Yoga als Trauerbewältigung

Als Kind war für mich das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte: Mama oder Papa würden eines Tages sterben. Diese Vorstellung bescherte mir Bauchschmerzen und schlaflose Nächte – bis es schließlich so weit war: Meine Mutter wurde krank und starb viel zu früh. Vorbei die Zeit, in der ich sie um Rat fragen konnte. Ich wurde schneller erwachsen, als mir lieb sein konnte.

Wie kaum eine andere Phase im Leben erfordert die Trauer nach dem Verlust eines geliebten Menschen Veränderungen und eine vertrauensvolle Haltung dem Leben gegenüber. Diese Grenzerfahrung fordert den Hinterbliebenen in seinem Leid rücksichtslos auf, da weiterzumachen, wo das Leben mit dem anderen aufgehört hat. Die Trauer betrifft den Menschen in seiner Ganzheit, sie wälzt sein Leben und seine Gewohnheiten um, sie durchdringt alle Lebensbereiche und löst Emotionen aus, die dem Unwiederbringlichen hinterher schreien.

Mir wurde damals klar, dass mich in dieser kritischen Lebensphase nur unterstützende Begleitung entlasten könnte – Begleitung, die Kraft, Vertrauen, Offenheit und Geborgenheit ausstrahlt. Überwältigt von noch nie zuvor erlebten Gefühlen, von Hilf- und Bodenlosigkeit, die einsam auf eine nicht mehr vorhandene Gemeinschaft blickten, ließ mich Yoga ankommen in meiner neuen Realität, fing mich auf und wurde schließlich zu jener unterstützenden Begleitung.

Ich dachte bis dahin, viel für das Verständnis getan zu haben, dass Menschsein, Tod und Trauer nicht voneinander zu trennen sind. Langjährige Reflexionen über den Tod und das Leid während Vipassana-Retreats gingen voraus, die Fluchtgedanken in schweißtreibenden Power-Yoga-Sessions lehrten mich in ihrer Intensität das pure Sein. Eine kontinuierliche Meditationspraxis über den Gleichmut und die liebende Güte ließen mich in Herzenswärme bei mir sein, Momente der Ausweglosigkeit verwandelten sich mit jedem Atemzug in Schönheit und Besonderheit.

Unsere nicht-wissende Natur
Aber spätestens wenn es darum geht, Vergänglichkeit nicht nur zu erkennen oder zu erahnen, sondern während einer Lebenskrise, die tatsächlichen Wandel erfordert, in vollen Zügen zu spüren, rücken die Schönheit des Momentes und die Aussicht auf Zukünftiges zunächst in den Hintergrund. Ersetzt werden sie durch einen gewaltigen, ernüchternden Einbruch der Realität. Dabei stellte sich mir die Frage, ob ein Vorwissen um die möglichen Veränderungen des Lebens tatsächlich Wissen ist – oder ob nicht erst die erfahrene Realität dieses Wissen entwickelt. Erst die Trauer um einen geliebten Menschen scheint uns ein tieferes Verständnis von Vergänglichkeit zu vermitteln. Demnach wird erst der Tod des Nächsten durch die Trauer zur lebendigen Todesreflexion. Als Kind (und selbst als Erwachsene) hätte ich gedacht, dass mit dem Tod meiner Mutter mein eigener innerlicher Tod eintreten würde. Aber die Trauer kennt ihre ganz eigenen Erlebnisse und Gesetze.

Wir sind nicht-wissende Wesen: wir können unseren Todeszeitpunkt und die Todesursache nicht vorhersagen, und auch nicht die unserer Liebsten. Ursache und Zeitpunkt des Todes liegen außerhalb unseres Einflussbereichs. Wir können nicht anders, als uns dem zu fügen: So sehr wir uns bemühen, der Tod wird stets undurchschaubar sein. Er grenzt wissen und Erkennen aus und schließt dafür Nichtwissen ein. Einzig die Liebe schafft es uns durch intensive Trauer näher an die gefühlte Bedeutung des Todes heranzuführen. Und mit der Zeit wird man merken, dass die Trauer kein Gegner, sondern ein wichtiger Partner ist.

Yoga und Trauer – ein Prozess des Eins-Werdens mit dem Selbst
Trotz des Leides im Alleinsein und des Gefühls, zurückgelassen zu werden, kann Trauer mehr bewirken, als eine Reflexion über die eigene Vergänglichkeit anzustoßen. Der Tod berührt die innersten Wurzeln und den eigenen Ursprung. Umso wichtiger erscheint das, was die Trauerforschung immer wieder hervorhebt: Man muss Trauer zulassen, denn nur durch sie kann die persönliche Entwicklung ihren Lauf nehmen. Das Leben wird tiefer, Fremdheit wird durch Vertrautheit abgelöst, denn die Tiefe lehnt die Flucht ab. Stattdessen kann der Hinterbliebene zu seinem wahren und ursprünglichen Selbst vordringen – also zu Drasta, dem reinen Selbst. Fragen wie „wer bin ich ohne meine Mutter?“, „was macht das Leben lebenswert, wenn mir doch alles genommen werden kann?“, „was möchte ich eigentlich nach meinem Tod hinterlassen?“ nahmen mich damals ein und wollten ergründet werden.

Wenn wir Yoga als einen Prozess des Einswerdens verstehen, dann schließt es den Aspekt der Selbsterkenntnis mit ein. In Anlehnung an Patanjali geht es dabei um die Wahrnehmung der Kleshas in uns, also der Kräfte, die uns lahmlegen, und Drasta. Das alles findet in Citta statt, unserem Geist, der erforscht und verstanden werden will.

Wie schnell diese Kräfte Einfluss auf unser ganzes Wesen nehmen und die Verbindung auch zu unserem Herzen verhindern, können wir bereits im kleinsten Ansturm von Stress oder Unzufriedenheit erfahren. Auf Samadhi ausgerichtet, geht es um die Vereinigung der verwirrenden, zweifelnden und ungleichgewichtigen Hindernisse und störenden Kräfte des Geistes mit Drasta. Es geht um die Klarheit, Freiheit und das Gleichgewicht des Geistes. Einswerden wird so zu einem Reinigungsprozess und führt mithilfe des Ausrichtungsobjekts zu einem klaren und freien Bewusstsein.

Es ist ein Weg der Ehrlichkeit, der Offenheit und der Großzügigkeit, die meinem Verständnis nach alles – jedes Gefühl, jeden Gedanken, jede Stimmung – einschließt und nichts ausschließt. Dann birgt es in sich das Potenzial, jenem Reinigungsprozess nachzukommen, den wir interessanterweise in der Sanskritwurzel des Begriffes „Krise“ wiederfinden. Krisen sind so mannigfaltig: Sie können die Seele, den Körper, ein ganzes Staats- oder Wirtschaftsleben betreffen. Sie treten immer dann ein, wenn Unstetigkeiten und Vergänglichkeiten auf das Leben treffen.

Wenn etwas gereinigt wird, hat es im Anschluss an den Reinigungsprozess den Charakter des Neuen. Aus diesem Verständnis resultieren wohl auch die Meinungen, die die Bewältigung von Krisen als Neuanfang und Erneuerung bezeichnen.

Kriya im Sinne von „ich kann es schaffen“
So unterschiedlich die verschiedenen Yogastile in ihrer Ausrichtung derzeit praktiziert werden, so haben doch alle gemeinsam, dass der Yogaweg das Gefühl vermittelt, selbsttätig etwas im Leben in Bewusstheit und Achtsamkeit bewirken zu können. Das heißt, dass für das eigene Wohlbefinden und Glück nicht erst Hilfe von Außen kommen muss, sondern dass wir eigenverantwortlich etwas bewirken können. Ich spüre noch genau, wie sich meine Kraft- und Mutlosigkeit erst durch das verwurzelte Stehen in Balancehaltungen in Selbstbewusstsein verwandelte. Hier beginnt unser Weg der Einheit, noch bevor wir Drasta anvisieren. Trauern bedeutet Arbeit und Yoga entspricht dem als ein Weg des aktiven Handelns. Kriya Yoga setzt mit Tapas, Svadhyaya und Ishvara Pranidhana die Qualitäten voraus, die uns schließlich mit der Kraft verbinden, „die uns befähigt, jede Schwierigkeit im Leben zu durchschreiten“ (Yoga-Sutra III.39).

Es ist ein weg der kleinen Schritte. Und dieser Übungsweg ist gleichzeitig das Ziel, auf dem Geduld, Vertrauen und Glauben in die eigenen Fähigkeiten und für den weiteren Weg entwickelt werden. Dieses Ziel schenkt Orientierung und Halt. Alles beginnt mit dem Bewusstwerden und der Achtsamkeit, also jenem unvergleichlichen und kostbaren Instrument der Atmung. Wie kein anderes steht es der Selbstwahrnehmung jederzeit und an jedem Ort zur Verfügung und ist imstande, die Körperhaltung (und somit auch das Verhalten) auf Spannungen und Belastungen zu überprüfen. Die Achtsamkeit lenkt das Bewusstwerden auf die Stellen im Körper und im Geist, in denen die Trauer präsent ist. Den Trauerschmerz festzustellen, ihn zu lokalisieren, zu erforschen und zu erkennen hilft, wieder klarer zu sehen und sich für neue Möglichkeiten des Lebens zu öffnen.

Indem ich mich für den Weg der aktiven Trauer entscheide und nicht für den des Absturzes oder der Ignoranz, decke ich die mir und in mir zur Verfügung stehenden Ressourcen auf. Neben Eigenschaften wie Geduld, Vertrauen und Selbstbewusstsein sind es die inneren Kräfte – die Geisteskraft, die mich mit dem Universum verbindet, die Herzenskraft, die Mitgefühl und Mitmenschlichkeit vermittelt, und die Bauchkraft als meine stabile Basis – die mir unerschütterlich zur Seite stehen. Wenn ich meine Natur als ein nicht-wissendes Wesen akzeptieren muss, dann habe ich es in der Hand, meine tiefe Zufriedenheit aus der Achtsamkeit heraus zu entwickeln.

Alles ist Bewegung
Wenn sich etwas wandelt, verändert, einem Prozess unterliegt oder Altes zu Neuem wird, dann, weil es in Bewegung ist. Wenn ich öfters dachte, ohnmächtig der Starre ausgeliefert zu sein, ging ich manchmal einfach nur spazieren. So lange wir leben, bewegen wir uns, unseren Körper und unsere Gedanken: Der Blutkreislauf und Atemfluss zeugen davon, dass es weitergeht in Richtung Zukunft. Die Natur folgt dem Rhythmus der Gezeiten, was bedeutet, dass Bewegung stets Vergänglichkeit auslöst. Das hat sein Gutes, ebenso wie sein Schweres. In Zeiten der Trauer lohnt es sich, die eigene Lebendigkeit durch die Bewegung bewusst zu machen. Sich zu bewegen, heißt weiterzukommen, in eigenen Schritten und in selbsttätigem Handeln.

Im Kontext der Trauer bezieht sich Bewegung auch auf eine innere Dynamik, die von den Gedanken und Gefühlen gesteuert wird. Mit Yoga kommt die äußere Bewegung hinzu, also die des Körpers und des Atems. Eine fließende bewusste Atmung in der Bewegung orientiert sich immer liebevoll an den körperlichen oder psychischen Grenzen.

Die Einheit aus einer stabilen und leichten Körperhaltung lässt den Atem sowie die Lebensenergie wieder freier fließen. Durch den Körper, der das Leben und die innere Starre wieder in Bewegung bringen kann, wird das gesamte Dasein in Bewegung kommen. Die harmonische Bewegung erlaubt es dem Geist schließlich, immer stiller zu werden und sich zu beruhigen.

In der Einheit von Körper, Geist und Atmung schafft Yoga schließlich den Zugang zum wesentlichen, zu meiner Quelle, aus der heraus Wohlbefinden und Weite gedeihen kann. Es ist dieser Ort, an dem unser reines Selbst ruht, wo unser Herz wieder spürbar wird, von dem wir uns in der Trauer so häufig getrennt fühlen. Und nicht zuletzt durch die Unterstützung von Shraddha, einem tief verwurzelten Glauben, der mir die Energie zum Handeln schenkte, wurde meine Erinnerung geschärft, um die Sinnhaftigkeit und meine lebensbejahenden Vorsätze nicht aus dem Blick zu verlieren.

„Trauer hat immer etwas mit Erstarrung und Hilflosigkeit zu tun. Durch die Bewegung zeigst du deinem Körper, dass du etwas bewegen kannst und es weitergeht.“

Dieser Satz von Doris Wolf wurde zu meinem Leitsatz in der Zeit nach dem Tod meiner Mutter. Er klingt tatsächlich so leicht, und zeitweise doch unmöglich. Aber mich zu erinnern, dass die Bewegung in mir ist, weil ich lebe; zu spüren, dass mein Körper meine Trauer trägt; zu erfahren, dass die Gleichgewichtsübungen im Yoga mich erden und mich meine Standfestigkeit und unerschütterliche Kraft auf einem Bein lehren; die sanften und hingebungsvollen Übungen mein Herz wieder spüren lassen; fließende Bewegungen mich mit meiner Atmung und meinem Selbst verbinden; rückenstärkende Übungen meinen Brustraum weiten und mir ein freies Lebensgefühl schenken – all dies half mir, nach vorne zu schauen. Yoga reichte mir die Hand, holte mich in meiner Trauer ab und ließ mich weitergehen. Ich bin glücklich, den Sinn trotz des unaufhörlichen Schmerzes zu erkennen.

Ich blicke zurück, und schöpfe Vertrauen in meine Kräfte und Ressourcen, werde mir dieser gewiss, gestärkt für all das, was noch kommen mag. Das Leben wandelt sich, die Trauer wandelt sich, stetig aber bleibt das Herz auf der Matte. ✤


Melanie Probst lebt in Mainz und unterrichtet verschiedene Yogakurse. In Anlehnung an ihre Diplomarbeit leitet sie auch Yoga & Trauer-workshops. 

Afghanistan: Yoga leben im Krisengebiet

Was geschieht mit der Menschlichkeit, wenn die Seele an einem der gefährlichsten Orte der Welt unter Dauerbeschuss gerät? Die Yogalehrerin und Anwältin für Menschenrechte Marianne Elliott war zwei Jahre für die Vereinten Nationen (UN) in Afghanistan. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch verarbeitet. „Zen Under Fire“ ist ein bewegender Bericht über die widrigen Umstände, denen humanitäre Mitarbeiter in Krisen- und Kriegsgebieten ausgesetzt sind.

Die internationale Gemeinschaft verabschiedet sich etappenweise aus Afghanistan. Frankreich und Australien haben damit begonnen, ihre Truppen abzuziehen. 2014 soll die Aufgabe der Sicherheitswahrung an die Afghanen übergehen. Wohin steuert das Land bezüglich Demokratie, Menschenrechte und Sicherheit? In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov glauben 58 Prozent der Befragten, dass das Land danach wieder in Chaos und Bürgerkrieg versinkt.

Die Neuseeländerin Marianne Elliott kämpft sich gegen den Strom der Ausreisenden nach Afghanistan zurück. Sie ist Anwältin für Menschenrechte und gerade von einem mehrwöchigen Aufenthalt am Hindukusch zurückgekehrt, wo sie sich ein Bild von der Menschenrechtssituation gemacht hat. Zum ersten Mal kam sie 2005 nach Afghanistan, um für eine Menschenrechtsorganisation zu arbeiten. Im Anschluss erhielt sie eine Position als Human Rights Officer für die United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) in Herat. Dort sollte sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit dokumentieren und untersuchen. Eine Aufgabe, an der sie beinahe zerbrach. Darüber schreibt sie in „Zen Under Fire“. Wie übersteht man die tägliche Konfrontation mit Tod, Elend und Zerstörung? Für die engagierte Yogalehrerin wurde damals ihre tägliche Yoga- und Meditationspraxis zur seelischen Überlebensstrategie in Afghanistan. Für den Körper mussten Sicherheitswesten und gepanzerte Land Rover herhalten. Mariannes Bericht über diese Zeit geht unter die Haut: Als Anwältin ist sie spezialisiert auf Frauen- und Kinderrechte in Konfliktsituationen. Neben der Untersuchung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie unrechtmäßige Verhaftungen, Gewalt gegen Frauen oder die Vertreibung von Familien von ihrem Land, organisiert sie Workshops mit afghanischen Frauen und Männern, um die Rechte der Frauen in Afghanistan zu stärken. Bei ihrer täglichen Arbeit wird sie mit allen Facetten menschlichen Leids konfrontiert: Frauen, die sich dem Willen des Vaters oder der Familie widersetzen und deswegen halb tot geprügelt werden; ganze Familien, die im Zuge von Stammesfehden ihre Grundstücke verlassen müssen; gebrochene Mütter, deren Kinder bei diesen Stammesfehden getötet wurden; Inhaftierte, die in maroden Gefängnissen jahrelang auf ein faires Verfahren warten und häufig Misshandlung erfahren. Daneben setzte der jungen Frau die eingeschränkte Bewegungsfreiheit zu. Das UN-Personal unterliegt strengen Sicherheitsvorkehrungen. In Herat durfte sie ihre Unterkunft niemals zu Fuß verlassen, egal wie kurz die Strecke auch war. In Chaghcharan, wohin sie sich nach ihrem ersten Jahr in Herat versetzen ließ, wurde ihre Unterkunft einmal unter direkten Beschuss genommen. Zusammen mit ihren Kollegen musste sie die Nacht im Bunker verbringen.

Scheitern und Hoffnung
Sie war mit großen Hoffnungen nach Afghanistan gekommen. „Ich hatte gehofft, dass sich durch die Arbeit für die UN bessere Möglichkeiten ergeben würden, Menschenrechte zu schützen. Ich musste jedoch sehr früh erkennen, dass die Möglichkeiten der Einflussnahme in einer Konflikt- oder Gewaltsituation beschränkt waren. Meine Vorstellung davon, was sich verändern sollte und was wirklich möglich war, musste sich ändern“, so Elliott heute. Schon während ihrer ersten Arbeitswoche für die UNAMA in Herat wird sie vor eine Herausforderung gestellt. Amanullah Khan, ein Stammesführer und wichtiger Wortführer im Kampf gegen die Taliban, kommt bei einem Attentat ums Leben. Afghanistan wird zum größten Teil noch immer von Stämmen regiert. Der Frieden am Hindukusch hängt nicht nur von den Taliban ab, sondern auch davon, wie die Stämme zueinander stehen. Eine Realität, mit der Marianne gerade dann in Kontakt kommt, als sich ihr Vorgesetzter in einen einwöchigen Heimaturlaub verabschiedet hat. Noch am Morgen seiner Abreise versucht er, Mariannes Zweifel zu zerstreuen. „Alles wird gut gehen, Marianne. Solange niemand Amanullah Khan umbringt, ist alles in Ordnung“, sagt er und macht sich auf den Weg zum Flughafen. Mittags fällt Amanullah Khan einem Anschlag zum Opfer. Vermutet wird ein Racheakt eines rivalisierenden Stammes. Mariannes Aufgabe ist es nun, einen Flächenbrand der Gewalt zu verhindern. In ihren Schilderungen wird klar, wie sehr sie auf Hintergrundinformationen ihrer afghanischen Kollegen angewiesen ist, um die Lage genau erfassen zu können und die nötigen Schritte einzuleiten. Sie stehen ihr auch in schwierigen Verhandlungssituationen beiseite, in denen sie als einzige Frau unter Männern das Wort führen muss. Überhaupt werden ihre afghanischen Mitarbeiter der Schlüssel, um einen ganz anderen Zugang zu diesem Land zu erhalten, als dies üblicherweise der Fall ist.

In ihren Erzählungen verfängt sich die Neuseeländerin nicht in einer heroisch klingenden Retrospektive. Zwar meistert sie die Situation äußerlich professionell. Innerlich fühlt sie sich jedoch brüchig. Wie ein Seismograf zeichnet sie die Wechselbäder der Gefühle auf, die sie in den kommenden Tagen nach dem Attentat durchläuft. Sie versucht, die Verletzlichkeit zu ignorieren oder sie durch blanken Pragmatismus zu ersetzen. Es gelingt ihr nicht.

Der Wunsch, diese emotionale Achterbahnfahrt mit anderen zu teilen, war eine der Motivationen, warum Marianne Elliott „Zen Under Fire“ geschrieben hat. „Viele Menschen, die in humanitären Arbeitsfeldern arbeiten, haben den Anspruch, als unverwundbar rüberzukommen. Sie haben Angst, sich lächerlich zu machen oder als inkompetent zu gelten, wenn sie zugeben, dass sie die Umstände vor Ort fertigmachen“, so Mariannes Erfahrung. „Ich habe es nie gelernt, mir ein dickes Fell zuzulegen.“ Weder während ihres Arbeitseinsatzes im Gazastreifen und erst recht nicht in Afghanistan. Es ist ihr ein Rätsel, wie ihre Arbeitskollegen so kühl und besonnen wirken können. Die Arbeit scheint sie weniger emotional anzugreifen. „Setzt es euch denn gar nicht zu?“, fragt Marianne jeden, mit dem sie über die tägliche Arbeit spricht. Die meisten geben zu, dass die Arbeit hart sei. Aber sie sagen auch, dass man eine professionelle Distanz dazu aufbauen müsse. Marianne widerstrebt dieser Gedanke. „Der Teil in mir, der sich gegen diesen professionellen Abstand wehrt, ist davon überzeugt, dass es wichtig für mich ist, die Traurigkeit wirklich zu spüren“, schreibt sie. Zudem sieht sie, dass die wenigsten ihrer Arbeitskollegen wirklich Distanz halten können. Einige zeigen Anzeichen von chronischer Erschöpfung wie Gesichts-Tics oder Schlaflosigkeit. Bei anderen steht ein wöchentliches Besäufnis auf dem Plan – „um sich den ganzen Mist rauszuspülen“. Diese Bewältigungsstrategien scheinen gesellschaftlich eher akzeptiert zu sein als Mariannes ständige Heulattacken.

Letztendlich weiß die Autorin, dass sie keine andere Wahl hat, als sich ihrer eigenen Verletzlichkeit zu stellen. Auf die Frage, ob sie keine Angst hatte, durch diese offene Verletzlichkeit im humanitären Arbeitsbereich als Versagerin oder gar als Nestbeschmutzerin abgestempelt zu werden, antwortet sie: „Ich glaube, dass ich durch die Offenheit bezüglich meines emotionalen Zustandes und meiner unglücklichen Beziehung einen Dialog anstoßen kann. Nämlich darüber, was es bedeutet, in solch einem Umfeld zu leben und zu arbeiten“, erzählt sie im Interview. Damit meint sie auch ihre Beziehung zu einem Mitarbeiter während ihres Einsatzes in Afghanistan.

Die Stille finden im Kugelhagel
Yoga praktizierte sie bereits in Neuseeland – „um die Muskeln zu lockern“. Aber als die Verzweiflung kaum mehr auszuhalten ist und Marianne nur noch mit Hilfe von Schlafmitteln nachts zur Ruhe kommt, rollt sie die Yogamatte auch täglich in ihrer kargen Unterkunft aus. Durch Zufall entdeckt sie eine Meditations-CD der buddhistischen Nonne Pema Chödrön. Die Erkenntnisse spenden Marianne Trost. „Während ich die CD höre, habe ich das Gefühl, dass Pema direkt zu mir spricht. Sie beschreibt meine Gefühle und Ängste so akkurat, dass man glauben könnte, sie hätte das ganze Buch einzig und allein für einen niedergeschlagenen, verwirrten Human Rights Officer in Afghanistan geschrieben“, schreibt Marianne.

Sie erkennt, dass der Zweck der Meditation nicht ist, sich gut zu fühlen. Meditation, so Pema Chödrön in ihren Büchern, sei kein Prozess der Selbstoptimierung, sondern ein Prozess der Selbstakzeptanz. „Ein radikaler Gedanke für mich. Mir war vorher nicht bewusst, wie tief ich in der Idee verhaftet war, mich ständig verbessern zu müssen“, schreibt Marianne. Die CD und die morgendliche Meditations- und Yogapraxis werden zu einem unverzichtbaren Bestandteil ihres Arbeitstages. An manchen Tagen fühlt sie sich ruhig und geborgen auf ihrem Meditationskissen – an anderen, als befände sich das Schlachtfeld direkt in ihrem Kopf. „Egal, welcher Zustand sich gerade in den Vordergrund stellt, ich sage mir: Bleib einfach sitzen.“ Allmählich lernt sie auszuhalten, was nicht zu ändern ist: die elenden Umstände, in denen viele Menschen in Afghanistan leben, die Gewaltopfer, die Sicherheitsrisiken und die Traurigkeit. Statt ständig gegen das, was ist, anzukämpfen, akzeptiert sie.

Yoga und Meditation werden für Marianne kein Zaubermittel für ein sorgen- und schmerzfreies Happy End. Sie helfen ihr, besser mit den Aufs und Abs vor ihrer Bürotür umzugehen. Zwar kann sie den Krieg in Afghanistan nicht stoppen, aber dem eigenen in ihrem Kopf ein Friedensabkommen anbieten.

Die eigene Machtlosigkeit akzeptieren
Sie hat keine andere Wahl, als zu lernen, sich inmitten der Realitäten Afghanistans zu entspannen. „Ein Grund dafür, warum meine afghanischen Kollegen die Umstände so akzeptierten, wie sie sind, ist, dass sie diese als gottgegeben ansehen“, erzählt sie. Die Anwältin sieht darin eine Methode, sich der eigenen Machtlosigkeit anzuvertrauen, ohne dabei verrückt zu werden. „Das ist eine Überlebenstechnik. Im Westen wird uns glauben gemacht, dass wir unser Leben genau so gestalten können, wie wir es uns wünschen. An Orten wie in Afghanistan stellte sich dieser Mythos als das heraus, was er ist: nämlich ein Mythos.“ Ist es dieser Mythos, den so viele westliche Menschenrechtler und Entwicklungsarbeiter im Gepäck und im Kopf haben, wenn sie sich in solche Gebiete aufmachen – und der sie frustriert zurückkommen lässt? „Wir halten es für normal, dass die Welt so funktioniert, wie wir sie sehen. Da, wo ich aufgewachsen bin, glaubt man, dass wir zu jeder Zeit die Dinge im Griff haben können. Wenn wir auf Reisen oder aufgrund unserer Arbeit ans andere Ende der Welt gehen, dann nehmen wir diese Sicht zwangsläufig mit.“ In Afghanistan musste sie lernen, die beiden Konzepte vom Glauben an absolute Kontrolle und ihre Machtlosigkeit für die eigene Entwicklung zu nutzen. „Als ich nach Afghanistan kam, kam ich von der einen Seite des Glaubensspektrums. Meine Erfahrungen lehrten mich jedoch, dass man die Dinge auch anders betrachten kann. Jetzt nehme ich mir von beiden Sichtweisen das, was ich gerade benötige.“

Drum’n’Bass-Legende Goldie: Yoga statt Rehab

Goldie Drum'n'Bass-Legende
Foto: Chelone Wolf

„Yoga hat mein Leben gerettet“, sagte Drum’n’Bass-Legende Goldie im BBC Interview. Der erfolgreiche, dramatische und hoffnungsvolle Weg dieses vielseitigen Künstlers führte ihn neben seiner außergewöhnlichen Karriere durch zahlreiche Stationen der Sucht – und schließlich zu Bikram Yoga.

Der britische Allround-Künstler Goldie hat wahrlich ein bewegtes Leben hinter sich: In den Achtzigern flog er vom heimischen London aus nach New York, um dort U-Bahnen mit Graffiti zu besprühen, in den Neunzigern war er als DJ und Labelbetreiber einer der Pioniere des Drum‘n‘Bass und spielt auch heute noch in Clubs auf dem ganzen Globus. Er war mit der exzentrischen Sängerin Björk liiert und spielte den Bösewicht in Guy Ritchies „Snatch“ und dem James-Bond-Film „Die Welt ist nicht genug“. Abgesehen von seinen künstlerischen Erfolgen prägten allerdings auch Alkohol und Drogen das Leben des vielseitigen Mannes mit den auffälligen Goldzähnen – bis er eine Leidenschaft für sich entdeckte, die ihn auf einen ganz neuen Weg führte: Bikram Yoga.

YOGA JOURNAL: Goldie, du bist Produzent, DJ, Schauspieler, Künstler – und seit drei Jahren auch Yogi. Ist das ein Widerspruch oder die perfekte Kombination?
GOLDIE: Für mich ist es ein großartiger Zufall, würde ich sagen. Viele Leute, die sich zu Yoga hingezogen fühlen, haben – oder hatten – ein sehr kompliziertes Leben und haben schon alles mögliche ausprobiert. Vieles ist bei mir einfach nicht hängengeblieben und ich bin auch ein sehr skeptischer Mensch. Meine Musik war jedoch schon immer spirituell motiviert – aber ausdrücklich nicht im Sinne von Bäume umarmen. (lacht) Ich habe ein sehr hartes Leben geführt und hatte wirklich schwierige Zeiten. Irgendwann habe ich Bikram Choudhury getroffen, viel Zeit mit ihm verbracht und dadurch Yoga kennen gelernt. Bestimmte Leute fühlen sich zu bestimmten Dingen hingezogen, aber ich dachte nie, dass ich mich mal für Yoga begeistern könnte. Hätte mir das jemand vor ein paar Jahren erzählt, hätte ich ihn ausgelacht. Aber die Welt verändert sich stetig und ich mich natürlich auch. Ich bin in einer sehr künstlichen, sehr giftigen Umgebung aufgewachsen, und auch wenn Bikram Yoga nicht für jeden geeignet sein mag, passt es doch sehr gut zu meiner Struktur und ist mittlerweile sehr wichtig für mich. Ich habe mit einer Verletzung zu kämpfen – ich hatte eine komplizierte Fraktur am linken Fuß und hadere oft mit meiner Praxis, aber ich hätte nie gedacht, dass ich mich überhaupt über einen Zeitraum von drei Jahren regelmäßig vier- bis fünfmal die Woche so intensiv einer Sache widmen könnte. Es ist zwar anstrengend, aber auch ein Segen für mich. Wegen meiner Verletzung ist es zum Beispiel sehr schwierig für mich, im Baum zu stehen. Aber auch das habe ich durch Yoga gelernt: Manche Haltungen werden durch die Praxis einfacher und manche bleiben eine Herausforderung. Für mich als Suchtkranken ist diese Erkenntnis eine große Hilfe.

Wie kamst du eigentlich zum Bikram Yoga?
Wie gesagt, ich habe Bikram getroffen und wir verstehen uns sehr gut. Wir sprechen regelmäßig miteinander, auch gern mal über Autos und sonstige alltägliche Themen. Ich hatte damals eine ziemlich wüste Scheidung hinter mir und mir außerdem ein Bein gebrochen – ausgerechnet das linke, also das auf der weiblichen Seite des Körpers. Ich beschäftige mich ja bereits seit 15 Jahren mit Akupunktur und solchen Dingen – ich fühlte mich also schon lange zu etwas Bestimmtem hingezogen, wusste aber nie, wozu genau. Nachdem ich Bikram getroffen hatte, besuchte ich mal eine zweistündige Masterclass bei ihm. Dabei haben wir viel über seine Gurus, seine yogischen Wurzeln und seine Anpassung an den Westen gesprochen, und dadurch habe ich einige Dinge besser verstanden. Die menschliche Seele lässt sich gerne täuschen. Ich selbst habe schon mehrere Entzüge und Therapien gemacht, aber für mich hat nichts davon funktioniert. Ich bin auch immer ins Fitnessstudio gelaufen und habe gepumpt wie ein Blöder, aber das war vor allem eine Sache meines Egos. Ich bin eine sehr aggressive Person und Bikram war mit vielem, was ich ihm über meine Problembewältigungsstrategien erzählte, überhaupt nicht einverstanden. Bei Bikram ging es vielmehr darum, das Ego an der Tür abzugeben und „abzurüsten“. Ich glaube, darum geht es auch beim Yoga. Ich finde es immer noch lustig, dass mich das so gepackt hat. Neulich sollte ich zu einem DJ-Gig fliegen und habe meinen Flug verpasst. Klar machte ich mir auch Gedanken um den Gig, aber eigentlich dachte ich mir nur: Scheiße, ich wollte ja vorher noch ins Yogastudio, das klappt jetzt auch nicht mehr. (lacht)  Yoga gibt mir also etwas, worauf ich mich freuen kann. Auch für meine Kunst ist Yoga sehr zuträglich: Ich kann mich viel besser auf meine Arbeit fokussieren und habe im letzten Jahr viel mehr erschaffen als je zuvor. Sowohl mein Schlaf- als auch mein Arbeitsrhythmus haben sich durch die Yogapraxis entscheidend verbessert. Heute ist der erste Tag seit einem Jahr, an dem ich wirklich frei habe – ich arbeite zurzeit wirklich konstant.

Also hilft dir Yoga dabei, dich auf das zu konzentrieren, was du eigentlich tun willst?
Ohne jeden Zweifel. Yoga hat mir sehr dabei geholfen, mich auf meine Musik zu konzentrieren – und ganz besonders auf meine Kunst. Die Wolken haben sich gelichtet, kann man sagen. Normalerweise bin ich schnell dabei, Ideen oder angefangene Werke zu verwerfen – wir wollen eben alles sofort und gleich. Das ist ja auch der Grund, warum Menschen Drogen nehmen: Sie wollen eine sofortige Wirkung erleben. Auch was den physischen Aspekt meiner Person angeht, habe ich mich sehr verändert: Ich habe deutlich abgenommen, meine Ernährung hat sich gewandelt. Das vollzog sich auf eine natürliche Art und Weise, ich will mittlerweile einfach ganz andere Sachen essen und ernähre mich gesünder. Aber die physischen Veränderungen sind eigentlich nur ein Nebeneffekt, die wichtigsten Veränderungen haben sich auf psychischer Ebene eingestellt.

Für viele Übende geht mit der Praxis auch eine Umstellung der Ernährung einher. Was hast du konkret verändert?
Ich habe immer wieder Detox-Diäten gemacht, zum Beispiel die Lemon Detox Diet. Das war schon hart, aber nach zehn Tagen ohne gesättigte Fettsäuren in der Nahrung erkennt man diese Fettsäuren recht schnell in seinem Essen. Man wird sich bewusst, was man da eigentlich isst. Vieles von dem, was ich früher gegessen habe, war eigentlich gar nicht das, was ich essen wollte. Seit ich Yoga mache, esse ich viel weniger, aber dafür viel besser.

Bist du jetzt eigentlich Vegetarier?
Nein, nein. Überhaupt nicht. Ich liebe Fleisch, ich liebe ein gutes Steak. So bin ich eben. Beziehungsweise bin ich noch nicht so weit, kein Fleisch mehr zu essen. Aber was die Qualität meiner Nahrung angeht, hat sich schon sehr viel verbessert. Ich weiß, dass viele Übende irgendwann aufhören, Fleisch zu essen. Aber ich bin ja quasi noch ein Yoga-Neuling und bisher konnte mich auch niemand davon überzeugen, dass es besser sei, kein Fleisch zu essen. Aber hey, lasst mir doch einfach ein bisschen Zeit dafür! (lacht) Wer weiß, was sich in Zukunft noch ergibt.

Übst du eigentlich alleine?
Ich übe nicht alleine. Ich bin in der Klasse, zusammen mit den anderen Soldaten. (lacht) Ich mag das. Mir geht es wirklich nicht darum, irgendwo auf dem Land bei einem Retreat Einzelstunden zu bekommen. Ich mag es, in einer Klasse zu üben. Ich mag den Aspekt der Disziplin, der damit einhergeht. Die anderen Leute gehen ja auch dorthin, um sich zu verändern, man hat also das gleiche Ziel. Ich will mich in dieser Hinsicht nicht isolieren. Ich war auch schon in Power-Yoga-Klassen und versuche manchmal daheim ein paar Haltungen, aber es geht nichts über eine Klasse mit den 26 Haltungen von Bikram. Vor allem mit den ganzen Hilfsmitteln wie Blöcken und Gurten kann ich nichts anfangen – ich mag es pur. Aber wer weiß, wie ich das nach fünf Jahren Yoga sehen werde? Gerade funktioniert es für mich so am besten, das hat sich bei mir festgesetzt.

Hast du schon mal darüber nachgedacht, selbst Yogalehrer zu werden?
Ich mag die Idee, ein Schüler, ein Übender zu sein. Vielleicht kommt ja eines Tages der Zeitpunkt, an dem ich genügend Disziplin in meiner Praxis etabliert habe, um auch über diese Brücke zu gehen. Derzeit genieße ich es einfach, zu üben.

Ist der Aspekt der Disziplin schwierig für dich?
Oh, in den ersten sechs, sieben Monaten war es auf jeden Fall schwierig. Ich habe zwei Tage Yoga geübt, dann war Wochenende und ich habe mich fürchterlich niedergesoffen – und dann wieder von vorne angefangen. Manche können das, aber ich kann einfach nicht beides haben, Mann. (lacht) Im ersten Jahr habe ich zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, wie vergiftet ich eigentlich war. Das war für mich ein Weckruf. Ich habe auch gelernt, dass es im Yoga auf ganz andere Dinge ankommt. Wenn du so einen riesigen Ochsen im Fitnessstudio siehst, dann weißt du: Der kann auf jeden Fall richtig schwere Gewichte stemmen. Dann gehst du zum Yoga und siehst Leute, die dicker, dünner, kleiner oder größer sind als du – und die hebeln einfach mal die Schwerkraft aus. Wir sind eben alle unterschiedlich und man kann Yogis nicht nach ihrem Äußeren einschätzen. Und beim Yoga geht es nicht um Wettbewerb. Das hat mir sehr dabei geholfen, über diesen Ego-Scheiß hinwegzukommen. Durch Yoga habe ich sehr viel gelernt, ich kann mich besser auf meine Musik und auf meine Kunst konzentrieren – und obendrein bin ich mit mittlerweile 47 Jahren in der besten körperlichen Verfassung meines Lebens.

Oh du heiliger Schein…

Als ich mit Yoga begann, fühlte ich mich, als hätte ich so etwas wie ein Wunderland betreten, aus dem ich nie wieder weg wollte. Alle waren so gut und freundlich. Ich bewunderte diese Lichtgestalten, die im hellen Scheinwerferlicht der großstädtischen Yogabühnen hingebungsvoll und vollkommen egofrei die goldenen Yogaregeln von Güte, Demut und Selbstlosigkeit verbreiteten. So wollte ich auch werden.

Damals war meine Lieblingserklärung: Yoga heißt Verbundenheit. Oh ja, ich glaubte an die Einheit von, mit und zwischen allem. Von mir und meinem Yogalehrer. Mir und meiner Yogamatte. Mir und dem Universum. Vor allem glaubte ich an das Gute im Menschen – und in mir selbst. Maria im Wunderland! Nach besonders guten Yogastunden fühlte ich mich, als könnte ich die Welt retten. Oder noch besser: Als müsste sie gar nicht gerettet werden, weil sie doch sowieso wunderschön war. Weil ich alle liebte. Und alle mich. Bis auf die wenigen Ausnahmen… Nach einer überirdischen Herzöffner-Stunde bei meinem Lieblingslehrer lief ich zu meinem Fahrrad. Die Sonne schien. Die Vögel zwitscherten. Zwei Kaffeebecher lagen umgekippt in meinem Fahrradkorb und ein Vogel hatte mitten auf meinen Sattel gekackt. Mit einem heiligen Lächeln auf den Lippen fischte ich mit spitzen Fingern die Kaffeebecher aus meinem Fahrradkorb und trug sie zum nächsten Mülleimer. Wie kann man nur? Ganz schön mieses Karma. Ich ließ mich nicht beirren, sondern machte mich „Om Namah Shivaya“ pfeifend auf den Heimweg. Ein wirklich schöner Tag! Die Herzöffner hatten Wirkung gezeigt und mich in ein freudestrahlendes Honigkuchenpferd verwandelt, das der Oma auf dem Gehweg sein breitestes Mr. Ed-Grinsen schenkte. Alles total shanti! Bis dieser Idiot um die Kurve bog und mich dermaßen schnitt, dass ich fast die Oma mitgenommen hätte. „Blödes …!“ Ups. Die Oma starrte mich so entsetzt an, als hätte ich soeben den Papst beleidigt.

Da lag er nun zerbeult und verbogen, mein Heiligenschein. Mit einem verkniffenen „Ist doch wahr!“ klaubte ich die Reste meines Anstandes auf und fuhr weiter in Richtung Heimat. Scheiße. Was war denn jetzt passiert? Keine Spur mehr von guter Laune. Die Welt konnte sich meinetwegen mal selbst umarmen. Natürlich reflektierte ich lange über diesen und andere Ausrutscher und ich gelobte Besserung. Woche für Woche ging ich in meine Yogastunden. Woche für Woche glaubte ich mich dem Ziel der endgültigen Erleuchtung näher. Und Woche für Woche entschlüpften mir die schlimmsten Schimpfwörter und diese Todfeinde – negative Gedanken – tummelten sich in meinem Kopf. Ich bekämpfte sie auf Rat meiner mitfühlend lächelnden Yogalehrer mit hartnäckigem Enthusiasmus: Hüftöffner gegen angestaute negative Emotionen, Herzöffner für mehr Mitgefühl. Verschiedene Mantras für Bhakti auf allen Ebenen. Und Kopfstand für einen neuen Blick. Positives Denken. Und jede Menge Entspannung gegen den Stress. Irgendwann würde ich sie schon in den Griff bekommen, diese dunklen Momente, in denen mein unfreundliches, manchmal zynisches, schimpfendes altes Ego-Ich die Oberhand gewinnt. Kampf den Samskaras, den bösen Gewohnheiten! Irgendwo im Yoga-Sutra steht „heyam duhkham anagatam“, was wohl ungefähr bedeuten sollte, dass ich schon jetzt daran arbeiten musste, künftiges Leid zu vermeiden…

Also begann ich zur Vorsorge, täglich inspirierende Statusmeldungen auf Facebook zu posten. Meine E-Mails unterschrieb ich nur noch mit Liebe, Frieden und jeder Menge Licht. Für jeden Mitmenschen, der mir sein Leid klagte – „Maria, mir schmeckt’s nicht!“ –, hatte ich einen wunderbaren und liebevollen Ratschlag parat. Alle meine Freunde versuchte ich mit sanftem Nachdruck auf den richtigen Weg zu bringen. Nach außen hin war ich mein bestes Selbst geworden – die heilige Mutter Maria. Nur innerlich hatte mein Yogazustand einen gehörigen Wackelkontakt. Ich hatte noch immer diese Momente und den liebgewonnenen Unschuldsengel überlagerte ein immer größer werdender Schatten. Ich meditierte und yogierte – doch so sehr ich mich bemühte: Die Vögel kackten weiter und ich schimpfte in meinem Kopf. Ich wurde immer unentspannter.

Eines Tages platzte mir mitten auf der Yogamatte beim fröhlichen „Om shanti!“ meiner Nachbarin der enge Kragen meines Gutmenschenanzugs: Nach monatelangem Frieden-und-Licht-Konsum konnte ich nicht mehr. Du kannst dir deinen Frieden sonst wohin schieben und dir das Licht da raus scheinen lassen! Das dachte ich und verließ das Studio. Ich hatte keine Lust, diesen verbeulten, verbogenen, verlogenen Heiligenschein jemals wieder aufzusetzen. Nie wieder die (schein)heilige Maria!

Und da geschah es, das Wunder: Ich fühlte mich so entspannt wie schon lange nicht mehr. Ein breites Grinsen lag auf meinem Gesicht – und ich fühlte mich frei! Maria durfte einen Schatten haben. Seit ich den Titel der Heiligen abgeschüttelt habe, bin ich endlich wieder Maria. Eins mit mir selbst

Maria Müller lebt, yogiert und arbeitet als freie Texterin in München.

Die Freiheit im Herzen

Die Sehnsucht nach Freiheit spielt eine große Rolle im Leben des Anusara-Yogalehrers Marc Holzman. Deshalb ist er von Los Angeles nach Paris gezogen und unterrichtet dort mit Leidenschaft als „Guerilla Yogi“.

Mit dem Konzept „Guerilla Yogi“ hat sich Marc schon vor Jahren von der Notwendigkeit eines Yogastudios frei gemacht und fordert mit Nachdruck „Yoga für alle“. Erst kürzlich löste er sich nach dem Skandal um Gründer John Friend von den strengen Unterrichtsrichtlinien des Anusara-Stils, indem er seine Lizenz zurückgab. YOGA JOURNAL sprach mit dem charismatischen Lehrer über die Verpflichtung, seinen eigenen Weg zu gehen.

YOGA JOURNAL: Marc, wie kommt ein Schauspieler in Los Angeles zu Yoga und warum?
MARC HOLZMAN: Ich habe 2001 eher zufällig damit begonnen. Wie die meisten Schauspieler war auch ich nach L.A. gezogen und dort sprach mich eines Tages eine Freundin an, ob ich mit ihr ins Yoga kommen wolle. Sie dachte einfach, dass ich es mögen würde. Meine erste Yogastunde war eine Power-Yoga-Klasse bei Bryan Kest. Ich war überwältigt! Nie zuvor hatte ich jemanden so klar über die Verbindung zwischen Körper, Herz und Atem sprechen hören. Ich traute meinen Ohren kaum – es fühlte sich alles so stimmig an.

Du fühltest dich sofort zu Hause?
Ich hatte schon immer einen gewissen Hang zur Spiritualität, aber ich wusste nie wirklich, wohin damit. Auf eine Art fühlte ich mich ganz allgemein „spirituell“ – was auch immer das wirklich heißt. In Bryans Stunde wusste ich plötzlich, dass ich genau danach gesucht hatte. Es war eine ziemlich herausfordernde Stunde – Power Yoga eben – und dennoch besaß Bryan solch eine starke Sprache des Herzens. Auf eine komische Weise war ich die stärkste Person im Raum, denn ich war damals ziemlich muskulös. Auf eine ganz andere Weise waren alle anderen so viel stärker: Frauen und dürre Kerle hielten den nach unten schauenden Hund für einige Minuten. Ich dachte zwar, ich sei stärker als sie alle, aber ich konnte den Hund noch nicht einmal länger als eine halbe Minute lang halten, ohne am ganzen Körper zu zittern. Ich kann mich erinnern, dass ich damals dachte: „Auf die Art will ich stark sein.“ Die Yogis dort umgab Würde, Vitalität und eine wunderschöne Kraft. Von da an ging ich jeden Tag ins Yoga, obwohl ich durch den Verkehr eine Stunde bis zu Bryans Studio in Santa Monica brauchte.

Wusstest du damals schon, dass du Yogalehrer werden wolltest?
Ja, sofort. Lehrer wollte ich überhaupt schon immer werden, aber ich hatte keine Ahnung, was ich unterrichten wollte. Mit den ersten Yogastunden wurde es mir dann klar: Das ist es! Wenige Monate nach meiner allerersten Yogastunde begann ich mit meiner Lehrerausbildung.

Warum hast du eine Anusara-Lehrerausbildung gemacht? Du warst doch so begeistert von Bryan Kest…
Gerade als ich bereit war, mich zum Lehrer ausbilden zu lassen, nahm sich Bryan eine zweijährige Auszeit von den Lehrerausbildungen. Etwa zeitgleich besuchte ich zum ersten Mal das City Yoga-Studio in Hollywood, wo ich wohnte. Der erste Anusara-Lehrer, den ich in diesem Studio erlebte, haute mich total von den Socken. Von Anfang an gefiel mir an Anusara, dass man sich für jede Stunde ein „Herzthema“ aussucht und die gesamte Asana-Praxis darauf aufbaut. In diesem Studio stand eine Ausbildung an – damals gab es noch keine Immersions, nur das Teacher-Training an sich. Allerdings war die Ausbildung teuer und ich arbeitete als Massagetherapeut hauptsächlich an den Wochenenden, an denen auch die Ausbildung stattfand. Ich hätte für etwa drei oder vier Monate nicht arbeiten können und hatte keine Ahnung, wie ich mir das jemals leisten können sollte.

Aber du hast einen Weg gefunden…
Ich wollte es unbedingt! Ich wollte mich anmelden und hätte dafür eine Anzahlung leisten müssen, hatte aber das Geld nicht. Ein paar Tage, bevor die Frist ablief, ging ich in einen Laden, um ein paar Dinge zu kaufen. Vor mir an der Kasse stand eine Frau, die Lotterielose kaufte. Als ich an der Reihe war, verlangte ich ganz spontan auch fünf Lose und ließ den Computer die Nummern wählen. Ich hatte fünf Treffer und gewann 50.000 Dollar! Für mich war das ein absolutes Zeichen: Wenn ich jemals Hilfe vom Universum gehabt hatte, dann jetzt. Ich ging also zu City Yoga und leistete meine Anzahlung – drei Tage, bevor die Frist ablief. Im Nachhinein sehe ich es als mein Dharma, zu unterrichten. Ich war mir darüber klar geworden und das Universum unterstützte mich, indem es mir die nötigen Mittel lieferte.

Wenn du es in einem einzigen Satz ausdrücken müsstest: Was ist in deinen Augen der größte Nutzen von Yoga?
Für mich bedeutet Yoga, sich in sein eigenes Leben zu verlieben. Zumindest habe ich das so erlebt. Und genau aus diesem Grund wollte ich unterrichten – um anderen Leuten dabei zu helfen, ihr Leben lieben zu lernen.

Warum hast du dich kürzlich von Anusara als Organisation abgewendet?
Insgesamt gibt es zahlreiche Gründe, weshalb viele bekannte Lehrer gegangen sind. An erster Stelle steht der Skandal um die Person John Friend – Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Ich persönlich mache mir allerdings nicht allzu viele Sorgen um diese Geschichte, obwohl ich die Ansicht teile, dass da vieles schiefgelaufen ist. Einiges, was John getan hat, gibt mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Trotzdem: Ich liebe das Anusara-System und unterrichte nach wie vor den Anusara-Stil – ich verwende nur nicht mehr den Markennamen für meine Klassen. Diese Entscheidung habe ich für mich getroffen, weil mir im Zuge des ganzen Skandals klar wurde, dass die Beschränkungen des Systems für mich so eng geworden waren, dass ich mich eingeschränkt fühlte. Ich wollte einfach meine eigene Stimme als Lehrer finden. Ich möchte mich mehr ausprobieren dürfen und andere Einflüsse in meine Stunden einbringen. Und diese Einflüsse passen vielleicht nicht immer ganz in den Anusara-Rahmen.

Was hat sich durch deinen Rücktritt konkret verändert?
Indem ich zurückgetreten bin, kann ich mich von anderen Einflüssen inspirieren lassen und daran wachsen. Jetzt fühle ich mich frei, mich auszudehnen. Ehrlich gesagt denke ich, dass die Grenzen des Anusara-Systems gelockert werden müssen, so dass jeder einzelne Lehrer innerhalb des Systems wachsen kann. Ich finde es sehr schade, dass es einige erst verlassen mussten, um das zu tun. Aber wer weiß, vielleicht werden sich die Dinge bald ändern…

Ist dein persönlicher Wunsch nach Freiheit der Grund dafür, weshalb du Guerilla Yogi gegründet hast?
Guerilla Yogi – diese Idee habe ich von Bryan Kest übernommen. Er war einer der ersten Lehrer, die von Studios unabhängige Yogastunden auf Spendenbasis eingeführt haben. Er hat stundenweise seinen eigenen Raum gemietet, stellte eine kleine Spendenbox auf und nach der Stunde legte jeder den Betrag hinein, den er zahlen konnte. Ich finde, das spricht für Bryans Freiheitsliebe. Denn solange man an ein Studio gebunden ist, muss man nach dessen Regeln spielen. Es gibt immer einen Mittelsmann zwischen dir und den Schülern – auch was das Finanzielle angeht.

Diesen Mittelsmann wolltest du umgehen?
Na ja, erst mal hatte es ganz praktische Gründe. Als ich mit den Guerilla-Yogi-Stunden begonnen habe, erholte ich mich gerade von einer Operation am offenen Herzen und das Studio, in dem ich unterrichtete, wurde geschlossen. Als ich wieder bereit war, zu unterrichten, suchte ich nach einer Möglichkeit, die nicht zu viel Zeit benötigen würde. Sonst hätte ich vielleicht meine Schüler aus dem alten Studio verloren. Ich hatte keine Lust und auch nicht die Zeit und das Geld, um ein eigenes Studio aufzumachen. Aber ich brauchte einen Raum für meine „Kula ohne Wände“ [Kula bedeutet im Anusara Yoga so viel wie Gemeinschaft; Anm. d. Red.]. Ich erlaubte mir, kreativ zu werden und schaute mir Kunstgalerien, Parks, Tanzstudios und alle möglichen Räume an. Meine erste Klasse hielt ich schließlich in einer Galerie. Der Besitzer war richtig froh darüber, dass er seinen Raum auch außerhalb der Öffnungszeiten nutzen konnte und ein bisschen Zuzahlung zur Miete bekam. Die Stunde lief gut und alle zahlten nur, so viel sie konnten.

Es geht also auch um den sozialen Gedanken hinter dem Konzept…
Ja. Wichtig war mir nur, dass jeder Schüler irgendetwas gab – und wenn es einfach ein Stück Obst war. Es sollte sich falsch anfühlen, wenn man Unterricht annimmt, ohne irgendetwas zurückzugeben. Für eine gesunde Beziehung muss ein energetischer Austausch stattfinden. Es funktionierte – ich hatte immer mindestens 40 Schüler in meinen Stunden und verdiente sogar ganz gut. Dieses Konzept konnte auf den Mittelsmann verzichten. Nichts gegen Yogastudios, sie haben absolut ihre Berechtigung – aber ich kenne einfach keinen Yogalehrer, der in einem Studio arbeitet und davon leben kann. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass die Orte, an denen ich unterrichte, ein ganz besonderes Flair haben und nicht diese schicke und trendige Yogastudio-Atmosphäre. In den unkonventionellen Rahmen passt mein Glaube, dass Yoga für jeden da sein soll. Manche können sich teure Yogastunden nicht leisten, aber ich verdiene mit meinem Konzept genug, dass ich es mir wiederum leisten kann, diese Schüler kostenlos zu unterrichten.

Wie hat die Operation am offenen Herzen, der du dich vor einigen Jahren unterziehen musstest, deine Sicht auf Leben und Tod verändert?
Ich fühle mich sterblicher. Die OP war wie ein Weckruf: Ich musste mich operieren lassen, da bei einer Routineuntersuchung festgestellt wurde, dass meine Mitralklappe nicht mehr richtig funktionierte. Ich dachte im Vorfeld viel darüber nach, was ein solch riskanter Eingriff bedeuten würde. Meine Yogapraxis half mir sehr, damit umzugehen. Irgendwie fühlte ich mich vom Universum beschützt. Vielleicht, weil ich zu dem Zeitpunkt bereits seit längerem meditierte. Man sagt ja immer, dass einen die Meditation auf gewisse Weise auf den Tod vorbereitet. Welches Gefühl die Operation schließlich bei mir auslöste, war, dass wir auf diesem Planeten nicht allzu viel Zeit haben. Ich bin jetzt 50 Jahre alt und sowohl der Eingriff als auch mein Yoga haben mich gelehrt, dass man sich mit nichts zurückhalten sollte. Jeder sollte das tun, was er tun möchte. Wenn man einen Traum hat, sollte man ihn verwirklichen. Und: In dem Moment, in dem man begreift, dass man gar nicht so viel Zeit zur Verfügung hat, möchte man so viel Freiheit erlangen wie möglich.

YOGA / RELIGION ?

Von Krishna zu Arjuna

Im Yoga gibt es tausende schöner Geschichten über den Gott Krishna. Diese sind nicht nur farbenfroh und exotisch, sondern sollen für uns auch lehrreich sein. Deswegen hängen in vielen Yogastudios Bilder von Krishna, er begegnet uns als Statue und manch Yogalehrer zitiert gern aus den indischen Epen. Aber macht das alles Sinn?

Krishna ist eine hinduistische Gottheit. Yoga darf jedoch nicht mit Hinduismus gleichgesetzt werden. Vielmehr ist es so, dass sich Yoga in geografischer und zeitlicher Nähe zum Hinduismus entwickelt hat. Aber weder in den Yoga-Sutren noch in der Hatha Yoga Pradipika ist je von einem Gott Krishna die Rede. Trotzdem wird Yoga häufig in die Nähe religiöser indischer Traditionen ge- rückt. So sehr, dass es im Internet schon ein Quiz gibt, dass die allzeit drängende Frage beantwortet: Bin ich ein Hindu? Yoga versteht sich jedoch als universell und ist nicht festgelegt auf ein bestimmtes Konzept von Gott – oder überhaupt auf einen Gott oder Götter. Yoga lässt uns die Freiheit, über den ethischen Gehalt von religiösen Überlieferungen selbst zu entscheiden. Der zumindest dem westlichen Yogi bekannteste Auftritt von Krishna findet in der Bhagavad Gita statt. Hier erklärt die Gottheit seinem Schüler Arjuna äußerst bestimmt, was im Konfliktfall zu tun ist, nämlich unbedingt seiner Pflicht zu folgen. In Arjunas konkretem Fall bedeutet das: Er soll einen brutalen Krieg führen. Arjuna zögert jedoch, und in der Folge entspinnt sich zwischen ihm und Krishna die berühmte Diskussion über das richtige Handeln.

Diese Szene irritierte Generationen von Yogaschülern, zu deren grundsätzlichen Prinzipien die Gewaltlosigkeit gehört: Gott Krishna fordert tatsächlich einen Vernichtungskrieg aus Pflichterfüllung. Die vorschnell gotteshörige Standardinterpretation der Bhagavad Gita will jedoch, dass Krishna aus yogischer Sicht recht hat. Denn sein Prinzip lautet: Schau nicht zuerst auf die Folgen deiner Handlungen, sondern folge übergeordneten, situationsunabhängigen und universellen moralischen Regeln. Die Folgen von Handlungen sind für Menschen ohnehin nicht absehbar. Es gilt vielmehr, sich nicht von beliebigen und wechselnden Umständen abhängig zu machen und sich nicht bestechen zu lassen. Der Yogi soll also kein Fähnchen im Wind sein, sondern einen festen Plan haben.

An dieser Stelle ist es an der Zeit, sich von den Göttern abzuwenden und dem Menschen Arjuna zuzuhören. Zum Glück springt ihm neuerdings Amartya Sen zur Seite, indischer Nobelpreisträger für Ökonomie. Der kann nämlich erklären, warum Arjuna möglicherweise die besseren Argumente hat: In einem existenziellen Konflikt kann es keineswegs nur um Pflichterfüllung gehen, ohne die Folgen der eigenen Handlungen zu betrachten. Es ist dagegen vernünftig, Handlungen und ihre Folgen gegeneinander abzuwägen: Stehen die Konsequenzen meines Handelns in einem noch zu rechtfertigenden Verhältnis zu meiner Pflicht, zur Regel, zum Plan?

Amartya Sen unterstützt Arjuna in seiner Idee, dass richtiges Handeln gerade nicht unabhängig von der eigenen Position sein kann. Dies zeigt sich in zwei wichtigen Aspekten: Es geht immer auch um die persönliche Verantwortung. Diese kann man nicht in einer wie auch immer gearteten „Pflicht“ aufheben. Und es geht jeweils ganz entscheidend um die „Relevanz der wirklichen Welt“ (Sen). Wir können sinnvollerweise nicht vor den konkreten Umständen der Situation, in der wir uns befinden, die Augen verschließen. Im Gegenteil müssen wir anerkennen, dass das, was in der Welt geschieht, für unsere moralische Einstellung wichtig ist. Das vorgefertigte Urteil geht zu oft an der Wirklichkeit vorbei.

Philosophisch gesehen stehen sich hier zwei Lehrmeinungen gegenüber. Eine Pflichtenethik und ein vergleichender Ansatz. Erstere sucht ein absolut geltendes Regelwerk, ein Patentrezept für alle Lebenslagen. Ergebnis dieser Ethik ist das schlechthin Gerechte, also die beste Lösung. Sie geht davon aus, dass am Ende alle der gleichen Idee von Gerechtigkeit oder Moral folgen werden. Dagegen steht die Idee, dass es das Gerechte und das Beste so abstrakt formuliert gar nicht gibt, sondern dass es nach vernünftiger Abwägung im Einzelfall nur ein Besser oder Schlechter in unserem Handeln geben kann. Dieser Ansatz wird keine Formeln vorlegen, sondern zunächst versuchen, möglichst viele Informationen über eine neue Situation zu sammeln. Er fordert, die Anwendung von Vernunft und das Nachdenken über Wertefragen ständig zu wiederholen.

In der Gita wird schließlich ohne Rücksicht auf die Folgen Krieg geführt. Arjuna folgt Krishna. Sein umfassender Sieg wird am Ende jedoch überschattet vom menschlichen Leid, dass der Krieg mit sich bringt. Der Autor der Bhagavad Gita scheint sich dann auch ein bisschen für das Ergebnis seiner moralischen Lektion geschämt zu haben: Im nächsten Epos schrieb er nur noch über die Liebe.

SHIVA REA – Die Grande Dame des Flow

Aufgewachsen ist Shiva Rea in einem kleinen Haus am Meer, wo ihr im Alter von vierzehn Jahren in der Bibliothek ein Buch über Yoga in die Hand fiel. Fortan übte sie sich akribisch in dieser Körperkunst, die in ihr sofort etwas Magisches auslöste.

Sie eignete sich all ihr Wissen über das Leben im Einklang mit dem natürlichen Rhythmus selbst an und entwickelte daraus ihren Yogastil Prana Flow, der sie schließlich weltbekannt machte. Ein Gespräch über den Fluss des Lebens und darüber, wie uns Yoga lehrt, sanft mit dem Strom zu schwimmen.

Du bezeichnest dich selbst als „yogini firekeeper“. Was meinst du damit?
Sprachlich ist Yogini die weibliche Form von Yogi und ein „firekeeper“ ist jemand, der das Feuer hütet. Mir geht es um die Verbindung mit den Ursprüngen unserer Vorfahren und um ein universelles Verständnis von Yoga. Wenn man auf die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurückblickt, gehören das Entzünden und das Hüten des Feuers zu den Tätigkeiten, die seit jeher eng mit dem menschlichen Leben verwoben sind. Dass uns heute uneingeschränkt elektrische Energie zur Verfügung steht, ist eine noch sehr junge Entwicklung. Die Bezeichnung „Yogalehrer“ empfinde ich manchmal als zu gewöhnlich.

In einem Filmausschnitt von „Y Yoga“ sagst du, dass du kein Yoga machst und Leuten auch nicht empfiehlst, Yoga zu üben, sondern Yoga „zu sein“.
An diesem Statement zeigt sich die enorme Kraft der Sprache. Yoga ist ein Seinszustand. Der Unterschied zwischen „Yoga machen“ und „Yoga sein“ hat etwas mit dem zu tun, was wir aus unserer menschlichen Natur herausholen. In meinen Augen ist Yoga wirklich ein großartiges Geschenk an die Welt. Yoga hilft uns dabei, in stärkerem Einklang mit unserem natürlichen Rhythmus zu leben, der mit unserem Atem beginnt. Je tiefer wir in die Pranayama-Technik eindringen, desto klarer wird, dass keine Technik existiert, der wir absichtlich folgen, sondern wir exakt den Punkt erreichen, an den unser Atem uns führt. Die Vorstellung von der „Ausführung einer Technik“ müssen wir aufgeben. Ansonsten werden wir Prana- yama nie erfahren. Es geht hier um einen gewissen Gesinnungswandel. An diesem Punkt spiegelt sich für mich ein größerer Bewusstseinswandel wider, der genau zwischen dem „Tun“ und dem „Sein“ angesiedelt ist. Wir gehen immer davon aus, dass „tun“ besser ist und mehr bringt als „sein“.

Was passierte, als du damit angefangen hast, Yoga „zu sein“?
Ich war ein Hardcore-Ashtangi und habe mehr als zehn Jahre die „dritte Serie“ gemacht. Als ich schwanger wurde, konzentrierte sich all meine Energie plötzlich auf meine Körpermitte – eine Kraft aus Liebe. Das brachte in mir den Wandel hin zum einfachen Glück des Seins in Gang und beeinflusste eben auch die Art und Weise, wie ich Yoga praktiziere und es heute anbiete. Zu sagen: „Ich unterrichte Yoga“, ist ebenfalls ein sprachliches Dilemma. Wenn die Leute in den Unterricht kommen und erwarten, dass sie in etwas unterrichtet werden, ist sofort eine Barriere da, die das beeinträchtigt und begrenzt, was sie durch Yoga in sich selbst erfahren können.

Was ist das Wesentliche an Prana Flow?
Wenn wir versuchen, den eigentlichen Prana Flow zu beschreiben, dann geht es letztlich darum, den Leuten dabei zu helfen, ihren natürlichen Rhythmus zu spüren und zu erfahren, dass er immer da ist. Oder wie es Daniel Odier, einer meiner Lehrer, beschreiben würde: Tiger brauchen kein Yoga. Sie sind in einem ständigen Zustand ihrer eigenen Wesenheit.

Die meisten Yogastudios an der Ost- und Westküste bieten Vinyasa-Kurse an. Wie erklärst du dir die Sehnsucht der Leute nach dem Vinyasa-Stil?
Obwohl Vinyasa auf eine sehr alte Technik zurückgeht, erfährt die Richtung gerade eine starke Wiederbelebung. Die Art, sich mit dem Flow zu bewegen, war in den Anfängen des Tantra sehr präsent und Krishnamacharya hat verstärkt daran gearbeitet, genau das wieder nach vorne zu holen. Das ganze Verständnis für die Ursprünge der Asanas wird sich innerhalb der nächsten zehn Jahre verwandeln. Die Leute werden verstehen, dass Vinyasa viel älter ist, als sie ursprünglich dachten. Diese Annahme basiert auf der Arbeit von Christopher Tompkins, der vor Kurzem in Kaschmir auf 25.000 Seiten eines bisher noch unübersetzten frühen Tantra-Manuskripts gestoßen ist. Ursprünglich bedeutet Vinyasa „natürliche Abfolge“ und geht davon aus, dass die Wellen unseres Gehirns und unseres Herzschlages in Einklang mit unserem Atem und unserer Bewegung sind. Auf dieses Schwingungsbild sind wir von Natur aus eingestellt, unser Körper ist auf diesen Zustand ausgerichtet. Ich glaube, Vinyasa ist im Westen so populär, weil es genau das berührt, was die Menschen von ihrem eigenen Körper als Bedürfnis mitgeteilt bekommen. Sie wollen sich in einen Zustand des natürlichen Fließens versetzen. Natürlich gibt es auch Leute, die Vinyasa als eine Art Workout betrachten. Das wird bei uns im Westen immer so sein. Aber der Vinyasa-Stil ist in den Staaten im Moment sicherlich die am stärksten vertretene Form von Yoga.

Ich habe den Eindruck, dass Prana Flow, genau wie Trance-Tanz u.ä.,sehr stark auf das Wohlbefinden des Körpers abzielt. Glaubst du, dass diese Art von Körperarbeit den Menschen dabei helfen kann, sich leichter mit ihrem Inneren zu verbinden?
Ich unterrichte auch Meditation und Yoga Nidra, würde meine Körperarbeit dennoch als das „stärker erdende Element“ beschreiben. Tief in die Stille der Erde vorzudringen ist wirklich vonnöten. Auf den ersten Blick mag es so wirken, als gäbe es bewegungslose Zustände, aber im Endeffekt existiert im gesamten Universum nichts Statisches. Zur scheinbaren Bewegungslosigkeit der sitzenden Meditationspraxis mag ein rhythmischer Unterschied sichtbar sein, aber grundsätzlich halte ich die Auffassung von der Bewegungslosigkeit für eine Illusion: Selbst in absoluter Stille fließt alles.

Wie gehst du mit all den Gedanken um, die ständig in uns hochkommen?
Bevor sich in uns etwas zu einem Ge- danken formt, ist da zunächst eine energetische Schwingung. Am Beginn jeglicher Hirnaktivität stehen elektrische Impulse. In diesem noch unbewussten Stadium können wir intuitiv bereits erahnen, ob der Impuls hilfreich sein wird oder nicht. Es ist ja nicht so, dass wir Yogapraktizierende wie Yogaroboter funktionieren oder uns immer in einem Zustand von Frieden bzw. innerer Ausgeglichenheit befinden würden. Der Wandel im Leben verläuft zyklisch. Nehmen wir beispielsweise die Neumondphasen. In den Tagen vor Neumond haben unsere Gedanken tendenziell mehr Tiefgang und wir fragen uns, was unter der Oberfläche abläuft. Wenn dich diese Gedanken weiterbringen, wirst du das körperlich spüren. Die Ausprägung eines solchen Gespürs braucht freilich etwas Übung. Wenn ein Gedanke nur hier oben (zeigt über ihren Kopf) herumschwirrt, dann lasse ich ihn vorüberziehen wie eine Wolke. Ist ein Gedanke dagegen wirklich körperlich wahrnehmbar, dann beinhaltet er zumeist eine über die Sinne bestätigte Information für mich. Der Körper signalisiert dir ganz klar, wenn ein Gedanke eine hohe Qualität hat. Dann spielt es auch keine Rolle, ob es sich dabei um einen traurigen Gedanken handelt. Meist wollen wir unsere Beziehungen ja nur als etwas vollkommen Positives erleben, aber manchmal bekommen wir eben auch diese frustrierenden Botschaften über unseren Körper vermittelt. Ich glaube, letztlich kann uns unser Körper wunderbar dabei helfen, uns in dieser sich ständig ändernden Welt der Gedankenströme zurechtzufinden. Wenn sich Gedanken verhärten, empfinde ich die tatsächlich körperliche Asana-Praxis als besonders hilfreich und wertvoll, weil sie Blockaden lösen kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir Schwierigkeiten bekommen, sobald wir zulassen, dass sich unser Denken vom Fühlen löst.

Du hast dir Yoga mit Hilfe eines Buches beigebracht, als du 14 Jahre alt warst. Damals hatte der Yoga-Boom noch nicht mal ansatzweise begonnen. Glaubst du, dass Yoga-Anfänger heute von dem riesigen Markt überwältigt sein könnten, der sich in der Zwischenzeit entwickelt hat?
Wenn man seine erste Mango auf einer Mango-Plantage isst, kann das auch ein wunderbares Erlebnis sein … Vielleicht hat man als Anfänger nicht das Gefühl dafür, wie besonders es ist, dass ausgerechnet man selbst den Zugang zu diesen Lehren gefunden hat. Der einzige Haken könnte womöglich sein, dass man Yoga zunächst tatsächlich als eine Art Rummel erlebt, anstatt wertzuschätzen, was man durch Yoga empfangen kann. Aber ich denke, dass die erste Begegnung mit Yoga für jeden eine Art magische Erfahrung ist und sich jeder daran erinnert wie an den ersten Kuss. Meine Hoffnung ist, dass jeder den Stil findet, der wirklich für ihn gedacht ist.

Was ist aus deiner Sicht das Wichtigste, das du deinen Schülern mit auf den Weg gibst?
Ein Prana-Flow-Kurs verändert sich ständig, je nach Jahreszeit, je nach Wochentag. Wir haben beispielsweise 30 verschiedene Arten des Sonnengrußes. Auch die Art, wie wir das „Aum“ zu Beginn der Klasse chanten, verändert sich ständig. Deswegen bleibt für mich das Ende der Stunde immer gleich. Da führe ich meine Schüler immer wieder zurück zum Berühren ihres Herzens und ihres Bauches. Es öffnet sich ihnen ein Raum, in dem sie dem Guru in ihrem Herzen lauschen können. Anschließend bitte ich sie, den Vinyasa ihres Lebens zu erschaffen und etwas aus der Praxis der Stunde mit in ihren Alltag zu nehmen. Durch dieses Ritual wird Vinyasa Yoga zu einem beständigen Teil der Reise. Mir geht es weniger darum, was meine Schüler von mir hören und erfahren, sondern vielmehr darum, dass sie in ihr eigenes Inneres hineinhorchen. Darin sehe ich meinen eigentlichen Auftrag, das ist mein Dienst an meinen Schülern.

Die Begründerin des Prana Flow Yogastils lebt in Kalifornien, reist für Workshops um die Welt und gibt unter anderem auf DVDs Unterricht.

Nachgefragt: Was ist spiritueller Aktivismus?

Im Zusammenhang mit Yoga ist immer häufiger von „spiritual activism“ die Rede. Aber was bedeutet das eigentlich? Die beiden Yogalehrer und Organisatoren der Yoga Conference Nicole Bongartz und Frank Schuler erklären den Begriff am Beispiel ihres eigenen Yogastudios.

Eine Yogaschule zu leiten und Schüler zu unterrichten, ist für uns bereits eine Form des spirituellen Aktivismus. Unsere Schüler nehmen aus jeder Stunde etwas mit und verändern vielleicht ihr Leben Schritt für Schritt. In der Jivamukti-Tradition ist es sehr wichtig, die Überzeugung eines Yogis zu leben und den Schülern als Vorbild zu dienen. Dennoch ist es ein Prozess, sich als Lehrer zu finden und zu seinen eigenen Überzeugungen zu stehen, damit man authentisch bleibt. Als Studiobesitzer und Lehrer agieren wir permanent in verschiedenen Rollen und sind mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt: mit den Schülern, die wir ausgebildet haben, und unseren Angestellten. Da ist man oft genug gefordert, zu reflektieren und darauf zu achten, wie man miteinander umgeht. Spiritueller Aktivismus muss nicht immer laut und politisch sein. Aus der Werbebranche wissen wir, wie man mit Plakaten und Bannern laut wird und was das für das Ego bedeutet. Yoga bereitet darauf vor, bewusst die Aufmerksamkeit dorthin zu lenken, wo sie nötig ist, und mit Achtsamkeit zu handeln. Daraus entsteht Kraft. Wir fangen an, von innen heraus etwas an uns verändern zu wollen – und dann in unserem engsten Umfeld. Jeder, der das erlebt hat, weiß, wie schwer es ist.

Wenn es im Studio Probleme gibt, nehmen wir uns viel Zeit, diskutieren alles aus und lösen den Konflikt mit Hingabe. Dadurch, dass wir so viel mit Menschen zu tun haben, ist es eine Herausforderung, uns selbst treu und Yogi zu bleiben. Es ist schön, wenn Leute mutig und laut für etwas einstehen. Genauso wichtig ist es aber, dass das Herz hinterherkommt. Uns hat Yoga dazu gebracht, einen eher leisen und beherzten Aktivismus zu verfolgen, mehr als David zu agieren statt als Goliath. Yoga ermöglicht es vielen Menschen, für sich selbst zu formulieren, was ein Lebensstil alles sein kann. Wir müssen in unserer Position immer wieder darauf achten, dass unser Lebensstil authentisch ist und wir wirklich dahinter stehen. Das ist unsere Verantwortung. Unser persönlicher Aktivismus besteht darin, unsere Schulen mit Enthusiasmus und Liebe zu führen.

Foto: über Off The Mat Into The World

Nicole Bongartz und Frank Schuler leiten gemeinsam mit Amy Heger und Judith Hennemann die „Lord Vishnus Couch“-Studios in Köln.