Aus yogischer Sicht: Was ist überhaupt Energie?

Dass hinter dem Thema Energie sehr viel mehr steckt als Strom aus der Steckdose und Atomausstieg, erleben wir Tag für Tag: Wenn die Sonne aufgeht und auf einmal Licht und Wärme sind, wo vorher Dunkelheit war. Wenn das Wasser aus der Dusche kräftig auf die Haut prasselt. Wenn im Yoga die Bewegungen mit einem Mal mühelos und leicht fließen. Aber auch wenn wir in ein „Energieloch“ fallen. Sogar in „zündenden“ Ideen steckt Energie. Genau wie in Musik, in Stimmungen und Beziehungen, wo wir in Resonanz stehen mit dem, was uns umgibt. Wir erklären, was es aus yogischer Sicht damit auf sich hat.

Es stimmt, was Albert Einstein sagt: „Alles ist Energie.“ Yogis erkannten das schon vor vielen Tausend Jahren. Ihr Konzept vom feinstofflichen Körper, von der Lebensenergie Prana und der Urkraft Shakti ist die Basis, auf der unsere Praxis gründet. Während die westlichen Naturwissenschaften erst allmählich begreifen, dass selbst die solideste Materie im Innersten aus schwingenden Energieteilchen besteht, haben Inder und Chinesen Krankheiten schon vor Jahrtausenden als Störungen im Energiefluss begriffen. Energien auch in ihren subtilen Formen wahrzunehmen, ist ein wichtiges Ziel im Yoga. Sie zu lenken und spirituell zu nutzen – vor allem indem wir hinter der Vielfalt an energetischen Erscheinungen ihre innere Verbundenheit erkennen – das macht Yoga wirklich aus.

Inneres Wirken

Das Wort Energie“setzt sich zusammen aus dem altgriechischen „en“ (innen) und „ergon“ (wirken). In der Antike wurde der Begriff rein philosophisch als eine „lebendige Wirksamkeit“ verstanden. Erst im 19. Jahrhundert fand er Einzug in die Physik. Stark vereinfacht gesagt definiert man Energie dort als ein Maß für die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten.

Feinstofflichkeit

Aus yogischer Sicht besteht der Mensch aus fünf Hüllen, den Koshas. Während Anna­maya Kosha den physischen Körper bezeichnet, stellt Pranamaya Kosha den feinstofflichen Energiekörper dar. Die noch subtileren Hüllen sind Manomaya Kosha (Gedanken und Gefühle), Vijnanamaya Kosha (höhere Intelligenz und Weisheit) und Anandamaya Kosha (Glückseligkeit). Gemeinsam umschließen sie Purusha, das innere Licht, den göttlichen Funken. Die Verbindung dieser Hüllen beruht auf →Prana.

Lebenskraft

Medizinisch und psychologisch gesehen beschreibt der Begriff Energie sowohl das körperliche Arbeitsvermögen als auch den inneren Antrieb eines Menschen, seine Handlungs- und Leistungskraft. Ohne Energie ist kein Organismus lebensfähig, wir brauchen sie unter anderem für Wachstum, Bewegung, Nerven- und Gehirntätigkeit. Wir gewinnen Energie dadurch, dass wir im Stoffwechsel Nahrung umwandeln (Energieumsatz).

Prana

Der Sanskrit-Begriff Prana bezeichnet sowohl den konkreten Atem als auch den metaphysischen Lebenshauch, der ein totes Objekt von wachsender und vergehender Materie unterscheidet. Diese Lebensenergie fließt im Körper nach yogischer Vorstellung durch ein feines Netz an Kanälen (Nadis), sie verdichtet sich in wirbelförmigen Knotenpunkten (Chakras) und wirkt in verschiedenen „Winden“ oder Energiearten (Vayus). Gemeinsam bilden diese Elemente den Energiekörper (→ Feinstofflichkeit).

Unendlichkeit

Naturwissenschaftler definieren Energie als physikalische Größe und messen sie in Joule. Dabei unterscheidet man zwischen verschiedenen Energieformen – etwa elektrischer, chemischer, thermischer oder kinetischer (sich in Bewegung ausdrückender) Energie. Nach dem Energieerhaltungssatz geht Energie in geschlossenen Systemen weder verloren, noch kann sie erzeugt werden, sie verändert nur ihre Form – und ist somit unendlich.

Bewegung

Zum Wesen der Energie gehört es, dass sie nicht nur der Antrieb von Bewegung ist, sie ist auch selbst ständig in Bewegung: Sie fließt zwischen Polen (Plus und Minus, Atemfülle und Atemleere, Yin und Yang, Ha und Tha), sie schwingt und strahlt in verschiedensten Frequenzen – eine unaufhörliche, vielgestaltige Vibra­tion, die den gesamten Kosmos erfüllt und zum Klingen bringt, von der Ebene der Galaxien bis hin zu der von Atomen und Elementarteilchen.

Licht

Neben → Bewegung sind Licht und Wärme sicher die für den Menschen bedeutsamsten Formen von Energie, sie sind uns viel mehr als nur elektromagnetische Wellen oder Energiequanten. Die Sonne galt seit Anbeginn menschlicher Kultur als Leben spendende Kraft, ihre Energie verehren wir Yogis mit Surya Namaskar, dem Sonnengruß. Auch spirituell beschreiben wir Energie als „inneres Licht“ und sprechen von „Erleuchtung“.

Shakti

Wörtlich bedeutet Shakti Kraft oder Energie. In der indischen Mythologie ist sie der weibliche Gegenpart zum männlichen Gott Shiva. Sie gilt als die Urkraft des Universums und als Inbegriff der schöpferischen Dynamik, die alle Erscheinungen hervorbringt. Nach tantrischer Lehre ruht am unteren Ende der Wirbelsäule Kundalini, eine schlangenförmigen Energie, die durch verschiedene Praktiken geweckt und zum Aufsteigen gebracht werden soll.

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