Hippie-Himmel in Israel

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Im israelischen Süden wurde vor zehn Jahren gegen wenig Widerstand und mit viel Enthusiasmus der erste und einzige Ashram des Landes gegründet. Inzwischen hat sich die kleine Gemeinde von einem spirituellen Dorf zu einem weltoffenen Ort für Meditation und Yoga entwickelt. Über tausend Menschen haben bereits für mindestens zehn Tage als „Womper“, Teilnehmer am englischsprachigen „Working & Meditation Program“, in der Wüste gearbeitet.

Der Tag in Israels Süden beginnt über dem jordanischen Bergrücken. Der Himmel färbt sich langsam vanillegelb, bevor die Sonne sich über den höchsten Gipfel schiebt und die Wüste malerisch aufglühen lässt. So früh am morgen liegt der Ashram Bamidbar noch in tiefem Schlaf. Nur der Wind lässt die Palmblätter rascheln. Der erste offizielle Termin im Ashram ist für sieben Uhr in der „Paula“ angesetzt, einem schlichten Flachbau mit Holzfußboden: Während der nächsten Stunde gibt Oshos „Dynamische Meditation“ den Ton an, sie besteht aus Atemübungen, Springen, Schreien, Tanzen und stiller Meditation. Der einzige Ashram in Israel liegt mitten im Nirgendwo aus Steinen, Felsen und Kasernen – zur nächsten Stadt nach Mizpe Ramon fährt man über eine Stunde durch die Wüste aus rostroten Steinen. Politik, Religion, Konflikt und Spannungen wirken hier wie eine Weltreise entfernt. Oder vielleicht doch nicht ganz: Rings um den Ashram üben Soldaten für den Kriegseinsatz, manchmal donnern mitten in der ruhigsten Meditationsminute Kampfflieger über das kleine Camp oder man hört in der Ferne Schüsse. Wenn es nahe des Wüsten-Ashrams knallt, zucken allerdings nur die neuen Womper zusammen. Sie kommen zwischen zehn Tage und zehn Wochen hierher, um zu meditieren und zu arbeiten. „Wir sind hier sicher, die üben nur“, lauten die beruhigenden Worte der Mitarbeiter. Das unschöne Gefühl der Unsicherheit verschwindet aber trotzdem nicht ganz. Doch es wird überlagert, denn wer ins Ashram kommt, ist meist auf der Suche nach etwas, oft nach sich selbst und einem Weg. Oder braucht einfach eine Auszeit von der „Real World“. Während unzählige Gurken für einen Salat geschnitten werden, kommt man sich selbst und den anderen nahe. Man kann wenig falsch machen in dieser Gemeinschaft. Wer mag, wird umarmt, wer nicht mag, bekommt genügend Freiraum, ohne schief angeschaut zu werden. Gearbeitet wird sechs Stunden am Tag – aufgeteilt in zwei Abschnitte. Vor und nach dem Mittagessen wird gekocht und geputzt, die Tiere werden betreut. Es werden Zäune gebaut, man rührt Zement und repariert kaputte Dinge. Das Mantra dabei: Bleib im Moment. Atme. Sei hier. Diese Meditation während der Arbeit gilt auch in Bezug auf einen Riesenberg aus Seilen, den sechs Womper in tagelanger Geduldsarbeit entwirren und Strick für Strick ordentlich zusammenbinden. „Den Anblick dieses Seilhaufens werde ich nie vergessen“, sagt Limor aus dem Norden Israels. „Er wirkte schlicht unüberwindbar.“ Die 35-Jährige hat ihre beiden Kinder bei ihrem Ehemann gelassen, um sich für zehn Tage in der Wüste auf sich zu besinnen. „Ich habe noch nie in so kurzer Zeit so viel gelacht und so viel geweint“, erzählt sie und strahlt. Normalerweise sei sie eher weniger für das Umarmen Fremder zu haben, doch hier habe sich das geändert. Die Zeit im Ashram wirkt auf die meisten Womper wie eine Ambulanzfahrt ins eigene Herz. Die wunden Punkte kriechen in den Meditationen aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche – und werden von den Mitbewohnern des Ashrams behutsam abgetupft und versorgt. Nach einigen Tagen Aufwärmphase liegt auch Limor nach den Meditationen noch minutenlang mit ihren neuen Freundinnen im Arm auf den Matten.

Das Leben im Ashram

Die fünfzehn festen Ashram-Mitarbeiter leben in selbst gebauten Häusern, die Womper schlafen zu siebt in Gemeinschaftsräumen. Privatsphäre gibt es nur in der Dusche und auf der Toilette, wer Zeit für sich braucht, legt sich in eine der vielen Hängematten oder geht in der Wüste spazieren. Endlosigkeit und der Horizont beginnen vor jedem der vier Eingänge. Die einzigen Regeln sind, dass man zu den Meditationen morgens und abends kommt und seine sechs Stunden pro Tag arbeitet. Insgesamt sind Raum und Zeit im Ashram aber relativ, stets gilt: Wer einen Kaffee möchte, hat immer Zeit, sich einen zu machen. Das gleiche betrifft Zigarettenpausen oder einen Plausch. Und natürlich Umarmungen – ohne sexuellen Kontext und Nacktheit versteht sich. Der Hippie-Himmel ist samt WiFi und warmen Duschen im 21. Jahrhundert angekommen. Etwas mehr als die Hälfte der Womper sind Israelis, der Rest kommt von überall her. Die Ashram-Sprache ist Englisch – auch in den Meditationen und Yogastunden. Als der Ashram vor zehn Jahren mit viel Idealismus und wenig Geld als spiritueller Ort auf dem Grundstück des Kibbuz Samar gegründet wurde, sah dieser Flecken Wüste noch anders aus. In einem Wort: karg. Nur die Bundesstraße 40 wand sich schon wie eine Schlange um die Felsen gen Süden. Die Kibbuz-Dorfgemeinschaft verpachtete das kleine Stück Land an sieben Gründungsoptimisten – und hoffte auf einen Geldregen auf das sonst wenig fruchtbare Wüstenstück. Die Idee klang gut: eine spirituelle Gemeinschaft, die meditiert, nachhaltig wirtschaftet, sich selbst ernährt und dem Ort „good vibrations“ gibt, was wiederum zahlende Gäste anlocken sollten. Dafür wurden kleine Holzhäuser mit Badezimmer gebaut. „Ein bisschen sollte es eine israelische Version des Osho-Ashrams in Pune werden“, erinnert sich Nirvana. Die 39-Jährige ist, wenn auch mit einer längeren Unterbrechung, von Anfang an dabei. Das Osho-Motto „Um Meditation zu unterrichten, braucht man nichts außer einer meditativen Atmosphäre“ war das Leitmotiv. Aber die offizielle Osho-Gemeinschaft wollte keinen Ashram in Israel, erzählt Nirvana. „So haben wir uns darauf geeinigt, dass unsere Grundhaltung auf Osho basiert, wir aber auch andere Meditationen anbieten.“ Dass ein Ashram inmitten des kriegsgebeutelten Landes aufblühen kann, hat mehrere Gründe: Spiritualität, Meditation und Yoga sind gerade angesichts der angespannten Lage längst hier angekommen. Selbst die israelische Armee hat ein Budget für Yogastunden. Die kanadische Yogalehrerin Rachel Adler staunte nicht schlecht, als sie gebucht wurde, um täglich Yogastunden in einer Kaserne in Ramat Gan bei Tel Aviv zu unterrichten. „Im ganzen Land schickt die Armee ihre Soldaten zu Yogastunden“, erzählt sie. Ein anderer Grund für die Akzeptanz des Ashrams ist, dass Indien mit das beliebteste Reiseland der Israelis ist. Dazu kommt, dass im Ashram alle Mitarbeiter jüdisch sind und den Sabbat feiern. Außerdem richtet der Ashram die größten Festivals und Raves in Israel aus. Die Kombination aus Religion und Ashram-Leben war kein Problem für die Gründungsmitglieder. Viel eher die endlosen Diskussionen. Keine Entscheidung durfte gegen den Willen von nur einer Person getroffen werden. „Wir haben so viel Zeit und Energie verbraucht, dass wir oft nicht mehr zu den wichtigen Punkten gekommen sind“, erzählt Nirvana. Der Ashram bugsierte sich in eine Sackgasse und drohte auseinanderzubrechen. Auch Nirvana war enttäuscht. „Ich wurde wieder zur Suchenden“, erinnert sich die ausgebildete Kundalini-Yogalehrerin. Sie verließ der Ashram, ging für drei Jahre nach Indien, für mehrere Jahre in die Schweiz und studierte bei der Kundalini-Meisterin Gurmukh Kaur Khalsa. Erst vor drei Jahren kehrte sie in den Ashram zurück. „Ich war des Reisens müde und habe die Wüste vermisst“, erinnert sich die gebürtige Tel Aviverin. In der Zwischenzeit hatte sich der Ashram geändert, man kann sagen, gemausert. Und nicht nur äußerlich. Es ist gewachsen, über zehn selbst gebaute Häuschen, ein palmenbedeckter „Smoking Temple“, ein Fischteich, Hennen, ein Esel und große, mit Schattennetzen bespannte Tanzflächen sind dazu gekommen. Auch innen ist alles völlig neu strukturiert: Shradha und Utsav entscheiden als Geschäftsführer, Nishant führt eine kleine Produktionsfirma vom Ashram aus und Nirvana verantwortet das Womp-Programm. Dazu gehört, dass sie mit jedem Womper am zweiten Tag über die jeweiligen Erwartungen spricht und erzählt, was der Ashram bieten kann. „Man verrichtet nicht die Arbeit, sondern wird selbst zur Arbeit.“ Während ihrer Gespräche mit den Wompern ist es Nirvanas ruhige, erfahrene Art, die es so leicht macht, sich ihr anzuvertrauen. Es wird nicht bewertet oder verglichen, sondern man wird akzeptiert. „Für mich ist es wunderbar, dass ich so vielen Leuten spirituell helfen kann“, sagt Nirvana. Dafür nimmt sie sich Zeit. Wer sich mit ihr in den Schatten einer Palme setzt, hat nicht das Gefühl, dass der Nächste bereits Schlange steht. Der Grat zwischen einer Auszeit in der Wüste und der Konfrontation mit den eigenen Untiefen kann jedoch riskant werden. Gerade dienstags nach der intensivsten aller Atem-Meditationstechniken, dem Re-Birthing, ist das Bedürfnis nach Gesprächen groß. Angst vor Tränen und Gefühlen habe man nicht, aber ein Ashram sei keine Alternative für psychisch Kranke, sagt Nirvana bestimmt.

Routine als Anker

Der Mindestaufenthalt für Womper, die zum ersten Mal kommen, sind zehn Tage. Manche bleiben viel länger. So wie Yael: Sie litt so lange an Bulimie, dass sie als therapieunfähig entlassen wurde. Im Ashram arbeitet sie seit vier Monaten in der Küche, hat ein gesundes Gewicht und strahlt. „Ich kann gar nicht sagen, wann es mir jemals so gut ging.“ Andere kommen immer wieder zurück in die Wüstenoase. „Es ist wie mein zweites Zuhause“, sagt Yaara. Hier fühlt sie sich verstanden und geborgen. Der strukturierte Tagesablauf aus Morgenmeditation, Frühstück, Morgenkreis, in dem man für die Arbeit eingeteilt wird, Mittagessen, Arbeit, Meditation und Abendessen gibt Stabilität. Die Mischung aus Struktur und Freiheit ist der perfekte Nährboden für Zukunftspläne. Yaara will sich mit Biokosmetik selbstständig machen und vorher nach Indien reisen, Anastasia hat ihren Job als Eisverkäuferin gekündigt. „Ich habe immerhin Mode- und Kommunikationsdesign studiert und weiß gar nicht, warum ich bei meinem Studentenjob hängen geblieben bin“, sinniert sie. Andere jobben ein paar Wochen in Tel Aviv oder Jerusalem, um sich neues Geld für ihre Zeit im Ashram zu verdienen. Der Ashram finanziert sich und das Womp-Programm praktisch ausschließlich durch Festivals. Israels größtes, das Zorba Buddha Festival mit über 2000 Besuchern, wird hier ausgerichtet. Es wurde im Laufe der Jahre immer kommerzieller: Anfangs war es kostenlos, die Ashram-Gründer führten das Büro, das Informationszentrum und die Küche alleine. Inzwischen findet es zweimal pro Jahr statt und mehrere Bühnen, Essensstände, Schmuckläden und Workshops bilden den Rahmen. Durch die Festivaleinnahmen kann das Womp-Programm so günstig gehalten werden, dass es sich praktisch jeder leisten kann. Pro Tag kostet es umgerechnet 10 Euro, inklusive Unterkunft, Meditationen, Yoga und vegetarischem Essen. Das ist in einem sehr teuren Land wie Israel so gut wie nichts. Hier sind die Preise wesentlich höher als in Deutschland: Shampoo kostet um die 10 Euro, eine Zahnbürste schon mal 6 Euro, eine Yogastunde ab 15 Euro. Nur eines ist in Israel definitiv günstiger als in Deutschland: Reisen. Mit dem Zug oder Bus vom Norden des Landes, etwa von Haifa, bis in den Süden zum Ashram dauert es vier Stunden und kostet weniger als 10 Euro – damit hat man das ganze Land mit sieben Millionen Einwohnern einmal komplett durchquert und sieht in der Ferne auf Jordanien. Dort spielt sich jeden Abend ein beeindruckendes Naturschauspiel ab: In den wenigen Minuten zwischen Sonnenuntergang und totaler Finsternis beginnt ein wildes Flimmern in der Ferne – Jordaniens Berge fangen an, optisch mit dem Himmel zu verschmelzen. Wenige Augenblicke später ist es vorbei. Israel und Jordanien grenzen sich mit klaren, orangefarbenen Lichtern voneinander ab. Während es unter dem endlosen Himmel schlagartig kühl wird, ist es Zeit für die Abendmeditation in der „Paula“. An diesem Tag bereitet Idam die Kundalini- Meditation vor. Nach einer Stunde glänzen die Augen der Womper und als sich alle in den Armen liegen, haben sie das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.

Auch Jennifer Bligh war für zehn Tage Womper in der Wüste – am liebsten panschte sie mit Zement und am wenigsten mochte sie es, die Hühner zu füttern. Weitere Informationen über den Ashram.