Print-Redaktion): Einfach weiteratmen

Viel Ruhe bringt der Shutdown für Yoga Journal-Chefredakteurin Stephanie Schauenburg erst mal nicht: In letzter Minute stellt die Redaktion gerade das (fast fertige) Heft nochmal völlig um. Unser Motto jetzt: Zuhause üben! Freut euch auf eine Ausgabe, die prall gefüllt sein wird mit Übungen, Tipps und Anregungen für die Praxis daheim.

Puh, ich gebe es zu: Als die Schlagbäume runtergingen, mein Lieblingscafé die Stühle reinholte, das Yogastudio dicht machte und alle privaten Matten vor die Türe stellte, da hat mich das so sehr beklemmt, dass ich erst Mal trotzig wurde: Hallo, spinnt ihr eigentlich alle? Vor ein paar Tagen haben wir uns doch noch über hysterische Hamsterkäufer und Schutzmasken-Träger lustig gemacht! Und jetzt sperren wir uns willig selber weg? Selten hab ich mich seit Teenager-Tagen so auf Krawall gebürstet erlebt wie in diesem Moment. Es hat mir ja auch seither niemand so sehr vorgeschrieben, was ich tun und lassen soll, darf, muss. Damit umzugehen, ist für mich eine Herausforderung – aber wie jede Herausforderung natürlich auch eine spannende Erfahrung. Definiere ich meine Freiheit wirklich nur dadurch, dass ich jederzeit verreisen oder Kaffee trinken gehen kann? War da nicht noch mehr, was das Leben schön macht? Ja – und das ist auch alles weiterhin da: Danke Frühling, danke hoher, weiter, blauer Himmel, danke Vogelgezwitscher und blühende Weide, danke liebe Menschen ringsum – und danke Yogapraxis! Jetzt sehe ich euch noch ein bisschen deutlicher.

Christina Raftery (Print-Redaktion): Schmetterlings-Variationen und andere Hilfsmittel

Spätestens als ich – ich brauchte wirklich Nachschub!! – eine Packung Toilettenpapier mit rosa Schmetterlings-Deko und einem merkwürdigen Duftstoff an die Kasse des Drogeriemarktes brachte (es war die vorletzte vorhandene Ware ihrer Art), merkte ich, dass etwas fundamental anders wird. Veränderungen zeigen sich oft an persönlichen Kleinigkeiten, an Unterbrechungen der Routine, an neuen Entscheidungsgrundlagen. Nachrichten über die globale Entwicklung zu verfolgen ist das eine, Sorge um das Wohl von Familie und direkter Community die andere. Die Tragik einer Situation erschließt sich auch in traurigen Tochteraugen, weil ihre Geburtstagsfeier verschoben wird, an der Enttäuschung der Großeltern, den geplanten Besuch abzusagen und der ungewohnten 24/7-Nähe zu Partner und Kind.

Unsere Yogapraxis ist jetzt einem Stresstest unterzogen

Was hilft jetzt, äußere und innere Ruhe zu bewahren, bei sich zu bleiben und dabei nicht in Trübsinn zu verfallen? Tatsächlich die Verlagerung von außen nach innen, Eindämmen negativer Reize wie Social Media, vor Bildschirmen Yoga zu üben und zu tanzen, Tierköpfe aus Eierkartons zu basteln, Schränke auszuräumen und ein paar vergessene Gesellschaftsspiele abzustauben. Informiert bleiben ohne auszurasten, Verbindung zu halten, wenn auch fast nur mit Worten, Ruhe bewahren ohne ignorant zu sein: Auch unsere Yogapraxis ist jetzt einem Stresstest unterzogen, unterliegt einer Bewährungsprobe. Wie abhängig sind wir von unseren Lehrer/innen, was haben wir bisher von ihnen lernen können und wie kann sich jetzt zeigen, was uns besonders gut tut? Da können wir uns auf eine spannende Reise begeben. Die Lehrenden unterstützen uns online dabei – Spenden für ihre wichtige Arbeit erwünscht!

Und weil auch uns die gewohnte und geliebte Arbeit hilft: Die nächste Print-Ausgabe des YOGA JOURNAL wird eine noch größere Fülle an Home Practice-Vorschlägen enthalten, dazu Meditationsanleitungen in Zeiten, in denen wir vor allem Zuversicht brauchen. Und auch wenn es im Yoga vor allem um direkten Kontakt, um unmittelbares Spüren und wirkliche Nähe geht – wichtig sind in dieser Praxis vor allem Variationen. Probieren wir sie alle aus – voller Vertrauen, Zuwendung und starker Gesundheit!

Übrigens: Die neue Ausgabe ist ab dem 16. April in unserem Online-Shop erhältlich.

Andrea Huber (online): Geschenkte Zeit ohne Termindruck

Tatsächlich muss ich gestehen, dass ich diese ganze Virus-Bedrohung anfangs eher belächelt habe. Hätte mir vor ein paar Tagen jemand erzählt, dass ich die nächsten fünf Wochen im Homeoffice mit meinen Kindern verbringe, hätte ich nur gelacht. Jetzt, plötzlich ist alles anders. Komisch, unsicher, merkwürdig fühlt es sich an. Die Situation ist so unbekannt wie unwirklich – die meiste Zeit fühle ich mich wie eine Randfigur in einem Hollywood-Blockbuster. Was ich aber ganz großartig finde, ist die viele Zeit, die ich gerade mit meinen Kindern verbringen kann. Klar ist es stressig, klar nerven sie mich. Klar, ist es schwierig einem Erstklässler zu erklären, dass er ein bis zwei Stunden täglich zuhause rechnen, lesen und schreiben muss, wenn doch gerade „Corona-Ferien“ sind. Außerdem soll der kleine Bruder bitte leise Lego spielen, Mama muss noch was fertig schreiben. Zum Glück gibt es auch tollen Mediationen für Kinder. So kommen sie zumindest kurz zur Ruhe.

Der Zusammenhalt ist zu spüren

ABER: Ich genieße es gerade so sehr morgens in Ruhe aufzustehen. Nochmal mit den Jungs nachkuscheln – wir nennen das „fertigbacken“. Ohne Hetze, ohne „schnell zieh dich an, ich muss in die Arbeit“. Alles in Ruhe fertig machen und den Kaffee mangels Zeit nicht unter der Dusche zu trinken, sondern am Tisch vor dem Rechner. Und mir gefällt, dieses Gefühl der Solidarität, dass sich auch langsam bei uns breit macht, wenn auch nicht so emotional und aus voller Kehle wie in Italien oder Spanien. Eher zurückhaltend deutsch, ein wenig nörgelnd am Anfang und immer mit dieser kleinen Prise Pessimismus. Zu spüren ist der Zusammenhalt aber allemal. Unter Kollegen, unter Freunden, in der Yoga-Community, auf Instagram und in der Nachbarschaft. Es geht darum anzupacken, an einem Strang zu ziehen und zusammen zu halten. Und siehe da, auf einmal geht es. Wenn wir es schaffen, dieses Gefühl auch über die Krise hinaus zu retten, dann fände ich das einfach sensationell.

Anika Kedzierski (online): Wir leben in einer Zeit, in der eine Quarantäne einfach auszuhalten ist

Ich schicke euch ganz liebe Grüße aus meinem New Yorker Apartment. Hier hänge ich seit 5 Tagen in einer selbst-verordneten Quarantäne fest. Und nein, ich habe leider keinen Garten. Auch keinen Balkon. Und meine Fenster lassen sich nur einen ganz kleinen Spalt öffnen. Dafür habe ich die besten Mitbewohner, mit denen selbst diese Situation gut auszuhalten ist. Sportbegeistert sind wir alle. Daher treffen wir uns jeden Morgen um 9:15 Uhr mit unseren Yogamatten im Wohnzimmer und üben zusammen: Yoga, Cardio, Gewichte oder auch mal laute Musik zum Tanzen – von allem ein bisschen und dazu die Playlists von Yoga Journal Germany. Die Bewegung baut Stresshormone ab, leider aber nicht die Sorgen um meine Familie und Freunde in Deutschland. Ich wäre lieber zuhause und vor Ort. Momentan habe ich entschieden, mich nicht in zu den Massen am Flughafen zu gesellen und zurück zu fliegen – um mich selbst, aber vor allem andere zu schützen.

Ich erlebe wie Menschen sich öffnen

Allerdings sind meine Gedanken am Rasen und überschlagen sich genauso schnell wie die Nachrichten. Daher setze ich mich oft auf meinen Yoga-Block und versuche die wirren Stimmen in meinem Kopf durch Meditation zu beruhigen und in den Moment zu kommen. Jeder von uns hat eigene Ängste, Sorgen, Gedanken und Zweifel. Wir alle sind in einem anderen Umfeld, befinden uns in anderen Umständen und anderen Ländern und doch sind wir in dem Kampf gegen den Virus alle vereint. Der Glaube daran hilft mir. Ich bin generell sehr gut darin, in allem das Positive zu sehen. Und das gelingt mir nach dem ersten Schock auch in dieser Krise: Ich schätze alltägliche Kleinigkeiten, ich erlebe wie Menschen sich öffnen und Verletzlichkeit zeigen, ich sehe sehr viel mehr Menschlichkeit und Mitgefühl auf der Welt, ich habe wahnsinnig ehrliche Gespräche übers Telefon, ich lese Bücher, die seit Monaten in meinem Regal stehen, ich verbringe FaceTime-Zeit mit Freunden, die auf der ganzen Welt verteilt sind und die ich wegen der Zeitverschiebung kaum höre… die Liste ist tatsächlich lang. Wir leben in einer Zeit, in der eine Quarantäne einfach auszuhalten ist: Bilde dich, höre Podcasts und Hörbücher, schaue Klassiker-Filme, sei kreativ, lerne eine neue Sprache über Duolingo, rufe Freunde an, tröste sie und sprecht mal über etwas anderes als den Virus. Übe dich in Achtsamkeit und nutze die Chance, um einen Gang zurück zu schalten und Zeit mit dir selbst du verbringen. Diese Erfahrung wird uns alle verändern – doch inwiefern, entscheidest du. 

Carmen Schnitzer (Print-Redaktion): Ich spüre eine neue Form von Freiheit

Meinen Geburtstag Ende März feiere ich alljährlich mit einer riesigen Motto-Party. Nur langsam sickerte es zu mir durch, dass ich das dieses Jahr vergessen kann, genau wie das kleine Kultur-Festival, das ich mit Familie und Freund*innen im April geplant hatte. Ich traue es mich kaum zu sagen, aber: Der Gedanke fiel mir erstaunlich leicht. Natürlich spüre ich Bedauern, würde mich gerne von meinen Lieben knuddeln und feiern lassen, doch auch ein anderes Gefühl machte sich in mir breit: Freiheit! Klingt angesichts der aktuellen Lage natürlich ziemlich paradox. Und doch: Ich neige dazu, mich sozial zu überfordern, auf vielen Hochzeiten gleichzeitig tanzen und viel zu vielen Menschen gerecht werden zu wollen. Kaum einen Abend verbringe ich normalerweise zu Hause, obwohl ich da eigentlich sehr gerne bin. Theater, Vernissagen, Freund*innen … Irgendwas ist immer. Und jetzt eben nicht mehr. Die Entschleunigung tut mir gut, und ich hoffe, daraus auch etwas für das „Danach“ zu lernen.

Das Netz: Neue Form von spiritueller Verbindung

So wie ich überhaupt hoffe, dass wir alle daraus lernen und uns auf die wirklich wichtigen Dinge besinnen. Etwa auf Zusammenhalt, der sich nicht in gemeinsamen Kneipenabenden erschöpft, sondern z.B. durch Nachbarschaftshilfe, Spenden ans Lieblingskino oder auch „nur“ einem „Dankeschön“ an die schuftenden Supermarktmitarbeiter zeigt. Manchmal denke ich in diesen Tagen auch an meine Gespräche mit Rainer Langhans, der im Internet die Chance zu einer neuen Form von spiritueller Verbindung sieht, einer körperlosen Bruder- und Schwesternschaft. Auch der größte Technikmuffel wird ja derzeit froh sein, dass er den Kontakt zu seinen Lieben trotz allem recht leicht aufrecht erhalten kann.

„Wie gut ich es doch habe!“

Mir ist sehr bewusst, wie privilegiert ich bin – anders als bei vielen ist meine wirtschaftliche Lage und Gesundheit durch die Krise vermutlich nicht bedroht, ich muss mich als Kinderlose nicht um Betreuungsmöglichkeiten kümmern (sondern kann sie anbieten), auch mit häuslicher Gewalt (die durch das Zuhausebleiben traurigerweise zunimmt) muss ich nicht rechnen. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit, dass meine größte „Sorge“ derzeit tatsächlich ist, ob ich meinen Geburtstag nun mit einer großen Videochat-Party feiern sollte oder ganz alleine oder mit meinem Freund, der als Sportfreak ob der wegfallenden Trainingsmöglichkeiten zwar momentan einen leichten Koller hat, aber alles in allem ja doch ein ganz Lieber ist. Vielleicht kann ich ihm ja jetzt endlich mal ein bisschen Yoga nahebringen …? So oder so: Wie gut ich es doch habe!

Marcell Laudahn: „Ashtanga ist die ehrlichste Art sich in der eigenen Praxis widerzuspiegeln.“

Marcell Laudahn
Marcell Laudahn

Selbst im größten Trubel bleibt Marcell Laudahn entspannt. Seine Bewegungen sind ruhig, seine Stimme ist sanft. Als ich ihm im wuseligen Yogaworld Messe-Büro gegenüberstehe, färbt diese wunderbare Ausgeglichenheit sofort auf mich ab. Eigentlich wollten wir gerade ein Interview führen, leider ist so viel los, das keine Zeit dafür bleibt. Für Marcell kein Problem und das dem wirklich so ist, spüre ich. Zum Glück klappt es ein paar Wochen später doch noch. Denn was der Yogalehrer aus Bremen zu sagen hat, sollte man sich nicht entgehen lassen.

Marcell wie kamst du zum Yoga?

Ich habe schon als Kind mitbekommen, wie meine Mutter Yoga praktiziert. Als Jugendlicher bin ich dann mal mit nem Kumpel mitgegangen. Da lagen wir dann – zwei Halbstarke inmitten älterer Damen auf Schafsfellen. Das war nicht so mein Ding. Jahre später hab ich dann in Neuseeland gearbeitet und ein Swami lebte auch dort. Der hat mir ein paar Sachen gezeigt und ich war ziemlich angefixt. Dann ging es schnell nach Indien, Thailand, Australien. Immer auf der Suche nach tollen Lehrern, die ich dann auch gefunden hab. 

Haben diese Lehrer deinen Yogaweg auch beeinflusst?

Ja, direkt waren das Sri Rudra Dev, Lance Schuler, Wiliam Holtby, Anna Trökes, Eberhard Bärr und Ronald Steiner. Indirekt sicherlich Krishnamatchaya, Iyengar, Pattabhi Jois und all die anderen da draussen. 

Und bei wem hast du deine Ausbildung gemacht? 

Als ich Mitte der Neunziger begonnen hab, gab es noch nicht wirklich viele Ausbildungen. Da ging man für längere Zeit zu einem bestimmten Lehrer und hat mit dem geübt und Zeit verbracht. So habe ich eine ganze Weile in Indien bei Sri Rudra Dev, bei Wiliam Holtby in Thailand und Lance Schuler in Australien verbracht. Meine erste Ausbildung hab ich dann bei meinem „Yogavater“ Lance Schuler gemacht. Dann wieder rumreisen und Zeit bei Lehrern verbringen. Bis ich in Deutschland sesshaft geworden bin und mir überlegt hab, dass ich mal was bräuchte, was hier anerkannt ist. So hab ich mich auf die Suche gemacht und bin in der ersten BDY Ausbildung von Anna Trökes und Ronald Steiner gelandet. Bezüglich Thai Massage hab ich viele Aus- und Fortbildungen in verschiedenen Schulen, wie z.B. Wat Pho, Sunshine House, Thai Massage School of Chiang Mai in Thailand gemacht, wo ich teilweise auch gearbeitet hab. 

Letztenendes bist du dann beim Ashtanga gelandet?

Es ist für mich die konsequenteste und ehrlichste Art und Weise sich in der eigenen Praxis widerzuspiegeln. Denn durch das regelmäßige Wiederholen der Sequenzen, merke ich, wie ich mich verändere und entwickeln kann. Die Ausrede, heute war eine Praxis nicht so gut, zählt nicht. Denn diese ist immer gleich. Das einzige was sich verändert, bin ich selber. Die Definition von Vinyasa, Bewegung folgt Atmung, wird nur umgesetzt, wenn du selbständig übst. Meines Erachtens kann dies nicht geschehen, wenn jemand eine Stunde anleitet. Es ist nie der Rhythmus einer ganzen Klasse. Kann es auch gar nicht sein, da wir alle einen individuellen Rhythmus haben.

Also ist es für alle eine Art Kompromiss?

Ja genau, ein Kompromiss der bis zu einem bestimmten Punkt stimmig ist. Das ist nicht schlecht, bitte nicht falsch verstehen! Doch möchtest du weiterkommen, brauchst du eine eigene Praxis. Irgendwann kommt man bei einem Lehrer an den Punkt, dass es nicht weitergeht. Und dann? Neuer Lehrer? Neue Schule? Oder stellt man sich der Erkenntnis, dass der einzige Lehrer den wir brauchen schon in uns ist. Dafür braucht es jemanden, der uns diesen Weg zeigt. Gehen muss ich ihn dann selber. Auch werden die Aspekte des Achtgliedrigen Pfades konsequent in der Praxis umgesetzt. Was hilft, diese in den Alltag zu integrieren. Und bitte, ich finde sogenannte Vinyasa Stunden großartig und unterrichte diese mit Leidenschaft. Aber wie heißt es doch so schön: Wenn du Spaß haben willst, geh zum Vinyasa. Wenn du etwas über dich lernen möchtest geh zum Ashtanga Yoga.

Wie müssen wir uns dann deine eigene Yoga-Routine vorstellen? 

Wenn wir von der Yoga-Routine auf der Matte sprechen: täglich Naulis und Kapalabhati, bevor die Asanapraxis losgeht. Das ist wie Zähneputzen für die Atemwege und den Bauch. Dann etwa 5 mal 90 Minuten Ashtanga Yoga, morgens vorm Unterricht. Also so gegen 6.00 Uhr. Manchmal weniger. Ich bin nicht mehr so strikt wie noch vor ein paar Jahren. Durch eine Verletzung konnte ich länger nicht intensiv üben und da lernt man eine Menge über sein Ego, die Identifikation mit der Praxis und das Loslassen. Nicht immer schön aber sehr heilend. Neben der Matte versuche ich die Konzepte des Patanjali in mein alltägliches Leben zu integrieren und umzusetzen. Mal klappt es besser mal nicht. Wie immer.

Klingt so, als hätte Yoga dein Leben bereichert.

Yoga hat mir sehr geholfen, die Verbindung zu mir zurückzugewinnen und mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Es hilft mir, das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen und das Drama klein zu halten. Yoga verändert mit der Zeit die Sicht auf die Welt und das kann zu Anfang ein wenig irritierend sein, ist aber ehrlich und bringt Leichtigkeit ins Spiel. Seit ich Vollzeit Yoga unterrichte, arbeite ich nicht mehr. Ich darf einfach teilen, was mir sehr am Herzen liegt und freue mich jeden Tag darüber. 

Marcell Laudahn
Marcell Laudahn

Also ein Job, der kein Job ist. Klingt perfekt. Was macht dich als Yogalehrer aus?

Ich glaube, dass ich die Fähigkeit habe die Leute einen Schritt weiterzubringen. Ich bringe sie liebevoll an ihre Grenzen. Ich versuche komplizierte Dinge einfach zu erklären und praktikabel umsetzbar zu machen. Mir wird nachgesagt, dass ich sehr motivierend bin. Das kombiniert mit einer Prise Frechheit macht einfach Spaß. Ich habe Spaß an dem was ich tue und das merkt man. Bei mir gibt es kein „Das kann ich nicht“. Jeder kann etwas. Das gilt es zu stärken und als Ausgangspunkt zu nehmen. Es geht auch nicht darum etwas zu können. Das ist einfach. Es geht mehr darum etwas auszuprobieren und seinen Horizont zu erweitern. Also über sich selbst hinauszuwachsen. Vielleicht physisch aber sicherlich emotional und energetisch.

Würdest du dich denn auch als spirituellen Menschen bezeichnen?

Ja, schon. Nicht religiös aber spirituell. Ich denke wenn man viel in Asien und anderen Ländern unterwegs ist und mit Spiritualität so intensiv konfrontiert wird, bleibt das nicht aus. Durch das Beschäftigen mit Yoga & Co. bekommt man einen direkten Bezug zu der Lebenskraft in uns. Spiritualität stammt von dem Wort „Spirit“ ab. Dieses bedeutet Geist, Seele – also das Leben in uns. Also glaube ich an das Leben generell, an das was uns alle eint, wenn ich sage, dass ich spirituell bin. Diese Definition sollte jeder für sich selber setzen.

Warum hast du zusätzlich noch die Ausbildung in Thai-Massage gemacht?

Ich habe schnell gemerkt, dass Thai Massage und Yoga sehr viele Gemeinsamkeiten haben. Schaut man sich die Geschichte der Thai Massage an, wird schnell klar, dass viele Elemente aus Indien und dem Ayurveda übernommen wurden. Genau wie aus der Chinesischen Medizin. Ich könnte also sagen, das die Thai Massage ein „Best of“ dieser beiden Systeme ist. Ich habe seit Ende der Neunziger für über 10 Jahre mit verschiedenen Thai Massage-Schulen gearbeitet und sogar dort unterrichtet. So unterschiedlich sie auch waren, geeint hat sie die Idee, dass Energieblockaden zu Krankheit führen und diese frühzeitig gelöst werden müssen. Ähnlich in der Yogatheorie. Es geht um Harmonisierung der Energiekörper, um ganzheitlich gesund zu sein. Dies kann durch arbeiten auf Energielinien oder Dehnübungen geschehen. In der Wat Pho Tempelanlage stehen viele Statuen, die diese Übungen darstellen. Daraus ist übrigens Acro-Yoga entstanden. Durch die Thai Massage lernt mal als Lehrer sehr einfach einen Schüler mit Respekt zu berühren und zu bewegen. Das kann zu wunderbaren Assists führen. 

Die Assists baust du dann in deinem Unterricht ein – mittlerweile in deinem eigenen Yogastudio. Hattest du denn Bedenken ein Yoga-Studio zu eröffnen? 

Total. Ich habe 15 Jahre gehadert. Wusste aber, dass ich, wenn ich groß bin, ein Studio eröffnen möchte. Dann ist meine Tochter geboren, meine Oma ist gestorben und ich habe ein bisschen Geld geerbt. Da ich in meinem alten Job sehr viel weg war, konnte ich meiner Rolle als Vater nicht gerecht werden. Der Moment war gekommen, an dem es sehr schnell ging und ich das Yoma Ende 2010 eröffnet habe. Wahnsinn, wir haben tatsächlich Zehnjähriges dieses Jahr.

Klingt ganz so, als wäre es die richtige Entscheidung gewesen. Hast du ein paar ganz praktische Tipps zur Eröffnung eines Yoga-Studios?

Ja. Nichts überstürzen. Die Teilnehmenden meiner Ausbildungen bekommen ihre Zertifikate nur unter 3 Bedingungen: mindestens 3 Monate kein Studio eröffnen, nicht den Job hinschmeißen und nicht vom Partner trennen! Der Markt ist hart umkämpft und wer das negiert ist nicht ehrlich zu sich selber. Klar, wir haben oft einen wertschätzenderen Umgang unter Mitbewerbenden, aber Konkurrenz ist trotz allem da. Schreibt einen Businessplan und kalkuliert ehrlich. Wenn kein finanzieller Background da ist, sollte ein Studio nicht gleich als Vollzeitjob dienen. Dann wird es sehr schnell sehr stressig und die Freude weicht dem Druck seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Was denkst du, wie lange sollte man unterrichten, bevor man ein Studio eröffnet?

Ich würde sagen, dass eine mindestens 10-jährige Unterrichtserfahrung vorhanden sein sollte, bevor ein eigenes Studio angestrebt wird. Denn das Unterrichten rutscht schnell in die zweite Reihe und weicht so tollen Sachen wie Buchhaltung, Organisation, Putzen, Netzwerke bilden und so weiter. Mir hat es sehr geholfen, mich mit anderen Yogalehrern in ähnlicher Situation auszutauschen oder mir Rat von erfahrenen Studiobetreibern zu holen. Auch ein interdisziplinäres Netzwerk aus Ärzten, Pilates-Lehrern, Meditations-Lehren, Physiotherapeuten, usw. ist sehr hilfreich, denn es zeugt von Kompetenz, wenn man seine eigenen Grenzen kennt und an eine entsprechende Adresse vermitteln kann. Ich habe auch nicht den Anspruch alle Interessierten bei mir zu behalten. Wenn ich das Gefühl habe, dass sich jemand nicht sicher ist, versuche ich herauszufinden, mit welcher Intention diese Person zum Yoga kommt. Dann verweise ich schon mal an andere Yogaschulen. Also ist es gut zu wissen, wer was und wie in deiner Stadt unterrichtet. Mit ist es lieber, dass die Leute mit einem guten Gefühl in einer anderen Schule landen, als dass sie sich bei mir nicht wohl zu fühlen und dann schon durch eine Mitgliedschaft gebunden sind.

Das erste Mal haben wir uns auf der Yogaworld in München getroffen und um uns herum herrschte ein gerade ein lautes Durcheinander. Was mir an dir sofort auffiel und was ich von Anfang an mochte: Du wirkst auch im Trubel absolut tiefenentspannt. Woran liegt das?

Ich habe früher im Veranstaltungsbereich gearbeitet und bin weltweit unterwegs gewesen. Wenn du wissen möchtest, was Stress in Kombination mit wenig Schlaf ist, mach das mal ne Weile. Dann nimmst du andere Sachen deutlich gelassener. Auch ein Kind großziehen hilft, gelassen zu bleiben, wenn es mal anspruchsvoll wird. Durch Yoga hab ich gelernt ruhig zu atmen. Wie hat Iyengar es formuliert? „Lernst du deinen Atem zu kontrollieren, lernst du die Kontrolle über dein Leben zu behalten.“ Und es stimmt. Im Stress atmen wir flach und schnell. Daraus folgt, dass wir zu wenig Sauerstoff bekommen und der Organismus reagiert mit Adrenalinausschüttung. Was weiterführend zu Hyperventilation oder Panik führen kann. Lernst du aber in solch einer Situation ruhig zu atmen, bleibst du auch ruhig. Und mal ehrlich, was bringt es, wenn alle wie angestochen rumlaufen? Egal was es ist, es wird vorbeigehen. Dann doch lieber entspannt, oder?


Du interessierst dich für eine Yogastunde bei Marcell? Dann klick doch einfach mal auf www.yo-ma.info.

Surf and Balance Playlist

Unsere Playlist der Woche entführt dich gedanklich in eine Strandbar und vermittelt trotzdem diesen yogischen Vibe. Genau dieses Feeling bekommst du auch in den Surf and Balance Yoga-Stunden der Lehrerin Vanessa.

Surfen und Yoga – ein Lebensgefühl

Neben Yoga-Retreats gibt es nun auch immer öfter Urlaube, die Surfen und Yoga verbinden. Und das aus gutem Grund. Die beiden verbindet ein ähnliches Lebensgefühl. Es geht um körperliche Aktivität aber auch um das richtige Mindset und die Verbindung zur Natur. Ohne Handy und ohne irgendwelchen Schnick Schnack. Die Surf and Balance Playlist versetzt dich genau in diese ungezwungene und lockere Stimmung. Mit ihren sommerlich entspannten Sounds macht sie vor allem erstmal gute Laune.

Surf and Balance Playlist

Du hast Lust bekommen und möchtest Surf and Balance Yoga einmal ausprobieren? Vanessa unterrichtet Yoga auf den Balance Boards von Strobel & Walter in München. Mehr dazu erfährst du hier.

Acro-Yoga: Jeder kann fliegen! Ein Yoga-Stil mit Suchtpotential

Acro Yoga
Acro Yoga

Acro-Yoga verbindet die Spiritualität und uralte Weisheit des Yoga mit der Verspieltheit und Dynamik der Akrobatik und der regenerativen, heilenden Kraft der Thaimassage. Acro-Yogi Mito FlyingMonkey erklärt uns, was den Yoga-Stil ausmacht und wie die Yoga-Praxis dabei aussieht.

Text: Miko FlyingMonkey / Fotos: Ishine Photography

Was erwartet mich beim Acro-Yoga?

Üblicherweise startet eine Einheit mit einer Yoga-Sequenz, um sich mit dem eigenen Körper zu verbinden und den Geist ruhig werden zu lassen. Danach werden in Partnerübungen Kommunikation, Teamwork und Vertrauen aufgebaut. So sind wir ideal vorbereitet, um im Akrobatik-Teil abzuheben. Am Ende einer Session bedanken wir uns beieinander und bei unserm Körper indem wir uns gegenseitig eine kurze Massage geben.

Wie genau muss ich mir den Akrobatik-Teil vorstellen?

Mit „Akrobatik“ ist hier vor allem Partnerakrobatik gemeint. Eine am Boden liegenden Unterperson („Base“) balanciert eine Oberperson („Flyer“) auf Händen und Füßen durch verschiedene Haltungen und Bewegungen. Dabei wird der Flyer von einer dritten Person („Spotter“) gesichert und unterstützt. Von der oben beschriebenen ersten Flugerfahrung kann es, in vielen kleinen Schritten, bis hin zu den extremen akrobatischen Figuren gehen. Meist geht es dabei aber recht verspielt zu. Wir testen und probieren dabei, wie wir noch aufeinander „herumkrakseln“ können. Kreativität kommt dabei ganz von allein.

„Jeder kann fliegen!“ Mito hält seine Workshops gerne auch in der Natur ab.

Für wen ist Acro-Yoga geeignet?

Man könnte meinen Acro-Yoga sei jungen, dynamischen und sportlichen Menschen vorbehalten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Acro-Yoga ist für alle Menschen mit einem normal beweglichen Körper zugänglich, unabhängig von Alter und sportlicher Vorerfahrung, Beweglichkeit oder Kraft. Man kann sich immer wieder überraschen lassen und staunen was gemeinsam alles möglich ist. Die Motivation und die Effekte können sehr vielseitig sein. Für die einen ist es vor allem ein Sport, eine verspielte, gesellige Art sich zu bewegen, den Körper zu spüren und ganz nebenbei Kraft, Beweglichkeit, Balance und Koordination aufzubauen. Andere begeistern die performativen und ästhetischen Aspekte. Wiederum andere verzaubert einfach das Gefühl von jemandem getragen zu werden, schwerelos die Herausforderungen des Alltags zu vergessen. Aber eins haben alle gemeinsam: Es macht enorm viel Spaß!

Kommt die Spiritualität beim Acro-Yoga nicht zu kurz?

Manchmal scheint die spielerische und körperliche Seite im Vordergrund zu stehen und man fragt sich wo der Zusammenhang zur Spiritualität des Yoga ist. Aber: Beim Acro-Yoga geht es nicht darum ein sportliches Ziel zu erreichen, sondern um die inneren Prozesse die durch die Praxis angestoßen werden. Dazu gehören natürlich Freude und Leichtigkeit, aber auch die Konfrontation mit Ängsten, Frust oder Ehrgeiz. Dabei wird tiefes Vertrauen aufgebaut – in sich selbst und die körperlichen Fähigkeiten, sowie auch in andere Menschen. Man kann Schritt für Schritt eigene Grenzen erforschen, lernen diese anzunehmen und auch angemessen zu kommunizieren.

Vertrauen in den Partner entsteht während der Acro-Yoga-Praxis automatisch.

Acro-Yoga fördert das Verbundensein

Beim Yoga geht es um Verbundenheit. Verbundenheit mit sich selbst, dem eigenen Körper, der eigenen Kraft und mit seinen Emotionen. Verbundenheit mit der Welt um uns herum. Verbundenheit mit dem Leben. Acro-Yoga bietet einen sicheren Rahmen um die Verbundenheit mit anderen Menschen, dem Boden (Erdung) und dem Himmel (Fliegen, Leichtigkeit) zu erfahren und zu vertiefen. Wenn wir erleben, wie alle um uns herum herausgefordert werden, aber sich dem stellen und dafür mit enormen Glücksgefühlen und Euphorie belohnt werden, dann bestärkt uns das und wir sind bringt uns einander näher.

Präsenz und Achtsamkeit

Beim Yoga geht es auch um Präsenz und Achtsamkeit. Wenn ich jemanden auf meinen Füßen balanciere (als Base) oder selbst gerade in allen Achsen durch den Raum bewegt werde, dann ist da kein Platz um über das Abendessen nachzudenken, die Arbeit oder Vergangenheit und Zukunft. Und dann steht man plötzlich wieder auf den eigenen Füßen und bekommt Gelegenheit den Effekten nachzuspüren und das Erlebte zu integrieren.

Voll im Hier und Jetzt: Beim Üben bleibt kein Platz für ablenkende Gedanken.

Intensives Gemeinschaftsgefühl

Wenn wir langsam immer vertrauter mit unseren Partnern und der Praxis werden, entsteht ein kreativer Tanz, der ohne viele Worte und Gedanken in der Bewegung fließt. Da immer drei Leute Acroyoga zusammen praktizieren, wächst schnell ein intensives Gemeinschaftsgefühl. An unzähligen Orten auf der ganzen Welt gibt es regelmäßig Treffen – „Jam“ genannt – bei denen sich Acro-Yogis zusammenfinden, um ihre Leidenschaft zu teilen. Die Jams sind für Gewöhnlich non-kommerziell, jeder gibt und teilt einfach was er/sie kann und will.


Mito Flying Monkey

Mito FlyingMonkey ist zertifizierter Partner-Acrobatics.com Lehrer. Seit 2014 teilt er seine Leidenschaft für Acro-Yoga, Handstand und Thai-Yoga-Massage regelmäßig auf Workshops, sowie weltweit auf Akrobatik & Yoga-Festivals. Seine Begeisterung für die vielfältigen Facetten von Acro-Yoga hat viele Gründe: Vom Wiederentdecken der Freude an Bewegung und Spiel, Gesundheit und Fitness, über Vertrauen, Teamwork und soziale Kompetenzen bis zu Spiritualität. Mitos Ingenieurs-Background zeigt sich in präzisen Anleitungen, technischem und biomechanischem Knowhow, sowie einer guten Portion forscherischer Neugier. Mehr Info: www.FlyingMonkey.eu

Wir sind erst am Ziel, wenn wir keinen Weltfrauentag mehr brauchen!

Weltfrauentag
Weltfrauentag

Frauen steht auf! Feiert euch und eure Weiblichkeit. Stärken und Schwächen. Siege und Niederlagen. Reicht euch die Hände und macht euch breit. Denn heute ist unser Tag. Heute ist Weltfrauentag! Aber: Wir haben noch einen langen Weg vor uns …

Heute feiern die Medien den Weltfrauentag und gleichzeitig kämpfen tausende Mädchen, Frauen und Mütter mit ihren Kindern in Flüchtlingslagern ums Überleben – abhängig von der politischen Agenda männlicher Machthaber. Es ist Weltfrauentag und obwohl Artikel 26 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte besagt, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat, ist es für 264 Millionen Kinder zwischen 6 und 17 Jahren nicht möglich in ihrem Heimatland eine Schule zu besuchen. Von den weltweit rund 750 Millionen Analphabeten, sind zwei Drittel Frauen, so die UNESCO.

Hinsehen: Dahin wo es weh tut

Ich könnte Seiten füllen mit Beispielen wie diesen, aber das ist an einem Tag wie diesem gar nicht so gerne gesehen. Eigentlich wollen wir heute hören und lesen, was wir Frauen alles erreicht haben. Welche Frauen sich in Führungspositionen hervortun und um wie viel besser die Chancen auf eine freie und selbstbestimmte Zukunft für junge Mädchen geworden sind. Wir wollen in der Fußgängerzone eine Rose geschenkt bekommen und in den sozialen Medien Zitate lesen, die das Frausein feiern: „Weiblichkeit ist Kraft„. Okay, einverstanden. ABER: Sollten wir an einem Tag wie heute nicht lieber in offenen Wunden bohren, Ungerechtigkeiten aufspüren und Ungleichheiten beleuchten? Sollten wir nicht wütend schreien, gemeinsam auf die Straße gehen und kämpfen für eine Welt, in der wir keinen Weltfrauentag mehr brauchen, weil wir das Thema Gleichberechtigung nicht mehr herausstellen müssen? Weil wir einfach gleichberechtigt sind?

Ein Irrsinn, dass die Hälfte der Weltbevölkerung immer noch für ihre Rechte kämpfen muss.

You go girl!

Nicht falsch verstehen: Wir MÜSSEN die erfolgreichen, mächtigen Frauen feiern. Sie sind Vorbilder für alle heranwachsenden Mädchen und jungen Frauen, an sich zu glauben, nicht aufzugeben. Mach was aus deinem Leben! „YESSS!“ zu all den arbeitenden Müttern, zu den Frauen in den Chefetagen, in der Politik, auf dem Bau und in der Armee; zu den Arbeiterinnen an den Kassen, in den Cafés, zu den Zimmermädchen, zu den Lehrerinnen, Betreuerinnen – ganz egal, was ihr macht – You go girls! Was mich stört, ist der Unterton. Dieses: Du bist nur dann eine emanzipierte oder starke Frau wenn du einen tollen Job hast und dich in der „Männerwelt“ behauptest. Wenn du finanziell unabhängig bist.

Ist die Hausfrau weniger stark?

Was ist aber mit den Frauen, die eben genau das nicht WOLLEN. Die sich für ein Leben als Clan-Chef zuhause entscheiden. Sind sie wirklich weniger emanzipiert? Ist es nicht das, was unsere Selbständigkeit und Gleichheit ausmacht, nämlich FREI zu entscheiden, was wir wollen? Natürlich setzt es voraus, dass wir auch frei entscheiden können. Das unser soziales Umfeld mit freiem Zugang zu Bildung, den gleichen Chancen im Job, fairer Bezahlung und einem gesicherten Betreuungsnetz für Kinder, uns überhaupt erst die Möglichkeit gibt frei zu wählen. Doch auch wenn die äußeren Umstände optimal sind – warum fällt es uns immer noch so schwer unsere Träume und Ideen im Dschungel der Erwartungen und im Dickicht der „Eigentlich solltest du-Tiraden“ offen und frei zu kommunizieren?

Wenn ich könnte, würde ich zuhause bleiben.

Um nicht zu verallgemeinern nehme ich mich als Beispiel: Nach dem Abitur habe ich studiert, ein Volontariat gemacht, irgendwann geheiratet, zwei Kinder bekommen. Ich war vier Jahre in Elternzeit und habe anschließend wieder begonnen, halbtags zu arbeiten. Ich liebe meinen Job. Ich kann schreiben, kreativ sein, treffe viele interessante Menschen und höre spannende Geschichten. ABER: Wäre es finanziell machbar, würde ich im Moment lieber ganztags zu Hause sein, als mich halbtags zu zerreißen und trotzdem immer ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hätte für meine Kinder ausreichend Zeit, könnte ehrenamtlich in Kindergarten, Schule und Gemeinde helfen und meinem Mann daheim den Rücken frei halten. Und ja, ich schreibe das absichtlich genau so, muss aber dazu sagen, dass ich einen Mann habe, der mich in wirklich allem unterstützt und frei wählen lässt. Deswegen würde ich mich auch nicht weniger gleichberechtigt, stark oder unausgefüllt fühlen. Es wäre mein Wunsch. Und ich höre schon von überall her: WIE KANNST DU NUR?

Lies dazu auch: Mann, Frau & Ayurveda – Sehnsucht nach dem Urweiblichen

Wir können es niemandem recht machen

Ich höre wie meine Freundinnen und die Frauen aus meinem Umkreis reagieren, wenn ich davon erzähle. Die Reaktionen reichen von einem ungläubigen Lächeln, über „du olle Hausfrau, wie im Mittelalter“, bis zu einem entsetzten „Wie kannst du nur so etwas sagen, nachdem wir Frauen so lange gegen das Heimchen am Herd-Image gekämpft haben?“. Schon sind wir beim nächsten Problem und es ist noch dazu ein hausgemachtes. Wir Frauen halten nicht zusammen. Wir bekämpfen uns, zicken uns an und ziehen übereinander her, als wäre es eine olympische Disziplin: Sie ist zu dick, zu dünn, zu oberflächlich, zu naseweis, zu eitel, zu schmuddelig, zu faul, zu ambitioniert, zu lange Single, zu anhänglich, zu wenig bei den Kindern oder will womöglich keine … Wir können es niemandem recht machen, am wenigsten uns selbst.

Reicht euch die Hände und macht euch breit!

Wir sind unserer eigenes Netz: Gemeinsam sind wir stark!

Beschreibe doch einmal, was du an dir gut findest. Lobe dich so richtig. Feiere dich. Du musst überlegen oder? Sicher fällt es dir leichter, deine Fehler zu sehen. Und genau das müssen wir ändern. Heute am Weltfrauentag hören wir einfach mal auf über unsere Fehler und die vermeintlichen Macken der anderen nachzudenken. Wir beginnen damit uns anzuhören, füreinander da zu sein. Wir sind unserer eigenes Netz. Wir müssen uns nichts beweisen, denn wir sind stark IN UNS und gemeinsam noch stärker. Wir hören auf uns klein zu machen und wachsen über uns hinaus. Wir sind laut, sagen unsere Meinung und zucken mit Schultern, wenn sie jemandem nicht gefällt. Egal ob wir Hausfrau, Politikerin, Handwerkerin, Friseurin, Mutter, Single, kinderlos, verheiratet, dick, dünn, Veganer oder Fleischereifachverkäuferin sind. Wir sind Frauen. Wir begegnen uns mit Liebe und entgegnen uns Respekt. Wir kämpfen gemeinsam für unsere Ziele, unseren Körper und das Recht auf Selbstbestimmung. Wir reichen uns die Hände und wir machen uns breit! So lange, bis wir den Weltfrauentag nicht mehr brauchen.