Dr. Ronald Steiner: Alignment Cues für Purvottanasana

In seiner Asana-Kolumne verrät der Arzt, Wissenschaftler und Sportmediziner Ronald Steiner seine wichtigsten Tipps für ein gutes Alignment in klassischen Yogahaltungen. Diesmal geht es um die „Haltung zur Dehnung der Körpervorderseite“: das nach oben zeigende Brett.

Text: Dr. Ronald Steiner / Fotos: Richard Pilnick

Wirkung von Purvottanasana

Diese Haltung kräftigt die Körperrückseite, vor allem den Bereich zwischen den Schulterblättern, die Gesäßmuskulatur und die Rückseiten der Oberschenkel. Gleichzeitig bietet sie Gelegenheit, Kraft in den Armen aufzubauen. In vielen Übungssystemen wird sie als Ausgleich zu Pashchimottanasama (Vorwärtsbeuge aus dem Langsitz) eingesetzt.

So geht’s

Ronald Steiner in Purvottanasana

Step 1: Am besten baust du die Haltung aus dem Sitzen auf: Beuge die Knie so deutlich, dass du die Fußsohlen vollständig am Boden aufstellen und verankern kannst. Platziere die Hände möglichst weit hinter dem Rücken, die Finger weisen schräg nach außen. Dabei beugst du die Ellenbogen so weit, dass die Oberarme fast horizontal stehen.

Step 2: Baue nun eine stabile Rückbeuge im Rumpf auf. Erst dann schiebst du dich von den fest verwurzelten Füßen aus mit der Kraft der Beine nach hinten. Dabei strecken sich die Arme und du kommst mit einer stabilen, kraftvollen Bogenspannung in der Haltung an.

Alignment Cues

Lange Arme: Schon während du noch auf dem Boden sitzt, schiebe die Schulterblätter bewusst in Richtung der Arme. Beuge die Ellenbogen dabei weit und nähere die Schulterblätter so weit wie möglich aneinander an.

Achselhöhlen nach oben: Spanne gleichzeitig die Schulterblätter in eine diagonale Außenrotation. Das gelingt mit der Vorstellung, die Achselhöhlen zur Seite oder nach oben weisen zu lassen.

Armbeuge nach innen: Sinn der oben beschriebenen Schulterblatt-Positionierung ist es, Bewegungsraum unter den Schulterblättern zu schaffen. Dies gelingt, indem du die Oberarme in Gegenrichtung zum Schulterblatt bewegst und so Spannung erzeugst. Lasse dazu beim Hineinschieben in die Haltung die Ellenbogen leicht gebeugt und verbinde das mit der Vorstellung, die Armbeugen leicht nach innen weisen zu lassen – also genau in Gegenrichtung der Achselhöhlen. Die Armbeugen sind eine Orientierung für die Stellung des Oberarmes, die Achselhöhlen für die Stellung des Schulterblattes.

Po weit, Füße fest: Es scheint auf den ersten Blick kontraproduktiv, die Beine in eine Innenrotationsspannung zu bringen, doch genau diese Spannung erzeugt Weite im Iliosakralgelenk. Belasse deshalb die Fußsohlen auf ihrer gesamten Fläche fest verwurzelt.

Herz und Becken auseinander: Dein Körper sollte Kraft nicht durch Druck übertragen, sondern durch Zugspannung. So entsteht Stabilität und gleichzeitig Weite zwischen den Bandscheiben. Das erreichst du, indem du an der Körpervorderseite zwischen Becken und Brustbein eine gegenläufige Spannungsrichtung aufbaust. Stelle dir hierzu vor, du wolltest das Becken weg vom Herzraum kippen und umgekehrt die Vorderseite des Herzraumes weg vom Becken.

Kreuzbein und Hinterkopf verlängern: Für eine wirklich dreidimensionale Stabilität brauchen wir neben der Spannung an der Vorderseite auch eine über die Rückseite des Körpers. Dafür lässt du in deiner Vorstellung Hinterkopf und Kreuzbein auseinander wachsen. Achte in diesem Zusammenhang aber darauf, weder die Spannung an der Körpervorderseite noch die Weite des Iliosakralgelenkes zu opfern.

Alternative Form von Purvottanasana

Ronald Steiner in Tisch Asana

Diese Variante übernimmt einen Großteil der Wirkungen und Charakteristiken, ermöglicht es dir aber, Schwierigkeiten zu vermeiden.

Um die Schulterblatt-Ausrichtung zu erleichtern, beginne mit noch stärker gebeugten Beinen und etwa hüftbreit gestellten Füßen.

Die Knie bleiben beim Anheben etwa rechtwinklig gebeugt. So ist der der Hebel fürs Körpergewicht kürzer und es fällt leichter, die Schulterblätter wie oben beschrieben gegen die Schwerkraft zu stemmen. Zugleich wird es leichter, Spannung zwischen Becken und Herzraum sowie zwischen Kreuzbein und Hinterkopf aufzubauen.

Das Absenken des Kopfes erzeugt eine Extension in der Halswirbelsäule. Dies ist bei einer gesunden Halswirbelsäule unproblematisch, doch viele Menschen leiden unter Vorschädigungen in diesem Bereich. Dann kann es helfen, das Kinn auf der Brust zu lassen.

Lies dazu auch: Entlastung der Halswirbelsäule – 4 stabilisierende Übungen von Dr. Ronald Steiner


DR. RONALD STEINER ist Arzt, Wissenschaftler und Sportmediziner sowie einer der bekanntesten Praktiker des Ashtanga Yoga. Mehr zu Ronald findest du auf ashtangayoga.info. Dort findest du unter anderem alle traditionellen Übungsserien des Ashtanga Yoga.

Auch im „YogaWorld Podcast“ war Dr. Ronald Steiner bereits mehrmals zu Gast. Wie z.B. in dem spannenden Zweiteiler über Yogatherapie:

Mythbuster: Gesunde Gelenke knacken nicht!?

Mythbuster Yoga Gelenke

Yogalehrerin Eva wagt den Blick hinter die perfekte Yogakulisse, wo neue Sichtweisen auch mal auf unbequeme Fragen und eine ordentliche Portion Humor treffen. Thema heute: Sollen Gelenke knacken oder nicht?

Es passiert eigentlich in fast jeder Yogastunde und ich kündige es sogar häufig an: „Jetzt könnten einige Gelenke knacken!“. Und tatsächlich enttäuschen meine Schüler*innen mich fast nie. Todsicher und sehr eindrucksvoll klappt es, wenn wir langsam in die Knie gehen: Die Geräusche können sehr laut sein und erinnern daran, wenn man Walnüsse mit einem Nussknacker öffnet. Je nach Größe, Position und Kongruenz des Gelenks variiert das Geräusch übrigens tatsächlich und die Bandbreite reicht vom herzhaften Knacken bis zum leisen, hellen Klicken. 

„Zu Hause“ in Ostfriesland ist es gang und gäbe, bei Blockaden direkt den „Knochenbrecher“ des Vertrauens aufzusuchen. Die Behandlung ist nichts für Zartbesaitete, aber die Mehrzahl meiner Bekannten schwört auf diese Art der Behandlung, bei der natürlich nicht wirklich Knochen gebrochen, wohl aber geräuschvoll und manchmal unter vollem Körpereinsatz wieder an die „richtige“ Stelle gebracht werden. Tamme Hanken († 2016) behandelte überwiegend Pferde und verhalf dem Berufszweig durch seine eigene TV-Show zu einem gewissen Bekanntheitsgrad. 


Lese-Tipp: „Die 5 Tore des Körpers“

Im YOGAWORLD JOURNAL 02/2024 zeigt dir Kunal Joseph in einer Praxisstrecke, wie du deine Gelenke effektiv auf die Praxis vorbereitest. So schützt du deinen Körper und hältst ihn gesund. Hier Heft bestellen:

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„Ist das normal?“

Die Begleitreaktionen von meinen Teilnehmer*innen beim Yoga sind überwiegend eher erschrocken bis besorgt („Ist das normal?“). Auch gibt es einige Yogalehrer*innen, die wenig positiv über die Geräusche in den Gelenken (gemeint sind im Folgenden freilich immer: Diarthrosen) sprechen und eher Angst verbreiten und diese Sorgen somit füttern. So wird einem unter Umständen gerne mal erzählt, dass man aktuell eine „Arthrose entwickelt“, es sich um „Alterungsprozesse“ handelt und man „bald ein künstliches Gelenk braucht!“. Ich habe es schon häufiger erlebt, dass dazu geraten wurde, entsprechende Bewegungen zu vermeiden. 

Lies auch: Kann man die Lehrerqualität am Insta-Profil erkennen?

Die Vakuum-Hypothese

Über die genaue Ursache der Geräusche gab und gibt es verschiedene Theorien. In den letzten Jahren hat sich die „Vakuum-Hypothese“ durchgesetzt, die besagt, dass es sich hierbei um das Zusammenfallen von Gasbläschen (CO2) in den Gelenkhöhlen handelt. Bei Frauen hört man die Gelenke übrigens durchschnittlich häufiger, was am weicheren Bindegewebe liegt. Kennt man die Theorie, ist es logisch: Je mobiler die Gelenke, je großzügiger der Gelenkspalt, desto häufiger kann es überhaupt zu Gaseinschlüssen kommen.

Neben dem klassischen Beispiel der Knie wird mir häufig von Geräuschen im Bereich der Hüfte berichtet. Nicht nur das Geräusch ist hierbei anders, sondern auch das Gefühl ist eher ein „Schnalzen“. Ist das der Fall, handelt es sich um eine Sehne, die sich über einen Knochenvorsprung an der Vorderseite des Beckens bewegt – oder man hört die Bewegung eines Bandes über dem Trochanter major. 

Ist Knacken ein Zeichen für Gesundheit?

Ich lade dich auf Basis dieser Theorie zum Weiterdenken ein und ich lese mich aktuell noch weiter in diese Thematik ein, jedoch ohne bisher auf die ultimative Quelle gestoßen zu sein. Aber es leuchtet ein, dass immer mehr Expert*innen die These vertreten, dass man genau andersherum denken muss: Es ist ein Merkmal gesunder Gelenke, überhaupt Geräusche produzieren zu können! Die Voraussetzung hierfür sind nämlich ein gesunder Gelenkspalt und gut geschmierte Gelenkpfannen. Wenn ein Knie arthritisch wird und an Beweglichkeit verliert, nimmt diese Art von Geräuschbildung tatsächlich ab.

Bei Schmerzen Ursache unbedingt abklären

Natürlich sollte man unter gewissen Umständen oder bei Zweifeln einen Arzt oder eine Ärztin konsultieren: Bei Begleitsymptomen wie Schmerzen, Schwellungen oder im Rahmen einer akuten Verletzung muss man sich unbedingt eine Expert*innenmeinung einholen. Auch kommt es immer auf den individuellen Bau des Skeletts, auf eventuelle Fehlstellungen und die Längenverhältnisse der Muskulatur an. In diesen Fällen ist das beruhigte Ignorieren von Knackgeräuschen keine Dauerlösung, insbesondere wenn es sich nicht nur einmalige Phänomene, sondern um einen sogenannten Krepitus handelt. Hier muss man unbedingt die Ursache abklären, um langfristige Binnenschädigungen im Gelenk auszuschließen. Dennoch ist mit dem Besuch beim Yoga der Anfang gemacht und idealerweise kann der*die Lehrer*in die Geräusche deuten und darauf eingehen.

Vorsicht mit falschen Suggestionen

Wenn ein*e Yogalehrer*in das Phänomen allerdings automatisch mit Degeneration und Funktionsstörungen in Verbindung bringt, dann ist das schlichtweg falsch. Viel zu häufig werden durch Worte und Reaktionen von Lehrenden Sorgen und Katastrophenszenarien in den Köpfen der Teilnehmenden angeregt. Wenn suggeriert wird, dass bestimmte Gelenkgeräusche und ergo bestimmte Bewegungen von Natur aus besorgniserregend sind, kann dieses Verhalten zur Verringerung des Bewegungsradius oder gar zur Vermeidung bestimmter Bewegungen führen, was seine eigenen, negativen Folgen hat. Und eigentlich sollte das genaue Gegenteil doch das erklärte Ziel deiner Lehrerin oder deines Lehrers sein.

Kein Grund zur Sorge

„Wo gehobelt wird, fallen Späne“, kann man zusammenfassend sagen. Denn so verhält es sich auch mit Gelenkgeräuschen, die in der Mehrzahl ein völlig normales, gutartiges Nebenprodukt von Bewegungen sind. Wenn die Geräusche schmerzfrei und asymptomatisch sind, besteht definitiv kein Grund zur Sorge und sie sind nicht unbedingt ein Zeichen für eine Funktionsstörung im Körper! Bisher konnte ich keine gesicherte Quelle finden, die Zusammenhänge zwischen Gelenkgeräuschen und Gelenkpathologien zeigte.

Lies auch: Dehnt Yoga die Beinrückseiten?


Yogacycle by eva Yoga Mythbuster


Unsere Mythbuster-Kolumnistin und Yogalehrerin Eva
 kommt ursprünglich aus dem Leistungssport. Aufgrund einer gesunden Neugier liebt sie es, sich mit anatomischen Fragen auseinanderzusetzen und so den eigenen Körper besser zu verstehen. Zusätzlich nutzt sie ihr Wissen, um die Yogawelt immer inklusiver zu machen. Mehr Infos auf Instagram: @yogacycle_by_eva. Porträtbild: Sonja Netzlaf www.sonjanetzlaf.com

Titelbild: Conscious Design via Unsplash

#95 Praxisreihe: Sound Meditation für das Sakralchakra – mit Lisa Schuster

Lass dich von den Kristallklangschalen auf eine magische Reise zu dir selbst begleiten

In dieser Folge der “YogaWorld Podcast”-Praxisreihe führt dich Lisa Schuster durch eine wohltuende Sound Meditation mit ihren AkashaBowls®. Die Töne dieser Kristallklangschalen bringen deinen Geist zur Ruhe, indem sie die Gehirnwellen hin zu Alpha- und Theta-Frequenzen harmonisieren. Diese zeigen an, dass sich der Körper in einem meditativen und entspannten Zustand befindet. Hier kann sich der Körper erholen und seine Selbstheilungskräfte aktivieren.

Diese Sound Meditation konzentriert sich auf das Sakralchakra im Bereich des unteren Beckens. Lisa verwendet dafür unter anderem zwei besonders große, tief klingende Klangschalen sowie eine AkashaBowl® in der Note D, die explizit auf das Sakralchakra wirken. Dieses Chakra wird im Sanskrit auch Svadhisthana Chakra genannt, was übersetzt “Wohnsitz des Selbst” bedeutet. In dieser Klangmeditation erforschst du also nicht nur das Zentrum deiner Kreativität und Sinnlichkeit, sondern begibst dich auch auf eine Reise zu dir selbst.

Lisa Schuster ist Ärztin, Klang- und Yogatherapeutin in München. Ihre Arbeit kombiniert verschiedene ganzheitliche Modalitäten mit dem Fokus auf Sound Medicine, um einen integrativen Ansatz zur Heilung zu bieten. Sie hat innovative Ansätze mit Kristallklangschalen und anderen hoch schwingenden Instrumenten entwickelt, die den Menschen helfen können, Gleichgewicht zu finden. Außerdem ist Lisa Gründerin und Leiterin des Sound Medicine Institute Germany, der Kristallschalenmarke AkashaBowls® und bietet weltweit Kurse, Workshops und Keynotes an.

Wir wünschen dir viel Freude bei dieser Praxis!

Sound Meditation Membership: https://soundbyalizz.com/de/mitgliedschaftsplattform-fr-klangmeditation

Sound Meditation für 0€: https://soundbyalizz.com/de/klangmeditation

Foto/Cover: Marion Vogel

Seelenruhe: Pratyahara – der Rückzug der Sinne

Überreizt, gestresst, unkonzentriert – so fühlt man sich im Alltag viel zu häufig. Seltsam eigentlich, dass wir Yogi*nis uns nicht viel bewusster einer alten Praxis zuwenden, die genau darauf eine Antwort kennt: Pratyahara, der Rückzug der Sinne.

Text: Jennifer Rodrigue / Fotos: RF._.studio _ via Pexels

Vor einiger Zeit rollte ein Mann im Yogastudio seine Matte neben mir aus, dem ich hier noch nie begegnet war. Wir übten Ashtanga im Mysore-Stil, das heißt, jeder arbeitet für sich alleine und auf seinem eigenen Niveau. Ich sah schnell, dass die Praxis meines Nachbarn sehr verschieden war von unserer. Die Haltungen, die er übte, waren fortgeschrittener, aber da war noch etwas anderes: eine Verbindung von Kraft, Gleichgewicht und Anmut, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Ich beobachtete, wie der Mann sich in einer komplizierten Asana bewegte, einer Rückbeuge aus dem Kopfstand, bei der sich der Körper mehrfach in beiden Richtungen um den Kopf dreht. Er schien vollkommen unbeeindruckt von der technischen Schwierigkeit der Übung. Nicht einen Moment lang waren in seinem Gesicht Anzeichen von Anstrengung oder Frust, Freude oder Befriedigung zu lesen. Er atmete tief und gleichmäßig, sein Blick war ruhig, seine Bewegungen schienen flüssig, leicht und lautlos. Er ging voll und ganz in seiner Praxis auf. Oder vielleicht sollte man eher sagen: Er ging in sich selbst auf.

Wenn sich die Sinne nach innen zurückziehen

Damals wusste ich es noch nicht, aber dieser Mann zeigte mir den Weg zu Pratyahara. In der Yogaphilosophie bezeichnet dieser Sanskrit-Begriff einen Zustand, in dem sich die Sinne nach innen zurückziehen und dort gehalten werden. Pratyahara ist das fünfte Glied im achtgliedrigen Pfad, den Patanjali in seinem Yoga Sutra beschreibt.

Das erste und zweite Glied, Yama (Beherrschung) und Niyama (Befolgung) beschreiben die ethischen Grundlagen der Praxis. Sie lehren Gewaltlosigkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Reinheit und anderes mehr. Das dritte Glied, Asana, ist die körperliche Praxis. Das vierte, Pranayama, sind die verschiedenen Atemtechniken, die auf natürliche Weise die Vorläufer des fünften, nämlich Pratyahara sind. Die nächsten beiden Glieder lehren uns Konzentration (Dharana) und Meditation (Dhyana) mit dem Ziel, sich schließlich einem Zustand des Eins-Seins oder der Verschmelzung (Samadhi) zu nähern.

Pratyahara bildet also eine Brücke zwischen den eher äußerlichen Aktivitäten der ersten vier Glieder und der vollkommen innerlichen Qualität der letzten drei. Trotzdem scheint es mir im modernen Yoga häufig so zu sein, dass Pratyahara übergangen wird.

Der Atem als Schlüssel

Das ist verwunderlich, denn Pratyahara kann eine entscheidende Rolle in der Entwicklung nicht nur der Yogapraxis sondern auch der des Bewusstseins spielen – und liefert dabei womöglich Antworten auf eine für viele Menschen drängende Frage: Wie finde ich inmitten von Hektik, Stress und Reizüberflutung zu mehr Ruhe, Gelassenheit und innerem Frieden? Die Bestandteile des achtgliedrigen Yogapfads sind nicht willkürlich aufgezählt, sondern sehr sinnvoll aufeinander aufgebaut: Um sich zum Beispiel wirklich konzentrieren zu können und einen Zustand meditativer Versenkung zu erreichen, muss man zunächst die Fähigkeit verbessern, seine Sinne in Schach zu halten – egal was um einen herum gerade geschieht.

Aber wie geht das? „Wenn ich meinem Geist befehle, sich nach innen zu richten, dann wird er wahrscheinlich genau das Gegenteil tun“, erklärt der renommierte amerikanische Yogalehrer Rod Stryker. „Pratyahara ist also keine bewusste Entscheidung. Wenn ich dagegen methodisch mit dem Atem arbeite, geschieht dieser Rückzug häufig ganz spontan.“ Mit anderen Worten: Um die Voraussetzungen für Pratyahara zu schaffen, übt man klassischerweise Pranayama.

Ein weiterer Weg, diesen Rückzug der Sinne herbeizuführen, besteht darin, die Sinnesorgane so tief zu entspannen, dass sie nicht mehr so stark auf äußere Reize reagieren. „Die fünf Sinne sind unsere Antennen zur äußeren Welt, der substanziellen Welt“, erläutert Stryker. „Pratyahara will dagegen die inneren Sinne erwecken.“ Es geht also weniger darum, die äußere Welt von sich zu weisen, als darum, eine innere Welt zu entdecken.

Den Körper einbeziehen

Auch Asanas eröffnen dir einen weiteren einfachen und dabei sehr konkreten Zugang zur Praxis von Pratyahara, bei der der Körper bewusst einbezogen wird. Wichtig sind dabei der Fokus und vor allem der Atem: Verlängere und verlangsame die Atmung sanft und bewusst in jeder Haltung. Gib dir genügend Raum, um voll und lang zu sein, indem du Kiefer, Kehle und Brust löst. Ein guter Anfang sind 7 bis 10 Atemzüge in den einzelnen Haltungen. Mit der Zeit steigere dich in Richtung 15 bis 25 Atemzüge. Nach jeder Haltung pausierst du in Balasana (Stellung des Kindes) und ziehst dich ganz bewusst in deine Innenwelt zurück.

Beobachte genau, wie du dich beim Einnehmen und Auflösen der einzelnen Haltungen fühlst. Versuche, dem Drang zu widerstehen, dich in der Haltung zu korrigieren und herumzuzappeln. Statt dessen wandere mit deiner Aufmerksamkeit durch den gesamten Körper, ohne dich allzu lange an einer bestimmten Stelle oder bei einer besonderen Empfindung aufzuhalten. Und immer wieder kehrst du zum Atem zurück.

Aktive vs. passive Haltungen

Ein weiteres Forschungsfeld ist die unterschiedliche Reaktion auf eher aktive und eher passive Haltungen. Wenn du zum Beispiel in Adho Mukha Shvanasana (herabschauender Hund) oder Ardha Chandrasana (Halbmond) gegen die Schwerkraft arbeiten musst, wirst du vielleicht so etwas wie ein Verhärten und Zupacken deiner Sinne wahrnehmen. Achte besonders auf Spannungen in Zunge und Kiefer, entlang der Kehle, in den Augen und rings um sie herum, in den Ohren, entlang der Nase und in den äußeren und inneren Schichten der Haut. Vergleiche diese Empfindungen dann mit dem Weichwerden und Loslassen in der Stellung des Kindes.

Versuche, auch in aktiven Haltungen die Sinnesorgane zu entspannen, indem du dir vorstellst, du könntest die Spannung von außen nach innen hin schmelzen lassen. Lenke deine Aufmerksamkeit während der gesamten Praxis immer wieder auf diese Regionen und erinnere dich daran, sie weich werden zu lassen. Mit etwas Übung wird es dann schon genügen, die Aufmerksamkeit zu Augen, Ohren, Nase, Haut und Zunge zu lenken, um eine unwillkürliche Bewegung nach innen und ein Gefühl des Lösens und Weichwerdens hervorzurufen – und das nicht nur auf der Yogamatte, sondern auch im Alltag.

Mit dieser einfachen Übungssequenz kannst du Pratyahara üben und dabei den Körper bewusst einbeziehen:


Autorin Jennifer Rodrigue ist Yogalehrerin in San Francisco und war bis 2023 Redaktionsleiterin bei der amerikanischen Ausgabe des Yoga Journals.


Mit dem Thema Beruhigung der Sinne hat sich auch Rina Deshpande beschäftigt. Lies hier, wie du dadurch der Reizüberflutung im Alltag entgegenwirken kannst:

Svenja Bade – Yoga Vidya

Eine echte Yoga-Institution: Yoga Vidya ist nicht nur ein Yoga-Seminarhaus, sondern internationaler Treffpunkt für Yogabegeisterte weltweit. Kurse mit namhaften Forscher*innen und erfahrenen Praktizierenden geben tiefe Einblicke in Vedanta und andere yogische Schriften auf akademischem Niveau und für alle zugänglich. Wir freuen uns, dass Yoga Vidya auf der YogaWorld in Stuttgart wieder mit zwei Workshops dabei ist.

Über Svenja Bade

Seit über vier Jahren ist Svenja Teil der Yoga Vidya Gemeinschaft – ein Ort des Lernens, Wachsens und ErINNERns. Mit Musik und Intuition begleitet sie ihre Teilnehmenden in (yogatherapeutischen) Yogastunden oder Workshops auf der Reise zu sich. Ihr Herzensanliegen ist es, einen sicheren Raum zu schaffen, in dem du dich frei fühlst und deine Masken fallen lassen und ganz du selbst sein kannst, dich erkunden kannst mit allem, was zu dir gehört.

Falls du mehr über Yoga Vidya und die Tradition von Swami Sivananda erfahren möchtest, besuche www.yoga-vidya.de oder @yogavidya_de

Mehr zu Svenja auf Insta @justaplantbasedgirl

Workshop: „Yogaflow ins Selbstvertrauen / in die Selbstliebe“

Ich lade dich ein, gemeinsam auf eine Reise zu gehen – eine Reise in dein Inneres. Zu deinem vollen Potenzial. Und damit meine ich nicht, die Version, die immer 100% gibt, sondern die Version, die voll und ganz an dich glaubt! Fließe in der Stunde durch deine Stärken und vielleicht begegnest du auch der ein oder anderen schweren Emotion. Alles darf sein!


Svenja Bade von Yoga Vidya auf der YogaWorld 2025 in Stuttgart:

Freitag, 25. April // 16:15 – 17:00 Uhr // Yogaflow ins Selbstvertrauen / in die Selbstliebe // Ganesha Yogaspace

Blindfold-Yoga: vertrauen, spüren, konzentrieren

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Beim Üben die Augen schließen, nach innen lauschen und dabei immer mehr in die Tiefe gehen – das kennst (und genießt) du sicher auch manchmal. Aber wie wäre es, mal eine ganze Sequenz zu üben, ohne dabei etwas zu sehen? Der Yogalehrer Marcel Clementi ist begeistert von Blindfold-Yoga. Hier zeigt er dir, wie das geht.

Text und Sequenz: Marcel Clementi, Fotos: Olivia Henningson

Diese einfache Sequenz für zuhause ist eine super Möglichkeit, sich mit Blindfold-Yoga vertraut zu machen, deine Sinne zu schärfen und nach innen zu lauschen.

Augen zu und los? Das solltest du vor der Blindfold-Yogapraxis beachten

  • Achte auf genügend Platz! Schiebe vorab alle Möbel zur Seite und checke, ob du Arme und Beine in alle Richtungen komplett ausstrecken kannst. So verhinderst du, dass du dich beim Üben stößt.
  • Wenn du gerne mit Musik übst, dann wähle für deine ersten Versuche lieber eine leisere, entspannte Musik, um dich nicht selbst in Unruhe zu bringen.
  • Sobald dir schwindelig wird oder du dich in irgendeiner Weise unwohl fühlst, nimm die Augenbinde ab und setze dich kurz auf. Du entscheidest selbst, wie lange deine Praxis dauert, setze dich also bitte nicht
    unter Druck.
  • Wenn sie sich ganz auf ihre eigenen Sinne verlassen, führen die meisten Yogis in meinen Blindfold-Stunden die Übungen sehr sicher und anatomisch richtig aus. Yoga-Neulingen, die die Übungen noch kaum kennen, würde ich aber eher empfehlen, die Augenbinde wegzulassen und in einzelnen Asanas die Augen zu schließen. Das ist auch eine gute Alternative, wenn du dich mit verbundenen Augen unwohl fühlst.
  • Und zuletzt: Mein Hund Akouna legt sich beim Üben immer gern auf meine Matte. Wenn ihr nicht beide einen Riesenschreck riskieren möchtet, dann mache die Türe lieber zu, damit sich dein Haustier nicht während der Praxis zu dir gesellt.

1. Meditation Pranayama

Yogalehrer Marcel Clementi teilt mit dir seine Blindfold-Yogapraxis
Yogalehrer Marcel Clementi teilt mit dir seine Blindfold-Yogapraxis

Wie in jeder Praxis ist es auch beim Blindfold-Yoga wichtig, sich etwas Zeit zu nehmen, um auf der Matte und im Üben anzukommen. Finde eine bequeme Sitzhaltung, lege die Augenbinde an und gewöhnen dich erst einmal an das Gefühl der Dunkelheit. Beobachte, welche Emotionen und Gedanken auftreten. Vielleicht spürst du Nervosität, Angst oder Orientierungslosigkeit. All das ist völlig normal. Richte deine Achtsamkeit auf deinen Atem. Atme gleichmäßig und tief und entspanne mit jeder Ausatmung deinen Körper. Spüre ausatmend den Boden unter dir. Nimm wahr, wie er dir Halt gibt. Einatmend spüre zu dem Raum hin, der dich umgibt und nimm wahr, wie du dich zu allen Seiten in ihn hinein ausdehnst. Bleibe bei dieser Atemmeditation – und allen weiteren Übungen – so lange du magst.

2. Katze-Kuh

Marcel Clementi Blindfold Yoga
Marcel Clementi Blindfold Yoga

Finde aus dem Sitzen langsam in den Vierfüßlerstand. Deine Finger sind gespreizt, deine Handgelenke, Ellenbogen und Schultern bilden eine senkrechte Linie. Das siehst du natürlich nicht, aber du kannst es spüren, wenn das Gewicht mittig auf die Handgelenke kommt. Beginne nun langsam im Rhythmus deines Atems die Wirbelsäule zu bewegen. Mit jeder Einatmung kippst du dein Becken in ein Hohlkreuz, hebst die Brust und den Kopf, mit jeder Ausatmung rundest die Wirbelsäule in einen Katzenbuckel und ziehst das Kinn zur Brust. Führe diese Bewegungen langsam und kontrolliert aus. Wenn du magst, füge nach einer Weile weitere Bewegungen hinzu: Mobilisiere zum Beispiel deine Handgelenke, lasse die Hüften kreisen oder drehe den Kopf. Erlaube dir zu tun, was auch immer sich gut anfühlt. Es ist egal, wie es aussieht. Es ist deine Praxis.

3. Balance im Vierfüßler

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Um ein erstes Gefühl für die Balance mit verschlossenen Augen zu bekommen, hebe im Vierfüßler einfach mal ein Bein. Versuche zu spüren, wie hoch du es bringen musst, damit das Bein genau hüfthoch, also in Verlängerung des Rückens ausgestreckt ist. Dann schiebe die Ferse fest nach hinten und aktiviere bewusst den Po. Als nächstes hebe den gegengesetzten Arm und strecke ihn auf Schulterhöhe nach vorne. Stelle dir vor, du würdest nach vorne und hinten in die Länge wachsen. Dabei halte die Beckenknochen auf gleicher Höhe, also parallel zur Matte. Spüre auch hier deinen Atem. Wenn es genug ist, senke Arm und Bein und spüre ein paar Atemzüge lang deine Mittelachse, bevor du die zweite Seite übst.

4. Kobra und heraufschauender Hund

Vom Vierfüßler aus finde langsam die Bauchlage. Wenn du magst, flechte dabei ein Chaturanga ein. Setze die Hände seitlich in Höhe der Brust auf und schiebe die Fußoberseiten fest in die Matte. Dabei aktiviere die Oberschenkelrückseiten und halte den unteren Rücken in einer neutralen Position. (Versuche, den Po möglichst locker zu lassen, dabei kommt oft ungute Spannung in den unteren Rücken.)

Mit der nächsten Einatmung hebe Kopf und Brust, ohne sich dabei mit den Armen zu stützen. Spüre, wie die ganze Kraft aus dem unteren Rücken kommt.

Wenn du dich bereit fühlst und deine Rückenmuskulatur aufgewärmt ist, kannst du von dieser der sanften Kobra-Variante in einen heraufschauenden Hund wechseln. Dazu drücke dich kraftvoll mit den Armen ab, löse die Knie vom Boden und hebe das Herz.

5. Herabschauender Hund

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Entweder, du entspannst kurz in der Stellung des Kindes, oder du schiebst dich direkt aus der Kobra beziehungsweise dem heraufschauenden Hund in den herabschauenden Hund. Dazu schiebe die gespreizten Hände fest gegen die Matte, hebe die Schultern und ziehe die Wirbelsäule lang. Die Knie dürfen gebeugt bleiben, nur wenn die Fersen mühelos den Boden berühren, strecke die Beine. Diese Haltung dient in deiner Praxis mit Augenbinde als sicherer Hafen. Hierher kannst du zurückkehren, wenn du dich verloren fühlst. Taste einfach mit Händen und Füßen nach dem Mattenrand und finde so zurück in die Mitte – nicht nur auf der Matte.

6. Ausfallschritt

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Mit der nächsten Einatmung hebe aus dem Hund ein Bein, mit der Ausatmung ziehe es nach vorn und platziere den Fuß so langsam und kontrolliert wie möglich zwischen deinen Händen. Lege das hintere Knie und den Fußrücken am Boden ab. Versuche in
diesem tiefen Ausfallschritt, den Oberschenkelknochen des vorderen Beins gerade nach vorne und das Knie senkrecht über dem Fußgelenk auszurichten. Keine Angst – mit etwas Achtsamkeit und Übung kannst du gut spüren, ob alles stimmt. Aus dieser Ausgangsposition kannst du nun die verschiedenen Variationen ausprobieren: Lasse das Becken sinken, um die Leisten zu dehnen. Dann schiebe den vorderen Fuß und das hintere Schienbein fest gegen die Matte und strecke Oberkörper und Arme lang nach oben. Du wirst merken: Durch die verbundenen Augen wird das zur Balance-Übung. Wenn du magst und dich sicher fühlst, stellst du irgendwann die Zehen des hinteren Fußes auf und versuchst dich am hohen Ausfallschritt.

7. Krieger III

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Stelle im tiefen Ausfallschritt die Zehen des hinteren Fußes auf und wandere mit den Händen nach vorn. Dann versuche, das hintere Bein von der Matte zu lösen und etwas anzuheben. Aus 5 Zentimeter wird irgendwann ein halber Meter, vielleicht bringst du das Bein bis auf Hüfthöhe (es darf auch gerne ein stehender Spagat sein). Verwurzele das vordere Bein gut am Boden und verbinde dich kraftvoll mit deiner Körpermitte, wenn du nun vorsichtig versuchst, deine Hände von der Matte zu lösen. Komme dazu zuerst auf die Fingerspitzen oder stütze dich auf zwei Blocks. Wackeln ist völlig okay! Schärfe deine Konzentration und dein Feingefühl immer weiter. Irgendwann wirst du auch mit verbundenen Augen die Balance im Krieger 3 halten können. Anschließend kehre in Zeitlupe zurück in den tiefen Ausfallschritt und von dort in den Hund, um schließlich das andere Bein nach vorne zu ziehen und die Abfolge Ausfallschritt-Krieger noch einmal seitenverkehrt zu üben.

Wenn du magst, schalte statt dessen ein ganzes Vinyasa mit Brett und Chaturanga dazwischen. Wenn du eine Pause brauchst, nimm kurz die Augenbinde ab, trinke vielleicht einen Schluck Wasser – und weiter geht’s!

8. Zwei extra Übungen für die Balance

Hast du Spaß an den „blinden“ Gleichgewichtsübungen bekommen? Dann kannst du die Sequenz an dieser Stelle noch durch eine oder zwei Herausforderungen ergänzen:

Baum

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Vielleicht hast du schon einmal versucht, im Baum die Augen zu schließen und weißt, wie schwierig das ohne Drishti (Blick) sein kann. Wenn du mit der Augenbinde übst, beginne damit, erst mal nur einen Fuß anzustellen. Erst wenn du dich hier sicher fühlst, versuche, den Fuß nach und nach höher ans Standbein zu legen. Mein Tipp: Lenke die Konzentration auf deine Standfläche: die Fußsohle. Wenn du merkst, du kippst nach vorne, drücke die Zehen fester gegen die Matte. Wenn du das Gefühl bekommst, nach hinten zu kippen, verstärke den Druck auf die Fersen. So kannst du dich gut ausbalancieren.

Krähe

Marcel Clementi Blindfold Yoga

So richtig kniffelig wird die Balance in den armgestützten Gleichgewichtshaltungen. Denke bitte nicht jetzt schon: „Das kann ich nicht!“ Viel zu oft höre ich diesen Satz in meinen Workshops. Du kannst viel mehr, als du glaubst! Schließlich erinnert sich dein Körper an Haltungen, die er schon viele Male ausgeführt hat. Vertraue ihm. Statik und Mechanik sind kein bisschen anders, nur weil die Augen zu sind! Mein Tipp: Taste dich langsam an die Krähe heran. Spüre den Halt von Händen, Armen und Rumpf, wenn du allmählich dein Gewicht weiter nach vorn verlagerst. Dann hebe zuerst einen Fuß ein paar Zentimeter von der Matte und dann den anderen. Du wirst sehen: Mit jeder Wiederholung klappt es besser!

Asana-Tipp: Die verspielte Variation der Krähe

9. Abschluss

Marcel Clementi Blindfold Yoga

Beende deine Praxis in einer entspannten Sitzposition deiner Wahl. Nimm dir noch etwas Zeit, um die neuen Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten. Beobachte, was sich in deinem Körper, deiner Atmung und deinem Geist verändert hat. Spüre, welche Auswirkungen die Augenbinde auf deine Praxis hatte, auf deine Balance und auf deine Sinne. Anschließend nimm die Augenbinde langsam ab und gewöhne deine Augen behutsam wieder an das Licht. Vergiss nicht, dankbar zu sein – dankbar nicht nur für diese Praxis, mit der du dich selbst beschenkt hast, sondern auch dafür, dass du dich so einfach entscheiden kannst, die Welt nun wieder mit eigenen Augen zu sehen. Nicht alle Menschen können das.


Marcel Clementi Blindfold Yoga

Marcel Clementi lebt und unterrichtet in Innsbruck, ist aber auch auf Festivals und Workshops in vielen anderen Städten zu Gast. Vielleicht ist er auch einmal in deiner Nähe – oder du triffst ihn zu einem Online-Seminar. Termine und Infos findest du auf marcelclementiyoga.com, auf Instagram und Youtube.

#94 Die Macht der Intuition: Vertraue deiner inneren Stimme – mit Tobias Frank

Wie du durch intuitive Entscheidungskraft zu einem erfüllten Leben findest

In der Welt der Persönlichkeitsentwicklung und spirituellen Entwicklung ist der Satz „Vertraue auf deine Intuition“ allgegenwärtig. Doch was bedeutet Intuition genau und wie kann man lernen, ihr zu vertrauen? In dieser Folge des „YogaWorld Podcasts“ erforscht Gastgeberin Susanne Mors gemeinsam mit Seminarleiter und Buchautor Tobias Frank diese Fragen.

Tobias teilt seine Definition von Intuition, erklärt, wie und wo im Körper man sie spüren kann, und beschreibt, wie sie ihn durch seinen Alltag begleitet. Er betont die Bedeutung des Vertrauens in die Intuition, besonders in geschützten Räumen wie dem Yogaraum, und erörtert, warum so viele Menschen dazu neigen, ihrer inneren Stimme zu misstrauen.

Das Gespräch enthüllt faszinierende Zusammenhänge zwischen Mut und Intuition sowie Berührung und Intuition. Tobias bietet wertvolle Informationen und Tipps, um die Beziehung zur inneren Stimme zu stärken und erklärt, welche Rolle Yoga dabei spielt. Dabei spricht er auch ehrlich über Lücken in vielen Yogalehrer-Ausbildungen aus seiner Sicht.

Was ist Aerial Yoga?

Aerial Yoga

Yoga im Tuch erobert die Yogiherzen: Doch was ist Aerial Yoga eigentlich? Dabei handelt es sich um eine Asana-Praxis, die dich buchstäblich abheben lässt. Mit, am und im Yogatuch eröffnen sich neue Wege für das eigene Üben. Körper und Geist werden durch das Gefühl der Schwerelosigkeit immer wieder anders erlebt…

Text: Peter Schlösser, Titelbild: Vuk Saric via Canva

Tipp: Aerial Yoga auf der YogaWorld in Stuttgart erleben

Vom 5. bis 7. April 2024 kommen wir mit unserer 2-in-1-Messe YogaWorld und VeganWorld wieder nach Stuttgart. Und auch in diesem Jahr wird es wieder einen Aerial-Yoga-Bereich geben. Das Team vom Aerial Loft in Ludwigsburg bietet dort mehrmals täglich fünf unterschiedliche Workshop-Arten an:

  • Aerial Yoga (high flying)
  • Aerial Yoga (low flying)
  • Aerial Yoga & Akrobatik für Kids (Alter 6-13)
  • Aerial Sling
  • Aerial Yin Yoga

Egal, ob du noch nie Aerial Yoga ausprobiert hast oder ob du schon fortgeschritten bist, hier ist sicherlich auch für dich ein passender Workshop dabei. Auch Kinder von 6-13 Jahren dürfen hier in die Welt des Aerial Yoga eintauchen und zum Flug abheben.

WICHTIG: Für die Aerial Yoga Workshops benötigst du ein extra Ticket zusätzlich zu deinem Messe-Ticket!

Die Aerial Yoga Story

Aerial Yoga wurde von Christopher Harrison, einem amerikanischen Tänzer, Akrobaten und Yogi, begründet. Zunächst war sein Übungsprogramm nur für Athlet*innen gedacht. Nach und nach entwickelte Harrison mit seinem Aerial-Yogatuch dann einen neuen, massentauglichen Yogastil, bei dem sowohl herkömmliche als auch neue Haltungen am und im Tuch ausgeführt werden. Harrison ließ sich diese neue Yogaform 2007 als Antigravity® Aerial Yoga patentieren und begann, das „schwerelose“ Yoga an Yogastudios weltweit zu vermarkten. Das Konzept überzeugte und avancierte zu mehr als nur einem schnelllebigen amerikanischen Trend. Daher war es lediglich eine Frage der Zeit, bis diese neue Yogaform von Yogi*nis mit Pioniergeist in Europa entdeckt und adaptiert wurde. Die Offenheit für neue Übungswege, die Bereitschaft, bekannte Yogapfade zu verlassen und die natürliche Neugier der Yogis ermöglichten auch hierzulande das Entstehen einer Aerial Yoga Community.

Aerial Yoga
Foto: Vuk Saric via Canva

Schwerelosigkeit erfahren

Der menschliche Traum von Fliegen – ist es das, was Yogi*nis an Aerial Yoga reizt? Den festen Boden verlassen, neue Wege gehen, aufsteigen, abheben, Grenzen ausloten … Bestimmt! Gleichzeitig sind Yogi*nis immer auf der Suche nach etwas, das erdet, schützt und trägt, das ein Gefühl von Stabilität, Sicherheit und Vertrauen vermittelt – ganz egal ob im Alltag oder auf der Matte. Vielleicht ist es genau diese Balance zwischen Loslassen und Getragen-Werden, zwischen aufsteigender Leichtigkeit und stabilem Halt, die wir anstreben und in unser Innerstes übernehmen möchten. Und vielleicht ist es diese Balance, die auf magische Weise wie von selbst beim Aerial Yoga entstehen kann.

Aerial Yoga: Grenzen überschreiten

Man könnte wohl sagen, dass es beim Aerial Yoga unter anderem darum geht, Grenzen zu überschreiten, sich „zu trauen“ – um zu vertrauen. Hält mich das Tuch wirklich? Kann ich mein Gewicht einfach so an diesen (noch) fremden Helfer abgeben? Traue ich mir das zu? Vertraue ich meinem Lehrer oder meiner Lehrerin? Es sind die vielen kleinen, aber ganz neuen und ungewohnten Schritte, die man für sich selbst während einer Stunde Aerial-Yoga geht. Dem einen reicht es vielleicht schon, sich dem sanften Schaukeln des Tuches hinzugeben, wenn man wie in einen Kokon eingebettet im Schneidersitz im Tuch ankommt. Für eine andere ist es das atemberaubende Gefühl, kopfüber zu hängen – die Beine fest vom Tuch umschlungen – und alles einmal loslassen zu können.

Ein Yogastil – verschiedene Namen

Was in diesem Artikel zusammenfassend als Aerial Yoga bezeichnet wird, hat derzeit tatsächlich unterschiedliche Namen, etwa Anti-Gravity Yoga, Free Floating Yoga, Flying Yoga oder Gravity Yoga. Geübt wird dabei in Hammocks, Swings, Slings oder schlicht Tüchern. Obwohl es verwirrend viele Namen, unterschiedliches Equipment und verschiedene Vorgehensweisen gibt, ist die Basis bei allen Formen des Schwebenden, vom Tuch getragenen Yoga, gleich: Immer wird der Mattenboden verlassen und der Körper – im günstigsten Fall auch der Geist – gibt sich der Schwerelosigkeit eines Tuches hin. Aerial Yoga ist eine innovative Körperarbeit, bei der das Tuch als geniales Werkzeug eingesetzt wird, um sich getragen zu fühlen und dabei kreativ zu werden.

Aerial Yoga kann jede*r lernen

Eine genaue Abgrenzung zwischen den einzelnen Varianten des Stils gibt es nicht. Selbst eine grobe Klassifizierung ist so gut wie unmöglich, da Yoga im Tuch eine dynamisch-variable Yogapraxis ist, die sich auch von Lehrer*in zu Lehrer*in unterscheidet. Zumindest zum derzeitigen Zeitpunkt ist es wohl wenig sinnvoll, diesen Stil in eine bestimmte Schublade zu stecken. Wer zum ersten Mal mit Aerial Yoga konfrontiert wird, fragt sich vielleicht: Kann ich das? Bin ich gelenkig genug? Habe ich die nötige Kraft? Ähnlich wie bei anderen Yogastilen sind solche Zweifel unbegründet. Beinahe jede*r, vorausgesetzt, er oder sie ist körperlich gesund, kann in die Aerial-Praxis einsteigen. Allerdings sollten Anfänger*innen darauf achten, die Grundtechniken bei einem*einer erfahrenen und gut ausgebildeten Aerial-Yogalehrer*in zu erlernen. Wer noch nie in einer Aerial-Stunde war, sollte zunächst einen speziellen Einsteiger-Workshop besuchen.

Aerial Yoga
Foto: Vuk Saric via Canva

Stufen der Praxis

Gerade beim Aerial Yoga gilt: Die Praxis richtet sich danach, wo der oder die Einzelne steht. Aerial Yoga kann und soll an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden. Während man bei anderen Stilen zwar die jeweiligen Asanas auf der Matte variieren kann, ermöglicht das Tuch Entfaltungsmöglichkeiten auf mehreren Ebenen. So kann man beispielsweise ruhig, sanft und achtsam in Bodennähe, mit dem Tuch in kniehoher Einstellung, üben. Dabei geht es einzig darum, das Gewicht abzugeben, das Tuch als Helfer für sanfte Dehnungen und loslassen einzusetzen, um bei sich selbst anzukommen.

Auf der anderen Seite bietet das Yogatuch, hüfthoch eingestellt, die Möglichkeit, akrobatischere Haltungen auszuprobieren und in die Welt von Flips und Co. einzutauchen, fast um sich ein wenig wie ein Artist des Cirque du Soleil zu fühlen. Doch selbst als reines Yogahilfsmittel zur Unterstützung bei der gewohnten Praxis entpuppt sich das Tuch als wahrer Allrounder: egal, ob bei intensiven Dehnungen oder kraftvollen Haltungen, ob bei Baddha Konasana oder den Varianten von Virabhadrasana – das geschickt positionierte Tuch unterstützt genau dort, wo wir mehr Halt brauchen.

Schwereloser Körper – leichter Geist

Je nach Schwerpunkt einer Aerial-Klasse kann die Praxis völlig unterschiedliche Wirkungen auf Körper und Geist haben. Je nachdem, wie man das Tuch einsetzt, kann man die Haltungen in neuen Variationen üben. Es kann beispielsweise als Support für ein tieferes Eintauchen in eine Dehnung dienen. Es kann ähnlich einer festen Stange eingesetzt werden, um gezielt verschiedene Muskelgruppen zu kräftigen. Sogar ein effektives Bizepstraining, das bei der Asanapraxis auf der Matte kaum zum yogischen Repertoire gehört, ist beim Aerial Yoga möglich.

Umkehrhaltungen im Tuch kinderleicht

Eine effektive Wirkung entsteht beim Aerial Yoga auch durch das beinahe kinderleichte Einnehmen verschiedener Umkehrhaltungen wie Kopf-, Hand- und Schulterstand. Das freie Kopfüberhängen fasziniert besonders Einsteiger*innen. Während wir als Yogi*nis auf der Matte oft Monate oder Jahre darauf hinarbeiten, Körper und Geist so vorzubereiten, dass wir frei und selbstständig in diese Inversions kommen können, bietet das Tuch hier interessante Unterstützung – sowohl für die Muskulatur als auch für „den Kopf“. Das erleichtert es, sich Schritt für Schritt spielerisch an die Umkehrhaltungen zu gewöhnen. Genialer Bonus: Der Kopf hängt frei nach unten, das heißt, es entstehen keine Kompressionen auf die Wirbelsäule, keine Fehlbelastungen für Nacken, Kopf und Schultern.

Aerial Yoga kopfüber
Foto: Vuk Saric via Canva

Neben der Kräftigung und Dehnung des gesamten Körpers bietet Aerial Yoga einen weiteren Vorteil: Es kann wie ein intensives Faszien-Training wirken. Im Aerial-Yogaunterricht kann das Tuch bewusst so eingesetzt werden, dass ganze Muskelketten in eine dynamische Dehnung miteinbezogen werden.

Aerial Yoga Tipps für Einsteiger*innen

Gerade als Einsteiger*in ist es wichtig, die Grundtechniken von einem*einer professionellen Aerial-Yogalehrer*in zu lernen, um Schritt für Schritt in die Grundbegriffe und Haltungen eingeführt zu werden.

Das brauchst du für Aerial Yoga

Das Aerial-Yogatuch besteht aus einem speziellen Nylonfasergemisch, das nur in eine Richtung dehnbar ist. Das Tuch kann mittels verschiedener Aufhängetechniken direkt an der Decke installiert werden, so dass das fließende Material frei in den Raum hinabfällt. Das Aerial-Yogatuch-Set besteht aus mehreren Teilen, die in ihrem Zusammenspiel schwereloses Üben möglich machen. Auf dem Markt haben sich verschiedene Installationssysteme bzw. -techniken etabliert, sodass die Aufhängung von Übungsraum zu Übungsraum variieren kann. An erster Stelle sollte dabei immer die Sicherheit stehen, das heißt, das System sollte optimal an die individuellen Raum- und Übungsmodalitäten angepasst sein.

Gerade Deckenhöhe und -beschaffenheit sind Kriterien, an denen sich die Wahl der Aufhängung orientieren muss. In der Regel besteht ein Aerial-Set aus einem Aerial-Yogatuch (auch bekannt als Hammock oder Sling), zwei O-Slings, zwei Karabinerhaken, zwei Daisy-Chains und zwei Deckenbefestigungen. Erst durch die Daisy-Chains werden verschiedene Einstellhöhen möglich. Die Preise für Aerial-Tücher und Komplett-Sets variieren je nach Anbieter und Technik der Aufhängung.


Der Autor Peter Schlösser ist Gesundheitsmanager, Diplomingenieur, Yoga-, Aerial Yoga- und Pilateslehrer. Zusammen mit Wolfgang Mießner verfasste er das Buch „Aerial Yoga. Schwerelos glücklich. Grundlagen und Übungen für Einsteiger“ (aktualisierte Neuauflage 2024, Scorpio Verlag). Co-Autorin Judith Schöffel ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Yogalehrerin und Aerial-Yogalehrerin.