Zwischen den Welten

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Das jüdische Ehepaar Rachel Yula und Avraham Dagan Kolberg bieten in einer ultraorthodoxen Stadt in Israel Yoga für gläubige Juden an. Einige Rabbis sehen darin Götzenanbetung. Die strenggläubigen Kolbergs aber sind überzeugt, dass man nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen kann.

Fotos: Pavel Wolberg

Wüsste mancher Rabbi, wie Rachel Yula Kolberg nach der Methode B. K. S. Iyengars an der Wand ihres Studios kopfüber in den Seilen hängt – er würde sie eine Götzenanbeterin schimpfen. Rachel hält die Arme verschränkt, ihre Fußsohlen berühren sich, die Knie sind nach außen gestreckt, sie atmet gleichmäßig. Ein paar Minuten baumelt sie so, schräg gegenüber an der Wand prangt seit einigen Monaten ihr neues Zertifikat: Rachel darf auf mittlerer Kursstufe Asanas und Anfängerkurse in Pranayama unterrichten. Dann löst sich Rachel, 39, aus ihrer Position, kommt zum Stehen und zupft ihr hellblaues Kopftuch zurecht. Sie ist bereit. In einer Viertelstunde werden die ersten Schülerinnen zur Abendklasse eintrudeln. Im Nebenraum schiebt sich Rachel noch schnell einen Keks in den Mund, setzt sich an ihren Arbeitsplatz, beantwortet noch eine E-Mail und erledigt einen Anruf. Während sie heute Abend unterrichten wird, hütet ihr Ehemann Avraham, 38, die fünf Kinder – an anderen Abenden ist es umgekehrt. Das strenggläubige Ehepaar hat Yoga zum Beruf und damit zu einem großen Teil des Lebens gemacht. Und das ausgerechnet in Beit Shemesh, einer Hochburg ultraorthodoxer Juden zwischen Tel Aviv und Jerusalem: Dort sollen Frauen in erster Linie Kinder gebären und Männer in den Talmudschulen das Wort Gottes lernen.

Die Stadt der Gläubigen
Die meisten Menschen hier in Beit Shemesh führen ein Leben mit und für Gott, sie folgen den Regeln der Thora und den Auslegungen der Rabbis. Alles, was davon ablenkt, ist verpönt. Daher ziehen die sogenannten Charedim, wie die ultraorthodoxen Juden genannt werden, oft in separate Städte und Stadtteile – wie eben Beit Shemesh. Draußen vor Rachels Haustür wuseln wie jeden Tag auch an diesem Mittwochabend Männer mit langen Bärten, schwarzen Mänteln und Schläfenlocken durch die Straßen, auf dem Weg zwischen Talmudschule und Zuhause. Die Mehrheit der ultraorthodoxen Männer lernen in den sogenannten Yeshivot. Einen Beruf haben sie nicht, das Geld für die Familie kommt meist vom Staat. Auch den Armeedienst, der in Israel Pflicht ist, müssen die Charedim nicht leisten. Die meisten verheirateten Frauen in Beit Shemesh tragen Perücken oder Kopfbedeckungen. Sie schieben Kinderwägen vor und ziehen kleine Kinder hinter sich her. Auch sie sind meist grau und schwarz gekleidet. Sie wollen und dürfen nicht auffallen, Körperrundungen nicht betonen, auf gar keinen Fall zu viel Haut zeigen. Denn das könnte die Blicke der Männer auf sie lenken. Männer und Frauen warten an den Bushaltestellen, manche wippen mit ihrem Oberkörper rhythmisch zu den Worten, die sie aus dem Gebetbuch leise vor sich hinmurmeln.

Skurrile Oase: Das Yog-Studio
Das Studio, das die Kolbergs im Obergeschoss ihrer Wohnung eingerichtet haben, wirkt da wie eine kleine Oase. Hier dürfen sich auch die Gottesfürchtigen für ein paar Stunden in der Woche ganz auf sich und ihren Körper konzentrieren. Einige kämen zunächst mit gesundheitlichen Problemen wie Rückenschmerzen, erklärt Avraham. Viele ihrer Kursteilnehmer seien Einwanderer aus den USA und Europa. „Sie kennen Yoga oft schon und sind daher nicht so misstrauisch.“ Doch ein Großteil bleibt Yoga fern, aus Angst, mit diesen fernöstlichen, spirituellen Leibesübungen „avoda sara“, also einen „Götzendienst“ zu leisten. Manche Rabbis sind gegen Yoga. „Weil sie es nicht kennen“, glaubt Rachel. Einige Interessenten erzählten ihr, sie würden gerne kommen, müssten aber noch auf die Zusage ihres Rabbis warten. Und dabei sei Yoga doch gerade für die Frauen hier so wichtig, meint Rachel. Rachel sitzt an diesem Abend vor ihrem Computer, die Teetasse in der einen, die Maus in der anderen Hand. Die Knie hat sie angezogen. Sie wirkt jugendlich, beinahe unbeschwert. Und doch verraten ihr Blick, ihre Haltung und ihre Worte, dass sie sich und ihren Platz im Leben gefunden hat. Als Bildschirmhintergrund hat sie ein Bild von B. K. S. Iyengar im Lotussitz. Seine rechte Fußsohle ist zu sehen und seine rechte Handinnenseite. „Die Füße sehen aus wie die eines Babys, die Hände wie die eines alten Mannes. Ist das nicht unglaublich?“ Nach ihrer ersten Iyengar-Stunde war für Rachel und Avraham klar, dass sie ihr Yoga gefunden hatten. Es folgten viele Unterrichtsstunden und Ausbildungskurse. Später hat Rachel bei B. K. S. Iyengar persönlich in Indien gelernt. Sie ist begeistert von seiner Person, seinem Unterricht und seinem Lebenswerk.

Yoga und Religion
Und dabei sind Rachel und Avraham strenggläubig. Avraham trägt einen langen Bart und Schläfenlocken, Rachel ein Kopftuch und außerhalb des Yogastudios lange Röcke. Sie haben einen Weg für sich gefunden, Yoga und Religion zu verbinden: „Yoga ist ein Instrument, es kann dich auf das Gebet vorbereiten. Im Yoga kontrollieren wir uns und unseren Geist, schauen nach innen, beobachten uns. Jeder religiöse Mensch sucht genau das – es ist ein Segen für uns“, erklärt Avraham. Durch Yoga, sagt Rachel, findet sie nicht nur immer wieder erneut zu sich, sondern auch zu Gott. „Wie durch den Glauben lernen wir auch im Yoga, unseren Stolz loszulassen. Es ist ein Weg, völlig ehrlich mit uns zu sein.“ Rachel ist eine lebenslustige Frau, ihre Bewegungen sind energisch, ihre Blicke wechseln zwischen streng und fröhlich. Sie und Avraham sind chassidische Juden, eine besondere Form der ultraorthodoxen Glaubensgemeinschaft. Chassidische Juden befolgen Gottes Gebote emotional und mit Freude, die Gebete sind herzlich und warm. Die Gruppe entstand im 18. Jahrhundert in Osteuropa unter armen und ungebildeten Juden als Abgrenzung zu der eher strengen Glaubenspraxis der gelehrten Elite. Das Judentum ist stark fragmentiert und so gibt es auch innerhalb der chassidischen Gemeinschaft Untergruppen. Rachel und Avraham haben sich der um Rabbi Nachman aus Breslau angeschlossen: Sie zählen zu den besonders fröhlichen Gläubigen: Nicht selten sieht man in den Städten hebräisch beschriftete Kleinbusse mit lauter Musik, die immer mal wieder anhalten. Dann steigen Männer auf das Autodach und tanzen – eine Form der Glaubensausübung der Anhänger von Rabbi Nachman. Nach und nach steigen an diesem Mittwoch einige der Frauen von draußen die Treppen ins Studio hinauf, zwei Schwangere sind darunter, junge Mädchen mit langen Haaren und langen Röcken, Frauen mit Kopftüchern, weiten Shirts und Strickjacken. Yoga für gläubige Juden ist nach Geschlechtern getrennt, Avraham unterrichtet die Männer, Rachel die Frauen. Es wird nicht gesungen und Positionen, die die Namen von Göttern tragen, wurden umbenannt. Der Kurs an diesem Abend ist speziell für religiöse Frauen gedacht. Unter ihresgleichen dürfen die meisten Frauen ihre Röcke ablegen. Doch nicht alle schlüpfen wie Rachel in körperbetonende Leggins und enge T-Shirts, nicht alle ziehen die Strümpfe aus. Die 14-jährige Ester (Name von der Redaktion geändert) trägt über den Leggins einen fast knöchellangen Rock, darunter feine, durchsichtige Seidenstrümpfe. Das sind Vorgaben der Familie, sagt Rachel. Die Eltern ließen das pubertierende Mädchen nicht in ihren Unterricht, wenn sie sich nicht so züchtig kleiden würde. Manche der noch neuen Teilnehmerinnen sind steif und unbeweglich. Ihnen ist anzusehen, dass Sport nicht Teil ihres Lebens ist. Ester wirkt, als sei sie noch nicht ganz in der Yogastunde angekommen, als sei sie auf dem Sprung, als gehörte sie nicht hierher. Zwei andere junge Mädchen sind das erste Mal hier, sie schauen noch etwas erstaunt, kichern ab und an, Rachel ermahnt sie mit einem strengen Lächeln zur Aufmerksamkeit. Sie werden Rachel nach der Stunde fragen, wofür dieses Yoga eigentlich gut sei und was so eine Stunde denn koste. Hier und da biegt Rachel Beine zurecht und dreht Köpfe gerade, ihr Griff gleich dem einer russischen Gymnastiklehrerin und verrät ihre Herkunft. Rachel wurde in Russland geboren, als Kind war sie Turnerin, Sport war immer Teil ihres Lebens – anders als bei den meisten ihrer Teilnehmerinnen. Früher lebte sie ein anders Leben.

Der große Wandel
Rachel und Avraham hießen vor etwas mehr als einem Jahrzehnt noch Yula und Dagan. Sie waren ein säkulares, modernes junges Paar in Tel Aviv. Die beiden gingen in Bars und auf Partys, Yula trug enge Hosen, das Haar offen, Dagan keine Kippa. „In meinem Leben hat etwas gefehlt“, erzählt Avraham. „Vor allem meine Generation hat in dieser Schnelllebigkeit einen unruhigen Geist. Man fühlt eine große Traurigkeit, ohne zu wissen, warum.“ Avraham versuchte es mit Meditation. „Eine kraftvolle Erfahrung. Aber es hat mich eher verwirrt.“ Dann trat Iyengar Yoga in ihr Leben: Die beiden gingen zusammen in ihre erste Stunde. Es war der Beginn einer Liebe. Sie reisten später mit ihrem damals zweieinhalbjährigen Sohn nach Dheradun in Indien, um Yoga zu unterrichten und unterrichtet zu werden. „Das war keines dieser großen Zentren. Ein Ehepaar hat uns in kleinen Gruppen zuhause unterrichtet“, erzählt Rachel. Gut 40 Kilometer südöstlich fanden sie wenige Monate später zu ihren jüdischen Wurzeln, zu ihrer neuen Identität und zu ihrem neuen Glauben. In Rishikesh feierten rund 300 Juden das Passah-Fest. Die Kolbergs schlossen sich eine Woche lang an. Sie veränderte ihr Leben. „Ich kann gar nicht sagen, wie genau es passiert ist“, sagt Avraham heute. „Etwas in unseren Herzen hat sich verändert. Solche Dinge kannst du nicht erklären.“ Zurück in Israel suchten sie eine religiöse Schule für ihren Sohn. Sie schmissen einige unzüchtige Fotografien und Bücher über Hinduismus weg. Yula zog sich lange Röcke an, und verdeckte ihr Haar. Avraham trug die Kippa und suchte nach einer Synagoge. Sie gaben ihre Freiheit auf für die strengen Regeln des jüdischen Glaubens. „Das war ein großer Kampf mit uns selbst. Plötzlich mussten wir den Sabbat einhalten, 24 Stunden ohne Auto, ohne Fernseher, ohne Küchengeräte.“ Ein paar Jahre später entschieden sie sich für einen Umzug nach Beit Shemesh. Der jüdische Philosoph Rambam sagte: „Der Mensch kann im Leben nur seinen Wohnort wirklich wählen. Denn in dem Moment, in dem du in eine bestimmte Gegend ziehst, wirst du Teil davon.“ Und so wurde auch Avraham zunächst extrem: „Ich bin nicht mal mehr zu meiner Familie zum Essen gegangen“, erzählt er heute erstaunt über sich selbst. „Wir haben zwar Yoga gemacht und unterrichtet, sind der Yogagemeinde aber aus dem Weg gegangen. Nach und nach habe ich festgestellt, dass durch diese Strenge meine Spiritualität verloren ging.“ Es hat beide viel Zeit und Kraft gekostet, eine Einheit von Yoga und Religion zu finden. „Wir haben Yoga geliebt, es war im Grunde unsere Religion, unsere Lebensart“, sagt Rachel. Als strenggläubiger Jude aber müsse man alles andere ablegen, einfach nur noch Jude sein. „Knapp acht Jahre hat es gedauert, bis wir herausgefunden haben, was gut für uns ist und dass wir vor Yoga keine Angst haben müssen.“ Eine gesunde Seele könne eben nur in einem gesunden Körper leben. „Iyengar sagt: ‚Der Körper ist mein Tempel, die Übungen ein Gebet.‘ Du kannst eben nur durch einen starken Körper Gott und sein Werk erkennen.“ Und irgendwann ging Avraham auch wieder in sein säkulares Elternhaus.

Zwischen den Welten
Die Kolbergs bewegen sich seither zwischen zwei Welten: zwischen der religiösen, konservativen Gesellschaft in Beit Shemesh und der liberalen, körperbetonten, spirituellen Welt der Yogis. Und: Sie haben es geschafft, die Tore zur Welt des Yoga auch für andere orthodoxe Juden zu öffnen. Das Studio läuft gut, etwa fünf Kurse geben sie täglich, zusätzlich Privatstunden, sie haben um die 150 Schüler. Nach anderthalb Stunden packen die Schülerinnen an diesem Abend all die Matten, Blöcke, Gurte und Stühle weg. Sie ziehen sich wieder ihre langen Röcke über, überprüfen den Sitz des Kopftuches. Rachel weiß: Die Teilnehmerinnen ihres Kurses sind anders als in den Klassen der säkularen Yogahochburg Tel Aviv. „Viele der Frauen leben für Gott und befolgen die Regeln die Gesellschaft, sie gebären Kinder. Ester zum Beispiel wird in ein paar Jahren zwölf oder vierzehn Kinder zur Welt bringen und sich um sie kümmern“, sagt Rachel. „Diese Frauen vergessen über diese schwierige und Kräfte zehrende Arbeit oft ihren eigenen Körper, für den so viele Geburten natürlich anstrengend sind.“ Rachel möchte den Frauen in ihrem Yogastudio die Chance geben, wenigstens für ein paar Stunden in der Woche in sich hinein zu horchen. Rachel macht das Licht aus und die Tür hinter sich zu. Sie hat Feierabend und wird sich nun um ihre eigenen fünf Sprösslinge kümmern.

Lissy Kaufmann ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule in München und kam im Oktober 2011 im Rahmen eines Stipendiums nach Israel, um für Radio und Print zu arbeiten. Sie hat sich verliebt – in das Land – und genießt das Leben in der Yogahochburg Tel Aviv.