Lernen von den Göttern

Das Gute liegt so nah

Wenn wir glauben, mit einem Problem nicht mehr weiterzukommen, suchen wir oft Hilfe bei einer höheren Instanz. Manchmal ist das gar nicht nötig.

In alten Zeiten schien die Welt einfacher und viel weniger komplex zu sein als die Umgebung, in der wir uns heute zurechtfinden müssen. Wir sehen uns im Berufs- oder Familienalltag ständig widersprüchlichen Anforderungen ausgesetzt. Da ist es sehr sinnvoll, nach etwas zu suchen, das uns Halt gibt. Schwierig wird es nur, wenn wir anfangen, uns daran zu klammern.

Die Bhagavata Purana erzählt eine Geschichte vom König Ambarisha. Weil er in Rechtschaffenheit sein Reich regierte, segnete Vishnu ihn mit seinem persönlichen Schutz. Ambarisha wollte ihm dafür mit einem großen Ritual danken. Dazu hielt er ein ganzes Jahr lang regelmäßige Fastenzeiten ein. Am letzten Tag erschien kurz vor dem Fastenbrechen der berühmte Weise Durvasa zu Besuch. Ambarisha freute sich über die Ehre und lud ihn ein, gemeinsam mit ihm die erste Mahlzeit zu nehmen. „Lasst mich nur kurz ein Bad nehmen, bevor wir beginnen“, antwortete Durvasa. Ambarisha willigte ein, doch Stunde um Stunde verging, und der Besucher kehrte nicht zurück. Was sollte der König jetzt tun? Das strenge Moralgesetz der damaligen Zeit verpflichtete ihn, auf den Gast zu warten. Gleichzeitig lief die Zeit zum Beenden des Rituals ab. Würde er noch länger warten, wäre ein ganzes Jahr der Vorbereitung umsonst gewesen.

Die Berater des Königs schlugen ihm vor, ein Glas Wasser zu trinken und ein Tulsi-Blatt zu essen, um das Fastenritual zu beenden und dem Gast trotzdem die Würde zu erweisen, den ersten Bissen vom Mahl zu erhalten. Ambarisha sah das als gute Lösung an. Doch gerade als er so das Fasten brach, tauchte Durvasa auf und beschwerte sich, dass seine Ehre verletzt worden sei. Er formte aus seinem Haar einen Dämon, der den König umbringen sollte. Das wollte Vishnu, der stets alles vom Himmel aus betrachtet, nicht zulassen. Er warf seinen Diskus nach dem Monster, und es löste sich umgehend auf. Die Wurfscheibe flog nun Durvasa hinterher.

Durvasa lief zu Göttervater Brahma und flehte: „Bitte beschütze mich vor Vishnus Waffe.“ Doch der sagte nur: „Ambarisha ist ein Schützling von Vishnu. Damit habe ich nichts zu tun.“ „Dann muss mir der Größte der Götter helfen“, dachte Durvasa und rannte zu Shiva in die Berge. Der antwortete ihm lediglich: „Du wirst von Vishnus Diskus verfolgt. Da kann ich dir nicht helfen“. Zerknirscht suchte Durvasa schließlich Vishnu selbst auf. „Ich flehe Euch an, Herr. Nehmt diese Waffe zurück.“ Vishnu zeigte sich zögerlich. „Es gibt natürlich einen Weg“, sagte er, „aber ich bezweifle, dass du bereit bist, das zu tun.“ „Großer Gott, ich werde gerne alles tun, wenn Ihr mich verschont“, antwortete Durvasa. „Fein. Warum gehst du nicht einfach selbst zu König Ambarisha und entschuldigst dich für deinen Angriff?“, fragte Vishnu.

Wenn wir Meditation und Mantras kennengelernt haben, wird es manchen von uns zur Gewohnheit, uns bevorzugt in diesen Sphären aufzuhalten. Wir suchen in feinstofflichen und höheren Ebenen nach der Lösung von Problemen, die wir durch unsere Entscheidungen selbst ins Leben gerufen haben. So wie Durvasa sich auf die Tradition berief, so berufen wir uns manchmal auf spirituelle Wahrheiten und verletzen damit Menschen, die uns nahe sind. Edle Motive und noble Gründe können einsam machen. Statt Hilfe beim Himmel zu suchen, müssen wir unsere Hausaufgaben oft immer noch auf der Erde machen. Durvasa ging schließlich zu Ambarisha, entschuldigte sich und die Angelegenheit war vergessen.

Die Bhagavata Purana ist kein Historienbuch. Sie erzählt uns vielmehr Geschichten von uns selbst. Durvasa und Ambarisha sind zwei Teile unserer Persönlichkeit, die wir ausbalancieren müssen. Unsere Pflichten auf der Erde und unser Streben nach einem spirituellen Leben. So machtvoll Durvasa seine Anbindung an den Himmel auch gemacht haben mag – oft ist die Lösung eines Problems viel einfacher, als man denkt. Denn manchmal lassen die Götter uns Menschen unsere Angelegenheiten einfach selbst regeln.

Ralf Sturm ist Yoga- und Meditationslehrer sowie Beziehungscoach in Berlin. Die nächste Indienreise mit Ralf führt vom 4. bis 18.10. nach Rishikesh. Zusammen mit Katharina Middendorf leitet er vom 21. bis 28.6. eine Yoga- und Meditationsreise auf Korfu. Seine Philosophiefortbildung für Yoga-lehrer findet am 14./15.11. in Berlin statt.

Wie positioniere ich mich als Yogalehrer erfolgreich in einem wachsenden Markt?

Klar ist: Dazu braucht man mehr, als man in der Ausbildung lernt: Ein Gespür für die Bedürfnisse seiner Schüler, eine positive Vision und eine klare Antwort auf die Frage, was einen als Lehrer auszeichnet. YOGA JOURNAL sprach mit dem Yogalehrer und Ex-Wirtschaftsjournalisten Tobias Frank.

Keine Frage, Yoga wächst! Für alle an Yoga Interessierten ist das wachsende Angebot ein Geschenk. Alle Yogalehrer und künftigen Yogalehrer unter uns stellt es allerdings vor eine neue Herausforderung: Wie gehe ich mit vermeintlicher „Konkurrenz“ um?

Es ist wichtig, sich diese Frage zu stellen. Insbesondere bevor man für eine Selbstständigkeit als Yogalehrer vielleicht einen sicheren Job aufgibt. Ängste haben einen realen Kern, es geht ja um unsere wirtschaftliche Existenz. Allerdings greift eine Betrachtungsweise, die andere Lehrer und Studios als Konkurrenz und Bedrohung ansieht, zu kurz. Wer sich gedanklich in ein Schneckenhaus verkriecht, blendet wichtige Aspekte der Realität aus, die über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Jeder Mensch und jeder Lehrer ist einzigartig und wird seine ganz eigene Schülerschaft finden. Hinter unserer Angst vor der anonymen Konkurrenz steht die Furcht, austauschbar zu sein. Doch die anonymen Wettbewerber gibt es nicht, es gibt nur konkrete Menschen mit ihren eigenen Stärken und Schwächen. Wir brauchen uns im Vergleich mit Anderen nicht gedanklich klein zu machen. Stattdessen kann uns der Blick über den Tellerrand zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen, wenn wir wahrnehmen, was uns positiv von anderen unterscheidet. Als nächsten Schritt können wir unser „Alleinstellungsmerkmal“ dann überzeugend (über Webseite, Flyer etc.) kommunizieren.

Diesen Prozess bezeichnet Marketingexperte Peter Sawtschenko als „Positionierung“. Um uns aus einer Masse von Anbietern herauszuheben, besetzen wir eine Nische, in der wir führend sind. Vielleicht existieren in einer Stadt bereits mehrere Yogastudios, die alle Hatha Yoga auf ihrem Stundenplan haben. In diesem Fall wäre ein Studio, das sich auf dynamisches Vinyasa Yoga spezialisiert, eine erfolgsversprechende Alternative. Andere Möglichkeiten sich abzugrenzen wären die Persönlichkeit des Lehrers, ein besonderes Ambiente oder ein innovatives Geschäftsmodell. Wer sich gut positioniert, hat die besten Chancen, mit dem, was er gerne tut, auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Dieser Prozess lohnt sich daher unabhängig davon, ob man schon lange Yogalehrer ist oder gerade erst mit dem Gedanken spielt, sich selbstständig zu machen. Mit fünf einfachen Fragen gewinnt man Klarheit darüber, wer man ist, was man will und wie man es am besten erreichen kann: „Warum möchte ich unterrichten?“, „Was sind meine Stärken als Lehrer?“, „Wen möchte ich unterrichten?“ und „Was ist mein Alleinstellungsmerkmal?“.

Ganz besonders die letzte Frage bestimmt, was wir unserer Zielgruppe bieten können, das sie bei anderen Lehrern nicht findet. Vielleicht ist es ein neuartiger Yogastil, den es bisher noch nicht gab. Oder der Unterricht ist besonders witzig. Oder man schafft es, komplizierte Asanas auf plastische und anschauliche Weise zu erklären. In diesem Zusammenhang sollte man sich von der liebgewonnen Bauchladen-Strategie verabschieden: Viele Freiberufler glauben, erfolgreich sein zu können, indem sie viele unterschiedliche Dienstleistungen anbieten und verschiedene Zielgruppen ansprechen. Was auf den ersten Blick Sicherheit verspricht, ist jedoch Irrglaube. Denn Menschen suchen in der Regel das jeweils beste Angebot und nicht jemanden, der alles ein bisschen macht.

Essen für eine bessere Welt

Ein Buch des bekannten Autors, Arztes und Psychotherapeuten Rüdiger Dahlke trägt den vielversprechenden Titel „Peace Food“. Im YOGA JOURNAL- Interview erklärt er, weshalb die Gesellschaft endlich umdenken und auf eine vegane Ernährungsweise umsteigen sollte: Um die Welt und uns selbst friedlicher zu machen. 

YOGA JOURNAL: Herr Dahlke, der Untertitel Ihres neuen Buches „Peace Food“ lautet: „Wie der Verzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt“. Wie sind Sie zu der Überzeugung gekommen, dass Fleisch- und Milchkonsum Menschen krank macht?
RÜDIGER DAHLKE:  Zum einen durch mein persönliches Empfinden, das mich seit mehr als 40 Jahren gerne auf Fleisch verzichten lässt. Seither fühle ich mich viel besser – seelisch und körperlich. Zuvor aß ich als Leistungssportler sogar – den damals üblichen Anweisungen entsprechend – viel Fleisch. Für mich war es eine Erleichterung, als ich Fleisch wegließ. Seit ich abgestillt wurde, habe ich keine Milch mehr getrunken und auch nach Eiern war mir nie. Mein Körper war diesbezüglich bereits weiter als mein Geist, der auf die Medizinpropaganda von der gesunden Milch und dem wichtigen Tierprotein hereinfiel. Des Weiteren bemerkte ich als Arzt schon früh, wie sehr ich Allergikern und unter ihnen besonders Kindern helfen konnte, indem ich zum Verzicht auf Milchprodukte riet. Und was das Fleisch angeht: Nach einer Exkursion in den Schlachthof während meines Studiums lebte ich mit dem Gefühl, dass mit so viel Leid verbundene Nahrung uns niemals wirklich gut tun kann.

Deshalb haben Sie „Peace Food“ geschrieben?
Entscheidend dafür, dass ich es schließlich wagte, „Peace Food“ zu schreiben, waren die modernen Studien mit großen Teilnehmerzahlen: eine von Colin Campbell und Caldwyn Esselstyn, renommierten Schulmedizinern aus den USA, und eine von Professor Leitzmann aus Gießen: Beide weisen eindeutig und in dramatischen Zahlen auf die Gefahren von Tierprotein hin. Hier sind in doppelter Hinsicht harte Fakten auf den Tisch gekommen, die mich als Arzt verpflichten, den Patienten reinen Wein einzuschenken: Laut dieser Studien sind Fleisch und Milchprodukte gefährliche Auslöser für Herzprobleme, Krebs und viele andere Krankheitsbilder von Allergien bis hin zu Osteoporose. Tatsächlich wird gezeigt, dass Milchprodukte genau jene Osteoporose fördern, die sie angeblich verhindern sollen. Wie brisant die Lage ist, zeigt die Tatsache, dass man aufgrund der erwähnten Studien eigentlich alle Tierproteine als Kanzerogene bezeichnen müsste.

Und dann ist da noch die seelische Komponente: Das Leid der Tiere ist auch unser Leid…
Wenn wir Fleisch essen, essen wir auch die Angst der Schlachttiere mit: Bei der heute üblichen, entsetzlichen Massenschlachtung geben Tiere vor ihrem unvorstellbar grausamen Tod Angst- und Stresshormone in ihr Blut und Fleisch ab. In meiner ärztlichen Praxis musste ich miterleben, wie wir durch das Verschwinden der Hof- und Einzelschlachtung und durch den zunehmenden Fleischkonsum Panikattacken geradezu heraufbeschworen. Vor gut 30 Jahren, zur Zeit meines Examens, waren sie noch gar kein Thema.

Im Yoga spielt der Aspekt der Gewaltlosigkeit eine große Rolle – viele Yogis verzichten schon allein deshalb auf tierische Produkte. Können Sie uns Ihre Gedanken zu „Peace Food“ näher erläutern?
Das sehe ich genauso wie die Yogis. Nur habe ich erlebt, dass der wunderschöne Gedanke an Ahimsa moderne westliche Menschen zu wenig bewegt und kaum vom Fleischessen abhält. Selbst das Wissen um die Hungerkatastrophen, die unser Fleischkonsum in Entwicklungsländern hervorruft, reicht für die meisten leider nicht. Wir verfüttern ja große Kohlenhydrat-Mengen aus Hungerländern an Schlachttiere, um kleine Mengen Tierprotein für uns selbst zu bekommen. Auch ökologische Gründe zählen bei vielen egomanen Mitgliedern der Wohlstandsgesellschaften nicht. All diese Gründe habe ich natürlich in „Peace Food“ aufgeführt. Besonders aber bin ich auf die medizinischen Studien eingegangen, die belegen, wie sehr wir uns mit Tierprotein selbst schaden. Als Tierfreund und spiritueller Mensch bin ich der selben Meinung wie viele große Stimmen: Frieden im Inneren und im Außen werden wir erst finden, wenn wir die mit Tierproteinverzehr in Zusammenhang stehenden Grausamkeiten beenden.

Lange Zeit war die vegane Lebensweise eher in der Öko-Eso-Ecke ange- siedelt. In den letzten Jahren gewinnt sie jedoch mehr und mehr – auch prominente – Anhänger. Könnte und sollte Veganismus bald schon Einzug in den Mainstream finden?
Das hoffe ich sehr, dafür hab ich „Peace Food“ geschrieben und daran arbeite ich. Und alles spricht dafür. „Peace Food“ hat in den ersten drei Monaten bereits drei Auflagen erreicht und die ersten 20 000 waren sehr rasch verteilt. Und das ganz ohne Hilfe der großen Mainstream-Medien, die sich – aus welchen Gründen auch immer – bisher nicht für dieses notwendige Buch interessiert haben. Aber auch da besteht Hoffnung, vor allem weil „veganes Leben“ in den USA bereits ein breiter Trend ist, für den von Bill Clinton bis Paul McCartney viele Leute stehen. Und da wir bisher fast jeden US-Trend nachgemacht haben, sehe ich der Entwicklung in diese Richtung hoffnungsvoll entgegen.

(Bildquelle: Pixabay)


Bildschirmfoto 2014-07-07 um 14.30.25Ahimsa beim Essen
Das Thema ist nicht neu. Spätestens seit Jonathan Safran Foer in „Tiere essen“ und Karen Duve in „Anständig essen“ die vegetarische und vegane Lebensweise propagierten, werden die grausamen Praktiken der Nutztierhaltung in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Sicher ist es kein Zufall, dass nun mit Rüdiger Dahlke, der bereits zahl- reiche Ernährungs- und Gesundheitsratgeber veröffentlichte, ein weiterer bekannter Autor das einstige Nischenthema beleuchtet. Wie man es von ihm gewohnt ist, geht er auch in seinem neuen Buch detailliert auf die engen Zusammenhänge von Ernährung, Körper und Seele ein: Anhand jüngster Studien bringt Dahlke moderne Zivilisationskrankheiten direkt mit Fleischkonsum in Verbindung und macht nachdrücklich darauf aufmerksam, wie viel Leid man mit dem Konsum von Fleisch, Milch und Eiern billigend in Kauf und zu sich nimmt. Diesem Leid ist ein eigenes Kapitel gewidmet – sehr anschaulich rückt es ins Leserbewusstsein, dass so viel Qual bei der Produktion unserer Nahrung nicht ohne Folgen für unsere körperliche und seelische Verfassung bleiben kann. Wahres „Peace Food“ – für uns, die Tiere und die Umwelt – kann konsequenterweise nur vegan sein, so die Botschaft.

FAZIT // Für Kenner der Thematik wenig Neues – aber eine gute Zusammenfassung wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie ein gelungenes Plädoyer für die vegane Lebensweise.

„PeaceFood–Wie derVerzicht auf Fleisch und Milch Körper und Seele heilt. Mit 30 veganen Genussrezepten von Dorothea Neumayr“ von Ruediger Dahlke (GU, ca. 20 Euro)

Der Mannschafts-Guru

Als Yogalehrer der Fussball Nationalmannschaft hat Patrick Broome Pionierarbeit geleistet. Er kann mittlerweile auf fast zehn Jahre Zusammenarbeit mit dem Team zurückblicken. Auch zur WM in Brasilien reist der Jivamukti-Lehrer mit.

YOGA JOURNAL: Wie hat sich aus deiner Sicht das Image von Yoga in der Fußballwelt gewandelt, seit du die Nationalmannschaft 2005 das erste Mal unterrichtet hast?
PATRICK BROOME: Ich denke, dass sich das öffentliche Interesse für Yoga in den letzten zehn Jahren erheblich gesteigert hat. Es ist Alltag, Lifestyle, Mainstream – natürlich mit all seinen Schattenseiten. Nachdem einige Medien anfangs noch versuchten, sich über die Kombination Yoga und Fußball lustig zu machen – man erinnere sich nur an die unsägliche Diskussion über die Buddha-Statuen auf der Terrasse des FC Bayern – fingen gleichzeitig einige Qualitätsmagazine an, sich seriös mit den Vorzügen des Yoga im Leistungssport, in der Gesundheitsvorsorge und für die allgemeine Lebensqualität auseinanderzusetzen.

Broome KopieSpielt Yoga im Trainingsplan heute noch die gleiche Rolle oder ist es ausgebaut worden? Hast du bei der Gestaltung der Einheiten völlig freie Hand?
Yoga ist jetzt seit acht Jahren fester Bestandteil im Trainingsplan der Deutschen Fußballnationalmannschaft. Anfangs auch zwischen den Turnieren, seit etwa vier Jahren offiziell nur noch während Europa- und Weltmeisterschaften. Für einige Spieler ist Yoga allerdings in ihren Vereinen und auch privat mittlerweile ein- bis zweimal wöchentlich selbstverständlich. In meiner Arbeit stehe ich immer in direkter Absprache mit den Physiotherapeuten und Fitnesstrainern sowie dem Team-Psychologen. In der Gestaltung der Yogaeinheiten habe ich alle wünschenswerten Freiheiten, da sich mit Spielern, Trainern und Team in den letzten acht Jahren natürlich ein enges gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufbauen konnte.

„Fußball ist eine der letzten Bastionen, in der ein traditionelles Männerbild gelebt wird“, sagt Oliver Bierhoff. Was beobachtest du hierzu?
Oliver hat sicherlich Recht. Im Fußball werden auch heute noch die klassischen „männlichen Tugenden“ wie Tapferkeit, Zähigkeit und körperliche Ausdauer, eine gewisse Aggressivität sowie Mut und Durchsetzungskraft eingefordert. Physis, Kampf und Ichbezogenheit dominieren. Das hat sich trotz der oftmals zitierten Verflachung der Hierarchien und dem eher partizipatorischen Führungsstil unter Jogi Löw auch meiner Einschätzung nach nicht entscheidend verändert.

Die meisten Nationalspieler sind sehr jung und ständig von vielen Beratern umgeben. Nutzen sie deinen Unterricht auch als willkommenen Raum zur Selbstreflektion?
Im Idealfall finden die Spieler in meinem Unterricht Ruhe und Gelegenheit zur Innenschau. Ich versuche, ihnen einen sicheren Erfahrungsraum zu öffnen, in dem sie „unter die Oberfläche“ tauchen können und sich, anders als sonst, ohne Wettbewerb, Beobachtung und vor allem ohne Bewertung von außen spüren und erleben können.

„Die Harmonie im Team ist größer als in manchem Ashram“, sagtest du zur EM 2012 im Yoga Journal . Kann man mit Harmonie einen WM-Titel holen?
Aktuell wird häufig vor einer Verweichlichung, gar Feminisierung des Fußball gewarnt. Gefordert wird eine Rückbesinnung auf das bereits genannte „männliche“ Spiel mit Distanzschüssen, direkten Freistößen, Flanken sowie Kopfballtoren mit wuchtigen, egomanen Stürmern in einem temporeichen, intensiven Spiel. Harmonie, übersetzt „(Zusammen)fügung“, ist die Vereinigung von Entgegengesetztem zu einem Ganzen. Harmonische Gesamtheit besteht dann, wenn ihren Einzelteilen noch ein Sinn, eine Wertbezogenheit anzumerken ist. Laut Wikipedia handelt es sich auch um einen „Gleichklang der Gedanken und Gefühle“. Geht es bei einer Weltmeisterschaft nicht genau darum? Um ein Einschwören auf ein gemeinsames Ziel, eine Überwindung der Egozentrik und die Unterordnung der eigenen Bedürfnisse und Wünsche auf ein größeres gemeinsames Ziel hin? Ich persönlich bin der Meinung, dass nur ein harmonisches Gefüge wirklich zu Großem fähig ist.

Fotoquelle: Pixelio.de
Patrick Broome leitet eine Yogaschule in München und unterrichtet weltweit Workshops, Ausbildungen und Retreats.

Yoga in Japan – Absolute Hingabe

Wie sich Yoga in Japan vom Rest der Welt unterscheidet und welche Bedeutung es nach dem Schicksalsschlag von Fukushima für die Japaner hatte.

Im November 2011 begleite ich Mark Whitwell zum dritten Mal bei seinem Teacher-Training in Japan. Ich sitze also jeden Tag sieben Stunden in einem Raum mit 17 japanischen Yogis, die verschiedener nicht sein könnten. Vom Land, aus der Stadt, etablierte Yogalehrer und Yoga-Anfänger. Sie alle sind sehr konzentriert. So konzentriert, dass man sich fast fragt: Brauchen die überhaupt Yoga? Die scheinen es doch ziemlich gut hinzukriegen, den Geist in eine Richtung zu lenken und im Moment zu leben.

Außer dieser Fähigkeit, alles mit absoluter Hingabe zu tun, ist der wohl größte Unterschied zwischen der japanischen und der deutschen Kultur – und damit auch der Yogaszene – das ausgeprägte Gruppenbewusstsein der Japaner. Das Wohl der Gruppe steht immer über dem eigenen und was immer sie tun und sagen, muss auch für die anderen relevant sein. Sie sind oft zögerlich, wenn man sie nach ihrem persönlichen Befinden fragt. Aber wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass ihre Erfahrungen von allgemeiner Bedeutung sind, erzählen sie in einer Offenheit, die einem Tränen in die Augen treibt.

Gruppenbewusstsein
Den Individualismus, den die Amerikaner in allem, was sie tun, zelebrieren, drücken die Japaner in ihrer Mode und ihrem Faible für ungewöhnliche Designs aus, nicht in ihrem Sozialverhalten. In einem Land, in dem so viele Menschen auf engstem Raum leben, ist das gar nicht anders möglich. Die negativen Auswirkungen dieses Gruppenbewusstseins sind oft die Vernachlässigung der persönlichen Bedürfnisse und dadurch eine Abwertung der eigenen Person. „Wir haben in Japan ein ausgeprägtes Vergleichsdenken. Wir messen unser Glück auf relativer Ebene“, meint Kaori, unsere Übersetzerin. So kommt es, dass viele Menschen, die nicht unmittelbar unter den Folgen des Erdbebens leiden, mit Schuldgefühlen kämpfen. Obwohl sie eines der schwersten Erdbeben der letzten hundert Jahre durchlebten, fühlen sie sich nicht dazu berechtigt, negative Gefühle zu empfinden. Es geht ihnen doch so viel besser als den Menschen in der Region Tohoku, die noch immer mit den Folgen von Tsunami und Reaktorkatastrophe leben müssen.

Yoga als Zuflucht
Der positive Aspekt des Gemeinschaftsbewusstseins ist der Halt, den das Zugehörigkeitsgefühl den Mitgliedern einer Gruppe gibt. „Die Yogastunden hatten hier nach dem 11. März eine ähnliche Funktion wie für die Amerikaner nach dem 11. September“, meint Kaori. „Die Menschen waren verunsichert und betroffen. Sie wollten gerettet werden. Aber niemand kann einen anderen Menschen retten, oder?“, überlegt Kaori. „Also habe ich ihnen von ganzem Herzen gewünscht, dass es ihnen gut geht.“ Für viele der japanischen Yogis wurden die Studios zu einem Zufluchtsort, an dem sie zulassen konnten, dass sie verletzlich sind und Angst haben. Die körperliche Yogapraxis half ihnen, tiefer zu atmen und gab ihnen dadurch mehr Raum, die Realität zu verdauen. Es stellt sich natürlich sofort die Frage, ob es in solchen Notsituationen nicht grundlegendere Bedürfnisse als Yoga gibt, um die es sich zu kümmern gilt. Wie leicht drücken wir uns doch vor der eigenen Yogapraxis mit der Entschuldigung, es gäbe Wichtigeres zu tun – selbst wenn die Zeiten nicht halb so schwer und dramatisch sind. Aber in vielen Gesprächen betonen Marks Schüler immer wieder, was Yoga für sie bedeutet und warum es in dieser schwierigen Lage so wichtig für sie war. „In der Zeit nach dem Erdbeben musste ich Yoga üben, um nicht wahnsinnig zu werden. Ich weiß nicht, wie Leute, die diese Praxis nicht hatten, die Situation überhaupt aushalten konnten.“ So oder ähnlich höre ich das von fast allen. Gerade in problematischen Zeiten ist es nötig, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Und jeder, der einmal krank, einsam oder in sonst einer misslichen Lage war, wird zustimmen, dass es die Beziehungen zu unseren geliebten Menschen sind, die uns am Leben halten. Und was ist Yoga anderes als Beziehung? Beziehung zum eigenen Leben und zum Leben, das einen umgibt. Yoga verbindet den Körper mit dem Atem, der die Grundlage des Lebens ist. Kyoko, eine Yogalehrerin, beschreibt es so: „Wenn du dich nicht mal mehr auf den Boden unter deinen Füßen verlassen kannst, weil er ständig bebt, ist der Atem dein einzig verlässlicher Freund.“

Pranayama im Katastrophengebiet
Yoku, Künstlerin und Yogaschülerin aus Tokio, entschied sich, in der vom Tsunami am schwersten betroffenen Region bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Sie übte dort morgens Yoga in der Gemeindehalle, in der die Hilfskräfte untergebracht waren. Ohne zu wissen, was das genau ist, fingen die anderen Helfer an mitzumachen. Diese gemeinsame Yogapraxis sei ganz ungeplant entstanden und hätte die Kommunikation untereinander unheimlich gefördert, erzählt Yoku. Für Helfer, die sich um das Schicksal so vieler Menschen kümmern müssen, ist es wichtig, sich zunächst um sich selbst zu kümmern. So war es einfacher für sie, das Unglück und den Schmerz auszuhalten, die ihnen täglich begegneten.

Die Stadt Ishinomaki, in der Yoku die Hilfskräfte unterstützte, ist bekannt für ihren Fischfang. Der ganze Ort stank also unglaublich nach totem Fisch. Der Geruch war so stark, dass man kaum atmen konnte. Yoku erzählt, wie sie mit den Menschen zusammen geweint hat. „Das war wie eine Art Pranayama. Es hat den Menschen geholfen, wieder besser atmen zu können.“ Viele der Frauen, mit denen sie sprach, konnten ihre Gefühle den Angehörigen gegenüber nicht zulassen. Sie wollten füreinander stark sein. „Ich war ja von außerhalb und somit nicht betroffen, also konnten sie loslassen. Das war für sie, glaube ich, sehr befreiend.“

An das beklemmende Gefühl, nicht atmen zu können, kann sich auch Kaori erinnern: „Als ich am Tag nach dem Erdbeben Yoga übte, hatte ich Angst, dass radioaktive Partikel in meinen Körper gelangen. Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du Angst haben musst, dass jeder Atemzug, der dich am Leben hält, dir Schaden zufügt.“ Darüberhinaus ist man zum Teil selbst dafür verantwortlich: „Schließlich haben wir die Energie dieser Atomkraftwerke alle genutzt.“

Die yogische Weisheit, dass alles eins und auch das, was wir nicht sehen, real ist, erschloss sich ihr in dieser Zeit ganz besonders. „Die radioaktiven Teilchen sind zwar unsichtbar, aber sehr effektiv. Diese Stoffe sind jetzt überall in Japan. Und der Wind und das Meer verteilen sie auf der ganzen Welt“, erklärt sie. Das was geschehen ist, betrifft uns alle, im Guten wie im Schlechten. Globalisierung heißt auch: Wir sind alle verbunden.

Verbindung mit der Natur
Diese Naturkatastrophe und das daraus resultierende Atomunglück zeigen für Kaori ein tief liegendes Problem der modernen Gesellschaft: „Es geht nicht darum, aus der Atomenergie auszusteigen, um dann eine neue Art der Energieerzeugung zu suchen“, meint sie. „Es geht darum, dass die Menschen glauben, ihnen würde etwas fehlen und dass sie diese Leere mit Konsum füllen müssten.“ Auch sie sei dieser Illusion erlegen, bevor sie anfing, Yoga zu üben. Und noch immer sei es schwierig, zu realisieren, dass ein neues Smartphone genauso wenig Erfüllung bringt wie schicke Naturkosmetik oder der perfekte Partner. „Mit etwas, das von außen kommt, wird man diese Leere nie füllen können.“ Aber natürlich ist das einfacher und bequemer. Und es verlangt auch weniger Eigeninitiative.

In seinen Stunden betont Mark Whitwell immer wieder, dass Yoga unsere praktische Verbindung zur nährenden Kraft ist, die das Leben darstellt. Dieser Glaube an die Natur ist den Japanern nicht fremd. Der Shintoismus, der in Japan bis Ende des zweiten Weltkrieges Staatsreligion war, ist ein Naturkult. Dessen Grundgedanke ist, dass alles Leben auf der Welt aus der Natur kommt und wieder zur Natur zurückkehrt. Nach dem Erdbeben im März war es sehr schwierig für sie, dieses Vertrauen in die Natur zu behalten, meint Kaori. „Aber ich musste daran glauben, dass uns diese Natur liebt und nährt. Sonst hätte ich nicht weitermachen können.“ Yoga zu üben habe ihr sehr dabei geholfen, die Situation anzunehmen und den Tod als Teil des Lebens zu sehen. „Ich habe mich daran erinnert, dass dieses Beben, diese Bewegung der Erde die Bewegung der Natur ist und dass dadurch nun einmal Menschen sterben“, erzählt Kaori. „Und dass auch ich früher oder später sterben werde. Es kann jederzeit passieren.“ Auch das verbindet uns alle. „Dadurch ist mir klar geworden, dass das Leben ziemlich wertvoll ist.“ Diese Akzeptanz des Todes ist wohl die ultimative Hingabe. ✤

Veronika Köberlein wurde von Mark Whitwell zur Yogalehrerin ausgebildet. Sie ist studierte Mathematikerin und Journalistin und arbeitet als Fernsehproduzentin. Ein Jahr lang war sie auf Weltreise und hat Yoga in anderen Kulturen erfahren.

Der Pflug: warum sollte man wirklich für ihn ackern

Pflug ackern
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Halasana in corpore sano

Deutsch, Englisch, Geschichte: Das waren meine guten Fächer. Mathe, Chemie, Physik: ein anderes Kapitel… 13 Jahre Schule prägen einen, egal, wie lange sie zurückliegen. Und so hatte ich mich schnell daran gewöhnt, meine Stärken vor mir herzutragen und gleichzeitig vor meinen Schwächen davonzulaufen. Aber hopp, hopp! Die Konzentration auf das, was ich kann, hat mich ja auch einigermaßen weit gebracht, finde ich. Allerdings natürlich mal wieder nicht im Yoga.

Sei es nun dem Davonhoppeln oder meiner großen Liebe, dem Radfahren, geschuldet. Meine Beinsehnen waren stark, ausdauernd und leider unendlich verkürzt. Und das musste ich bald bei einigen Übungen feststellen. Vorbeugen, wie soll das gehen? Mit dem Oberkörper zum Knie, wie bitte? Mit den Händen zum Boden, qué pasa, amigo?! Das hatte ich noch nie gekonnt und das war auch nicht in meinem Repertoire, bums, aus, Nikolaus. Ich bin gut in Stehhaltungen, kann meine Arme toll hinter dem Rücken verbiegen und meinen Oberkörper verdrehen wie die lustige Post-Eule von Harry Potter. Und genau wie sie lieferte ich mit schlaftrunkener Sicherheit Krieger und Twists ab und verstand nicht, warum ich immer noch dazu gezwungen wurde, die Dinge zu machen, die ich doch gar nicht drauf hatte – wie den Pflug.

Von Anfang an war mir klar: Das wird nix mit uns. Ich bin die mit den kurzen Hamstrings, Ham wie Schinken, hallo? Es macht doch nur Sinn, dass die bei einer Prä-Gemüseanbau-Haltung nicht auch nur im Geringsten mitarbeiten. Ich machte es also zu meiner Gewohnheit, mich innerlich seufzend und schon mit der Sache abschließend aus dem Schulterstand auf den Rücken zu rollen und die Fußgelenke slash Schienbeine anzuglotzen. Meine Beinsehnen, mein Rücken, meine Halsmuskeln, buhuu. In dieser echt mies gespielten Ergebenheit in mein schreckliches, aber eben unabwendbares Schicksal, niemals meine Oberschenkel erblicken zu können, spielte ich falsches Ding einfach auf Zeit und wartete, bis wieder eine Paradehaltung von mir drankam. (Nun gut, nach dem Pflug kann man es ja nur noch im Fisch oder in Shavasana verbocken, und dazu muss man noch ne ganze Ecke begabter im Das-kann-ich- nicht-das-konnte-ich-noch-nie-Spiel sein als ich…)

Ich hatte mich so auf diese Rolle eingeschossen, dass ich eines Tages schrecklich doof geguckt haben muss, als ich plötzlich mit den Füßen hinter meinem Kopf den Boden antippte. Höäh? Anscheinend hatten meine Beinsehnen und mein Verstand nach zwei Jahren Yogapraxis endlich ein Einsehnen, pardon Einsehen, mit mir. Und auf einmal lag ich da, kompakt wie ein Schweizer Taschenmesser, und konnte nach zögerndem Probieren sogar die Knie an die Ohren bringen. An das Gefühl, das ich nach der Stunde hatte, kann ich mich gut erinnern: Wenn ich das kann, was ich nie konnte, dann kann ich ja vielleicht noch viel mehr lernen! Ich hatte mich nur an das Nicht-Können, Nicht-Dürfen und Nicht- Machen so sehr gewöhnt!

Tatsächlich steht bezüglich der Wirkung des Pfluges (oder Halasana) geschrieben, dass die Übung dabei hilft, „langfristige Veränderungen einzuleiten und geduldig die Wirkungen abzuwarten“. Amen. Der Pflug dehnt Rücken und Halswirbelsäule, hilft Flexibilität zu bekommen, dehnt die Beinmuskeln (aha!) und löst Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich (und ab und an auch ein paar Zentimeter weiter drüber – in der Birne).

Ich muss jetzt dazu sagen, dass ich trotzdem immer noch mies im Kopfrechnen bin. Mein Steuerberater kann das bestätigen, der arme Knilch. Aber ich bin wirklich offener für Veränderungen geworden, positive wie auch negative. Und darauf kann man wenigstens zählen.

Wünschen, ohne zu erwarten

Die Bhagavad Gita gehört zu den prominentesten und faszinierendsten Werken der alten indischen Kultur und ist neben dem Yoga-Sutra des Patanjali das wichtigste Buch über die Yoga-Philosophie. Wie dieser Klassiker uns heute dabei helfen kann, unsere Wünsche zu erkennen und uns für ihre Erfüllung einzusetzen, darüber sprach YOGA JOURNAL mit dem indischen Yogameister R. Sriram.

YOGA JOURNAL: Sriram, Dein neues Buch heißt: „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt.“ Das klingt fast wie ein Griff in die Wundertüte. Welches Konzept verbirgt sich dahinter?
R. SRIRAM: Ein Grundkonzept der Yoga-Philosophie in Patanjalis Yoga-Sutra ist Ishvara Pranidhana (1.23). Es bedeutet, dass eine Macht existiert, die uns umgibt, dass unser Tun geschützt ist und wir aufgehoben sind in einem größeren Plan. Für unser Handeln bedeutet dies: Wir tun die Dinge, ohne dabei etwas für uns selbst zu erwarten. Es geht um das selbstlose Tun. Jeder kennt es: Wenn ich spontan einem alten Menschen über die Straße helfe, knüpfe ich daran keine Erwartung. Doch mit fast allem, was wir im Alltag tun, sind Erwartungen verbunden. Und genau da beginnt das Problem. Wir wollen den Partner, die Kinder so haben, wie wir uns das vorstellen. Und sind enttäuscht, wenn wir „hineininvestieren“ und hinterher zu wenig zurückbekommen. Das ist die Falle – deshalb werden wir so verwickelt in alles, was wir tun. Darum sind wir verärgert – oder enttäuscht oder eifersüchtig oder deprimiert oder zornig. Die Grundlehre der Bhagavad Gita besagt, dass der Mensch lernt, Taten, also Karma, auszuführen, ohne Erwartungen daran zu knüpfen. Das ist Yoga.

Erwartungen nein, Wünsche ja?
Erwartungen binden uns und machen uns unfrei. Das Wünschen hingegen ist eng verknüpft mit Kreativität, mit dem Tun – du musst aktiv werden, um deinen Wunsch zu erfüllen, und zwar mit Selbstvertrauen – du musst an dich und deinen Wunsch glauben und offen sein für das Glück.

Wie kann uns die indische Philosophie bei der Verwirklichung unserer Wünsche helfen?
Durch Anschauung, Überlegung und Eigeninitiative. Aus der Bhagavad Gita habe ich einige Slokas, also Textstellen, übersetzt und interpretiert, die das Thema „Wünsche“ beleuchten. Die indische Philosophie habe ich mit Erfahrungen aus meinem persönlichen Leben und meiner Arbeit als Yogalehrer verknüpft und untermale sie mit Fallbeispielen für bestimmte Wunschsituationen. Um die Ideen der Bhagavad Gita zu verwirklichen, bedarf es jedoch nicht nur der Inspiration durch die zitierten Textstellen, sondern auch praktischer Meditationsübungen, um in die eigene Erfahrung einzutauchen – sie geben uns Abstand zur eigenen Denkweise.

Die von dir beschriebenen Meditationsformen sind direkt anzuwendende, praktische Übungen. Welche Rolle spielt das Yoga-Sutra für die Meditation?
Im Gegensatz zum Yoga-Sutra entfalten sich die Lehren der Bhagavad Gita vor dem Hintergrund einer alltäglichen Situation. Dadurch bekommen die Anweisungen etwas äußerst Lebenspraktisches: Wir stehen vor einem Konflikt und wissen nicht, ob wir hineingehen oder ihm lieber ausweichen und ihn ignorieren sollen. In dieser Situation lehrt Krishna, der göttliche Meister, seinen Schüler Arjuna, dass er den Konflikt zwar annehmen, ihn aber auf eine yogische Weise annehmen und austra- gen soll. In der Bhagavad Gita geht es also vordergründig darum, wie Konflikte im Alltag gelöst werden können – wie man Streitigkeiten mit dem Partner, den Kindern, Kollegen oder dem Chef besser und auf yogische Weise bewältigen kann. Alles, was wir über den Weg in den Yoga-Sutren lernen können, wird vor dem praxisbezogenen Hintergrund der Bhaghavad Gita abgebildet. Insofern ist die Bhagavad Gita ein lebendiger Text, allerdings als philosophisches Werk keine so ausgeklügelte Studie über den Geist wie das Yoga-Sutra. Das Yoga- Sutra ist das komplexere System, in dem es um den persönlichen Befreiungsweg eines Menschen geht – um sein Dilemma, wie er zu mehr innerer Läuterung kommen kann.

Was hat das alles mit dem Thema „Wünsche“ zu tun?
Wenn wir Yoga machen, dann möchten wir fitter werden, frei von Schmerzen, ruhiger, freier und glücklicher. Das alles sind Wünsche. Alle Menschen haben Wünsche. Und sie sind wichtig, denn sie treiben uns im Leben an. Das Problem, das die Bhagavad Gita und das Yoga-Sutra ansprechen, sind nicht die Wünsche. Es geht darum, Raga, die Gier, abzubauen.

Worin besteht der Unterschied zwischen Wunsch und Gier?
Der reine Wunsch ist frei von Erwartungen, die Gier aber ist ganz unmittelbar an Erwartungen geknüpft. Das führt oft zu großen Missverständnissen. Wir dürfen nicht wunschlos sein, das Wünschen ist sogar notwendig für unser Leben. Wir können es uns nicht leisten, unsere Wünsche zu verbannen. Die Lösung ist, zu lernen, Wünsche zu haben, uns für sie einzusetzen und für das, was wir uns gewünscht haben, Verantwortung zu tragen. Und wir müssen darauf vertrauen, dass die Wünsche erfüllt werden. Gleichzeitig müssen wir uns von jeder Erwartung frei machen. Wünsche dir etwas, setze dich dafür ein, trage Verantwortung für das, was du dir wünschst, und vertraue dir, dass du das kannst. Und dann lass los. Lass die Erwartung los, dass der Wunsch auf eine ganz bestimmte Weise in Erfüllung gehen muss. Das sind die fünf Schritte, die ich in dem Buch in einzelnen Kapiteln und mit einzelnen meditativen Übungen beschreibe.

Wenn wir das jetzt einmal praktisch durchdeklinieren, wie sähen diese fünf Schritte aus, wenn ich mir zum Beispiel einen neuen Job suchen will?
Ich muss mich weiterbilden, vorbereiten, Bewerbungsunterlagen versenden, mein Selbstbewusstsein stärken, damit ich im Bewerbungsgespräch gut ankomme. Ich muss bereit sein, Verantwortung zu tragen. Meinem Gegenüber zeige ich, wie gut ich mich auf die neue Aufgabe vorbereitet habe, so dass er erkennt, dass ich ein verantwortungsbewusster Mitarbeiter werden kann. Doch im Bewerbungsgespräch selbst sitze ich nicht mit der Erwartung, dass ich den Job unbedingt bekommen muss. Denn dann würde ich mich verkrampfen. In der Situation lasse ich eher los, so dass mein Gegenüber das Gefühl gewinnt: Diesen Bewerber will ich haben.

Widerspricht das nicht der Gewohnheit, die wir im Westen pflegen: Uns so toll wie möglich zu präsentieren und zu zeigen, dass wir etwas haben wollen?
Das ist kein Widerspruch. Man soll sich sehr gut vorbereiten und präsentieren, außerdem Selbstbewusstsein zeigen und vermitteln dass man die Fähigkeit besitzt, Verantwortung zu tragen. Aber dabei muss man gelassen sein. Erst diese Losgelöstheit gibt einem die Ausstrahlung, dass man für den Job geeignet ist. Nur so kann man in seinem Gegenüber das Gefühl erwecken, dass er etwas versäumt, wenn er einen nicht einstellt.

Bezieht sich die Aussage, dass man, nachdem man sich von Erwartungen gelöst hat, reich beschenkt wird, darauf, dass man alles als Geschenk betrachten kann, wenn man es nicht erwartet hat?
Es ist nicht nur das. Man lernt zum einen, alles, was man bekommt, als Geschenk zu empfangen. Zudem lernt man Gelassenheit. Die Idee der Bhagavad Gita ist, dass die höchste Form des Karma-Yoga Vairagya ist: Gelassenheit, Nicht-Anhaften. Man lernt jedoch Gelassenheit nicht, indem man sagt: „Ich gebe das Fleischessen auf, das Rauchen, das Trinken usw.“ Man lernt sie dadurch, dass man von der Erwartungshaltung zurücktrittt. Alleine dadurch, dass man zunächst einmal diese Haltung lernt, wird man reich beschenkt. Zum anderen wird man beschenkt, weil man durch diese Gelassenheit empfangsbereit wird und so bewirkt, dass Wünsche in Erfüllung gehen.

Was ist mit Ehrgeiz – im Sinne von „zielstrebig einen Wunsch verfolgen“ – gemeint?
Was wir „Ziel“ nennen, ist etwas, das in der Zukunft liegt. Im Yoga, genau wie im Buddhismus, ist Achtsamkeit, also im Augenblick zu sein, die höchste Tugend. Sich auf ein Ziel zu fixieren, entfernt uns immer von der Gegenwart. Die Frage ist also: Wie können wir zielorientiert sein und dennoch in der Gegenwart? Die Bhagavad Gita sagt uns: Es ist sehr wichtig, ein klares Ziel zu haben. Aber wir haben kein Recht darauf, dieses Ziel zu erreichen. Wir haben nur die Pflicht, das, was wir im Augenblick tun, mit voller Hingabe und Kompetenz zu tun. Wenn wir ein klares Ziel haben und im Augenblick mit voller Kompetenz handeln, sollten wir davon ausgehen können, dass das Ziel für uns näher rückt. Und es kann sogar sein, dass man, während man mit großer Kompetenz und Wachsamkeit im Jetzt handelt, das Ziel immer wieder neu definiert. Ziele sind nichts Statisches.

Schlagen wir den Bogen zur Meditation. Du beschreibst Übungen, um den Atem zu beobachten. Was bedeutet der Atem für uns?
In unserer modernen Welt gibt es immer diesen Streit zwischen Kopf und Bauch. Herz und Bauch sind wichtige Meditationszentren im Körper. Die Meditationsübungen führen dahin, dass wir mehr und mehr lernen, dem Herzen zu folgen, um den Streit zwischen Kopf und Bauch in dem Sinne besser zu lösen: Wie bringen wir den Kopf ins Herz hinein? Der Atem ist ein Mittel dazu, aber auch die Beobachtung, das Beruhigen der Sinne. Die Übungen sind bewusst einfach gehalten; jeder, der sich für das Thema interessiert, kann damit üben, wie er sich der Verwirklichung seiner Wünsche nähern kann.

Wie sähe der Meditationsweg für Menschen aus, die auf dem Yoga-Weg bereits weiter sind?
Normalerweise übt man im Yoga Pranayama. Durch das Üben bekommen wir ein Gefühl dafür, für eine Weile still in einer Position zu sein. Und wir beginnen, Stille zu erfahren. In unserem Körper. In unserem Geist.

Was passiert, wenn der Geist schweigt und im Herzen ruht?
Die Worte, die der Geist bislang sprach, gingen nicht durch das Herz. All das, was der Geist jetzt flüstern mag, kommt durch das Herz. Es spricht sozusagen die Herzensstimme. Man hört die eigene innere Stimme. Und darum geht es im Yoga.

Wenn der Geist ruhig geworden ist, wer empfängt dann diese Stimme?
Im Yoga nennen wir dies den göttlichen Funken in uns Purusha. Wir können auch Seele sagen. Der Geist selbst empfängt nur die Erfahrung der Stille. Die Stimme, die erklingt, dieser innere Ton, wird von der Seele zur Kenntnis genommen. Das bedeutet, dass wir eine tiefe Antwort nur aus dieser absoluten Stille heraus erfahren. Eine Antwort, die aus der Stille kommt, aus dem Herzen, kann nie eine taktische Antwort sein. In diesem Zustand, wenn der Geist ganz ruhig ist und im Herzen weilt, vernehmen wir Antworten, die weder aus unserem Wissensschatz noch aus unserer klugen Überlegung heraus entstehen. Es ist nicht mehr Wissen, dass wir empfangen, sondern tiefe Gewissheit.

Ist diese Stille Samadhi?
Sie ist ein Moment von Samadhi. Erst, wenn er nachhaltiger ist, sprechen wir vom Samadhi-Zustand.

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R. Sriram wurde 1954 in Chennai geboren und ist Schüler von T. K. V. Desikachar. Mit 23 Jahren begann er, intensiv Yoga zu praktizieren. Er unterrichtete mehrere Jahre am renommierten Yoga-Institut KYM in Chennai, ehe er mit seiner Familie nach Deutschland zog. Hier gehört Sriram zu den Wegbereitern der Desikachar-Linie. Er hält Vorträge und Seminare im In- und Ausland und unterrichtet Ausbildungsgruppen in München, Berlin, Frankfurt, im Odenwald und immer wieder in seiner Heimat Indien. Srirams Buch „Wünsche dir alles, erwarte nichts und werde reich beschenkt: Indische Philosophie für ein erfülltes Leben“ ist im Februar 2012 im GU-Verlag erschienen.  

 

Yoga-Therapie: West-Östliche Heilung

In Berlin kursiert das Gerücht, Manuela Heider de Jahnsen könne Gelähmte wieder zum Laufen bringen. Tatsächlich nutzt die Yoga-Therapeutin „Antennen zum Himmel“ und „göttliches Mitgefühl“ als Werkzeuge. Im YOGA JOURNAL erklärt sie deren praktischen Nutzen sowie Kunst und Risiken des Yoga.

YOGA JOURNAL: Manuela, eine aktuelle Debatte dreht sich darum, dass Asanas dem Körper eher schaden als gut tun. Kann Yoga zum Risiko für den Körper werden?
MANUELA HEIDER DE JAHNSEN: Asanas, so wie Patanjali feststellt, sollen stabil und bequem sein. Wir könnten uns jetzt besserwisserisch auf den Standpunkt zurückziehen, dass das, was zu Verletzungen führt und unbequem wird, eben keine Asana war. Vielleicht fehlen uns ja einfach Leichtigkeit und Humor, wenn wir üben? Vielleicht verbleiben wir oft in unseren Mustern und üben, wenn der Geist noch im Alltag gefangen ist und uns während der Praxis Tausende von Gedanken über- rollen. Patanjali sagt außerdem: Unsere Yogapraxis muss drei Qualitäten vereinen: Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen.

Vielleicht könnte man die Ausgangsfrage anders stellen: Wer hat sich verletzt, wann, wie und warum?
Der individuell Leidende und seine Vorgeschichte stehen stets im Mittelpunkt. Oft spielt die Motivation eine Rolle. Die meisten Yogis, die ich kennenlerne, üben Asanas, weil sie an einem Punkt ihres Lebens erkannt haben, dass sie etwas verändern müssen. Sie stehen unter Druck und der Weg zum Glück wird schwieriger. Viele leiden unter Schmerzen, weil sie zu viel sitzen, zu viel arbeiten, zu ungesund leben, schlaflos wurden. In jedem Fall fühlen sie, dass sie an einem Wendepunkt sind, da sie bereits Unwohlsein oder Entfremdung verspüren. Das bringen sie mit in die Yogastunde.

Solche Spannungszustände können sich natürlich nicht in der ersten Stunde auflösen.
Nein, das braucht viel, viel Zeit und noch mehr Geduld. Anders als in den Privatstunden, die ich bevorzuge, sind die Yo- gaübenden mit diesen Beschwerden nun häufig anonym in einer Gruppe von Menschen mit ganz unterschiedlichen Möglichkeiten und Wünschen, Einschränkungen, Beschwerden und Leiden. Manchmal beschränkt sich in großen Studios die Möglichkeit, auf ein Problem aufmerksam zu machen, auf eine Spalte im Anmeldebogen, die da eigentlich nur freigelassen wurde, um versicherungstechnische Schwierigkeiten zu verhindern. Hinzu kommen Lehrer, die zum Teil sehr unerfahren sind, aber umso ehrgeiziger vorgehen.

Asanas an sich schaden dem Körper also nicht.
Nein, das übernimmt der Mensch, der sich durch falsches Verstehen, irrtümliches Verständnis der eigenen Person, drängendes Verlangen, unbegründete Abneigung und tiefsitzende Unsicherheit in seinen Möglichkeiten einschränkt. Seit Patanjalis Erklärungen zu diesen Kleshas kann man dem eigentlich nichts mehr hinzufügen.

Wer kommt in deine Praxis?
Viele Yogaschüler und -lehrer, aber auch Patienten mit wenig Yoga- und mehr körperlichem und seelischen Belastungshintergrund. Unter ihnen sind Tänzer, Schauspieler, Akrobaten, Musiker und viele Kreative, die alle enorm viel leisten und arbeiten. Weiterhin kommen Menschen, die durch ein Unglück Gliedmaßen verloren, Verbrennungen erlitten oder große Narben haben. Durch die mentale Tiefe und die extrem artifizielle Sprache, die in den Asanas verborgen ist, schafft Yoga auch seelischen Ausgleich. Rein physisch können mit Yoga aber auch leichte bis schwere Verletzungen und großflächige Vernarbungen oder Lähmungen ausgeglichen werden. Generell ist der Leidensdruck der Patienten sehr hoch. 90 Prozent gelten in der Schulmedizin als austherapiert. Sie hören Dinge wie „In zwei Jahren sitzen sie im Rollstuhl“. Aber niemand sagt ihnen, wie sie Grundlegendes verändern können! Für mich als Therapeutin entsteht durch diesen enormen Druck ein großes Geschenk. Denn diese Menschen bringen eine extreme Motivation mit.

Was sind die häufigsten Verletzungen, die dir in deiner Praxis begegnen?
Die unterscheiden sich nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern von Studio zu Studio, von Yogaschule zu Yogaschule. Ich beobachte jedoch bei Frauen einen Trend zu Hüftproblemen. Insbesondere die Stehhaltungen wie Trikonasana werden nicht sorgfältig genug unterrichtet und häufig auch während der Menstruation geübt. Wir behandeln in meiner Praxis hauptsächlich Verdickungen der Leistenbänder, die besonders bei flexiblen Frauen durch Überlastung der Leistenregion entstehen. Weiterhin finden wir akute Verletzungen wie Blockaden im IIeosakralgelenk und Schiefhals. Erstere sind zumeist eine Folge von Vorwärtsbeugen (Paschimottanasana, Janu Shirshasana, Uttansasana), die bei zu viel Enthusiasmus auch immer mal einen Hexenschuss auslösen können. Der Schiefhals (Torticollis) geht zumeist mit einer Blockade der Brustwirbelsäule einher und tritt gerne bei den Umkehrhaltungen wie Salamba Shirshasana und Shirshasana auf. Häufig ist da die Ursache ein nicht sorgfältig erarbeitetes „Sequencing“, also ein mangelndes Verständnis, in welcher Reihenfolge welche Asanas am besten geübt werden, um den Körper auf so komplexe Stressbelastungen, wie sie durch den Kopfstand entstehen, vorzubereiten. Dann kommen Meniskuseinrisse nach erzwungenen Lotussitzen vor. Die sind stark zurückgegangen – bedauerlicherweise nicht durch eine Zunahme qualifizierter Anleitungen, sondern weil der König der Asanas einfach kaum noch geübt wird! Bei allen Vinyasa-orientierten Schulen muss man noch die Schulterschmerzen erwähnen. Hier ist insbesondere ein ungleichmäßiger Muskelaufbau mit Überlastung die Ursache. Gerade bei Sprüngen von Adho Mukha Shvanasana in Chaturanga überschreiten Schüler mit zarten Gelenken oder unpräziser Sprungtechnik nach dem fünften, sechsten Sprung das Maß des guten, konzentrierten Übens. Nur noch ein Durchhalten lässt die Betroffenen weiter springen. Da würde ich als Gelenk auch nicht mitmachen wollen.

Was ist heute anders als im klassischen Yoga?
Im klassischen Indien wurde Yoga direkt vom Lehrer an die Schüler weiter gegeben. Heute sehe ich nur noch Lehrer, kaum noch Schüler! Kaum einer will mehr aufmerksam lernen, jeder weiß schon alles und jeder will unterrichten. Klassisches Yoga soll sich im geistigen Raum der Befreiung abspielen. Die Lehre des Ayurveda ist eine wichtige Methode, den Körper langfristig zu erhalten, damit der Mensch über lange Jahre Glückseligkeit erfahren und Mitgefühl spenden kann. So treten der körperliche Aspekt der Asanas und ihre Heilsamkeit anders in den Vordergrund. Die Asanas haben eine unglaubliche mentale Kraft, sie fördern die Durchhaltekraft und die Durchsetzungsfähigkeit des Menschen. Durch ihre kunstvolle statische Ausführung haben sie extreme Wirkung auf das muskel-skeletare System des Körpers und die Organe. Nicht umsonst wird im klassischen Yoga gesagt, dass die Gelenke Augen haben. Durch die Augen tritt im Alltag permament Energie nach außen. Wir müssen Techniken lernen, wie wir den Kraftverlust in den Asanas reduzieren.

Wie kann man das Verletzungsrisiko verringern?
Erneut mit Klärung, Selbstreflexion und Akzeptanz unserer Grenzen! Ich möchte alle Yogaübenden ermutigen, sich zu erlauben, diese oder jene Asana nicht mit zu üben, gut zu atmen und erst bei der nächsten Übung weiterzumachen. Sich gelegentlich aus der gruppendynamischen Situation zu lösen in sich hinein zu lauschen.

Was verstehst du als Therapeutin unter „achtsam üben“?
Für mich bedeutet dies, alle acht Glieder des Yogapfades als unumstößliche Erfahrung anzuerkennen. Daraus entwickelt sich Vertrauen in das, was ich übe, und ein Ziel ist definiert. Die Asanas stellen somit nur einen geringen Teil dessen dar, was ich vorhabe. Vertrauen zu entwickeln, bedeutet gleichzeitig, Druck abzubauen. Die Yoga-Praxis ohne Druck auszuführen, entwickelt achtsames Bewegen.

Sind dies deine eigenen Erfahrungen?
Durch einen Unfall vor zwölf Jahren bin ich körperlich eingeschränkt. Eine Glasscherbe durchtrennte meinen Fuß. Ohne achtsames Bewegen käme ich nicht einmal vom Fleck. Ich habe die Asanas als einen Weg in die Freiheit erfahren dürfen. Meine wichtigsten Lehrer und meine engsten Freunde sind dabei Pankaj Sharma und Surinder Singh. Das hat meinen Therapiestil geprägt: Wenn es bei mir geht, muss es bei anderen auch gehen. Ich muss jeden Tag an mir arbeiten.

Auch psychische Leiden sind Thema in deiner Praxis.
Grundsätzlich ist es fast egal, auf welcher Ebene Leid stattfindet. Ich behandle auch schwere chronische Traurigkeit oder das Gefühl, nicht lieben zu können oder geliebt zu werden. Häufig kann ein an seiner Familiensituation leidender Mensch nicht auf solches Mitgefühl hoffen wie ein offensichtlich körperlich Verletzter. Ich nehme jeden in seinem Bereich ernst.

Du hast deine eigene Therapieform der „Minipunktur“ entwickelt, in der du Akupunktur und Yoga-Assists verbindest. Was hat es damit auf sich?
In der Minipunktur setze ich Erfahrungen aus den Assists in Nadelarbeit um. Das Konzept dahinter ist einfache Neurologie: Nervenimpulse der Hautnerven werden schneller verarbeitet als solche der großen Skelettmuskeln. Dies entspricht auch unseren Yogaerfahrungen, wenn wir lernen, dass es drei Möglichkeiten gibt, in einer Asana zu arbeiten: über die Knochen, die Muskeln oder die Haut. Wir können so die Yogaübenden auch bei Verletzungen durch eine an- dauernde Assist-Situation in den Asanas dazu bringen, diese gesundheitsfördernd zu üben. Aber man braucht eine Menge Erfahrung, um die Bewegungmuster der Yogaübenden präzise genug studieren zu können und dann die Nadel an die exakte Stelle zu stechen. Wenn dies aber gelingt, ist es ein gewaltiges Erlebnis. Der Körper scheint sich so leicht zu öffnen!

Auch sonst kombinierst du westliche Physiotherapie und Psychologie mit Ansätzen aus der chinesischen Medizin, dem Shiatsu, dem Ayurveda und dem Yoga. Ein therapeutischer Cocktail, der für jeden den idealen Weg bereit hält?
Auf keinen Fall ein Cocktail, ich mische selten. Durch die Arbeit mit den Schülern weiß ich: Manchen hilft Akupunktur, den Yogaerfahrenen beispielsweise intensives Pranayama. Alle Systeme – die chinesischen, orientalischen, indischen, tibetischen – in einem Topf zu kochen, halte ich für einen Fehler. Damit würde man die Fülle der verschiedenen Ansätze für den Patienten reduzieren.

Gibt es auch Verknüpfungen?
Durchaus. Im 5. Jahrhundert wanderte der indische Mönch Bodhidharma nach China. Seine entscheidenden Aufenthaltsorte waren die Klöster der Shaolin-Mönche. Im medizinischen System der Shaolin gibt es die Vorstellung von den drei Brennkammern in den Körperhöhlen, in denen gewöhnliche in spirituelle Energie transformiert wird. Feuer ist hier ein zentraler Aspekt der Transformation. Diese Bewegungen von Energie finden wir auch im Bewegungsmuster von Prana, den verschiedenen Pranas und den Koshas in ayurvedischen Texten und der yogischen Lehre wieder, ebenso den Feuergedanken. Generell gibt es ja nicht den einen Taoismus oder Hinduismus. Beide bestehen aus den Lehren von Tausenden, sich zum Teil widersprechenden und bekämpfenden Schulen. Irgendwann wurden sie einfach unter einem Namen zusammengefasst, damit man überhaupt einen Ansatz in der Hand hatte, damit umzugehen – aber immer aus der Perspektive der Fremdheit heraus.

Wie kann man dies für den Westen nutzbar machen?
Auf sehr praktische Weise. In den letzten 60 Jahren hat beispielsweise die chinesische klinische Medizin in Europa eine eigenständige Entwicklung in Richtung emotionale Heilung durchgemacht. Auch Ayurveda bringt typisch indische Merkmale mit, nach denen wir offenbar Sehnsucht haben, und passt sie langsam unseren hiesigen Vorstellungen von Ordnung an – frei nach C.G. Jung: Dem westlichen Menschen ist es aufgegeben, sich das Östliche anzuempfinden. Im Ayurveda spielen Licht, Liebe und Göttlichkeit eine Rolle, auch die Berührung. Es macht einen großen Unterschied aus, ob in der Therapie mit einer Metallnadel gestochen wird oder warmes Öl auf den Patienten gegossen wird. Ein Großteil der Patienten mit bestimmten Blockaden spricht besser auf die „Antennen zum Himmel“ der Akupunktur an. Das „göttliche Ausgießen von Mitgefühl“ lässt sich gut auf einen einzelnen Körperteil anwenden, auch auf psychische Leiden. Somit finde ich es von Vorteil, wenn man beide Systeme gut kennt und voneinander trennen kann.

Du würdest Akupunktur und Ayurveda also nie vermischen?
Man kann Patienten durchaus an Akupunktur gewöhnen und einen Zugang herstellen. Beim Meniskusriss kann ich neben der Minipunktur zum Beispiel ayurvedisches Öl und Kräuter einsetzen, damit sich das Gewebe wieder aufbaut.

Welche Yogastile haben deine Arbeit inspiriert?
Ich gehe in alle Yogaschulen, übe gerne Anusara, Jivamukti und Spirit Yoga, auch Anna Trökes ist meine Lehrerin. Iyengar Yoga liefert mir das Basiswissen, ich halte es für Anatomie in Bewegung und den idealen Zugang zum lebendigen Körper in Bewegung. Ich finde, dass jeder Masseur eine Iyengar-Ausbildung machen sollte.

Nach so vielen Details nun die Grundsatzfrage: Was bedeutet Yoga im Kern für dich?
Verbindung. Das ist etwas, womit ich keinen Spaß treibe, sondern Ernst. Dieser Dimension kann ich mich in Demut nur auf wenige Prozent annähern. Was danach kommt, ist nicht nur Shanti. Im Gegenteil. Mich verwundert immer die Annahme, mit Yoga werde alles gut. Es gibt Dinge, denen wir uns dann erst recht stellen müssen. Damit wären wir wieder am therapeutischen Punkt. Mein Ansatz ist es auch, Menschen zu begleiten, wenn sie vor dem stehen, was sie eben noch mit einem fröhlichen Mantra angeträllert haben. Patrick Broome meinte einmal sehr treffend: „Wenn wir Shiva Gurave singen – wissen wir überhaupt, mit wem wir es zu tun haben? Und wollen wir das wirklich?“

Damit sind wir bei der heilenden Wirkung der Klänge.
Mitchel Bleier, ein amerikanischer Lehrer, den ich sehr schätze, sagte über das Singen von Om: „Überlegt, was ihr da tut. Tut es nicht für den äußeren Klang, sondern geht ernsthaft an diese Dinge heran.“ Sanskrit ist Medizin, das klingende Universum, und ich habe einen Heidenrespekt vor dem Intonieren von Lauten und der Namensgebung. Sie wirkt im Sinne der Veränderung. Heilen ist Veränderung.

Siehst du dich auch als Yogalehrerin?
Nein, ich bin Therapeutin. Seit ich 15 bin, übe ich Yoga. Zu dieser Zeit gab es in Berlin noch nicht viele Lehrer. Die Adressenvermittlung funktionierte über eine Art Geheimcode. Diese enthusiastische Grundeinstellung möchte ich mir behalten.

West-Östliche Heilung
Durch enge familiäre Bindungen begeisterte sich Manuela Heider de Jahnsen bereits in frühen Kinderjahren für die Welt der Akrobaten und Indiens.Neugierig auf die verschiedenen Denkweisen und Überzeugungen der Menschen auf der ganzen Welt beschäftigte sie sich intensiv mit alternativen und traditionellen Heilmethoden. „Zwar haben wir alle einen anderen Glauben, eine andere Sicht der Dinge, andere Werte, aber die Basis unserer Heilung bleibt stets übereinstimmend Vertrauen und Hoffnung“, so die Therapeutin. Aus dieser Perspektive lernte sie Yoga und Ayurveda, Meditation und Kräuterheilkunde der verschiedenen Traditionen und Länder von Tibet bis zu den Anden kennen und schätzen. Nach vielen Studien-, Lehr- und Arbeitsjahren in Südamerika, Indien und Vietnam kehrte sie nach Berlin zurück, wo sie in Mitte ihre Praxis Society of Friends betreibt.