Verkaufte Erleuchtung: Yoga ist nicht die Lösung aller Probleme

Yoga Lösung

Ich fühle mich getäuscht. Meine Yogapraxis war keine Immunität für schwierige Situationen. Dabei hätte sich Yoga doch wie eine Bannmeile um mein Leben legen sollen. Schwierigen Situationen und unangenehmen Menschen bliebe der Zutritt untersagt. Wenn ich mich in meinem Leben umschaue, dann fällt mir auf. Same same – but different. Bietet Yoga Lösung aller Probleme?

Bezüglich schwieriger Lebensumstände muss ich leider feststellen: Bislang ist der Mose-Effekt ausgeblieben. Meine Yogapraxis gleicht nicht jenem Stab, der es Mose ermöglichte, trockenen Fußes durch das Rote Meer zu waten. Ich übe Nörgelei und Enttäuschung darüber, dass ich trotz komplexer Armbalancen immer wieder mit den Untiefen des Lebens konfrontiert werde. Darin gleiche ich eher Hiob, der vom gottesfürchtigen und ehrenwerten Mitbürger zum Lamentierer mutierte. Hiob und ich haben eigentlich nichts gemeinsam. Die Geschichte des Alten Testaments zeigt aber, dass selbst die stärkste Gottesfürchtigkeit oder Yogapraxis einknicken können. Mir geht es mit Letzterem ganz oft so. Warum ist das in der Yogaszene kein wirkliches Thema?

Mit einem strahlenden Lächeln…

Liest man die Biographien von Yogis, dann handelt es sich meist um Lebensläufe. Diese bewegen sich in einer kontinuierlichen Aufwärtsspirale. Ausgangspunkt war bei vielen die Krise. Diese scheint aber ein für alle Mal überwunden. Kein Blick mehr zurück. Ganz nach dem Motto: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Alle scheinen unentwegt glücklich.

Zugegeben: In einer vollen Umkleidekabine spart man das eine oder andere weniger erfreuliche Lebensdetails aus. Wenn man von einer schmerzhaften und unlösbaren Veränderung im Leben spricht, sind die wenigsten Yogis um einen schlauen Spruch verlegen. „Das zahlt sich irgendwann einmal aus. Es ist eine Phase, die Dich weiterbringt.“ Diese Sätze höre ich zu oft, zu schnell und zu häufig. Spätestens dann habe ich das Gefühl, als hätte ich etwas wichtiges nicht verstanden. Kommt das von aufgelöster Dualität? Dass wir jede Situation und jede Schwierigkeit in ihren schönsten Farben strahlen sehen? Wenn wir unser ganzes Bewusstsein, unsere Sprache und unsere Haltung auf harmonischen Konsens bürsten, ist dann nicht zu befürchten, dass wir gegenüber den wahren Hiobsbotschaften dieser Welt abstumpfen?

Gerade in der westlichen Yogawelt herrscht die Tendenz, sich auf die freundlichen, guten und schönen Seiten des Lebens zu konzentrieren und diese zu stärken. Das kommt besonders in der Betonung der Körperlichkeit zum Ausdruck. Sicher haben die Lifestyle-Magazine ihren Teil dazu beigetragen, dass Yoga viel zu oft als reines Körperstyling vermarktet wird. Aber auch dort, wo keine Paparazzi vor den Yogastudios warten, um Stars nach ihrer Yogastunde Wasserflasche tragend abzufotografieren, fehlt mir oft die kritische Auseinandersetzung und Konfrontation mit dem Leben. Und dem Teil von Yoga, der sich nicht auf die Körperlichkeit konzentriert. Warum geben wir uns konstant dem Kraftakt hin, mit jedem und allem um uns herum im Einklang sein zu müssen und dabei noch gut aussehen zu wollen? Das hat beinahe schon „Klum“esque Züge.

Ich kann nichts dafür, es ist mein Gehirn!

Ich weiß, dass es ein Wiederspruch ist, aber wenn ich tatsächlich einmal einen meiner Yogalehrer jammern höre, bin ich verunsichert. Mein geschätzter Lehrer, meine geliebte Lehrerin schienen immer über allem zu stehen. Aber sind sie auch nur ein Mensch mit den üblichen weltlichen Problemen? Also: Ärger mit dem Finanzamt, mit dem Arbeitgeber. Probleme in der Partnerschaft oder verhaftet in einem lähmenden Verhaltensmuster mit einer eingebauten Rewind-Taste. Bietet dabei Yoga Lösung? Warum scheint der Graben zwischen yogischer Erkenntnis und richtigem Handeln so unüberwindbar groß?

Auf der Suche nach einer Erklärung gibt die Neurodidaktik aufschlussreiche Hinweise. Eines wird dabei sofort klar. Wir haben es mit einem starken Gegner zu tun. Nämlich unserem Gehirn. Die Neurodidaktik führt verschiedene Ansätze didaktischer und pädagogischer Konzepte mit Erkenntnissen der Neurowissenschaften zusammen. Insbesondere aus der Hirnforschung. Ob wir eine Erkenntnis in die Tat umsetzen und uns dafür auf den steinigen Weg des Umdenkens begeben, hängt davon ab, wie attraktiv uns ein Lernprozess erscheint. Was wir lernen oder nicht, ist multifaktoriell bedingt. Manche Faktoren können wir nicht beeinflussen. Etwa die Motivation und Glaubhaftigkeit unserer Lehrer, den kognitiven und emotionalen Lernvorraussetzung und dem Umfeld, in dem wir aufwachsen und leben.

Am Ende untersteht der Lernprozess aber dem Profanen, und weniger den höheren Werten. Ob wir wirklich bereit sind, etwas Neues zu lernen, hängt davon ab, ob das Gelernte auch belohnt wird. Folgendes Beispiel soll diesen Mechanismus erklären. Ich habe einmal von der folgenden Antwort des Musikers Billy Joel in einem Interview gehört. Warum wollte er unbedingt Klavier spielen lernen wollte? „Um die Mädchen zu beeindrucken.“ Zu Highschool-Zeiten konnte Joel nämlich mit den sportlichen Football- und Basketballspielern nicht mithalten. Er hatte aber festgestellt, dass Frauen ganz hingerissen waren, wenn man für sie Klavier spielte. Auf jeder Party, die ein Klavier zur Verfügung hatte, stand er fortan im Mittelpunkt. Das Piano war umringt von den Schönheiten seiner Schule, die schmachtend sein Spiel verfolgten.

Eine Lernsituation muss dem Lernenden attraktiv vorkommen. Das Gehirn reagiert auf extrinsische Belohnungen. Setzen wir uns aber mit Yogaphilosophie auseinander. Man stellt fest, dass Yoga von einer Tugend getragen wird, die auf Innerlichkeit setzt. Und wer applaudiert mir denn, wenn ich es schaffe, beim Anblick des Briefes vom Finanzamt ruhig und gelassen zu bleiben oder ich bei der Aufforderung zur Steuernachzahlung nicht in Panik gerate? Wer klopft mir auf die Schulter, wenn ich in der heißen Phase einer Diskussion gelassen abwarte und nicht darauf abziele, am Ende die besseren Argumente vorzuweisen? Habe ich die Kraft, mir ständig meine eigene Schulterklopferin zu sein? Ein schrecklicher Gedanke!

Die westliche Yogawelt geht widersprüchlich mit den yogischen Erkenntnissen um. Das ist nicht zu übersehen. Einerseits werden auf jedem Yogaflyer innere Qualitäten wie Ruhe und Gelassenheit hervorgehoben. Zusätzlich setzt die Yogakultur genau wie alle anderen auf schicke Yogaklamotten, einen schlanken Körper und eine gewisse Ästhetik bei der Einrichtung der Studios. Diese erinnern vielerorts eher an hippe Lounges. Werden uns die yogischen Tugenden also Anreiz genug sein, dass wir uns mit aller Wucht gegen alte Handlungsmuster stemmen? Auch, wenn uns eine Belohnung im konventionellen Rahmen eventuell verwehrt bleibt? Unser Gehirn entscheidet.

Yoga Lösung nur bei Erwerbstätigkeit?

Im Herbst 2008 auf der Brooklyn Bridge geriet ich in den berühmten Avon Walk gegen Brustkrebs. Tausende Frauen mit glühenden Gesichtern und entschlossenem Marschschritt brachten die Brücke beinahe zum Erbeben. Sie trugen T-Shirts mit Aufschriften wie „We will win the war against breast cancer“. Oder „Fight breast cancer“. Am Ende auf der Manhattan-Seite angekommen, war der Strom der Aktivistinnen noch nicht schwächer geworden. Unter diesen gefühlten zehntausend Frauen befanden sich exakt zwei Frauen of Color Herkunft. Ich war in eine Veranstaltung geraten, die vorgab, sich mit allen Frauen in den USA zu solidarisieren. Aber sie hatte es nicht geschafft, die nicht-weiße Bevölkerung mit ins Boot zu holen.

Genau das gleiche Bild liefert mir die urbane Yogaszene, zumindest in Deutschland. Von außen betrachtet suggeriert dieser Zirkel, dass jeder willkommen ist. Dass in Yogastudios Gegensätze  – auch soziale – überwunden werden. Für Gleichheit im Yoga gibt es aber weit und breit noch keinen Beweis. Die Eintrittspreise zur Yogastunde können sich nur wenige leisten. 10er-Karten, Halbjahres-Abos, Workshops oder gar Retreats. Alles ist kostspielig und setzt einen monetären Spielraum voraus. Der durchschnittliche Yogi ist weitgereist, mehrsprachig, gesundheitsbewusst und verfügt über ein regelmäßiges Einkommen. Also muss sich die Yoga-Community Fragen stellen. Setzt das Erlernen von Spiritualität eine Erwerbstätigkeit über dem Hartz IV-Niveau voraus? Dringt Yoga zu den Außenrändern der Gesellschaft vor? Oder hören wir sein Echo nur in bessergestellten Vierteln?

Momentan muss ich feststellen: Wir Yogis bleiben unter uns. Yoga verbindet Gleichgesinnte mit unterschiedlichen Persönlichkeiten. Das große Ziel ist jedoch, die Auflösung des Dualismus. Das beschränkt sich bislang bei viel zu vielen Yogis auf das Private. Denn immer noch hält sich hartnäckig eine Vorstellung. Yoga wird eben noch nicht gesellschaftsübergreifend praktiziert. Diese „guten Vibes“ täuschen über die Realität hinweg. Für die Weiterentwicklung des Yoga brauchen wir LehrerInnen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Natürlich sind Lebensläufe immer hochindividuell. Allerdings sind sich die Eckdaten der yogischen Hauptklientel bisher bezüglich Herkunft und Bildung zu ähnlich.

Feige, dreckig und gemein. Auch ein Teil von mir, trotz der scheibaren Yoga Lösung.

Die Öffnung hin zur Außenwelt geht neuerdings zum Glück voran. Viele Yogastudios bieten Yogaklassen auf Spendenbasis an. Organisationen wie „Off the Matt into the World“ möchten die Qualitäten, die Yoga in uns weckt, in Aktivismus umsetzen. Ein großer Schritt ist getan, Yoga allen zugänglich zu machen. Auch denen, die nicht zum üblichen Klientel gehören.

Es gibt aber immer wieder Tage, an der Yoga Lösung zweifeln werde. Natürlich ist mir bewusst, dass alles in meiner Hand liegt und Yoga nur das Werkzeug ist. Doch beim Lesen der verheißungsvollen Botschaften der Yogaszene vergesse ich das manchmal. Für mich persönlich bedarf eines regelmäßigen Abgleichs meiner Vorstellung von Yoga und der Wirklichkeit. Denn wie ein Schaf hinter einer Lehre her zu trotten ist gefährlich. Wir können viel mehr sein als nur Schafe, um es mit einem Gary-Larson-Comic auszudrücken.

Mehr zum Thema spiritueller Aktivismus als Yoga Lösung gibt’s hier.

Mit Yoga akzeptierte ich meinen Skeptizismus als eine nötige Triebkraft in meinem Leben. Die Liebe zum Hinterfragen und Anzweifeln schleift Pranayama nicht ab. Zweifellos hilft mir Yoga dabei, das Unangenehme besser zu ertragen. Oder die richtigen Fragen zu stellen. Am Ende des Tages rolle ich auch während persönlicher Krisenzeiten immer meine Yogamatte aus. Machen wir uns nichts vor. Außer dem Duft meines Kindes, einem regelmäßigem Einkommen, Antibiotika zum richtigen Zeitpunkt und den Simpsons, ist ein Satz Sonnengrüße für mein Wohlbefinden unschlagbar.


Über die Autorin! Diana Krebs arbeitet als freie Texterin in Berlin. Das Foto von Yan Krukov von Pexels.

Das Mantra der Transformation: N°11

Om asatoma sat gamaya

Der Bayer sagt „ja gemma“ und meint damit „ja gehen wir“. Der Brahmane sagt „gamaya“ und meint energetisch das Gleiche. „Gam“ ist die Keimsilbe Ganeshas. Dieser wird um Segen gebeten, wenn etwas Neues beginnt. „Om asatoma sat gamaya“, das Mantra der Transformation, ist die Bitte, dass Negatives gehen und Positives kommen möge. „Von der Unwirklichkeit führe uns zur Wirklichkeit, von der Dunkelheit ins Licht und vom Tod zum ewigen Leben.“

Das Singen oder Rezitieren von „Om asatoma sat gamaya“ eignet sich sowohl für den täglichen Gebrauch, beispielsweise am Ende einer Yogastunde, als auch als Kraftspender in schwierigen Situationen. Als die Mutter einer Freundin im Sterben lag, setzte ich mich neben ihr Bett und rezitierte leise 108 Mal dieses Mantra. Auch wenn Sie bereits abwesend war, so spürte ich dennoch eine positive Resonanz. Außerdem wurde die Angst der Tochter gemildert. War sie vorher wie erstarrt auf dem Balkon gesessen, kam sie jetzt in das Zimmer und konnte in der letzten Stunde ganz bei ihrer Mutter sein.


Philipp Stegmüller ist Leiter von Kirtan- und Bhaja-Veranstaltungen. Mehr Infos unter www.mantra-singing-circle.de. 05 – 2011


Foto von Karl Solano von Pexels

Jetzt am Kiosk: Die November–Dezember Ausgabe

Musik und Stille: „Je stiller du wirst, desto klarer kannst du hören“, lautet ein Zitat von Rumi. Tatsächlich hängen Klang und Stille untrennbar zusammen: Nur durch die Pausen zwischen den Noten kann schließlich eine Melodie entstehen…

Erneut haben wir eine Ausgabe dem großen Thema Musik gewidmet: Mit diesem Heft erhalten Sie eine neue „Yogi Beats“-CD – bereits die sechste! Beliebte Kirtan-Sänger, aber auch berühmte Musiker wie Heather Nova haben uns ihre Lieblingslieder zur Verfügung gestellt, aus denen wir eine Playlist für Ihre Yogastunden und für Zuhause erstellt haben. Vielleicht mögen Sie ja mitsingen? Heather Nova meint im Interview: „Ich finde eine schöne Stimme überhaupt nicht wichtig – siehe Bob Dylan! Es zählt, die eigene Stimme zu finden.“

Die eigene Stimme finden – eine wunderschöne Aufgabe für einen Yogi. Auch in dieser Ausgabe haben uns wieder viele Yogis zum Nachdenken gebracht: Christiane Paul mit ihrer Meinung („Man muss keiner Norm entsprechen, um Tolles zu leisten“); Michi Kern mit seinem Engagement (er setzt sich in seiner Kolumne für die Rechte der Tiere ein) und zwei Yogalehrerinnen im Nahen Osten mit ihrem Mut im Ringen um Frieden („Yoga in Zeiten des Krieges“).

Letztlich geht es neben Stimme, Ausdruck und Handeln im Yoga aber immer auch um die Stille zwischen den Tönen. Der Achtsamkeitslehrer Lienhard Valentin spricht über Meditation als innere Quelle der Kraft und Ralf Sturm schreibt in „Lernen von den Göttern“: „Klar, irgendwann müssen wir handeln. Aber wir dürfen die Zeiten der Pause und der Ruhe nicht vergessen. Sie geben uns die Gelassenheit, wieder weiter nach vorne zu gehen.“

Also gönnen Sie sich doch einfach eine Pause – für Yoga, zum Lesen, zum Zuhören, zum Entspannen!

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.
Ihre YOGA JOURNAL-Redaktion

Titelthemen:

  • CD: YOGI BEATS – THE SOUND OF YOGA // CD Nr. 6 (10 Songs für die Yoga-Praxis und Künstlerporträts)
  • Artikel über die Wirkung von Klang/Musik im Yoga
  • Übungsstrecken für Balance und mehr Kraft: Hüftöffner und Armbalancen
  • Flying Bodywork mit 10 Haltungen
  • Inspiration/Philosophie: Über Mitgefühl und Empathie
  • City-Trip Basel
  • Ernährung: Warme Wintersalate
  • Interview: Christiane Paul über Körpergefühl und bewusstes Leben
  • Interview mit Heather Nova: „Ich will nicht perfekt sein“

Sie können die YOGA JOURNAL Ausgabe von November und Dezember 2014 (#36) bequem und versandkostenfrei für nur 5,50 Euro (inkl. Yogi Beats CD Nr. 6) in unserem Wellmedia-Shop bestellen. Hier klicken.

Mantra für Zufriedenheit: N°10

Ehrerbietung an die Kraft von Sri, die große Göttin Lakshmi

Om shrim mahalakshmyai namah

Stellen Sie sich eine Lotusblume vor, die in schlammigen Gewässern blüht und gedeiht. Indem Sie dieses Mantra sprechen, können Sie die selbe Fülle an Schönheit in Ihrem Leben heraufbeschwören. Dieses Mantra feiert die Kraft von Sri in Form der Hindu-Göttin Lakshmi. „Sri“ ist ein wichtiges Konzept im Yoga und der tantrischen Philosophie. Der Begriff steht gleichermaßen für Erfolg, Eleganz, Strahlungskraft und Heiligkeit. Lakshmi ist die göttliche Verkörperung all dieser Qualitäten.

Dieses Mantra ist Lakshmi als Inbegriff alles Göttlichen in uns selbst und in allen Geschöpfen gewidmet. Wer die Kraft von Lakshmi in sich erkennt, findet Zufriedenheit unabhängig von äußeren Umständen. Sie werden sich weniger habgierig fühlen und dankbar sein für das, was Sie umgibt. Als Verkörperung von Sri lehrt uns Lakshmi, durch das innere Gefühl der Genugtuung Erfolg im äußeren Leben zu erfahren – und nicht umgekehrt. Unabhängig davon, wie viel Zeit, Geld und Liebe Ihnen zur Verfügung steht, Sie werden nie Genugtuung verspüren, solange Sie nicht Sri in sich erwecken und ehren.

Beginnen Sie Ihre Praxis mit stillem Sitzen. Wiederholen Sie das Mantra in sanftem Ton immer wieder, während Sie die Kraft von Sri in sich spüren. Vertrauen Sie auf Ihre Fähigkeit, sich Sri in Ihnen bewusst zu machen und lassen Sie negative Gefühle und Zweifel hinter sich.


Foto von Oleg Magni von Pexels

Mark Whitwell über sein Mantra und Mutter Erde

Wir haben den geborenen Neuseeländer Mark Whitwell zum Kurzinterview getroffen und mit ihm über die zeitlosen Prinzipien des Yoga gesprochen. Er ist nicht nur hierzulande ein gern gesehener Lehrer, sondern erfreut sich weltweiter Beliebtheit. 

Mark Whitwell Munich Sessions 2014Name: Mark Whitwell
Ort: Fiji-Inseln und Los Angeles
Stil/Tradition: Yoga (Es gibt nur ein Yoga!)
Meine Lehrer: Krishnamacharya und Krishnamurti
Mein Mantra: Lachen und Vogelgesang
Website: www.heartofyoga.com

Mark, Herz-Yoga ist dein Motto und der Titel eines deiner Bücher. Hast du in den letzten Jahren in der Yogawelt eine Veränderung der Praxis zum Herzen hin bemerkt?
Ja, das habe ich tatsächlich – und zwar bei denjenigen, die das Glück haben, die Prinzipien meines Lehrers Krishnamacharya in ihre Praxis, ihr Wissen und ihr Leben integrieren zu können. Das lässt ihre Praxis effizient, kraftvoll und sicher werden. Sie begreifen, dass es beim Ausführen der Asanas darum geht, Gegensätze wie Ein- und Ausatmung oder die weibliche und männliche Lebenskraft zu vereinen. Die Vereinigung der Gegensätze offenbart die dahinterliegende Quelle aller Gegensätze und des Herzens.

Und worum geht es in deinem neuesten Buch?
Mein neues Buch „The Promise“ ist nicht nur für Yogis gedacht. Ich habe es geschrieben, damit jeder auf einfachste Weise ein Verständnis für die Methoden der großen Traditionen entwickeln kann. Zudem definiere ich darin, was Yoga tatsächlich ist und warum wir es praktizieren sollten. Ich möchte zeigen, wie leicht es wirklich für jeden ist, Yoga in der Art zu praktizieren, die für seine jeweilige Körperform, sein Alter, seinen Gesundheitszustand und seinen kulturellen Hintergrund angemessen ist. „The Promise“ erklärt ausführlich, dass die Yogapraxis Intimität mit dem Leben bedeutet und greift dabei Intimität jeglicher Art, auch sexueller Natur, auf.

Du bist ein Weltreisender. Wo ist dein Lieblingsplatz?
Mutter Erde ist mein Lieblingsplatz. Auf der Welt ist es überall außerordentlich schön, denn die Natur der Welt ist die Schönheit selbst – und das sind wiederum wir. Zuhause fühle ich mich auf den Fiji-Inseln, denn der Lebensraum ist hier noch sehr natürlich und bietet Platz für die Entfaltung vieler indigener Stämme. Ich liebe aber auch Deutschland, denn dort gehen die Menschen sehr in die Tiefe und sind aufrichtig.

Dein Unterrichtsstil ist sehr individuell. Was können deine Schüler von dir lernen?
Bei mir lernen die Schüler, wie sie Yoga an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen können. Mein Guru würde sagen: „Passe Yoga an das Individuum an, nicht das Individuum an Yoga“. Das ist wichtig!

Welchen Kurs wirst du bei den MUNICH SESSIONS (Anm. d. Red. Veranstaltung vorbei) unterrichten und weshalb?
In München werde ich die essenziellen Prinzipien von Krishnamacharya unterrichten, wie sie in meinem Buch „Herz-Yoga“ beschrieben sind. Ich werde außerdem das Thema meines neuen Buches „The Promise“ vorstellen. Wir werden viel üben, so dass jeder weiß, wie er Freunde und Familie in Yoga unterrichten kann. Yoga muss in alle Welt verbreitet werden – als  verbindendes Prinzip aller Kulturen und Menschen in der EINEN Innigkeit mit dem Leben, die wir alle teilen.

Von der Kommune in den Ashram

Für den Dokumentarfilm „Good Luck Finding Yourself“, reisten die 1968er-Ikonen Jutta Winkelmann (†23.02.17) und Rainer Langhans nach Indien. Aus einer Extremsituation ihres Lebens entwickelte sich eine spirituelle Suche. 2014 haben wir die beiden zu einem exklusiven Interview getroffen. 

Eine Gruppe älterer Herrschaften reist nach Indien, besucht Sehenswürdigkeiten und Pilgerstätten, ist gesundheitlich fragil und hat mit dem gruppendynamischen Prozess zu kämpfen. Eine ganz normale touristische Erscheinung, würde es sich bei den Protagonisten des Dokumentarfilms „Good Luck Finding Yourself“ nicht um ehemalige Revolutionäre handeln: Jutta Winkelmann, Brigitte Streubel, Christa Ritter und allen voran Rainer Langhans sind legendäre Vertreter einer Idee, die im kollektiven Verständnis mit einer einzigen Jahreszahl beschrieben wird: 1968.

Im Zentrum steht Jutta Winkelmann, die mit ihrer Schwester Gisela Getty für den freiheitlichen Aufbruch und exzessiven Lebensstil dieser Zeit steht. Als „Sirenen der 68er-Revolte“ bezeichnete der „Spiegel“ die aufrührerische Version der Kessler-Zwillinge. Zu den Berühmtheiten, mit denen die Schwestern Kontakt hatten, gehörten Bob Dylan, Leonard Cohen, Patti Smith, Mick Jagger, Dennis Hopper und der Milliardärssohn John Paul Getty III, den Gisela heiratete und dessen Leben von Drogensucht und einer spektakulären, bis heute ungeklärten Entführung überschattet wurde. Sex, Drugs & Rock’n’Roll bestimmten Jutta Winkelmanns Leben, bis sie in den 1970er-Jahren Rainer Langhans begegnete und in München Gründungsmitglied der heute als „Harem“ geläufigen experimentellen Lebensgemeinschaft wurde.
Anlass für ihren im Film dokumentierten Aufbruch nach Indien ist ihre schwere Krebserkrankung, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten lautet die Diagnose „unheilbar“. Mit dieser Krankheit geht Winkelmann gnadenlos um: „Krebs ist Ich-Schwäche, Selbstverleugnung, Autoritätshörigkeit, nicht sein eigenes Leben zu leben und dadurch ständige Überlastung“, schreibt sie auf ihrem Blog. „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ – diesem Revoluzzer-Slogan gibt Jutta Winkelmann im Film ihres Sohnes Severin Winzenburg eine spirituelle Note.
Beim Treffen in einem Münchner Café dann die Begegnung mit einer vor Lebenskraft sprühenden Persönlichkeit und die Erleichterung: Es geht ihr gut! Unmittelbar nach der Reise hat sie einen Lehrer aus Indien gefunden, mit dem sie fortführen kann, was die Reise auslöste.

YOGA JOURNAL: Jutta, in „Good Luck Finding Yourself“ sprechen Sie mit Rainer Langhans einmal über Autorität. Im Rahmen der 1968er-Bewegung haben Sie diese radikal abgelehnt, der Film begleitet Sie jedoch auf der Suche nach einem spirituellen Meister.
Jutta Winkelmann: Ich suchte nach natürlicher Autorität, deren reine Form man sofort spürt. Für mich kommt sie nicht von jemandem, der dir sagt, was du tun musst, sondern beispielsweise von einem Freund, der Hinweise gibt, es dem anderen aber überlässt, was er nehmen will. Die Variante „du sollst und du musst“, die uns so sehr in unseren deutschen Knochen steckt, konnte unsere Generation nie akzeptieren. „Question authority!“ hat mein alter Freund Timothy Leary gesagt. Und eine gute Autorität lässt sich diese Fragen auch stellen.

Was hat die Reise nach Indien rückblickend bei Ihnen ausgelöst?
Es war eine intensive Reise nach Innen. Natürlich habe ich auch im Außen alles abgegrast – in Ashrams meditiert, in Varanasi Verbrennungszeremonien erlebt, im Ganges gebadet. Ich bin einen Weg des Wissens gegangen, auf dem ich mich fragte: Wer bin ich wirklich? Bin ich diese Jutta, die in Indien herumrennt, oder gibt es da etwas Göttliches in mir, die absolute, reine Seele? Das Wissen darüber, das auf einem solchen Weg allmählich entstehen kann, muss nicht auf einen Lehrer projiziert sein, sondern ist in dir.

Warum Indien?
Auf Sinnsuche durch Indien – was für ein Klischee eigentlich! Als Rainer und mein Sohn Severin mit ihrer Filmidee kamen, spürte ich gleich, dass dieses gleichzeitig schönste und schrecklichste Land für mich der richtige Ort ist, ausgehend vom nahenden Ende meines Lebens ein neues zu beginnen. Also habe ich mich entschlossen, ganz laut aufzuschreien, alles niederzuschreiben, mich filmen zu lassen und den Menschen zu sagen: Das mit dem Sterben ist nicht so einfach. Schaut es euch ganz intensiv an!

Das Gegenteil eines stillen, in sich gekehrten Rückzugs.
Und das Gegenteil von heilig. Ich musste erst ganz ans Ende kommen und viel Wut spüren, was man ja auch im Film sieht. Das Ego macht sich immer zu schnell etwas vor. Aber während ein Teil in die Luft geht, kann der andere es beobachten. Den sehenden Teil zu verstärken, sehe ich als wichtigen Teil des Prozesses. Ich merke nun bereits ein bisschen, dass meine Identifikation mit dem Körper abnimmt, oder vielmehr die Gedanken, die diese Identifikation schaffen. Es gibt da eine wichtigere Instanz.

Es ist Ihnen ein Anliegen, Ihre Erkrankung und die Suche nach Heilung öffentlich zu machen.
Mein Leben war immer sehr öffentlich, das lag im Geist unserer außergewöhnlichen Zeit. Mit meiner Zwillingsschwester Gisela Getty habe ich ein sehr abenteuerliches Leben geführt und viele Welten gesehen. Es geht ja auch weiter, aber auf inneren Pfaden. Als ich vor 40 Jahren Rainer begegnet bin, bekam ich die Möglichkeit, meine Grenzen jenseits der LSD-Erfahrungen zu erweitern. Meine Krankheit ist nun der Durchlauferhitzer zur Erleuchtung. Es ist endgültig Schluss mit Party, aber ich habe ja auch von allem genug gehabt. Was will ich, was kann ich noch wollen? Mit einem Wort: Befreiung.

In ihrer Gemeinschaft mit Rainer sind die intellektuellen, spirituellen und sinnlichen Elemente anders verteilt als in konventionellen Beziehungen. Zudem „teilen“ Sie ihn mit anderen Frauen. Auf welche Weise funktioniert dieses Modell für Sie?
Ein Viertel Rainer reicht mir völlig. Wir sind ja entgegen der Fantasien, die die Bezeichnung „Harem“ immer auslöst, vor allem geistig-seelisch verbunden. Wir sind alle eng befreundet, aber auch eingefleischte Individualisten. Für mich ist derzeit die Verabredung mit dem großen Selbst in mir das Wichtigste. Von allem anderen muss ich mich ohnehin schnellstens lösen.


Die inneren Institutionen

Rainer Langhans InterviewDie Revolution war für ihn immer Privatsache: Vorzeige-Kommunarde Rainer Langhans über den Weg von 1968 nach 2014 – und darüber hinaus.

Mythos 1968: Sie haben die Ereignisse dieser Zeit einmal als „Erleuchtungsschub“ bezeichnet.
Bislang konnte noch niemand wirklich definieren, was rund um das Jahr 1968 wirklich passiert ist. Ich nenne es eine Art globale Ekstase, die jedoch nur sehr unterschiedlich von den Menschen angenommen werden konnte. Teilbereiche wie die Studenten-, Hippie- oder Frauenbewegung, die daraus entstanden sind, empfinde ich lediglich als Ableitungen eines viel größeren Geschehens, das wir mit unserem damaligen Hintergrund einer total unspirituellen Kultur nicht fassen konnten. In unserer Geschichte gab es nichts, was uns beim Umgang mit dieser überwältigenden Erfahrung helfen konnte. Wir haben uns unsere Inspiration aus anderen Sinnsystemen geholt, „ex oriente lux“. Dort haben sich die Dinge weiterentwickelt, bei uns nur der materielle Luxus.

Welche spirituellen Prinzipien haben Sie in der Kommune und später angesprochen?
Spätestens 1968 wussten wir aus der Erfahrung des Nationalsozia­lismus: Unsere bisherige Kultur ist nicht mehr bindend, sondern muss sich von innen heraus ändern. Wir brauchen einen neuen Menschen. „Make love, not war!“ Aber wie macht man das? Die Materialisten dachten natürlich sofort an Sex und haben uns darauf reduziert. Wir, die wir uns zur Kommune 1 verdichteten, dachten an wirkliche Liebe, hatten davon aber keine Ahnung. Unsere Prinzi­pien waren leidenschaftliches Interesse an uns selbst, kein Besitz, alles Teilen und alles Mitteilen. Wir haben unheimlich viel geredet: Über die Revolutionierung des Alltags, des Unbewussten. Wir sind nach innen gegangen, ohne Anleitung oder spirituellen Meister, weil uns zunächst niemand eingefallen ist, der uns hätte helfen können. Wir waren unsere eigenen Meister. Wir sahen aus wie Hippies und wurden von den Leuten auch so genannt, waren aber keinesfalls Aussteiger, die sich in die Natur zurückzogen. Wir waren politisch tätig und wollten den Menschen zeigen, wie sie wirklich sind. Die Kommune war eine Form von Ashram, allerdings nicht im Sinne von Rückzug, sondern aktiv nach außen gewandt. Aus dieser Art von Gemeinschaft entstanden Gedanken, die bis heute weitergehen und auf denen unter anderem die Idee des Internet beruht – ein globales, geistiges Netz, das uns alle vereint.

… das aber durchaus als Macht-, Kontroll- und kapitalistisches Instrument benutzt werden kann.
Das Missverständnis ist immer, dass wir sofort das Paradies haben wollen. Auch wir waren 1968 entsetzt, dass nicht alle gleich vom Kommunengedanken und der Idee des neuen Menschen begeistert waren. Aber natürlich muss alles erst einmal wachsen. Nach dem Supertrip tritt zunächst alles Böse an die Oberfläche, das kennen wir aus der persönlichen Erfahrung von jemandem, der nach innen geht. Zuerst kommst du in die Hölle, die immer da war. Das erkennst du, weil du das andere auch siehst und als Folie nehmen kannst. Diese Dunkelheit kannst du mit innerer Arbeit in Licht verwandeln. Das spielt eine Rolle in der persönlichen Entwicklung, innerhalb von Gruppen bis hin zu ganzen Völkern. Rudi Dutschke wollte den Marsch durch die Institutionen, ich meine die inneren Institutionen. Es braucht Zeit, um mit radikal Neuem umgehen zu lernen.

In „Good Luck Finding Yourself“ begleiten Sie Jutta Winkelmann, die aufgrund ihrer Krankheit durch die Hölle geht und dadurch einen neuen Weg für ihr Leben sucht. Beschleunigt sich der Weg nach innen, wenn der Körper Amok läuft?
Was man zunächst als Hölle empfindet, ist ein geschärfter Blick auf die Realität. Ich verstehe Juttas Krebs als Liebeswelle, die sie extrem stark überschwemmt und ihr aufträgt, die Aufmerksamkeit auf den Körper zu reduzieren und den Geist zu erfahren. Natürlich ist das mehr als schwer. Mir war von Anfang an klar, dass wir nicht nett ins spirituelle Paradies rollen, sondern uns anspruchsvollen gruppendynamischen Prozessen stellen würden. Indien ist innen.

„Ich möchte im Alter nicht jung bleiben, sondern jung werden“, lautet ein Zitat von Ihnen. Verjüngt der spirituelle Weg?
Ich finde, dass ich immer jünger werde. Vorher war ich alt und böse. Jetzt geht es mir besser. Ich werde immer glücklicher.


Rainer Langhans InterviewAufrührer, Gesellschaftskritiker, Kommunarde, Veganer, „Harems“-Hüter, „Dschungelcamp“-Bewohner: Als öffentliche Person hat Rainer Langhans viele Gesichter. Seit Jahrzehnten ist ihm allerdings der innere Weg am wichtigsten. 1972 erlebte er durch den indischen Meister Kirpal Singh die Initiation in Surat Shabd Yoga. Seither widmet sich Langhans intensiv der Meditation und der Theorie der Spiritualität. Der Dokumentarfilm „Good Luck Finding Yourself“ von Severin Winzenburg lief 2014 in den Kinos.

Das neue Standardwerk für Yogalehrer?

Jedem Yogi seine Sequenz: Wenn man sich inzwischen an jeder Ecke so ausgefallene Wünsche wie „Soja-Cappuccino mit Haselnusssirup, wenig Schaum und Caramel-Topping“ erfüllen kann, dann sollte es auch ein Yogabuch geben, das den speziellen Bedürfnissen oder Interessen des Einzelnen gerecht wird. Gibt es jetzt auch: Mark Stephens beschreibt und bebildert in 65 Übungsfolgen, wie kreativ und individuell Yogaunterricht sein kann. Für Schwangere etwa gibt es mehrere spezielle Sequenzen und eine Übungsfolge wendet sich gezielt an Yoganeulinge im ersten Trimester. Aber es werden nicht nur Sequenzen für die verschiedenen Lebensabschnitte oder Chakras beleuchtet. Der renommierte Yogalehrer Mark Stephens geht auch ausführlich auf die Frage ein, wie man als Yogalehrer eine themenbezogene Stunde gestaltet. Richtiges Sequenzieren will sowohl gelernt als auch durchdacht sein. Und das macht es zu einer Wissenschaft. Punktabzug gibt es allerdings für die doch sehr einfache grafische Gestaltung der Buchseiten. (Laura Hirch)

FAZIT // Könnte schon bald das neue Standardwerk für Yogalehrer sein. 

„Yoga-Workouts gestalten“ von Mark Stephens, Riva Verlag, ca. 25 Euro

Danny Paradise über Weisheit, Wurzeln und seine Workshops

Wir haben den international bekannten Ashtanga Yoga-Lehrer Danny Paradise zum Kurzinterview getroffen und mit ihm über Yoga und Schamanismus gesprochen.

Danny Paradise Yoga Munich SessionsName: Danny Paradise
Ort: Überall auf der Welt zuhause
Stil/Tradition: Ashtanga Yoga und die Verbindung von Yoga mit Schamanismus
Meine Lehrer: Die Natur! Gaia ist die beste Lehrerin. Meine ersten Ashtanga-Yogalehrer waren David Williams, Nancy Gilgoff und später Sri K. Pattabhi Jois. Meine Philosophielehrer waren Krishnamurti, Cliff Barber und die Schamanen des Amazonas
Mein Mantra: „Du bist dein eigener Lehrer!“
Website: www.dannyparadise.com

Danny, weshalb unterrichtest du Yoga?
Weil ich Einladungen zum Unterrichten erhalte (lacht). Ich liebe es, meine Sichtweise und Erfahrungen weitergeben zu dürfen. Es ist ein großes Privileg, um die Welt zu reisen und überall Menschen kennenzulernen, die an Freiheit, Selbstverantwortung, Stärkung und Selbstheilung interessiert sind. Diese uralten Praktiken führen Menschen zu einem höheren Bewusstsein und inspirieren sie zugleich, ihren ureigenen Traum zu entdecken und in die Tat umzusetzen. Yoga ist ein Werkzeug, um mit Klarheit, Vitalität und Anmut zu altern und um sich dem Übergang in eine andere Welt mit Frieden und Akzeptanz zu nähern. Ich beobachte das auf der ganzen Welt – und es ist eine schöne und lohnende Erfahrung für mich.

Du kombinierst Yoga mit Schamanismus. Ist das nicht recht ungewöhnlich?
Yogis waren Schamanen – und sind es noch. Das Wort „Schamane“ könnte seinen Ursprung im Sanskrit-Wort „Shram“ haben, was so viel bedeutet wie „Wärme entwickeln, Entsagung praktizieren“. In Indien wurden die ersten Yogis vor rund 2500 Jahren „Shramanas“ genannt. Sie waren wilde, freie Denker, sozusagen Anarchisten, die außerhalb der regulären Gesellschaftsordnung standen. Manche von ihnen waren auch als Berater der Könige tätig. Seit jeher lebten sie in der Natur und standen mit ihr in intuitiver Verbindung. Sie kannten alle Heilpflanzen und die Verwendung von Soma (Anm. d. Red.: Trinität aus Gottheit, Pflanze und Getränk; wichtiger Bestandteil der vedischen Rituale) hatte bestimmt auch einen Einfluss auf die Lehren und Praktiken des Yoga. Diese visionäre Medizin erleichterte die Kontaktaufnahme zur eigenen und zur Großen Seele. In diesem ursprünglichen Sinne war Yoga eine Übertragung aus der Natur auf den menschlichen Geist. Das Verständnis für die Notwendigkeit, Stille, Meditation und Kommunikation mit der eigenen Seele und dem Höheren zu schaffen, wurde über die Jahrtausende von vielen indigenen Völkern und Kulturen erforscht. Die alten Mayas etwa haben im reinsten Sinne Yoga praktiziert, auch wenn sie es nicht so nannten. Sie hatten eine Definition der Kundalini, die angeblich um die 100  000 Jahre alt ist. Sie nannten es ‚Kuthalini‘, aber es ist die gleiche Definition wie in der Welt des Yoga. Die Metapher ist „die schlafende Schlange an der Basis der Wirbelsäule, die erwacht, sobald wir unser volles Bewusstsein erlangen“. Das alles ist Yoga – und Schamanismus …

Und wie können wir uns dieses Wissen heute zunutze machen?
Je disziplinierter wir sind, je reiner wir essen, je einfacher wir leben, denken und handeln, desto mehr tragen wir zu der Fähigkeit bei, mit unserer eigenen Seele in Kontakt zu treten. Wir sind die Natur und wir alle haben eine „Seele der Natur“. Yoga ist eine Reise zurück zur Natur. Unsere natürliche Seele steht im Konflikt mit unserem rationalen Verstand, mit der modernen Welt, dem Lärm, den negativen Nachrichten, dem Medienüberfluss und all den chemischen Giften, denen wir uns tagtäglich aussetzen. Das ist die Quelle vieler Krankheiten und des unfassbaren Ungleichgewichts in unserer heutigen Welt.
Aufgrund der Umweltverschmutzung und durch unsere eigene Fahrlässigkeit haben heute alle bewussten Wesen die Verantwortung, an der Erhaltung und dem Naturschutz mitzuwirken. Am besten beginnt man bei sich selbst. Irgendwann weitet sich der Kreis auf Freunde und Familie aus und erstreckt sich von dort in unsere Gemeinden und am Ende hoffentlich auf die ganze Welt. Mich hat die Erfahrung, die ich in schamanischen Kreisen im brasilianischen Amazonas gemacht habe, sehr geprägt. Dort habe ich irgendwann angefangen, durch schamanische Trance-Zeremonien und das Studium der indigenen spirituellen Lehren die Ursprünge des Yoga zu verstehen. In einem der Bücher, die ich später las, waren Fotos des tibetischen „Schamanischen Yogis“ abgebildet – es ist also durchaus keine Idee, die von mir stammt. Yogis waren immer auch „Schamanen“, die im Kontakt mit der Natur lebten und ihr Wissen aus der Natur empfingen.
Viele Praktiken des Yoga, die jetzt so beliebt und in der ganzen Welt bekannt sind, haben ihren Ursprung in den Forschungen und Lehren des großen Weisen Krishna-macharya. Er studierte sieben Jahre lang zusammen mit seinem Lehrer in einer Höhle in Tibet. Er wurde in eine Familie von Yogis hineingeboren und widmete sein Leben der Weitergabe dieser Lehren. Er transportierte die schamanischen Praktiken direkt von seinem Lehrer hinaus in die Welt.

Wie unterrichtest du und was können die Schüler von dir lernen?
Ich unterrichte eine erweiterte Form der Praxis und des Pranayama aus dem Ashtanga Yoga. Außerdem erforsche ich die Verbindungen zwischen unterschiedlichsten Kulturen und den Lehren des Yoga. Meine Erkenntnisse möchte ich weitergeben, damit die Schüler lernen, wie sie sich durch ihre eigene Kraft heilen und weiter an sich arbeiten können. Für mich persönlich ist die Essenz des Yoga die Verantwortung für sich selbst. Sobald diese Methoden einmal von Grund auf gelernt und verinnerlicht sind, helfen sie dabei, die Unabhängigkeit, Freiheit und persönliche Entwicklung nachhaltig zu stärken. Sie unterstützen einen bei der Erkundung von allem, ohne dass dafür ein Guru, ein Priester oder ein Medium nötig ist. Und die Schüler lernen bei mir, mit Anmut zu altern. Eine regelmäßige Yogapraxis kann die Lebensenergie um Jahre verlängern. Ich halte Yoga für die Wissenschaft der Stärke, Flexibilität und Balance. Es ist die Wissenschaft des Heilens, Atmens, Meditierens, Glücks – und die Wissenschaft des Friedens. All diese Gedanken möchte ich in meinen Unterricht integrieren.

Was ist Weisheit für dich?
Vielleicht ist Weisheit die ständige Erweiterung des Bewusstseins durch Lebenserfahrung – Fähigkeiten wie Intuition, Wahrnehmung und Erkenntnis verfeinern sich. Vielleicht führt uns Weisheit zu einer nie endenden Suche nach Wissen und der Beherrschung des eigenen Lebens … Weisheit ist auch eine individuelle Auseinandersetzung mit alten und bewährten Ideen, die ihre Wurzeln in der mehrere Tausend Jahre alten Geschichte unserer Vorfahren und den von ihnen entdeckten Naturgesetzen haben.

Worum wird es in deinen Workshops auf den Munich Sessions gehen? (Anm. d. Red. Veranstaltung bereits vorbei)
Es wird eine offene Plattform für die Themen sein, die ich schon angesprochen habe. Wir werden über die Wurzeln des klassischen Yoga sprechen, das den Menschen geschenkt wurde, um uns dabei zu helfen, unser Potenzial so gut wie möglich auszuschöpfen. Ich möchte sanft und auf eine nicht dogmatische Art und Weise eine Einführung in das klassische Ashtanga Yoga geben. Meine Motivation ist es, Menschen zu helfen, einen persönlichen Weg in die meditative Praxis zu finden. Für mich sind alle Asanas und ihre Variationen als Vorschläge zu verstehen – und nicht als Dogma. So bleibt Raum für einen spielerischen Umgang in der regelmäßigen Praxis. Ich unterrichte die erste und zweite Serie des Ashtanga Yoga mit Abänderungen und Erweiterungen. Ich möchte die Menschen auch dazu ermutigen, Bio-Landwirtschaft und nachhaltige Energiesysteme in ihren Gemeinden zu unterstützen und ihre Stimme zu erheben, um positive Veränderungen herbeizuführen.